Beschreibung

Sehen Sie die Welt von Fifty Shades of Grey auf ganz neue Weise – durch die Augen von Christian Grey. Erzählt in Christians eigenen Worten, erfüllt mit seinen Gedanken, Vorstellungen und Träumen zeigt E L James die Liebesgeschichte, die Millionen von Lesern auf der ganzen Welt in Bann geschlagen hat, aus völlig neuer Perspektive. Christian Grey hat in seiner Welt alles perfekt unter Kontrolle. Sein Leben ist geordnet, diszipliniert und völlig leer – bis zu jenem Tag, als Anastasia Steele in sein Büro stürzt. Ihre Gestalt, ihre perfekten Gliedmaßen und ihr weich fallendes braunes Haar stellen sein Leben auf den Kopf. Er versucht, sie zu vergessen und wird stattdessen von einem Sturm der Gefühle erfasst, den er nicht begreift und dem er nicht widerstehen kann. Anders als all die Frauen, die er bisher kannte, scheint die schüchterne, weltfremde Ana direkt in sein Innerstes zu blicken – vorbei an dem erfolgreichen Geschäftsmann, vorbei an Christians luxuriösem Lebensstil und mitten in sein zutiefst verletztes Herz. Kann Christian mit Ana an seiner Seite die Schrecken seiner Kindheit überwinden, die ihn noch immer jede Nacht verfolgen? Oder werden seine dunklen Begierden, sein Zwang zur Kontrolle und der Selbsthass, der seine Seele erfüllt, diese junge Frau vertreiben und damit die zerbrechliche Hoffnung auf Erlösung zerstören, die sie ihm bietet?

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Seitenzahl: 883

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Buch

Christian Grey hat in seiner Welt alles perfekt unter Kontrolle. Sein Leben ist geordnet, diszipliniert und völlig leer – bis zu jenem Tag, als Anastasia Steele in sein Büro stürzt, um ihn zu interviewen. Er versucht, sie zu vergessen und wird stattdessen von einem Sturm der Gefühle erfasst, den er nicht begreift und dem er nicht widerstehen kann. Anders als all die Frauen, die er bisher kannte, scheint die schüchterne, weltfremde Ana direkt in sein Innerstes zu blicken – vorbei an dem erfolgreichen Geschäftsmann, vorbei an Christians luxuriösem Lebensstil und mitten in sein zutiefst verletztes Herz. Kann Christian mit Ana an seiner Seite die Schrecken seiner Kindheit überwinden, die ihn noch immer jede Nacht verfolgen? Oder werden seine dunklen Begierden, sein Zwang zur Kontrolle und der Selbsthass, der seine Seele erfüllt, diese junge Frau vertreiben und damit die zerbrechliche Hoffnung auf Erlösung zerstören, die sie ihm bietet?

Autorin

Nachdem sie 25 Jahre für das Fernsehen gearbeitet hat, beschloss E L James, Geschichten zu schreiben, in die sich die Leser verlieben sollten. Das Ergebnis war die mittlerweile weltberühmte »Fifty Shades of Grey«-Trilogie, die sich global mehr als 125 Millionen Mal verkaufte und in 52 Sprachen übersetzt wurde. Der erste Band, »Fifty Shades of Grey. Geheimes Verlangen«, stand 147 aufeinanderfolgende Wochen auf der Spiegel-Bestseller­liste. Und die Verfilmung von Band 1, die im Februar 2015 in die Kinos kam, brach weltweit alle Rekorde. E L James lebt in Westlondon mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller und Drehbuchautor Niall Leonard, und ihren beiden Söhnen.

EL James

GREY

Fifty Shades of Grey von Christian selbst erzählt

Roman

Deutsch von Andrea Brandl, Karin Dufner, Sonja Hauser, Christine Heinzius und Ulrike Laszlo

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Grey. Fifty Shades of Grey as told by Christian« bei Arrow Books, The Random House Group Limited, London, und Vintage Books, a division of Penguin Random House LLC, New York.

Deutsche Erstausgabe August 2015

Copyright © der Originalausgabe 2011, 2015 by Fifty Shades Ltd.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm GoldmannVerlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Gestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten: UNO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: © ra2studio,

Spicedragon and Megan Wilson

Redaktion: Regina Carstensen

BH · Herstellung: Str.

ISBN: 978-3-641-18365-3

www.goldmann-verlag.de

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Dieses Buch widme ich den vielen Leserinnen und Lesern, die es sich ausdrücklich gewünscht haben.

Danke für eure Unterstützung.

Ihr rockt meine Welt jeden Tag aufs Neue.

Montag, 9. Mai 2011

Ich habe drei Autos. Sie flitzen über den Boden. So schnell. Eins ist rot. Eins ist grün. Eins ist gelb. Ich mag das grüne. Das ist das beste. Mommy mag die Autos auch. Ich hab’s gern, wenn Mommy mit ihnen und mir spielt. Das rote ist ihr Lieblingsauto. Heute sitzt sie auf dem Sofa und starrt die Wand an. Das grüne Auto braust in den Teppich. Das rote folgt. Dann das gelbe. Bumm! Aber Mommy merkt’s nicht. Ich mach’s noch mal. Bumm! Aber Mommy sieht’s nicht. Ich ziele mit dem grünen Auto auf ihre Füße. Es verschwindet unter dem Sofa. Ich komme nicht ran. Meine Hand ist zu groß für den Spalt darunter. Mommy merkt’s nicht. Ich will mein grünes Auto wiederhaben. Aber Mommy bleibt auf dem Sofa sitzen und starrt weiter die Wand an. Mommy. Mein Auto. Sie hört mich nicht. Mommy. Ich ziehe an ihrer Hand, und sie lehnt sich zurück und macht die Augen zu. Nicht jetzt, Würmchen. Nicht jetzt, sagt sie. Mein grünes Auto bleibt unter dem Sofa. Es ist immer unter dem Sofa. Ich kann’s sehen. Aber ich komme nicht ran. Mein grünes Auto ist voller Staub. Ich will’s wiederhaben. Aber ich komme nicht ran. Ich komme nie ran. Mein grünes Auto ist weg. Weg. Ich kann nie wieder damit spielen.

Als ich die Augen aufschlage, löst sich mein Traum im frühmorgendlichen Licht auf. Was zur Hölle war das? Ich versuche Teile des Traums festzuhalten, doch das gelingt mir nicht.

Wie fast jeden Morgen tue ich ihn mit einem Achselzucken ab, stehe auf und nehme einen frisch gewaschenen Jogginganzug aus meinem begehbaren Kleiderschrank. Draußen droht ein bleigrauer Himmel mit Regen, und ich habe keine Lust, beim Joggen nass zu werden. Also gehe ich nach oben in meinen Fitnessraum, schalte den Fernseher ein, um die Wirtschaftsnachrichten zu sehen, und steige aufs Laufband.

Meine Gedanken wandern zu meinem Tagesprogramm. Nichts als Besprechungen, allerdings wird mein Personal Trainer später noch für eine Trainingseinheit in mein Büro kommen – Bastille ist mir immer eine willkommene Herausforderung.

Vielleicht sollte ich Elena anrufen?

Ja.Vielleicht. Wir könnten uns später in der Woche zum Abendessen treffen.

Ich stoppe das Laufband schwer atmend und gehe unter die Dusche, um einen weiteren monotonen Tag zu beginnen.

»Morgen«, verabschiede ich Claude Bastille, der gerade mein Büro verlässt.

»Spielen wir diese Woche Golf, Grey?«, fragt Bastille lässig arrogant, weil er weiß, dass ihm der Sieg auf dem Golfplatz sicher ist.

Ich blicke ihm finster nach. Heute Morgen hat mich mein Personal Trainer trotz meiner heroischen Bemühungen haushoch geschlagen. Bastille ist der Einzige, der das kann, und jetzt will er auf dem Golfplatz nachlegen. Ich hasse Golf, aber weil auf den Fairways die Basis für so viele geschäftliche Abschlüsse gelegt wird, muss ich seinen Unterricht dort ertragen. Und so ungern ich das zugebe: Bastille ist es tatsächlich gelungen, mein Spiel zu verbessern.

Als ich auf die Skyline von Seattle hinausschaue, spüre ich wieder dieses Gefühl des Überdrusses. Meine Stimmung ist genauso grau wie das Wetter. Meine Tage reihen sich ohne großen Unterschied aneinander, ich sehne mich nach Abwechslung. Ich habe das ganze Wochenende durchgearbeitet und tigere unruhig in meinem Büro auf und ab, obwohl ich nach dem Sport mit Bastille eigentlich ausgepowert sein sollte.

Ich runzle die Stirn. Die ernüchternde Wahrheit sieht so aus: In letzter Zeit war das einzig Interessante in meinem Leben die Entscheidung, zwei Frachtschiffe in Richtung Sudan zu schicken. Apropos: Ros muss mir noch Daten und logistische Informationen durchgeben. Wo zum Teufel bleibt sie? Ich greife nach dem Telefonhörer.

Dabei fällt mein Blick auf meinen Terminkalender. O nein! Gleich muss ich der aufdringlichen Miss Kavanagh von der Studentenzeitung der WSU ein Interview geben. Verdammt, warum habe ich mich darauf eingelassen? Ich hasse Interviews – hirnverbrannte Fragen von hirnverbrannten, schlecht informierten Idioten, die in meinem Privatleben herumstochern wollen. Und sie ist eine Studentin. Das Telefon klingelt.

»Ja«, knurre ich Andrea an. Wenigstens kann ich dieses Interview kurzhalten.

»Miss Anastasia Steele wäre da, Mr. Grey.«

»Steele? Ich dachte, Katherine Kavanagh kommt.«

»Eine Miss Anastasia Steele ist hier, Sir.«

Ich hasse Überraschungen. »Führen Sie sie rein«, brumme ich.

Soso … Miss Kavanagh ist also indisponiert. Ich kenne ihren Vater, den Gründer von Kavanagh Media, und halte ihn für einen klugen Geschäftsmann und umsichtigen Menschen. Dieses Interview mache ich ihm zuliebe – im Bedarfsfall werde ich auf den Gefallen zurückkommen. Außerdem muss ich zugeben, dass ich neugierig auf seine Tochter bin. Ich möchte sehen, ob der Apfel weit vom Stamm fällt.

Ein Geräusch an der Tür lässt mich aufspringen. Ein Geschöpf mit langen kastanienbraunen Haaren, blassen Armen und Beinen und braunen Stiefeln stolpert mit dem Kopf voran in mein Büro. Ich verberge meinen Ärger über so viel Ungeschicklichkeit, eile zu der jungen Frau, die auf Händen und Knien auf dem Boden gelandet ist, und helfe ihr auf.

Als ihre klaren, strahlend blauen Augen mich verlegen anblicken, stutze ich. Sie haben eine höchst ungewöhnliche Farbe – Taubenblau –, und einen Moment habe ich das Gefühl, dass sie in mein Innerstes sehen kann. Ich fühle mich … nackt. Der Gedanke ist beklemmend, also schiebe ich ihn sofort beiseite.

Ihr kleines, hübsches Gesicht wird rot. Kurz überlege ich, ob ihre Haut überall so ist – makellos – und wie sie nach einem Stockschlag aussehen würde.

Himmel.

Ich klopfe mir innerlich auf die Finger. Was zum Teufel denkst du da, Grey? Die Kleine ist viel zu jung für dich. Sie sieht mich mit großen Augen an. Baby, es ist nur ein hübsches Gesicht, die Schönheit rein oberflächlich. Am liebsten würde ich ihr den offenen, bewundernden Blick aus diesen großen blauen Augen wischen. Showtime, Grey. Gönn dir ein bisschen Spaß.

»Miss Kavanagh? Ich bin Christian Grey. Alles in Ordnung? Möchten Sie sich setzen?«

Wieder wird sie rot. Ich mustere sie genauer. Sie ist auf unbeholfene Weise attraktiv – zierlicher Körper, blasse Haut, kastanienbraune Mähne, durch das Haarband kaum gebändigt.

Eine Brünette.

Ja, sie ist attraktiv. Ich strecke ihr die Hand hin, und sie stammelt verlegen eine Entschuldigung. Ihre Haut ist kühl und weich, ihr Händedruck erstaunlich fest.

»Miss Kavanagh ist indisponiert und hat mich geschickt. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, Mr. Grey.« Ihre melodische Stimme klingt zögernd, sie blinzelt. Mir fallen ihre langen Wimpern auf.

Unfähig, meine Belustigung über ihren alles andere als eleganten Auftritt zu verbergen, frage ich sie, wer sie ist.

»Anastasia Steele. Ich studiere mit Kate … äh … Katherine … äh … Miss Kavanagh Englische Literatur an der Washington State University in Vancouver.«

Ein nervöser, schüchterner Bücherwurm? Ja, sie sieht ganz so aus mit dem unförmigen Pullover, unter dem sie ihren zierlichen Körper verbirgt, mit dem braunen Rock und den bequemen Schuhen. Mann, hat sie denn keinen Geschmack? Sie sieht sich nervös in meinem Büro um – und weicht meinem Blick aus, registriere ich belustigt.

Wie kann diese junge Frau Journalistin sein? Sie hat keinerlei Durchsetzungsvermögen, ist auf charmante Weise aufgeregt und sanft … unterwürfig. Kopfschüttelnd über meine ungehörigen Gedanken biete ich ihr einen Platz an. Dabei fällt mir auf, wie sie die Gemälde in meinem Büro betrachtet. Ehe ich mich stoppen kann, erkläre ich: »Ein örtlicher Künstler, Trouton.«

»Toll. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches«, stellt sie verträumt fest. Sie hat ein feines Profil – Himmelfahrtsnase und weiche, volle Lippen –, und ihre Worte könnten von mir stammen. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches. Eine kluge Bemerkung. Miss Steele scheint intelligent zu sein.

Als ich ihr beipflichte, steigt ihr wieder die Röte ins Gesicht. Ich setze mich ihr gegenüber hin und versuche, meine Fantasie zu zügeln. Sie fischt einen zerknitterten Zettel und einen Kassettenrekorder aus ihrem Rucksack. Gott, mit ihren zwei linken Händen lässt sie das verdammte Ding zweimal auf meinen Bauhaus-Tisch fallen. Sie scheint noch nie jemanden interviewt zu haben. Aus unerfindlichen Gründen amüsiert mich das. Normalerweise nervt mich Ungeschicklichkeit total, doch jetzt verberge ich mein Schmunzeln hinter meinem Zeigefinger und widerstehe dem Drang, das Ding für sie aufzustellen.

Als sie immer nervöser wird, kommt mir der Gedanke, ihr mit einer Reitgerte auf die Sprünge zu helfen. Geschickt eingesetzt lässt sich damit auch der hektischste Mensch beruhigen. Die Vorstellung lässt mich auf dem Stuhl hin und her rutschen. Sie sieht mich an und kaut auf ihrer vollen Unterlippe.

Verdammt! Wieso ist mir dieser Mund noch nicht aufgefallen?

»T…Tut mir leid. Ich mache das nicht so oft.«

Das sehe ich, Baby, aber im Moment ist mir das scheißegal, weil ich immerzu deinen Mund anstarren muss.

»Lassen Sie sich Zeit, Miss Steele.« Ich brauche selbst eine Weile, um meine Gedanken zu zügeln.

Grey … reiß dich am Riemen.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Antworten aufnehme?«, fragt sie.

Am liebsten würde ich laut lachen. »Das fragen Sie mich jetzt, nachdem es Sie so viel Mühe gekostet hat, den Rekorder aufzustellen?«

Sie blinzelt. Ich bekomme doch tatsächlich Gewissensbisse!

Hör auf, dich wie ein Arschloch zu benehmen, Grey. »Aber nein, ich habe nichts dagegen«, murmle ich.

»Hat Kate, ich meine Miss Kavanagh, Ihnen erklärt, wofür das Interview ist?«

»Ja, es soll in der letzten Ausgabe der Studentenzeitung erscheinen, weil ich dieses Jahr bei der Abschlussfeier die Zeugnisse überreiche.« Warum ich mich darauf eingelassen habe, weiß der Himmel allein. Sam von der PR meint, die Fakultät für Umwelttechnik der Uni in Vancouver brauche Publicity, um ähnlich hohe Spenden wie die meine an Land zu ziehen, und außerdem sei Medienpräsenz immer gut.

Miss Steele blinzelt mit ihren blauen Augen, als würden meine Worte sie überraschen. Hat sie sich denn nicht auf dieses Interview vorbereitet? Mein Interesse an ihr kühlt ein wenig ab. Ihre Un­informiertheit gefällt mir nicht. Von Leuten, denen ich meine Zeit opfere, erwarte ich mehr.

»Gut. Ich habe einige Fragen an Sie, Mr. Grey.« Als sie eine Haarsträhne hinters Ohr streicht, vergesse ich meine Verärgerung.

»Das habe ich mir schon gedacht«, entgegne ich trocken. Soll sie sich ruhig ein bisschen winden. Das tut sie auch, bevor sie sich zusammenreißt, sich aufsetzt und die schmalen Schultern strafft. Dann beugt sie sich vor, drückt auf den Startknopf des Rekorders und wirft mit gerunzelter Stirn einen Blick auf ihre zerknitterten Notizen.

»Für ein solches Imperium sind Sie sehr jung. Worauf gründet sich Ihr Erfolg Ihrer Ansicht nach?«

Herrgott, fällt ihr nichts Intelligenteres ein? Was für eine langweilige Frage! Kein bisschen originell. Ich gebe meine übliche Antwort, dass ich ein außergewöhnliches Team von Mitarbeitern habe, dem ich vertrauen kann und das ich großzügig entlohne und so weiter und so fort … Aber letztlich, Miss Steele, beruht alles auf einer simplen Tatsache: dass ich verdammt noch mal ein Genie auf meinem Gebiet bin. Mein Metier beherrsche ich aus dem Effeff. Ich kaufe kränkelnde Unternehmen auf und bringe sie wieder auf die Beine oder verkaufe sie, wenn überhaupt nichts mehr mit ihnen anzufangen ist, an den Höchstbietenden. Man muss nur wissen, ob es sich lohnt, sie aufzupäppeln, oder nicht, und am Ende hängt das immer von den Leuten ab, die das machen. Um im Geschäftsleben Erfolg zu haben, braucht man gute Leute, und die habe ich aufgrund meiner hervorragenden Menschenkenntnis.

»Vielleicht haben Sie einfach nur Glück«, sagt sie leise.

Glück?, denke ich verärgert. Glück? Das hat verdammt noch mal nichts mit Glück zu tun, Miss Steele. Eine solche Bemerkung von einem Mäuschen wie ihr? Niemand hat mir je Glück unterstellt. Harte Arbeit, gute Mitarbeiter, die ich genauestens beobachte und auch, wenn nötig, kritisiere oder erbarmungslos auf die Straße setze, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen sind. Das mache ich, und zwar gut. Das hat nichts mit Glück zu tun! Um ihr meine Bildung zu demonstrieren, zitiere ich meinen amerikanischen Lieblings­industriellen: »Die Entwicklung und das Über-sich-Hinauswachsen von Menschen sind das höchste Ziel fähiger Führung.«

»Hört sich an, als wären Sie ein Kontrollfreak«, erklärt sie todernst.

Wie bitte? Vielleicht durchschauen mich diese arglosen Augen ja doch.

Die personifizierte Kontrolle, genau das bin ich.

»Ich übe in der Tat in allen Bereichen des Lebens Kontrolle aus, Miss Steele.« Und das würde ich hier und jetzt gern bei dir tun.

Wieder errötet sie auf höchst attraktive Weise und kaut auf ihrer Lippe. Ich plappere weiter, um mich von ihrem Mund abzulenken.

»Außerdem erwirbt man sich große Macht, indem man seinen Traum von Kontrolle lebt.«

»Haben Sie denn das Gefühl, große Macht zu besitzen?«, fragt sie mit skeptisch gehobener Augenbraue. Will sie mich provozieren? Rührt meine Verärgerung von ihren Fragen, ihrem Verhalten oder der Tatsache her, dass ich sie attraktiv finde?

»Miss Steele, ich beschäftige mehr als vierzigtausend Menschen. Das verleiht mir ein gewisses Gefühl der Verantwortung – und der Macht, wenn Sie so wollen. Wenn ich zu dem Schluss käme, dass mich das Telekommunikationsgeschäft nicht mehr interessiert, und ich es abstoßen würde, hätten zwanzigtausend Menschen Probleme, ihre Hypothekenzahlungen zu leisten.«

Sie sieht mich mit großen Augen an. Schon besser. Stoff zum Nachdenken, Miss Steele. Ich erlange meine innere Balance wieder.

»Sind Sie denn nicht dem Vorstand und Aufsichtsrat Rechenschaft schuldig?«

»Das Unternehmen gehört mir. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig«, erwidere ich in scharfem Tonfall. Das sollte sie eigentlich wissen.

»Haben Sie außer Ihrer Arbeit noch andere Interessen?«, fährt sie hastig fort, als sie meine Reaktion bemerkt. Es freut mich, sie aus der Fassung gebracht zu haben.

»Eine ganze Menge, Miss Steele. Und sehr unterschiedliche.« Ich stelle sie mir in meinem Spielzimmer vor: ans Kreuz gefesselt, mit gespreizten Beinen auf dem Himmelbett oder auf der Bank. Wieder wird sie rot. Scheint ein Verteidigungsmechanismus zu sein.

»Was tun Sie zum Chillen nach der Arbeit?«

»Zum Chillen?« Ich grinse. Aus ihrem Mund klingt das ziemlich seltsam. Außerdem: Wann habe ich schon Zeit zum Chillen? Hat sie denn keine Ahnung, wie viele Unternehmen ich leite? Als sie mich mit aufrichtigem Blick ansieht, ertappe ich mich dabei, wie ich ernsthaft über ihre Frage nachdenke. Ja, was tue ich eigentlich zur Entspannung? Segeln, Fliegen, Ficken … die Grenzen von kleinen Brünetten wie ihr ausloten und sie an die Kandare nehmen … Innerlich aufgewühlt, äußerlich jedoch umso ruhiger beantworte ich ihre Frage, ohne ihr meine Lieblingshobbys zu nennen.

»Sie investieren in die Produktion. Warum?«

»Ich schaffe gern Dinge. Mich interessiert, wie sie funktionieren, wie man sie zusammensetzt und auseinanderbaut. Und ich liebe Boote.« Schiffe transportieren Nahrungsmittel um den Globus.

»Das klingt eher nach dem Herzen als nach Logik und Fakten.«

Herz? Ich? O nein, Baby.

Mein Herz ist vor langer Zeit unwiederbringlich zerfleischt worden. »Möglich. Obwohl es Menschen gibt, die behaupten, dass ich kein Herz besitze.«

»Warum behaupten sie das?«

»Weil sie mich gut kennen.« Ich lächle spöttisch. Eigentlich kennt mich niemand so gut, abgesehen vielleicht von Elena. Ich frage mich, was sie von der kleinen Miss Steele halten würde. Das Mädchen ist ein einziger großer Widerspruch: schüchtern, un­sicher, offensichtlich intelligent und mörderisch sexy.

Ja, okay, ich geb’s zu: Die Kleine macht mich total an.

Die nächste Frage liest sie vom Blatt ab. »Würden Ihre Freunde sagen, dass Sie ein offener Mensch sind?«

»Ich lege Wert auf eine gesicherte Privatsphäre, Miss Steele, und gebe nicht oft Interviews.« Bei meinem Lebensstil brauche ich diese Privatsphäre.

»Warum haben Sie sich auf dieses hier eingelassen?«

»Weil ich die Universität finanziell unterstütze und Miss Kavanagh nicht abwimmeln konnte. Sie hat meine PR-Leute ziemlich lange bearbeitet, und solche Hartnäckigkeit nötigt mir Bewunderung ab.« Aber ich bin froh, dass du hier aufgekreuzt bist und nicht sie.

»Sie investieren auch in landwirtschaftliche Technologie. Warum?«

»Geld kann man nicht essen, Miss Steele, und auf diesem Planeten gibt es zu viele Menschen, die hungern.«

»Sie scheinen ja ein wahrer Menschenfreund zu sein. Ist es Ihnen tatsächlich ein Anliegen, die Armen der Welt mit Nahrung zu versorgen?« Sie sieht mich erstaunt an. Ich möchte auf keinen Fall, dass diese großen blauen Augen in meine dunkle Seele blicken. Über dieses Thema spreche ich nicht. Niemals. Themenwechsel, Grey.

»Es ist ein einträgliches Geschäft.« Ich zucke gelangweilt mit den Achseln und stelle mir, um mich von Grübeleien über hungernde Menschen abzulenken, vor, wie sie vor mir kniet und ich ihren Mund ficke. Der Gedanke gefällt mir.

»Haben Sie eine bestimmte Geschäftsphilosophie? Und wenn ja, wie sieht sie aus?«, reißt sie mich aus meinen Tagträumen.

»Nein, nicht im engeren Sinne, eher einen Leitsatz, der sich an Carnegie orientiert: ›Wer die Fähigkeit erwirbt, seinen eigenen Geist voll und ganz zu beherrschen, wird auch alles andere beherrschen, auf das er ein Anrecht besitzt.‹ Ich bin sehr eigen, ein Getriebener. Ich liebe Kontrolle – über mich selbst und die Menschen, die mich umgeben.«

»Dann besitzen Sie gern Dinge?«

Ja, Baby. Dich würde ich zum Beispiel gern besitzen.

»Ich möchte ihrer würdig sein … Und ja, letztlich haben Sie recht.«

»Sie klingen wie der ideale Verbraucher.« In ihrer Stimme schwingt Missbilligung mit, was mich ärgert.

»Ja, der bin ich.«

Sie hört sich an wie ein reiches Gör, das immer alles hatte, doch ihre Kleidung – Walmart, vielleicht auch Old Navy – spricht da­gegen. Sie stammt nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus.

Ich könnte für dich sorgen.

Scheiße, wo kommt dieser Gedanke plötzlich her?

Aber ich brauche tatsächlich eine neue Sub. Das mit Susannah ist wie lange her? Zwei Monate? Mir läuft das Wasser im Mund zusammen beim Anblick dieser kleinen Brünetten. Ich pflichte ihr mit einem Lächeln bei. Konsum ist nichts Schlechtes – schließlich treibt er das bisschen, was noch von der amerikanischen Wirtschaft übrig ist, an.

»Sie wurden adoptiert. Wie sehr, glauben Sie, hat das Ihre Persönlichkeit beeinflusst?«

Was zum Teufel hat das mit dem Ölpreis zu tun? Ich sehe sie finster an. Was für eine dumme Frage. Wenn ich bei der Crackhure geblieben wäre, würde ich jetzt vermutlich nicht mehr unter den Lebenden weilen. Ich versuche, sie mit einer ausweichenden Antwort abzuspeisen, aber sie hakt nach und will wissen, wie alt ich bei meiner Adoption war.

Bring sie zum Schweigen, Grey!

»Das können Sie auf Ämtern recherchieren, Miss Steele.« Meine Stimme ist eiskalt. Über solche Dinge sollte sie informiert sein. Sie wirkt zerknirscht. Gut.

»Sie mussten das Familienleben der Arbeit opfern.«

»Das ist keine Frage«, herrsche ich sie an.

Wieder wird sie rot und kaut auf dieser verdammten Lippe. Aber sie besitzt den Anstand, sich zu entschuldigen. »Mussten Sie das Familienleben der Arbeit opfern?«

Was soll ich mit einer Scheißfamilie?

»Ich habe eine Familie, einen Bruder und eine Schwester und Eltern, die mich lieben. Und ich habe keinerlei Interesse, meine Familie darüber hinaus zu vergrößern.«

»Sind Sie schwul, Mr. Grey?«

Wie bitte?

Hat sie das wirklich laut gesagt? Die unausgesprochene Frage, die sich meine Familie zu meiner Belustigung nicht zu stellen traut. Wie kann sie es wagen? Ich muss mich beherrschen, sie nicht aus dem Sessel zu zerren, übers Knie zu legen, ihr den Teufel aus dem Leib zu prügeln und sie anschließend mit gefesselten Händen auf meinem Schreibtisch zu ficken. Das würde ihre Frage beantworten. Ich hole tief Luft, um mich zu beruhigen. Zu meiner Freude scheint ihr die Frage peinlich zu sein.

»Nein, Anastasia, das bin ich nicht.« Ich hebe die Augenbrauen, bleibe aber ansonsten gelassen. Anastasia. Ein hübscher Name.

»Entschuldigung. Es … äh … steht hier.« Sie streicht sich nervös eine Haarsträhne hinters Ohr.

Sind das nicht ihre eigenen Fragen? Als ich sie darauf anspreche, wird sie blass. Mann, sie ist wirklich attraktiv, auf unauffällige ­Weise.

»Äh … nein. Kate – Miss Kavanagh – hat sie zusammengestellt.«

»Sind Sie beide in der Redaktion der Studentenzeitung?«

»Nein, ich lebe mit ihr in einer WG.«

Kein Wunder, dass sie so durcheinander ist. Ich reibe mir das Kinn und überlege, ob ich sie in die Bredouille bringen soll.

»Haben Sie sich freiwillig bereit erklärt, dieses Interview mit mir zu führen?«, erkundige ich mich und werde mit einem unterwürfigen Blick belohnt: große Augen und Nervosität. Mir gefällt meine Wirkung auf sie.

»Nein, sie hat mich abkommandiert. Sie ist krank«, antwortet sie leise.

»Das erklärt manches.«

Es klopft an der Tür, und Andrea tritt ein.

»Mr. Grey, entschuldigen Sie die Störung, aber Ihr nächster Termin beginnt in zwei Minuten.«

»Wir sind noch nicht fertig, Andrea. Bitte sagen Sie den nächs­ten Termin ab.«

Andrea sieht mich erstaunt an. Ich bedenke sie mit einem fins­teren Blick. Raus! Sofort! Ich bin mit der kleinen Miss Steele beschäftigt.

»Wie Sie meinen, Mr. Grey«, sagt sie und verschwindet.

Ich wende mich wieder dem faszinierenden, frustrierenden Wesen auf der Couch zu. »Wo waren wir stehen geblieben, Miss ­Steele?«

»Bitte lassen Sie sich von mir nicht aufhalten.«

Nein, Baby. Jetzt bin ich dran. Ich will wissen, ob es hinter deinen schönen Augen auch Geheimnisse zu entdecken gibt.

»Ich möchte mehr über Sie erfahren. Das ist, glaube ich, nur fair.« Als ich mich zurücklehne und die Finger auf meine Lippen lege, wandert ihr Blick zu meinem Mund, und sie schluckt. Ja, ja, die übliche Wirkung. Es befriedigt mich zu sehen, dass sie nicht völlig immun gegen meine Reize ist.

»Da gibt’s nicht viel zu erfahren«, sagt sie, wieder einmal er­rötend.

Ich schüchtere sie ein. »Was haben Sie nach dem Abschluss vor?«

»Ich habe noch keine genaueren Pläne, Mr. Grey. Zuerst muss ich die Abschlussprüfung bestehen.«

»Unser Unternehmen offeriert ein ausgezeichnetes Praktikantenprogramm.«

Scheiße. Welcher Teufel hat mich geritten, das zu sagen? Ich verstoße gegen Regel Nummer eins – fick nie das Personal. Aber Grey, du fickst die Kleine doch gar nicht.

Sie kaut überrascht an ihrer Lippe. Warum törnt mich das so an?

»Gut zu wissen«, murmelt sie und fügt dann hinzu: »Allerdings glaube ich nicht, dass ich hierherpassen würde.«

Warum zum Teufel nicht? Was gefällt ihr nicht an meinem Unternehmen?

»Warum sagen Sie das?«

»Das liegt doch auf der Hand, oder?«

»Für mich nicht.«

Sie greift nervös nach dem Rekorder.

Verdammt, sie will sich verabschieden! Ich gehe in Gedanken rasch meine Termine am Nachmittag durch – nichts, was sich nicht verschieben ließe.

»Soll ich Ihnen alles zeigen?«

»Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, Mr. Grey, und ich habe noch eine lange Fahrt vor mir.«

»Sie wollen zurück nach Vancouver?« Ich blicke zum Fenster hinaus. Das ist eine verdammt lange Fahrt, und es regnet. Bei dem Wetter sollte sie nicht fahren, aber ich kann es ihr nicht verbieten. Das ärgert mich. »Seien Sie vorsichtig, fahren Sie nicht zu schnell.« Ich klinge strenger, als ich beabsichtige.

Sie fummelt an ihrem Rekorder herum, möchte aus meinem Büro weg, und aus unerfindlichen Gründen will ich sie daran hindern.

»Haben Sie alle Informationen, die Sie wollten?«, erkundige ich mich in einem ziemlich durchsichtigen Versuch, sie zum Bleiben zu bewegen.

»Ja, Sir«, antwortet sie mit leiser Stimme.

Wie das aus ihrem Mund klingt! Ich stelle mir vor, wie es wäre, über diesen Mund zu gebieten.

»Danke für das Interview, Mr. Grey.«

»Das Vergnügen war ganz meinerseits«, sage ich – der Wahrheit entsprechend, weil mich schon lange niemand mehr so fasziniert hat. Der Gedanke beunruhigt mich.

Sie steht auf, und ich strecke ihr die Hand hin, um ihre Haut noch einmal zu spüren.

»Bis bald, Miss Steele.« Ja, ich würde die Kleine gern in meinem Spielzimmer mit dem Flogger bearbeiten und ficken. Sie gefesselt sehen, wie sie mich begehrt und mir vertraut. Ich schlucke.

Mach dir keine falschen Hoffnungen, Grey.

»Mr. Grey.« Sie nickt und entzieht mir rasch ihre Hand … zu rasch.

Mist, so kann ich sie nicht gehen lassen. Ich begleite sie zur Tür.

»Nur um sicher zu sein, dass Sie es durch die Tür schaffen, Miss Steele.«

Sie wird wie aufs Stichwort rot.

»Danke, sehr zuvorkommend, Mr. Grey«, zischt sie mich an.

Sieh an, Miss Steele hat Biss! Ich folge ihr grinsend. Andrea und Olivia heben schockiert den Kopf. Ja, ich begleite die Kleine hinaus.

»Hatten Sie einen Mantel?«, frage ich.

»Eine Jacke.«

Olivia springt auf, um eine marineblaue Jacke zu holen. Als ich sie ihr abnehme, signalisiere ich ihr mit einem finsteren Blick, dass sie sich setzen soll. Herrgott, geht Olivia mir auf die Nerven mit ihrer Anschmachterei.

Die Jacke ist billig und abgetragen. Miss Anastasia Steele sollte sich wirklich besser kleiden. Ich helfe ihr hinein, und dabei streifen meine Finger die Haut an ihrem Nacken. Ihr stockt der Atem, und sie wird blass.

Ja! Sie reagiert auf mich. Das freut mich. Ich schlendere zum Aufzug und drücke auf den Rufknopf, während sie neben mir her­um­zappelt.

O Baby, ich könnte dafür sorgen, dass die Zappelei aufhört.

Als die Türen sich öffnen, huscht sie hinein und sieht mich noch einmal an. Sie ist mehr als attraktiv, schön, würde ich sagen.

»Anastasia«, murmle ich zum Abschied.

»Christian«, flüstert sie. Dann schließen sich die Aufzugtüren. Aus ihrem Mund klingt mein Name seltsam fremd und höllisch sexy.

Ich muss mehr über dieses Mädchen erfahren.

»Andrea«, knurre ich, als ich ins Büro zurückmarschiere. »Welch soll mich anrufen.«

Während ich an meinem Schreibtisch auf den Anruf warte, betrachte ich die Gemälde an der Wand meines Büros, und Miss Steeles Worte fallen mir ein. Sie verwandeln das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches. Der Satz passt auch auf sie.

Das Telefon klingelt.

»Mr. Welch für Sie.«

»Stellen Sie ihn durch.«

»Ja, Sir.«

»Welch, ich brauche Hintergrundinformationen.«

Samstag, 14. Mai 2011

Anastasia Rose Steele

Geburtsdatum: 10. Sept. 1989, Montesano, WA

Adresse: 1114 SW Green Street, Apartment 7,

Haven Heights, Vancouver, WA 98888

Handynummer: 360 959 4352

Social-Security-Nr.: 987-65-4320

Bankdaten: Wells Fargo Bank, Vancouver, WA 98888

Konto-Nr.: 309361; Kontostand: 683,16 $

Beruf: Studentin, WSU Vancouver College of Liberal Arts – Hauptfach Englisch

Durchschnitt: 2,0

Schule: Montesano JR-SR High School

Einstufungstest: 2150 Punkte

Arbeitsstelle: Clayton’s Baumarkt, NW Vancouver Drive, Portland, OR (Teilzeitjob)

Vater: Franklin A. Lambert

Geburtsdatum: 1. Sept. 1969

Sterbedatum: 11. Sept. 1989

Mutter: Carla May Wilks Adams

Geburtsdatum: 18. Juli 1970

verh.: Frank Lambert

1. März 1989, verw. 11. Sept. 1989

verh.: Raymond Steele

6. Juni 1990, gesch. 12. Juli 2006

verh.:Stephen M. Morton

16. Aug. 2006, gesch. 31. Jan. 2007

verh.: Robbin (Bob) Adams

6. April 2009

Parteizugehörigkeit: keine

Religionszugehörigkeit: keine

Sexuelle Orientierung: unbekannt

Beziehungen: im Moment keine

Seit ich diese Informationen über sie vor zwei Tagen erhalten habe, gehe ich sie bestimmt schon zum hundertsten Mal durch, um die rätselhafte Miss Anastasia Rose Steele besser zu begreifen. Dass ich die verdammte Frau nicht vergessen kann, macht mich allmählich sauer. In der letzten Woche bin ich in besonders öden Besprechungen immer wieder gedanklich das Interview durchgegangen. Ihre ungeschickten Finger auf dem Rekorder, wie sie sich die Haarsträhne hinters Ohr gestrichen hat, die Lippenkauerei. Ja. Besonders diese Scheißlippenkauerei.

Und jetzt sitze ich im Wagen vor Clayton’s Baumarkt in der Nähe von Portland, wo sie arbeitet.

Du bist ein Narr, Grey. Was machst du hier?

Ich wusste, dass ich hier landen würde. Die ganze Woche … Ich wusste, dass ich sie wiedersehen muss. Seit ich meinen Namen aus ihrem Mund gehört habe. Ich habe versucht, mich dagegen zu wehren. Habe fünf Tage lang gewartet, fünf verdammte Tage, um zu sehen, ob ich sie vergessen würde.

Dabei warte ich normalerweise auf niemanden. Ich hasse es zu warten … in jeglicher Form.

Ich bin nie zuvor aktiv auf eine Frau zugegangen. Die Frauen, die ich bisher hatte, wussten, was ich von ihnen erwarte. Ich fürchte, Miss Steele ist noch zu jung und interessiert sich nicht für das, was ich zu bieten habe … Würde sie überhaupt eine gute Sub abgeben? Ich schüttle den Kopf. Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden … Und deswegen bin ich hier, ich verdammter Trottel, auf diesem Parkplatz in einem düsteren Vorort von Portland.

Die Hintergrundinformationen haben nicht wirklich Aufregendes über sie zutage gefördert – abgesehen von der letzten Zeile, die mir nicht aus dem Kopf geht. Warum haben Sie keinen Freund, Miss Steele? Sexuelle Orientierung unbekannt – vielleicht ist sie lesbisch. Aber das halte ich für unwahrscheinlich. Ich erinnere mich an die Schwulenfrage im Interview, an ihr verlegenes Erröten … Verdammt, seit unserer Begegnung quälen mich solche albernen Gedanken.

Deswegen bist du hier.

Ich brenne darauf, sie wiederzusehen – diese blauen Augen haben mich verfolgt, sogar im Traum. Flynn habe ich nichts von ihr erzählt, weil ich mich aufführe wie ein Stalker. Sollte ich es ihm doch sagen? Ich verdrehe die Augen – ich möchte mir nicht wieder die Ohren vollquatschen lassen über seine neuesten lösungsorientierten Ansätze. Ich bräuchte eine Tarnung – im Moment wäre mir ein Job als Verkäufer in einem Baumarkt am liebsten.

Nun bist du schon mal da. Geh und sieh nach, ob dir die kleine Miss Steele immer noch so gut gefällt.

Showtime, Grey.

Ein elektronischer Klingelton signalisiert mein Eintreten. Der Baumarkt entpuppt sich als viel größer, als er von außen aussieht; für einen Samstagnachmittag ist nicht viel los. Regale um Regale mit dem üblichen Zeug. Ich hatte ganz vergessen, welche Möglichkeiten ein Baumarkt für jemanden wie mich bietet. Normalerweise decke ich meinen Bedarf online, aber wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch ein paar Sachen kaufen. Ja, ich werde mir die reizende Miss Steele vornehmen.

Ich brauche gerade mal drei Sekunden, um sie zu finden. Sie sitzt am Computer und mümmelt an einem Bagel. Geistesabwesend wischt sie einen Krümel von ihrem Mundwinkel und leckt ihren Finger ab. Mein Schwanz reagiert sofort.

Herrgott! Wie alt bin ich? Vierzehn?

Meine Reaktion ärgert mich kolossal. Vielleicht wird’s besser, wenn ich sie fessle, ficke und flogge … nicht notwendigerweise in der Reihenfolge. Ja, genau das brauche ich.

Sie ist so in ihre Arbeit vertieft, dass ich Gelegenheit habe, sie ausführlich zu betrachten. Lüsterne Gedanken beiseite: Sie ist tatsächlich attraktiv. Ich habe mich also richtig erinnert.

Als sie den Blick hebt, erstarrt sie und fixiert mich mit ihren blauen Augen, die anscheinend in mein Innerstes sehen können. Ist das eine gute oder eine schlechte Reaktion? Jedenfalls bringt sie mich wieder genauso aus dem Konzept wie bei unserer ersten Begegnung.

»Miss Steele, was für eine angenehme Überraschung.«

»Mr. Grey«, flüstert sie nervös.

Hm, eine gute Reaktion.

»Ich war gerade in der Gegend. Ich brauche ein paar Dinge. Freut mich, Sie wiederzusehen, Miss Steele.« Freut mich sogar sehr. Sie trägt ein enges T-Shirt und eine Jeans, nicht den formlosen Sack, den sie beim Interview anhatte. So kommen ihre langen Beine, die schmale Taille und die perfekten Titten zur Geltung. Sie starrt mich weiter mit offenem Mund an. Ich muss mich sehr beherrschen, nicht die Hand auszustrecken und ihn ihr zuzudrücken. Ich bin eigens von Seattle hergeflogen, um dich zu sehen. Der Flug scheint sich gelohnt zu haben.

»Ana. Mein Name ist Ana. Womit kann ich Ihnen dienen, Mr. Grey?« Sie holt tief Luft, strafft die Schultern wie beim Interview und schenkt mir ein Verkäuferinnenlächeln.

Das Spiel beginnt, Miss Steele.

»Ich brauche einige Dinge, zum Beispiel Kabelbinder.«

Ihr Mund öffnet sich ein wenig, als sie scharf die Luft einsaugt.

Oh, das wird Spaß machen. Sie würden sich wundern, was ich mit Kabelbindern anstellen kann, Miss Steele.

»Wir führen unterschiedliche Längen. Darf ich sie Ihnen zeigen?«

»Gern, Miss Steele.«

Sie tritt hinter der Verkaufstheke hervor und deutet auf einen der Gänge. Sie trägt Chucks. Ich stelle sie mir in High Heels vor, in Louboutins … es geht nichts über Louboutins.

»Gang acht, bei den Elektroartikeln.« Ihre Stimme bebt, und sie wird wieder rot.

Sie findet mich attraktiv. Hoffnung keimt in mir auf. Dann ist sie also nicht lesbisch.

»Nach Ihnen«, murmle ich und signalisiere ihr, dass sie vorangehen soll. Das gibt mir Gelegenheit, ihren fantastischen Hintern zu bewundern. Ihr langer, dichter Pferdeschwanz schwingt im Takt mit ihren Hüften. Sie ist wirklich perfekt: liebenswürdig, höflich und hübsch, mit allen körperlichen Attributen, die ich an einer Sub schätze. Doch die Millionen-Dollar-Frage lautet: Könnte sie eine Sub sein? Wahrscheinlich weiß sie nichts über diesen Lebensstil, meinen Lebensstil, aber ich würde sie sehr gern damit vertraut machen. Immer sachte mit den jungen Pferden, Grey.

»Sind Sie geschäftlich in Portland?«, reißt sie mich aus meinen Gedanken. Das klingt, als interessierte sie das nicht wirklich. Fast muss ich lachen. Frauen bringen mich selten zum Lachen.

»Ich habe gerade die landwirtschaftliche Abteilung der Washington State in Vancouver besucht«, lüge ich. Ich bin hier, um Sie zu sehen, Miss Steele.

Sie wird rot, und ich komme mir beschissen vor.

»Weil ich deren Forschungsarbeit über Bodenbeschaffenheit und wechselnde Bewirtschaftung von Feldern finanziell unterstütze«, füge ich rasch hinzu. Das stimmt immerhin.

»Gehört das auch zu Ihrem Welternährungsprogramm?«, fragt sie und verzieht den Mund zu einem kleinen Lächeln.

»So ähnlich«, murmle ich. Macht sie sich über mich lustig? Das würde ich ihr gern austreiben. Aber wie soll ich das anstellen? Vielleicht fange ich mit einem Abendessen statt mit dem üblichen Interview an … Das wäre mal was Neues: eine potenzielle Sub zum Essen ausführen.

Wir erreichen die Plastikkabelbinder, die es in unterschiedlichen Längen und Farben gibt. Ich lasse die Finger geistesabwesend über die Packungen gleiten. Lad sie einfach zum Essen ein. Eine Verabredung? Würde sie ja sagen? Ihr Blick ist auf ihre ineinander verschränkten Finger geheftet. Sie kann mir nicht in die Augen sehen … das ist vielversprechend. Ich wähle die längeren Kabelbinder, weil die flexibler sind und man mit ihnen Fuß- und Handgelenke gleichzeitig fesseln kann.

»Die da«, sage ich, und wieder wird sie rot.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?«, fragt sie hastig. Entweder sie ist superaufmerksam oder sie will mich aus dem Laden haben.

»Ja, Kreppband.«

»Wollen Sie malern?«

»Nein, das will ich nicht.« Wenn du wüsstest …

»Hier entlang«, nuschelt sie. »Das Kreppband ist bei den Maler­sachen.«

Nun mach endlich, Grey. Du hast nicht so viel Zeit. Verwickle sie in ein Gespräch. »Arbeiten Sie schon lange hier?« Natürlich kenne ich die Antwort bereits. Anders als manche Leute mache ich meine Hausaufgaben. Sie errötet noch einmal – Gott, ist die Kleine schüchtern. Das mit ihr kann ich mir aus dem Kopf schlagen. Sie geht hastig den Gang zur Malerabteilung hinunter. Ich folge ihr artig wie ein Hündchen.

»Seit vier Jahren«, murmelt sie, als wir das Kreppband erreichen. Sie bückt sich und nimmt zwei Rollen unterschiedlicher Breite aus dem Regal.

»Das da«, sage ich. Das breitere Band eignet sich sehr viel besser zum Knebeln. Als sie mir die Rolle reicht, berühren sich kurz unsere Finger. Die Berührung hallt in meinem Unterleib wider. Verdammt!

Sie wird blass. »Darf es sonst noch etwas sein?«, haucht sie.

Himmel, ich habe auf sie die gleiche Wirkung wie sie auf mich! Vielleicht …

»Ein Seil, denke ich.«

»Hier entlang.« Sie huscht den Gang hinunter, und ich kann noch einmal den Anblick ihres tollen Hinterns genießen.

»Was genau haben Sie sich vorgestellt? Wir haben Seile aus synthetischen und aus natürlichen Fasern … Taue … Kordeln.«

Scheiße – hör auf. Mit einem lautlosen Stöhnen versuche ich, die Vorstellung von ihr, wie sie von der Decke meines Spielzimmers baumelt, zu verdrängen.

»Fünf Meter von dem Naturfaserseil, bitte.« Das ist grober und scheuert stärker, wenn man daran zerrt … mein Lieblingsseil.

Obwohl ihre Finger zittern, gelingt es ihr, die fünf Meter ohne Probleme abzumessen. Sie holt ein Teppichmesser aus der Gesäßtasche ihrer Jeans, schneidet das Seil ab, rollt es ordentlich auf und verschlingt es zu einem Schlippstek. Beeindruckend.

»Waren Sie mal bei den Pfadfindern?«

»Organisierte Gruppenaktivitäten sind nicht so mein Ding, Mr. Grey.«

»Was ist denn dann Ihr Ding, Anastasia?« Ihre Pupillen weiten sich, als ich sie ansehe.

Ja!

»Bücher«, flüstert sie.

»Was für Bücher?«

»Ach, das Übliche. Klassiker. Hauptsächlich britische Literatur.«

Britische Literatur? Bestimmt Brontë und Austen. Diese ganze Herzchen- und Blümchen-Scheiße.

Das ist nicht gut.

»Benötigen Sie sonst noch etwas?«

»Ich weiß es nicht. Könnten Sie mir denn noch etwas empfehlen?« Mich interessiert ihre Reaktion.

»Hier von den Werkzeugen?«, erkundigt sie sich.

Am liebsten würde ich laut lachen. Baby, Selbermachen ist nicht mein Ding. Ich kaschiere meine Belustigung mit einem Nicken. Als ihr Blick meinen Körper hinunterwandert, verkrampfe ich mich. Sie taxiert mich, Scheiße!

»Einen Overall«, schlägt sie vor.

Das ist so unerwartet wie die Schwulenfrage aus ihrem hübschen Mund.

»Sie wollen sich sicher nicht die Kleidung ruinieren.« Sie deutet verlegen auf meine Jeans.

Ich kann es mir nicht verkneifen zu sagen: »Die könnte ich ausziehen.«

»Hm.« Sie wird tiefrot und senkt den Blick.

»Okay, einen Overall. Schließlich will ich mir nicht die Kleidung ruinieren«, murmle ich. Sie wendet sich wortlos ab und geht raschen Schrittes den Gang entlang, und wieder folge ich ihr artig.

»Brauchen Sie sonst noch etwas?« Sie reicht mir einen blauen Overall, den Blick nach wie vor gesenkt, das Gesicht rot. Himmel, was stellt sie bloß mit mir an?

»Wie kommen Sie mit dem Artikel voran?«, frage ich sie in der Hoffnung, dass sie sich ein wenig entspannt.

Sie hebt den Blick mit einem erleichterten Lächeln.

Endlich.

»Den verfasse nicht ich, sondern Katherine, Miss Kavanagh, meine Mitbewohnerin. Sie schreibt gern und ist die Herausgeberin der Studentenzeitung. Sie war ganz geknickt, dass sie das Interview nicht selbst führen konnte.«

Das sind die längsten Sätze, die ich je von ihr gehört habe, und es geht darin nicht um sie selbst. Interessant.

Bevor ich etwas dazu sagen kann, fügt sie hinzu: »Sie findet es nur schade, dass sie keine Fotos von Ihnen hat.«

Die beharrliche Miss Kavanagh will Fotos, soso. Warum nicht? Das würde mir die Möglichkeit geben, mehr Zeit mit der reizenden Miss Steele zu verbringen.

»Was für Fotos hätte sie denn gern?«

Sie zuckt mit den Achseln.

»Ich bleibe fürs Erste in der Gegend. Vielleicht morgen …« Ich kann in Portland bleiben und vom Hotel, dem Heathman, aus arbeiten. Taylor wird herkommen, mir meinen Laptop und Kleidung bringen müssen. Oder Elliot – falls er sich nicht wie sonst immer an den Wochenenden durch die Betten schläft.

»Sie wären zu einem Fotoshooting bereit?«, fragt sie mich erstaunt.

Ich nicke. Ich möchte mehr Zeit mit Ihnen verbringen, Miss Steele …

Langsam, Grey.

»Kate würde sich freuen – vorausgesetzt, wir treiben so schnell einen Fotografen auf.« Sie strahlt. Himmel, sie ist wirklich atemberaubend.

»Lassen Sie es mich wissen, ob es morgen klappt.« Ich zücke meine Brieftasche. »Meine Visitenkarte mit meiner Handynummer. Sie müssen vor zehn Uhr morgens anrufen.« Wenn nicht, fliege ich zurück nach Seattle und vergesse dieses alberne Abenteuer. Hoffentlich nicht …

»Okay.« Sie grinst wie ein Honigkuchenpferd.

»Ana!« Wir drehen uns beide um, als ein junger Mann in legerer, aber teurer Kleidung am anderen Ende des Gangs auftaucht und Miss Anastasia Steele mit einem breiten Lächeln begrüßt. Wer zum Teufel ist dieser Arsch?

»Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick, Mr. Grey.« Sie geht zu ihm, und der Kerl umarmt sie wie ein Gorilla. Mir gefriert das Blut in den Adern.

Nimm deine dreckigen Finger von ihr.

Ich balle die Hände zu Fäusten und beruhige mich erst wieder, als ich sehe, dass sie keine Anstalten macht, seine Umarmung zu erwidern.

Sie unterhalten sich flüsternd. Vielleicht stimmen die Informationen von Welch nicht. Vielleicht ist der Typ ihr Freund. Er wäre im richtigen Alter, verschlingt sie mit den Augen und legt lässig einen Arm um ihre Schulter. Eine beiläufige Geste, aber ich weiß, dass er sein Revier absteckt und mir signalisiert, dass ich mich vom Acker machen soll. Sie tritt verlegen von einem Fuß auf den anderen.

Scheiße. Ich sollte gehen. Ich habe zu hoch gepokert. Sie ist mit dem Kerl zusammen. Da sagt sie etwas zu ihm, löst sich von ihm, berührt seinen Arm, nicht seine Hand. Es ist klar, dass sie kein Paar sind.

Gut.

»Paul, das ist Christian Grey. Mr. Grey, das ist Paul Clayton. Seinem Bruder gehört der Baumarkt«, informiert sie mich mit einem merkwürdigen Blick, den ich nicht verstehe. »Obwohl ich Paul kenne, seit ich hier arbeite, sehen wir uns nicht oft. Er studiert in Prince­ton Business Administration.« Sie scheint mir wortreich erklären zu wollen, dass sie nicht mit ihm zusammen ist. Der Bruder vom Chef, nicht der Freund. Es überrascht mich, wie erleichtert ich bin. Diese Frau geht mir echt unter die Haut.

»Mr. Clayton«, begrüße ich ihn, nicht sonderlich freundlich.

»Mr. Grey.« Er erwidert meinen Händedruck schlaff. Weichei. »Moment – doch nicht der Christian Grey von Grey Enterprises Holdings?« Plötzlich ist er ganz servil.

Ja, genau der, du Arsch.

»Wow – kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Danke, Anastasia hat das im Griff. Sie ist sehr aufmerksam, Mr. Clayton.« Und jetzt verpiss dich.

»Okay. Bis später, Ana.«

»Ja, Paul«, sagt sie, und endlich verschwindet er.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mr. Grey?«

»Danke, das wäre alles«, antworte ich. Scheiße. Mir läuft die Zeit davon, und ich weiß immer noch nicht, ob ich sie wiedersehen werde. Besteht Hoffnung, dass sie Interesse an dem hat, was mir für sie vorschwebt? Wie soll ich sie fragen? Bin ich bereit, mir eine neue Sub heranzuziehen, die keine Ahnung hat? Sie braucht erst mal eine Grundausbildung. Ich stöhne innerlich angesichts der Möglichkeiten, die sich da eröffnen … Der Weg ist das Ziel. Wird sie überhaupt Interesse haben? Oder täusche ich mich?

Sie geht zur Kasse und gibt den Preis der Artikel ein, ohne den Blick zu heben.

Verdammt, schau mich an! Ich will noch einmal in ihre schönen blauen Augen sehen und ihre Gedanken darin lesen.

Endlich hebt sie den Kopf. »Macht dreiundvierzig Dollar.«

Nicht mehr?

»Wollen Sie eine Tüte?«, erkundigt sie sich, ganz freundliche Verkäuferin, als ich ihr meine Amex-Karte reiche.

»Ja, bitte, Anastasia.« Was für ein schöner Name für eine schöne Frau.

Sie steckt die Sachen in die Tüte. So, das war’s. Jetzt muss ich mich verabschieden.

»Sie rufen mich an, wenn Sie über den Fototermin Bescheid wissen?«

Sie nickt und gibt mir die Kreditkarte zurück.

»Gut. Vielleicht bis morgen.« Ich kann nicht einfach so gehen. Ich muss ihr signalisieren, dass ich mich für sie interessiere. »Ach, und Ana: Ich bin froh, dass Miss Kavanagh das Interview nicht führen konnte.« Sie wirkt überrascht und geschmeichelt.

Gut.

Ich hänge die Tüte über die Schulter und schlendere aus dem Baumarkt.

Ja, allen inneren Alarmglocken zum Trotz will ich sie. Jetzt muss ich warten … verdammt nochmal warten … schon wieder. Mit einer Willenskraft, die Elena stolz auf mich machen würde, halte ich den Blick geradeaus gerichtet, als ich mein Handy aus der Tasche ziehe und in den Mietwagen einsteige. Nein, ich drehe mich nicht zu ihr um. Ich schaue in den Rückspiegel, in dem ich die Tür zum Baumarkt erkennen kann, aber auch nicht mehr. Sie sieht mir nicht durchs Schaufenster nach.

Das enttäuscht mich.

Ich betätige den Schnellwahlknopf, und Taylor geht ran, bevor das Telefon einmal klingelt.

»Mr. Grey«, begrüßt er mich.

»Reservieren Sie für mich im Heathman, ich bleibe das Wochen­ende in Portland. Und bringen Sie meinen Geländewagen, meinen Computer und die Unterlagen, die drum herum liegen, und dazu ein oder zwei Sets Wechselkleidung.«

»Ja, Sir. Und Charlie Tango?«

»Joe soll ihn nach PDX fliegen.«

»Wird gemacht, Sir. Ich bin in etwa dreieinhalb Stunden bei Ihnen.«

Nachdem ich das Gespräch beendet habe, lasse ich den Motor an. Ich habe also ein paar Stunden, bis ich herausfinde, ob das Mädchen sich für mich interessiert. Was soll ich mit der Zeit anfangen? Zum Beispiel wandern. Vielleicht kann ich diese seltsame Begierde durch einen langen Marsch in den Griff kriegen.

Fünf Stunden ohne Anruf von der reizenden Miss Steele. Was zum Teufel habe ich mir dabei gedacht? Ich blicke vom Fenster meiner Suite im Heathman auf die Straße hinunter. Ich hasse Warten. Seit jeher. Inzwischen sind Wolken aufgezogen, aber für meinen Streifzug durch den Forest Park hat das Wetter gehalten; allerdings hat das Gehen mir nicht geholfen, mich zu beruhigen. Es ärgert mich, dass sie nicht anruft, aber mehr noch ärgere ich mich über mich selbst. Wie dumm kann man sein? Zeitverschwendung, diesem Mädchen nachzusteigen. Wann bin ich vorher je einer Frau nachgelaufen?

Grey, reiß dich zusammen.

Seufzend schaue ich wieder aufs Display meines Handys, in der Hoffnung, ihren Anruf verpasst zu haben, aber da ist nichts. Wenigstens hat Taylor inzwischen alle meine Sachen gebracht, die ich benötige. Zum Beispiel Barneys Bericht über die Tests seiner Abteilung. Die kann ich jetzt in Ruhe durchgehen.

In Ruhe? Innere Ruhe kenne ich nicht mehr, seit Miss Steele in mein Büro gestolpert ist.

Als ich den Blick hebe, liegt mein Zimmer in den grauen Schatten der Dämmerung. Die Aussicht auf eine weitere Nacht allein deprimiert mich. Während ich überlege, was ich tun soll, vibriert mein Handy auf dem hochglanzpolierten Holz des Tischs, und eine Nummer mit Washingtoner Vorwahl, die mir irgendwie bekannt vorkommt, leuchtet auf dem Display auf. Plötzlich rast mein Herz wie nach einem Fünfzehnkilometerlauf.

Ist sie das?

Ich gehe ran.

»Äh … Mr. Grey? Anastasia Steele.«

Ich grinse von einem Ohr zum anderen. Soso. Eine nervöse, sanfte Miss Steele. Meine Laune verbessert sich schlagartig.

»Miss Steele. Wie schön, von Ihnen zu hören.« Als ich sie schlucken höre, reagiert mein Unterleib sofort.

Wunderbar. Ich habe also die gleiche Wirkung auf sie wie sie auf mich.

»Ähm … Wir würden gern das Fotoshooting für den Artikel machen. Morgen, wenn’s Ihnen recht ist. Wo würde es Ihnen passen, Sir?«

In meinem Zimmer. Nur du, ich und die Kabelbinder.

»Ich bin im Heathman in Portland. Halb zehn morgen früh?«

»Okay, wir … äh … kommen hin«, stammelt sie, unfähig, ihre Erleichterung und Freude zu verbergen.

»Ich freue mich darauf, Miss Steele.« Ich lege auf, bevor sie meine Erregung und Begeisterung spüren kann. Dann lehne ich mich auf meinem Stuhl zurück, blicke hinaus auf die dunkler werdende Skyline und fahre mir mit den Händen durch die Haare.

Wie zum Teufel packe ich die Sache am besten an?

Sonntag, 15. Mai 2011

Die Musik von Moby im Ohr laufe ich die Southwest Salmon Street entlang zum Willamette River. Es ist halb sieben morgens, und ich versuche den Kopf klar zu kriegen. Letzte Nacht habe ich von ihr geträumt. Sie kniete vor mir, blaue Augen, hauchende Stimme … und nach allem, was sie sagte, ein »Sir«. Seit ich sie kenne, sind die Träume von ihr eine willkommene Abwechslung zu denen, die mich sonst in der Nacht plagen. Wie Flynn sie wohl interpretieren würde? Weil der Gedanke mich beunruhigt, schiebe ich ihn beiseite und konzentriere mich darauf, meinen Körper am Ufer des Willamette an seine Grenzen zu treiben. Während ich laufe, bricht die Sonne durch die Wolken, und Hoffnung keimt in mir auf.

Zwei Stunden später komme ich auf dem Weg zurück zum Hotel an einem Coffeeshop vorbei. Vielleicht sollte ich sie auf einen Kaffee einladen.

Wie bei einer Verabredung?

Hm. Nein. Kein Date. Ich muss über diesen absurden Gedanken lachen. Einfach nur ein Gespräch, eine Art Interview. Dabei kann ich ein bisschen mehr über diese rätselhafte Frau herausfinden, ob sie Interesse an mir hat oder ob ich mich da in etwas verrenne. Allein im Aufzug mache ich noch ein paar Dehnübungen, und als ich mein Hotelzimmer erreiche, bin ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Portland fokussiert und innerlich ruhig. Inzwischen ist das Frühstück gekommen. Ich habe einen Bärenhunger. Und Hunger lasse ich nicht zu – niemals. Ich setze mich vor dem Duschen, noch in der Jogginghose, hin und esse.

Forsches Klopfen an der Tür. Ich mache auf, Taylor steht davor.

»Guten Morgen, Mr. Grey.«

»Morgen. Sind sie da?«

»Ja, Sir. Sie warten in Zimmer 601.«

»Komme gleich.« Ich schließe die Tür und stecke das Hemd in meine graue Hose. Meine Haare sind feucht vom Duschen, aber das ist mir egal. Nach einem kurzen Blick in den Spiegel verlasse ich meine Suite, um Taylor zum Aufzug zu folgen.

Obwohl es in Zimmer 601 von Menschen, Scheinwerfern und sonstiger Fotoausrüstung wimmelt, sehe ich sie sofort. Sie steht an der Seite, trägt die Haare offen, eine üppige, glänzende Mähne, die ihr bis unter die Brüste reicht. Die Kleine trägt enge Jeans und Chucks, dazu eine kurzärmelige marineblaue Jacke und darunter ein weißes T-Shirt. Sind Jeans und Chucks sozusagen ihr Markenzeichen? Beides dürfte nicht sonderlich bequem sein, sie bringen aber ihre wohlgeformten Beine gut zur Geltung. Ihre Augen werden groß, als ich mich ihr nähere.

»Miss Steele, so sieht man sich wieder.« Sie ergreift die Hand, die ich ihr hinstrecke. Am liebsten würde ich die ihre drücken und an meine Lippen heben.

Mach dich nicht lächerlich, Grey.

Sie errötet wie immer auf höchst adrette Weise und deutet auf ihre Freundin, die zu nahe bei ihr steht und darauf wartet, dass ich sie wahrnehme.

»Mr. Grey, das ist Katherine Kavanagh«, stellt Ana sie mir vor. Widerwillig lasse ich ihre Hand los und wende mich der hartnäckigen Miss Kavanagh zu. Sie ist groß, eine auffällige Erscheinung, ist gepflegt wie ihr Vater, hat jedoch die Augen ihrer Mutter. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich die entzückende Miss Steele kennenlernen durfte. Dieser Gedanke stimmt mich ihr gegenüber ein wenig wohlwollender.

»Die beharrliche Miss Kavanagh. Wie geht es Ihnen? Sie scheinen wieder gesund zu sein. Anastasia hat erzählt, dass Sie sich letzte Woche nicht wohlfühlten.«

»Danke der Nachfrage, Mr. Grey, mir geht es gut.«

Ihr fester Händedruck zeugt von Selbstbewusstsein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in ihrem privilegierten Leben jemals etwas entbehren musste. Ich frage mich, wieso diese beiden Frauen befreundet sind. Sie haben keine Gemeinsamkeiten.

»Danke, dass Sie sich die Zeit für das Fotoshooting nehmen«, sagt Katherine.

»Es ist mir ein Vergnügen«, entgegne ich und sehe Anastasia an, die mich mit einem kurzen Erröten belohnt.

Wird sie nur bei mir rot? Der Gedanke gefällt mir.

»Das ist José Rodriguez, unser Fotograf«, stellt Anastasia den jungen Mann vor, und sie beginnt zu strahlen.

Scheiße. Ist der Typ ihr Freund?

Rodriguez blüht unter Anas Lächeln förmlich auf.

Fickt er sie?

»Mr. Grey.« Rodriguez reicht mir mit finsterem Blick die Hand. Eine Warnung. Er will mir sagen, dass ich mich vom Acker machen soll. Er mag sie. Sogar sehr.

Dann mal los, Kleiner.

»Mr. Rodriguez, wo soll ich mich hinstellen?«, frage ich. Mein herausfordernder Tonfall entgeht ihm nicht. Katherine mischt sich ein und winkt mich zu einem Stuhl. Aha. Sie gibt also gern den Ton an. Der Gedanke amüsiert mich. Ich setze mich, und ein anderer junger Mann, der offenbar mit Rodriguez zusammenarbeitet, schaltet die Scheinwerfer ein, die mich blenden.

Herrgott!

Als meine Augen sich an das grelle Licht gewöhnt haben, schaue ich mich nach der hübschen Miss Steele um. Sie verfolgt alles vom hinteren Teil des Raums aus. Ist sie immer so schüchtern? Vielleicht sind diese Kavanagh und sie deshalb befreundet; sie hält sich im Hintergrund und überlässt Katherine das Rampenlicht.

Hmm … die geborene Sub.

Der Fotograf, der einigermaßen professionell wirkt, konzentriert sich ganz auf seine Arbeit. Ich sehe Miss Steele an, wie sie uns beide beobachtet. Unsere Blicke treffen sich. Der ihre ist aufrichtig und unschuldig, und kurz gerate ich ins Wanken. Doch als sie wieder auf ihrer Lippe kaut, verschlägt es mir den Atem.

Lass das, Anastasia. Durch die Kraft meiner Gedanken bringe ich sie dazu, zuerst den Blick abzuwenden.

Braves Mädchen.

Katherine bittet mich aufzustehen, während Rodriguez weiter drauflosknipst. Dann sind wir fertig, und ich wittere meine ­Chance.

»Vielen Dank, Mr. Grey.« Katherine stürzt sich auf mich, um mir die Hand zu schütteln, gefolgt von dem Fotografen, der mich mit kaum verhohlener Missbilligung mustert. Seine Feindseligkeit lässt mich schmunzeln.

Mann … wenn du wüsstest.

»Ich freue mich schon auf den Artikel, Miss Kavanagh«, sage ich mit einem kurzen höflichen Nicken. Eigentlich will ich mit Ana reden. »Begleiten Sie mich hinaus, Miss Steele?«, frage ich sie an der Tür.

»Natürlich«, antwortet sie überrascht.

Carpe diem, Grey.

Ich brumme denen, die noch im Raum sind, einen Gruß zu und schiebe sie zur Tür hinaus, weil ich Distanz schaffen will zwischen ihr und Rodriguez. Auf dem Flur bleibt sie stehen und fummelt an ihren Haaren und dann an ihren Fingern herum, bis Taylor sich zu uns gesellt.

»Ich rufe Sie, wenn ich Sie brauche, Taylor«, teile ich ihm mit, und als er fast außer Hörweite ist, frage ich Ana, ob sie einen Kaffee mit mir trinken möchte. Gespannt auf ihre Antwort halte ich den Atem an.

Ihre langen Wimpern zucken. »Ich muss alle heimfahren«, informiert sie mich bedauernd.

»Taylor«, rufe ich ihm nach, und sie zuckt zusammen. Ich scheine sie nervös zu machen. Ist das gut oder schlecht? Sie hört einfach nicht auf mit diesem Herumgezappel. Die Vorstellung, wie ich ihr das austreiben könnte, macht mich ebenfalls unruhig.

»Müssen alle zur Universität?« Sie nickt, und ich weise Taylor an, ihre Freunde hinzubringen.

»Gut. Würden Sie mich jetzt auf einen Kaffee begleiten?«

»Äh … Mr. Grey, Taylor muss sie nicht zurückfahren. Wenn Sie mir einen Augenblick Zeit geben, tausche ich das Auto mit Kate.«

Ich grinse erleichtert.

Ich habe es geschafft, wir sind verabredet!

Ich öffne die Tür, damit sie wieder in den Raum kann. Taylor verbirgt seinen verwirrten Blick.

»Würden Sie mir meine Jacke bringen, Taylor?«

»Natürlich, Sir.«

Als er sich entfernt, zucken seine Mundwinkel. Ich sehe ihm nach, wie er im Aufzug verschwindet, lehne mich an die Wand und warte auf Miss Steele.

Was um Himmels willen soll ich ihr sagen?

»Würden Sie gern meine Sub werden?«

Nein. Immer sachte mit den jungen Pferden, Grey. Eins nach dem andern.

Wenig später kehrt Taylor mit meiner Jacke zurück.

»Wäre das alles, Sir?«

»Ja. Danke.«

ENDE DER LESEPROBE