Grelles Licht für darke Leute - Mariana Enriquez - E-Book

Grelles Licht für darke Leute E-Book

Mariana Enríquez

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Beschreibung

Die aufregendste Autorin des literarischen Horror  International ist Mariana Enriquez ein Star, zu ihren Fans zählen Patti Smith, Virginie Despentes und Joy Williams. Mutig, dunkel, politisch: ihr Genre ist der literarische Horror. In ihrem bereits hymnisch gefeierten Erzählband »Grelles Licht für darke Leute« schreibt Enriquez über die Frauen von Buenos Aires. Ein Gesicht verwest bei lebendigem Leibe. Tote verfolgen ihre Nachbar*innen. Frauen werden zu Vögeln. Es geht um den Horror des Alltags, die Gewalt, der Frauen und queere Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Und um die Kraft der Vorstellung, die sich widersetzen kann. Und sei es durch Erkundung der Finsternis. »Eine begnadete Schriftstellerin.« Patti Smith »Die aufregendste Autorin unserer Zeit: phantastisch, schrecklich, seltsam, großartig.« Virginie Despentes

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Mariana Enriquez

Grelles Licht für darke Leute

Stories

 

Aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann und Inka Marter

 

Über dieses Buch

 

 

International ist Mariana Enriquez ein Star. Mutig, dunkel, politisch: Ihr Genre ist der literarische Horror. In diesem bereits hymnisch gefeierten Erzählband schreibt sie über die Frauen von Buenos Aires. Ein Gesicht verwest bei lebendigem Leibe. Tote verfolgen ihre Nachbar*innen. Frauen werden zu Vögeln. Es geht um den Horror des Alltags, die Gewalt, der Frauen und queere Menschen tagtäglich ausgesetzt sind. Und um die Kraft der Vorstellung, die sich widersetzen kann. Und sei es durch Erkundung der Finsternis.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Mariana Enriquez, geboren 1973 in Buenos Aires, wird gefeiert als die Königin des Horrors. 2021 stand sie auf der Shortlist des International Booker Prize, 2019 erhielt sie den Premio Herralde de Novela, den wichtigsten Preis für spanischsprachige Literatur. 

 

Silke Kleemann, geboren 1976 in Köln, studierte Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim und Córdoba (Argentinien). Inzwischen lebt sie als Autorin und freiberufliche Übersetzerin spanischsprachiger Literatur in München.

 

Inka Marter hat Spanisch und Lateinamerikanistik studiert, und statt an der Uni zu bleiben, ist sie nach der Promotion lieber Übersetzerin geworden. Seit 2009 übersetzt sie aus dem Spanischen und Englischen. Sie lebt in Hamburg.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Un Lugar Soleado para gente Sombría« bei Editorial Anagrama, Barcelona.

Copyright © Mariana Enriquez, 2024

Published in agreement with Casanovas & Lynch Literary Agency

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2025 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Simone Andjelkovic

Coverabbildung: Pablo Gerardo Camacho

ISBN 978-3-10-492247-8

 

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Inhalt

[Motto]

Meine traurigen Toten

Die Vögel der Nacht

Das Unglück im Gesicht

Julie

Verwandlung

Grelles Licht für darke Leute

Die Hymnen der Hyänen

Verschiedene aus Tränen gemachte Farben

Die leidende Frau

Der Friedhof der Kühlschränke

Ein lokaler Künstler

Schwarze Augen

Danksagungen

Quellenverzeichnis

Heute spürte ich Traurigkeit, litt an drei Arten Angst, gesteigert durch eine unumkehrbare Tatsache: Ich bin nicht mehr jung.

ADÉLIA PRADO

 

A wound gives off its own light.

ANNE CARSON

 

Doesn’t have arms, but it knows how to use them. Doesn’t have a face, but it knows where to find one.

THOMAS LIGOTTI

Meine traurigen Toten

Jetzt ist es aber an der Zeit, dass ihr zurückkommt. Ihr wart lange genug fort.

LYDIA DAVIS,

Kanns nicht und wills nicht

 

Zuerst, glaube ich, sollte ich das Viertel beschreiben. Denn in dem Viertel steht mein Haus, und in dem Haus ist meine Mutter. Eins ohne das andere ist nicht zu verstehen. Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht weggehe. Denn ich kann weggehen. Ich kann morgen weggehen.

Seit meiner Kindheit hat das Viertel sich verändert. Es bestand einmal aus Wohnhäusern, die man in den dreißiger Jahren in engen Straßen erbaut hatte; Arbeiterhäuser aus Stein mit schönen kleinen Gärten und hohen Fenstern mit eisernen Fensterläden. Man kann sagen, dass die Bewohner selbst sie nach und nach mit ihren Neuerungen ruiniert haben: den Klimaanlagen, den Ziegeldächern, manchmal weiteren, aus anderen Materialien aufgesetzten Stockwerken, Verkleidungen und Fassadenanstrichen in lächerlichen Farben, oder durch den Ausbau der Originalholztüren, die durch billigere ersetzt wurden. Und zum schlechten Geschmack kam noch hinzu, dass das Viertel zur Insel wurde. Auf der einen Seite begrenzt uns die Avenida: Die ist wie ein hässlicher Fluss, man überquert sie, an den Ufern gibt es nicht viel. Aber im Süden haben wir die Hochhäuser, die allmählich immer gefährlicher geworden sind, dort verkaufen die jungen Leute auf den Treppen Paco und schießen gelegentlich aufeinander, wenn es Stress gibt oder sie einfach nur schlecht drauf sind, weil sie ein Fußballspiel verloren haben. Im Norden gab es mal einen Park, in dem ich weiß nicht was für ein Sportzentrum gebaut werden sollte, wozu es nie kam, und jetzt stehen auf dem Gelände richtig ärmliche Behausungen; die besten aus Hohlziegeln, die wackligsten aus Blech und Pappe. Die Hochhäuser und diese Armensiedlung sind miteinander verbunden. Ich verstehe, was los ist: Wenn die Armut lauert wie in meinem Land und in meiner Stadt und man fürs Überleben zu illegalen Mitteln greifen muss, dann tut man das. Man verdient mehr als mit einer legalen Arbeit. Außerdem gibt es gar nicht so viel legale Arbeit, für niemanden. Und wenn ein besseres Leben ein Risiko beinhaltet – nun, viele Leute sind bereit, das auf sich zu nehmen.

Auf unserer Insel aus Häuschen, die errichtet wurden, als die Welt noch eine andere war, denken die meisten nicht so. Damit eins klar ist: Ich habe auch Angst. Ich will auch nicht, dass mich eine verirrte Kugel erwischt, mich oder meine Tochter, wenn sie (selten) zu Besuch kommt, und auch nicht, dass ich ständig an der Bushaltestelle ausgeraubt werde oder wenn ich mit dem Auto an der Ecke zu den Hochhäusern vor der roten Ampel halten muss. Auch ich komme weinend nach Hause, wenn ein Jugendlicher ein Messer zückt und mir das Handy wegreißt. Aber ich will sie nicht alle umbringen. Ich glaube nicht, dass sie Abschaum und Asoziale und Ausländer und Müll und nicht zu retten sind. Mein Ex-Mann, der in Patagonien lebt und für ein Ölunternehmen arbeitet, sagt mir, dass die Leute Angst haben. Ich sage ihm, dass Faschismus im Allgemeinen mit Angst anfängt und dann zu Hass wird. Er meint, ich solle das Haus verkaufen und in den Süden, in seine Nähe, ziehen. Wir sind getrennt, aber Freunde. Sind immer Freunde gewesen. Seine neue Frau ist reizend. Ich nenne normalerweise Carolina, unsere Tochter, als Ausrede, aber das ist wirklich bloß eine Ausrede. Carolina lebt weit weg von mir und diesem Haus und arbeitet als Produzentin für eine Modezeitschrift mit Hochglanzseiten. Sie braucht mich nicht.

Ich bleibe, weil meine Mutter hier lebt. Kann eine Tote leben? Na, dann ist sie eben präsent. Seit ich sie entdeckt habe, verstehe ich dieses Wort besser. Ich spürte ihre Präsenz, bevor ich sie sah.

Meine Mutter war eine glückliche Frau, bis sie an Krebs erkrankte und zum Sterben zu mir zog. Der Todeskampf war lang, schmerzhaft und würdelos. Das ist nicht immer so. Der weise Kranke, der von seinem Bett aus, schon kahl und mit gelb verfärbter Haut, Lebensratschläge erteilt, ist eine lächerliche Romantisierung, aber es gibt wirklich Menschen, die weniger leiden. Da geht es um Physiologie und auch ums Temperament. Meine Mutter reagierte allergisch auf das Morphin, sie konnte es nicht nehmen. Wir mussten auf nutzlose Schmerzmittel zurückgreifen. Sie starb schreiend. Eine Krankenschwester und ich pflegten sie, so gut es ging. Viel ging nicht. Ich bin Ärztin, arbeite aber schon seit langem lieber in der Verwaltung eines privaten medizinischen Unternehmens anstatt mit Patienten. Mit sechzig habe ich keine Kraft, keine Geduld und auch keine Leidenschaft mehr. Es stimmt auch, dass ich lange Zeit verleugnet habe (Negation ist eine starke Droge), was ich mit meiner Mutter auf mich nehmen musste. Es gibt Geister, die sich mir zeigen. Die mich suchen. Nicht nur ich sehe sie: Im Krankenhaus sind die Schwestern panisch weggerannt. Ich beruhigte sie, sagte ihnen, »Mädels, das bildet ihr euch nur ein«.

Eines Morgens hörte ich sie, meine Mutter, schreien. Es war nicht in den frühen Morgenstunden, nicht in der Nacht: bei richtig vollem Tageslicht, einer merkwürdigen Zeit für einen Geist. Die Häuser im Viertel sind zwar hübsch, grenzen aber direkt aneinander, nach Art der Doppelhäuser in Großbritannien; erbaut wurden sie von englischen Eisenbahnunternehmern für ihre Arbeiter. Meine Nachbarin Mari, die das Haus nie verlässt, weil sie panische Angst hat, ausgeraubt und ermordet zu werden, und wer weiß, welche anderen phobischen Phantasien noch, schaute mit schreckgeweiteten Augen aus ihrem Fenster, das auf meinen kleinen Vorgarten geht, genau in dem Moment, als ich rausging, um nachzusehen, ob da jemand auf der Straße war, eine dumme, reflexhafte Handlung, angestoßen von meiner eigenen Panik: Ich konnte nicht glauben, dass ich die Schreie meiner toten Mutter hörte. Vielleicht, dachte ich, war das jemand auf der Straße gewesen. Ein Unfall, ein Streit. Mari erinnerte sich ebenfalls an die echten Schreie meiner Mutter und war entsetzt, wie vor den Kopf geschlagen.

»Das ist der Fernseher, Mari, gehen Sie wieder rein«, sagte ich zu ihr.

»Klingt das nicht furchtbar ähnlich, Frau Doktor?«

»Sehr. Ich bin echt geschockt.«

Und ich ging wieder rein.

Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, fing ich an, im Haus nach dem Ursprung der Schreie zu suchen und wie im Gebet darum zu bitten, sie möge die Lautstärke reduzieren. Ich bat sie nicht, ganz mit dem Geheul aufzuhören: Diskreter solle sie sein, das bat ich sie. Darum hatte ich früher schon andere Geister im Krankenhaus gebeten, später in einer weiteren Klinik. Manchmal funktionierte es. Meine Mutter hatte immer Sinn für Humor gehabt, deshalb brachte das Ersuchen, doch bitte die Lautstärke runterzuregeln, sie zum Lachen. An diesem Tag, den ich mir von der Arbeit freinahm, fand ich sie nicht, aber in der Nacht dann, sie saß auf dem Boden des Zimmers, in dem sie gestorben war und das jetzt zu einem Möbellager geworden war, weil ich mir nie die Zeit nehme, die alten Sachen wegzuwerfen oder zu verschenken. Sie war dünn, aber wie zu Beginn ihrer Erkrankung; nicht diese ausgetrocknete, fiebrige Frau der letzten Monate. Ich wollte ihr nicht zu nahe kommen: An die Tür gelehnt, mit zitternden Knien, sang ich für sie. Und während ich sang, ließ ich mich zu Boden sinken, bis wir einander gegenübersaßen, ich im Schneidersitz, sie auf den Knien. Es war das Lied, das sie beruhigt hatte, wenn die Schmerzen unerträglich gewesen waren, oder zumindest hatte ich beschlossen, das zu glauben. In dieser Nacht schrie sie nicht.

Aber die Geister, das lernte ich, regen sich auf. Ich weiß nicht, was sie denken, so sie denn denken, denn sie wiederholen eher, und die Wiederholungen wirken wie unbedachte reflexartige Handlungen, sie sprechen jedoch und äußern ihre Meinung und haben auch Anfälle von schlechter Laune. Meine Mutter läuft durch das Haus, manchmal spürt sie meine Gegenwart, manchmal nicht. Und ab und zu scheint ihr Zorn zurückzukommen. Der Zorn auf ihren geschwächten Körper, den künstlichen Darmausgang und die Scham; sie war elegant gewesen, ich erinnere mich, wie sie »der Geruch, der Geruch« schluchzte. Das war manchmal schlimmer als die körperlichen Schmerzen. Dann schreit sie. Manchmal schreit sie aus reiner Wut. Ich kann sie auf verschiedene Arten beruhigen, es macht aber keinen Sinn, die hier aufzuzählen.

Spannend ist, was dann im Viertel losging. Daran merkte ich, dass weder ich verrückt war – denn das dachte ich anfangs: Das denkt jeder, der seine tote Mutter die Treppe hinaufsteigen sieht – noch dass sie das einzige Gespenst hier in der Gegend war.

Meine Nachbarn halten »Sicherheits«-Versammlungen ab. Viel erreichen sie damit nicht. Im Viertel wurde in einige Häuser eingebrochen, es gab gewaltsame Raubüberfälle, eine alte Frau wurde geschlagen. Es ist schrecklich, was passiert. Aber sie sind noch schrecklicher. Bei den Versammlungen brüllen sie, dass sie ihre Steuern zahlen (das stimmt nur zum Teil: Die Hälfte vermeidet das nach Möglichkeit, wie alle Argentinier der Mittelschicht), dass sie sich Waffen gekauft haben und Schießen lernen, und sie beschreiben, wie die Polizei ihrer Meinung nach handeln sollte: Immer schlagen sie Mord, Beschimpfung, das mittelalterliche Exempel, Auge um Auge oder dergleichen vor. Es gibt einen mir unbekannten älteren Herrn, ein bisschen älter als ich, der sagt, man müsse die Köpfe dieser »Asozialen« auf Lanzen aufgespießt ausstellen, wie in der Kolonialzeit. Niemand beanstandet das, es verdreht nicht mal wer die Augen. Alle Versammlungen enden mit der Erinnerung an die braven Großeltern der Bewohner, diese europäischen Einwanderer, die ohne einen Pfennig in der Tasche herkamen, die kamen, um ehrlich zu arbeiten, und arm, aber anständig waren. Noch so ein Mythos. Die Einwanderer von damals waren in vielen Fällen arm und Langfinger, andere waren von der Polizei verfolgte Anarchisten, und großteils wurden sie zu unehrlichen Händlern, die lieber Geld verdienten, als sich mit irgendeiner Art von ethischer Verantwortlichkeit zu beschäftigen. Aber ich diskutiere nicht mehr, so ich das je getan habe. Ich habe mich mit diesem allgemeinen Volksempfinden abgefunden. Das Volksempfinden ist eine Lüge, aber über eine glaubhafte Lüge zu diskutieren ist eine Aufgabe für Titanen.

Ich gehe zu den Versammlungen, weil ich mitbekommen will, was sie planen. Ich will nicht, dass sie eines Tages die Straße sperren und ich merke es erst hinterher. Das ging mir schon mit einem Alarm so, den ich unwillentlich ausgelöst habe, als ich mich an eine Tür lehnte, um die Nachrichten auf meinem Handy zu checken. Sie haben auch an meinem Haus ohne meine Erlaubnis eine Kamera angebracht, aber ich muss zugeben, dass mir das Gerät zupasskommt. Zumindest kann ich sehen, ob irgendwer versucht, das Schloss aufzubrechen. Das hat schon ein paarmal jemand probiert. Jetzt ist die Kamera kaputtgegangen, und ich komme nicht dazu, sie zu reparieren. Mir ist, als hörte ich die Stimme meiner Tochter: »Mama, die bringen dich noch um wegen deiner Dickköpfigkeit, und ich finde dann deine Leiche, ich hoffe nur, du hast Geld für meine Therapie zurückgelegt, mein eigenes gebe ich dafür nicht aus.«

Was vorgefallen war, war schrecklich, und wir hatten die Fernsehkameras von öffentlichen und Kabelsendern sowie allen sonstigen Medien überall im Viertel. Drei junge Mädchen im Teeniealter waren am frühen Morgen von einer Party zurückgekommen. Um die Hochhäuser zu erreichen, mussten sie durch unser Viertel. Jemand schoss aus einem Auto auf sie. Sie hatten nicht mal Zeit loszurennen. Starben auf der Straße. Da sie noch sehr jung waren, alle drei erst fünfzehn, hatten sie sich an den Händen gehalten und waren dicht nebeneinander gegangen, damit sie zusammen die Nachrichten auf dem Handy lesen konnten. So sieht man sie auf dem Foto: Sie liegen, dicht beieinander, eine über der anderen, in den kurzen T-Shirts, die ihre flachen Bäuche frei lassen, den blutigen Leggings und den neuen Turnschuhen. Eine hatte ein zerschossenes Gesicht und blickte mit dem, was von ihren Augen übrig war, in die Baumkronen. Die anderen unter ihr verbluteten an Ort und Stelle. Als die Nachbarschaftsversammlung einberufen wurde, gab es noch keine Details über die Mörder, aber wegen bestimmter Merkmale schien die Sache klar: Die Mädchen mussten wohl die Töchter oder Verwandten oder sonst was von einem mehr oder minder wichtigen Verbrecher sein: von einem Asphaltpiraten, einem Mini-Drogenboss, einem Zuhälter. Dieser Mensch schuldete wohl jemandem Geld, oder er hatte jemanden beleidigt: Das war ein Racheakt. Im Lauf der Tage bestätigte sich die Theorie der Nachbarn. Die Ecke, an der die drei ermordet worden waren, wurde von der Polizei mit gelbem Absperrband gesichert, aber rundherum tauchten nach und nach Blumensträuße und Pappherzen und Plüschbären auf, ein Straßenaltar mit Opfergaben, die eher zu kleinen Mädchen als zu Teenagern passten.

Ich sah sie eines Abends, als ich von der Arbeit zurückkam. Das Taxi ließ mich wie immer genau an dieser Ecke raus, der mit der Polizeiabsperrung und den Erinnerungsgaben. Lu, wir lieben dich für eeeeewig; Gerechtigkeit für Natalia; Mein Engel, du bist zu früh gegangen. Sie kamen näher, völlig damit beschäftigt, Fotos von sich zu machen: die drei Köpfe aneinandergedrückt, damit alle aufs Bild passen, die gepiercten Zungen rausgestreckt (warum strecken Mädchen so gern die Zunge raus?), noch eine Serie mit Kussmündern, diese zu frühe Sinnlichkeit, die falsch aussieht und auf ihren echten Fotos, die für die Zeitungsberichte verwendet wurden, besonders morbid wirkte, Fotos, die von Instagram oder TikTok geklaut waren, wie mir meine Tochter erklärte. Ich verstand diese Bilder mit Hundenasen oder Kaninchenohren nicht und erfuhr von ihr, dass das »Filter« waren.

Die Geistermädchen lachten beim Näherkommen. Um diese Zeit, fast schon Nacht, ist mein Viertel vollkommen verlassen. Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken, sagt eine Priesterin in der epischen Serie, die meine Tochter mit wahrem Fan-Wahn guckt und die mich nicht mitreißt, weil zu viele Figuren darin vorkommen (die Gewalt der Serie, die andere verstörend finden, macht mir nichts aus). Die Geistermädchen bekamen den Blitz nicht an, und das brachte sie noch mehr zum Lachen. Sie waren unglaublich kompakt, anders kann ich es nicht erklären. Sie sahen aus wie lebendige Mädchen, die machen, was Fünfzehnjährige eben so tun: Sie kriegen nichts von dem mit, was um sie herum geschieht, tragen Kleidung ein oder zwei Größen kleiner, als für ihre Körper passend wäre, die Haare bunt gefärbt, ein Wirbel aus Schubsern und blauen, grünen, pechschwarzen Strähnen. Die Fenster im Viertel begannen sich schüchtern zu öffnen, und die Stille klang wie ein Schuss. Jemand in einem Haus, das genau da stand, wo die Mädchen vorübergingen, schrie. Von mir waren sie etwa fünfzig Meter weit entfernt, aber ich konnte sie schon gut sehen und verstand: Eine von ihnen blutete am Hals. Das Blut quoll langsam, rann herunter, sie wischte es unachtsam weg, als wäre es Regenwasser oder Bier, mit dem irgendein anderer junger Mensch sie auf einer Party übergossen hatte. Die andere, die mit dem zerschossenen Gesicht, machte unbekümmert Fotos; und die kleinste, die fast krankhaft dünn war, hatte drei rote Flecken auf dem Bauch. Ich wollte nicht länger hinsehen, es erinnerte mich an meine Mutter, ihren Krebs, wie ausgemergelt sie vor dem Sterben gewesen war.

Dann sahen die Mädchen sich die Fotos an. Und was sie sahen, brachte sie zum Weinen. »Nein, nein, nein«, riefen sie und schüttelten die Köpfe, sie blickten sich gegenseitig an, blickten auf die Fotos und sahen das bräunliche Grün der Verwesung, das Blut, die Einschusslöcher, durch die man Knochen sah, die blinden Augen. Die Fotos zerbrachen den Zauber der Freundschaft und des ewigen Lebens mit fünfzehn. Nach den Tränen ging das Gerenne los. Die Geistermädchen rannten verzweifelt umher, und ihr Geheul war wirklich schreckenerregend. Die Verzweiflung des Verlorenseins. Hatten sie ihren Tod vielleicht erst in diesem Augenblick begriffen? Wie ungerecht: Die Toten haben das Glück, nicht zu sehen, wie sie sich zersetzen. Das gilt selbst für Geister. Zum Beispiel meine Mutter: Ihre Erscheinung verfault nicht. Es gibt verschiedene Arten von Geistern. Ich frage mich, ob dieses Bild von ihnen selbst ausströmt oder von uns, die wir sie sehen. Ob sie eine kollektive Konstruktion sind oder nicht.

Auch die Nachbarn schrien los. Es war der Wahnsinn. Zweihundert Meter Wahnsinn. Ich hörte, dass jemand ohnmächtig geworden sei und ein anderer nach einem Krankenwagen verlangt habe, aber wer würde den schon rufen, solange die Mädchen da waren, verfault im schönen goldenen Abendlicht? Eine von ihnen, die, der das Blut aus dem Hals troff – die Schüsse hatten eine Arterie verletzt –, erinnerte mich an Carolina. Ich weiß nicht, warum. Nicht wegen der Kleidung: Das Mädchen trug ein billiges Oberteil und Leggings, wie man sie hier im Viertel bekommt, vielleicht sogar im Supermarkt. Aber etwas daran, wie sie diese gewöhnlichen Sachen trug, erinnerte mich an die außergewöhnliche Eleganz meiner Tochter (ich sage »außergewöhnlich«, weil es mir nicht gegeben ist, zu verstehen, welche Farben zusammenpassen oder in was für einer Hose meine Beine länger aussehen). Ja, ihre Leggings aus schwarzem Lycra waren billig, aber sie trug eine sehr hübsche weiße Bluse, die ihr bis über den Hintern reichte, und mit einem Paar klobiger Turnschuhe, möglicherweise ein Herrenmodell, hatte die Kombi einen sehr speziellen Stil – urban chic, würde meine Tochter sagen. Die Turnschuhe hatten ein strahlendes Französischblau, und um den blutigen Hals hing ein Kettchen mit einem Anhänger im viktorianischen Stil, der das sportliche Outfit mit einer ironischen Note brach. Mit dieser Beschreibung kopiere ich, glaube ich, den Stil meiner Tochter, die ihren Modepräsentationen immer eine kurze schriftliche Erklärung beifügt. Vielleicht weil sie mich an Carolina erinnerte, trat ich näher zu ihnen. Natürlich hatte ich Angst, mein Herz klopfte mir im Magen, als wäre es verrutscht. Und ich bin nicht mehr im Alter für solche Schreckmomente: Bei mir besteht schon das Risiko, dass eine Herzrhythmusstörung außer Kontrolle gerät, oder sogar das einer Angina Pectoris. Außerdem sah die ganze Nachbarschaft zu. Aber ich konnte sie nicht einfach sich selbst überlassen. Ob ich wusste, dass ich imstande sein würde, sie zu beruhigen? Ja, das wusste ich. Solche Dinge weiß man. Im Krankenhaus, als ich vor nun schon über zehn Jahren meine ersten Geister beruhigt hatte, wusste ich es auch. Aber im Krankenhaus beruhigten sie sich nicht allzu sehr. Es waren zu viele, und sie verstärkten sich gegenseitig. Ansteckung und Hysterie funktionieren auch unter Geistern, das ist sehr kurios. Natürlich wird das nie jemand wissenschaftlich untersuchen, denn niemand würde es glauben. Mir ist es selbst peinlich. Ich denke an das Thema und fühle mich an Programme im Kabelfernsehen erinnert, peinlich in ihrer Falschheit und in ihrer Machart, zum Beispiel über spiritistische Medien in Hollywood und Geisterjäger. Fernsehsendungen aus der Wirtschafts- und der Ideenkrise, produziert mit schlechten Schauspielern und noch schlechteren Drehbüchern, alle identisch, alle dümmlich, nicht einmal unterhaltsam. So bin ich nicht, sage ich mir, aber auf gewisse Weise bin ich es doch auch.

Ich rief die Mädchen bei ihren Namen, was reichte, damit sie mich ansahen. Nicht, damit sie aufhörten zu schreien. Dafür musste ich mit ihnen reden. Sie bitten, die Fotos zu löschen. Sie gehorchten nur ungern, das geht allen so. Und sie dann auffordern weiterzuziehen. Sie ein bisschen zum Lachen bringen. Mit ihnen über die Klamotten sprechen. Fragen, von welcher Party sie kamen. Auf keinen Fall das Verbrechen erwähnen. Sie schrien noch mal ein bisschen, als sie die Gedenkstelle und das Absperrband sahen, aber die Schreie gingen sofort in Schluchzern und Umarmungen unter, in Tränen des Selbstmitleids, bis auch die verschwanden oder, besser gesagt, sich auflösten, ihre Bilder verflüchtigten sich, als wären sie mit Aquarellfarben gemalt gewesen oder wie Alkohol verdunstet.

Ich musste mich einen Augenblick auf den Bordstein setzen. Bald kam, sehr freundlich, der Nachbar Julio; früher einmal hatte er eine reizende Bar an einer der Ecken des Viertels gehabt, aber er konnte sich die Miete nicht länger leisten, zu teuer, auch Getränke und Essen zu teuer und nur noch wenig Kundschaft, kurz, die übliche Geschichte von Restaurants und Bars, die pleitegehen, was ich unendlich traurig finde, und deshalb bringe ich Julio womöglich mehr Zuneigung entgegen, als er verdient.

»Was haben Sie gemacht, Frau Doktor?«

»Emma, Julio, nenn mich bitte Emma.«

»Was haben Sie gemacht, Emma?«

Die Frage wiederholte sich wochenlang. Es gab halb geheime Versammlungen derjenigen, die den Vorfall mitbekommen hatten. Dann erweiterten sich die Versammlungen auf die, die nicht dabei gewesen waren. Natürlich gab es äußerst viel Misstrauen und Ungläubigkeit. Ich konnte nicht mehr. Erzählte ihnen von meiner Mutter. Meine Nachbarin Mari bestätigte, dass die Geschichte wahr sei, warf mir aber vor, dass ich sie damals angelogen hatte, als ich behauptete, die Schreie kämen aus dem Fernseher.

»Mari, was hätte ich Ihnen denn sagen sollen? Ich hatte selber Angst. Ich dachte, ich wäre verrückt.«

Das stimmte nicht, nicht so ganz. Eine Frau weiß, wann sie verrückt wird, und das geschieht nicht von einem Tag auf den anderen, nicht mal infolge eines Traumas. Alles, alles im Körper ist ein Prozess. Auch der Tod.

Die Nachbarn fingen an, mich heimlich zu holen. Verschämt. Die Epidemie der Geister – denn das war es – fiel mit der schlimmsten Zeit im Viertel zusammen. Derjenige, der das Verbrechen an den drei Teenies angeordnet hatte, hatte jetzt das Sagen in den Hochhäusern, und da er die Leute terrorisierte, waren die Überfälle bis hin zu Entführungen eskaliert. Einer besonderen Art von Entführungen, genannt »Express«. Das Opfer wurde in ein Auto gezerrt und auf eine Rundfahrt zu Bankautomaten mitgenommen, bis eine Summe zusammengekommen war, die die Diebe akzeptabel fanden. Manchmal endeten die »Express« mit Gewalt, vielen Schlägen, Vergewaltigungen, gelegentlich sogar mit einem Schuss, alles wegen eines unglaublichen Missverständnisses: Die großteils sehr jungen Diebe hatten keine Bankerfahrung. Sie hatten keine Arbeit; entsprechend auch kein Bankkonto. Daher wussten sie nicht, wie das mit dem Abheben an argentinischen Geldautomaten funktioniert. Aus Sicherheitsgründen ist der Betrag, den man abheben darf, sehr niedrig. Etwa 25000 Pesos pro Tag, doppelt so viel, wenn der Karteninhaber sein Konto bei der Bank hat, bei der er abheben möchte. Wenn jemand mehr als ein Konto hat, kann er die Summe erhöhen, indem er von zwei verschiedenen Banken abhebt. Aber wenn nicht, nun ja, dann ist es ein sehr magerer Betrag. Und die Diebe, diese aufgeregten und ängstlichen Jungs, wollen mehr. Und weil sie nicht verstehen, was Geldabheben ist, weil sie das noch nie gemacht haben, glauben sie, dass man sie anlügt. Dass man sie für dumm verkauft oder betrügen will. »Hältst du mich für bescheuert? Du wirst gleich sehen.« Und dann der Fausthieb, der Schlag mit dem Griff der Pistole, die Panik. Mit mir haben sie das noch nicht gemacht, aber es kommt häufig vor und passiert auch den Leuten, die in den Hochhäusern wohnen, und das sage ich so deutlich, weil ich nicht ungerecht sein will, keinesfalls sind alle aus den Hochhäusern Verbrecher, viele Leute haben dort eine Wohnung so wie ich hier ein Haus, und niemand kann oder möchte umziehen, und das ist alles.

Der erste Nachbar kam, als ich gerade mit Mama plauderte. Manchmal unterhalte ich mich mit ihr. Immerhin ist sie da, und auch wenn sie nicht spricht, sieht sie mich doch an, und manchmal nickt sie. Wenn sie nicht fuchsig ist, lacht sie. Es ist schade, dass sie nicht spricht, denn wir könnten es schöner haben. Meine Freundinnen lade ich nicht zu mir ein, für den Fall, dass Mama auftaucht. Und meine Tochter kommt immer seltener, aber das ist nicht ihre Schuld, sie hat viel Arbeit. In diesem Land ist es besser, so eine Phase auszunutzen: Man weiß nie, wie lange eine Anstellung hält, ob man kurz davor ist, gefeuert zu werden oder nicht (die Anordnung zum Personalabbau kann plötzlich kommen), und eine neue Stelle zu finden heißt oft jahrelanges Warten. Besser, man mildert diese Wartezeit mit einer guten Rücklage ab. Wir telefonieren und chatten. Sie weiß das mit ihrer Großmutter nicht. Ich würde es ihr sagen, aber wozu. Momentan ist es nicht nötig.

Als erster Nachbar kam Paulo. Er hat zwei kleine Töchter, sie gehen auf die Grundschule. Seine Frau »hat es mit den Nerven«, das heißt, sie hat Panikattacken. Ein Bruder von Paulo wohnt in den USA, und auf den Versammlungen erzählt er ständig, wie gut man dort lebt, was für ein sicheres Land es ist. Ich korrigiere ihn nicht. Ich habe ja schon gesagt, dass ich nicht gern streite. Paulo hat lange herumgedruckst, bevor er mir von seinem Problem erzählt hat. Er fragte sogar, ob er rauchen dürfe, und war überrascht, als ich es ihm erlaubte. Um die Spannung aufzulockern, sagte ich: »Sie wissen ja, die meisten Ärzte rauchen. Zu viel Stress.«

Nun zu Paulos Problem: Vor etwa drei Monaten hatte ein Dieb versucht, in sein Haus einzubrechen. Über das Dach. Paulo wusste, dass es ein Dieb war, weil der Mann eine kleine Pistole dabeihatte. Eine 22er. Sie entdeckten ihn: Paulo schloss seine Frau und die Mädchen ein, holte einen Hammer – er war keiner von denen, die Waffen gekauft hatten – und machte sich bereit, die Polizei zu rufen. Doch dann sah er durch das Fenster im ersten Stock, wo er stand, wie der Dieb ausrutschte und vom Dach in den Hof stürzte. Als ich das hörte, erinnerte ich mich wieder an den Vorfall, er war bei einer der Nachbarschaftsversammlungen Thema gewesen: Es war mehr Präsenz von der für uns zuständigen Polizeiwache 9 gefordert worden. Der Dieb kam bei dem Sturz ums Leben. Ich fragte Paulo nicht, ob er ihn hatte sterben lassen, aber ich glaube, so war es. Ich bin mir sicher, dass der Mann vom Dach fiel und vielleicht hätte gerettet werden können, wenn der Krankenwagen rechtzeitig gekommen wäre. Ich kann Paulo sehen, wie er ihm vom Fenster aus mit dem Hammer in der Hand beim Sterben zusieht und sich wie ein Stadtteilgott fühlt mit der Macht, über den Tod eines anderen zu bestimmen. Hätte ich dasselbe getan, wenn jemand meine Familie bedroht hätte? Womöglich. Es ist leicht, ethisch zu denken, wenn das, was wir lieben, nicht in Gefahr ist. Trotzdem stelle ich mir gern vor, dass ich es nicht getan hätte. Ich bin altmodisch. Ziehe Unschuld und Paternalismus dem Hass vor.

Wie auch immer: Der Dieb kehrte wieder. Sie hörten ihn über das Dach laufen. Seine Frau hätte ihn zuerst gehört, und er, Paulo, habe ihr nicht geglaubt. Schließlich habe die Arme es mit den Nerven. Bis er selbst die Schritte hörte. Und dann sah er ihn noch einmal in den Hof stürzen. Ohne Lärm. Das macht sein Einbrechergeist: Er läuft und fällt, läuft und fällt. Vom Boden aus, erzählte mir Paulo, »lacht er sich über uns kaputt«.

Ich erklärte mich bereit, sie an einem Abend zu besuchen. Die Frau, die es mit den Nerven hat, nutzte die Gelegenheit, um mir die Medikamente zu zeigen, die man ihr verschrieben hatte. Grosso modo kam es mir zu viel vor, aber ich weiß, dass die Ärzte heute lieber einen Haufen Zeugs verschreiben, als eine ganzheitliche Therapie zu empfehlen. Sie luden mich ein, mit ihnen zu essen, Würstchen mit Kartoffelpüree (»wegen den Mädchen«, erklärte die Mutter, »sie essen sonst nichts«), aber ich hatte zu Hause bereits gegessen. Ich wartete. Die Schritte kamen, als die Kleinen glücklicherweise schon im Bett waren. Ich beschloss, dass meine Arbeit beginnen würde, nachdem der Geist gestürzt war: nach Beendigung seiner nächtlichen Runde.

Einige Minuten mit mir erweichten ihn. Es ist nicht wichtig, was ich ihm sagte, was ich machte: Es kommt ein Moment, in dem es sehr mechanisch funktioniert. Das war meine dritte Begegnung mit aufgewühlten Geistern, aber im Grunde hatte ich die anderen, meine Mutter und die ermordeten Mädchen, schon oft beruhigt. Ich schicke die Geister nirgendwohin, weder an einen guten noch an einen schlechten Ort. Es gibt keinen Frieden und keinen Abschluss. Keine Versöhnung. Keinen Übergang. Das ist alles Fiktion. Ich beruhige sie nur und verhindere für eine Zeitlang, dass sie mit einer für die Lebenden unerträglichen Häufigkeit rückfällig werden. Aber sie kommen zurück, als würden sie es vergessen, und man muss wieder von vorn anfangen. Warum das wohl so ist? Mein Mann und ich, das weiß ich noch, hatten als frisch verheiratetes Paar eine wunderschöne Katze, ganz weiß mit schwarzer Stupsnase, die immer wieder zu vergessen schien, dass wir sie am Wochenende mit einem speziellen, teureren Thunfisch verwöhnten, den sie sehr gern fraß. Als ich mich fragte, ob sie wohl ein Problem mit dem Gedächtnis habe, sagte mein Mann: »Nein, sie hat einfach nur ein winziges Gehirn. Siehst du nicht, wie klein ihr Kopf ist?« Ihr Gesicht sah einfach so schlau aus! Und Geister sind ein bisschen so. Sie wirken wie Menschen, wirken intelligent, und doch sind sie ein durchsichtiges Gespinst, das alles wiederholen muss. Sie haben kein Gehirn, aber etwas, das wir als »denkend« bezeichnen könnten. Und das ist genauso klein wie bei meiner Katze, die Florencia hieß und vor dem Einschlafen jeden Abend zwischen mir und meinem Mann schnurrte. Ich vermisse meinen Mann, aber nicht als Partner. Ich vermisse seine Freundschaft, die Gespräche, sein Essen (er ist ein hervorragender Koch). Aber er braucht das Verliebtsein und Kümmern, und ich brauche es, allein zu sein.

Nach dem Einbrechergeist kamen andere. Warum diese Invasion, fragte ich meine Mutter einmal, und sie schien aufmerksam zuzuhören. Sie gab mir keine Antwort, das kann sie nicht, aber ich wusste sie ohnehin schon: Die Invasion galt nicht dem Viertel. Sie galt mir. Ich zog sie an. Daher hatte es keinen Sinn, wegzugehen, es sei denn, ich würde lernen, wie ich mir den Magnet rausreißen könnte. Aber der Magnet störte mich nicht. Die Angst wurde sehr schnell zu Adrenalin. Wenn viele Tage vergingen, ohne dass jemand aus der Nachbarschaft bei mir anklopfte, wurde ich langsam ungeduldig.

Aber diese Geschichte ist nur wegen eines bestimmten Geists von Bedeutung, mit dem ich anders umging. Dem ich nicht helfen konnte oder wollte. Oder sind es die Nachbarn, denen ich helfe? Alles vermischt sich.

Meine Tochter hat am 23. Dezember Geburtstag. In diesem Jahr lud sie mich, vielleicht, weil wir uns wenig gesehen hatten, zu ihrem Fest »im engsten Kreis« ein (am Wochenende davor hatte sie schon mit Freunden gefeiert: Sie ist nicht abergläubisch, ihr macht es nichts aus, vorzufeiern) und bot mir an, über Weihnachten und sogar Silvester bei ihr in ihrer Wohnung in Palermo zu bleiben, wenn ich wollte. Ich wusste, dass ich an Silvester zu Feiern eingeladen werden würde, daher lehnte ich diese Einladung ab, nahm die für Weihnachten und ein paar zusätzliche Tage jedoch an. Ich verließ das Haus mit einer Tasche und nahm ein Taxi: Das Auto hatte ich verkauft. Ich war nicht alt, aber auch nicht jung genug, um mit der in einer Stadt wie Buenos Aires nötigen Aufmerksamkeit zu fahren. Die Tage mit meiner Tochter waren sehr gut. Wir stritten wenig und lachten viel. Wir sahen ihre Fantasy-Serie, und ich verliebte mich ein bisschen in Ned Stark, einen Kerl, wie ich nie einen gehabt hatte, muskelbepackt und mit kantigem Kiefer. Und der Schauspieler war auch gar nicht so viel jünger als ich. Vielleicht zehn Jahre, rechnete ich. An einem Abend, als wir einen Sekt öffneten und ihn sehr kalt, mit Zitroneneis, tranken, ideal bei der drückenden Schwüle der Stadt, war ich drauf und dran, ihr von meinen im Alter erlangten spiritistischen Fähigkeiten zu erzählen. Aber ich hatte Angst, fast perfekte Tage zu ruinieren. Sie hatte allen Grund, mich für senil zu halten. So kehrte ich am 29. abends in mein Haus zurück, mit der U-Bahn, denn die Stadt zu durchqueren war Wahnsinn. Zu den üblichen Protesten zum Jahresende kamen noch etliche dazu: Die Staatsbediensteten verlangten eine Gehaltserhöhung, die Piqueteros sperrten mit Streikposten die Avenidas ab (Forderung: Tüten mit Essen), die Entlassenen protestierten vor dem Arbeitsministerium (Forderung: Wiedereinstellung), und vor dem Kongress forderte eine massive Demonstration mehr Sicherheit. Ein Sechzehnjähriger war ermordet worden, Matías plus ein italienischer Nachname. Offenbar war er entführt worden. Eine Expressentführung, nur dass der Junge, da er noch minderjährig war, keine Bankkarte besaß, woraufhin die Entführer ihren Plan änderten und beschlossen, Geld von der Familie zu verlangen. Die Familie hatte aber kein Geld. Am selben Abend, noch aus dem Auto – sie wussten wohl nicht, wo sie ihn hinbringen sollten –, gelang dem Jungen die Flucht. Er kam nicht weit und wurde in der Armensiedlung unweit meines Hauses erschossen, der, die uns nach Norden abgrenzt, einmal eine Sportanlage werden sollte, dann Brachland war und jetzt ein Stadtviertel ist, dem zwar mit Räumung gedroht wird, was wahrscheinlich aber nie geschehen wird. Wohin sollten sie die Leute auch schicken? Manche der Behausungen sind außerdem schon aus richtigen Ziegeln und haben einen zweiten Stock. Vor kurzem habe ich beim Einkaufen gesehen, dass ein Kiosk und eine Eisdiele aufgemacht haben. In der Siedlung wurden Leute verhaftet, aber offenbar kamen die Entführer nicht von dort. Im Fernsehen wurde nach der Todesstrafe geschrien, wie immer, wenn ein entsetzliches Verbrechen geschieht.

Seltsamerweise und obwohl der Mord ganz in der Nähe geschehen war, wurde bei uns in der Nachbarschaft keine Notfallversammlung einberufen. Ich wartete einige Tage lang darauf (auf einen Anruf oder einen mit Tesafilm an die Tür geklebten Zettel), aber es gab nichts als Schweigen, gesenkte Blicke im Gemüseladen, eine gewisse Eile beim Zigarettenkauf am Kiosk. Ich schrieb das den blankliegenden Nerven zu, auch wenn die Nachbarn normalerweise nicht mit Anspannung reagierten, sondern mit riesenhaft aufgeblähter und laut krakeelender Angst.

Das Klopfen an der Tür weckte mich. Es war spät, das wusste ich, noch bevor ich auf die Uhr sah: Seit sehr jungen Jahren gehe ich weit nach Mitternacht schlafen, eine Gewohnheit aus der Zeit der Nachtdienste im Krankenhaus, die ich nie abschütteln konnte. Ein subtiles Klopfen: Jemand war an der Tür. Ich beschloss, es zu ignorieren. Aber das Klopfen ging weiter, rhythmisch, insistent, mit zunehmender Dringlichkeit, bis ich merkte, dass dieser jemand jetzt mit beiden Fäusten gegen die Tür hämmerte, als wollte er sie einschlagen. Ich bekam Angst. Dachte daran, meine Schlafzimmertür abzuschließen, aber ich hatte natürlich keinen Schlüssel. Was konnte ich zwischen mich und denjenigen bringen, der da eindringen wollte? Sollte ich meine Nachbarin Mari anrufen? Die Polizei? Ich setzte mich im Bett auf, und als ich das Flüstern hörte, gefror mir der Schweiß an den Händen, zugleich beruhigte ich mich aber: Das Klopfen kam nicht von einer wirklichen Person. Die flüsternde Stimme, das Flehen, konnte nicht von der Haustür bis zu mir dringen. »Bitte, machen Sie auf«, flüsterte er. Er siezte mich, sprach respektvoll. »Bitte, ich bin auf der Flucht. Ich will nichts stehlen, ich bin kein Dieb, ich bin entführt worden. Bitte, machen Sie auf, sie bringen mich sonst um, sie bringen mich um.«

Ich rannte die Treppe hinunter und blickte durchs Fenster. Der Junge stand auf dem Bürgersteig. Ein hoch aufgeschossener Teenager, gut sichtbar im Licht der Straßenlaterne. Er war bleich wie alle Toten, aber trotz seiner Sommerkleidung – weißes T-Shirt, kurze Fußballhose, Turnschuhe – konnte ich seine Wunden nicht sehen. Wie hatten sie ihn umgebracht? Ich konnte mich nicht erinnern. In den Tagen bei meiner Tochter war ich angenehm fern von Nachrichten und Fernsehen gewesen. Hier war also Matías mit dem italienischen Nachnamen, gestorben wenige Blocks von meinem Haus, und ich wusste nicht, warum er an die Tür klopfte, und hatte auch nicht mitbekommen, dass er so nah von hier ermordet worden war.

Auch wenn ich es hätte ahnen können. Hing das Schweigen meiner Nachbarn mit dieser Erscheinung zusammen? Natürlich, sagte ich mir. Und in mehr als einer Hinsicht.

Der junge Matías klopfte nicht länger an die Tür. Er näherte sich dem Fenster, und in seinen Augen, die lebendig, absolut lebendig waren, irgendwie insektengleich mit diesem spöttischen Käferglanz, sah ich Rachsucht und Wut. Ich hatte keine Angst vor ihm, denn ich wusste, dass er diese Rache nicht in der materiellen Welt konkretisieren konnte, aber der Frust darüber, nicht handeln zu können, fügte seinem Zorn nur weitere Schichten hinzu, unendlich viele Schichten. Er würde alle ihm verfügbare Zeit (und ich vermute, dass Matías mit dem italienischen Nachnamen alle Zeit der Welt hatte) damit zubringen, diese Straße abzulaufen. Wenn nötig, bis es die Straße nicht mehr gab. Er würde diejenigen, die geholfen hatten, ihn zu töten, nie wieder schlafen lassen. Nie wieder.

»Machst du mir nicht auf?«, fragte er. Seine Stimme war klar, nicht viel anders als die eines lebendigen Menschen. Er sprach nicht mehr respektvoll.

Ich ging zur Tür, drehte den Schlüssel um und öffnete. Matías blieb an der Schwelle stehen. Da sah ich das Einschussloch an der Schläfe. Unauffällig, wie ein Muttermal. Es blutete nicht. Und erinnerte mich an die Selbstmörder, die ich im Krankenhaus immer wieder gesehen hatte. Die meisten waren Männer, die meisten so alt wie er oder ein paar Jahre älter, nicht alle waren treffsicher, wenn sie abdrückten, üblicherweise zerschossen sie sich das Gesicht oder hatten die Angewohnheit, sich den Lauf in den Mund zu stecken.

»Jetzt ist es zu spät«, sagte Matías.

Mir wurde klar, dass ich ihn nicht würde beruhigen können, diesen hier nicht, und ich sagte mit sehr lauter Stimme: »Ich war an dem Abend nicht zu Hause. Das weißt du. Ich hätte dir aufgemacht.«

»Ja? Ich glaube dir nicht«, sagte er.

Das war ein Gespräch, er beantwortete nicht nur Fragen. Matías mit dem italienischen Nachnamen konnte Gespräche führen. Worin unterschied er sich von den anderen? Ich blieb in der offenen Tür, bei brennendem Licht auf der Schwelle stehen und beobachtete ihn. Er lief weiter. Rannte von einem Haus zum nächsten und klopfte, er klopfte an jede Tür. Zuerst leise, dann mit den Fäusten, zum Schluss trat er dagegen. Zuerst bat er höflich, man möge ihn einlassen, und zum Schluss schimpfte und beleidigte er, voll Panik, aber auch erstaunt in seinem Ärger und seiner Verzweiflung. Meine Nachbarn schalteten das Licht an, aber niemand öffnete. Ich hörte jemanden wimmern.

Matías mit dem italienischen Nachnamen klopfte weiter an die Türen, bis die Sonne aufging. Erst dann ging ich wieder hinein. Er ließ kein Haus aus. Alle bekamen ihre verdiente Strafe.

Ich suchte im Internet nach seinem italienischen Nachnamen. Cremonesi. Matías Cremonesi. Sechzehn Jahre alt, er war auf der weiterführenden Schule gewesen, spielte Basketball – klar, mit dieser Statur –, und er war auf einem kleinen Fußballplatz in der Armensiedlung erschossen worden. Einen der Mörder hatte man gefasst. Logischerweise sagte der aus, ein anderer habe die Waffe gehabt, dieser andere habe geschossen, und dass sie das nur getan hätten, weil der Junge bei seiner Flucht ihre Gesichter gesehen habe. Und sie sich kannten. Der geständige Mörder kam aus dem Hochhausviertel; Matías auch. Warum entführt man einen Nachbarn? Der Entführer, ein neunzehnjähriger Jugendlicher, sagte, das sei nicht ihre Absicht gewesen, sie wollten nur, dass er Geld aus einem Automaten abhebt, »aber er hat gesagt, dass er keine Karte hat, er hat uns angelogen, und da sind wir sauer geworden, wir waren ein bisschen überdreht«.