Grenzen setzen 3.0 - Martina Maier-Schmid - E-Book

Grenzen setzen 3.0 E-Book

Martina Maier-Schmid

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Beschreibung

In der Hundewelt herrscht Verwirrung: Man möchte seinen Hund ja gerne freundlich und ohne Zwang erziehen, aber wo sind da die Grenzen? Beziehungsweise – gibt es überhaupt welche? Schließen freundliches, modernes Training und ein Hund, der "seine Grenzen kennt", sich gegenseitig aus? Keineswegs, zeigt die erfahrene Hundetrainerin Martina Maier-Schmid überzeugend und mit vielen Beispielen: Grenzen sind nichts anderes als Regeln, und wie man Regeln aufstellt und durchsetzt, hat tatsächlich weniger mit der viel zitierten "Rangordnung" zu tun als vielmehr mit durchdachtem und konsequentem Training. Was Konditionieren und Kommunizieren miteinander zu tun haben, wie wir uns aus alten Denkmustern befreien und lernen, richtig Grenzen zu setzen, ohne dabei grob werden zu müssen, erfahren Sie in diesem Buch. So geht Grenzen setzen heute!

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eBook (epub) Ausgabe der Printversion

eBook (epub) ISBN: 978-3-95464-232-8

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-221-2

Bildnachweis: Alle Fotos Horst Maier, Loßburg, außer: Titelbild Adobe Stock @tarapatta Adobe Stock : @annaav S. 8; @abr68 S. 10; @teksomolika S. 11; @DoraZett S. 23, 61; @canecorso S. 34; @jimcumming88 S. 36; @rinayaremko S. 49; @Sergey Lavrentev S. 59; @monica S.62, 64; @absolutimages S. 65; @Mevlt S.78; @Alexandr S. 96; @steve ball S. 100; @castenoid S. 107; @robert Emprechtinger S. 111; @caprasilana S. 112;

Zeichnungen: Tanja Graumann www.graycando.de

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Inhaltsverzeichnis

Einstiegsgedanken

1.Grenzen – eine Begriffsdefinition

Grenzen bezeichnen räumliche Trennungen

Grenzen bezeichnen Übergänge gegensätzlicher Bereiche

Grenzen bezeichnen Beschränkungen und Einengungen

2.Der Ruf nach Grenzen in der Hundeerziehung

Warum haben Menschen das Gefühl, Grenzen setzen zu müssen?

Was bedeutet Grenzen setzen für den Trainingsansatz?

Wollen Hunde Grenzen testen?

Könnte es auch ganz anders sein?

3.Braucht Zusammenleben Grenzen?

Grenzen setzen sichert das eigene Wohlbefinden

Grenzen setzen aus Angst

Warum sollte sich denn der Mensch nach dem Hund richten?

Wirkung einschränkender Grenzen

Gibt es allgemeingültige Grenzen?

Mut zu individuellen Lösungen

Berechenbarkeit ist wichtig

4.Muss der Mensch nicht Chef sein und deshalb Grenzen setzen?

Gibt es so etwas wie Rangordnung zwischen Mensch und Hund?

Wo bestimmt der Mensch, ohne sich dessen immer bewusst zu sein?

Der Alltag schafft Strukturen und Grenzen

Kann es zu viele Grenzenoder Einschränkungen geben?

Man wird doch noch Nein sagen dürfen …

5.Wer darf denn wem Grenzen setzen?

6.Gibt es Grenzen für das Setzen von Grenzen?

7.Grenzen – eine Frage des Blickwinkels

Unerwünschtes Verhalten fokussieren

Erwünschtes Verhalten fokussieren

8.Ein kleiner Ausflug in die Lerntheorie

Lernen ist …

Was ist Verstärkung?

Was ist Strafe?

9.Und was heißt das jetzt für die Praxis?

Prioritäten setzen

Gewohnheiten bilden

Verhalten verhindern über Managementmaßnahmen

Wunschverhalten trainieren

Alternativverhalten aufbauen

Grenzen setzen und Führen geht auch mit Kooperation und Spaß

10.Geht es denn ganz ohne Unterbrechen unerwünschten Verhaltens?

Verhaltenshemmung wird vorkommen

Und wenn man unterbrechen muss?

Unterbrechen durch ein bekanntes Signal

Ein Stoppsignal

Einsatz von Hilfsmitteln

Unterbrechen durch unangenehme Einwirkungen

Aber wenn …

Aber bei …hunden geht das doch nicht anders!

11.Zusammenfassende Abschlussgedanken

Über die Autorin

Danksagung

Quellenangaben und Lesetipps

Einstiegsgedanken

Meine erste Hündin zog 1998 bei mir ein. Und seither begleitet mich das Thema „Grenzen setzen“ in der Ausbildung und Erziehung von Hunden. Bücher, andere Hundebesitzer, Nicht-Hundebesitzer, im Hundeverein, im Fernsehen – überall wird darüber diskutiert und berichtet, wie wichtig es sei, dem Hund auch Grenzen zu setzen. Schließlich muss ein Hund auch wissen, was er darf und was nicht geht. Begleitet werden diese Aussagen fast immer von der Sorge, dass Hunde, denen keine Grenzen gesetzt werden, irgendwann tun und lassen, was sie wollen und dem Menschen auf der Nase herumtanzen, vielleicht sogar gefährlich werden.

In den Gesprächen mit Kundinnen, Tierschutzfreundinnen, Kolleginnen oder auch in Foren begegnen mir häufig Aussagen wie: „Ja, aber der muss doch wissen, was falsch ist“ oder „Der weiß genau, dass er das nicht soll“ oder „Der testet nur seine Grenzen aus“ oder „Jetzt ist aber wirlich mal gut“ oder „Es muss doch erlaubt sein, auch mal eine Grenze zu setzen“ und so weiter. In der Regel sagen Hundehalter das, wenn ihre Hunde etwas tun, was aus Sicht des Menschen unerwünscht ist. Dahinter steckt das Gefühl von Frustration, weil dieses Verhalten immer wieder auftaucht, obwohl sie gefühlt schon viel getan haben, um das Verhalten zu verändern. Die Bandbreite, um welche Verhaltensweisen es geht, ist hoch, zum Beispiel:

•an Menschen hochspringen

•in die Wohnung pieseln

•an der Leine ziehen

•jagen gehen

•andere Hunde oder Menschen verbellen, anknurren oder gar schnappen

•Futter oder Kauartikel verteidigen usw.

Grenzen 3.0

3.0 steht in der Welt des Internets und der IT für die (derzeit) neueste Version, die Fort- und Weiterentwicklung des Bestehenden.

Genau deshalb haben wir diesen Titel für dieses Buch gewählt:

Es geht nicht um die Frage, ob wir Grenzen im Zusammenleben mit unseren Hunden benötigen.

Es geht um die Frage, wie wir diese Grenzen setzen und definieren – das geht anders, freundlicher und moderner, als wir sie bis jetzt gewohnt waren!

Sally wird durch die „Stopphand“ ausgebremst. Es ist ihr deutlich anzusehen, dass ihr deshalb mulmig ist: Ohren zurück, Fang geschlossen und angespannt, Lefzen leicht nach hinten gezogen, abgeduckter Kopf und Schielen nach der Hand.

Ich beobachte, dass die oben genannten Aussagen häufig mit einer gewissen Bereitschaft verbunden sind, den Hund für dieses unerwünschte Verhalten zu bestrafen. Auch hier gibt es eine große Bandbreite: Hunde hören dauernd „Nein, lass das, hör auf“, es wird auf die Schleppleine getreten, der Hund wird zur Seite geschoben, festgehalten, weitergezogen, geschubst, gepiekst, gezwickt. Hunde werden angezischt oder angeschrien, es wird an der Leine geruckt, Rappeldosen fliegen neben oder auf Hunde, Hunde werden in die Seite gekniffen oder gestoßen und vieles mehr. Im Laufe der Jahre des Zusammenlebens mit meinen Hunden und meinem Wissenszuwachs durch die Ausbildung zur und in der praktischen Tätigkeit als Hundetrainerin habe ich mich immer öfter gefragt

•ob das aus Menschsicht unerwünschte Verhalten aus der Sicht des Hundes sinnvoll und logisch ist. Sinnvoll, weil es eine Funktion, einen Zweck erfüllt. Logisch, weil es aus dem Zusammenspiel von Emotionen, Lernerfahrungen und neurobiologischen Vorgängen, die nur in Teilen vom Hund steuerbar sind, entsteht.

•ob es schlicht möglich sein könnte, dass der Hund noch nicht lernen konnte, welches Verhalten für ihn in einer solchen Situation genauso funktional und aus Menschensicht erwünscht bzw. akzeptabel wäre.

•wie das denn so ist mit den Grenzen im Zusammenleben mit und Erziehen von Hunden.

In diesem Buch möchte ich genau diesen Fragen nachgehen und meine Überlegungen mit Ihnen teilen.

»Testen Hunde wirklich ihre Grenzen, wenn sie aus Menschensicht unerwünschtes Verhalten zeigen?

»Brauchen Hunde Grenzen?

»Wenn ja, wie viele oder geht es sogar ohne Grenzen?

»Warum ist es uns Menschen so wichtig, Grenzen zu setzen?

»Können Grenzen nur über Bestrafung unerwünschten Verhaltens gesetzt werden?

»Ist es möglich, Grenzen über den Aufbau funktionalen Alternativverhaltens zu setzen? Wie könnte das dann konkret aussehen?

Können wirksame Grenzen auch anders als durch Neinsagen und Bestrafen gesetzt werden? Dieser Frage möchten wir in diesem Buch nachgehen!

1. Grenzen – eine Begriffsdefinition

Der Begriff Grenzen kann sehr unterschiedliche Inhalte transportieren, je nach Kontext, in dem er verwendet wird. Deshalb möchte ich an dieser Stelle kurz beleuchten, in welchen Zusammenhängen das Wort genutzt werden kann.

Grenzen bezeichnen räumliche Trennungen

Grenzen sind räumliche Trennlinien, zum Beispiel zwischen Ländern oder Landkreisen. Auch Grundstücke haben Grenzen, zur Kennzeichnung werden Gartenzäune oder Grenzsteine eingesetzt. Zimmertüren oder Kindertrenngitter markieren Grenzen zwischen zwei Räumen innerhalb einer Wohnung oder nach draußen zur Straße oder ins Treppenhaus. Wege haben eine Grenze durch Bordsteine oder wechselnde Bodenbeschaffenheit. Diese Grenzen können in der Hundeerziehung eine wichtige Rolle spielen. In einem Haushalt mit Kindern ist es hilfreich und entspannend, wenn ein Hund lernt, das Kinderzimmer nicht zu betreten, damit die Spielsachen des Kindes nicht vom Hund durch die Gegend geschleppt und vielleicht zerkaut werden. Wer beim Verlassen der Wohnung direkt an einer Straße oder einem Fußweg lebt, wird es erstrebenswert finden, dass der Hund erst nach dem Menschen aus der Wohnungstür geht. So kann der Zweibeiner sich zunächst über die Situation auf der Straße einen Überblick verschaffen. Wer einen Hund sein Eigen nennt, der gerne im Unterholz verschwindet, wird es als hilfreich empfinden, wenn der Hund die Weggrenze erkennt und auf dem Weg bleibt. Hunde, die an Bordsteinen von Gehwegen warten können, sind sichere und angenehme Begleiter für ihre Menschen.

Grenzen bezeichnen Übergänge gegensätzlicher Bereiche

Sollen gegensätzliche Bereiche voneinander unterschieden werden, sprechen wir ebenfalls von Grenzen. Gemeint sind Übergänge zwischen Kindheit und Jugend oder Tag und Nacht. Übergänge zwischen Lebensphasen gibt es bei unseren Hunden auch. Viele Hundehalter, die sich begeistert für einen Welpen entschieden haben, verfluchen den Übergang zwischen der Welpenzeit und der restlichen Zeit der Junghundeentwicklung, während sie den Übergang zum erwachsenen Hund herbeisehnen. Und vor dem Übergang zwischen einem erwachsenen Hund im besten Alter zum Senior haben viele Hundehalter vielleicht eine gewisse Angst, weil die Zipperlein mehr werden und das Abschiednehmen näher rückt.

Der Übergang zwischen Tag und Dämmerung und zwischen Dämmerung und Nacht kann für einige Hunde eine Grenze, ein Übergang für unterschiedliches Verhalten sein.

Grenzen bezeichnen Beschränkungen und Einengungen

Menschen sprechen auch dann von Grenzen, wenn sie bestimmte Ein- oder Beschränkungen benennen wollen. Es gibt zeitliche Grenzen, innerhalb derer eine Prüfung abgelegt werden muss oder Unterlagen für bestimmte Anträge eingereicht sein müssen. Die Zeitspanne ist also begrenzt. Hundehalter haben oft konkrete Vorstellungen, innerhalb welcher Zeitspanne ein Hund bestimmte Dinge wie Alleinebleiben, Stubenreinheit oder Signale aus dem Grundgehorsam erlernen soll. Vor allem bei Welpen und Junghundenist es oft gekoppelt an die Sorge, dass Hunde das als Youngster schon lernen müssen, weil es sonst zu spät sein könnte.

Gesellschaftliche Normen und Werte prägen das Zusammenleben – sowohl das von Menschen untereinander als auch das von Menschen und ihren Hunden. Vorstellungen darüber, was sich gehört oder wie ein gut erzogener Hund zu sein hat, prägen unser Leben mehr oder weniger bewusst und nehmen erheblichen Einfluss darauf, welche Erwartungen wir an unsere Hunde haben, was sie alles lernen müssen und wie wir sie erziehen. Diese Vorstellungen und Ideen begrenzen uns wiederum häufig darin, die Individualität unserer Hunde zu akzeptieren, wenn sie diesen Anforderungen nicht entsprechen und hindern uns daran, für individuelle und kreative Lösungen offen zu sein.

Die Grenzen unserer eigenen Erwartung hindern uns oft daran, die Individualität unserer Hunde zu akzeptieren und für individuelle Lösungen offen zu sein.

Gesellschaftliche Normen und Vorstellungen darüber, was ein „gut erzogener“ Hund ist, setzen unserem eigenen Denken und Handeln oft Grenzen.

Jemanden in seine Grenzen zu verweisen ist eine Redensart, die wir alle kennen. Vermutlich haben wir dies alle selbst auch schon einmal erlebt. Entweder, weil wir jemand anderen in seine Grenzen verwiesen haben oder weil uns ein Gegenüber Grenzen gesetzt hat. Wenn wir einem Gegenüber eine Grenze setzen, fühlt sich das entlastend und befreiend für uns an. Wenn wir von unserem Gegenüber begrenzt werden, geht das mit eher unangenehmen Emotionen bei uns selbst einher.

Manchmal liegen die Grenzen auch in einem selbst. An die eigenen Grenzen zu stoßen beschreibt die Situation, wenn ein Mensch etwas tun soll oder möchte und es nicht schafft. An die Grenzen der zeitlichen Ressourcen kommen zum Beispiel Frauen, wenn sie versuchen, Beruf, Kinder, Partnerschaft, Hobbies und Hund unter einen Hut zu bekommen. An die Grenze der eigenen Belastbarkeit kommen wir, wenn die Überstunden überhandnehmen oder die Anforderungen auf der Arbeit die eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten häufig übersteigen. An die eigenen Grenzen stoßen wir, weil der eigene Hund nicht auf das Training anspricht und eine Herausforderung bleibt. Ich denke, auch Hunde können aus den gleichen Gründen an Grenzen stoßen, dass sie in einer bestimmten Lebenssituation nicht lernen können, was von ihnen gefordert wird, weil zum Beispiel der Stresslevel durch Umbrüche der Lebenssituation, unpassende oder überfordernde Lebenssituationen oder Krankheit zu groß ist oder weil die Anforderung zu hoch ist.

In beiden Varianten stellt die Grenze eine Beschränkung oder Einengung dar. Eingeschränkt werden fühlt sich unangenehm an, ist frustrierend und kann durchaus auch wütend machen.

Dieser Hund zeigt deutlich, dass er das Umarmtwerden als unangenehme Einschränkung empfindet – wie übrigens die meisten Hunde.

2. Der Ruf nach Grenzen in der Hundeerziehung

Im Zusammenhang mit Hundeerziehung wird der Ruf nach Grenzen meist in dem Sinne genutzt, dass es um Einengung und Beschränkung geht. In der Regel geht es darum, dass der Halter seinem Hund eine Grenze setzt, wenn dieser aus Sicht des Menschen unerwünschtes Verhalten zeigt, das stört oder eventuell auch gefährlich ist. Das unerwünschte Verhalten soll abgestellt werden, indem der Hund seine Grenzen aufgezeigt bekommt. In diesem Zusammenhang fallen die Sätze wie „bis hierher und nicht weiter“, „jetzt reichts aber“, „der (gemeint ist der Hund) weiß genau, dass er das nicht soll“ oder „der muss doch wissen was falsch ist“, „das darf der doch nicht, das ist gefährlich“. Der Fokus liegt dabei auf den Verhaltensweisen des Hundes, die der Mensch als störend empfindet oder die tatsächlich gefährlich werden könnten.

Warum haben Menschen das Gefühl, Grenzen setzen zu müssen?

Es kann unterschiedliche Gründe haben, warum ein Mensch das Verhalten seines Hundes als störend empfindet und verändern möchte. Viele Hundehalter möchten ihre Hunde so erziehen, dass sie niemand belästigen oder schaden. Sie wollen Verantwortung dafür übernehmen, dass ihr Hund in seinem Lebensumfeld für niemanden eine Gefahr oder Belastung darstellt. Die Katze des Nachbarn soll nicht gescheucht werden, die Kindergartenkinder von nebenan sich sicher fühlen können, der Jogger oder Radfahrer gefahrlos am Hund vorbeikommen. Wenn dieses Ziel erreicht werden kann, ist das für alle Beteiligten ein Gewinn.

Vorstellung und Wirklichkeit

Manchmal sind die unbewussten Idealvorstellungen des Hundehalters, wie schnell ein Hund das alles lernen kann, sehr ambitioniert. Die Erkenntnis, dass Verhaltenstraining geplant und kleinschrittig aufgebaut werden muss und auf viele unterschiedliche Situationen und Erregungszustände übertragen und generalisiert werden muss, ist anfänglich häufig nicht vorhanden und reift erst im Laufe der Zeit. Frust und Ärger sind vorprogrammiert.

Manchmal sind die Idealvorstellungen, was der eigene Hund können soll, weit von dem entfernt, was er zu diesem Zeitpunkt leisten kann. So würde der Hundehalter seinen Hund gerne immer und überall frei laufen lassen können. Der Hund jagt aber gerne oder rennt freudig zu allen entgegenkommenden Hunden und/oder Menschen hin. Oder der Hundehalter wünscht sich sehr, dass der eigene Hund von allen Menschen jederzeit gestreichelt werden kann, was dieser aber mit Abwehrverhalten vereitelt. Die Diskrepanz zwischen der Wunschvorstellung des Halters und dem Verhalten des Hundes kann ebenfalls Frust und manchmal sogar Wut beim Menschen auslösen. Genau genommen liegt hinter dem Frust und hinter der Wut die Trauer über die geplatzten Traumvorstellungen. Dies umso mehr, wenn sich im Laufe der Zeit vielleicht herausstellt, dass der Hund auch langfristig die Erwartungen nur sehr schwer oder gar nicht wird erfüllen können. Gesellt sich die Idee dazu, dass über die „richtige“ Erziehung auch alles erreicht werden kann, steigt der Druck für alle Beteiligten, weil der Hundehalter sich unfähig oder inkompetent erlebt, wenn dies nicht oder nur eingeschränkt gelingt.

Menschen haben Wunschvorstellungen, wie ihr Hund sich verhalten soll und vergleichen schnell mit anderen Hunden. Erfüllen sich diese Erwartungen nicht, empfinden Menschen Frust und Wut, weil sie um ihre Träume trauern. Das kann erheblichen Handlungsdruck verursachen.

Immer wieder erleben Hundebesitzer auch, dass ihnen die „Schuld“ am Verhalten ihres Hundes gegeben wird. Wer seinen Hund „richtig“ erzieht, hat solche Schwierigkeiten nicht. Da muss man einfach mal richtig durchgreifen. Wer eine gute Bindung zu seinem Hund hat, genug Sicherheit ausstrahlt, selbstbewusst genug auftritt, dem Hund genug Sicherheit gibt, hat einen Hund, der zuverlässig folgt und keine „Probleme“ macht. Scham- und Schuldgefühle können dadurch entstehen und wachsen und schaffen zusätzlichen Handlungsdruck.

Interpretieren und bewerten

Es passiert schnell, dass Hundehalter das Verhalten des Hundes als nervig, ungebührlich, frech, dominant, unverschämt, unverständlich, unmöglich, vorsätzlich, einschränkend, aufsässig, unpassend, absichtlich, gegen den Menschen gerichtet und so weiter bewerten. Diese Bewertung löst beim Hundehalter Gefühle wie Frustration, Ärger oder Wut über das Hundeverhalten aus, was sich in den oben genannten Sätzen ausdrückt. Mit der Frage, ob Hunde solche Absichten überhaupt haben können, befassen wir uns später noch eingehend.

Oder Hundehalter haben schon in das Training ihres Hundes investiert und erwarten, dass er zu jeder Zeit gelernte Signale befolgen kann. Sie sind enttäuscht und frustriert, vielleicht auch resigniert und hilflos, wenn ihr Hund in bestimmten Situationen dann doch nicht auf ein Signal hört und bewerten dies als absichtliche, ungehorsame oder widersetzliche Handlung des Hundes. Es kann sehr frustrierend sein, zu üben und zu trainieren und dann zu erleben, dass es Situationen gibt, in denen das Geübte dennoch nicht funktioniert.

Unsicherheit und Sorge

Und immer wieder spielen auch Unsicherheit und Angst beim Menschen eine Rolle, wenn der Ruf nach Grenzen für den Hund laut wird. Sie haben vielleicht in Büchern oder in der Hundeschule gelernt, dass das Nichtbefolgen von Signalen eine Missachtung ihrer Chefposition sei und es gefährlich sei, wenn der Hund nicht endlich lernen würde, sich unterzuordnen. Sie greifen dann durch, manchmal gegen das eigene Bauchgefühl, weil sie große Angst haben, dass ihnen ihr Hund sonst irgendwann nur noch auf der Nase herumtanzt. Bei jagenden Hunden oder Hunden, die starkes Abwehrverhalten gegenüber anderen Hunden oder Menschen zeigen, ist die Angst der Halter häufig groß, dass ein Lebewesen irgendwann einmal schwer verletzt werden könnte. Hier entsteht viel Handlungsdruck für den Menschen.

Die unangenehmen Emotionen beim Hundehalter sind ein guter Nährboden dafür, dass Menschen Trainingswege annehmen, die das störende Verhalten des Hundes sehr in den Fokus nehmen und über Strenge und unangenehme Einwirkungen auf den Hund abstellen sollen.

Ein in Schlüsselsituationen nicht gehorchender Hund baut verständlicherweise großen Druck bei seinem Halter auf. Dieser erhöht die Bereitschaft, zu rabiaten Methoden zu greifen – was das Problem aber nicht löst, sondern langfristig eher verschlimmert. Atmen Sie durch! Es gibt andere Lösungen!

Was bedeutet Grenzen setzen für den Trainingsansatz?

Die Forderung, dass Hunde Grenzen brauchen, ist häufig gepaart mit Trainingstechniken, die das unerwünschte Verhalten unterbrechen sollen. Sehr oft wird dieses Vorgehen in der Trainingsliteratur oder von Hundefachleuten damit begründet, dass der Hund dominant sei und wissen müsse, wo er in der Rangordnung stehe. Es gibt immer noch etliche Trainingskonzepte, die auf der Basis von Dominanz- und Rangordnungsvorstellungen entwickelt und gestaltet werden. In der Praxis bedeutet dies dann häufig, dass das unerwünschte Verhalten abgewartet oder sogar provoziert wird, um dann durch Einwirkungen abgestellt zu werden, die für den Hund unangenehm, erschreckend oder gar schmerzhaft sind. Die Palette der Einwirkungen hat eine weite Streuung: Da wird der Hund an der Leine weitergezerrt, der Hund wird angeschrien, gezwickt, getreten, mit Wasser bespritzt, angezischt, mit Gegenständen beworfen, körpersprachlich bedrängt, abgedrängt, mit einem Leinenruck bedacht und vieles mehr. Es werden Hilfsmittel eingesetzt, die schmerzhaft auf den Körper einwirken oder unangenehme Geräusche machen. Meist wird die Einwirkung dann beschönigend anders genannt, sodass nicht immer direkt deutlich wird, über welchen Wirkmechanismus gearbeitet wird. Es sei Kommunikation mit dem Hund, Hunde machen das untereinander auch so, das tut nicht weh, es ist wichtig, dass der Hund weiß, wo sein Platz in der Rangordnung ist, es stärkt die Bindung, es ist artgerecht.

Bindung entsteht nicht durch Machtdemonstrationen!

Für mich muss klar unterschieden werden, ob solche Einwirkungen bewusst als Trainingsmittel zur Verhaltensänderung eingesetzt werden oder ob einem Hundehalter einfach mal die Nerven blank liegen und die Impulskontrolle versagt und er dann aus der Haut fährt. Als Trainingsmittel sind diese Maßnahmen nicht sinnvoll und zielführend, wie wir später noch ausführlich besprechen werden.