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Dieses Buch untersucht die Motive in den Grimm’schen Märchen aus den Aktionen des Textes heraus ( märchenimmanent ). Ansätze soziologischer, politologischer und psychologischer Art, die oft nur eine Bestätigung des jeweiligen Wissenschaftskreises erbringen sollen – Märchen als Demonstrationsobjekt fachwissenschaftlicher Schemata – bleiben bewusst ausgeblendet, denn drei Seiten Grimm müssen drei Seiten Grimm bleiben und nicht die Spielwiese der jeweiligen Fachrichtung. Der Begriff » Motiv « ist weit gefasst, um ein intensives Durchdringen der Märchen zu erreichen. Zugrunde gelegt sind bei den Zitaten aus den Märchen die Bücher Brüder Grimm – Kinder und Hausmärchen, 2008, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, sowie Grimms Märchen, o.J., Eggolsheim, Dörfler-Verlag. Das letztere Buch wurde insbesondere dann benutzt, wenn mundartlich geprägte Märchen Gegenstand der Darstellung sind, da sie hier moderat ins Hochdeutsche übertragen werden. Das Auffinden bestimmter Motive als Wegmarken macht den Leser / Zuhörer sensibel für die Märchenhandlung, gerade in einer Zeit, in der das symbolische Denken noch viel vertrauter war als heute. Es ermöglicht ihm sogar auf Grund seiner Erfahrungen, den Gang der Handlung vorauszudenken – das Wiedererkennen der Motive ähnelt einem Déjà-vu-Erlebnis – und Vergleiche zu anderen Märchentexten herzustellen. So wird der Bewusstseinshorizont des Rezipienten gewahrt. Auf die Erfahrungen des damaligen Lesers bei der Ausdeutung der Motive einzugehen, das hat sich diese Untersuchung zum Ziel gesetzt. Bei der Angabe der Belegstellen wird der Märchentitel mitunter verkürzt wiedergegeben.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Dieses Buch untersucht die Motive in den Grimm’schen Märchen aus den Aktionen desTextes heraus (märchenimmanent). Ansätze soziologischer, politologischer und psychologischer Art, die oft nur eine Bestätigung des jeweiligen Wissenschaftskreises erbringen sollen – Märchen als Demonstrationsobjekt fachwissenschaftlicher Schemata – bleiben bewusst ausgeblendet, denn drei Seiten Grimm müssen drei Seiten Grimm bleiben und nicht die Spielwiese der jeweiligen Fachrichtung.
Der Begriff »Motiv« ist weit gefasst, um ein intensives Durchdringen der Märchen zu erreichen. Zugrunde gelegt sind bei den Zitaten aus den Märchen die Bücher Brüder Grimm – Kinder und Hausmärchen, 2008, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, sowie Grimms Märchen, o.J., Eggolsheim, Dörfler-Verlag. Das letztere Buch wurde insbesondere dann benutzt, wenn mundartlich geprägte Märchen Gegenstand der Darstellung sind, da sie hier moderat ins Hochdeutsche übertragen werden.
Das Auffinden bestimmter Motive als Wegmarken macht den Leser / Zuhörer sensibel für die Märchenhandlung, gerade in einer Zeit, in der das symbolische Denken noch viel vertrauter war als heute. Es ermöglicht ihm sogar auf Grund seiner Erfahrungen, den Gang der Handlung vorauszudenken – das Wiedererkennen der Motive ähnelt einem Déjà-vu-Erlebnis – und Vergleiche zu anderen Märchentexten herzustellen. So wird der Bewusstseinshorizont des Rezipienten gewahrt. Auf die Erfahrungen des damaligen Lesers bei der Ausdeutung der Motive einzugehen, das hat sich diese Untersuchung zum Ziel gesetzt. Bei der Angabe der Belegstellen wird der Märchentitel mitunter verkürzt wiedergegeben.
Anfangssätze
Aufstieg (sozial)
Berufe
Blut
Brot
Bruder, jüngster
Brunnen
Brutalität
Erklärungsmärchen
Essen und Trinken
Farben
Federn
Fernseh-Märchen
Feuer
Frau, Mädchen
Fluss, See
Geld, Gold
Geschenke
Gestirne
Gott
Großmutter
Haar
Heirat
Held
Hexe
Innereien
Jude
Kinderlosigkeit
Kleidertausch
König
Kugel
Kuss
Licht
Moral, Lehrsätze
Mutter
Muttermale
Namen
Ofen
Pech
Pflanzen
Rätsel
Räuber
Riese
Ring
Sexualität
Singen und Spielen
Spiegel
Spinnrad, Spule, Spindel
Sprachliche Motive
Schlaf
Schluss-Sätze
Schuh
Stiefmutter
Teufel
Tiere
Tod
Tränen
Treppe
Turm
Untypische Märchen
Vater
Verbot / Tabu
Verwandlung
Wald
Wanderschaft
Wind
Wohnung
Zahlen
Zaubermittel
Zwerg
Kleinere Motive
Etwa ein Drittel der Märchen beginnt mit der Wendung: »Es war einmal …« Vielleicht soll dem Leser / Zuhörer im Sinne von »wahr« ein Wirklichkeitsgehalt vorgespiegelt werden, etwa in dem Sinne: Das ist früher schon einmal geschehen; es könnte sich auch heute wiederholen.
Formelhafte Einleitungssätze geben Sicherheit und Vertrauen:
»Es lebte einmal …«
(Die Gänsemagd)
»In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat …«
(Der Froschkönig)
»Es trug sich zu, dass …«
(Der Schneider im Himmel)
»Vorzeiten war …«
(Tischchen-deck-dich …)
»Es ist wohl schon tausend Jahre her und mehr …«
(Die drei Vögelchen)
»Eines Tages …«
(Der Meisterdieb)
»Eines Abends …«
(Der Trommler)
»Zur Winterzeit, als …«
(Der goldene Schlüssel)
In seltenen Fällen haben Einleitungssätze einen religiösen Bezug:
»Es war 300 Jahre vor des Herren Christi Geburt …«
(Die zwölf Apostel)
»Vorzeiten, als Gott noch selbst auf Erden wandelte …«
(Die Kornähre)
»Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben waren …«
(Die ungleichen Kinder Evas).
Der den damaligen Menschen vertraute und sichere Gottesglaube verbürgt auch die Authentizität der Märchen.
Ortsbestimmungen erhöhen den Wahrheitsgehalt (Das Mädchen von Brakel / »In der Schweiz« → Die drei Sprachen / »Ostindien« → Die drei schwarzen Prinzessinnen).
»Ostindien« klingt für den Leser schön, doch eine realistische Vorstellung, wo es liegt, dürfte wohl keiner der Märchenleser gehabt haben.
Aus ihren Erfahrungen heraus wissen die Leser allerdings von den Schwierigkeiten der Menschen, die die Anfangssätze schildern. Die Akteure sind:
»arm« → »ein armer Mann«
(Die Goldkinder);
→ »eine arme Frau«
(Strohhalm, Kohle und Bohne)
»alt« → »ein alter König«
(Der treue Johannes);
→ »eine alte Frau«
(Strohhalm …)
lange kinderlos
(→ Dornröschen / Ferdinand getreu …)
zu kinderreich
(→ Der Herr Gevatter)
prügelnden Sadisten ausgesetzt
(→ Brüderchen und Schwesterchen / Einäuglein…)
in Angst vor wilden Tieren
(→ Der singende Knochen)
Waise
(→ Der arme Junge im Grab / Sterntaler)
vom Tod des Ehepartners getroffen (→
Aschenputtel / Die drei Männlein im Walde)
krank
(→ Das Mädchen ohne Hände / Das Wasser des Lebens)
in einem schlechten Beruf tätig
(→ Hänsel und Gretel / Das blaue Licht / Das Waldhaus)
Schon im Märchentitel spiegelt sich oft die bedrückende Situation: Das alte Mütterchen / Der alte Großvater und der Enkel / Die alte Bettelfrau → »alt« und → »arm« → Kombination der Elemente. Viele Menschen, die am Beginn des Textes elend dastehen, sind am Märchenende reich und glücklich.
Liegen aber zu viele negative Elemente vor, ist selbst das Märchen machtlos.
Der arme (!) Hirtenjunge (schlecht bezahlter Beruf, Jugend → Unerfahrenheit!), der als Waise (!) von der Obrigkeit (anonym, hat wohl keinen dauerhaften Kontakt zu dem Knaben) in den Dienst eines Reichen (hier drohen Konflikte!) gegeben wird und dort regelmäßig Prügel erhält, landet am Ende folgerichtig durch Selbstmord im Grab
(Der arme Junge im Grab).
Der Aufstieg der Akteure im Märchen vollzieht sich niemals schnell. Er ist vielmehr das Resultat einer absolvierten Abenteuerkette (drei sich steigernde Prüfungen). Ziele sind Glück, Macht, Reichtum. Den Weg nach oben betritt nur eine isolierte Person; lediglich bei Kindern erfolgt das Fortkommen qua Solidarität im Team (Hänsel und Gretel / Brüderchen und Schwesterchen). Der Aufstieg führt ohne Zwischenschritte von ganz unten nach ganz oben (der Held wird zum Beispiel nicht erst Graf oder Herzog, sondern gleich König). Hilfreich für den Erfolg ist bei Frauen ihre Schönheit, bei Männern Witz, Geschicklichkeit, Ausdauer, Mut, Optimismus und Gottvertrauen. Standesgrenzen, die damals allgemein akzeptiert waren, behindern das Fortkommen ebenso wenig wie das weibliche Geschlecht (Die kluge Bauerntochter). Zudem sind für den Aufstieg keine »Beziehungen« relevant. Beispiele für den sozialen Aufstieg zeigen gerade die bekanntesten Märchen der Grimms:
Aschenputtel
→ Das verachtete Mädchen aus dem Ofendreck heiratet den König.
Hänsel und Gretel → Die beiden Kinder gelangen samt Vater ins Großbürgertum (Schätze der Hexe).
Rapunzel → Das einsame Mädchen aus dem dunklen Turm wird Königin des
Landes.
Rumpelstilzchen → Die hilflose Müllerstochter aus der Spinnstube heiratet den König.
Das Hirtenbüblein → Ein armer Knabe überzeugt durch seine Klugheit; der König adoptiert ihn.
Der Bärenhäuter → Der durch seine Kleidung entstellte Soldat wird König.
Die drei Sprachen → Der Dummling, den der Vater töten lassen will, avanciert zum Papst, der größte Aufstieg!
Anders strukturiert ist das Märchen König Drosselbart. Die widerspenstige Königstochter erlebt an der Seite des »Spielmanns« zunächst einen herben sozialen Abstieg mit bäuerlichen Tätigkeiten (Feldarbeit, Spinnen, Körbe flechten). Nachdem sie sich in ihrem Wesen verändert hat, darf sie in den königlichen Rahmen zurückkehren und den »Spielmann / König« heiraten (ähnliche Situation → Die sechs Diener).
Zunächst vollzieht die Fischersfrau (Von dem Fischer und seiner Frau) einen rasanten Aufstieg mit der Hilfe des Zauberfisches. Dann jedoch überspannt sie den Bogen ihrer Forderungen, so dass sie am Ende der Geschichte wieder in der armseligen Hütte – dem Topfe – sitzt. Der Ehemann hat bei dieser dominanten Frau nichts zu melden.
In seiner subjektiven Sicht empfindet Hans im Glück den durch listige Zeitgenossen verursachten Verlust (Tauschaktionen) als glücklichen Aufstieg: »›So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne!‹ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last (!) sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.«
Am Ende des Kapitels steht noch ein nichtmenschlicher Aufstieg: Die gequälten Tiere aus den Bremer Stadtmusikanten sind als »Rentner-WG« stolze Besitzer eines Räuberhauses im Walde, wo sie ihren Lebensabend geruhsam verbringen.
Märchen berichten meist aus der Perspektive des Kleinen, des Schwachen. Daher überwiegen die Berufe, mit denen man kaum sein tägliches Brot verdient; das vielfach verwendete Adjektiv »arm« in Verbindung mit der Berufsbezeichnung ist dafür ein eindeutiger Indikator (»Ein armer Holzhacker« →Das Waldhaus / »Ein armes frommes Bäuerlein« →Das Bäuerlein im Himmel). Umso schöner, wenn sich im Märchen Die Gänsehirtin am Brunnen die Tränen über die Armut in »Perlen« verwandeln. Aber der Märchendichter konstatiert am Ende ernüchtert: »Heutzutage kommt das nicht mehr vor, sonst könnten die Armen bald reich werden.«
Berufe im Dorf und in der Stadt, a)niedere Tätigkeiten, b)mit Lehre, c)mit Studium
Berufe außerhalb von Dorf und Stadt (Umgebung)
Berufe am Hofe, a)niedere, b)höhere Tätigkeiten
Außenseitertätigkeiten
Sonstige
1a) Knecht (Der kluge Knecht), Spinnerin (Die faule Spinnerin), Krämer (Der Wolf und die sieben jungen Geißlein), »Arbeiter« (Die beiden Königskinder), Besenbinder (Die zwei Brüder), Magd (Die Gänsemagd), Wirt (Tischchen-deck-dich …), Fährmann (Der Teufel mit den drei goldenen Haaren), Barbier (Des Teufels rußiger Bruder), Fuhrmann (Muttergottesgläschen)
1b) Schmied (Der Nagel), Metzger (Der Dreschflegel vom Himmel), Goldschmied (Der treue Johannes), Schornsteinfeger (Der Grabhügel), Töpfer (Der gelernte Jäger), Schlosser (Der gelernte Jäger), Schuster (Meister Pfriem), Drechsler (Tischchen-deck-dich …), Schneider (der in den Märchen am häufigsten genannte Beruf → Das tapfere Schneiderlein), Fleischer (Der gute Handel), Schreiner (Das Bürle)
1c) Pfarrer (Der Meisterdieb), Arzt (Der Gevatter Tod), Lehrer (Der Geist im Glas), Richter (Der Jude im Dorn)
2) Holzhacker (Hänsel und Gretel), Fischer (Die Goldkinder), Hirte (Rohrdommel und Wiedehopf), Köhler (Der Ranzen, das Hütlein …), Fährmann (Der Teufel mit den drei goldenen Haaren), Förster (Fundevogel)
3a) Dienstmädchen (Die Alte im Wald), Magd (Die Gänsemagd), Gänsehirt (Die Gänsemagd), Küchenjunge (Dornröschen), Diener (Die beiden Königskinder), Gärtner (Das Mädchen ohne Hände), Soldat (Das blaue Licht), Koch (Die Nelke), Kutscher (Die weiße und die schwarze Braut), Schäfer (Das Bürle)
3b) General (Des Teufels rußiger Bruder), Kammerdiener (Der treue Johannes), Jäger (Schneewittchen und die sieben Zwerge)
4) Bei einigen Berufen ist die Eingliederung in ein starres Schema nicht möglich, weil die Menschen keinen festen Wohnsitz hatten oder Außenseitertätigkeiten ausübten: Scherenschleifer (Hans im Glück), Spielmann (König Drosselbart), Scharfrichter (Das blaue Licht), Totengräber (Der Grabhügel), Schinder (Die Gänsemagd), Geldwechsler (Der Jude im Dorn)
5) Nicht ganz ernst gemeint sind die »Berufe« im fünften Abschnitt. Der Meisterdieb fühlt sich ethischen Grundsätzen verpflichtet: »Glaubt nicht, dass ich stehle wie ein gemeiner Dieb, ich nehme nur vom Überfluss der Reichen. Arme Leute sind sicher: ich gebe ihnen lieber, als dass ich ihnen etwas nehme.« Erstaunlicherweise kann man in diesem Metier seine »Meisterprüfung« machen. Einsiedler und Bettler gehören ebenfalls zum letzten Abschnitt. Und hat nicht auch Frau Holle als Wettermacherin hier ihren angestammten Platz?
Der nachfolgende Abschnitt erläutert die Rolle einiger ausgewählter Berufe: Pfarrer und ihre Adlaten haben keinen besonders guten Ruf. Der geistliche Herr findet sich im Märchen Das Bürle zum Schäferstündchen bei der Müllersfrau ein. Vor dem unverhofft zurückkehrenden Ehemann zunächst in einem Schrank versteckt, entkommt der Pfarrer mit Hilfe des Bäuerleins der prekären Situation. Im Meisterdieb lassen sich die tollpatschigen Geistlichen im Sack in den Taubenstall verfrachten – glaubend, im Himmel zu sein.
Jäger sind in den Märchen stets positive, helfende Figuren. Der Jäger
rettet Schneewittchen vor dem Tod
(Schneewittchen)
schont den Prinzen, den er ermorden soll
(Das Wasser des Lebens)
nimmt die Vaterstelle der beiden vom eigenen Vater ausgesetzten Kinder an
(Die zwei Brüder)
rettet überlegt Rotkäppchen und die Großmutter aus dem Bauch des Wolfes
(Rotkäppchen)
Diener setzen sich sehr für ihren Herrn ein. Der treue Johannes ist dazu bereit, sein eigenes Leben zu opfern, um das des Prinzen zu retten. Im Froschkönig trauert der eiserne Heinrich so sehr, dass er sich aus Kummer über die Verwandlung seines Herrn Eisenbänder um die Brust legt, die erst am glücklichen Märchenende zerspringen.
Eigentlich müssten sich in den Märchen tausende von Blutstropfen finden lassen, wenn man von den harten Todesurteilen ausgeht, die böse Menschen am Ende oft ereilen. Aber weit gefehlt: »Blut« wird ganz gezielt und pointiert als Motiv eingesetzt.
Frau Holle:
Das arme Mädchen muss sich täglich auf die große Straße am Brunnen setzen und so lange spinnen, bis die Finger wund sind. Schließlich will es seine blutbefleckte Spule waschen, die aber dabei in die Brunnentiefe fällt. »Blut« ist hier das Synonym für die totale Ausbeutung durch die böse Stiefmutter (→ Stiefmutter), die nur der Erfolg des Spinnens interessiert. Statt Mitgefühl erfolgt der barsche Befehl, das Werkstück wieder herauszuholen.
König Drosselbart:
Auch in diesem Märchen bekommt das Mädchen beim Spinnen blutige Finger. Als Prinzessin lebte es in einem goldenen Palast und hatte sich noch nie mit den alltäglichen Pflichten einer einfachen Hausfrau beschäftigt.
Die Gänsemagd:
Die Mutter gibt ihrer Tochter, die zum Bräutigam reitet, ein Tuch mit drei schützenden Blutstropfen (Zauber). Als sie es am See verliert, ist sie den Nachstellungen der bösen Magd (Rollentausch) schutzlos ausgeliefert.
Der Liebste Roland:
Drei sprechende Blutstropfen (→
Die Gänsemagd)
vom Kopf des getöteten Mädchens helfen den beiden Liebenden zur schnellen Flucht. Zu spät entdeckt die Stiefmutter, dass sie ihre eigene Tochter erschlagen hat: »Was sah sie da? Ihr eigenes Kind, das in seinem Blute schwamm, und dem sie selbst den Kopf abgehauen hatte.«
Aschenputtel:
Das Blut im Schuh der beiden bösen Schwestern – Verstümmelung der Füße – zeigt dem Prinzen mit Hilfe der Tauben, dass die »rechte« Braut noch nicht vorhanden ist. Blut ist hier Indikator für das Eheglück.
Brüderchen und Schwesterchen:
Schwesterchen in der einsamen Waldhütte ist das richtige Mädchen für die Heirat, weil es durch die vom »Reh« gezogene Blutspur entdeckt wird. Recht seltsam ist in diesem Konnex, dass der »Reh-Bruder« stets dann das schützende Haus verlässt, wenn draußen gejagt wird.
Die sechs Schwäne:
Auf eine ganz andere Spur will die böse Mutter ihren Sohn setzen, indem sie seiner schlafenden Ehefrau dreimal Blut um den Mund schmiert. Das Mädchen, das – gebunden durch einen Schwur – nicht redet und sich somit auch nicht verteidigt, soll als Kindesmörderin und Menschenfresserin gebrandmarkt werden.
Der treue Johannes:
Der Diener ist – Gespräch der Raben – zu einer Steinfigur geworden, als er seinen Herrn retten wollte. Das Blut der vom eigenen Vater getöteten Königssöhne holt ihn ins Leben zurück. Zudem fügt er selbst – mit dem Blut als Zaubermittel – die Köpfe der getöteten Kinder wieder am Rumpf an. Blut ist somit als Lebenselixier verstanden.
Das singende springende Löweneckerchen:
Der in eine Taube verwandelte Löwe – per se ein verwunschener Prinz – lässt alle sieben Schritte einen Blutstropfen und eine Feder fallen, damit die Geliebte ihm folgen und ihn erlösen kann.
Schneewittchen:
Das Motiv des Blutes findet einen versöhnlichen Abschluss im Bild der zur Winterzeit am Fenster nähenden Königin, die sich versehentlich in den Finger sticht, den drei in den Schnee fallenden Blutstropfen nachsinnt und sich ein Kind wünscht, das »weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen« ist. Bald darauf kommt ein Kind zur Welt, ein wunderschönes Mädchen, das diesen Träumen entspricht.
Brot ist in den Märchen ein weit verbreitetes Grundnahrungsmittel. Daher sind die Berufe, die sich mit seiner Herstellung beschäftigen, sehr häufig (Müller → Rumpelstilzchen / Die Bremer Stadtmusikanten / Bäcker → Der Wolf und die sieben jungen Geißlein / Die zwei Brüder).
Nicht nur hauptberufliche Bäcker backen Brot, sondern auch andere Märchenfiguren, wie zum Beispiel das Rumpelstilzchen: »Heute back ich …«. Frau Holle hat ihre Brotlaibe in einem großen Backofen; sie können sogar sprechen und mitteilen, dass sie jetzt bitte herausgezogen werden wollen, damit sie nicht verbrennen.
Hänsel und Gretel:
Fehlt das Brot, geht es den Menschen schlecht. Der arme Holzhacker »hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen.«
Brüderchen und Schwesterchen:
Lieblosigkeit prägt das Familienleben der beiden Geschwister, die von der bösen Stiefmutter nur die Brotreste erhalten. »Die harten Brotkrusten, die übrig bleiben, sind unsere Speise, und dem Hündlein unter dem Tisch gehts besser: dem wirft sie (die Stiefmutter) doch manchmal einen guten Bissen zu.«
Gottes Speise:
Die hartherzige Frau gibt der bedürftigen Schwester nichts zu essen. Das einbehaltene Brot blutet (!) beim späteren Anschneiden durch den Ehemann, der – herbeieilend – gerade noch die Schwester mit ihren Kindern sterben sieht.
Simeliberg:
Der arme Bruder hungert. »Es ging ihm oft so schlecht, dass er für seine Frau und Kinder kein Brot hatte«, doch der reiche Bruder will nicht helfen.
Bruder Lustig:
Der ausgediente Soldat erhält für die seinem Land geleisteten Dienste ein kleines Laibchen Kommissbrot (das lange haltbare, eisenharte, schlechte Brot; bei der Bundeswehr haben wir das immer »Panzerplatten« genannt).
Bis auf das Märchen Gottes Speise kommt es für alle darbenden Akteure im Märchenverlauf zu einer eindeutigen Verbesserung der Lebenssituation. Hänsel und Gretel vertilgen zunächst einige Teile der Fassade des Hexenhäuschens. Sie bringen später Edelsteine und Perlen aus dem Fundus der Hexe mit nach Hause. Brüderchen und Schwesterchen leben glücklich am Königshof. Der arme Bruder im Märchen Simeliberg wird wohlhabend, weil er in aller Bescheidenheit nur einige Schätze aus der Höhle mitnimmt. Bruder Lustig endet nach einem von ihm voll genossenen Abenteuerleben schließlich trickreich bei Petrus im Himmel und ernährt sich dort wohl vom Himmelsbrot »Manna«.
Brot kann als Wegweiser dienen. Die Brote erklären im Märchen Frau Holle, dass sie der himmlischen Wetterfee gehören, die ganz in der Nähe wohnt. Brotkrumen als direkte Wegzeichen – wie bei Hänsel und Gretel – sind hingegen denkbar ungeeignet, da sie im Wald (→ Wald) von den Vögeln gefressen oder vom Winde verweht werden. Nach dem Tod der Hexe im Backofen finden die Kinder schnell den Nachhauseweg, nach dem sie zuvor tage- und nächtelang gesucht hatten.
An dem Hasen, der bei der Königstochter Brot für den Jäger einfordert, erkennt sie, dass ihr Geliebter noch lebt und die Heldentaten durchgeführt hat. Die nie völlig erloschene Liebe entflammt wieder; die Heirat ist fest beschlossene Sache. Das Brot dient hier als Wegweiser zum »rechten« Ehemann (Die zwei Brüder).
Mit Brot kann man zeigen, ob man einen Menschen mag oder nicht. Im Märchen Der heilige Joseph im Walde hängt die Quantität der Nahrung (Brot und Getränke), die die Mutter den in den Wald ziehenden Töchtern mitgibt, von dem Grad der Sympathie ab, die sie für diese empfindet. Das Brot ist ein Disziplinierungsmittel: »Verhältst du dich nicht so, wie ich es will, bekommst du nichts Anständiges zu essen!«
Genau das gleiche Motiv findet sich im Märchen Die goldene Gans. Es sind allerdings Jungen, die mit unterschiedlichen Verpflegungsrationen in den Wald ziehen. Dem Kleinsten, dem »Dummling«, bleibt nur »hartes Brot und saures Bier«. Märchenhafterweise gelangen aber gerade die so Benachteiligten später zu großem Erfolg.
Im Märchen Das Wasser des Lebens kommt Brot an zwei Eckpunkten vor. Zunächst werden mit dem Brot die hungrigen Löwen, die den jüngsten Sohn beim Wasserholen bedrohen, ruhig gestellt (die Löwen müssen – aus der Art geschlagen – Vegetarier sein!). Das Brot, das der Prinz dem bedrohten König gibt, ernährt das ganze Reich (deutliche Parallelen zur Brotvermehrung in der Bibel, Markus 8.1–10). Das arme Sterntaler-Mädchen verschenkt seine letzte Scheibe Brot an einen Bettler. Gott überschüttet es später mit Goldstücken.
Vom »Verschenken« des Brotes kann im Märchen Die beiden Wanderer nicht die Rede sein. Der Schuster, der mit dem Schneider im Wald umherzieht, will seinem hungrigen Wandergesellen nur Brot abgeben, wenn er ihm als Gegenleistung ein Auge ausstechen darf. Notgedrungen stimmt der Schneider zu und verliert beim Bitten um die nächste Brotration auch noch das andere Auge. Er ist damit berufsunfähig; es droht das Bettlerdasein. »Brot« dient hier als Mittel der Erpressung und der Befriedigung sadistischer Gelüste.
Dass es auch einmal nützlich ist, einen »Vielfraß« bei sich zu haben, zeigt das Märchen Die goldene Gans. Ein Begleiter des Helden kann Unmengen von Brot vertilgen, ohne satt zu werden. Diese Eigenschaft kommt dem Helden bei der Bewältigung seiner Aufgaben zugute, deren Ziel die Heirat mit der Königstochter ist.
Der kleine Teller »Brotsuppe«, den Allerleirauh dem König serviert, klingt dagegen wie ein »Arme-Leute-Essen« aus der Suppenküche der Tafeln.
Märchenglück kann jeder gewinnen, vor allem aber sind es in den Märchen die Kleinen, Benachteiligten, oft die jüngsten Söhne (→ Das Erdmännchen). Die Nichtachtung des Jüngsten erfolgt durch seine Eltern (»Ach«, sprach der Vater, »mit dir erleb ich nur Unglück, geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr ansehen« → Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen) und / oder die anderen Brüder (→ Die Bienenkönigin / Die drei Federn). In manchen Familien wird noch heute der älteste Sohn als »Stammhalter« privilegiert gesehen.
Die Bienenkönigin:
Mit Hilfe der Tiere – seine ungestümen Brüder wollten sie zuvor umbringen – löst der Jüngste die drei Aufgaben (Perlen finden, der Prin zessin den Schlüssel der Schlafkammer aus dem See holen, Herausfinden der jüngsten Königstochter) perfekt und heiratet die Prinzessin. Rücksicht auf die Tiere ist für den kleinen Bruder der Schlüssel zum Erfolg.
Das Wasser des Lebens:
Wo die beiden älteren Brüder versagen, ist der jüngste dank seiner Freundlichkeit erfolgreich und übersteht sogar einen Mordanschlag seiner neidischen Geschwister. Schließlich heiratet er eine hübsche Prinzessin.
Die drei Federn:
Obwohl die beiden älteren Königssöhne alles daran setzen (noch eine vierte Probe nach den bereits bestandenen drei!), den kleinen »Dummling«
(→ Die Bienenkönigin)
von der Königsherrschaft fernzuhalten, hat er dank seiner tierischen Helfer (Kröten) Erfolg, übernimmt vom Vater die Krone und herrscht »lange in Weisheit« über das Reich.
Die goldene Gans:
Mit seiner »Pattex-Gans« bringt der Held die traurige Königstochter zum Lachen, besorgt sich tatkräftige Helfer mit besonderen Eigenschaften zur Bewältigung weiterer Aufgaben und heiratet am Ende glücklich. Der kleine »dumme Kerl« ergreift tatkräftig das Heft des Handelns und hat Erfolg, wo andere jämmerlich versagen.
Brunnen waren in den Märchenzeiten überlebenswichtig, da es in den Dörfern und Städten noch keine geregelte Wasserversorgung gab. Flüsse und Seen fielen wegen ihres wechselnden Wasserstandes für die Wasserversorgung aus; zuweilen waren sie schon damals recht verschmutzt. Im Dorf gab es einen Brunnen, in den Städten mehrere, deren Pflege die örtlichen Zünfte übernahmen. Neben der Trinkwasserversorgung diente er in einem abgetrennten Teil dem Wäschewaschen. Bekannt ist der Brunnen zudem durch das Volkslied »Am Brunnen vor dem Tore«, wo ein »Lindenbaum« steht. Brunnen waren für die Frauen »Kommunikationsbörsen« des Dorfklatsches. Sie trafen sich im Sommer hier auch zum gemeinsamen Spinnen. Daher ist der Brunnen oft Mittelpunkt des Märchengeschehens.
Frau Holle:
Die Spule rutscht dem Mädchen in den Brunnen, als es das Blut – es quillt aus den vom vielen Spinnen verletzten Fingern – von den Fäden abzuwaschen versucht. Schließlich fällt das Kind selbst ins Wasser und erreicht eine andere Welt, deren Tor der Brunnen darstellt
(→ Der Froschkönig / Das Erdmänn chen / Das blaue Licht).
Hier warten Zauberwesen wie Frau Holle auf den Ankömmling.
Der Froschkönig:
Der Frosch-Prinz holt der armen Königstochter die herabgefallene Kugel wieder und stellt dabei konkrete Bedingungen sexueller Art. Der Brunnen bedeutet für die Prinzessin einen Entwicklungsfortschritt in ihrem Leben.
Die Wassernixe:
Die Wassernixe lässt in den Brunnen geratene Kinder bei karger Kost (»steinharte Klöße«) schwer für sich arbeiten. Seltsamerweise geht sie sonntags zur Kirche (will sie sich vor den Dorfbewohnern tarnen?) und gibt den Kindern dadurch Zeit zur Flucht, die die üble Kreatur später mit allen Mitteln zu vereiteln sucht.
Brüderchen und Schwesterchen:
Die Hexe hat alle Brunnen und Quellen im Wald vergiftet: »Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger!« Später stuft sich die Warnung auf eine Verzauberung in einen Wolf und in ein Reh ab, in das sich der trinkende Bruder verwandelt. Hört man von »vergifteten Brunnen«, ist sogleich das weit verbreitete Vorurteil präsent, dass Juden in den Städten die Brunnen verseuchen und die Menschen töten. Zweifelsohne waren Todesfälle auf mangelnde Hygiene oder die Pest zurückzuführen.
Das Wasser des Lebens:
Brunnenwasser hat aber auch Zauberkraft und bewahrt Menschen vor dem Tode. Für den sterbenskranken Vater ist es der letzte Rettungsanker, der allerdings schwer zu erreichen ist, da der Brunnen im Hofe eines verwunschenen Schlosses steht.
Die sieben Raben:
Beim Schöpfen des Taufwassers für die schwache neugeborene Schwester rutscht das Gefäß in den Brunnen (→ Parallelen zum
Froschkönig
und zur
Frau Holle).
Das blaue Licht:
Das Zauberlicht ist der Hexe versehentlich in den Brunnen gefallen; der entlassene Soldat soll es wieder heraufholen, behält es aber selbst und erlebt viele Abenteuer.
Hans im Glück:
Der Wanderer ist froh, dass der in der Sonne drückende Schleifstein schließlich im Brunnen verschwindet.
Rotkäppchen:
Nachdem Rotkäppchen und die Großmutter aus dem Wolfsbauch gerettet sind, fällt ein sie bedrohender zweiter Wolf ebenso ins Wasser wie der durch »Wackersteine« belastete im Märchen
Der Wolf und die sieben jungen Geißlein.
Die Gänsehirtin am Brunnen:
Das Brunnenwasser verwandelt die hässliche Tochter der im Wald lebenden Frau in ein hübsches Mädchen. Es legt die Haut ab, wäscht und trocknet sie auf einer Wiese, ohne zu bemerken, dass der Graf sie heimlich beobachtet. Den sexuellen Charakter der Szene verstärkt noch die Tatsache, dass das Mädchen seinen Zopf (→Haar) aufbindet und »Haare wie Sonnenstrahlen« hervortreten. →
Sechse kommen durch die ganze Welt:
Wer zuerst Wasser aus einem weit entfernten Brunnen mitbringt, erhält als Preis die Tochter des Königs, eine Art Heiratsrallye.
Der junge Riese:
Der junge Riese soll auf Betreiben des Amtmanns in einem Brunnen zu Tode kommen. Seine Gegner werfen Mühlsteine hinab, können ihn aber nicht töten. – Eine der abgelehnten Heiratsaspirantinnen hat im Märchen
Der Bärenhäuter
mehr Erfolg: enttäuscht ertränkt sie sich.
Die Nelke:
Am Brunnen wird der kleine Thronfolger entführt (Blut an der Schürze und am Kleid der schlafenden Königin); die des Kannibalismus beschuldigte Herrscherin verschwindet in einem fensterlosen Turm (→
Die sechs Schwäne).
Das Erdmännchen:
Der Held lässt sich in einem Korb in den Brunnen hinab, erreicht das Zimmer der verwunschenen Prinzessin, wird aber von seinen bösen Begleitern nicht mehr aus der Tiefe gezogen. Es hilft nur die Zauberflöte, die die Erdmännchen herbeiruft. An seinen Haaren ziehen ihn die Helfer aus dem Brunnen.
Der Eisenhans:
Hans lagert in seinem Brunnen unermessliche Schätze. Das Brunnenwasser verwandelt zudem alles in Gold, was mit ihm in Berührung kommt. Das nasse »Goldhaar« führt den Jungen später zur Heirat mit der Königstochter.
Die beiden Wanderer:
Im Mittelalter gab es den weit verbreiteten Aberglauben, dass Kinder aus dem Brunnen stammen. Der Storch holt bei Bedarf Babys aus dem Wasser und transportiert sie umgehend zu den sehnsüchtig wartenden Mädchen. Erzählungen wollen wissen, dass kinderlose Frauen dem Besuch des Storches mit einigen Zuckerstückchen auf der Fensterbank nachgeholfen haben.
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren:
Der Höllenfürst verrät seiner Großmutter – und dem in Tiergestalt lauschenden Besucher – wie ein versiegter Brunnen wieder zum Fließen gebracht werden kann. Die primäre Aufgabe des Brunnens ist und bleibt die des Wasserspenders, den die Bürger einer Stadt dank der Ratschläge des Helden wieder reparieren.
Mancher Fernsehkrimi ist gegenüber den geplanten oder vollzogenen Verbrechen in den Märchen geradezu harmlos. Von Kindesaussetzung (Hänsel und Gretel), Mordversuchen (Schneewittchen), tödlichen Racheplänen (Das tapfere Schneiderlein), Freiheitsberaubung und Kindesraub (Rumpelstilzchen) und anderen Untaten ist die Rede.
Hänsel und Gretel:
Gretel tötet am Ende die Hexe im Ofen.
Brüderchen und Schwesterchen:
»Die (böse) Tochter ward in den Wald geführt, wo sie die wilden Tiere zerrissen, die Hexe aber ward ins Feuer gelegt und musste jammervoll verbrennen.«
Schneewittchen:
Ähnliche Bekanntschaft mit dem Feuer macht die böse Stiefmutter (Identität von Hexe und Stiefmutter!), die am Märchenende in glühenden Schuhen so lange tanzen muss, bis sie tot umfällt.
Die sechs Schwäne:
Die intrigante Schwiegermutter verbrennt auf dem Scheiterhaufen, der eigentlich der Heldin zugedacht war (welcher Ehemann hätte sich nicht ab und zu ein solches Feuerchen gewünscht?).
Die Gänsemagd:
Die falsche Prinzessin wird – »splitternackt ausgezogen« – in ein großes Fass gesteckt, »das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist: und zwei weiße Pferde müssen vorgespannt werden, die sie Gasse auf, Gasse ab, zu Tode schleifen.«
Die weiße und die schwarze Braut:
Das Totschleifen in einem nagelbeschlagenen Fass ist offensichtlich eine verbreitete Todesstrafe
(Das Bürle / Die weiße und die schwarze Braut).
In den meisten Fällen sprechen sich die Delinquenten in völliger Verblendung selbst das Todesurteil.
Die zwölf Brüder:
Das Märchen modifiziert die geschilderte Todesart. »Die böse Stiefmutter ward vor Gericht gestellt und in ein Fass gesteckt, das mit siedendem Öl und giftigen Schlangen angefüllt war, und starb eines bösen Todes.«
Die zertanzten Schuhe:
Den Bewerbern, die – schlafend – nicht feststellen können, wo die zwölf Schwestern des Nachts gewesen sind, wird ohne Erbarmen der Kopf abgeschlagen.
Der König vom goldenen Berg:
Der Held räumt am Ende brutal unter seinen Feinden mit dem Zauberschwert auf. »Da rollten alle Köpfe zur Erde, und er war allein der Herr und war wieder König vom goldenen Berge.«
Das Meerhäschen:
Jeder entdeckte Heiratsaspirant wird getötet, der Kopf auf einen Pfahl gesteckt und vor dem Schloss aufgestellt (Abschreckung).
Die beiden Wanderer:
Als Gegenleistung (?) für ein Stückchen Brot (!) sticht der Schuster dem Schneider nacheinander beide Augen aus, fügt ihm so unendliches Leid zu und macht ihn – vorerst – berufsunfähig.
Aschenputtel:
Abgehackte Zehen und verstümmelte Fersen plagen die beiden bösen Schwestern, denen am Ende die sonst so lieben Tauben zudem die Augen aushacken. »Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft.«
Der undankbare Sohn:
Der Sohn – er gibt seinem hungrigen Vater nichts zu essen – muss zeitlebens eine Kröte im Gesicht tragen und diese auch noch füttern, damit sie nicht seine Augen frisst.
Frau Holle:
So gesehen, ist die »Pechstrafe« für das faule Mädchen geradezu human. Das Pech bleibt an ihm bis zum Lebensende haften (in der Filmvariante des Märchens erhält die »Pechmarie« eine zweite Chance, die sie nutzt).
Fitchers Vogel:
Es klingt wie in einem Horrorfilm: »Er (der Hexer) warf sie (die Jungfrau) nieder, schleifte sie an den Haaren hin, schlug ihr das Haupt auf dem Blocke ab und zerhackte sie, dass ihr Blut auf dem Boden dahinfloss. Dann warf er sie zu den übrigen ins Becken.« So geht der Hexer mit seiner »Beute« um (es fehlt nur noch der Einsatz der Kettensäge).
Die Märchen kennen aber auch die alltägliche Brutalität, die nicht tödlich wirkt. Kinder – bevorzugt Mädchen – erhalten ihre Tracht Prügel, wenn sie die ihnen gestellten Aufgaben nicht erfüllen, wie zum Beispiel im Märchen Die wahre Braut. So klagt ein Mädchen offen sein Leid: »Wenn ich mit diesen Federn heute abend nicht fertig bin, so schlägt mich die Stiefmutter (→ Stiefmutter); sie hat mirs angedroht, und ich weiß, sie hält Wort.« Zudem spricht die »neue Mutter« über ihre Stieftochter nur als »Kreatur«.
Es liegt nicht in der Aufgabenstellung des Buches zu untersuchen, wie sich brutale Schilderungen per se auf den Leser (Kinder?) auswirken. Die erfolgte Bestrafung der bösen Elemente ist wichtig für die Wiederherstellung der Gerechtigkeitsordnung und befriedigt zudem viele Leser (»das geschieht denen recht!«). Die Grausamkeit in den Märchen hat zudem die Funktion, den Sieg des Helden absolut zu machen und alles zu einem guten Ende zu führen.
Einige der Märchen der Gebrüder Grimm haben einen ausgesprochen belehrenden Charakter. In diesen Texten sind die sonst so beliebten Märchenmotive zu Gunsten des pädagogischen Impetus zurückgestellt.
Muttergottesgläschen:
