Grenzgang - Stephan Thome - E-Book + Hörbuch

Grenzgang E-Book

Stephan Thome

0,0
9,99 €

Beschreibung

Alle sieben Jahre steht Bergenstadt Kopf: Beim traditionellen »Grenzgang« werden die Grenzen der Gemeinde bekräftigt – und alle anderen in Frage gestellt. Auch für Kerstin und Thomas, die in der kleinstädtischen Provinz hängen geblieben sind, nachdem sich ihre Lebensträume zerschlagen haben: Sie reibt sich auf zwischen pubertierendem Sohn und demenzkranker Mutter, er ist nur deshalb Lehrer, weil die Unikarriere eine Sackgasse war. Aber beide geben sie ihre Suche nach dem Glück nicht auf.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 648

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Stephan Thome

Grenzgang

Roman

Suhrkamp Verlag

ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2010

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009

Alle Rechte vorbehalten,

insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

www.suhrkamp.de

eISBN 978-3-518-74070-5

Für Dorothee Schmidt und Martin Brendebach, die von Anfang an mit marschiert sind.

Erster TeilDer Stein …

1

Trotz allem, denkt sie: Der Garten ist ein Traum. Von Osten her brechen Sonnenstrahlen durch die Ligusterhecke, legen sich waagerecht über aufblühende Beete und nehmen die Stämme von Birken und Kastanien in Besitz. Eine Stille aus Vogelgezwitscher und Insektengesumm füllt die schattenkühle Luft des beginnenden Tages und lässt alle anderen Geräusche verblassen: Verkehr auf der Hauptstraße und Schülergeschrei unten im Ort. Ein Netz aus weißem Tau bedeckt die Wiese, löst sich langsam auf, wo Sonnentupfer durch das Blattwerk fallen, und beteiligt sich am Wechselspiel von Licht und Schatten. Schmetterlinge umgarnen den Flieder in seinem blauen Tongefäß.

Im Morgenmantel steht Kerstin auf der Terrasse und drückt sich die Zeigefingerspitzen gegen die Schläfen. Ein Auto kommt vom Maibaumplatz den Rehsteig herab, passiert das Haus und biegt links ab, talwärts und fast ohne Gas, wie in nachbarschaftlicher Sorge um die morgendliche Ruhe. Dann kehren Stille und Vogelgezwitscher zurück, als wären sie zwischen Hecken und Bäumen in Deckung gegangen.

Hinter ihr im Haus rauscht die Wasserleitung.

Nach dem Frühstück und der ersten Tasse Kaffee fühlt sie sich beinahe gut, beinahe dem Tag gewachsen, obwohl sie wieder schlecht geschlafen hat und erst die Gartenarbeit am Nachmittag diesen Anflug von Kopfschmerzen vertreiben wird: ein Druckgefühl dicht unter der Schädeldecke. Ohne Zypiklon entlässt ihr Schlaf sie schon um vier Uhr morgens in die fahle Dämmerung eines weiteren Tages, aber jetzt ist es neun, und Kerstin macht einen Schritt nach vorne, spürt die Wärme der Sonne angenehm an den nackten Fesseln. Jedes Jahr im Frühling gibt es einen Tag, an dem sie das Gefühl hat, der nächste Sommer ziehe wie ein großes Versprechen herauf, reite ihr von den grünglänzenden Bergrücken am Horizont entgegen, und obwohl sie es besser weiß, lässt sie sich verzaubern von seinem Anblick und ist machtlos gegen den Glauben, dass in diesem Sommer alles besser werden wird.

– Und warum nicht?, würde Anita sagen. Jedenfalls besser als Selbstmitleid.

– Stattdessen Selbstbetrug.

– Du müsstest nur auf mich hören und endlich wegziehen aus diesem Kaff.

Kerstin lässt die Hände sinken und schüttelt den Kopf. Vielleicht ist es die schiere Länge des Hinterländer Winters, die sie gegenüber dem Sommer so leichtgläubig macht. Dieses Jahr hat bis in den März hinein Schnee gelegen, und in ihrem Rücken zieht sich immer noch ein feuchter Streifen entlang des Winkels von Terrassenboden und Hauswand und verbreitet den Geruch alter Zeitungen. Und übrigens kann sie nicht wegziehen. Erstens weil sie nicht weiß wohin, zweitens wegen Daniel, drittens wegen ihrer Mutter, und viertens …

Sie lässt den Blick durch den Garten schweifen und bleibt an der großen Hecke hängen. Meinrichs haben ihre Seite trimmen lassen vor einer Woche und nicht versäumt, ›der Frau Nachbarin‹ anzubieten, die fröhlichen Helfer aus der Behindertenwerkstätte auch auf die andere Seite zu schicken. Der ›Frau Nachbarin‹ – so als wären sie sich nach fast sieben Jahren des Namens noch immer nicht sicher, als gäbe es zum Beispiel kein Schild neben der Tür, an die Frau Meinrich eigens gekommen ist, um das Angebot zu überbringen. Mit diesem vorwurfsvollen Gesichtsausdruck, den Kerstin erst noch lernen muss als eine bestimmte, dem Alter eigene Form der Fürsorglichkeit zu verstehen. (Viertens schließlich: Was geht das Anita an?) Dankend hat sie abgelehnt und auf ihren Sohn verwiesen, der mit seinen sechzehn Jahren wohl in der Lage sei, eine Hecke zu stutzen. Sie Glückliche! Frau Meinrich – mürrisch, dauergewellt und zu aufdringlich parfümiert – hat sich auf ihren Stock gestützt und nicht näher erläutert, worin sie das Glück ihrer Nachbarin sieht. Dass seine steile politische Karriere Meinrich Junior bis ins ferne Wiesbaden verschlagen hat, geht kaum als Unglück durch, und deshalb weiß Kerstin auch im Rückblick nicht zu entscheiden, wie viel Aufrichtigkeit in Frau Meinrichs Bemerkung gelegen hat und was gegebenenfalls das andere gewesen sein mochte.

Durch die Hecke hindurch sieht sie eine schemenhafte Bewegung im Garten ihrer Nachbarn. Erst neulich wieder war ein Bild im Bergenstädter Boten, auf dem Klaus Meinrich die Aktentasche des hessischen Ministerpräsidenten vor sich hertrug, mit messdienerhaftem Ernst in der Miene, während der Ministerpräsident selbst nebenher schritt und sein übliches, routiniertes Gesicht machte. Immer noch trägt der Junior den Bürstenhaarschnitt des Vaters, und soweit ein Schwarzweißbild darüber Aufschluss gibt, scheinen sich auch die Blutdruckwerte einander anzunähern. Tipptopp ist eins der Lieblingswörter des Alten, egal ob es um Frisuren, Hecken oder Politiker geht, und Daniel kann ihn imitieren, wie er dabei eine Miene macht, als zitiere er griechische Klassiker im Original. Wie schon Platon wusste: Hauptsache tipptopp.

Im Innern des Hauses wird die Badezimmertür geöffnet. Der Gedanke an Daniel, den sie gerade hat festhalten wollen, entgleitet ihr wieder. Das Quietschen orthopädischer Schuhe setzt einen Moment aus und dann wieder ein, und Kerstin fühlt ihre Rückenmuskeln steif werden, als hätte sie eine falsche Bewegung gemacht. Langsam durchquert ihre Mutter die Diele. Den Stock hat sie sich unter den Arm geklemmt, so dass die Spitze beim Gehen gegen die Wand tippt, denn in den Händen trägt Liese Werner ihren Zahnputzbecher, der gegen alles Zureden seinen festen Platz auf dem Nachttisch neben dem Bett hat. Sonst stehlen ihn ›die Männer‹. Auf dem Esstisch steht das Frühstücksgeschirr, und Kerstin sieht im Geist die Stockspitze eine weitere Kaffeekanne über die Kante schubsen, während ihr Körper sich weiter versteift, je länger das Geräusch zerspringenden Glases ausbleibt. Dann verstummt das Quietschen der Schuhe, Kühle fließt von der Terrasse ab, und in Kerstins Rücken stößt ein Blick, nein, stößt nicht – stupst, berührt sie mit der sanften, kindergleichen Hilflosigkeit des Alters. Eigentlich, fällt ihr auf, hat die Hecke noch kaum ausgeschlagen; sie wird also Schwierigkeiten bekommen, ihrem scharfsinnigen Sohn zu erklären, warum sie trotzdem geschnitten werden muss.

»Muss ich denn dann meine Medizin noch nehmen?«

Vogelgezwitscher füllt ihren Garten. Blätter hängen reglos in der Morgenluft. Herzlichen Glückwunsch, Kerstin, denkt sie. Dann schließt sie die Augen.

»Hast du schon, Mutter. Gleich nach dem Frühstück.«

»So?«

»Ja.«

»Da waren doch wieder welche im Haus heute Nacht.«

»Nein, niemand.«

»In der Küche. Ich hab sie gehört, ja.«

In der Küche hab ich dich gehört, denkt Kerstin. Um halb zwei. Unerwartet schwer scheint die Sonne auf ihre Lider und verursacht einen Eindruck von formlosem Rot, das weder nah noch fern, noch sonst wie bestimmt ist, nur eine Farbe, die vor ihrem Auge schwimmt und sich warm anfühlt. Angenehm warm.

»Zwölf Grad waren’s am Morgen.« Mehrmals am Tag kontrolliert ihre Mutter das Thermometer auf der Fensterbank, und Dr. Petermann sagt, dass Demenzkranke häufig dieses auffällige Interesse am Wetter entwickeln. Für die Männer allerdings hat auch er keine Erklärung, außer der, die alles erklärt: das Alter.

»Ganze zwölf Grad«, wiederholt ihre Mutter. »Das wird noch was geben, ja.«

»Jetzt sind es mehr.«

»Bitte?«

»Jetzt ist es wär-mer.«

»Wird bald wieder, ja«, sagt ihre Mutter nach einer Pause, in der Kerstin ihrer eigenen Stimme nachgehorcht hat, der Anstrengung des lauten Sprechens in einzelnen Silben. Sie bekommt davon Falten um die Augen und Schmerzen hinter den Schläfen und bringt es sowieso nicht länger über sich, mit geschlossenen Augen den Hang hinabzusprechen. Langsam wendet sie den Kopf.

Im blauen Alltagskittel steht Liese Werner in der offenen Tür, den Stock unter der Achsel und den Unterarm schräg abgewinkelt, mit einer Hand am Türrahmen. Die andere Hand hält den Becher. Letztes Jahr um diese Zeit hat sie noch bei Hans gewohnt und am fünfzehnten in Bergenstadt angerufen, aber an diesem Morgen deutet nichts auf ein Wissen um den Geburtstag ihrer Tochter, und Kerstin hat es beim Frühstück unterlassen, sie daran zu erinnern.

»Du hast noch Wasser im Becher, pass auf«, sagt sie, bedacht auf ihren Tonfall.

»Bitte?«

»Du tropfst. Da!«

Etwas Pinguinartiges liegt in der Kopfbewegung, mit der ihre Mutter an sich herabsieht.

»Trocknet schon wieder«, sagt Kerstin. Der kurze Moment aus Sonne und Stille verflüchtigt sich, und sie hascht nach ihm wie nach einem vom Wind fortgewehten Hut. »Ist das nicht herrlich, das Wetter? Der erste richtige Sommermorgen und … nein, lass es einfach von selbst trocknen. Mutter!« Sie macht einen Schritt nach vorne, während ihre Mutter sich bückt, um den nassen Fleck auf dem Boden zu beseitigen, der unterdessen größer wird, weil Kerstin den Arm mit einem Ruck ergreift, wie immer erschrocken über die Weichheit des Fleisches, das sie unter ihrem Griff und dem Stoff des Kittels fühlt.

»Lass einfach«, sagt sie noch einmal und spürt ihr eigenes Lächeln auf dem Gesicht wie ein Spannen zu trockener Haut. »Du könntest ein paar Schritte im Garten … oder auf der Terrasse, du könntest dich ein bisschen bewegen in der Sonne.«

»Der Doktor kommt heute Nachmittag, ja, und es ist noch nichts fertig.«

»Mutter, es ist Montag.«

»Hoffentlich verschreibt er mir was gegen mein schlimmes Bein. Und die Kopfschmerzen.«

»Doktor Petermann kommt mittwochs, jeden ersten Mittwoch im Monat, und er war erst vorletzte Woche da. Heute kommt er nicht.«

»Nicht?«

»Nein.«

»Wir könnten Hans fragen.«

»Ist es wieder schlimm mit dem Bein?« Wie ein Loch im Boden hat sie die Frage vor sich gesehen und einen Schritt zur Seite machen und sagen wollen: Dein Bein braucht Bewegung, das ist alles. Die Kopfschmerzen, über die ihre Mutter neuerdings klagt, scheinen einer Art Rotationssystem anzugehören, in dem sich die schmerzenden Körperpartien abwechseln: Knie, Hüfte, Schulter, Kopf, und wieder von vorne. Nur das Bein tut angeblich immer weh.

»Viel Schmerzen.«

»Vielleicht braucht dein Bein einfach …«

»Wir könnten Hans fragen.«

»Am Telefon kann er dir nichts verschreiben. Außerdem ist jetzt Doktor Petermann dein Arzt.«

»Der kommt ja nicht.«

»Er war hier. Hast du ihn nicht gebeten, dir was zu verschreiben?«

»Er hat meinen Blutdruck gemessen, ja.«

»Ob du ihn nicht gefragt hast …?« Kerstin blickt in die wässrige Trübnis hinter dicken Brillengläsern, auf diesen Schleier aus Unverständnis, und sie wünscht, Hans könnte das einmal sehen, statt immer nur am Telefon zu befinden, seine Mutter höre sich großartig an. Kerngesund. Hans, der ihr beim Umzug dieses Lachen der Zuversicht ins Gesicht geschmissen und zum Abschied gesagt hat, so sei es das Beste für alle.

»Nicht?«, wiederholt sie.

Ihre Mutter steht nickend vor ihr, als würde sie im Geiste die nächsten Schritte proben, das Lösen der Hand vom Türrahmen, die halbe Körperdrehung, das Ergreifen der Türklinke.

»Dann will ich mal mein Bett machen«, verkündet sie schließlich. »Falls der Pfarrer kommt, ja.«

Kerstin sieht ihr nach, wie sie in ihrem Zimmer verschwindet, hinter einer Tür, die gezeichnet ist von den weißlichen Rückständen der vielen Aufkleber, die Daniel dort platziert hatte, als es noch sein Zimmer war. Der Raum besitzt ein großes Fenster zum Garten und Zugang zum Balkon, mit Blick über das Bergenstädter Tal und zum Himmel darüber, den Daniel jeden Abend durch sein Teleskop betrachtet hat. Von den beiden Kammern im Keller sieht er nur die Einfahrt und Meinrichs Hecke und bekommt mit, wenn nachts der Schemen des Alten im Milchglasfenster des Badezimmers steht: gestikulierend, schimpfend, seine Prostata verfluchend, aber der Himmel ist nichts als ein kleines Stück Nordosten zwischen Dachrinne und Hecke. Daniel hat es ihr gezeigt und die Schultern gezuckt: Darf ich vorstellen: Mein Anteil vom Besten für alle.

›Das Beste für alle‹ ist ein geflügeltes Wort geworden am Rehsteig 52.

Sie geht ins Bad.

Draußen fahren Autos vorbei, Kerstin duscht und bindet sich die Haare zum Pferdeschwanz, kippt das Fenster und putzt sich die Zähne, während Dunstschleier zum Fenster hinausziehen. Ein Stütz-BH in Fleischfarbe hängt über der Stange vor dem Heizkörper.

Wie immer kommt es plötzlich. Einen Moment lang steht sie vor dem beschlagenen Spiegel, reißt die Augen auf und atmet tief durch, wie in der Küche beim Zwiebelschneiden. Da ist ein Pochen hinten im Hals, und das Geräusch ihres eigenen Atems kommt ihr vor, als stünde sie draußen auf einem weiten Feld. Trotz des offenen Fensters scheint der Dunst im Bad immer dichter zu werden. Den Blick auf ihre Füße gerichtet, zählt Kerstin die Sekunden. Wundert sich über die rätselhafte Präzision, mit der dieses Räderwerk der Erinnerung in ihr arbeitet und in zwei Umdrehungen den Sprung in ein anderes Bad schafft. Manchmal reicht ein fleischfarbener Stütz-BH aus, um alles ins Rollen zu bringen. Anita hat Recht, sie muss weg hier. Und langsam atmen. Warten. Sie schaut in den Spiegel, als ob sie ihren Sohn darin sähe, in jenem anderen Bad, an das sie sich nicht erinnern will und das jetzt sowieso anders aussieht. Man nimmt den Mann, wie er ist, aber das Bad räumt man um. Nur Daniel sieht sie, der nach einem schwarzen Teil greift, es am einen Ende baumeln lässt und die zwei Körbchen betrachtet, die sich wie eine Atemmaske auf Mund und Nase legen lassen. Ein jugendlicher Akt der Neugierde. Das Gefühl von Seide zwischen den Fingerspitzen. Langsam verzieht sich der Dunst vor ihrem Spiegel und sagt ihr, wie es ist: vierundvierzig Jahre und allein. Sie hat gelernt, ihre Tränen zurückzuhalten, aber Fragen gibt es, die müssen gestellt werden: Weiß ihr Sohn, wie die Frau riecht, die ihr Exmann v-ö-g-e-l-t? Und Tage gibt es, da glaubt sie den Verstand zu verlieren, wie im Handumdrehen, als hätte sie nie einen besessen.

* * *

Sie sitzen einander gegenüber in Granitznys Büro und sprechen mit langen Pausen, in denen sie sich mustern wie Gegner vor dem Kampf. Immer ist das so, selbst wenn sie übers Wetter reden, und dann spürt Weidmann sich mit durchgedrücktem Rücken im Besucherstuhl sitzen, die Unterarme auf die Lehnen gelegt, waagerecht wie sein Blick. Jedes Mal denkt er das Gleiche: Der Schulleiter sieht aus wie eine Mischung aus Buddhafigur und einem Operntenor im Spätherbst seiner Karriere. Nicht nur sein Körperumfang, auch die zu lange nicht geschnittenen und zu oft nicht gewaschenen Haare passen dazu, der speckige Kragen seines Jacketts und – wenn er es auszieht – die Schweißflecken unter den Armen; aber das Merkwürdige ist: Das Aussehen tut seiner Autorität keinen Abbruch, beinahe im Gegenteil. Granitzny ist respekteinflößend fett, man glaubt an ihm etwas von diesen Machtgürteln wahrzunehmen, die sich kiloweise um gewisse Politiker legen im Lauf der Jahre. Manche Männer sind dick, so wie Bäume Rinde haben, und Granitzny ist zwar kein Politiker, aber eine Witzfigur schon gar nicht. Selbstsicherheit und Unerschütterlichkeit strahlt er aus, wenn er sich wie jetzt im Schreibtischstuhl zurücklehnt, bis die Knopfleiste seines blauen Hemdes in Hochspannung gerät und die Krawatte auf seinem Bauch liegt wie eine schlafende Katze. Äußerlichkeiten sind dem Rektor des Städtischen Gymnasiums Bergenstadt nicht nur egal, er nimmt sie erst gar nicht zur Kenntnis. Weidmann weiß nicht warum, aber Granitzny erinnert ihn an Schlegelberger. Erinnert ihn an den Alten mit einer Beharrlichkeit, wie es nur bei Ähnlichkeiten der Fall ist, die nicht sofort ins Auge springen.

Schlegelberger war hager, zum Beispiel, und ist es wahrscheinlich noch.

»Was halten Sie von der Sache?«, fragt Granitzny schließlich aus der Tiefe seines Stuhls. »Kommt Ihnen das nicht komisch vor?«

»›Komisch‹ wäre nicht mein Wort«, sagt Weidmann. »Nicht, wenn so was in meiner Klasse passiert.«

»Ausgerechnet Daniel Bamberger und ausgerechnet Tommy Endler, das meinte ich. Nicht ›komisch‹ komisch, sondern: merkwürdig. Unerklärlich.« Ununterbrochen sieht Granitzny ihn an, und wie immer fühlt Weidmann sich unbehaglich, wenn er so taxiert wird, egal ob damals von Schlegelberger oder jetzt von seinem Chef. Egal von wem. Er beschränkt sich auf ein Nicken und sieht nach draußen auf den Schulhof: Oberstufenschüler lungern auf den Rondellen herum, ein paar schlendern unauffällig Richtung Fahrradständer, um zu rauchen. Die Sonne scheint auf den Ort, auf die Straßenzüge und Häuser, die wie die Reihen eines riesigen Amphitheaters im Morgenlicht liegen. Zum ersten Mal in diesem Monat entspricht das Wetter dem Kalender, sieht der Mai nach Mai aus. Ein grüner Ring aus Bäumen schließt den Ort ein und umläuft das Tal, zieht sich von Hügel zu Hügel und durch den gesamten Landstrich, der nicht ohne Grund ›Hinterland‹ heißt.

Man könnte bis Kassel wandern, vier oder fünf Tage lang, ohne einmal aus dem Schatten der Bäume zu treten.

»Wie auch immer. Mit dem Vater, Jürgen Bamberger, bin ich gut bekannt, wie Sie wissen, und den werde ich heute Vormittag mal einbestellen. Kennen Sie einander eigentlich?«

»Wie man sich so kennt hier.«

Granitzny nickt und gestattet seinen Gedanken eine kleine Abschweifung. Weidmann erkennt es an seinem Blick.

»Sie sind in keiner Gesellschaft, oder?«

»Ab und zu geh ich zum Rehsteig. Selten.«

»Kein Grenzgänger.«

»Kein echter.«

»Dabei ist Ihr Vater mal zweiter Führer gewesen. Einundsiebzig?«

»Einundsiebzig.«

»Nicht Ihr Niveau, nehm ich an.«

»Nein.«

Wahrscheinlich redet sonst kein Kollege so mit Granitzny, aber dem imponiert es, wenn einer schon mal an der Universität unterrichtet hat, darum quittiert er die Antwort nur mit einem Nicken. Man sieht das Schloss vom Rektorzimmer aus, den runden, an die Schachfigur erinnernden Turm und das Schieferdach des Gebäudes, das wie ein gekentertes Schiff über den grünen Wipfeln treibt.

»Dann zurück zum Geschäftlichen. Rehsteig – da wohnt doch Daniels Mutter. Kennen Sie die? Kerstin … heißt sie noch Bamberger?«

»Werner. Sie war bei Elternabenden ein oder zwei Mal.« Er sagt auch das mit Blick aus dem Fenster. Granitzny hat diese Art, Fragen zu stellen, die einen argwöhnen lässt, er kenne die Antworten selbst und wolle seinem Gegenüber nur auf den Zahn fühlen – diese Marotte allerdings erfüllt Weidmann nicht mit Unbehagen, sondern mit einem Anflug derselben Unerschütterlichkeit, die Granitznys Körperfülle ausstrahlt. Der muss schließlich nicht alles wissen. Wer sich zu tarnen versteht, braucht nicht Versteck zu spielen, so viel hat er gelernt in den letzten sieben Jahren, hat es auch zu Konstanze gesagt neulich und prompt zur Antwort bekommen: Ich weiß, dass du nicht glücklich bist. Aber du bist selbst schuld.

Neun Uhr fünfundzwanzig verkündet die Uhr über der offenen Tür zum Sekretariat. Montag der fünfzehnte Mai, und die Sonne draußen erfüllt ihn mit einer Melancholie, wie es selbst der Bergenstädter Winter nicht vermag, trotz seiner Überlänge. Zum Teufel mit alldem, denkt er.

»Sehen Sie, es würde jetzt von Ihnen erwartet, dass Sie sagen: Okay, mit der Mutter rede ich.« Granitzny hängt in seinem Stuhl, als wäre er beim Zahnarzt.

»Was soll ich ihr sagen?«

»Dass ihr Sohn … dass ihr Sohn sich zwar gewissermaßen artgerecht, aber unkorrekt verhalten hat an der Schule und dass wir uns Konsequenzen vorbehalten.«

»Artgerecht?«

Unerwartet behände richtet sich Granitzny auf und kommt dem Schreibtisch so nah, wie es sein Bauch gestattet. Seine Miene ist aufgeweckt jetzt, neugierig und lässt so etwas wie Vorfreude erkennen. Wahrscheinlich ist auch das ein Effekt der Jahreszeit und des plötzlich umgeschlagenen Wetters. Dem Rektor sitzt der Schalk im Stiernacken, und seit er nicht mehr raucht, erlaubt er sich manchmal, seinen Launen einfach nachzugeben.

»Es würde mich interessieren, wie Sie als Sechzehnjähriger waren.«

Einen Moment lang sehen sie einander in die Augen – Granitznys Tränensäcke könnte man für angeklebt halten, so schwer sind die – dann ruft Frau Winterlich aus dem Nebenzimmer:

»Unauffällig. Hab seine Mutter nie klagen hören.«

Weidmann nickt, sagt aber nichts. Unauffällig ist wahrscheinlich besser getroffen, als Frau Winterlich ahnt. Unauffällig passt.

Granitzny lehnt sich wieder zurück, augenscheinlich unzufrieden.

»Frau Winterlich, würden Sie uns zwei Kaffee bringen.«

»Ich muss gleich los.« Weidmann zeigt auf die Uhr, um halb zehn gongt es, aber nicht mit Granitzny:

»Sie haben eine Freistunde jetzt, wissen Sie das nicht?«

Granitzny hat einen zusammengefalteten Liegestuhl neben dem Heizkörper stehen, und wenn das Wetter es zulässt, sieht man ihn nachmittags um fünf, wenn nicht einmal mehr der Hausmeister sich noch auf dem Schulgelände aufhält, im offenen Hemd vor dem Haupteingang sitzen und Zeitung lesen. An sechs Tagen in der Woche rollt sein silbergrauer Ford als Letzter vom Parkplatz, und am siebten gibt es dort sowieso keine anderen Wagen. Ohne Granitznys unermüdlichen Einsatz würde es nicht einmal das Schulgebäude geben, diesen zweistöckigen Neubau in den Lahnwiesen. Das hier ist Granitznys Schule, Genitivus possessivus ohne Abstriche.

»Wenn ich mit ihr rede«, sagt Weidmann, »müsste ich aber präziser werden. Als Mutter wüsste man ja gerne, welcher Art die Konsequenzen sind, die wir uns vorbehalten.«

»Wie schätzen Sie’s ein, ich meine: Ist doch kein Fall für einen Verweis von der Schule.«

»Nein.«

»Die Prügelstrafe ist abgeschafft, was bleibt noch?«

»Eine ungemütliche halbe Stunde im Rektorzimmer.«

»Seh ich kommen.«

»Zu überlegen wäre, ob man die drei in verschiedene Klassen steckt.«

»Da seh ich Probleme mit den Kollegen.«

»Und ich glaube nicht, dass Tommy Endler der Einzige war, den sie … soll man ›Erpressung‹ sagen?«

Mit einer Handbewegung wischt Granitzny das Wort beiseite.

»Was mich interessieren würde: Warum macht der kleine Bamberger da mit? Sieht ihm doch nicht ähnlich, oder? Die beiden anderen hab ich schon häufiger zur Schnecke gemacht, aber Daniel Bamberger …«

Frau Winterlich kommt mit zwei Kaffeetassen herein. Sie und Granitzny sind ein Fall für Cartoonisten: er der Elefant und sie mit dieser vogelhaften Art, den Kopf zu bewegen, als picke sie ihrem Gegenüber unsichtbare Körner aus dem Gesicht. Sie ist schon Sekretärin gewesen, als Weidmann hier noch zur Schule ging, das heißt nicht hier, sondern im alten Schulgebäude in der Rheinstraße, das seit dem Umbau das Rathaus beherbergt. Strenger Dutt und graue Strickweste, und niemand an der Schule kann sich vorstellen, wie es nach den Sommerferien sein wird, das Sekretariat zu betreten, ohne Frau Winterlich darin.

»Hormone«, gibt sie jetzt zu bedenken und dreht ihre spitze Nase in Weidmanns Richtung. »Sind alles die Hormone. Milch?«

Weidmann winkt ab. Zwanzig Minuten später tritt er hinaus auf den hinteren Schulhof, in den Glanz der Vormittagssonne auf immer noch taufeuchten Lahnwiesen. Bis zum Rand des Schulhofs geht er, steigt über den meterhohen Rasenwall gegen das Frühjahrshochwasser und folgt dem schmalen Teerweg Richtung Turnhalle. Von der Endgültigkeit abgesehen, ist der Übergang vor allem tröstlich – das Verschwinden der Sehnsucht und der Eintritt in eine Art Leere, die einen mit viel weniger Angst erfüllt, wenn man erst mal drin ist. Es ist deine alte Schwarzseherei, bloß dass sie jetzt einen Zug ins Zynische bekommt. Konstanze glaubt nämlich, dass Zynismus die letzte Stufe vor der Verzweiflung ist und nicht etwa die erste danach. Außerdem kann eine junge Mutter mit Resignation nichts anfangen, egal wie souverän die daherkommt, und vielleicht hat er’s auch einfach falsch erklärt. Hat das Gefühl, den Trost darin übertrieben ausgemalt und sich am Ende verraten – zum Beispiel damit, keine Fotos von dem Kleinen sehen zu wollen.

Von der Umgehungsstraße weht Verkehrslärm herüber, nicht im kontinuierlichen Rauschen der Stoßzeiten, sondern als das tropfenweise Vorbeiziehen einzelner Wagen. Alle sind auf der Arbeit oder zu Hause. Weidmann sieht auf die Uhr: Für den üblichen Freistundengang durch die Lahnwiesen bleibt keine Zeit mehr, also passiert er die Turnhalle und geht auf eine kleine halbkreisförmige Fichtengruppe zu. Auf der Holzbank in deren Mitte sitzen manchmal knutschende Schüler, aber jetzt ist sie frei.

Vielleicht täuscht er sich auch mit diesem Gefühl, mit dem Trost ebenso wie mit der Endgültigkeit, mit allem eben. Vielleicht ist es nicht nur Melancholie, mit der diese verdammte Sonne ihn erfüllt. Die Hecken der Wochenendgrundstücke schlagen aus, die Luft unter den Bäumen riecht nach Rinde und Moos. Scheißspiel. Das große Tamtam des heraufziehenden Sommers. Entlang der Lahn stehen Pappeln Spalier, scheinen sich aufzulösen im gleißenden Licht. Alles schon auf Grenzgang gemacht, sogar das Grünzeug.

»Reden Sie also bitte mit der Mutter. In ihrer Eigenschaft als …« Ein Lächeln und eine kurze Pause, in der Granitznys Schalk sich das Wort ›Junggeselle‹ verkneift. »Als Klassenlehrer.«

Beim Maibaumaufstellen vor zwei Wochen sind sie einander begegnet, flüchtig nur, und trotzdem hat sich sein Eindruck von damals erneuert: dass sie eine Fremde ist im Ort, anders als er, aber genauso fremd. Immer noch zugezogen nach so langer Zeit, ohne den ortsüblichen Zungenschlag, der ihn auch nach zehn Jahren in Berlin noch mit der Frage konfrontiert hat: Wo kommen Sie denn her? Mit dieser skeptischen Betonung auf dem ›Sie‹. Es stimmt, dass sie gut aussieht, auf unauffällige Weise, ein wenig blass und ein wenig so, als lachte sie nicht oft genug. Im Fehlen von Schmuck oder Schminke hat er eine Eitelkeit eigener Art zu entdecken geglaubt, als würde sie sagen: Für euch nicht.

Also wird er mit ihr reden. Nach einem Blick auf die Uhr steht er auf. Von dieser Bank hinter der Turnhalle ist nur das letzte Ende der Parkplätze zu sehen, und als er einen Schritt um die Fichten herum macht, sieht er einen neuen, metallic-blauen Saab mit offenem Verdeck ausrollen und die letzte Parkbucht besetzen. Offenbar hat Granitzny gleich nach ihrem Gespräch zum Hörer gegriffen. Jürgen Bamberger steigt aus, piept das Auto zu und wirft einen Blick die sonnigen Hänge hinauf, bevor er Richtung Eingang verschwindet.

* * *

Den Veilchenstrauß sieht sie erst, als sie mit einem Fuß drauf steht. Sie atmet diesen unverwechselbaren Duft ein und blickt an sich herunter, weil sie weicher aufgetreten ist als erwartet, und da liegen sie vor ihr: eine Handvoll violetter Blüten, die Stiele in ein feuchtes Taschentuch geschlagen – nun alles zerknautscht – auf der Fußmatte vor ihrer Tür. Kerstin hebt den Fuß, steht starr vor Verwunderung und blickt die Straße hinauf und hinab. Verlassen ruht der Rehsteig in der Sonne. Bei Brunners, ihren Nachbarn zur anderen Seite, steht ein Kirschbaum in voller Blüte, rund und weiß wie ein aufgepfropfter Schneeball. Nirgendwo ein Mensch zu sehen. Sie nimmt den Strauß auf und hält sich die Blüten unter die Nase. Anita hat ihr früher Blumen zum Geburtstag geschenkt, aber die lebt am Starnberger See und beschränkt sich am fünfzehnten Mai auf Anrufe, und von den wenigen Menschen, die ihr normalerweise zum Geburtstag gratulieren, leben überhaupt nur zwei in Bergenstadt; ihre Mutter scheidet aus, und der Gedanke, Daniel könnte vor der Schule am Rehsteig vorbeigekommen sein und ihr einen stummen Blumengruß vor die Tür gelegt haben, lässt zwar ihr Herz höher schlagen, verliert darum aber nichts von seiner Abwegigkeit.

Kerstin geht ins Haus zurück, stellt nach einer Inspektion des Taschentuchs die Veilchen in eine Glasvase und diese anschließend erst auf die Küchenanrichte, dann auf den Esszimmertisch. Ein violettes, duftendes Fragezeichen. Umso rührender ob seiner Verwundung durch ihre unachtsamen Füße. Der Anblick begleitet sie auf dem Weg den Kornacker hinunter, am alten Landratsamt im Park vorbei, zu König’s – ein Edeka-Markt eigentlich, aber es steht immer noch König’s draußen dran, und beim Eintreten spürt sie noch immer die Sonne auf der Haut und weiß, dass es sich in Wahrheit um etwas anderes handelt. Etwas, das für eine Weile sogar die Vorfreude auf eine Woche mit Daniel im Haus überstrahlt, obwohl es genau genommen ein Nichts ist: die kurze Pause hinter einem Fragezeichen …

Lächelnd biegt sie um die Ecke zur Gemüsetheke, von der bei König’s erfahrungsgemäß nicht viel zu erwarten ist und wo eine andere Kundin sich gerade kritisch über die Tomaten beugt. Frau Preiss, Lindas Mutter, erkennt Kerstin, als die den Kopf wendet und dabei eine Bewegung macht, als wäre sie beim Klauen erwischt worden.

»Na, so eine Überraschung!«

»Tag, Frau Preiss.« Sie bemerkt das fröhliche Tremolo ihrer Stimme und schlenkert den Einkaufskorb, als wollte sie Obst und Gemüse einladen, von selbst hineinzuspringen.

»Guten Morgen.« Frau Preiss nimmt zwei Tomaten und dreht sie in der Hand. Die Frisur kommt Kerstin neu vor, kürzer und etwas zu bauschig auftoupiert für ihren Geschmack. Dazu steigt ihr Parfümduft in die Nase, möglicherweise Veilchenaroma, aber Frau Preiss’ Blick klebt auf den Tomaten und lädt nicht ein zu Freundlichkeiten. Unentschlossen streichen Kerstins Augen über grüne Gemüsekästen, auf der Suche nach einer beiläufigen Bemerkung, die nicht Zuflucht zum Wetter nimmt. Sie kennen einander kaum, tauschen gelegentlich am Kornacker Grüße von Auto zu Auto und treffen sich, seit die Versammlungen stattfinden, dann und wann bei den Rehsteig-Frauen. Vor zwei Wochen oben auf dem Maibaumplatz haben sie zuletzt ein paar Worte gewechselt. Jetzt fällt ihr ein, dass Linda ihr seit kurzem manchmal auf dem Motorroller begegnet, Hans-Jürgen Preiss und ihr Exmann derselben Männergesellschaft angehören und dass es für Bergenstädter Verhältnisse eigentlich ungewöhnlich ist, wenn Herr Preiss zur Rheinstraße und Frau Preiss zum Rehsteig geht – was aber zu den Dingen gehört, für die sie sich nicht interessiert.

Pilze kann sie keine entdecken, auch keine Auberginen, und der Broccoli sieht aus, als hätte er Schlimmes hinter sich. Soll sie das sagen?

Frau Preiss erteilt den Tomaten eine seufzende Absage und bläst das Schweigen auf wie einen Luftballon kurz vor dem Platzen. Dann scheint sie sich einen Ruck zu geben, wendet den Blick Kerstin zu und muss kichern, bevor sie flüstert:

»Bei König’s Gemüse zu kaufen ist ein bisschen so, wie wenn man sich ein Haustier aus dem Tierheim mitnimmt.« Sie hat sich ihre Sonnenbrille ins blondierte Haar geschoben und ein Muttermal auf der Stirn, über der linken Augenbraue.

»Sie meinen, man tut ein gutes Werk?«

»Ich meine, man weiß nicht genau, was man sich ins Haus holt.«

Sie sehen einander an, und Kerstins Hand in der Luft wäre beinahe auf Frau Preiss’ Unterarm zu liegen gekommen, aber dann greift sie nach dem gelblichen Broccoli und sagt:

»Der hier allerdings müsste eingeschläfert werden, oder?«

Frau Preiss bekommt kleine Falten in den Augenwinkeln, wenn sie lacht, ein natürliches, helles, ganz unblondiertes Lachen.

»Es sei denn, er rührt Ihr Herz so, dass Sie ihn mit nach Hause nehmen.«

»Nein.«

»Ich nehm ihn.« Tatsächlich streckt Frau Preiss beide Hände aus und nimmt das welke Bündel in Empfang. Legt es in ihren Bastkorb, lächelt Kerstin zu und geht weiter zu den Getränken. Ihr teures Parfüm weht wie ein Schleier hinter ihr her.

Vor der Scheidung hat es einmal einen Abend zu viert gegeben, jedenfalls steht Kerstin dieses Bild vor Augen, Herr und Frau Preiss nebeneinander, sein damals schon fast kahler, eckiger Schädel und das feine, zerbrechliche Gesicht seiner Frau. Und ihr Eindruck, dass sie trotzdem zueinander passen, ein Gefühl von Harmonie vermitteln, ganz ungezwungen. Er hat versucht, einen Witz zu erzählen, und sie, ihn daran zu hindern, und irgendwas daran hat ihr gefallen. Du kriegst doch eins mit dem Besen nachher. Oder so ähnlich. Den Witz hat Herr Preiss trotzdem erzählt, aber an den erinnert sie sich nicht.

Erst als sie sich vor der Kühltheke erneut begegnen, hat sie Gelegenheit, noch einmal auf den Broccoli zurückzukommen:

»Sie wollen den nicht wirklich kaufen.«

»Jetzt liegt er in meinem Korb, jetzt nehm ich ihn auch mit.«

»Sie müssen wenigstens verlangen, dass Sie ihn zum halben Preis bekommen.«

Frau Preiss’ Blick hat an den Rändern etwas von seinem Lächeln eingebüßt und gibt Kerstin zu verstehen, dass die Gattin des Inhabers von Preiss Damenunterwäsche & Dessous an einer Supermarktkasse nicht um Rabatt bittet.

»Aus Prinzip«, sagt sie schnell.

Frau Preiss zuckt die Schultern.

»Wie geht’s Ihrem Sohn? Linda sagt, dass die Lehrer inzwischen regelrecht Angst vor ihm haben, wenn es um Mathe und Physik geht.«

Im Restaurant oben im Schloss haben sie gesessen, jetzt fällt es ihr ein. Vor sieben Jahren? Vor acht? Vor zehn?

»Das sind so seine Hobbys. Bisschen ungewöhnlich wahrscheinlich in dem Alter.«

»Glauben Sie’s mir: Besser als alles, was in dem Alter nicht ungewöhnlich ist.« Frau Preiss’ Lächeln ist wieder vollständig. Ihr Solariumsteint lässt das Goldkettchen in ihrem Halsausschnitt ebenso hervortreten wie die kleinen Fältchen, die sich dort eingenistet haben, und am liebsten würde Kerstin einfach aussprechen, was ihr durch den Kopf schießt: In unserem Alter, nicht wahr, ist gutes Aussehen irgendwie ein Balanceakt – und dass sie beide ihn eigentlich ganz gut meistern.

Sie sagt es aber nicht, und so gerät das Gespräch wieder ins Stocken. Kerstin fühlt die Luft aus dem Kühlregal um ihre nackten Waden streichen. Frau Preiss’ letzte Bemerkung kommt ihr vor wie das Öffnen einer Tür, und sie weiß selbst nicht, warum sie darauf schließlich mit einem Blick auf die Uhr reagiert.

»Tja, dann …«

»Der halbe Vormittag um und zu Hause noch nichts geschafft.«

Einander zunickend nehmen sie verschiedene Wege Richtung Kasse, Kerstin entscheidet sich für Pilze aus dem Glas, kauft drei Hühnerbrustfilets und bummelt am Zeitschriftenregal entlang, auf der Suche nach etwas für Frauen, was auch ihre Mutter lesen kann.

Sobald um Viertel nach zehn die ersten Berufsschüler den Markt betreten, nehmen König, der Sohn, und seine Mitarbeiterinnen die strategisch wichtigen Stellen ein und überwachen die Regale mit Salzgebäck, Süßigkeiten und Getränken, denn Videokameras gibt es bei König’s nicht. Kerstin stellt ihre Waren aufs Band: Einkäufe wie damals zu Studentenzeiten, nur das Nötigste für die nächsten Tage, das sich in zwei Händen nach Hause tragen lässt. Sie zahlt und beobachtet aus den Augenwinkeln die Waren-Armada, die aus Frau Preiss’ Korb heraus- und auf dem Band vorrückt, angeführt von zwei Sektflaschen, abgeschlossen von diesem jämmerlichen Broccoli.

Sekt, denkt sie, hätte sie sich zu ihrem Geburtstag eigentlich auch gönnen können.

»Dann auf Wiedersehen.« Sie tritt hinaus auf den Parkstreifen, wo die Schüler jetzt in Gruppen stehen, rauchen und Cola trinken und einer feixend so tut, als würde er seine aufgerauchte Zigarette in Frau Preiss’ Cabrio werfen. Kerstin legt ihr Portemonnaie in den Korb und steht einen Moment still, als hätte sie ihren Rückweg vergessen. In einer der Schülergruppen explodiert eine Lachsalve. Die Sonne scheint vom Schlossberg herunter, ein Licht, das die bewaldeten Hänge herabrollt und sich in den Straßen ausbreitet, und am liebsten würde Kerstin jetzt so wie auf der Terrasse die Augen schließen und die Wärme genießen. Sie freut sich auf den Nachmittag im Garten, mit oder ohne Daniel.

Als sie die Tür hinter sich hört, nimmt sie den Korb in die andere Hand, sieht nach links und rechts und setzt im selben Moment an, die Straße zu überqueren, in dem Frau Preiss hinter ihr fragt:

»Wo haben Sie Ihren Wagen stehen?«

»In der Werkstatt, wieder mal.» Sie dreht sich um.

Frau Preiss hat ihren Korb auf den Rücksitz gestellt, die Beifahrertür geöffnet und lässt sie offen stehen, als sie ums Heck herum zur Fahrertür geht.

»Ich nehm Sie mit.«

»Danke.«

Die Ledersitze sind warm von der Sonne. In der Kniekehle, wo Kerstins Rock endet, fühlt sie den Griff einer heißen, großen Hand, während Frau Preiss den Schlüssel dreht und ein Schwall dumpfer Bässe aus den Boxen springt wie ein zu lange eingesperrtes Tier. Ein paar Schüler drehen die Köpfe.

Frau Preiss drückt eilig den Lautstärkeregler, und der Sprechgesang verschwindet hinter Motorengeräusch.

»Verzeihung. Ich klaue die CDs meiner Tochter, um auf dem Laufenden zu bleiben. Bei den Kindern geht ja heute alles über Musik, und im Moment hören sie einen tätowierten, schwarzen Ami, der so ähnlich heißt wie sehr wenig Geld. Kennen Sie den? Mir gefällt er auch, wahrscheinlich ist es furchtbar obszön.«

»Mein Sohn hört wenig Musik, und ich …«

»Meine Tochter hört rund um die Uhr Musik, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Außer in der Schule, hoffentlich.« Frau Preiss hat den Wagen gewendet und seine Kühlerhaube so weit auf die Straße geschoben, dass jemand ihr schließlich die Vorfahrt lassen muss.

»Danke«, sagt sie zu sich selbst. »Wieso hört Ihr Sohn keine Musik?«

»Das weiß ich nicht. Er interessiert sich für Sterne.«

»Sterne. Sie meinen …« Ihr rechter Zeigefinger zeigt da hin, wo um diese Zeit keine Sterne zu sehen sind.

»Ja.«

»Wie romantisch. Meine Tochter interessiert sich für Stars. Waren die zwei nicht mal verliebt ineinander?«

»Ist ein paar Jahre her, aber die Hochzeit war jedenfalls fest versprochen.«

»Ach ja.« Frau Preiss hält am Zebrastreifen, wo zwei Grundschüler selbstbewusst die Arme nach vorne strecken. »Lernt was Schönes, ihr Süßen.« Damit fährt sie wieder an und nimmt mit Schwung die Abzweigung zum Kornacker. Kerstin fühlt den warmen Druck der Sitzlehne im Rücken, die Musik ist nur noch ein leises Rauschen jetzt. Vor genau vier Jahren, fällt ihr ein, ist sie mit Anita um den Starnberger See gefahren – Jürgen und Daniel paddelten über Pfingsten auf der Dordogne –, mit offenem Verdeck und sonnenbebrillt, während die Spätnachmittagssonne eine Schicht Gold auf das Wasser legte. An einem Uferrestaurant haben sie gehalten, dessen Parkplatz aussah wie der Genfer Autosalon. Heller Kies und gestutzte Bäume. Auf langgezogenen Terrassen und unter weißen Sonnenschirmen Gesichter, die Dollars und Schweizer Franken lachten, und Anita und sie hatten kaum Platz genommen, als die Plätze am Nebentisch auch schon von graumelierter Abenteuerlust besetzt wurden. Anita ließ sich Feuer geben, da waren sie zu viert. Kerstin hat ihre Freundin beobachtet, ihre flirtenden Blicke, die Mühelosigkeit ihres Charmes, während ihr selbst das Lächeln so langsam und unaufhaltsam aus dem Gesicht rutschte wie eine zu große Brille. Und irgendwann hat sie die Maske einfach fallen gelassen und die Hand auf ihrem Oberschenkel dem dazugehörigen Zahnarzt zurückgegeben.

Warum? Anitas Frage auf dem Heimweg. Neben der Straße der nun dunkle See, wie ein Loch in der Erde, mit tausend Lichtern drum herum, damit niemand hineinfällt. Ihr vierzigster Geburtstag, zwei Jahre nach der Scheidung, und an nichts erinnert sie sich so gut wie an das nagende Gefühl, von allen, in allem und um alles betrogen worden zu sein.

»Sie können mich da an der Ecke rauslassen«, sagt sie. »Die fünfzig Meter bis …« Aber Frau Preiss ist schon nach rechts abgebogen und nimmt den Fuß vom Gas.

»Hier?«

»Das wär nicht nötig gewesen. Hier rechts. Sie können vorne bei Meinrichs wenden.«

Der Wagen hält, Musik löst das Motorengeräusch ab, und Kerstin muss einen Moment suchen, bis sie den Türgriff in der Armlehne findet. Sonnenbeschienen und mit kleinen Rissen im Straßenbelag liegt der Rehsteig vor ihnen.

»Ich wünschte, mein Flieder würde so blühen.« Frau Preiss nimmt die Sonnenbrille ab, um den Strauch neben Kerstins Haustür in Augenschein zu nehmen.

»Hier vor dem Haus ist es schwierig. Zu viel Schatten.«

»Bei mir blüht er auch im Garten nicht richtig. Ich mache was falsch.«

»Mit Flieder kann man nicht viel falsch machen. Schneiden, wenn der Frost vorüber ist. Auf Blattläuse achten.« Sie zuckt mit den Schultern.

»Ich hab kein Talent dafür. Vor einigen Jahren hatten wir diesen Rosenstock, prächtiges Gewächs, blühte ganz von selbst. Irgendwann habe ich beschlossen, mich drum zu kümmern, ihn zu schneiden, zurückzubinden, und binnen zwei Jahren war’s nur noch ein kümmerliches Etwas, hatte kaum noch Blüten.«

»Das kommt vor. Aber bei Rosen gibt’s ein altes Hausmittel: Kaffeesatz. Fragen Sie mich nicht warum, aber es hilft. Ich gebe immer, was im Filter bleibt, unten aufs Beet.«

»Es ist ein Beispiel von vielen. In meinem Garten wächst nur, was von alleine wächst. Unter meinen Händen …« Frau Preiss sieht auf die eigenen Handflächen, als stünde die Erklärung dort. »Wahrscheinlich hab ich schlechtes Karma.«

Ihre Blicke begegnen sich über der Gangschaltung. Jetzt, wo die Sonne auf ihr Gesicht fällt, zeigen sich die Falten in Frau Preiss’ Augenwinkeln auch, wenn sie nicht lacht. Für einen Moment sieht ihr Gesicht aus wie Porzellan, dann sagt sie:

»War nur ein Witz. Ich glaub nicht an Karma. Ich lese nicht mal mein Horoskop.«

»Ich schneide Ihnen was ab von dem Flieder auf der Terrasse. Zwei Minuten.« Kerstin öffnet die Tür, bevor Frau Preiss sie am Arm fassen und zurückhalten kann. Ihr Rücken, ihr Hintern sind noch warm vom aufgeheizten Sitz. Erst im Schatten des Vordaches dreht sie sich noch einmal kurz herum, während eine Hand im Korb nach dem Schlüssel sucht.

»Zwei Minuten.«

Frau Preiss nickt.

In der Diele hängt Dämmerlicht. Ihre Mutter hat nicht nur die Terrassentür geschlossen, sondern auch die Vorhänge zugezogen, als ob die Maisonne ein Feind wäre, den es sich vom Hals zu halten gilt. Kerstin stellt ihren Korb auf den Esstisch neben die Veilchen und öffnet die Tür. Der Garten ist voller Sonne jetzt, sie fällt nicht mehr durch die Bäume, sondern steht hoch über dem Tal und verströmt weißes Licht. Vom Geruch des nächtlichen Regens ist nichts geblieben. Sie wird den Gartenschlauch anschließen und gießen müssen.

Auf der Fensterbank des Wohnzimmers, außen, liegt eine Gartenschere.

Sie hört Schritte im Zimmer ihrer Mutter und kurz darauf die Tür. Schmetterlinge fliegen auf, als sie einen Ast des Flieders zurückbiegt und die Schere ansetzt.

»Du bist’s. Ich dacht schon, es wären wieder Fremde im Haus.«

Mit geschlossenen Augen atmet sie den Duft des Flieders, das Süße, das aus den trichterförmigen Blüten wabert und die Sonne warm über der Terrasse verteilt hat. Ja, sagt sie, ohne die Lippen zu bewegen. Ja, ja, ja. Vorsichtig legt sie den abgeschnittenen Ast auf den Terrassenboden.

»Ich hab mein Bett gemacht, ja. Man weiß nie.«

»Gut.«

»Und die Türen stehen offen wie bei den Zigeunern.«

»Ich muss noch mal raus, will nur kurz ein paar Blüten abschneiden.« Sie nimmt den nächsten Ast und denkt, dass es nicht die unterschwelligen Vorwürfe in den Worten ihrer Mutter, sondern ihre eigenen Entschuldigungen sind, worüber sie sich ärgert. Sie hat das Recht, ihre Türen offen stehen zu lassen bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Und sie hat große Lust, diesen Montag, ihren Geburtstag, zum Tag der offenen Tür zu erklären. Da sieht man wenigstens, wenn jemand Blumen bringt.

»Da steht jemand.«

»Da sitzt Frau Preiss in ihrem Auto und wartet, bis ich ihr den Flieder rausbringe.«

»Da steht jemand.«

Sie legt den zweiten Ast auf den Boden und richtet sich auf. Ihre Mutter blickt durch Diele und Haustür Richtung Straße, wo Frau Preiss ausgestiegen ist und sich über den Zaun beugt, um an dem Fliederstrauch zu riechen. Sie winkt und macht einen Schritt Richtung Gartentor.

»Augenblick noch«, ruft Kerstin, unschlüssig, ob sie Frau Preiss hereinbitten soll, einen prüfenden Blick auf ihre Mutter werfend, die das Winken nicht bemerkt zu haben scheint und immer gut ist für die plötzliche Aufforderung, die Polizei zu rufen.

»Frau Preiss hat eine Tochter, die in Daniels Klasse geht.«

»Prima. Hast du meine Haftcreme mitgebracht?«

»Du hast nicht gesagt, dass du welche brauchst.«

»Sonst hält die Prothese nicht, ja.«

Sie geht zurück auf die Terrasse, beeilt sich mit den restlichen Ästen und kommt schließlich mit einem Strauß zurück, der ihr selbst übertrieben groß erscheint. Er lässt sich kaum mit einer Hand fassen.

Frau Preiss lehnt mit dem Steiß gegen ihren Wagen, beide Arme auf die Türen gestützt und hält ihr Gesicht in die Sonne. Noch immer säuselt leise Musik aus den Boxen, wie Wasser, das über einen Brunnenrand läuft.

»Ist ein bisschen mehr geworden«, sagt Kerstin entschuldigend und unterdrückt den plötzlichen Wunsch, Frau Preiss zu sagen, dass sie Geburtstag hat.

»Meine Güte! Ich bitte Sie, Frau Bamberger, das wäre doch nicht …«

»Werner. Ich heiße wieder Werner, seit …«

Frau Preiss lässt den Mund offen stehen und legt wie in Zeitlupe ihre Hand darauf, während ihre Augen weit werden vor Schreck.

Der Fliederstrauß ist zwischen ihnen, als wären sie plötzlich zu dritt.

»… Entschuldigung.« Es klingt wie ein letztes Wort vor der Ohnmacht und hält Kerstin davon ab, einfach über den Lapsus hinwegzugehen und Frau Preiss den Flieder in den Arm zu legen wie vorher bei König’s den todgeweihten Broccoli. In irgendeinem Geschäft in Bergenstadt passiert ihr das jede Woche, auch jetzt noch, sechs Jahre nach der Scheidung.

»Schon gut.«

Aber Frau Preiss schüttelt den Kopf hinter ihrer Hand und sagt:

»Nein.«

»Mir passiert das oft.«

»Umso schlimmer.«

»Ist eben so« … auf dem Land, hat sie hinzufügen wollen, unterlässt es aber. Soweit sie weiß, kommt Frau Preiss von hier.

»Das ist es, was ich vorhin meinte mit dem Karma und den Pflanzen. Unter meinen Händen … Ich bin nicht aufmerksam genug.« Frau Preiss hebt den Blick, und ihre Hände berühren einander kurz, als Kerstin ihr den Flieder gibt. In der Diele ertönen quietschende Schritte, und Kerstin hofft, ihre Mutter werde erstens im Haus bleiben und zweitens nicht plötzlich die Tür von innen abschließen.

»Der braucht viel Wasser.«

»Danke. Ist das Ihre Mutter?«

»Ja.«

»Sie sind mir nicht böse, oder?«

»Nein.«

Frau Preiss nickt und lächelt, hält den Flieder in der Armbeuge wie ein Kind und erinnert Kerstin an eine Schauspielerin, deren Name ihr aber nicht einfällt. Die schmalen Lippen sind es, die ihrem Gesicht diesen Eindruck von Zerbrechlichkeit geben. Die Musik aus dem Auto ist verstummt.

»Ich muss los.«

»Danke fürs Bringen.«

»Danke für den Flieder.« Frau Preiss bettet den Strauß sorgfältig auf den Rücksitz, steht einen Moment neben dem Auto, als müsse sie nachdenken, und sagt: »Warten Sie«, bevor sie sich noch einmal über die Rückbank beugt. Mit einer Flasche Sekt in der Hand richtet sie sich wieder auf.

»Nein, das …« Kerstin hebt abwehrend die Hände und schüttelt den Kopf.

»Doch, unbedingt.«

»Es ist weder nötig noch …«

»Ich bestehe darauf.« Wieder stehen sie sich gegenüber und sehen einen Moment lang aneinander vorbei. Wahrscheinlich sind es Begebenheiten solcher Art, derentwegen sie so selten unter Menschen geht. Dauernd passiert ihr das, immer nehmen die Dinge auf einmal eine Wendung ins Gezwungene und halb Peinliche, in die Randbereiche der Lächerlichkeit, wo sie ihren Stolz zusammenraffen muss wie ein zu langes Kleid auf matschigem Boden. Und dabei lächeln, lächeln, lächeln.

»Sehen Sie, ich weiß ja, dass heute Ihr Geburtstag ist.« Frau Preiss spricht so leise, als wäre es eine Erklärung der intimeren Art, die sich nur mit Blick auf den Gartenzaun über die Lippen bringen lässt.

»Woher wissen Sie das?«

»Es ist, wenn Sie so wollen, mein Job, als Schriftführerin der Rehsteigfrauen. Ich führe die Mitgliederliste, und da stehen alle Geburtstage drauf, weil es bei runden Geburtstagen ab fünfzig aufwärts bekanntlich üblich ist, dass gesungen wird. Was ja in Ihrem Fall … also herzlichen Glückwunsch.«

Weil die Flasche im Weg ist, wird aus dem Handschlag eine schüchterne Berührung der Arme, dann steht Kerstin auf dem Bürgersteig und weiß nicht, was sie sagen soll.

»Danke«, bietet sich immerhin an. Angenehm rund und glatt liegt die Sektflasche in ihrer Hand.

»Ich hätte Ihnen natürlich sofort bei König’s gratulieren müssen. Wahrscheinlich denken Sie, ich sei nicht mehr ganz richtig oder so.«

»Ich mache selbst nicht viel Aufhebens um diese Dinge – meinen Geburtstag, meine ich.«

Frau Preiss nickt und macht zwei Schritte rückwärts Richtung Fahrertür.

»Grüßen Sie Ihre Mutter.« Sie steigt ein, wirft einen kurzen Blick in den Rückspiegel, bevor sie losfährt und Kerstin zurückgeht ins Haus. Auf der Schwelle dreht sie sich noch einmal um, Frau Preiss hat gewendet und fährt in die andere Richtung, sieht aber nicht mehr her, und Kerstins Winken verliert sich über der leeren Straße.

Bis zum nächsten Mal, denkt sie.

Hinter ihr im Haus zerspringt ein Glas, und sie hofft, dass es nicht das mit den Pilzen war.

2

»Ich schätze, das war’s dann.« Er stand in der Tür und blickte in den Raum zurück wie auf ein Foto aus vergangenen Zeiten: Ein helles Zimmer mit Regalen an den Seitenwänden und zwei Schreibtischen in der Mitte, die eine einzige quadratische Fläche bildeten. Am Anfang hatte er es merkwürdig gefunden, seinem Kollegen gegenüberzusitzen und beim Aufblicken seiner konzentrierten Miene zu begegnen oder seine Finger über die Tastatur fliegen zu sehen, wenn Kamphaus schrieb. Schnell, präzise, fehlerlos. Sie hatten überlegt, die Schreibtische anders zu stellen und sich die Rücken zuzukehren bei der Arbeit. Das heißt, von ihm war der Vorschlag gekommen, und Kamphaus hatte die Schultern gezuckt und gesagt: Wie du willst. Dessen Konzentration war unzerstörbar, immer schon gewesen. Der brauchte, wenn man ihn ansprach, zwei Sekunden für den Weg zurück in die Wirklichkeit. Auch jetzt blickte er auf und sah sich um, nickte und schien erst in diesem Moment zu registrieren, dass die rechte Seite des Büros leergeräumt war und nur noch ein Karton auf dem Schreibtisch stand, die Tastatur, der Bildschirm, das Telefon. Sonst nichts mehr. Was im Regal noch an Büchern lag, war bereits Altpapier. Restmüll. Und natürlich hatte Wilkens schon ein paar eigene Sachen hergebracht und auf die freien Regalböden gestellt.

Die Tische jedenfalls waren dann doch immer so stehen geblieben.

»… ja«, sagte Kamphaus mit einem Anflug von Unbehagen, nahm die Brille ab und massierte sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel. Der wollte die letzten Minuten mit Anstand hinter sich bringen und dann in Ruhe weiterarbeiten. »Ist Schlegelberger denn überhaupt da?«

Wie ein Wal mit offenem Maul war dieser Tag auf ihn zugeschwommen, über Wochen und Monate, aber jetzt hatte er nicht das Gefühl, verschluckt worden zu sein, sondern auf offener See zu treiben, den Himmel zu sehen und die Wut zu vermissen, die zu empfinden nur natürlich wäre in seiner Situation. Warum war er nicht wütend, und was war er stattdessen?

»Tut mir leid, dass ich deinen Habil-Vortrag verpasse«, sagte er, ohne auf die Frage zu antworten. Die Tür des Alten war zu, und er würde nicht klopfen, sondern einfach verschwinden auf Nimmerwiedersehen.

Kamphaus winkte ab.

»Werden doch bloß olle Kamellen.«

Weidmanns Hand in der Hosentasche spielte mit dem Schlüssel. Sein Blick ging durch den Raum, auf der Suche nach etwas, das sich jetzt zertrümmern ließe mit einer letzten dramatischen, lächerlichen Geste: keinem Aufbegehren, nicht mal einem Abreagieren, sondern dem Versuch, Wut in sich zu schüren durch einen künstlichen Ausbruch. ›Olle Kamellen‹ sagte Kamphaus gerne über seine Arbeit. Weidmanns Blick fiel auf die großen Fenster und die beiden Pflanzen davor, die Konstanze mitgebracht hatte zur Einweihung des neuen Instituts. Dahinter ein gleichgültiger Hochsommerhimmel, in den Baukräne ragten. Die Goldkuppel der Synagoge glänzte in der Sonne.

Kamphaus konnte nichts dafür. Der war brillant und obendrein kollegial, der hatte es nicht nötig, die Arbeit seiner Kollegen schlechtzumachen. Nicht mal ein Karrierist war er, kein einsamer Bücherwurm mit bleicher Haut, sondern der Ehemann einer sympathischen, gutaussehenden Frau und Vater einer dreijährigen Tochter. Bevorzugte legere Jacketts und spanische Weine. Einer, der am Wochenende mit der Tochter in den Zoo ging, während andere sich die Rücken krumm saßen in der Bibliothek. Kamphaus zeichnete sich eben durch die Begabung aus, mit Kind auf dem Arm einen Affenfelsen betrachten und dabei denken zu können, dass die Quellen mehr hergaben, als er bisher daraus gemacht hatte. Dass ein vor sechs Jahren gelesener Aufsatz genau den Hinweis enthielt, der ihm helfen würde, seine Darstellung argumentativ abzurunden. Ein ›Kamphaus‹ war in der Geheimsprache des Instituts ein Einfall, auf den sonst keiner gekommen wäre. Der Funken Genialität, den weder Fleiß noch Leidenschaft ersetzen können. Und lustig, wie die Affen sich gegenseitig das Fell kämmten mit spitzen Fingern und sich in den Mund steckten, was sie fanden. Was für rote Hintern die hatten! Da lachte die Tochter, und er lachte mit ihr, denn gerade fiel es ihm ein: Den Aufsatz hatte er sogar noch, der stand ganz oben im Regal, im dritten Ordner links.

Und ein ›Weidmann‹, dachte Weidmann und hätte beinahe ebenfalls angefangen zu lachen, war ein ›Kamphaus‹, auf den besser nie jemand gekommen wäre.

Kamphaus’ Tochter hatte mit Wachsmalstiften ein Bild von den Affen gemalt, und es war ein Indikator für seinen, Weidmanns, Zustand, dass er erwog, es von der Wand zu reißen, zusammenzuknüllen und Jan Kamphaus an den Kopf zu werfen. Der massierte sich gar nicht die Nase, sondern strich sich die Verlegenheit aus dem hageren Gesicht, seinen Anflug von Mitleid mit dem Verlierer.

»Ich glaub ja immer noch, dass es auch anders gegangen wäre«, sagte er, die Augen auf den Bildschirm gerichtet, mit der zweiten Gehirnhälfte immer noch bei seinem Text.

Ein großes, gut ausgestattetes Büro, in dem sie die letzten anderthalb Jahre zusammengearbeitet hatten. Kamphaus’ Regale standen zum Bersten voll mit Büchern, Ordnern und Mappen. Draußen die subtile Gemeinheit eines Sommertages. August. Wir werden drei Tage lang Sonne haben, hatte seine Mutter am Telefon gesagt. Weidmann stand vor der Tür, und alles, was er tun konnte, war, einen Moment später zu gehen, als er gehen musste. Sich der letzten Pflicht des Geschassten zu widersetzen und nicht lautlos zu verschwinden. Ohne auf Kamphaus’ Äußerung zu reagieren, sagte er:

»Stört’s dich nicht, wie Wilkens immer die Luft durch die Zähne zieht? Immer dieses ts, ts, wenn er versucht, sich zu konzentrieren?«

Wilkens konnte natürlich auch nichts dafür, aber der war ein anderer Fall. Sollte er nicht wenigstens die Bücherkartons aus dem Regal fegen, die da standen als Vorhut des Neuen? In Reih und Glied, Kante auf Kante, so ordentlich wie Wilkens’ Hemdkragen, wie sein Seitenscheitel und die Angewohnheit, lateinische Wendungen in seine Rede einzubauen. Vielleicht war doch ein Funken Wut in ihm, aber viel zu klein, um ihn in Flammen zu setzen und zu Taten zu treiben. Also stand er da und wartete.

Eine Antwort bekam er nicht.

Sei ein Mann. So hatte es Konstanze ausgedrückt.

Abwesenheit von Gefühlen, stellte er fest, ist auch ein Gefühl. Seltsam luzide, nicht einmal unangenehm, eine Empfindung mit einer gewissen Verführungskraft: Kante auf Kante am Rand der eigenen Fassung zu stehen. Aber er würde sich nicht gehenlassen. Wilkens war zwar ein Trottel, aber kein Feind. Schlegelberger war das Gegenteil von einem Trottel und ebenfalls kein Feind, außerdem übermächtig. Der wusste um seine Unantastbarkeit, die im Lauf der Jahre eine Innenseite bekommen hatte, eine majestätische Gleichgültigkeit gegenüber Schülern, die die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllten. Das galt als Regelverstoß, und setzte man Schlegelberger die Pistole auf die Brust, würde er wahrscheinlich darauf hinweisen, er habe sie schließlich nicht gemacht, die Regeln. So ziemlich die einzige Illusion, die der alte Knochen sich erlaubte.

Wie eine Säule aus stummem idiotischem Protest stand er in seinem ehemaligen Büro.

»Würdest du dich eigentlich selbst als Dickschädel bezeichnen?«, fragte Kamphaus. »Ich nämlich schon.«

»Dich selbst als …«

»Dich. Das war seinerzeit ein ernsthaftes Angebot, die Habil noch mal …«

»Das war kein ernsthaftes Angebot, sondern eine kalkulierte Demütigung.« Er sagte das so ruhig und bestimmt wie möglich, erkannte an sich selbst den Habitus des souveränen Gelehrten, mit dem er bei Konferenzen auf Einwände oder im Seminar auf Fragen von Studenten reagierte und der ihm in diesem Augenblick wie eine Verkleidung erschien, so als hätte er sich beim Bergenstädter Grenzgang in das Kostüm von Mohr oder Wettläufer geworfen. »Eine kalkulierte Demütigung«, wiederholte er. Speech pattern, sagten sie dazu in Amerika.

Was würde er eigentlich künftig mit seinem Gelehrtenhabitus anstellen?

Kamphaus machte immer noch mit seiner Brille rum, setzte sie zwar auf die Nase, aber schielte von innen dagegen, als wollte er die Gläser nach Sprüngen absuchen.

»Eine Dioptrie mehr als die letzte«, sagte er missmutig, »und irgendwie stimmt die Entfernung nicht. Übrigens soll ich dich von Mareile grüßen und dir alles Gute wünschen.«

»Danke.«

»Scheißspiel, was?«

»Du wirst Wilkens ja gar nicht so lange ertragen müssen, wenn das mit dem Ruf nach Leipzig klappt.«

Darauf erwiderte Kamphaus wieder nichts, sondern bewegte seine Maus, machte einen Klick und legte dann die Hände in den Schoß, über Kreuz.

Für einen Moment genoss Weidmann den Unglauben, der mit geradezu körperlicher Qualität von ihm Besitz ergriff. Er würde die Tür hinter sich schließen und nie wieder zurückkehren in diesen Raum, sondern ein Leben beginnen, das er nie gewollt hatte und über das er in diesem Moment nichts wusste außer eben: es nicht gewollt zu haben. Ein schwindelerregendes Gefühl. Draußen schien die Sonne auf ein flaches Meer aus Dächern, in das die Geschichte ein paar Lücken gerissen hatte, die nun eifrig wieder gefüllt wurden. Vielleicht war es Adrenalin, was in ihm wallte, dieses Köcheln, das er desto stärker spürte, je stiller er stand. Und dann das Verpuffen. Draußen summte die Stadt und drinnen Kamphaus’ Computer, und noch weiter drinnen pochte sein Puls hinter den Schläfen. Er überlegte, seinen Kollegen zum Mittagessen einzuladen, aber das Wissen, dass Kamphaus sich zur Annahme verpflichtet fühlen würde, nahm ihm die Lust.

Er selbst trank selten, aber wenn, dann heute.

»Was ich nicht verstehe«, sagte Kamphaus, »du hast doch die ganze Zeit gewusst, dass Schlegelberger der Anti-Theoretiker par excellence ist.«

»Ich hab geglaubt, ich könnte ihn überzeugen.«

»Das hast du wirklich und allen Ernstes geglaubt?«

»Hast du schon gegessen?«

»Um halb eins geht mein Zug nach Bielefeld. Gastvortrag.«

»Ich bring die Schlüssel weg und komm noch mal vorbei.«

Er ging durch den Flur Richtung Sekretariat und bekam für das Aushändigen der Schlüssel eine Quittung der Form »Na denn, allet Jute, wa …« Nur Auto, Wohnung, dies und das blieben am Schlüsselbund zurück, der sich leicht anfühlte in der Tasche, ihn an früher erinnerte, aber ihm fiel nicht ein woran genau. Draußen auf dem Parkplatz wurde gearbeitet, ein Teerbelag ersetzte das tiefe Geläuf aus Sand und Matsch, um dessen wassergefüllte Gruben alle Mitglieder der hier untergebrachten Institute zwei Jahre lang wie die Flamingos herumgestelzt waren. Endlich jeht et wieder mit Absätzen, hieß es in den Sekretariaten. Näher zum Eingang hin wurden dunkle Bodenplatten in ihr Sandbett gelegt. Das Gebäude warf einen fein geschnittenen Schatten bis zum Rand der Invalidenstraße.

Kamphaus sah erst auf, als Weidmann nach dem Karton auf seiner ehemaligen Tischhälfte griff. Stifte, Taschenrechner, postit-Zettel, die letzten zwei Bücher und eine Kaffeetasse mit dem verwaschenen Schriftzug der Pennsylvania State University.

»Ich bin weg«, sagte er.

»Ich bring dich runter.«

In den Fluren waren kaum Studenten unterwegs, nur unten vor dem Bibliothekseingang standen kleine Grüppchen. Keine bekannten Gesichter darunter, stellte Weidmann erleichtert fest. Es kam ihm vor wie das erste echte Gefühl seit langem; eins, das er nicht mit Gedanken aus sich herauskitzeln musste, um es zu empfinden. Dann standen sie draußen auf der Rollstuhlrampe, der Baulärm der Stadt vertraut und nah, das Tür-zu-Signal einer Tram wurde vom Wind in ihre Richtung getragen. Kamphaus streckte ihm die Hand entgegen:

»Immerhin hast du noch dein Staatsexamen.«

»Ich hoffe, das klappt mit Leipzig«, sagte Weidmann.

»Alles Gute.«

Du mich auch, dachte er und ging.

* * *

Während draußen der Tag die Versprechungen des frühen Morgens wahr macht, dröhnt drinnen eine sonore Pastorenstimme durch die Essdiele und vermischt sich mit der guten Laune von HR 3 in der Küche. Kerstin steht am Herd, und ihre Mutter hört die Aufzeichnung des gestrigen Gottesdienstes, in einer Lautstärke, als gälte es das Evangelium dem gesamten Rehsteig zu verkünden. In den nächsten Tagen wird sie die Kassette auch noch ein zweites, drittes und viertes Mal hören, bevor Kerstin sie schließlich am nächsten Sonntagabend ins Gemeindehaus zurückbringt und gegen eine neue eintauscht. Die Gebete und Lieder begleitet Liese Werner mit lauter Stimme, während sie auf ihrem Sessel am Fenster sitzt, die Beine ausgestreckt über einen zweiten Stuhl, mit geschlossenen Augen. Kerstin hat es ein paar Mal beobachtet und nicht gewusst, ob der Anblick sie rührt oder ihr unheimlich ist.

Als die Orgel wieder einsetzt, stellt Kerstin das Salatsieb in die Spüle und dreht das Radio eine Spur lauter. Trotz des gekippten Fensters hängt in der Küche ein unangenehmer Dunst. Fast eine Viertelstunde hat sie gebraucht, um die Scherben und den Inhalt des Champignonglases einzusammeln und die letzten Stücke – farblich dem Linoleum angepasst – zwischen den Küchenmöbeln aufzufischen. Jetzt wird es Hühnerbrustfilets in Zwiebeln und Sahnesauce und ohne weitere Zutaten geben. Dafür mehr Nudeln. Kerstin wäscht die Fleischstücke und bekommt wie immer Gänsehaut von dem glatten, kalten Gefühl an den Fingern.

In ihrer und Anitas Wohnung in Köln hat den ganzen Tag das Radio gespielt. Ein alter Transistor, dem man manchmal einen Klaps versetzen musste, damit er sich auf seinen Sender konzentrierte. Dazu Anitas Plattensammlung – die hatte sich immer schenken lassen, was ihr gefiel, und genug Männer gekannt, dass ihr vieles gefallen konnte und sie trotzdem alles bekam. Damals haben sie jedes Wochenende im Flur getanzt, zwischen herumliegenden Schuhen und im ständigen Kampf um die Führung. Ein Tango fatale mit Lockenwicklern im Haar. Anita war eine miserable Schülerin, renitent aus Prinzip und am Tanzen erklärtermaßen nur als einer Form des Vorspiels interessiert.

Sorgfältig tupft Kerstin die Filets trocken. Sie selbst hat das Tanzen sogar an der Uni studiert, und an manchen Tagen träumt sie immer noch von einem eigenen Tanzstudio. Kein Walzer- und Rumba-Geschiebe, wie es die Tanzschule Meier alle zwei Wochen im Bürgerhaus für die Jugend von Bergenstadt veranstaltet, sondern ein Studio für Jazz- und Bewegungstanz, echtes Training für junge Frauen, die das Leben noch vor sich haben. Ein großer heller Raum mit Spiegelwand, so wie der Übungsraum in Köln, mit einer langen Stange vor den Spiegeln, Bänken an der Seite, einer Stereoanlage mit großen Boxen. Davor eine Gruppe junger Mädchen in Stretchhosen und Trikots, verschwitzt auf dem Boden hockend, während sie die Musik aussucht, im Kopf die nächste Schrittkombination durchgeht und mit einem Ohr zuhört, worüber die Mädchen giggeln.

Mach dir nichts vor, hat Hans gesagt. Du hast es zwanzig Jahre lang nicht geschafft, so ein Studio aufzumachen. Und jetzt, wo Mutter bei dir einziehen soll, sprichst du von ›Plänen‹.