Grimmelshausen - Dieter Breuer - E-Book

Grimmelshausen E-Book

Dieter Breuer

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Beschreibung

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen hat mit seinen satirisch-kritischen und zugleich unterhaltsamen Romanen und Traktaten die beiden großen Diskurse der Frühen Neuzeit, Politik und Religion, begleitet, so wach und an eigener Erfahrung orientiert wie kein anderer deutscher Barockdichter. Er ist zu Antworten gelangt, die uns in ihrer Menschenfreundlichkeit über die Jahrhunderte hinweg immer noch berühren und ermutigen können. Dieter Breuer stellt hier vor, was er für den "Kern" von Grimmelshausens Werken hält: positives Geschichtsdenken, gerechte Staatsordnung, Ächtung des Krieges und Friedenspolitik, Aufklärung über Vorurteile gegenüber Minderheiten, insbesondere den Juden, soziales Engagement statt Resignation, Widerstand gegen unverantwortliche politische Entscheidungen, überkonfessionelles Christentum, Bekehrung als didaktisch nicht planbare innere Glaubenserfahrung, Tolerierung andersartiger Lebensentwürfe, Überwindung religiöser Intoleranz, Willensfreiheit und Vorsehung.

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Seitenzahl: 638

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dieter Breuer

Grimmelshausen

Politik und Religion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographischeDaten sind im Internet über http://dnd.d-nb.de abrufbar

wbg Academic ist ein Imprint der wbg© 2019 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durch dieVereinsmitglieder der wbg ermöglicht.Satz und eBook: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN978-3-534-40276-2

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-40278-6eBook (epub): 978-3-534-40277-9

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Inhaltsverzeichnis

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Impressum

Inhalt

Vorbemerkung

Einleitung: „Nicht nur zur Zeit-Verkürtzung“ – Grimmelshausen und seine Historien

I. Teil: „von Aenderung eins Staads“ – Kritik des politischen Handelns

1. Grimmelshausens politische Argumentation: Für und Wider den absolutistischen Staat

2. Krieg und Frieden im Simplicissimus Teutsch

3. Antisemitismus und Toleranz. Grimmelshausens Darstellung der Vorurteile gegenüber den Juden

4. Grimmelshausens Inselutopie

5. Erotik und Gewalt

6. Politischer Widerstand im Jahreskalender

7. Wider die Intoleranz der Theologen

8. Die Friedensschriften des Erasmus während des Dreißigjährigen Krieges

II. Teil: „Weder Petrisch noch Paulisch“ – Der simplicianische dritte Weg

1. Grimmelshausens simplicianische Frömmigkeit und der Augustinismus des 17. Jahrhunderts

2. Grimmelshausen und das Kloster Allerheiligen

3. Sich verändern, sich verwandeln – Zu Grimmelshausens Continuatio

4. Weissagung und Willensfreiheit – Die Wahrsagerin von Soest

5. Die Geister unterscheiden lernen – Grimmelshausens Ewig-währender Calender

6. Der Vergleich mit dem Propheten Jona

7. Courasches Unbußfertigkeit

8. Vergebliche Bekehrungsversuche im Springinsfeld-Roman

9. Die sinnreiche Siebzehn – Zahlenallegorese bei Grimmelshausen

10. Irenik – Bestrebungen zur Überwindung des Konfessionsstreits zur Zeit Grimmelshausens

Schluss: „Eine freye Person die niemand unterworffen“ – Zur Frage der Identität und Entwicklung des Simplicissimus

Anmerkungen

Register

Vorbemerkung

Was über die Jahre seit 1976 an Versuchen über das literarische Werk Grimmelshausens entstand, habe ich zu einem Buch zusammengefügt. Es sind Versuche über die beiden großen Diskurse der Frühen Neuzeit, Politik und Religion, in die sich dieser Autor satirisch-kritisch und stets auf unterhaltsame Weise eingemischt hat und zu Antworten gelangt ist, die uns in ihrer Menschenfreundlichkeit über die Jahrhunderte hinweg immer noch berühren und ermutigen können.

Dementsprechend habe ich die einzelnen, unabhängig voneinander entstandenen Arbeiten in zwei jeweils zusammenhängende Abfolgen gebracht. Beide betreffen den inhaltlichen „Kern“ seiner Romane und Traktate, weniger die poetisch-satirische „Schale“, um zwei zentrale Begriffe seiner Erzählpoetik zu nennen. Wiederholt hat Grimmelshausen seine Leser und Kritiker gemahnt, über dem kurzweiligen Feuerwerk seiner Sprache, Schreibart und „Stücklein“ nicht zu überlesen, was er „aigentlich“ sagen wolle. Zwar wird man im konkreten Fall nicht immer unterscheiden können, was noch „Kern“ und was schon „Schale“ ist. Aber das rechtfertigt nicht die heute beliebte Methode, seine Erzählwerke als ein groß angelegtes Sprachspiel zur Dekonstruktion jedes ernsthaften „Kerns“ anzugehen. Grimmelshausen ist kein Clemens Brentano, kein Romantiker avant la lettre, auch wenn diese ihn wiederentdeckten.

Was aber ist nun „Kern“ seines Werkes? In seiner ersten Schrift, dem Satyrischen Pilgram, bestimmt der Dichter als sein Ziel, „von der Beschaffenheit allerhand; Ja der meisten Dingen in der gantzen Welt […] Gut und Böß zuschreiben wie ich Sie in Büchern befunden und selbsten gesehen und erfahren habe“. Dies mit dem Zusatz: „Gleichwie Außerhalb GOttes […] in der gantzen Welt nichts vollkommenes erfunden wird/daß nicht seine Mängel habe; Also ist auch hingegen kein Creatur noch Ding […] so schlimm noch nichts würdig/das nicht etwas Sonderbahres an sich hette/so zuloben were.“ Diese „Dinge“ bzw. „Materien“ hat er kritisch nach Für und Wider geprüft, beurteilt und in Lebensgeschichten, Traktaten, Kalendern oder Flugschriften dargeboten. Zu ihnen gehören zentral Materien aus Politik und Religion, zwar nicht in systematischer Breite, sondern in den für die damalige Gesellschaft neuralgischen Punkten, für die z.T. bis heute noch keine besseren Lösungen gefunden worden sind: Vertrauen in den positiven Verlauf der Weltgeschichte, Reform der staatlichen Ordnung zu mehr Gerechtigkeit, Ächtung des Krieges, Friedenspolitik, Aufklärung über Vorurteile gegen Minderheiten, besonders gegenüber den Juden, soziales Engagement statt Resignation und Rückzug aus dem Weltleben, Widerstand gegen unverantwortliche politische Entscheidungen; überkonfessionelle christliche Frömmigkeit, Bekehrung als didaktisch nicht planbare innere Glaubenserfahrung, Tolerierung andersartiger Lebensentwürfe, Überwindung religiöser Intoleranz, Verhältnis von Schicksal bzw. göttlicher Vorsehung und Willensfreiheit.

Die 18 Kapitel über das politische und religiöse „Kerngeschäft“ des Dichters können jeweils einzeln für sich, aber auch im Zusammenhang gelesen werden. Vor Grimmelshausens breit gefächerten Kenntnissen des damaligen Weltwissens muss sich der heutige Leser nicht fürchten. Alle Quellenforschung hat immer wieder die Selbständigkeit und Offenheit seines Denkens und Urteilens und die sprachlich faszinierende Darstellungskunst bestätigt: ein „edel Ingenium“, dessen vom Krieg unterbrochener Werdegang zwar keinen gelehrten Hochschulabschluss vorweisen kann, dafür aber die größere Nähe zur vielfältigen Lebenswirklichkeit der Menschen seiner Zeit für sich hat. Im großen Roman Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch hat Grimmelshausen einen solchen Werdegang zum Dichter dargestellt, und nur hier, in der Dichtung, war es ihm möglich, sein Ideal, „eine freye Person/die niemand unterworffen“, aufscheinen zu lassen.

Einleitung„Nicht nur zur Zeit-Verkürtzung“ – Grimmelshausen und seine Historien

I

Der Erzähler Grimmelshausen als Historiker? Dafür spricht, daß er vier Werke politisch-historischen Inhalts aus historischen Quellenwerken „zusammen getragen“ hat: das biblische „Exempel Der unveränderlichen Vorsehung Gottes. Unter einer anmutigen und ausführlichen Histori vom Keuschen Joseph in Egypten/Jacobs Sohn“, den aus „Uralten Hebräischen/Persischen und Arabischen Scribenten“ zusammengestellten „Musai“, die „Anmuthige Lieb- und Leids-Beschreibung“ des burgundischen Prinzen Dietwalt und der fränkischen Königstochter Amelinde „Sammt erster Vergrösserung des Weltberühmten Königreichs Franckreich“, die „Liebs-Geschicht-Erzehlung“ des oströmischen Prinzen Proximus und der Generalstochter Lympida. Den vier Werken sind Quellenverzeichnisse beigegeben oder es wird pauschal auf eine Vielzahl benutzter Quellen verwiesen. Ob dies ein Trick des Erzählers zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit des Erzählten ist, wird noch zu prüfen sein. In jedem Fall argumentiert der Erzähler als Historiker. Die Quellen zu seiner „Histori“ wolle er kritisch benutzen, Fabulöses aussondern:

GRoßgünstiger lieber Leser/ich habe von vielen so hohen als nidern Stands-Personen die gern in der Bibel lesen/wünschen hören/sie wolten daß Josephs Histori etwas weitläuffiger beschrieben wäre/weil dann nun der Jüdische Geschichtschreiber Josephus und andere Hebreer mehr/neben dem Mahumetisten/als Türcken/Persern/Arabern und Egyptiern/auch die Griechische und Armenische Christen viel seltzame Sachen von Josephs Leben haben/die sich nicht in der Bibel befinden; Als habe ich aus demselben/was heiliger Schrifft nicht zu wider laufft/zusammen getragen/und in diß Buch verfasst/denen so die Histori Josephs so gern lesen/damit zu dienen/doch muß ich gestehen daß ich auch viel Dings/so gar fabelhafftig lautet/als unnütze Mährlein ausgelassen […].1

Historia und Fabula bzw. „Mährlein“ sind zweierlei Gattungen. In der „Histori“ geht es um verbürgte Wahrheit, deren Kriterium ist in diesem Fall die biblische Überlieferung. Gegen Kritiker gewendet, schränkt der Verfasser sein Verständnis der Gattung „Histori“ noch weiter ein: Auf Spekulationen über menschliche Willensfreiheit und göttliche Vorsehung werde er sich nicht einlassen, da solche Fragen „zu keiner Histori, sondern in die Schul gehören“2; er versteht sich als Historiker, nicht als scholastischer Theologe oder Philosoph. Als Historiker sieht er gleichwohl seine Aufgabe darin, im Verlauf der Geschichte das Walten der göttlichen Vorsehung aufzuzeigen: Geschichte ist Heilsgeschichte. Den inhaltlichen Vorgaben der Gattung entspricht die zu wählende niedere Stilebene: „Wie es nun ihme Joseph ergangen/bis alles dem Göttlichen Willen nach zu Faden geschlagen worden/solches wird in diesem Buch einfältig erzehlt.“3

Sechs Jahre später, in seiner zornigen Auseinandersetzung mit Philipp Zesen, kommt Grimmelshausen noch einmal auf seine Prinzipien als Historiker zurück. Zesen hatte in seinem Roman „Assenat“ (1670) Grimmelshausens Histori vom ägyptischen Joseph inhaltlich ausgeschlachtet, zugleich ihm mangelnde Quellentreue und fehlende Quellenkenntnis vorgeworfen und dazu noch geprahlt, daß vor ihm, Zesen, „dergleichen auf diese Weise noch niemand verfasset“ habe.4 Grimmelshausen hält dieser Behauptung entgegen: „Ich bin deß Josephs Autor […] der Kerl zauset mir die Haar auß/und darff hernach allerdings sagen/ich hätte eine falsche Parücke.“5 Zesens Vorwurf mangelnder Quellenkenntnis zu entkräften fällt ihm schwerer. Zesen hatte die mittelalterliche jüdische Geschichte von Josephs ägyptischer Gemahlin Assenat und die spätantike jüdische Lehrschrift „Letzter Willen der zwölf Erzväter“, die beide 1664 in deutscher Übersetzung erschienen waren, d.h. kurz vor Erscheinen des „Keuschen Joseph“, als zusätzliche Quellen nutzen können.6 Grimmelshausen blieb nichts anderes übrig, als die Unkenntnis dieser Quellen zuzugeben, zugleich aber in einer scharfsinnigen Quellenkritik den Wert dieser Überlieferung in Zweifel zu ziehen: „Der Asaneth Geschichte/so ich zwar nicht gesehen/halte ich vor ein Gedicht irgend eines alten Rabi/dardurch er die jüdische Jüngling zur Tugend und Keuschheit ansporren wollen […].“7

Es sei auch gar nicht zu verwerfen, daß man in solcher moraldidaktischer Absicht Joseph „eine so vortrefflich aufferzogene Gemahlin“ angedichtet habe. Ebensowenig seien die Verfasser des „Letzten Willens der zwölf Erzväter“ wegen ihrer didaktischen Intentionen zu tadeln; ihnen sei nichts daran gelegen gewesen, „ob sie in ein oder anderer Erzählung/so viel die Histori selbst anbelangt/den Grund der Wahrheit so genau erforscht und beobachtet“ oder nicht; auch hier gehe es um eine Tugendlehre für die Jugend.8 Grimmelshausen trennt also die Gattung „Histori“, die auf der gründlichen Erforschung der Wahrheit beruht, von fabelhaften Erzählungen zum Zwecke der Moraldidaxe. Die beiden von Zesen bevorzugten Schriften könne man als historische Quellen schon deshalb nicht ernst nehmen, weil sie gravierende Widersprüche zu Aussagen der Bibel wie des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus, aber auch zu der von Zesen angeführten Version des Augustinus aufwiesen.9 Er resümiert:

Verbleibe dennoch bey meinem gefasten Wahn/daß die Geschichte der Assaneth mitsamt dem verfasten letzten Willen der Ertzvätter er erst lang nach Josephs Zeiten/von einigen jüdischen Rabinern auffgesetzt worden/mehr der Meinung/die Jugend anzureitzen/deß Josephs Tugenden nachzufolgen/als ihnen die Wahrheit der Geschicht sollen darzu legen.10

Die „Wahrheit der Geschicht“ bleibt auch in seinen folgenden Historien leitender Gesichtspunkt. Im Fall der Dietwalt-Historia kündigt er dem Widmungsempfänger Philipp Hannibal von Schauenburg „Zwar Alt Fränckisch/doch warhaffte und curiose Geschichten“ an und verknüpft diese sogar mit der Geschichte des schauenburgischen Adelsgeschlechts.11 Die Rolle des auf die Wahrheit verpflichteten Historikers nimmt er ernst; auch innerhalb seiner Darstellung der fränkischen Geschichte erinnert er den Leser an diese Pflicht des Historikers: „Weil aber einem jedwedern Historico die Wahrheit zu schreiben gebührt/sihe/so werde ich nicht verschweigen was dieser Könige unsterblich Lob verdunckelt.“12 Das abschließende Geleitgedicht legt dem Autor in den Mund, er habe „nur zur Lieb der edlen Warheit“ seine Feder angesetzt, er selbst habe davon keinen Gewinn.13

Wie er sich in der Joseph-Historia an den vorgegebenen geschichtlichen Verlauf hält, so auch in den folgenden Historien: Die Abfolge der weltgeschichtlichen Ereignisse im gewählten Zeitabschnitt wird sowohl in seiner „altfränkischen“ wie in der oströmischen Historia ständig präsent gehalten. Das entspricht zwar nicht den Erwartungen eines Romanlesers, wohl aber den belehrenden Absichten des Historikers. Für die Joseph-Historia liefert er die welthistorischen Zusammenhänge im „Musai“ nach, auch dies nicht unbedingt zur Freude eines heutigen Lesers.

Die „Wahrheit der Histori“ besteht aber nicht nur in der Treue zu den historischen Fakten, sondern letztlich in ihrem heilsgeschichtlichen Sinn. Diesen aufzudecken, gehört zu den Aufgaben des barocken Historikers. Die Joseph-Historia ist schon im Titel als „Exempel Der unveränderlichen Vorsehung Gottes“ deklariert, in der Sproßgeschichte Musai wird auch die heidnische Welt exemplarisch dem Wirken der göttlichen Vorsehung unterstellt. Die für die beiden anderen Historien gewählten Abschnitte aus der fränkischen bzw. der oströmischen Geschichte stellen den Historiker vor erheblich höhere Anforderungen, gilt es doch hier, Abschnitte der Weltgeschichte mit besonders verworrenen und sinnlos erscheinenden Ereignisketten und nicht abreißenden brutalen Machtkämpfen in den biblisch verbürgten heilsgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen und die verschlungenen Wege der göttlichen Vorsehung zu erkunden. An solch „veränderlichen Zeiten“14, an der „Aenderung eins Staads“15 bzw. der Staatenwelt hat sich der Scharfsinn und die Gestaltungskraft des Historikers zu bewähren. In der Vorrede zu Proximus und Lympida stellt Grimmelshausen gleich im ersten Satz dieses zentrale Problem des Historikers heraus:

DJe wunderbarliche Zeit/von Anno Christi 570. biß auff Anno 650. darinnen sich diese unsere liebliche Histori unter Regierung der Käyser Mauritii, Phocae und Heraclii hat zugetragen/ist so seltzam und veränderlich gewesen/daß sie billich/durch glaubwürdiger Geschichtschreiber hinderlassener Bücher wegen so vielerhand zum theil angenehmen: zum theil erschröcklichen Begebenheiten/die sich darinnen […] allenthalben in der Welt eraignet haben/der posterität so merckwürdig und berühmbt vor Augen gestellt wird/als immermehr ein Seculum, das die Menschen seith der allgemeinen Sprach Verwirrung belebet.16

Das Problem des Historikers – dies deuten die Attribute „wunderbarlich“, „seltzam“, „merckwürdig“ an – besteht darin, den gewählten historischen Abschnitt mit „veränderlichen“, scheinbar chaotischen Zeitläuften, mit ihren von der Nachwelt extrem positiv und extrem negativ bewerteten Begebenheiten, als letztlich zielgerichtet und sinnvoll zu erweisen: eben als Wirken der göttlichen Vorsehung. Der Leser solle, so heißt es am Schluß der Vorrede, aus der nachfolgenden Histori entnehmen, „daß dannoch der Allmächtige GOtt die seinige/die ihn lieben/förchten/ehren und ihm dienen/es gehe auch so Bund über Eck in der Welt her/als es immer wolle/ja wann der Teuffel in der Höll […] gleich selbsten ledig wäre/wunderbarlicher weiß erhalte/durchbringe/beschütze/beschirme […].“17

Grimmelshausens Wendung „Bund über Eck“ verweist auf den vorausgesetzten heilsgeschichtlichen Zusammenhang aller Historie, analog zum nicht immer gradlinig verlaufenden Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel.

Nun könnte man einwenden, eine solche Deutung der Geschichte sei nicht mehr Aufgabe des Historikers, sondern des Theologen und Predigers. Ein Historiker der Barockzeit sieht dies jedoch anders als die Humanisten vor ihm und die aufgeklärten Historiker nach ihm.18 Geschichtsschreibung und Geschichtsdeutung stehen im 17. Jahrhundert im Zeichen der Geschichtstheologie des Kirchenvaters Augustinus und seiner Lehre von den ineinander verschränkten Civitates Dei und terrena, von der Zielgerichtetheit der Geschichte als Heilsgeschichte und von der allumfassenden göttlichen Vorsehung, der die Reiche der Welt, die Fürsten wie die Untertanen, unterworfen sind.19 Die Vorrede zur Proximus-Histori Grimmelshausens ist im übrigen ein gutes Beispiel, geradezu ein Lehrstück augustinischer Geschichtsbetrachtung. Wie Augustinus wendet er sich auch gegen Versuche, Einzelereignisse als Erweise der göttlichen Vorsehung zu deuten und damit dem Verlauf der Geschichte vorschnell ein Ziel vorschreiben zu wollen. Erst längere Abfolgen von Ereignissen – Grimmelshausen wählt Zeiträume von 80 Jahren20 – können offenbar das Wirken der göttlichen Vorsehung sichtbar werden lassen. In der Dietwalt-Histori übt der Erzähler ostentativ Zurückhaltung in der Bewertung von einzelnen Handlungen, eine Zurückhaltung, die auch Augustinus empfiehlt:21

[…] was vermeint mein hochgeehrter Leser wol? […] Sollen dann diese hohe Personen von dessentwegen/daß sie ihre Grösse wusten und sich darinn erfreuen/so viel gesündigt haben/daß sie durch diese ihre freywillige Buß vermittelst deren sie alles verlassen/was die Menschen hochschätzen/und sich selbst den Bettlern gleich gemacht/noch nicht überflüssig genug gethan: und damit ihr Ubersehen ausgelescht haben? Mein freundlicher Leser ich ziehe die Achsel ein und halte mit meinem nichtigen Urtheil zuruck! den Folg dieser Histori fortzusetzen.22

Die moraltheologische Frage nach der Vereinbarkeit von individuellem Handeln und göttlicher Vorsehung weist der Historiker ab. Erst die Abfolge der Histori läßt für ihn Rückschlüsse auf die göttliche Vorsehung zu. Erst am Ende wird offenbar, daß diese über die menschliche Vernunft triumphiert:

aber sihe! jetzt war der Tag der Widergeltung! es war eine Zeit/in welcher der allmächtige Gott der gantzen Welt zeigte/das er seine Diener erhoben vnnd beseeligen könde wann er woltt/vnnd hervor bringen möchte was gleichsamb albereit durch menschliche Vernunfft vorlängst in eine vermeintliche ewige Vergessenheit begraben worden […].23

Der bereits auf den Titelseiten der Erzählwerke behauptete Nutzen der Historie besteht also im Aufweis der alle Wirrnis der Weltgeschichte durchwaltenden, zielgerichteten göttlichen Vorsehung. Dies gilt zunächst für den Ausschnitt der Weltgeschichte, den der Historiker ausgewählt hat, läßt aber in analoger Weise auch Rückschlüsse für das Verständnis der Gegenwart zu. Die Dietwalt-Histori beschließt Grimmelshausen mit der Aufforderung an den Leser, „wegen deß vergangenen sich umb so viel destoweniger zu verwundern/wann er das Gegenwärtige vor Augen siehet und betrachtet“.24 Die Historie dient der Erkenntnis der Gegenwart, ist die magistra vitae.

II

Um die Aussagen Grimmelshausens über Aufgaben des Historikers und den Nutzen der Historie beurteilen zu können, empfiehlt sich wie auch sonst ein Blick in Tomaso Garzonis Piazza Universale und hier in den umfangreichen 38. Discurs „Von den Historicis, oder Geschichtschreibern“.25 Die Historia wird hier nach Cicero definiert als „eine Beschreibung einer Geschicht/so sich vor langen Zeiten hat zugetragen“.26 Solche „wahren“ Historien werden von den „Fabulosen oder gedichten Historien“ unterschieden; denn „Fabuln seyndt solche Historien/die niemals gewesen/vnd sich nirgends haben zugetragen“.27 Diese Unterscheidung findet sich, wie wir sahen auch in Grimmelshausens Vorrede zur Joseph-Histori. Zur Wahrheit der Historia macht Garzoni folgende Angaben: Die Historia muß „wahrhafftig/ja ein Liecht der Warheit“ sein, dadurch unterscheide sie sich von der Poesie, die „nur auff eine künstliche Lieblichkeit“ sehe und Wahres und Fiktives vermenge.28 Historiker müssen sich, so Garzoni, davor hüten, „auß falschen Relationen einen falschen Wahn“ zu fassen und andere zu betrügen, „und fürsetzlich/zur Kurtzweil/eine Fabel oder Lügen in ihre Schrifften hinein flicken“ und die Wahrheit beiseite lassen.29 Garzoni faßt die von einem „perfecten Historico“ geforderten Eigenschaften folgendermaßen zusammen:

Endlich wird auch eine gewisse Fürsichtigkeit/und Prudentia an einem Historico erfordert/beides in dem das er erzehlet/vnd in dem das er verschweiget: deß gleichen eine Moderation der Affecten/daß er dieselbige wisse zu zwingen vnnd im Zaum zu halten: item ein vnerschrocken Gemüth die Warheit zu sagen/eine Qualität in erzehlung vnterschiedlicher Thaten/ein gut Iudicium vnnd Verstandt/das löbliche vnd das sträffliche zu vnterscheiden: Item eine ziemliche Erfahrung vnnd Wissenschafft der Antiquiteten/mit allerhand Exempeln wol versehen/daß er sententiosus sey/vnd viel schöner Sprüche wisse an bequemlichen Orten mit eynzuführen/der Welt Laufften erfahren/in allen Geschäfften geübet/nachdenckig/der Kriegssachen kundig/mit gebürlicher Grauitet auffrichtig/gelehrt/höfflich/fleissig/bescheiden/vnd mit allerhand Tugenden gezieret.30

Die meisten dieser Eigenschaften konnte Grimmelshausen ohne weiteres auf sich beziehen; in allen seinen Schriften, nicht nur in den genannten historischen Erzählwerken, befolgt er auch den Rat Garzonis, aus einem guten Vorrat von „denckwürdigen“ historischen Exempeln zu schöpfen, was „nicht allein nützlich/zierlich vnd löblich/sondern auch eine Anzeygung eines fürtrefflichen vnnd beynahe Göttlichen ingenii“ sei;31 denn Historien stellen uns „die Bildnussen der Alten/wie ein Gemähldt/für die Augen/drucken sie/wie ein Bild in das Hertz“.32 Aus Garzonis Historikerdiskurs entlehnte Grimmelshausen übrigens (in der Vorrede zur Proximus-Histori) auch die Bezeichnungen „denckwürdig“, „merckwürdig“, „wunderbarlich“ für erzählenswerte historische Ereignisse.33

Daß die deutsche Garzoni-Übersetzung insgesamt eine Art Sprachschule für Grimmelshausen gewesen ist, ist bekannt. Im Historiker-Diskurs Garzonis fand er darüber hinaus auch speziellere Anweisungen zur stilistischen Ausarbeitung seiner Historien. Garzoni fordert vom Historiker einen „schönen stylus […] nicht gezwungen/oder zu gar curiosus, sondern viel mehr auffrichtig/vnnd laufftig [= geläufig]/als sonsten sey“;34 „klar vnd verständlich“35 solle er schreiben und „eine gute Ordnung nach der zeit“ einhalten.36 Auch sei erforderlich, „daß er nicht zu lange dicentes mache/sondern eine Geschicht kurtz fasse/doch daß nichts vergessen werde/das zu wissen nötig/vnd nichts darzu gesetzet werde/das nicht dahin gehöret“.37

Grimmelshausen hat sich an diese Anweisungen gehalten. Seine Historien sind verständlich, halten sich an die Abfolge der Ereignisse und sind vergleichsweise kurz; er macht in der Tat „nicht zu lange dicentes“, gebraucht übrigens selbst diese Redewendung.

Bei solcher Nähe zu Garzonis Historiker-Diskurs fällt umso deutlicher der gravierende Unterschied in der Konzeption von Geschichte ins Auge. Garzoni stellt die Historie nicht in den Rahmen der Heilsgeschichte. Der italienische Humanist orientiert sich an der vorchristlichen antiken Geschichtsauffassung und beschränkt sich auf Hinweise zum moralischen Nutzen der Historien: diese „entzünden die Gemüther zur Tugendt“, bringen die „Ehrlichen“ bei der Nachwelt zu Ehren, bewirken immerwährende Schande der „Unehrlichen“, halten zur Gottesfurcht an usw.38 Dieser indifferenten Auffassung von Geschichte gibt der Konvertit Grimmelshausen die für das 17. Jahrhundert typische augustinische geschichtstheologische Ausrichtung, indem er die Geschichte der providentia Dei unterstellt, ohne daß dadurch der freie Wille der Akteure eingeschränkt würde. Diese Geschichtsdeutung wurde vor allem durch jesuitische Autoren vertreten und über die Konfessionsgrenzen hinweg durchgesetzt.39 Grimmelshausen ist ihr vermutlich schon bei seiner Arbeit am Keuschen Joseph in Jeremias Drexels Joseph-Traktat (deutsch Mainz 1645) begegnet.40 Drexel hatte die biblische Joseph-Historia als Muster einer Historia („gantz voller Safft“) gepriesen, die sich aufgrund ihrer inhaltlichen, dispositionellen und affekterregenden Qualitäten gleichsam von selbst erzähle, und hatte ihren Nutzen als „lebendiger Spiegel aller Tugenden“ herausgestellt, in dem Joseph als „rechtes Muster der hohen Obrigkeit“ erscheine. Er hatte aber vor allem auf ihre heilsgeschichtliche Dimension als ihren großen Vorzug aufmerksam gemacht. Einzigartig sei diese Historia dadurch, daß sie dem Leser die „Vorsehung Gottes/als ein rechte Schiltwacht/so nicht vberrauschet noch vbergangen kan werden“, vor Augen stelle.41 Drexel ist einer der erfolgreichsten Vermittler augustinischen Denkens im 17. Jahrhundert. Sein Traktat „Heliotropium seu Conformatio humanae voluntatis cum divina“ – „Sonnenwend das ist/von Gleichförmigkeit deß Menschlichen Willens mit dem Willen Gottes“ (lat. und deutsch 1627) liefert im übrigen das Modell, nach dem Grimmelshausen die zur Demut fähigen Helden seiner Historien und ihre Versuche, in Übereinstimmung mit der göttlichen Vorsehung zu handeln, dargestellt hat.42 Gegenteiliges Handeln ist, einem Kommentar in der Proximus-Histori zufolge, vergeblich:

Aber ach? waß ists mit vnß? waß ists mit vnseren schwachen Kräfften? Was ist mit vnserem geringen Widertsandt/wan wir wider vnser aigne Natur: wider den Willen des höchsten (der vns so weit verborgen ist/so weit er etwas ins künfftig zuthun beschlossen vnd ihm allein zuwissen vorbehalten) kämpffen vnd streitten wollen? diser oder jehner göttlichen Vorsehung zuentgehen?43

Selbst im picarischen Genre bildet die providentia Dei die Grundlage für die Geschichtsdarstellung. Die Folge seiner Histori erfordere, argumentiert der Ich-Erzähler im „Simplicissimus Teutsch“ (I 4), daß er „der lieben posterität hinderlasse/was vor Grausamkeiten in diesem unserm Teutschen Krieg hin und wieder verübet worden“; mit seinem eigenen Exempel wolle er „bezeugen/das alle solche Ubel von der Güte deß Allerhöchsten/zu unserm Nutz/offt notwendig haben verhängt werden müssen: Dann lieber Leser/wer hätte mir gesagt/daß ein GOtt im Himmel wäre/wann keine Krieger meines Knans Hauß zernichtet/und mich durch solche Fahung unter die Leut gezwungen hätten/von denen ich genugsamen Bericht empfangen?“44 Der seine Histori aufzeichnende Simplicissimus treibt rückblickend die Deutung seines Lebenslaufes von der providentia Dei her bis zur äußersten Konsequenz. Grimmelshausen steht mit solcher Geschichtsdeutung keineswegs allein unter den Dichtern des 17. Jahrhunderts. Die historischen Dramen Lohensteins, dessen Arminius-Roman demonstrieren gleichfalls das Wirken der göttlichen Vorsehung in der Geschichte, ihre Verkennung im Banne der Affekte und ihren endlichen Triumph. Erst in Leibnizens Theodizee-Schrift erreicht die Reflexion über die augustinische Geschichtsdeutung ihren barocken Gipfelpunkt.45

III

Damit ist der Horizont abgesteckt, in dem sich der Erzähler Grimmelshausen als Historiker bewegt, aber noch nicht geklärt, was Grimmelshausen unter einer Histori versteht. Denn nicht nur die vier historischen Erzählwerke bezeichnet er so, sondern auch den Simplicissimus Teutsch und dessen Sproßgeschichten. In seinem Verständnis bietet eine Histori anscheinend Raum für Abschweifungen und Erweiterungen aller Art. In diesem Zusammenhang spricht er verschiedentlich von der „Vollkommenheit“ der Histori, so in seiner Dietwalt-Histori:

Allein diß darff ich nicht verschweigen/weil ich vermeine es müste unserer Histori umb zu ihrer Vollkommenheit zu gelangen/ohnumgänglich einverleibt werden; das sich nemblich zwischen diese grosse Personen auch der kleine Gott gemängt/der die Hertzen der Menschen mit Lieb beladen: und hingegen die freye Gemühter ihrer Freyheit zu berauben pflegt.46

Im Musai argumentiert der Erzähler in ähnlicher Weise:

Meine gnädige Frau vergebe mir/daß ich hier einen kleinen Absprung nehmen muß/meine Histori zu erläutern/indem ich der Semiramide gedencken muß/wann ich anders meine Histori/wo nicht vollkommen/doch etwas verständlicher erzehlen will.47

Manfred Koschlig hat in seiner Studie „Das Lob des Francion bei Grimmelshausen“ (1957) gezeigt, daß Grimmelshausen diesen Begriff aus der 1662 erschienenen deutschen Übersetzung von Charles Sorels Roman Histoire comique de Francion übernommen hat.48 „Vollkommenheit der Histori“ bedeutet dort die Einführung von Umständen, die zwar nicht „denckwürdig“ sind, aber zur „Abbildung des menschlichen Lebens“ dazugehören,49 wie vor allem schamverletzende Liebeshändel, die dieser Satiriker „gar natürlich“ beschreiben und dazu die „gantze Sprach“ benutzen will, weil sonst seine Histori eben „unvollkommen“ sein würde.50 Grimmelshausen übernimmt von Sorel diese Begrifflichkeit, hatte allerdings zuvor auch schon dem Historiker-Diskurs Garzonis entnehmen können, daß es nicht nur darum gehe, „Namen/Gerücht/Leben/Natur vnnd Qualitet der Personen“, sondern auch ihre Handlungen mit allen Umständen und Zufällen „ordentlich“ zu erzählen.51 Die zitierten Textstellen in Grimmelshausens Historien sind gleichwohl nicht im Sinne der Sorelschen Freiheit des Satirikers zu deuten. Im „Dietwalt“ meint die „Vollkommenheit der Histori“ die Einbeziehung der Liebesaffekte der versammelten germanischen Fürstensöhne und -töchter, die zu folgenschweren politischen Verwicklungen führen. Im „Musai“ bezeichnet „Vollkommenheit“ die Einbeziehung einer scheinbar abseitigen historischen Gestalt, die aber durch ihre Liebesaffekte das Leben des Vaters des Helden und damit auch dessen Werdegang entscheidend beeinflußt. „Vollkommenheit der Histori“ ist bei Grimmelshausen kein Freibrief für schlüpfrige Nebendinge, sondern erfüllt eine Funktion im Rahmen seiner Geschichtsdeutung: Eingeführt werden Affekthandlungen, die zu einer Verkennung der providentia Dei führen, die aber das durch die providentia Dei gesetzte Ziel der Histori letztlich nicht aufhalten können und damit deren Macht – „verständlich“ – erweisen.

Aus einer (von Koschlig nicht erwähnten) Stelle in der „Continuatio“ geht zudem hervor, daß Grimmelshausen die „Vollkommenheit“ nicht eigentlich zu den Erzählprinzipien der Gattung Historia rechnet; er schreibt:

Mein großgünstiger hochgeehrter Leser/wann ich eine Histori zuerzehlen hätte/so wolte ichs kürzer begreiffen und hier nicht soviel Umbständ machen; ich muß selbst gestehen daß mein aigner Vorwitz von jedem GeschichtSchreiber stracks erfordert/mit seinen Schrifften niemand lang auffzuhalten; Aber dieses was ich vortrage ist eine Vision oder Traum/und also weit ein anders; ich darf nicht so geschwind zum Ende eilen/sondern muß etliche geringe Particularitäten/und Umbstände mit einbringen/damit ich etwas vollkommener erzehlen möge/was ich den Leuten dieß Orts zu communicirn vorhabens; welches dann nichts anders ist/als ein Exempel zu weisen/wie aus einen geringen Füncklein allgemach ein groß Feur werde/wann man die Vorsichtigkeit nicht beobachtet.52

Der Historiker Grimmelshausen erinnert an die Erfordernisse der Gattung Historia: Der Geschichtsschreiber hat sich mit Rücksicht auf die curiositas der Leser kurz zu fassen, darf wie gesagt nicht „viel dicentes“ machen und sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Nur in Ausnahmefällen erscheint es ihm sinnvoll, „vollkommener“ und das heißt „umständlicher“ zu erzählen, um einen speziellen Kommunikationszweck zu erreichen: in diesem Falle eine Traumvision zu einem Exempel auszubauen, das „fein Staffel weiß“ den Niedergang eines Verschwenders vor Augen stellt.

Es ist mithin angezeigt, zwischen einem engeren und einem weiteren Begriff von „Histori“ zu unterscheiden. Historien im engeren Sinne des Begriffs sind die vier historischen Erzählwerke. Historien im weiteren Sinne des Begriffs sind die simplicianischen Erzählwerke. Für letztere gilt das von Sorel übernommene Erzählprinzip der „Vollkommenheit“, obgleich immer in den von der augustinischen Geschichtstheologie gesetzten Grenzen. Für die historischen Erzählwerke im engeren Sinne ist „Vollkommenheit“ des Erzählens, d.h. das Verweilen bei Nebenhandlungen und deren Umständen, eher die Ausnahme; solche „Particulariteten“ können dann aber vom Ende her auf die dunklen Wege der göttlichen Vorsehung bezogen werden.

Der Erzähler Grimmelshausen hat beide Möglichkeiten der Histori erprobt, doch ist dem Meister des „vollkommenen“ simplicianischen Erzählens die Rolle des Historikers schwer gefallen, schon aufgrund seines Werdegangs, daß er nämlich, wie er mit Bedauern feststellt, „nichts studirt, sonder im Krieg uffgewachsen/und allda wie ein anderer grober Esel keine Wissenschafften/gefast habe“.53 Gelehrte Quellenwerke blieben dem Autodidakten verschlossen; er mußte sich mit meist älteren deutschsprachigen Geschichtswerken wie der Josephus-Übersetzung, den Chroniken von Johann Stumpf, Conrad Lycosthenes und Johann Ludwig Gottfried, den Nachschlagewerken von Georg Hornius, Peter Lauremberg und Valentin Leucht begnügen.54 Das erklärt seinen Zorn auf Philipp Zesen, aber auch seine Versuche, Unbildung zu kaschieren, wie z.B. das gelehrte lateinische Quellenverzeichnis zeigt, das er seiner Dietwalt-Histori vorangestellt hat;55 es ist unschwer als ein Auszug aus dem Quellenverzeichnis des Historikers Stumpf zu durchschauen, also als betrügerisches Spiel mit den Gesetzlichkeiten der Gattung, die er andererseits so sehr ernst nimmt. Gerade diese Historien hat er mit seinem vollen Namen gezeichnet.

I. Teil„von Aenderung eins Staads“ – Kritik des politischen Handelns

1. Grimmelshausens politische Argumentation: Für und Wider den absolutistischen Staat

I

Die neuere historische Forschung zur Entstehung des frühmodernen Staates im 16. und 17. Jahrhundert hat auch die literaturwissenschaftliche Fragehaltung gegenüber literarischen Texten des 17. Jahrhunderts verändert.56 Es ist vor allem die Frage nach der (intendierten und tatsächlichen) Funktion der Literatur bei der Durchsetzung und inneren Festigung der absolutistischen Staatsordnung in den einzelnen deutschen Territorien und im Reich, die zu einer Überprüfung der Rahmenbedingungen bisheriger autorbezogener, form- und quellengeschichtlicher Interpretationen und Wertungen zwingt und den Blick stärker auf die argumentative Funktion auch der poetischen Texte in den zeitgeschichtlichen Zusammenhängen des 17. Jahrhunderts lenkt. Für wen, aber auch gegen wen ein Autor argumentiert hat, verspricht dabei als Leitfrage Einsichten in das bewegte literarische Leben dieses Jahrhunderts, in dem die Grundlagen des modernen, alle Lebensbereiche des Staatsbürgers reglementierenden, zentralistisch gelenkten Staates gelegt wurden und die Staatsloyalität des Künstlers und Poeten zu einem bis heute sich ständig verschärfenden Problem wurde.57

Von diesem pragmatischen Ansatz her gewinnt, methodisch gesehen, die „inhaltliche“ Seite von poetischen Texten neues Interesse: denn in ihr ist die politisch-zeitgeschichtliche Argumentation des jeweiligen Autors ja letztlich greifbar. Doch geht es dabei nicht um motiv- und stoffgeschichtliche Abhängigkeiten und Weiterentwicklungen, sondern eben um deren argumentative Funktion, wenngleich der bisher wenig beachtete Quellencharakter der staatstheoretischen und staatsrechtlichen Literatur gerade in diesem Zusammenhang zuvor zur Kenntnis zu nehmen ist.58

Grimmelshausens schriftstellerisches Werk scheint diesen Untersuchungsaspekt in besonderer Weise zu rechtfertigen. Weitläufiger und unkonventioneller als andere hat er sich mit Legitimationsproblemen absolutistischer Herrschaft und mit den aus dem Staatsumbau resultierenden moralischen Problemen von Herrscher, Funktionsträgern und Untertanen auseinandergesetzt. Grimmelshausen ist der Redaktor einer „Teutschen Politica, oder Regenten-Kunst“ (Teutscher Friedens-Raht, 1670);59 er ist der Verfasser eines antimachiavellistischen Traktats über die Staatsräson eines theologisch legitimierten „Politischen Regiments“ (Simplicianischer Zweyköpfiger Ratio Status, 1670);60 er hat sich nicht gescheut, zu tagespolitischen Ereignissen Stellung zu nehmen (Der stolze Melcher, 1672; Deß Wunderbarlichen Vogelnests Zweiter theil, 1675), und er hat im übrigen als gefürchteter „homo Satyricus in folio“ (Quirin Moscherosch)61 in allen seinen Schriften, gerade auch in seinen „Historien“, angefangen vom Joseph in Egypten (1666) über das simplicianische Werk bis hin zu Proximus und Lympida (1672) sich deutlich genug mit den grundsätzlichen Problemen des absolutistischen Herrschaftssystems auseinandergesetzt, dem er als ein durchaus nicht immer bequemer Funktionsträger auf der unteren Verwaltungsebene (Regimentssecretarius, Verwalter, Schultheiß) diente.62

Daß dieser auffällige Sachverhalt dennoch wenig beachtet worden ist und wenn, dann zu allzu durchsichtigen Vereinnahmungsversuchen,63 liegt nicht zuletzt an dem seit langem zu beobachtenden Interesse für das im 17. Jahrhundert übliche Allegoreseverfahren und dessen Konsequenzen für Grimmelshausens Textherstellung und das von ihm intendierte Textverstehen. Die Entdeckung entsprechender Quellentexte zur allegorischen Hermeneutik, insbesondere zum hermetischen „sensus astrologicus“ der poetischen Texte hat andere Aspekte zurücktreten lassen.64 Das ist jedoch schon deshalb nicht einsichtig, weil die allegorische Betrachtungsweise auch eine politische Sinnebene kennt. Garzoni spricht in diesem Zusammenhang von der „species typica“: „wann etwas auff die enderung der zeiten/der Regimenten/vnd auff die restitutionem seculorum wirdt gezogen“,65Grimmelshausen in einer ähnlich formulierten Leseanweisung von „Aenderung eins Staads“.66

Doch muß die Frage nach Grimmelshausens politischer Argumentation nicht unbedingt auf der allegorischen Ebene beantwortet werden, wenngleich hierbei auch die Gattungseigentümlichkeiten der poetischen Historia im 17. Jahrhundert zu berücksichtigen wären. Schon der Literalsinn der Texte, der „sensus historicus“ hat bei Grimmelshausen immer auch politische „res“ zum Gegenstand. Man vergleiche zum Beispiel den zweiteiligen Titel von Dietwald und Amelinde (1670): „Dietwalds und Amelinden anmuthige Lieb- und Leids-Beschreibung/Sammt erster Vergrösserung des Weltberühmten Königreichs Franckreich.“ Die Liebesgeschichte aus Frankreichs Vorzeit ist in Beziehung gesetzt mit dem Frankreich Ludwigs XIV. und dessen Okkupationspolitik um 1670, und die mahnende Schlußbemerkung, nach der Lektüre „wegen des Vergangenen sich umb so viel destoweniger zu verwundern/wann er [= der Leser] das Gegenwärtige vor Augen sihet und betrachtet“,67 verdeutlicht nur die politische Leseanweisung, zumal es schon in einem Zusatz zum Titel u.a. heißt: „Den Politicis nützlich zulesen“.

Die politischen „res“ gilt es also zu erkennen, das heißt aber: die zeitgeschichtliche Bedingtheit und Funktion der politischen Argumentation Grimmelshausens. Eine solche Interpretation ist durch die Suche nach literarischen Abhängigkeitsverhältnissen nicht immer gefördert worden, da das „Inhaltliche“, die jeweilige Argumentation selbst meist nicht mehr Gegenstand der Untersuchung ist, wie z.B. die Forschungen zur Jupiterepisode (Simplicissimus Teutsch III, 3–6) zeigen. Ähnlich ungeklärt ist das Verständnis der vom Autor verwendeten politischen Terminologie; hier wird meist anachronistisch die heutige, unspezifischere Wortbedeutung vorausgesetzt. Und schließlich: eine mögliche Veränderung der politischen Argumentation zwischen 1666 und 1675 ist bisher nicht in Betracht gezogen worden.

Methodische Schwierigkeiten ergeben sich daraus, daß die Quellenfrage unter dem Aspekt der politischen Argumentation im einzelnen noch nicht genügend geklärt ist und auch im Rahmen dieser Untersuchung nicht geklärt werden kann. Schon jetzt möglich indes ist eine vergleichende Lektüre von staatstheoretischen und staatsrechtlichen Lehrbüchern sowie historisch-politischen Nachschlagewerken der Zeit, auch solcher, die Grimmelshausen nachweislich benutzt hat.68 Aufgrund der hierbei gewonnenen Kriterien soll in einem ersten Versuch entschieden werden, in welchem Umfang Grimmelshausen politische Fragen seiner Zeit behandelt hat, mit welchen er sich vornehmlich auseinandergesetzt und zu welchen er, offen oder verdeckt, eine Stellungnahme riskiert hat, schließlich, wie diese Stellungnahmen in den Auseinandersetzungen um die absolutistische Staatsreform situiert sind. Ich beziehe mich dabei vor allem auf seine Joseph-Histori. Um dem Gesichtspunkt einer möglichen Veränderung der politischen Argumentation Rechnung zu tragen, möchte ich abschließend noch den Simplicissimus und Proximus und Lympida zum Vergleich heranziehen.

II

Grimmelshausens Histori vom Vortrefflich Keuschen Joseph in Egypten ist wie alle Schriften dieses Autors gegen die Gattungsnorm der Zeit geschrieben. Ein Vergleich mit dem Joseph-Traktat des oberdeutschen Erfolgsautors Jeremias Drexel, seit 1643 in deutscher Übersetzung benutzbar, macht bei manchen Gemeinsamkeiten im Verständnis der Gattung „Historia“ doch deutlich, daß Grimmelshausen die biblische Vorlage (1. Mos. 37–50) sehr eigenwillig umakzentuiert hat, allerdings nicht, wie bisher geurteilt wurde, in Richtung auf „das Familiäre“, das angeblich „vor den hohen Staatssachen“ rangiere.69 Die Familiengeschichte ist im Gegenteil auf ein Minimum reduziert, die politischen Momente jedoch, die die biblische Vorlage bietet, überproportional und in aktualisierender Weise herausgearbeitet.

Das beginnt – in der Erstfassung von 1666 – bereits beim Obertitel: „Exempel Der unveränderlichen Vorsehung Gottes. Unter einer anmutigen und ausführlichen Histori“. Diese Formulierung deckt sich nur scheinbar mit der geistlichen Argumentation Drexels. Drexel faßt die Joseph-Historia als Darstellung einer mustergültigen christlichen Lebensführung auf. Seine den Erzähltext begleitende Kommentierung („Betrachtung“) berührt alle ihm wichtig erscheinenden Bereiche christlicher Lebensführung, wobei er sich übrigens wie auch sonst auf überkonfessionelle Aspekte beschränkt; er schreibt einleitend:70

Die Historia deß Josephs schicket sich wol auff alle Menschen/weß Stands sie seyen/hohen/niedrigen/reichen/armen/verheurathen vnd vnverheurathen/alten/jungen Männern/Weibern gar wol. Hie finden sie/was Alters/Geschlechts vnd Verstands sie auch nur seyen/lehren genug/sie finden zubetrachten vberflüssig. Der verkauffte Joseph ist ein Meister vnd Spiegel der grössesten Tugenden […]: Von Joseph werden wir all vnterrichtet.

In der Bibel gibt es seiner Meinung nach „keine Histori vnd Geschicht/die zu Einrichtung eines heiligen vnd wol gezierdten Lebens dienlicher“; zu diesem „warhafftigen Controfeyt der herrlichen Gedult/grossen Lieb/wunderbaren Keuschheit/sonderlichen Standhafftigkeit“ gehört nach Drexel u.a. auch vorbildliches Verhalten im politischen Bereich: Joseph ist auch „ein rechtes Muster der hohen Obrigkeit/eines rechtschaffenen Fürstens Controfeyt“.71 Zum Nutzen dieser Historia gehört aber darüber hinaus die vorbildliche Veranschaulichung des Zusammenwirkens von göttlicher Vorsehung und menschlichem Planen und Handeln:72

Diese Historia allein setzet vns die Vorsehung Gottes/als ein rechte Schiltwacht/so nicht vberrauschet [sic] noch vbergangen könnte werden/gantz vor Augen.

Mit einiger Genugtuung macht Drexel den Leser darauf aufmerksam, daß die Joseph-Historia „gleichsamb ein Schrein vnd Behalter bey nahe aller deren Lehren [ist]/welche ich von der Ehnlichkeit vnd Confirmation deß Menschlichen gegen Gottes Willen in meinen Schriften an Tag geben“.73 Soweit Drexel.

Grimmelshausen nun schränkt die bei Drexel noch vorhandenen vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten der Joseph-Historia auf einen speziellen Gesichtspunkt ein, eben den politischen. Der Hinweis auf die „providentia Dei“ im Obertitel steht dieser Auffassung keineswegs entgegen, sondern verweist einerseits wie bei Drexel auf die Zweckbestimmung der Gattung „Historia“, andererseits aber auch, anders als bei Drexel, auf das zentrale Argument gegen die machiavellistische Begründung der Staatsräson und führt damit mitten in die zeitgenössische Auseinandersetzung um die politische Moral im absolutistischen Staat.

Hinweise auf die „göttliche Vorsehung“ finden sich durchgängig in fast allen Episoden der Histori.74 Sie ist Garant für Josephs „künfftige Hochheit“ (14, 17, 19), und an ihr orientiert Joseph sein Handeln als Politiker im Stande der „Hochheit“: „Gott thut Vorsehung in allen Dingen/und hilfft denen zu aller Zeit/die sich auf ihn verlassen.“ (105) Er erkennt sich und seine Gegenspieler in allem, was er und sie auch tun, als Vollstrecker der göttlichen Vorsehung; so äußert er als Regent rückschauend gegenüber seinen Brüdern:

Dann ich bin dessen nunmehr genugsam versichert/daß euer böser Rahtschlag/mich zu verderben/nicht aus Trieb angeborner böser Eigenschafft entsprungen: Sondern durch die Göttliche Vorsehung also verordnet worden/damit ich zu dieser hohen Würde gelangen/und euch und die eurige in dieser grossen Theurung erhalten möge. (113)

Wie wichtig Grimmelshausen diese Überlegung zur religiösen Fundierung politischen Handelns ist, geht auch daraus hervor, daß er sie dem Leser gleich zweimal vorlegt: auch Asaneth macht „den Schluß bey ihr selbsten/daß sie [die Brüder] von der Göttlichen Vorsehung hierzu gemüssigt worden wären/damit Josephs Tugenden der gantzen Welt offenbahr: und so wol sie/als das Egyptische Königreich durch ihn erhalten würden“ (106). Aus dieser Einsicht in die metaphysische Bedingtheit allen Handelns resultieren Josephs unablässige Bemühungen, in Übereinstimmung mit der göttlichen Vorsehung zu handeln. Mittel dazu sind ihm Traumdeutung und Astrologie, die somit wie alle übrigen Prognostikmethoden religiös legitimiert werden,75 sowie „sonderbare göttliche Gnad und sein eigenes scharpffes Nachsinnen“ (18), Gebet und rigorose Affektbeherrschung.

Meine Schlußfolgerung aus diesen Beobachtungen ist einfach: Wenn Joseph, nach religiösen Maßstäben handelnd, als ein überaus erfolgreicher Regent dargestellt wird, dann folgt Grimmelshausen damit ganz der antimachiavellistischen Argumentation, wie sie, richtungweisend für die Staatslehre im 17. Jahrhundert, zuerst von Adam Contzen vorgetragen und von zahlreichen Staatslehrern der Zeit mit Bezug auf ihn übernommen worden ist.76

„Vnica salus est imperantis, ex Dei lege gerere Rempublicam, iustitiam, aequitatemque tueri“ –, auf diese Formel hatte Contzen seine Auseinandersetzung mit dem von ihm so bezeichneten „Pseudopoliticus“ Machiavelli gebracht, übrigens in einer Dedicatio (1628) an sein „Beichtkind“ Kurfürst Maximilian I. von Bayern,77 in dessen militärischen Diensten ja auch Grimmelshausen zeitweilig gestanden und dem der Dichter in Cap. 18 des Springinsfeld ein literarisches Denkmal gesetzt hat.78

Welchem Staatstheoretiker der Contzenschen Richtung Grimmelshausen hinsichtlich des religiösen Fundierungsprinzips der Politik gefolgt ist, ist vorerst noch nicht auszumachen. Gewiß ist nur, daß er 1670 einen ganzen Traktat (Zweyköpffiger Ratio Status) in den Dienst der antimachiavellistischen Argumentation gestellt hat. Die Staatsräson bleibt für ihn an moralisch-religiöse Prinzipien gebunden. „Der“ (!) Ratio Status, so heißt es im einleitenden grundsätzlichen Diskurs dieses Traktats, besteht „principaliter nur in zweyerley Gestalt/nemlich in gut und böß/je nach dem er etwan von rechtmässigen/frommen/Gott und der Welt gefälligen Regenten/oder aber von ungerechten/gottlosen Tyrannen/[…] beherbergt/und ihme Folge geleistet wird“.79 Die lipsianische „prudentia mixta“, die Contzen in seiner Staatslehre (1620) gleichfalls zurückgewiesen hatte, läßt Grimmelshausen ebensowenig gelten: „Dann wo er [„der“ ratio status] mittelmässig/das ist lau/oder halb wild/halb zahm erscheinet; da könnte ich nicht glauben/daß er die Mittel-Straß so genau treffe/daß er sich nicht mehr auff die eine als die andere Seite lencken sollte“.80 Und er kommt zu einem Ergebnis, das ihn als Anhänger der theologisch fundierten frühabsolutistischen Staatslehre der Contzenschen Richtung ausweist:81

Ich wollte sagen/daß er („der“ ratio status) entweder mehrers der Erlaubten ja gebottenen selbst Erhaltung/darzu alles von Gott und der Natur verbunden/sich ereignet/oder den gottlosen Machiauellischen Staats-Regeln zu viel beypflichtet und denen nachöhmet.

Die nachfolgenden Diskurse über die biblischen Bücher Samuelis, auf die sich die frühabsolutistische Herrschaftstheorie stets bezogen hat, dienen Grimmelshausen ausschließlich dazu zu zeigen, „wie gar nichts der Machiauellische Ratio Status gegen denen vermöge/die sich auf Gottes Hilf verlassen und nach seinem heiligen Willen leben“.82

Ist mit dem Titel der Joseph-Histori also bereits der begriffliche Horizont angedeutet, in dem Grimmelshausen sich bewegt, so behandelt die Histori selbst spezielle Probleme monarchischer Herrschaft aus der Sicht der theologisch fundierten frühabsolutistischen Herrschaftstheorie.

Grimmelshausen beginnt seine Histori mit einer Aufzählung von Josephs natürlichen „Gaben“: körperliche Schönheit, ein hoher, scharfer und fähiger Verstand, gutes Gedächtnis und rasche Auffassungsgabe, ein ausgeprägter Lernwille, der sich auf Astronomie bzw. Mathematik, Magia bzw. Philosophia naturalis, Traumdeutung, Arzneikunde, Ackerbau, die „Wissenschaft wol Hauß zu halten“, also die Ökonomie, und fremde Sprachen erstreckt. Hinzu kommen moralische Qualitäten: Joseph ist „sehr demütig/fromb/auffrichtig/redsprechig/freundlich und holdseliger Geberden“, er ist „von Gott selbst zum höchsten beliebt“ (11), „vom gütigen Himmel so erschaffen: Und durch das Gesetz der Natur also unterwiesen/daß er nichts anders als Tugend würckte“ (10), und er vertraut auf das Wirken der göttlichen Vorsehung,

Alle diese tugendhaften Anlagen verweisen auf eine hohe Standesperson, sind zum Teil die traditionellen Voraussetzungen des idealen Regenten.83 Aber dieser hohe Stand ist vorerst nur in den Traumdeutungen seines Vaters als Hoffnung auf „künfftige Hochheit“ (14), „künfftige Würdigkeit“ (17) und Regentenamt ersichtlich. Joseph ist nicht schon geburtsmäßig „ein grosser Herr“, sondern soll es erst noch werden (17). Er verfügt über Regenteneigenschaften und bildet sich im Bewußtsein der „prophezeyten Herrlichkeit“ (19) darin ständig weiter; ist aber sozial gesehen von allen Möglichkeiten des Regierens, – zunächst als Nachgeborener, dann als Leibeigener – abgeschnitten. Damit aber ist die Joseph-Histori auf die Frage des sozialen Aufstiegs eines Tugendhaften, der nicht dem hohen Stand angehört, zugespitzt, – ein Problem, das, wie Koschlig gezeigt hat, auch die Person Grimmelshausen selbst betrifft.84

So ist es nicht verwunderlich, daß im Mittelpunkt der Joseph-Histori die Erörterung der Frage steht, welche politischen Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit sich dieser durch göttliche Vorsehung festgelegte, also letztlich nicht aufhaltbare Aufstieg vollziehen kann. Da Grimmelshausen hierbei alternativ vorgeht, können wir auch eine Antwort auf die Frage nach der für den nicht privilegierten Tüchtigen besseren politischen Ordnung erwarten.

Grimmelshausen spielt Josephs Möglichkeiten in zwei unterschiedlichen monarchischen Systemen durch; er stellt dem Regime des alten Pharao das neue Regime des jungen Königs Tmaus gegenüber, welches letztere sich an den Staatszweckbestimmungen der frühabsolutistischen Staatsreform orientiert.

Das Eintreffen Josephs in der „Königlichen Residentz-Stadt Thebe“ (36) gibt Gelegenheit, das alte Regime zu kennzeichnen. Der alte Pharao, „ein abgelebter eyfersüchtiger Herr“, der „der alten geitzigen Art nach/die Baarschafft liebet“, folgt undiszipliniert und unberaten seinen Launen und Abneigungen, seinen vom Eigennutz bestimmten Affektantrieben. Ähnlich verhalten sich die in der Histori erwähnten Inhaber der Hofämter, was vor allem am Beispiel des „Königlichen Kuchenmeisters“ Potiphar illustriert wird; dieser nutzt sein Amt zur persönlichen Bereicherung aus, indem er „etliche Königliche Güter“ zu sich zwackt (71), und betreibt gegen vernünftige Erwägungen und gegen einen warnenden Orakelspruch eitel, „wie alle alte vergeckte Buhler zuthun pflegen“ (39), seine auch politisch motivierte Heirat mit der jungen Selicha.

Noch deutlicher wird die Problematik des alten Regimes in der Figur der Selicha. Diese, „des Königlichen Hoffmeisters Dochter […] die Mutter halber aus Königlichem Stammen geboren war“ (39), entspricht in ihrem affektgeleiteten Verhalten noch weniger als die übrigen hohen Standespersonen den Anforderungen ihres hohen Standes. Gegen „hohe Vernunfft“ und „Tugend“ (48) überläßt sie sich ganz ihren Affekten. Die Ehe mit dem alten Potiphar ist sie nur mit dem stillen Vorbehalt eingegangen, Potiphars Verwalter Joseph für sich zu gewinnen. Anreizen „zum Wollust“, Ausspielen ihrer sozialen Überlegenheit, Mißachtung der höfischen Umgangsformen, Drohungen, Intrigen sind ihre Mittel, um Joseph von seiner Treuepflicht gegenüber seinem Herrn abzubringen, und als nichts fruchten will, rächt sie sich ebenso unbeherrscht an Joseph. Sie ist auch nicht in der Lage, ihre Affekte zu verbergen; man sieht ihr an, „wie Zorn und Lieb in ihrem Gemüth rumorten“ (51; 63), sie muß daher in der Furcht leben, „daß die stumme Wänd auch Ohren haben“ (47). Die göttliche Vorsehung ist für sie nur als beklagenswertes „Verhängnuß“ erkennbar (45f.). Sie stirbt denn auch an einer Gemütskrankheit,85 und da ihr Tod zeitlich mit dem des alten Pharao zusammenfällt, erhält er Sinnbildcharakter für die von Joseph bereits prognostizierte Selbstzerstörung des nicht an „Vernunft“ und „Tugend“ orientierten alten Regimes.

Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Staatslehre kann nicht überraschen, daß Grimmelshausen den Konflikt zwischen Joseph und den Vertretern des alten Regimes als einen Konflikt um den sozialen Aspekt des Tugendbegriffs (virtus socialis) besonders herausarbeitet. Diese Auseinandersetzung spiegelt sehr genau die Schwierigkeiten wieder, die bei der Durchsetzung der rigorosen neustoizistischen politischen Ethik des Justus Lipsius auftraten, durch die die Souveränität und Machtfülle des absoluten Herrschers vor der Vernunft überhaupt nur gerechtfertigt werden konnte – ein Vorgang, für den G. Oestreich den Begriff der Disziplinierung von Fürst, Beamtenschaft und Untertanen geprägt hat.86

Selicha versucht Josephs Tugendargument zu entkräften, indem sie den Standesunterschied zwischen ihr und ihm ausspielt:

Was! Tugenden? Sagte sie/gehorsam solt sein gröste Tugend seyn/damit er mir verbunden ist […]. (54).Schau nur/wann du gleich aller Welt Tugenden hättest/so werden sie dir doch nicht anstehen/oder zu deiner Beförderung an dir wargenommen werden/und also dir nichts helffen können/weil du ein leibeigner Knecht bist; wann du aber nach meinem Willen lebest/welches du ohne das zu thun schuldig bist/so könnte ich dich frey und glückselig machen/welches dir deine Tugenden nicht leisten können […]. (58)

Damit ist der soziale Status Josephs aus der Sicht des alten feudalen (auf einer ständischen Gesellschaftsordnung beruhenden) Regimes gekennzeichnet: er ist abhängig von der Willkür privilegierter Standespersonen, die ein nicht auf Eigennutz, sondern auf das Wohl der ganzen Sozietät gerichtetes Wertbewußtsein nur so lange gelten lassen, wie es die eigenen Vorrechte nicht stört.

Unverhältnismäßig schroff, wohl weil es auch um die eigene soziale Situation geht, läßt Grimmelshausen Joseph Argumente der frühabsolutistischen Adelskritik vortragen:

Gnädige Hochgebiedente Frau/ich weiß wohl daß ich ein armer verkauffter Knecht bin/aber eben darum muß ich mich um so viel desto mehr befleissen/desto reicher an Tugenden zu seyn; ich weiß wohl/daß ich meiner hochgebiedenten Frauen in Unterthänigkeit zu gehorsamen schuldig bin; aber darneben ist mir auch nicht verborgen/daß sich mein Gehorsam nicht weiter erstreckt/als in billichen Dingen/und nicht in solchen Sachen/die meinem Herren zum Schimpff gereichen; und wann mich schon die Tugenden zu nichts befördern […] so nutzen sie doch meinem Herren/in dem sie mich lernen/ihme treu zu seyn/worzu er mich vornemlich erkaufft hat […]. (59)

Als Nichtprivilegierter kann Joseph nur mit Hilfe seiner Tugenden, seiner moralischen und praktisch-politischen Qualifikation sozial aufsteigen; entsprechend der frühabsolutistischen Staatslehre hat die Gehorsamspflicht des Untergebenen ihre Grenze am natürlichen und göttlichen Recht, und wenngleich das Tugendverhalten des Untergebenen nicht zur persönlichen „Beförderung“ dient, also nicht anerkannt wird, so dient es doch dem größeren Zweck des Gemeinwesens bzw. hier des Hauswesens.

Das ist stoizistisch gedacht, und der Verwalter Joseph ist tatsächlich als pflichttreuer, leistungsbewußter Funktionsträger im neustoizistischen Sinne dargestellt. Unablässiger Fleiß, Gelehrsamkeit mit ständiger Weiterbildung in den Wissenschaften, Freundlichkeit gegenüber seinen Untergebenen und kluge Menschenführung mit dem Ziel, „sonst auf nichts/als auf seines Herrn Nutzen zu gedencken“ (39), dazu Vertrautheit mit den modernen höfischen Umgangsformen und Bescheidenheit und Demut als Berater seines Herrn, – alle diese Tugenden haben ihr Zentrum in seiner Selbstdisziplin, in der Fähigkeit, sich im Vertrauen auf die göttliche Vorsehung „gegenüber allem Vernunftwidrigen fest zu verhalten“,87 bzw., in den Begriffen der neustoizistischen Tugendlehre ausgedrückt, in seiner constantia oder fortitudo. Joseph bleibt, seine Affekte beherrschend, „in Glück und Widerwertigkeit ohnverändert“ (41). Das Ausrufezeichen hinter dem Satz: „Aber sein Vorsatz fromm [d.h. hier: nützlich, rechtschaffen] zu seyn/überwand doch!“ (57), ist ein bezeichnender Autorkommentar im Sinne hartumkämpfter Vernunftorientierung und Selbstdisziplinierung.

Unter dem alten Regime, das führt nun der Autor vor, kann Joseph als nichtadeliger Vertreter der neuen stoizistischen Pflichtenethik nicht reüssieren; er wirkt hier wie ein Fremdkörper, und nicht der soziale Aufstieg, sondern Verleumdung, Gefängnishaft und Morddrohung sind das Ende, das freilich von Joseph stoizistisch als neue Bewährungsprobe aufgefaßt wird (72). Das hierbei auftretende Theodizeeproblem, daß nämlich „die Tugenden endlich auch selbst durch die Laster zerscheidert würden“ (68), löst Grimmelshausen, ganz im Sinne der frühabsolutistischen Staatslehre, durch einen Regimewechsel: der Staat, in dem Joseph ein seinen Fähigkeiten angemessenes Amt findet, muß erst noch geschaffen werden, und zwar entsprechend der absolutistischen Staatsreform, durch Umstrukturierung der bestehenden Gesellschaftsordnung. Die Initiative für die Reform geht dabei, wie üblich, vom (durch Erbfolge legitimierten) neuen Herrscher aus (Reform von „oben“).

Der junge König vertritt wie Joseph die neue, am Gemeinwohl orientierte Staatsauffassung. Er entfernt noch vor seiner Krönung eigennützige, „pflichtvergessene“ Hofbeamten aus ihren Ämtern (78). Vor allem aber geht er – im Sinne der frühabsolutistischen Staatslehre, etwa Contzens – davon aus, daß pietas, die demütige Unterwerfung unter die göttliche Vorsehung, und prudentia, die vorausschauende, auf das Wohl des ganzen Staates bedachte ratio status, untrennbar verbunden sind.88 Dies ist ein Grund für die Glaubwürdigkeit von Josephs Prognose, derzufolge „Gott nicht allein offenbahrt [hat]/daß er [Pharao] Egypten beherrschen soll; sondern auch das wichtige nicht verhalten/so unter seiner Regierung geschehen wird; damit er deswegen bey Zeiten weißliche Vorsehung thue/und Land und Leut im Wolstand erhalte“ (86). Daß Joseph glaubwürdig, weil „zierlich“89und kenntnisreich, die religiös fundierte Staatsräson vertritt, ist dem König Grund genug, nach kurzer Beratung mit den vornehmsten „Reichs=Ständen“, ihm die Regierungsgewalt zu übertragen:

Wir haben so wohl aus deiner Weißheit und Wissenschaft: als auch aus deinem offenhertzigen Gemüt genügsame Hoffnung geschöpfft/du werdest die Stell des jenigen am besten vertretten können/den du uns zu suchen gerathen hast; Darum nun so sihe/wir übergeben dir des Reichs Siegel/und mit demselben allen Gewalt über gantz Egypten; nichts wird mein Person von sich behalten/als den Königlichen Titul: Zepter/Cron und Thron: hier stehen die Vornemste des Reichs dir zu Gebott/und glauben/du werdest solchen Gewalt/den wir dir geben/nicht mißbrauchen/sondern zu unserer Nation Aufnehmen: Nutzen und Erhaltung anwenden; als welcher Glückseligkeit du dich alsdann auch selbst zu erfreuen hast/vornemlich/wann du ihr also vorstehest/wie wir ein Vertrauen zu dir haben. (87)

Noch deutlicher formuliert der König das Prinzip des religiös fundierten politischen Handelns bei der offiziellen Amtsübergabe:

Befleisse dich derowegen/deiner Weißheit nach/so regieren zu helffen/daß weder die Götter/noch die Völcker der Egyptischen Cron an uns etwas zu tadelen finden mögen. (91)

Diese Übertragung des höchsten Staatsamtes zwischen König und Reichsständen an einen kaum rehabilitierten Nichtadeligen, dazu seine rasche Verheiratung mit der dem Hochadel angehörenden Asaneth – eine politische Heirat, die zugleich Liebesheirat ist –, das liest sich wie ein Märchenschluß und ist auch, gemessen an den sozialen Aufstiegsmöglichkeiten zur Zeit Grimmelshausens, unwahrscheinlich. Dennoch bewegt sich Grimmelshausen auch hier im Umkreis der frühabsolutistischen Staatslehre, der es darum geht, die königliche Zentralgewalt gegenüber den Privilegien der Stände durchzusetzen und die dazu die Institution des dem Gemeinwohl verpflichteten, von den höheren Ständen unabhängigen Beraters vorgeschlagen hat. Allerdings ist meines Wissens das Postulat, den Berater ausschließlich nach seiner (religiös verankerten) prudentia auszuwählen, selten vertreten worden.

Zu dieser Beobachtung paßt, daß sich auch im Teutschen Friedens-Raht, im Kapitel „De Consiliariis. Von Rähten“, eine einschubartige Stellungnahme zu dieser Frage findet, die ähnlich schroff formuliert ist:90

Et paulo post: Es soll auch ein Fürst/das vermögen/geschlecht/oder vorschrifften nicht ansehen/sonder allein den Verstand und geschicklichkeit/dann die ämpter sollen mit personen/und nicht die Personen mit ämptern bestellt werden. Das ist man soll nicht nach favor oder gunst/noch wegen geschenck die dienst verleihen/sonst pflegt man zu sagen/Hat man Geld/so ist er ein Held. Der mit guldenen Äpffeln werfen könnte/der ist ein gewesener Mann.

Wie man diese Stellungnahme auch bewerten mag, Grimmelshausen hat sich in seiner Joseph-Histori auf seine Art mit dem Problem des sozialen Aufstiegs des Tugendhaften auseinandergesetzt: Denkbar erscheint ihm dieser Aufstieg, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, offenbar nur im Rahmen der frühabsolutistischen Staatsreform.

Die positive Bewertung der religiös verankerten absolutistischen Staatsordnung geht auch aus dem weiteren Verlauf der Histori hervor. Joseph kann sich als zielstrebiger Reformpolitiker bewähren. Ausgehend von seinen Prognosen über die künftige wirtschaftliche Entwicklung des Reiches, setzt er gegen den Widerstand der „alten Reichs-Räte“ (93) eine zentral gelenkte Wirtschaftspolitik durch, die durch eine Vorratswirtschaft großen Stils die zukünftige Versorgung des Reiches sichern soll. Gemäß seiner „neuen Ordnung“ (93) läßt er nach einer Visitationsreise, bis zur Erschöpfung der königlichen Schatzkammern, Getreidespeicher anlegen und alles kaufbare Getreide „um landläufigen/und zwar damals sehr wolfeilen Preiß“ (93) aufkaufen. Für den Leser des 17. Jahrhunderts ist dies eine höchst aktuelle Überlegung, da ja bis hin zur Französischen Revolution Mißernten und Hungersnöte oft zu schweren Staatskrisen geführt haben.91 Der Verkauf der Vorräte während der folgenden siebenjährigen Teuerung stellt einmal die Versorgung der Bevölkerung sicher, zum anderen bewirkt er eine völlige Veränderung der Eigentumsverhältnisse zu Gunsten der Krone:

Joseph aber gab niemand kein Getraidt/als um paar Geld/und als solches auch nach und nach/um Früchten/zu des Königs und Josephs Handen kommen war/musten silberne und güldene Geschirr/allerhand Kleinodien/Perlen und Edelgestein/die sonst viel Jahr lang wohl aufgehebt worden/hervor; also/daß bey nahe kein güldner noch silberner Ohren- oder Finger-Ring im Land verblieb/welcher nicht dem Pharao zu Theil wurde; es mochte aber alles nicht erklecken/also/daß die arme Leut/ihr Leben vorm Hunger zu erretten/in den fünff letzten Jahren erstlich ihr Vieh und ligende Güter/ja endlich ihre eigne Leiber zu ewiger Dienstbarkeit/um Proviant dem Joseph verkaufften; Derohalben wurde der König ein Herr über alles/was sich in Egypten befand; nur die Priester/darunter auch Josephs Verwandten verstanden werden/behielten ihre vorige Freyheit und Aecker […]. (120f.).

Um nach Normalisierung der Lage die Bewirtschaftung des neuen Kronlandes sicherzustellen, richtet Joseph „unveränderliche Mäyerhöfe“ ein, die er an Königsleute verpachtet – „in aller Maß und Form/wie man noch heutigs Tags den Bauern die Land-Güter zu verleihen pflegt“ (121), so fügt der Autor aktualisierend hinzu. Auch den außenpolitischen Auswirkungen der „neuen Ordnung“ weiß Joseph zu begegnen; er verhindert den drohenden Krieg mit den gleichfalls von den Mißernten betroffenen Nachbarstaaten durch eine geschickte Außenhandelspolitik, mit dem Ergebnis, „daß Egypten damals seines gleichen Königreich/weder an Macht der Mannschaft/oder Geldmitteln noch Proviant in der Welt nicht hatte“ (104f.). Am Ende steht demnach der nach innen gefestigte und nach außen abgesicherte zentral gelenkte monarchische Machtstaat.

Wie die frühabsolutistischen Staatslehrer sieht auch Grimmelshausen in der zentralen staatlichen Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses die entscheidende Voraussetzung der Machtbildung im Interesse des Gemeinwohls. Und analog zu jenen versucht er mit seinen erzählerischen Mitteln den Nachweis zu erbringen, daß ein derartiger Prozeß der Machtbildung im Vertrauen auf die providentia Dei nicht unmoralisch verlaufen muß, sondern iustitia und aequitas erst gewährleistet.

Offenbar während der Arbeit am Teutschen Friedens-Raht sind ihm jedoch Bedenken an der Vorbildlichkeit von Josephs Wirtschaftspolitik gekommen. Dort wird nämlich im 3. Teil (cap. 17) die Frage diskutiert, „ob deß Fürsten Schatz besser und sicherer bey seinen Unterthanen/oder in seiner Fürstlichen Schatzkammer seye“.92 Der Autor entscheidet sich gegen die Politik der Schatzbildung, wie sie noch Contzen vertreten hatte,93 und für die Vermehrung des Geldumlaufs; es sei „besser und sicherer/deß Fürsten Schatz sey bey seinen Underthanen“:94

Gleich wie es eine ungestalt eines Menschen/und daß umb denselben nicht wohl stehe/noch lang mit ihm währen könne/ein gewisses Zeichen ist/wann der kopf übernatürlich groß/dick/und geschwollen ist/der leib aber und alle desselben gliedmassen gantz dürr/gar mager/und außgeschmachtet seind: Also stehet es nicht wohl umb das Land/dessen Regent alle der Underthanen Güter und vermögen an sich zeucht/oder dieselben mit ungebürlichen aufflagen außsäuget/und sie arm/sich aber reich machet.

Eine solche Schatzbildungspolitik läuft nach Meinung des Autors Gefahr, den Zweck des Fürstenstaates, die bessere Sicherung des Gemeinwohls, zu verfehlen; der Fürst habe zu bedenken,95

daß ihn Gott umb der Underthanen willen geschaffen habe; Underthanen könten auff allen fall ohn Fürsten wohl leben/und sein/Aber Fürsten können keine Fürsten sein/sie müssen Underthanen haben. […] Dann Gott uns alle eben frey und einem den anderen gleich erschaffen/die Regenten sein allein zu der Underthanen nutz erschaffen/damit sie desto leichter die menschliche und Burgerliche Societät erhalten.

Diese Argumentation greift nun Grimmelshausen in der Fortsetzung der Joseph-Histori, dem Musai (1670) auf. Pharao hat die „schläfferige Andacht“ der Bevölkerung bei einer staatlichen Kultfeier beobachtet und, in Kenntnis der politischen Funktion der Staatsreligion, als Indiz für eine Gefährdung seiner Herrschaft interpretiert:

[…] sollte die Andacht des Volcks samt den Göttlichen Diensten/die sie meinen Vorfahren zuerzeigen gewohnet seyn/fallen; So wäre zubesorgen/daß mein Königlicher Gewalt endlich auch einen Stoß nehmen dörffte. (163)

Joseph, der die Ursache des bedrohlichen Popularitätsverlusts klären und beseitigen soll, berät sich mit seinem Schaffner und Ökonomen Musai, und dieser fordeß dert nun unter Berufung auf göttliches und natürliches Recht mit Vehemenz, die Politik der Mehrung des Staatseigentums zu revidieren:

Ha! Antwortet Musai/was bedarffs vieler Nachgründung? Die arme Tropffen seynd von aller Reichthum und Barschafft durch die Königliche Cammer dergestalt ausgesogen und in Armuth gesetzt worden/daß ihnen Freud und Muth wohl vergehen muß; […] warum hätt er hiebevor dem Pharaone ein Rath geben/dardurch alle Reichthüm der halben Welt in seine Schatz-Cammer zusammen geflossen? Sehet mein Herr! Darum trauret das erarmte Land; dessen Inwohner weder eigne Aecker/noch Häuser/noch Viehe/noch Geld besitzen/noch eigne Herren über ihre eigne Leiber mehr seyn/denen doch Gott und die Natur solche so wohl als dem König den Seinigen zum Eigenthum angeschaffen; Warum liegen die Kauffmanns-Händel allerdings vergraben? Darum/daß dem seuffzenden Volck keine Mittel übrig gelassen worden/gleich: und mit anderen Nationen zu handeln; das arme Volck hat kein Gelt und Pharao läßt es hingegen übereinander verschimlen; Weßwegen ohne Zweiffel mancher arme Tropff Rach über dich schreyet […]. Ich könnte nur zuverstehen geben/daß mich bedunckte/du habest dem Gesetz der Natur nicht so gar gemeß gehandelt/daß du so viel und grosse Schätz allein dem Pharaone zugeeignet/die doch von der Natur gegeben worden/daß nit nur der König/sondern alle Menschen deren geniessen und sich ihrer erfreuen sollten. (163f.)

Josephs Staatsschatzpolitik, die doch ursprünglich nur die zentrale Machtbildung im Interesse und zum Schutze des Gemeinwohls und gegen ständische Partikularinteressen sowie gegen Bedrohungen von außen sichern sollte, hat ihre Eigengesetzlichkeit entwickelt und ist in Konflikt mit dem Gemeinwohl und damit mit den natürlichen Rechten der Untertanen geraten; sie mindert auch nicht mehr die Kriegsgefahr, sondern erhöht sie:

wann ein kriegerischer König auffstünde/der heut oder morgen solchen Schatz zu Waffen und Soldaten anlegte; könnte er nicht als dann die gantze Welt mit Krieg/Mord und Brand betrücken? (164)

Diese von Musai vorgetragene harte Kritik an der Politik des Regenten Joseph gibt insofern Rätsel auf, als sie auch den zunächst selbstverständlichen Vorbildcharakter Josephs in Frage stellt. Die Kritik veranschaulicht, wie ich meine, daß Grimmelshausen seine Auseinandersetzung mit der absolutistischen Staatsauffassung konsequent weitergetrieben hat. Erzählerisches Mittel ist ihm die Figur des Musai. Schon daß Musai religiös weniger stark gebunden ist als Joseph, daß er erst spät (wie übrigens auch Asaneth) durch Josephs Einwirken zum „einigen himmlischen Gott“ (151) konvertiert ist und konfessionelle Toleranz übt (139), daß er sich zeitlebens mit der Magia naturalis beschäftigt und die „Göttliche Allmacht und Wunder an den schönen vielfarbigen Blumen und andern neugebornen Erdgewächsen zu betrachten“ weiß (173), kennzeichnet ihn, von autobiographischen Bezügen einmal abgesehen,96 als Vertreter des neuen irenischen, frühaufklärerischen Denkens, wie es nach 1650 sich im oberdeutschen Raum etwa am Hofe des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn herausbildete.97 Dem entspricht sehr genau die naturrechtlich orientierte Kritik an Folgeerscheinungen der frühabsolutistischen Herrschaftspraxis, die Grimmelshausen seiner Musai-Figur in den Mund legt.

Die politische Argumentation der Joseph-Histori korrigierend, macht Grimmelshausen auf das Dilemma aufmerksam, in das Joseph, der scheinbar so erfolgreiche Vertreter des frühabsolutistischen Machtstaates, ebenso übrigens wie die frühabsolutistischen Staatslehrer Lipsius und Contzen, ungewollt geraten sind. Wie diese Theoretiker die Vermehrung des fürstlichen Aerariums gefordert hatten, um (über die Finanzierung einer Heeresreform) die seinerzeit von innen und außen bedrohte Sicherheit des neuen, am Gemeinwohl orientierten Staates garantieren zu können, – und Maximilian I. von Bayern hatte, ihnen folgend, als erster deutscher Fürst eine solche Politik betrieben, – so rechtfertigt auch Joseph seine Schatzbildungspolitik mit der Abwendung einer staatsbedrohenden Hungerkatastrophe:

du wollest aber auch bedencken/daß anfänglich bey Eintritt der wolfeilen sieben Jahr meine Meynung nicht gewesen/das Volck ins künfftig auszusaugen und unter ein solches beschwerlichs Joch zu bringen; sondern solches in den folgenden 7. Theuren Jahren vor dem Hunger zu bewahren […]. (165f.)

Joseph sieht insofern auch keinen Ausweg, als alle wirtschaftlich vernünftigen Investitionen den Staatsschatz nur vergrössern würden. Nur mit Widerstreben läßt er sich auf den Vorschlag Musais ein, die aufgehäuften Schätze in ein monumentales Bauprogramm zu investieren, um auf diese Weise das stillgelegte Geld in Umlauf zu bringen, den Wohlstand im Lande zu heben und künftige kriegerische Abenteuer zu verhindern. Doch erweist er sich auch darin als ein Vertreter der älteren kameralistischen Lehre, daß ihm das Denken in den Kategorien einer dynamischen, auf möglichst schnelle Geldzirkulation zielenden Wirtschaftspolitik schwerfällt; er hält Musais Monumentalbauten für „eitele Thorheit und unnütze Verschwendung“ (167). Er kann offenbar die Anforderungen der neuen Situation, eine Politik der öffentlichen luxuria zu betreiben, mit seiner religiös fundierten politischen Moral nicht recht in Einklang bringen. Er sieht das moralische Dilemma, in das die absolutistische Staatsauffassung mit Notwendigkeit führen muß, und paßt sich widerstrebend an, während Musai in den Fürstenstand aufsteigt.

III

Damit ist die Fragestellung angedeutet, an der sich Grimmelshausen in den auf die Joseph-Histori folgenden Schriften immer wieder abmüht. Wachsende Skepsis gegenüber der Moralität der absolutistischen Staatsordnung führt ihn zu der nun viel grundsätzlicheren Frage: Gibt es überhaupt eine Ordnungsform des menschlichen Zusammenlebens, die zu ihrer „Selbsterhaltung“ (ratio status) nicht in Konflikt mit vorrangigen moralischen Prinzipien gerät? Sowohl der Simplicissimus Teutsch als auch die späte Histori Proximus und Lympida bieten hierzu differenzierte Lösungsversuche an, die, wie die Joseph-Histori, ein erstaunlich hohes Maß an politikwissenschaftlicher Einsicht aufweisen. Ich kann in diesem Rahmen nur einige vorläufige Textbeobachtungen wiedergeben, die das Thema keineswegs erschöpfen.

Die politische Fragestellung ist im Simplicissimus zwar nicht die vorherrschende, doch enthält, auffällig genug, jedes der fünf Bücher einen Beitrag zum Problem einer gerechten, vor göttlichem und natürlichem Recht verantwortbaren Sozialordnung, und zwar in der für Grimmelshausen typischen Form des Diskurses. Diese Diskurse strukturieren nun ihrerseits die ganze Histori und ergeben, wie mir scheint, eine zusammenhängende politische Argumentation. Die besondere Erzählperspektive (aus der Sicht des Untertanen) ermöglicht ihm dabei, anders als in der Joseph-Histori, eine grundsätzlich an den konkreten Auswirkungen orientierte Kritik vorfindlicher und vorstellbarer Sozialordnungen.