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»Lassen Sie sich mit der Grenzfall-Serie auf die dunkle Seite der Alpen entführen. Allerfeinste Krimiunterhaltung!« Romy Fölck Das Böse sprengt jede Grenze – der sechste Band der SPIEGEL-Bestseller-Serie um das deutsch-österreichische Ermittlerteam Alexa Jahn und Bernhard Krammer Bei Oberkommissarin Alexa Jahn steht das Telefon nicht mehr still. In der Grenzregion Karwendel sind in Folge heftiger Unwetter die Flüsse über die Ufer getreten, und die Wassermassen reißen alles mit sich. Zahlreiche Personen gelten bereits als vermisst, und es werden von Minute zu Minute mehr. Auch auf österreichischer Seite wütet der Sturm, doch Chefinspektor Bernhard Krammer, der nach einer Verletzung im Dienst noch nicht wieder voll im Einsatz ist, versucht einen kühlen Kopf zu bewahren. Als kurz darauf ein Toter in einer Schlucht gefunden wird, stellen die Einsatzkräfte fest, dass der Mann nicht ertrunken ist. Er wurde ermordet. Wer hat das Chaos ausgenutzt, um ihn zu töten? Alexa Jahn nimmt trotz der kritischen Lage sofort die Ermittlungen auf. Und gerät dabei mitten in eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes, die vor vielen Jahren ihren Anfang nahm. Jeder Band der SPIEGEL-Bestsellerserie behandelt einen eigenständigen und abgeschlossenen Fall, alle Bände können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2026
Anna Schneider
Ihr Grab in den Fluten
Kriminalroman
Der sechste Fall für das deutsch-österreichische Ermittlerteam Alexa Jahn und Bernhard Krammer
Bei Oberkommissarin Alexa Jahn steht das Telefon nicht mehr still. In der Grenzregion Karwendel hat ein heftiges Unwetter zu zahlreichen Überflutungen geführt. Die Wassermassen reißen alles mit sich, viele Personen gelten als vermisst. Auch auf österreichischer Seite wütet der Sturm, doch Chefinspektor Bernhard Krammer versucht wie seine deutsche Kollegin einen kühlen Kopf zu bewahren.
Als kurz darauf ein Toter in einer Schlucht gefunden wird, stellen die Einsatzkräfte fest, dass der Mann nicht ertrunken ist. Er wurde ermordet. Wer hat das Chaos ausgenutzt, um ihn zu töten?
Alexa Jahn nimmt trotz der kritischen Lage sofort die Ermittlungen auf. Und gerät dabei mitten in eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes, die vor vielen Jahren ihren Anfang nahm.
»Hochspannung in Kombination mit besonderen Figuren ist ein absoluter Garant für atemlose Lesespannung!« Carola Kruse, Krimikiste
Die »Grenzfall«-Serie bei FISCHER:
»Grenzfall – Der Tod in ihren Augen«, »Grenzfall – Ihr Schrei in der Nacht«, »Grenzfall – In der Stille des Waldes«, »Grenzfall – In den Tiefen der Schuld«, »Grenzfall – Ihre Spur in den Flammen«, »Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten«
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Schon als Kind lauschte Anna Schneider im Wirtshaus ihrer Großmutter gern den Geschichten der Gäste. Bald entwickelte sie eine Vorliebe für Kriminalfälle, bewarb sich nach dem Abitur sogar bei der Polizei, wurde aber abgelehnt. Zum Glück, denn so kam sie zum Schreiben. Für ihre Thriller lässt sie sich gern im Alltag inspirieren. So auch für die »Grenzfall«-Serie: Eine Zeitungsmeldung über einen vermissten Wanderer in Lenggries brachte sie auf die Idee. Die Nähe zur österreichischen Grenze tat ihr übriges. Die Serie spielt in beiden Ländern, Deutschland und Österreich, und lässt zwei gegensätzliche Ermittler aufeinandertreffen, die erst als Team zusammenzuwachsen müssen. Anna Schneider lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Redaktion: Carlos Westerkamp
Covergestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign
Coverabbildung: Johannes Wiebel unter Verwendung von Motiven von Adobe Stock
ISBN 978-3-10-491958-4
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Prolog
Teil 1
[Brief]
1. Kapitel
2. Kapitel
Im Verborgenen
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
Mitten im Sturm
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
In der Höhe
9. Kapitel
10. Kapitel
In der Höhe
11. Kapitel
12. Kapitel
Mitten im Sturm
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Teil 2
[Brief]
16. Kapitel
In der Höhe
17. Kapitel
Mitten im Sturm
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
In der Höhe
Teil 3
[Brief]
23. Kapitel
24. Kapitel
In der Höhe
Mitten im Sturm
25. Kapitel
26. Kapitel
In der Höhe
27. Kapitel
In der Höhe
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
In der Höhe
Teil 4
[Brief]
31. Kapitel
In der Höhe
32. Kapitel
In der Höhe
33. Kapitel
Mitten im Sturm
34. Kapitel
In der Höhe
Teil 5
[Brief]
35. Kapitel
In der Höhe
36. Kapitel
Mitten im Sturm
37. Kapitel
In der Höhe
38. Kapitel
Im Verborgenen
39. Kapitel
In der Höhe
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
In der Höhe
43. Kapitel
44. Kapitel
Dank
[Leseprobe]
Prolog
[Newsletter]
Der Wecker stand auf 3.13 Uhr, als sie von einem gellenden Schrei geweckt wurde. Irritiert schob sich Sabine in der engen Schlafnische hoch. Sie hatte sich fest in ihr Bettzeug eingewickelt, wie in einen Kokon, um bei dem schrecklichen Sturm überhaupt einschlafen zu können. Angestrengt lauschte sie nach draußen, was einigermaßen schwierig war, denn es regnete noch immer in Strömen. Wie Trommelschläge hämmerten die Tropfen auf das Dach des Wohnmobils und lösten erneut ein Gefühl der Beklemmung bei ihr aus.
Was war das für ein Geräusch gewesen, woher war es gekommen? Oder hatte sie es nur geträumt?
Sie schlang sich die Decke um die Schultern, schob die Füße in ihre Crocs, stand auf und versuchte in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen. Die Lichter des Hofs, der unweit ihres Standplatzes am Ende des Schotterwegs lag, waren längst gelöscht.
Ein lauter Donnerschlag hallte durch das Tal, der Wind peitschte die Bäume wie Grashalme von einer Seite zur anderen. Ein Blitz zuckte aus den tief hängenden Wolken und erhellte kurz die nähere Umgebung. Ein dicker Ast, der ein Opfer des Sturms geworden war, lag quer über dem Weg.
»Vielleicht habe ich mich einfach getäuscht«, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie war keine ängstliche Person und machte sich nun schon den dritten Sommer allein auf den Weg – seitdem die Scheidung durch und die Kinder aus dem Haus waren. Nach den verregneten Wandertouren in Schottland hatte sie dieses Mal das Zelt gegen den Camper getauscht und wollte über Bayern und Österreich nach Italien. Und jetzt hatte sie auch hier derartiges Pech mit dem Wetter, das einfach nicht besser wurde.
Vielleicht sollte sie wieder umkehren, lieber das Geld für das gemietete Wohnmobil sparen und Urlaub auf Balkonien machen.
Sie schaltete den Wasserkocher ein, um sich einen Tee zu kochen. Ihr war eiskalt, und eine seltsame Stimmung hatte sie ergriffen, seit sie vorhin aufgeschreckt war. Als am Abend der Regen in Sturm umschlug, hatte sie überlegt, auf dem Hof um ein Nachtlager zu bitten. Aber der Hund, der direkt neben dem Stall angekettet war und tief geduckt mit gesträubtem Nackenfell in Richtung ihres Fahrzeugs lief, hatte sie sofort umkehren lassen.
Es würde schon vorbeigehen, hatte sie entschieden. Schließlich konnte der Sturm nicht ewig dauern. Das war vor sechs Stunden gewesen. Und es schien nicht besser zu werden.
Im Gegenteil.
Als das Wasser heiß war, goss sie es in die Tasse und konzentrierte sich auf den Duft der Kräutermischung, die sie abends gerne vor dem Einschlafen trank. Sie schloss die Augen und konnte die Zimt- und Vanillearomen riechen. Ihr Herzschlag beruhigte sich gerade, als es ihr mit einem Mal so vorkam, als würde der Camper wackeln. Sie stützte sich mit den Händen ab.
Das Trommeln über ihr wurde unvermittelt lauter, immer wieder knallte es heftig auf dem Metalldach.
»Scheiße«, murmelte sie und kletterte nach vorne in die Fahrerkabine. Hagelkörner groß wie Murmeln entluden sich aus den schwarzen Wolkentürmen. Sie hoffte, dass sie keinen Schaden am Fahrzeug verursachten, und verfluchte sich, dass sie sich von diesem dämlichen Hund hatte vertreiben lassen. In der riesigen Scheune hätte sie ganz sicher das Wohnmobil unterstellen dürfen. Sie leuchtete mit ihrer Taschenlampe nach draußen, konnte aber nicht erkennen, ob es bereits Dellen gab. Dicke weiße Kugeln prallten von den Flächen ab, hüpften zu allen Seiten weg.
Sie starrte zum Himmel, versuchte die Schwärze zu durchdringen. Das Gewitter hing regelrecht über dem Tal fest. Breite Rinnsale liefen über den schlammigen Weg, und sie hoffte bloß, dass er nicht abrutschen würde, denn das Gelände war leicht abschüssig. Aber der Bauer fuhr sicher häufiger mit schwerem Gerät hier entlang, vermutlich machte sie sich viel zu viele Sorgen.
Besser, sie verkroch sich mit dem Tee wieder ins Bett und streamte zur Ablenkung einen Film. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und seufzte schwer. Natürlich, was auch sonst: Sie war in einem Funkloch. Wenn es schieflief, dann so richtig. Das war schon immer der Fluch ihres Lebens gewesen: Glück verflüchtigte sich bei ihr schnell.
Als sie gerade den Beutel aus dem heißen Wasser fischte, tat es draußen einen heftigen Schlag. Vor Schreck stieß sie sich an dem Hängeschrank über der Spüle den Kopf.
War jetzt der ganze Baum umgekippt, von dem der Ast stammte? Sie hätte besser nicht am Rand des Feldwegs parken sollen.
Sie versuchte aus dem Seitenfenster etwas zu erkennen. Dann ging sie nach hinten, kletterte auf ihr Bettlager, zog den Vorhang zur Seite und spähte aus dem Rückfenster. Ihr war, als würde sie eine Bewegung sehen. Dicht beim Fahrzeug. Schnell schob sie den Vorhangstoff zurück und löschte das Licht. Ihr Herzschlag raste.
Nur das Handydisplay erleuchtete das Wageninnere. Noch immer kein Empfang. Sie hielt es hoch, obwohl sie wusste, dass das nichts ändern würde. Damit konnte sie keine Hilfe rufen.
Schließlich eilte sie nach vorne. Der Bauernhof. Ihre einzige Rettung. Wenigstens hatte der Hagel aufgehört.
Erneut zuckte ein heller Blitz aus dem Himmel, dann gleich darauf ein zweiter, das Licht brach sich in der Frontscheibe. Jetzt erkannte sie das Wohngebäude und den riesigen Stall. Der Platz davor war leer, auch von dem Hund war nichts zu sehen. Aber auf einmal bemerkte sie etwas. Seitlich.
Für einen Augenblick vergaß sie ihre Angst und ihre Bedenken, hielt ihr Gesicht ganz nah an die Scheibe. Sie hoffte, ihre Augen würden sich so schneller an die Dunkelheit gewöhnen. Einen Moment später war sie ganz sicher: Da war ein Lichtkegel. Nahe dem Haus auf einem Feld. Er schien direkt aus der Erde zu kommen und war nach oben gerichtet, sie sah deutlich den Schleier, den der nächste böige Regenschauer verursachte.
Aber wie konnte das sein? Was war da unten?
Plötzlich ertönte erneut ein lauter Schrei. Dieses Mal war sie sicher: Es war kein gebrochener Ast, kein Traum. Sie war wach, und das, was sie wahrnahm, war real.
Wieder rannte sie zum Seitenfenster, hörte den Donner hallen, wartete auf den nächsten Blitz, damit sie etwas sehen konnte.
»Komm schon«, sagte sie ungeduldig. Die Sekunden krochen dahin, sie stand ganz dicht vor der Scheibe. Wieder ein Schlag an der Außenwand, dann tauchte plötzlich direkt vor ihr ein Gesicht auf. Ein Mann mit Glatze. Sie schrie auf, taumelte zurück, ließ sich auf den Boden sinken, versuchte ganz still zu sein, hielt sich die Hände vor die Augen, auch wenn sie wusste, dass das nichts nutzte. Sie traute sich nicht, sich zu bewegen.
Sie hatte alles verriegelt, in der Fahrerkabine waren die Türen sogar zusätzlich mit einem Spanngurt gesichert. Hier kam keiner rein, versuchte sie sich zu beruhigen.
Das Blut rauschte ihr in den Ohren, ihre Gedanken rasten. Jedes Mal, wenn sie blinzelte, sah sie das grimmige Gesicht des Mannes vor sich.
Dann hämmerte jemand an die Tür. Sie war panisch, ihr war eiskalt, aber sie zwang sich hinzusehen. Der Riegel bewegte sich nicht.
Was tat der da draußen? Suchte er etwas, um die Tür einzurammen? Oder machte er sich vielleicht an den Reifen zu schaffen?
Ihr Atem ging stoßweise. Dieser Schrei war nicht von einem Mann gekommen. Sondern von einer Frau. Und sie schrie um ihr Leben.
Sie musste hier weg.
Langsam kroch sie nach vorne, konzentrierte sich auf das Innere des Campers, schob ihre zitternden Beine über den Fahrersitz und versuchte einen ruhigeren Atemrhythmus zu finden. Sie ließ den Gurt einrasten, dann fixierte sie den rechten Seitenspiegel, wo gerade noch der Mann gewesen war.
Nichts.
Der Wind schien abzuebben.
Jetzt oder nie.
Noch einmal starrte sie in den Seitenspiegel. Niemand zu sehen.
Der Wagen sprang sofort an. Die Scheinwerfer ließ sie noch aus. Sie legte den Gang ein und setzte zurück. Das Licht, das in der Nähe des Hofes aus der Erde kam, war immer noch da, und es schien ihr, als würde sich nun etwas oder jemand darauf zubewegen.
Sie wendete, trat das Gaspedal durch, Splitt spritzte beim Anfahren an den Unterboden, aber das war ihr egal. Sie würde keine Sekunde länger allein hier draußen bleiben.
Die Scheibenwischer kämpften mit den Regenfluten, sie konnte kaum etwas sehen. Sie durfte keinen Unfall riskieren. Endlich wagte sie, die Scheinwerfer anzumachen. Die nächste Ortschaft war ungefähr fünfzehn Minuten entfernt.
Bis dahin würde sie es wohl schaffen.
Zumindest hoffte sie das.
Der Sturm
Meine geliebte Tochter,
die ich nie kennenlernen durfte. Wenn du deinem Vater nur ein klein wenig ähnelst, wirst du wütend auf mich sein, wenn du diese Zeilen liest. Oder zutiefst verletzt.
Und das völlig zu Recht.
Ich verstehe ja selbst nicht, wie alles so schieflaufen konnte – und es gibt keine Entschuldigung dafür. Ich schäme mich, dir gegenüber zuzugeben, was ich getan habe. Das macht meine Fehler nicht wett. Aber ich möchte, dass du weißt, dass es mir nie an Liebe zu dir gemangelt hat.
Was mir fehlte, war Mut.
Es wäre viel leichter, alles auf sich beruhen zu lassen, einfach das falsche Spiel weiter mitzuspielen. Zu schweigen. Wie ich es tat, seit du auf der Welt bist. Aber falls du diesen Brief einmal lesen wirst, will ich vor allem eins: dass du die Wahrheit erfährst. Schonungslos.
Das bin ich dir schuldig.
Und es ist das Letzte, was ich für dich tun kann.
Für uns.
Ich gehe davon aus, dass sie dir nie von mir erzählt haben, denn sonst würdest du wissen, wo ich bin und unter welchen Umständen ich lebe. Aber falls sie es doch getan haben, werden sie dir Lügen aufgetischt haben.
So, wie sie mich einst getäuscht hatten. Und ich arglos in die Falle tappte.
Meine Hand zittert bei der Vorstellung, deine Augen würden meinen Worten auf dem Papier folgen. Ich versuche mir dein Gesicht beim Lesen vorzustellen, deine Haltung, deine Mimik. Obwohl ich schon seit Jahren darauf hoffe, mit dir sprechen zu dürfen, fällt es mir jetzt dennoch schwer, die richtigen Worte zu finden.
Ich weiß ja nicht einmal, wie du mittlerweile aussiehst.
Ich kenne nur deine Stimme. Von Zeit zu Zeit konnte ich sie hören. Wenigstens glaube ich, dass du das warst. Allein das gab mir Kraft durchzuhalten. Und auch wenn ich nie wirklich daran geglaubt habe, dich je sehen zu dürfen, hielt mich nur eines am Leben: die Hoffnung, dir vielleicht doch irgendwann einmal gegenüberzustehen. Dieser Gedanke war gleichzeitig mein bester Freund und mein ärgster Feind.
Ohne dich hätte ich sicher schon vor Jahren aufgegeben.
Noch halte ich am Leben fest.
Wenigstens in diesem Moment.
In Liebe
M.
Das durchdringende Geräusch des Katastrophenalarms schrillte von sämtlichen Handys durch den Raum. Alexa Jahn tastete nach dem Gerät, um es auszuschalten, nahm das Headset ab und dehnte die Schultern.
»Damit hatte ich die ganze Zeit gerechnet«, konstatierte ihr Kollege Florian Huber, der ebenfalls seine Kopfhörer abgenommen hatte und ans Fenster trat, an dem das Wasser in Rinnsalen hinablief. »Viel zu spät, wenn du mich fragst.«
»Was passiert jetzt?«, wollte Alexa wissen, die noch nie während einer Naturkatastrophe im Einsatz war. Doch ein Anruf hielt Huber von der Antwort ab.
Im Frühjahr, kurz nach Beginn ihres Dienstes in der Kriminalpolizeiinspektion Weilheim, hatte es zwar schon einen unerwarteten und heftigen Schneeeinbruch gegeben. Aber das, was sie an diesem Morgen erlebten, war nichts im Vergleich dazu: Den gesamten Vortag und die komplette Nacht über waren immer wieder massive Wolkenbrüche niedergegangen. Es hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden so viel geregnet wie sonst über mehrere Wochen hinweg.
Und auch jetzt schüttete es unaufhörlich weiter, aus hoch aufgetürmten, grauschwarzen Wolkenbergen, die den Boden fast zu berühren schienen, sich aber kaum bewegten. Das Unwetter hatte sich regelrecht festgesetzt. Es handelte sich um ein Wetterphänomen, das es in dieser Gegend noch nie gegeben hatte. Die Meteorologen hatten das Zusammentreffen einer Kältewelle aus dem Norden und einer Warmfront aus dem Süden zwar bereits am Vortag angekündigt, aber gegenüber den gestrigen Prognosen hatte es sich weitaus verschlimmert, was auf Veränderungen des Jetstreams zurückzuführen war.
Und laut den aktualisierten Vorhersagen zog schon die nächste Sturmfront auf.
Zunächst hatte Alexa die Berichterstattung bloß als neue Sensationsmache der Medien abgetan. Die Schneepeitsche, der Dürresommer – auch wenn sich das Klima im letzten Jahrzehnt fühlbar verändert hatte, half es in ihren Augen nicht, jedes Wetterphänomen gleich zur Katastrophe zu erklären. Aber die Pegelstände waren durch die extremen Niederschläge rasant angestiegen, und seit Tagesanbruch häuften sich die Meldungen von vermissten Personen. Zumeist konnten sie nicht überprüfen, ob diese wirklich verschwunden waren oder einen größeren Umweg in Kauf nahmen, um sicher ans Ziel zu kommen. Zudem war in den Waldgebieten die Netzabdeckung ohnehin oft schlecht.
In einigen Häusern in der Nähe von Flussläufen ließen sich die Eingangstüren durch die Überflutungen und den Schlamm schon nicht mehr öffnen, und die Bewohner waren aufgefordert worden, sich zur Sicherheit in höhergelegenen Etagen aufzuhalten. Autofahrer waren ebenfalls von den Wassermassen überrascht worden und erkundigten sich nach befahrbaren Routen.
»Sakra!«, rief Huber und riss sich das Headset vom Kopf.
Alexa wartete geduldig darauf zu erfahren, was ihren Kollegen so aus der Ruhe gebracht hatte. Er brauchte manchmal etwas Zeit, und sie hatte gelernt, mit seiner Schweigsamkeit umzugehen.
»Gerade kam die korrigierte Meldung rein. Für die folgenden zwei Tage sind weitere Niederschläge vorhergesagt. Zwei Tage. Weißt du, was das heißt?« Er starrte sie an und schüttelte den Kopf.
Alexa ahnte, worauf er anspielte. Bilder aus anderen Gebieten, wo es extreme Überflutungen gegeben hatte, gerieten ihr sofort in den Sinn. Aber sie war noch an keinem solchen Szenario direkt beteiligt gewesen.
»Die Landrätin übernimmt in diesen Fällen das Kommando«, erklärte ihr Huber. »Da sie und Brandl sich schon ewig kennen, vermute ich, sie wird ihm die Koordination der Einsatzkräfte übertragen. Faktisch also uns. Insofern war es definitiv eine gute Idee, dass wir gestern hiergeblieben sind. Wer weiß, ob wir ansonsten überhaupt hierhergekommen wären. Die Straßenlage ist schon jetzt eine Katastrophe.«
»Du willst mir damit aber nicht sagen, dass wir hier festsitzen?«, fragte Alexa und versuchte das Gefühl der Beklemmung zu unterdrücken, das diese Vorstellung in ihr auslöste. Huber schwieg, aber Oskar hob schon den Kopf, streckte sich, trottete auf sie zu und lehnte seinen Körper an ihr Bein. Nur gut, dass sie ihn neuerdings mit ins Büro nehmen durfte. Sie tätschelte seinen Kopf und spürte, wie ihr seine bloße Anwesenheit half, sich zu beruhigen.
Gemeinsam mit Huber hatte sie am Vorabend, als es bereits erste Hinweise auf mögliche Schlammrutsche und Überschwemmungen gab, beschlossen, dass es keinen Sinn ergab, nach Hause zu fahren. Inzwischen stand weder bei ihnen noch bei der Leitstelle das Telefon still. Aber die Anrufe stammten nicht nur von Menschen, die unterwegs waren und nicht weiterkamen. Im Minutentakt meldeten sich Verzweifelte, die nicht wussten, wo sie Hilfe finden konnten. Von besorgten Erwachsenen, die ihre gebrechlichen Eltern nicht erreichen konnten, über Frauen, deren Männer noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt waren, bis hin zu Müttern und Vätern, die ihre Kinder suchten.
Natürlich waren in erster Linie die Kollegen des Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerks und der Feuerwehren betroffen. Aber in dieser Lage kam es auf jede und jeden von ihnen an. Und so waren Huber und sie sich schnell einig gewesen, zu bleiben und ihren Teil dazu beizutragen.
Sie hatten sich Pizza bestellt und sich abwechselnd für ein paar Stunden auf dem schmalen Campingbett hingelegt, das Huber im Büro deponiert hatte, als der Ehestreit mit seiner Frau eskaliert war. Das war zwar nun schon Wochen her, aber Alexa vermutete, dass er immer noch gelegentlich über Nacht hierblieb. Vielleicht deprimierte ihn die Leere in seinem Zuhause zu sehr, seit seine Ex mit den Kindern zu einem anderen Mann gezogen war und er Milena und Tim nur alle vierzehn Tage an den Wochenenden bei sich hatte. Er sprach nicht darüber, und Alexa akzeptierte sein Schweigen.
»Klaus Ott ist bisher jedenfalls noch nicht eingetroffen«, sagte Huber jetzt. »Es fehlt jede Spur von ihm. Ich habe es schon einige Male versucht. Ich wollte ihn bitten, früher zu kommen, aber bisher erreiche ich immer nur die Mailbox.«
Alexa nickte und hoffte, es würde am überlasteten Netz liegen. Oder dass auch der Kollege irgendwo feststeckte, wo es keinen Empfang gab.
»Fehlt sonst noch jemand?«
Huber zuckte mit den Schultern. »Stein hat ein paar Tage Urlaub und ist meines Wissens verreist. Brandl ist heute für alle Fälle daheim bei seiner Frau geblieben. Wahrscheinlich muss der Ott bloß einen Umweg machen und verspätet sich. Nur Lotti und der Biberger sind außer uns da.« Ein grünes Licht zeigte an, dass wieder ein Anruf hereinkam. Bevor er das Headset über die Ohren schob, setzte er noch nach: »Aber mach dir um den Klaus mal keine Sorgen. Die Otts stammen aus der Gegend, der hat schon ganz anderes erlebt.«
»Ich koch uns schnell eine Kanne Kaffee«, sagte Alexa und stand auf, um sich für einen Moment die Beine zu vertreten. Sie wollte nicht, dass Huber ihre Unruhe bemerkte. Oskar kehrte zu seiner Decke zurück, drehte sich einmal darauf im Kreis und ließ sich dann mit einem wohligen Laut nieder.
Während sie in der Teeküche an der Kaffeemaschine wartete, zückte Alexa ihr Handy und checkte die Nachrichten. Was sie schon bald darauf bereute.
Die Bilder, die vom Katastrophenschutz übermittelt wurden, konnte ihr Verstand kaum fassen. Kleinere Flussläufe machten in Bayern neunzig Prozent der Gewässer aus. Die Ammer war eigentlich nur ein mittelgroßer Wildfluss. Sie entsprang in den bayerischen Alpen, floss durch Ober- und Unterammergau sowie das Voralpenland, passierte die Ammerschlucht und mündete schließlich in den nach ihr benannten See. Nun war sie über die Ufer getreten, hatte sich aber obendrein mit den kleineren Flüssen und Bachläufen verbunden und glich auf der Höhe des Raistinger Beckens mittlerweile einem breiten Strom. Zwar hatte man in den letzten Jahren einige Maßnahmen zur Renaturierung des Gebiets unternommen, aber diese griffen längst noch nicht.
Bereits jetzt rissen die Wassermassen vieles mit sich: Äste und Baumstämme, Müllcontainer, sogar Fahrzeuge tanzten wie Treibholz auf den schlammigen braunen Fluten – und womöglich hatte es auch einige Menschen erwischt, die sich entweder nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten oder trotz aller Warnungen versuchten, ihr Hab und Gut zu retten. Und wenn es noch zwei Tage weiterregnen würde …
Rasch steckte Alexa ihr Handy weg. Es machte nichts besser, wenn sich ihre Stimmung weiter verdüsterte. Sie musste jetzt die Nerven bewahren, ihr Unwohlsein beiseiteschieben und versuchen, die Menschen, die jemanden vermissten, zu beruhigen. Noch vor ein paar Minuten war sie allerdings nur von einer einigermaßen chaotischen Verkehrssituation ausgegangen. Jetzt war sie jedoch sicher, dass es Tage dauern würde, bis sie genau wussten, wie viele Todesopfer und Verletzte es unter den Vermissten gab. Und sie konnten von Glück sprechen, dass diese Gegend nicht so dicht besiedelt war. Es blieb zu hoffen, dass die meisten längst in Sicherheit waren.
Sie schaute aus dem Fenster, wo es trotz der frühen Uhrzeit noch stockfinster war. Wenigstens hatte das Gewitter aufgehört, das in der Nacht mehrere Stunden über der Ebene gewütet hatte, mit Sturmböen und Hagelschauern. Wenn doch nur der Regen endlich nachließe …
Rasch wandte sich Alexa ab und beobachtete stattdessen die dunkle Flüssigkeit, die langsam durch den Filter rann. Natürlich gab es online eine Liste aller Anrufer, mitsamt einer kurzen Beschreibung des Inhalts der Telefonate. Aber mittlerweile waren es viel zu viele – und es fiel schwer, den Überblick zu behalten. Wenn der Strom ausfiel, wären sie geliefert. Am besten würde ihre Kollegin Lotti, die für die Sachbearbeitung zuständig war, die Liste ausdrucken und von sämtlichen Vermissten den Namen sowie ihren letzten Aufenthaltsort an einer Pinnwand visualisieren.
Sie ging in Lottis Zimmer, brachte ihre Bitte vor, dann holte sie die Thermoskanne und kehrte in das Büro zurück, das sie sich mit Huber teilte. »Gibt es was Neues?«
Er nickte. »In Teilen unseres Einsatzbereiches ist der Strom weg.«
Sie hatte es geahnt. »Ist auch der Mobilfunk betroffen?«
»Bisher nicht«, antwortete Huber. »Aber es fahren keine Züge mehr. Die Straßen im Weilheimer Moos und im Raistinger Becken sind wohl mittlerweile unpassierbar. Wenn jetzt auch noch das Handynetz zusammenbricht, sind die Leute dort draußen buchstäblich von der Außenwelt abgeschnitten.«
Nur noch einmal um die Ecke, dann hätte Bernhard Krammer sein Ziel erreicht. Der Wind zerrte hartnäckig an seinem Schirm, bis er ihn schließlich kampflos dem Sturm überließ, den Mantelkragen hochstellte und die letzten Meter im Laufschritt zurücklegte.
Regenböen klatschten ihm ins Gesicht, immer wieder flog etwas an ihm vorbei: Tüten, Teile von Zeitungen, abgerissene Blätter. Fast als wäre nach einem verregneten Sommer über Nacht der Herbst nach Innsbruck gekommen. Krammer nahm eilig die fünf Stufen zum Eingang und schob endlich die Tür zum Café Central auf, aus dessen Innerem ihm wohlige Wärme entgegenschlug. Ein Windstoß fegte ein paar Blätter in das Lokal und ließ den Kristallleuchter an der Decke erzittern.
»Sauwetter!«, entfuhr es ihm, während er die Tür rasch zuschob, die Nässe mit den Händen von seinem Gesicht wischte und sich dann aus seinem Mantel schälte, der klamm vom Regen war. Zwar war der Weg von seiner Wohnung zum Lokal nur kurz, aber die Feuchtigkeit schien ihm regelrecht in die Knochen gezogen zu sein. Es hatte vermutlich wenig Sinn, dennoch hängte er den Mantel ordentlich an der Garderobe auf, obwohl er in der halben Stunde nicht trocknen würde, die ihm noch blieb, bevor im LKA Tirol sein Dienst begann.
Bei den wenigen Anwesenden handelte es sich vor allem um Übernachtungsgäste des zum Café gehörigen Hotels, denen der Sturm einen Strich durch ihre Unternehmungen gemacht hatte. Insofern war es ihm gerade völlig egal, dass sein Haar tropfnass war. Er rubbelte es kurz in Form und beließ es dabei. Der einzige Vorteil, wenn es sich im Alter lichtete: Es würde in ein paar Minuten trocken sein.
Er grüßte den Kellner, der ihm ein Handzeichen gab. Krammer nickte, holte sich wie jeden Morgen die Tiroler Tageszeitung und nahm an einem der dunklen Tische Platz, hinten im Eck, so weit vom Eingang entfernt wie möglich. Nicht nur wegen der Kälte, die mit jedem neuen Gast in den Raum dringen würde. Er musste heute unbedingt Ruhe haben und wollte nicht, dass jemand mitbekam, was er gleich lesen würde. Vor allem aber, wie er darauf eventuell reagieren würde.
Schon stellte der Ober den Kaffee und das Rührei mit Toast vor ihm ab. Der Mann hatte ein besonderes Talent, Krammers Stimmungen zu deuten. Meist wechselten sie ein paar Worte miteinander, aber heute schien er zu spüren, dass Krammer nicht nach Reden zumute war. Über das grausige Wetter schon gar nicht. Einen echten Sommer hatten sie dieses Jahr bisher sowieso nicht gehabt. Die wenigen schönen Tage waren viel zu heiß gewesen, und er musste sie im Krankenhaus ertragen.
Er seufzte und starrte auf sein Frühstück. Sein Ei war genau so, wie er es neuerdings jeden Morgen aß. Mit ordentlich viel Petersilie und ein paar aufgeschnittenen frischen Tomaten dazu. Mehr Gemüse und Proteine, viel weniger Kohlehydrate, hatte der Arzt ihm geraten, nachdem er sich Krammers Blutwerte angesehen hatte. Und Kraftsport solle er machen. Mindestens dreimal pro Woche eine halbe Stunde. Um seine Vitalität zu steigern.
Krammer schob kurzerhand die Hälfte der Kräuter weg und salzte stattdessen kräftig nach.
Um sich etwas zu beruhigen, atmete er tief ein und rieb dann vorsichtig über die rosafarbene Narbenhaut an seinem Arm, die bei starken Temperaturveränderungen noch immer zog und höllisch juckte. Und das, obwohl der Unfall mit dem Feuer schon ein paar Wochen her war. Manchmal kam es ihm vor, als würde die Haut seitdem zu eng sitzen und nicht mehr richtig passen.
Er musste sich ablenken, um sich nicht zu kratzen. Erst gab er etwas Schlagobers in seinen Mokka, dann nahm er das Toastbrot und bestrich es dick mit Butter, bevor er die Eimasse üppig daraufschichtete und es sich schmecken ließ. Rührei ohne Brot – das war genauso schiach wie das Wetter. Sein Arzt konnte ihn mal kreuzweise.
Dann zog er sein Handy hervor und rief die Nachricht auf, die einige Zeit auf sich hatte warten lassen. Es war nicht der einleitende Text des Kollegen gewesen, der ihn bislang davon abgehalten hatte, sie zu öffnen. Vielmehr hatte die Datei im Anhang eine stattliche Größe, die bereits klarmachte, dass seine an einen deutschen Spezl gerichtete vertrauliche Anfrage, den Halter eines Kfz betreffend, nicht ganz harmlos war.
Mit dem Eingang der Nachricht hatte auch der Sturm zu toben begonnen. So als hätte das Wetter die Hintergrundmusik gespielt, um ihn zu warnen.
Er nahm noch einen Bissen, rührte den Kaffee um, trank und spülte dann mit einem Schluck Wasser nach.
Schließlich klickte er entschlossen auf den Anhang.
Kris Messerer, der neue Vermieter seiner Tochter Alexa, hatte bei der Begegnung vor ein paar Wochen sein Misstrauen geweckt. Er war einer dieser Typen, die für seinen Geschmack eine Spur zu lässig rüberkamen. Erst hatte Krammer gezögert, Erkundigungen über ihn anzustellen. In seiner neuen Rolle als Vater schien er eine überbehütende Neigung zu entwickeln, die ihm schon allein deshalb nicht angemessen erschien, weil Alexa längst erwachsen war und für sich einstehen konnte. Das hatte seine Tochter mehr als einmal unter Beweis gestellt. Und ihn auch schon ziemlich resolut in seine Schranken gewiesen.
Aber als Alexa ihn während seines Krankenhausaufenthalts besuchte und immer häufiger von diesem Kerl erzählte, war der Argwohn wieder in ihm aufgekeimt. Wenn es nicht sogar regelrechte Eifersucht war, die ihn umtrieb. Oder eine Mischung aus beidem. Woher auch immer es rührte, während er im Spital ans Bett gefesselt war und unter chronischer Langeweile litt, hatte er die Anfrage schließlich doch rausgeschickt.
Nachdem eine Antwort des deutschen Kollegen lange ausblieb, hatte er sich einen Vollidioten geschimpft. Er hörte einfach überall die Flöhe husten. Im Grunde wünschte er seiner Tochter ja nichts mehr als ein glückliches Privatleben, einen Ausgleich zu ihrem anstrengenden Beruf. Sie sollte nicht dieselben Fehler machen wie er, und wenn Alexa sich bei diesem smarten Porschefahrer mit den weißen Jacketkronen tatsächlich wohlfühlte, dann wollte er dem nicht im Weg stehen.
Messerer besuchte Alexa offenbar regelmäßig nach Feierabend. Entweder kochten sie dann gemeinsam, oder sie unternahmen längere Spaziergänge mit dem Hund. Ob mehr dahintersteckte, darüber konnte Krammer nur mutmaßen.
Alexa war sehr zurückhaltend, wenn es um ihre Gefühle ging. Er hatte sie aber zuvor schon zusammen mit ihrem ehemaligen Kollegen aus Aschaffenburg erlebt, und Krammer war ziemlich sicher, dass sie in diesen Jan Rassner irgendwann einmal verliebt gewesen war. Doch der wohnte viel zu weit weg, und eine Fernbeziehung war bei ihren Arbeitszeiten nur schwer aufrechtzuerhalten. Auf diesen Konstantin Bergmann, der sie umgarnt hatte, bevor er in U-Haft kam, hatte sie sich zum Glück nie richtig eingelassen, das hatte sie selbst erzählt.
Die Absichten des Zahnarztes hingegen schienen für Krammer mehr als eindeutig zu sein. Der Kerl hatte sich so frei und selbstbewusst in Alexas Wohnung bewegt, als würde sie bereits zu seinem Territorium gehören. Und der Hunger, den er in seinen Augen gesehen hatte, war nicht allein auf Alexas Kochkünste zurückzuführen. Er hatte das Testosteron förmlich gerochen, das der Kerl ausdünstete.
Krammer erinnerte sich, dass Messerers Schwester Kati, mit der Alexa schon eine Weile befreundet war, sich nie dazugesellte. Bis gestern hatte er sich gefragt, warum das eigentlich so war, denn mit Kati war Alexa zuvor recht eng verbunden. Sie war es gewesen, die seiner Tochter die Wohnung in Lenggries besorgt und bislang tagsüber auf ihren Hund aufgepasst hatte, den Alexa jedoch neuerdings mit zur Arbeit nahm. Das musste natürlich nichts bedeuten. Jede Freundschaft hatte innige und weniger intensive Zeiten. Trotzdem wunderte er sich darüber.
Vielleicht hatte Katis Bruder ja selbst darauf gepocht, wollte ganz bewusst mit Alexa allein sein, um sie ungestört umgarnen zu können. Möglicherweise gab es auch zwischen den Geschwistern Eifersüchteleien, und sie buhlten miteinander um Alexas Gunst. All das war denkbar. Bis heute.
Denn mit der Information des deutschen Kollegen bekam das Ganze nun eine völlig andere Note. Aufmerksam las Krammer Seite für Seite.
Messerers Ehe war wohl nicht auf die Art auseinandergegangen, wie er es Alexa weisgemacht hatte. Der Mann war bis über beide Ohren verschuldet.
Das hätte Krammer noch durchgehen lassen. Nicht jeder hatte ein Händchen für Finanzen, und das alleine machte ihn nicht automatisch zu einem schlechten Menschen.
Aber offenbar hatte er lange versucht, seine Schuldenberge durch Glücksspiele in den Griff zu bekommen. Das Verfahren gegen ihn lief noch, doch er hatte sich und seine Familie damit offensichtlich immer tiefer in die Scheiße geritten.
Messerer hatte direkt nach dem Studium mit seiner Frau eine Praxis in Münchens bester Lage eröffnet. Vermutlich hofften beide auf entsprechend betuchte Kunden und finanzierten das Ganze daher über einen beträchtlichen Bankkredit. Die hohen Zinsen, der Umbau des noblen Altbaus und die Kosten für zwei Kinder, die renommierte Privatschulen besuchten – allein die monatlichen Fixkosten beliefen sich auf mehrere tausend Euro. Der gehobene Lebensstandard, den die Familie auch ansonsten führte, mit Fernreisen und teuren Sportwagen, während seine Frau nur noch in Teilzeit in der Praxis war, hatte mit den Jahren den Schuldenberg zu einer Höhe von mehr als zwei Millionen Euro anwachsen lassen.
Verblüfft ließ Krammer das Handy sinken.
Der Appetit war ihm vergangen.
Messerers Frau, die keine Ahnung von der finanziellen Not gehabt hatte, reichte unmittelbar nach dem Bekanntwerden die Scheidung ein und prozessierte seitdem gegen ihren Ex, um wenigstens das Wohnhaus halten zu können.
Messerer selbst hatte Privatinsolvenz angemeldet.
Krammer scrollte hoch und schaute auf das Datum. Das alles war gerade erst aktenkundig geworden.
Schon bald würde also Messerers teurer Porsche gepfändet. Genauso wie vielleicht das Haus, in dem Alexa zur Untermiete lebte. Das Elternhaus der Geschwister.
Krammer stieß Luft aus und ließ das Handy sinken.
Wenn das alles zutraf, wunderte ihn nicht mehr, dass Kati ihrem Bruder aus dem Weg ging. Sicher wusste sie bereits über ihre Schwägerin davon. Anders als Alexa, die vermutlich noch keine Ahnung von all dem hatte …
Dabei liebte seine Tochter die Wohnung sehr, hatte sie in den Sommerwochen komplett eingerichtet, neu gestrichen und sich ein richtig gemütliches Zuhause gestaltet. Er war noch einmal in Lenggries zu Besuch gewesen und verblüfft, wie hell und modern es jetzt mit den weiß getünchten Holzwänden aussah – und dennoch hatte es seinen urigen Charme behalten.
Genauso schwer tat sich Krammer jedoch damit, dass Alexa bereits das zweite Mal an einen Taugenichts geraten war. Schon bei Konstantin hatte sie das verunsichert. Natürlich besaß sie als Kriminalerin gute Menschenkenntnis, daran bestand für ihn gar kein Zweifel. Aber sobald Gefühle ins Spiel kamen, lief nun mal jeder Gefahr, dass man sämtliche Warnhinweise ignorierte und der Instinkt versagte.
Das galt eben auch für seine Tochter.
Doch nun war er derjenige, der Alexa reinen Wein über ihren Vermieter einschenken musste. Sein Wissen vor ihr zu verbergen, würde ihm nicht gelingen. Ihm graute jedoch vor diesem Gespräch. Denn manchmal richtete sich der Frust über den Inhalt einer Nachricht auch schnell gegen den Überbringer.
Dennoch: Das Risiko musste er eingehen. Alles andere wäre ihr gegenüber nicht fair. Und er sollte sich damit beeilen.
Krammer gab dem Kellner einen Wink, den Betrag auf seine Rechnung zu setzen, schob den Teller weg und trank rasch seinen Mokka aus. Erst musste er zum Dienst.
Es widerstrebte ihm, in den klammen Mantel zu schlüpfen, der etwas muffig roch. Und wie er zugeben musste, auch ein wenig nach altem Mann. Es war höchste Zeit, ihn auszurangieren.
»Dich oder den Mantel?«, hörte er seine Kollegin Roza Szabo schon süffisant fragen.
So viele Jahre war alles gutgegangen.
Doch nun würde mein Geheimnis auffliegen, dessen war ich sicher. Die Flut würde ans Licht spülen, was zuvor verborgen geblieben war.
Alles würde rauskommen, jedes unfassbare Detail.
Auch über mich. Was ich getan hatte.
Aber das war nicht das Schlimmste.
Das Monster, das ich in Schach gehalten hatte, würde wieder zuschlagen.
Und ich wusste, auf wen es dieses Mal losgehen würde.
Ohne Mitleid. Weil es diese Empfindung nie gekannt hatte.
Ohne Rücksicht. Weil es nur sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen nachgab.
Ohne Gnade. Weil nur der Tod die einzige Zeugin zum Schweigen bringen würde.
Alexa saß wieder an ihrem Platz und hörte aufmerksam einer Anruferin zu. Sie hatte eine junge Frau namens Hanna Schorn am Telefon, die ihren Vater als vermisst meldete und die Situation kurz vor seinem Verschwinden grob schilderte. Im Hintergrund hörte sie, wie eine zweite Person jämmerlich schluchzte und immer wieder die Jungfrau Maria anflehte.
Sie versuchte die Anruferin zu beruhigen. »Vielleicht ist er noch irgendwo unterwegs und hilft. Sie hatten gesagt, dass ein Fahrzeug fehlt?«
»Ja. Unser größter Traktor. Ich habe die Spuren draußen im Matsch gesehen. Aber mein Vater ist jetzt schon seit Stunden weg. Wir hatten erst gedacht, dass er sich um das Vieh kümmern wollte. Die Kühe sind unruhig bei diesem Wetter. Aber er würde doch an sein Handy gehen!«
»Das Netz ist allerdings gerade total überlastet. Ich habe bereits alles aufgenommen. Wir geben das gleich an die Kollegen weiter. Ihr Hof liegt auf einer Anhöhe, wenn ich das richtig sehe. Ist denn Ihr Haus in Gefahr? Wenn Wasser eingedrungen ist, dann kann ich vielleicht später jemanden vorbeischicken. Oder sind Sie beide selbst in der Lage, sich in Sicherheit zu bringen, falls es doch noch notwendig wird?«
Hanna Schorn wandte sich an ihre Mutter und fragte nach. Aber mehr als ein undeutliches Gestammel konnte Alexa nicht verstehen.
»Der alte Wasserspeicher steht unter Wasser, sagt Mama, aber der wird nicht mehr genutzt. Um uns müssen Sie sich also keine Sorgen machen. Aber Sie werden doch jetzt nach meinem Vater suchen lassen, oder? Ich würde ja selbst mit dem Hund los, aber meine Mutter lässt mich nicht …«
Den Geräuschen nach zu urteilen bewegte sich die junge Frau mit dem Handy in ein anderes Zimmer, denn das Geheule im Hintergrund wurde leiser, bis es schließlich ganz verstummte. Dann fuhr sie gedämpft fort: »Mein Vater weiß sich normalerweise gut zu helfen. Er ist zwar nicht mehr der Jüngste, aber kräftig und robust. Er stammt von hier und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Er würde sich hundertprozentig bei uns melden, wenn er es könnte. Ich bin sicher, er steckt in Schwierigkeiten.« Sie senkte ihre Stimme noch mehr. »Ich mache mir aber fast mehr Sorgen um meine Mutter. Ich glaube, sie steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. So habe ich sie noch nie gesehen. Ich kann sie gerade unmöglich alleine lassen, um nach ihm zu suchen.«
Natürlich verstand Alexa, was Hanna Schorn umtrieb, aber sie konnte derzeit nichts weiter für sie tun. Sämtliche Einsatzkräfte waren unterwegs. Mittlerweile waren schon zusätzliche Helfer aus den umliegenden Gebieten angefordert worden, bis hin zur Bundeswehr. Doch da die Stürme an anderen Orten ebenfalls erhebliche Schäden angerichtet hatten, fehlten ihnen gerade nicht nur Hilfskräfte, sondern auch Gerät. Vielleicht hatte ja bloß ein Nachbar diesen Ottmar Schorn um Unterstützung gebeten. Und er hing nun mit dem schweren Traktor selbst irgendwo fest.
Aber wenn der Mann dort in der Gegend geboren war, würde er sicher gut vernetzt sein und zurechtkommen, genauso, wie Huber es über Ott gesagt hatte.
Da die junge Frau im Gegensatz zu ihrer Mutter einigermaßen gefasst schien, beschrieb Alexa ihr die aktuelle Situation und die personelle Lage. Sie versuchte sie damit zu trösten, dass ihr Vater davon Kenntnis erlangt haben konnte und möglicherweise bloß helfen wollte.
Dieser Hinweis schien Hanna Schorn tatsächlich einigermaßen zu beruhigen. Dennoch wollte Alexa ihr etwas Zuversicht geben, deshalb fügte sie hinzu: »Wir werden uns umgehend rühren, falls wir etwas von Ihrem Vater hören. Richten Sie Ihrer Mutter aus, dass wir alles tun, was in unserer Macht steht. Und sobald Sie etwas in Erfahrung bringen, geben Sie uns bitte Bescheid, damit wir ihn von der Liste der Vermissten streichen können.« Wieder blinkte eine Nummer grün auf ihrem Bildschirm auf. »Es tut mir leid, dass ich gerade nicht mehr tun kann. Ich habe auch schon den nächsten Anrufer in der Leitung.«
Alexa beendete das Gespräch und riss sich das Headset vom Kopf. Ihre Augen brannten, ihr Nacken schmerzte. Seit Stunden ging das nun schon so. Sie hörte sich an, was die Leute zu sagen hatten, schrieb Namen, Ort und Telefonnummer und eine kurze Beschreibung in eine Liste, die mit jeder Minute länger wurde. Dann ging sie zum Folgeanrufer über. Alexa zermürbten die Gespräche, und gleichzeitig fühlte sie sich zunehmend hilflos. Sie war kein Mensch, der gerne lange Reden schwang. Eigentlich hätte sie der jungen Frau nicht versprechen dürfen, sich erneut zu melden. Aber sie konnte nicht immer nur neue Vermissungen verwalten, die Leute lediglich beruhigen und vertrösten. Sie wollte etwas tun, die Probleme anpacken. Am liebsten ginge sie selbst los …
Doch inzwischen mussten die Anrufe bereits priorisiert werden. Die Menschen im Überflutungsgebiet hatten dabei Vorrang, denn in manchen Fällen ging es dort buchstäblich um Leben und Tod. Die Häuser waren mittlerweile bis zur Hälfte des Erdgeschosses vollgelaufen. Die Bewohner hielten sich an den Fenstern der oberen Stockwerke auf, kamen nicht aus eigener Kraft weg und konnten nur darauf hoffen, rechtzeitig von den Hilfskräften an einen sicheren Ort gebracht zu werden.
Mit normalen Fahrzeugen würde man allerdings nicht mehr lange zu den Eingeschlossenen gelangen. Dann ging es nur noch mit Hubschraubern und Booten. Und davon gab es einfach viel zu wenige. Sie hatten die Wucht der Niederschläge total unterschätzt, und es waren einfach zu viele, die während der Nacht von den Fluten überrascht wurden und sich nicht hatten retten können.
Alexa starrte die endlos lange Liste an, sicher an die hundert Namen von Menschen jeglichen Alters, die vermisst wurden. Und noch immer hallte die Stimme von Hanna Schorn, die auf Hilfe hoffte, in ihren Ohren wider. Ihre Haut begann am ganzen Körper zu kribbeln.
Sie spürte, dass sie kurz davor war, die Nerven zu verlieren. Sie hatte zu wenig geschlafen, zu wenig gegessen. Trotzdem musste sie sich zusammenreißen. Die Situation war schwierig genug, auch ohne dass sie hier verrücktspielte. Doch es gelang ihr nur mit viel Mühe. Sie war es eben gewohnt, sich unmittelbar auf den Weg zu machen, wenn Gefahr drohte. Egal wann und wo. Deshalb war sie damals zur Kriminalpolizei gegangen. Lange Arbeitstage waren für sie kein Problem. Wenn sie in Bewegung war, nahm sie Entbehrungen nicht zur Kenntnis, spürte sie die Anstrengung kaum, hatte ihre Ängste voll unter Kontrolle, wenn sie fortwährend auf die Ermittlung fokussiert blieb. Aber sie hasste es, in einem Büro Telefondienst zu schieben. Untätig zu sein und nur zuzusehen.
Das machte sie völlig fertig.
»Ich kann das hier nicht mehr!«, rief sie Huber zu und stand abrupt auf. »Es ist doch sinnlos, hier rumzusitzen. Wir brauchen Leute, die anpacken da draußen. Warum rücken wir nicht aus und helfen mit? Vor Ort.«
»Einer muss den Überblick über die Lage behalten, Alexa. Und das sind wir hier. Wenn wir nicht die Meldungen koordinieren und priorisieren, bricht draußen das völlige Chaos aus. Wir tun also das, was gerade am Allerwichtigsten ist.«
Huber erhob sich ebenfalls, streckte den Rücken durch und checkte sein Handy. Die blinkende Nummer wurde rot, ein anderer in der Inspektion hatte den Anrufer angenommen.
»Noch immer nichts von Ott«, murmelte er. Dann sah er auf und musterte sie mit sorgenvoller Miene.
Es war Alexa peinlich, denn sie konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Rasch senkte sie den Kopf, schloss die Lider und rieb kurz darüber, so als wären ihre Augen bloß vom stundenlangen Starren auf den Bildschirm angestrengt.
Sie hatte nicht bemerkt, dass Huber zu ihr getreten war. Urplötzlich legte er seine Arme um sie. Verwirrt öffnete sie die Augen.
»Hey, hey. Keine Panik. Wir schaffen das«, murmelte er beruhigend. »Du hast einfach zu wenig geschlafen.«
Alexa hatte keine Ahnung, wie sie auf diese unerwartete Geste reagieren sollte. Also blieb sie einfach mit hängenden Armen stehen und atmete ganz flach. Sie spürte Hubers Wärme, sein Hemd roch nach Waschmittel, er musste Kleidung zum Wechseln im Büro haben, ging es ihr durch den Kopf. Tatsächlich tat es ihr gut, gehalten zu werden. Es war ewig her, dass sie eine derartige Nähe zu einem Mann zugelassen hatte. Zu lange. Sacht lehnte sie die Stirn an seine Brust.
So harrte sie einen Moment aus. Als sie die Augen öffnete, zog ein Blinken auf ihrem Bildschirm ihre Aufmerksamkeit auf sich, holte sie in die Realität zurück. Rasch schob sie sich von ihm weg. Doch er hielt sie zurück.
»Willst du vielleicht mal kurz in den Innenhof, um ein wenig frische Luft zu schnappen? Mit Oskar?«, fragte Huber, bevor sie den nächsten Anrufer annehmen konnte. »Es ist zwar ungemütlich draußen, aber das hilft sicher.«
Alexa sah zu ihm auf, reagierte aber nicht. Sie starrte auf die blinkende Zeile und auf ihr Headset. Es ging nicht. Es war einfach zu viel zu tun.
Als hätte er ihren Widerspruch gespürt, nickte Huber ihr ermutigend zu. »Ich pack das hier schon mit den anderen.«
Oskar hatte wohl seinen Namen gehört, erhob sich und trottete bereits schwanzwedelnd auf sie zu. Als hätten sich die beiden gegen sie verbündet.
Unwillkürlich musste Alexa lächeln. Wohl das erste Mal seit Stunden.
»Na los, haut schon ab, ihr zwei«, sagte Huber und machte eine entsprechende Handbewegung. »Wir müssen alle schauen, dass wir bei Kräften bleiben. Schließlich wird die Lage nicht besser werden. Das ist erst die Spitze des Eisbergs.«
Er zog sein Handy hervor und zeigte ihr einen Film, der gerade in einem der Sensationsblätter veröffentlicht worden war. Die Aufnahme der Drohne wirkte wie aus einem Action-Movie, und es fiel Alexa schwer zu glauben, dass das alles real war. Die ganze Ebene hatte sich in einen einzigen gewaltigen Strom verwandelt. Man sah einen Fahrer, der auf das Dach seines Autos geklettert war, nachdem dieses von den Wassermassen mitgerissen wurde, und sich nur mit Mühe darauf halten konnte.
Niemand wusste, was aus ihm geworden war.
Und die dunklen Wolken brachten weitere Niederschläge.
Immerhin hatte sich der Wind einigermaßen gelegt, so dass sie die Gegend überfliegen konnten.
Schließlich gab sie nach, nahm die Leine und klickte sie in Oskars Halsband. Sie würde rasch zum Bäcker gehen, um Verpflegung für das Team zu holen.
»Danke«, formte sie mit den Lippen, denn Huber saß schon wieder an seinem Computer und nahm die Daten der nächsten Person auf, die vermisst wurde.
Als Krammer gerade den Mantel in seinem Büro auf den Bügel drapierte, trat seine Kollegin ein.
»Den kannst du gleich wieder anziehen, Bernhard«, sagte Roza Szabo. »Wir müssen zu einer Familie in Mühlau. Es geht um sechs junge Leute. Ein Geschwisterpaar und ihre vier engsten Freunde sind gestern am Morgen mit ihren Bikes zu einer Hütte aufgebrochen. Seitdem haben die Eltern nichts mehr von den beiden gehört, obwohl fest vereinbart war, dass sie sich melden, wenn sie dort angekommen sind.«
»Die sind bei dem garstigen Wetter in die Berge? Sind die deppert?« Krammer machte aus seinem Unverständnis keinen Hehl. Gerade im LKA Tirol angekommen, hatte er beobachtet, wie eine Frau draußen gegen den Wind kämpfte und sich schließlich an einen Laternenpfahl klammern musste. »Und nachher wundern sich die Leute, dass etwas passiert …«
»Eh.« Mehr musste Szabo dazu nicht sagen. »Aber das ändert nichts, wir müssen trotzdem dorthin. Der Gehringer ist der Leiter der Privatklinik Kettenbrücke.«
Und der beste Freund von Jakob Zach, seinem obersten Chef. Mit dem Krammer noch vor kurzem aneinandergeraten war. Zwar hatte sich das Problem inzwischen in Wohlgefallen aufgelöst, aber er war beim Oberstleutnant angezählt und musste die nächste Zeit besser parieren. Roza hatte das völlig richtig eingeschätzt – sie mussten sich umgehend auf den Weg machen.
»Schon recht«, grummelte er und schob seinen Arm erneut in den schweren, klammen Mantel. »Aber du fährst.«
Roza zog eine Augenbraue hoch, spitzte die Lippen und musterte ihn von oben bis unten.
»Was?«, hakte Krammer, der nicht verstand, wieso sie es auf einmal nicht mehr eilig hatte, entnervt nach.
»Du brauchst einen neuen Mantel«, konstatierte sie.
Krammer schüttelte den Kopf, musste aber unweigerlich grinsen. Sie waren fast schon wie ein altes Ehepaar.
Auf dem Weg zu den Gehringers blickte Krammer schweigend nach draußen. Das Wetter schien sich etwas zu beruhigen, dennoch hörten sie immer wieder das Martinshorn von Einsatzfahrzeugen, die zu Häusern mit abgedeckten Dächern gerufen wurden oder umgestürzte Bäume beseitigen mussten.
»Dieses Wetter macht mich ganz unruhig«, sagte Roza Szabo, während sie das Auto über die Kaiserjägerstraße lenkte. »Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.«
Krammer reagierte nicht und starrte aus dem Fenster. Er hatte die Nachrichten über Alexas Vermieter noch nicht verdaut. Als Spieler hatte Kris Messerer eine finanzielle Abwärtsspirale ausgelöst und damit seine ganze Familie in Schwierigkeiten gebracht. In Krammers Augen war er somit der Typ Mensch, der sich bei selbst verschuldeten Problemen nicht nur wegduckte, sondern obendrein glaubte, mit einem Quäntchen Glück alles wieder hinbiegen zu können. Ein kläglicher Versuch, sich ohne eigene Anstrengung und gesichtswahrend aus der Situation zu lavieren, die er zuvor verbockt hatte. Folglich war Messerer dann auch gut darin, Dinge in einem anderen Licht darzustellen, Details zu verheimlichen und zu lügen. Wie sonst hätte er seine Probleme und die Spielsucht so lange vor seiner Frau verborgen halten können?
Krammers Skepsis ihm gegenüber war also völlig berechtigt gewesen.
Ein solcher Haderlump war definitiv niemand, den er in der Nähe seiner Tochter sehen wollte. Nicht als guten Freund und erst recht nicht als Partner. Alexa zeichnete sich durch Verlässlichkeit und Ehrlichkeit aus – Dinge, die sie auch im privaten Umfeld hoch zu schätzen wusste. Sie verdiente etwas Besseres als diesen Zahnarzt.
»Hast du die Nachrichten aus Deutschland gesehen?«, fragte Szabo in die Stille hinein. »Im Voralpenland drüben in Bayern gibt es heftige Überschwemmungen. Da hatten wir hier echt noch Glück mit dem garstigen Wetter.«
Krammer horchte auf. Er hatte die Zeitung am Morgen nicht angerührt. Sofort hangelte er nach seinem Handy und gab die Adresse der BILD ein – das verlässlichste Medium in der deutschen Zeitungslandschaft, wenn es um Katastrophen ging.
Tatsächlich sah er aktuelle Bilder aus Bayern, die ihm schnell zeigten, dass Roza keineswegs übertrieben hatte. Es war sogar der Katastrophenalarm ausgelöst worden. Natürlich hatte er gestern mitbekommen, dass für den gesamten Alpenraum Stürme angekündigt waren, aber wie arg es andernorts sein mochte, hatte er sich nicht gefragt – obwohl es in den letzten Jahren immer wieder derlei Wetterextreme an verschiedenen Stellen in Deutschland, Österreich und Italien gegeben hatte, bei denen der Boden die massiven Niederschlagsmengen nicht mehr aufnehmen konnte. Dass Wassermassen, die vor Jahrtausenden Schluchten in Felsen geschnitten hatten, eine große Wucht haben konnten, war im Grunde klar. Dennoch fiel es immer schwer, sich vorzustellen, welche enorme Kraft Wasser entfalten konnte.
»Jessas«, entfuhr es ihm. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Die überschwemmte Region gehörte zu Alexas Einsatzgebiet. Sofort formulierte er eine Nachricht an seine Tochter.
»Du weißt das gar nicht?«, fragte Roza verblüfft. »Ich habe die ganze Nacht immer wieder Nachrichten geschaut. Furchtbar. Sie sagen, es hat auch Tote gegeben. Die Zahl lässt sich momentan noch nicht beziffern. Offenbar hatte niemand mit diesem Ausmaß an Niederschlägen gerechnet.«
Krammer war völlig auf das Display seines Handys fixiert. Er ließ unkommentiert, was Roza gesagt hatte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Aber Alexa war online. Zumindest laut ihrem Profil. Immerhin.
»Weißt du etwa gar nicht, wie es deiner Tochter geht?«, hakte Roza nach, als er nicht reagierte. »Ich meine … Entschuldige, aber ich war irgendwie davon ausgegangen, dass du Bescheid weißt.«
Hatte er nicht. Er hatte sich derweil um Alexas Zukunft mit diesem Deppen gesorgt, dabei war sie vermutlich längst in einem riskanten Einsatz.
Jede Großkatastrophe im Rahmen des Bevölkerungsschutzes verlangte den beteiligten Rettungskräften extrem viel ab. Die physische Beanspruchung durch stundenlange Einsätze unter schwierigsten Bedingungen war das eine. Die psychische Komponente war aber ebenso fordernd. Binnen kürzester Zeit mussten Entscheidungen getroffen werden, die oft eine enorme Tragweite für den Ausgang der Situation hatten – und damit für das Leben von Menschen. Mangelnde Ressourcen, Zeitdruck, Stress und die Hilflosigkeit, wenn vielleicht nichts mehr zu retten war, all das überforderte die beteiligten Kräfte. Zwar waren die meisten Helfer für solche Situationen geschult, die Realität sah aber oft völlig anders aus, und Krammer bezweifelte, dass man sich überhaupt auf eine derartige mentale und körperliche Beanspruchung vorbereiten konnte. Diese Extremsituationen hauten selbst die stärksten Charaktere um. Die Gefühlslagen unzähliger Geschädigter mitzuerleben, die existenzielle Verzweiflung, wenn sie ihr Hab und Gut, ihr Heim oder gar geliebte Menschen verloren hatten, brachte die Einsatzkräfte oft hart an die Grenze der eigenen emotionalen Belastbarkeit.
Endlich kam eine Nachricht.
Mir geht es gut. Hole gerade mit Oskar Verpflegung. Wird ein langer Tag. Melde mich. A.
Krammer gab einen erleichterten Laut von sich. »Es ist alles in Ordnung«, versicherte er Szabo. »Sie hat gerade geschrieben. Gott sei Dank!«
Er ließ das Handy sinken und starrte nach draußen, wo Szabo kurz darauf bei der angegebenen Adresse hielt. Der Wind jagte einen neuerlichen Schauer vor sich her, und der Regen prasselte laut auf das Wagendach.
Aber das war jetzt egal.
Er spürte die Nässe nicht mehr.
Alexa schob sich den letzten Rest der belegten Semmel in den Mund. Hubers Idee war gut gewesen: Der harsche Wind hatte sie durchgepustet, und durch die Bewegung und das Frühstück spürte sie neue Energie. Als Ausgleich hatte sie ihrem Kollegen direkt nach ihrer Rückkehr angeboten, ebenfalls eine Pause zu machen.
Als der nächste Anruf kam, beeilte sie sich, den Bissen herunterzuschlucken. Eine Frau Mitte fünfzig war seit dem gestrigen Abend nicht mehr gesehen worden. Sie hatte sich auf dem Rückweg von ihrer Arbeit beim Gasthof zur Post in Raisting befunden und war nicht zu Hause erreichbar. Wieder notierte Alexa sämtliche Daten. Annie Lindner hatte tatsächlich auf dem Heimweg die Ammer überqueren müssen, um nach Marnbach zu kommen. Aber zum genannten Zeitpunkt waren die Niederschläge noch nicht so drastisch und die Straßenlage einigermaßen gut gewesen. Jetzt war das anders, selbst die B 2 war nur mehr mit geeigneten Einsatzfahrzeugen befahrbar. Dennoch nahm sie jede Vermisstenanzeige ernst und tippte konzentriert die Daten ein.
Eine Person mehr in ihrer Liste, die nun schon deutlich über hundert Meldungen enthielt.
Alexa beendete das Telefonat und lehnte sich zurück. Zum ersten Mal schien die Flut von Anrufen abzuebben, und sie fragte sich, ob die Leute wohl daran denken würden, sich erneut bei ihnen zu melden, wenn die Vermissten wieder auftauchten. Es war unvorstellbar, dass tatsächlich derart viele Menschen in der kurzen Zeit verschollen sein konnten. Sie hoffte zumindest, dass es nicht so war, denn alles andere wäre kaum zu ertragen.
Ein Geräusch drang aus dem Flur, dann öffnete sich die Tür, und Lotti schob die Pinnwand herein, um die Alexa gebeten hatte.
»Ich habe gedacht, eine Landkarte hilft vielleicht, klarer zu sehen, welche Gebiete besonders betroffen sind.«
Alexa trat vor die Tafel, auf der Lotti markiert hatte, wo die Vermissten zuletzt gesehen worden waren, um dann am Rand ihre Daten und – falls vorhanden – auch Fotos der Gesuchten anzupinnen.
»Perfekt«, erwiderte Alexa. »Danke.« Sie musterte die vielen Stecknadeln, von denen jede einen Vermissten symbolisierte. Tatsächlich bezogen sich die meisten Meldungen auf das Katastrophengebiet, manche waren aber auch an völlig anderen Stellen und schienen gar nichts mit den Überflutungen zu tun zu haben.
»Ich habe rote Nadeln für den letzten Aufenthaltsort gewählt und blaue, falls die Vermissten zu einem bestimmten Ort wollten. Verrückt, wie schnell das alles gegangen ist, oder?« Lottis Miene verdunkelte sich.
»Kennst du jemanden von den Abgängigen?«, erkundigte sich Alexa besorgt.
