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Willkommen in der magischen Welt von Grisper Castle. Zwischen dem Nebelwald und dem Dunkelmoor liegt Grisper Castle – ein altes schottisches Schloss voller Geheimnisse, Rätsel und ungewöhnlicher Bewohner. Als Marek nach dem Tod seines Vaters hier einzieht, ahnt er nicht, dass sich für ihn eine Welt öffnen wird, in der Magie, Liebe und Freundschaft untrennbar miteinander verwoben sind. Doch nicht jede Magie ist ihm wohlgesonnen. Und keine Entscheidung bleibt ohne Folgen. Während Marek sich alten Flüchen, gefährlichem Spuk und den Wunden seiner Vergangenheit stellen muss, wächst er in eine Wahlfamilie hinein, die an seiner Seite bleibt – selbst dort, wo die Magie ihre Schatten wirft. Dieser Sammelband vereint die ersten drei Bände der Grisper-Castle-Reihe – atmosphärische Geschichten voller leiser Magie, rätselhafter Ereignisse und zärtlicher queerer Romance. Für alle, die magische Welten lieben Für Leser:innen, die Spannung mögen, aber Wärme suchen Für lange Abende mit Tee, Kerzenschein und wohliger Gänsehaut Cosy Mystery trifft Romantasy: geheimnisvoll, berührend und voller Herz. Tauche ein in die Welt von Grisper Castle – und finde dein neues Zuhause zwischen Magie, Rätseln und Liebe. Dieser Band beinhaltet: Grisper Castle Grisper Castle - Weihnachtszauber Grisper Castle - Blutmondnacht Kurzgeschichte Cookiezauber Die ersten beiden Kapitel von "Grisper Castle - Spuk aus Whisper Hollow"
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Ein Schloss in Schottland
- Sammelband -
von
Wolf September
Impressum
Wolf September
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
www.wolfseptember.de
Instagram: wolf_september_info
Facebook: autorwolfseptember
Lektorat & Korrektorat
Matti Laaksonen - www.mattilaaksonen.de
Coverdesign: Lilly Schwarz
Bildrechte: © [email protected] /© vectorpack
/© SergeyNivens /© goldenshrimp /© IuliiaVerstaBO /© GRAPHICSOUL - de.depositphotos.com
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Vielen lieben Dank an meine Testleser
Björn, Sandra, Susan, Rina, Tina, Stefan und Lisa,
die mich mit Tipps, Hinweisen und
sehr umfangreichem Feedback unterstützt haben.
Ein ganz besonderes Dankeschön geht an:
Antonia Sandmann.
Sie hat mich gerade bei der Umsetzung dieses Sammelbandes tatkräftig unterstützt.
Schön, dass es Euch gibt!
von
Wolf September
Marek schob seinen Schlüssel ins Schloss. Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Tür. Im Hausflur roch es sofort nach Zuhause – eine Mischung aus schokoladig-süß und altem Holz, durchzogen von der Frische gewaschener Wäsche. Ein wohliges Gefühl machte sich in ihm breit.
Er schlüpfte aus den Schuhen, stellte sie ordentlich neben die wurmstichige Eichenholzkommode und streckte sich. Feierabend. Die Anspannung fiel von ihm ab wie Staub im Licht.
In der Bibliothek war heute – wie schon die letzten Tage – die Hölle los gewesen. Irgendetwas trieb die Menschen plötzlich zu den Büchern, und Marek konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so viele neugierige Gesichter zwischen den Regalen gesehen hatte. Ihm gefiel das. Bücher bedeuteten ihm mehr als alles andere und jeder, der diese Leidenschaft teilte, war ihm auf Anhieb sympathisch. Für ihn war die Bibliothek kein Arbeitsplatz, vielmehr ein Hobby, das ihm den Lebensunterhalt sicherte.
Gemächlich ging er den Flur entlang. Die Dielen knarrten vertraut unter seinen Schritten. Er freute sich auf nichts sehnlicher als auf eine warme Dusche und eine ausgiebige Mahlzeit zusammen mit seinem Vater, bei der er ihm von seinem Tag berichten konnte.
Als er sich dem Wohnzimmer näherte, hörte er das leise Murmeln des Fernsehers.
„Hey, Paps!“, rief er durch die offene Flügeltür. Keine Antwort, nur das gleichmäßige Blinken des Lichtscheins im Flur. Er zuckte die Schultern und ging weiter nach oben. Amadeus, sein Kater, trottete hinter ihm her, der Schwanz aufrecht wie ein Fähnchen.
In seinem Zimmer streifte Marek die Kleidung ab und warf sie achtlos aufs Bett. Amadeus sprang hinterher, schnupperte neugierig an einem Ärmel und rollte sich dann schnurrend daneben zusammen. Marek grinste, griff nach seinem Handtuch und ging ins Bad.
Die Armatur quietschte, als er sie aufdrehte. Kaltes Wasser spritzte auf den Fliesenboden. Geduldig lehnte er sich gegen das Waschbecken, lauschte dem Gurgeln der Rohre und seufzte. Das alte Haus hatte seine Eigenheiten. Bis das warme Wasser aus dem Keller heraufkam, dauerte es eben seine Zeit.
Endlich wurde der Strahl wärmer, Dampf stieg auf und legte sich wie ein Nebelschleier über den Spiegel. Marek schloss die Augen und ließ das Wasser über sich hinwegrauschen. Der Tag, der Trubel, die Menschen – all das glitt von ihm ab und verschwand im Abfluss.
Nach dem Duschen trocknete er sich ab, schlang sich das Handtuch um die Hüften und kehrte ins Zimmer zurück. Das Parkett knarrte unter seinen Schritten. Mit einer Hand öffnete er die oberste Schublade der alten Biedermeierkommode. Das Holz ächzte leise, und der vertraute Duft von Möbelwachs stieg ihm in die Nase. Er nahm frische Boxershorts heraus und schob die Schublade mit der Hüfte wieder zu.
Zufrieden betrachtete er sich im Spiegel. Sein braunes kurzes Haar und sein getrimmter Vollbart, der seine vollen Lippen umrahmte, waren noch feucht. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, während seine strahlend blauen Augen im Spiegel über seinen Oberkörper glitten. Er war zufrieden mit sich. Seine Eltern, wer auch immer sie waren, hatten ihm gute Gene mit auf den Weg gegeben. Es hatte nie viel Mühe gebraucht, um seinen Körper in Form zu halten. Marek war schon immer der schlanke, sportliche Typ gewesen.
Mareks Blick blieb an den Fotos, die über dem Spiegel klebten, hängen.
Auf einem hielt er mit Sebastian eine Angel in der Hand. Es war ein Sommertag am See, beide barfuß im Gras. Daneben das Familienfoto: die Wagners, lachend, eng beieinander, mit Marek als kleinem Jungen zwischen sich. Er strich mit dem Finger über das Gesicht seiner Adoptivmutter. Ein halbes Jahr nachdem dieses Foto entstanden war, war sie gestorben. So viele Jahre waren vergangen, und doch fühlte es sich manchmal an, als würde sie gleich zur Tür hereinkommen – mit diesem leisen Duft nach Lavendel.
Auf dem dritten Foto standen die Wagners mit ihm zusammen vor dem Kinderheim in Bratislava, an dem Tag, an dem sie ihn adoptiert hatten. Sie hatten ihn zuvor einige Male besucht und Marek wusste noch, als wäre es gestern gewesen, welche Freude er an diesem Tag empfunden hatte, endlich eine Familie zu bekommen. Sein Herz hatte Purzelbäume geschlagen und bereits die Wochen zuvor, als es sicher gewesen war, dass sie ihn adoptieren würden, war er immer nervöser durch die Räume des Waisenhauses gelaufen. Er hätte die Welt umarmen können, endlich ein Zuhause zu bekommen.
„Vergiss nie, wo du herkommst“, hatte sein Paps immer gesagt. „Wer nicht weiß, wo er herkommt, weiß auch nicht, wohin er gehen soll.“
Er hörte die Stimme förmlich in seinem Kopf. Sebastian war nicht nur Vater – er war Freund, Lehrer und Kompass. Und der Einzige, der Mareks Geheimnis kannte.
Ein lautes Magengrummeln erinnerte ihn daran, dass es Zeit fürs Abendessen war. Er zog sich eine Jeans und ein Shirt über und ging nach unten.
Im Wohnzimmer flimmerte der Fernseher, und das Licht tanzte auf den Wänden. Sebastian saß im rotkarierten Ohrensessel, mit dem Rücken zur Tür, vor sich eine Tasse heiße Schokolade. Eine Quizshow lief, doch der Ton war gedämpft.
Marek lächelte beim Blick auf die Tasse. Heiße Schokolade hatte eine besondere Bedeutung bei ihnen – sie war Trost, Belohnung und Versprechen in einem. Sebastian gab immer einen Spritzer Vanille hinein. Der Duft war wie eine süße Umarmung, ein stilles Alles wird gut.
Vorsichtig trat Marek näher, legte die Hand auf die Schulter seines Vaters. „Hey, Paps“, sagte er leise. Keine Reaktion. Er schüttelte sanft, dann etwas fester. Sebastians Kopf kippte zur Seite.
Marek stockte der Atem. „Paps?“ Er umrundete den Sessel. Sebastians Augen starrten ins Leere. Sie waren offen, aber ohne Leben.
„Paps!“ Jetzt klang seine Stimme rau und brüchig. Er packte ihn mit beiden Händen, rüttelte, suchte nach einem Zeichen, irgendwas. Doch da war nur Stille.
Ein brennendes Stechen zog sich durch Mareks Brust. Alles in ihm wurde taub, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
„Paps … bitte.“ Die Worte kamen kaum über seine Lippen. Er sank auf die Knie, zog seinen Vater vorsichtig an sich, spürte die Kälte der Haut, die ihm das Herz zerriss. Tränen schossen ihm in die Augen und dann brach alles über ihn herein. Er schluchzte, keuchte, konnte kaum atmen.
„Bleib bei mir … bitte bleib.“ Seine Stimme zitterte, doch sie verhallte ungehört im warmen Licht des Fernsehers.
Irgendwann, nach einer Ewigkeit, versiegten die Tränen und die Gewissheit gewann Konturen. Marek atmete tief ein, wischte sich über die Wangen. Mit einer fast liebevollen Bewegung lehnte er Sebastian zurück in den Sessel, strich ihm eine Strähne aus der Stirn und lächelte matt. Ein stilles Danke für all die Jahre. Dann griff er nach seinem Handy. Die Tasten verschwammen vor seinen Augen, als er die Nummer des Notrufs wählte.
„Ja hallo, hier ist Marek Wagner. Könnten Sie bitte jemanden schicken? Ich glaube … mein Vater ist tot. Spiegelgasse 33, in der Nähe des Stephansdoms.“ Seine Stimme zitterte, kaum mehr als ein Flüstern.
Der Mann am anderen Ende antwortete ruhig, doch Marek hörte kaum zu. Seine Worte drangen nicht zu ihm durch und verhallten in der Stille des Zimmers.
Als er den Anruf getätigt hatte, kniete er sich wieder vor den Sessel und sah Sebastian an. Ein kleiner Teil in ihm hoffte, er würde jeden Moment aufwachen, auch wenn sein Verstand ihm das Gegenteil signalisierte.
Mit einem Mal fühlte er sich schrecklich allein. Sebastian war seine Familie gewesen, sein Fels in der Brandung, der Mensch, der alles verstand, ohne dass man es aussprechen musste. Gemeinsam hatten sie jeden Sturm überstanden. Er hatte Marek gelehrt, zu zweifeln und zu glauben, zu denken und zu fühlen. Und jetzt saß er hier, still und leer, und das Haus – ihr Zuhause – wirkte auf einmal viel zu groß. Von einem Moment auf den anderen war aus diesem warmen Ort der Geborgenheit eine Festung der Einsamkeit geworden. Nie wieder würde er seine Stimme hören oder ihn lachen sehen. Noch war eine Spur von ihm hier, vor ihm, im Sessel. Doch in ein paar Minuten würden sie kommen und ihn hinaustragen. Endgültig fort.
Mareks Brust zog sich zusammen. Die Luft war schwer, als hätte das Zimmer den Atem angehalten. Er hob die Hand und legte sie zärtlich auf Sebastians Wange.
„Ich bin da“, flüsterte er. „Ich bin da, Paps.“ Dann strich er ihm sanft über die Lider, bis sie sich schlossen. Für einen Augenblick war alles still. Nur das leise Ticken der Uhr über dem Kamin war zu hören.
Marek zog die Hand zurück. Eine einzelne Träne glitt über Sebastians Wange, langsam, beinahe bedächtig und tropfte auf seine Brust.
Marek starrte auf den kleinen Fleck, den sie hinterlassen hatte, unfähig, zu glauben, dass er echt war.
Marek stieg ein und schlug die Taxitür zu. „Nach Grisper Castle, bitte.“
Der Motor brummte, und der Wagen setzte sich in Bewegung.
„Wie lange werden wir brauchen?“, fragte er.
„Etwa dreißig Minuten.“
Die schottische Landschaft breitete sich vor ihm aus, als sie Darkmoor verlassen hatten. Endlose Wiesen in sattem Grün, durchzogen von schmalen Flüssen, die sich silbern durchs Land schlängelten. Dieses Land atmete Ruhe. Eine Ruhe, nach der Marek sich sehnte. Nach den Ereignissen der letzten sechs Monate hoffte er, hier endlich wieder zu sich zu finden.
In Wien hatte er es nach der Beerdigung seines Vaters nicht mehr ausgehalten. Ohne Ziel war er abgereist und hatte sich treiben lassen, kreuz und quer durch Europa. Sein altes Leben war mit Sebastian gestorben. Und für ein neues hatte ihm lange Zeit die Kraft gefehlt. Nur die Magie war ihm geblieben und Amadeus.
Das Haus hatte er verkauft. Sebastians Schwester hatte es übernommen, zusammen mit seinen Habseligkeiten, die sie auf dem Dachboden eingelagert hatte. „Ich weiß, dass du gehen musst“, hatte sie beim Abschied gesagt. „Aber du sollst wissen, dass du hier immer willkommen bist.“
Marek hatte der Einsamkeit entfliehen wollen, die in Wien an seinen Fersen geklebt hatte. Doch sie begleitete ihn wie ein Schatten, egal, wohin er ging. Er war nun einmal besonders und konnte niemandem davon erzählen. Nur Sebastian hatte ihn verstanden, weil auch er besonders gewesen war.
Marek hatte inzwischen viele Länder bereist, doch nirgendwo hatte er sich zugehörig gefühlt – bis er hierherkam. Schottland hatte ihn vom ersten Moment an in seinen Bann gezogen: das Licht, die Weite, der Wind.
Kurz nach seiner Ankunft war er auf eine Stellenanzeige gestoßen: ‚Bibliothekar auf Grisper Castle gesucht. Kost und Logis in der Bezahlung enthalten.‘
Die Zeitung mit der Anzeige hatte auf dem Bett seines Hotelzimmers gelegen, als er von einem seiner Ausflüge zurückgekehrt war. Wahrscheinlich hatte sie das Zimmermädchen dort vergessen.
Die Aussicht darauf, endlich wieder als Bibliothekar zu arbeiten, war schlussendlich genug Überredung gewesen, sich zu bewerben.
Und nun saß er hier, in einem Taxi, auf dem Weg zu seinem Vorstellungsgespräch auf Grisper Castle.
„Sind Sie Gast auf dem Schloss?“, fragte der Fahrer und sah in den Rückspiegel zu ihm.
„Nein“, antwortete Marek lächelnd. „Ich habe mich auf eine Stelle beworben.“
„Dann drücke ich Ihnen die Daumen. Lord Chrisholm ist ein umgänglicher Mann, da kann man schlimmere Chefs erwischen.“
„Kennen Sie ihn?“
„Nur flüchtig. Seit er das Schloss vor Jahren von seinem Vater geerbt hat, bin ich ihm ein paarmal begegnet. Einer muss ja die Gäste bringen.“ Er grinste. „Immer freundlich, immer zuvorkommend. Und die Gäste, die ich abhole, schwärmen alle von ihm.“
„Die Menschen hier scheinen überhaupt freundlich zu sein“, meinte Marek.
Der Fahrer lachte mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme, auf. „Dann haben Sie Angus Ferguson und seinen missratenen Sohn noch nicht getroffen.“
„Nein, dieser Name sagt mir nichts.“
„Seien Sie froh! Aber ja, die meisten hier sind herzlich und offen, auch zu Fremden.“
„Mich wundert nur, dass so viele Touristen kommen.“
„Das hier sind keine typischen Touristen“, entgegnete der Fahrer. „Wer hierherfindet, sucht Stille und bleibt meist länger. Sie werden schon sehen.“
Die grünen Wiesen blieben zurück, und die Bäume wurden mehr. Ein dichter Wald umschloss die Straße und das Licht fiel nur noch in schmalen Streifen durch die Äste. Schließlich öffnete sich der Weg, vor ihnen ragte das Schloss auf. Türme, grauer Stein, ein zarter Hauch von Nebel. Marek beugte sich vor, um besser sehen zu können.
Er hielt den Atem an. Es kam ihm vor wie aus einem Märchen.
Die letzten Bäume rauschten an ihnen vorbei, dann bog der Wagen auf einen Schotterweg ein. Der Wagen rumpelte auf ein reich verziertes Metalltor zu, vor dem sie anhielten. Marek bezahlte, verabschiedete sich höflich und stieg aus. Der Wind fuhr ihm durchs Haar, als er die Tür schloss. Das Taxi wendete, die Reifen knirschten auf dem Kies und dann verschwand es wieder zwischen den Bäumen.
Vor ihm lag das Tor, eingerahmt von Efeu und dem alten Mauerwerk. Auf dem Rasen davor blühten vereinzelte Gänseblümchen, deren weiß-gelbe Köpfe im satten Grün leuchteten. Ein paar davon neigten sich leicht im Wind, als würden sie ihn begrüßen.
Als er die Pforte durchschritt und den Schlosshof betrat, vernahm er Musik – leise, wie aus weiter Ferne. Marek spitzte die Ohren und lauschte. Das Lied kannte er! Hasta Mañana. Für einen Herzschlag lang stockte ihm der Atem. Das Lieblingslied seines Vaters.
Marek versuchte auszumachen, woher die Musik kam, doch sie schien von überall zu ihm herangeweht zu werden, schwebte einfach so in der Luft. Die federleichte Melodie und die Melancholie, die in ihr mitschwang, trafen genau die Stimmung, in der er sich momentan befand. Sein altes Leben hatte er zurückgelassen, was ihn mit Traurigkeit erfüllte. Zudem vermisste er Sebastian jeden Tag. Aber gerade jetzt, in diesem Augenblick, war er auch voller Zuversicht und Vorfreude auf das, was das Leben für ihn bereithalten würde. Und irgendetwas sagte ihm, dass dieser Ort damit zu tun haben würde.
Langsam lief er auf das Hauptgebäude zu. Das Schloss erhob sich vor ihm, gewaltig und zugleich anmutig, mit zahlreichen Türmen, Erkern und kunstvollen Bögen, die sich gegen den Himmel abzeichneten. Zwischen der äußeren Mauer und dem Hauptgebäude erstreckte sich ein gepflegter Garten. Üppige Blumenbeete in satten Farben, akkurat geschnittene Sträucher und kleine Kieswege, die in weichen Bögen verliefen.
Einige Menschen saßen auf den Bänken, es mussten wohl Gäste sein. Eine ältere Dame las in einem Buch, während drei Männer aufgeregt miteinander diskutierten. Ihre Stimmen klangen gedämpft, fast ehrfürchtig, als wollten sie die Ruhe des Ortes nicht stören.
Staunend blieb er vor dem Gebäude stehen. Das Haupttor war aus schwerem Eichenholz gefertigt, das von dunklen Eisenscharnieren gehalten wurde. Große bleiverglaste Fenster säumten die vordere Fassade. Auf Vorsprüngen thronten geflügelte Statuen, die über das Gemäuer zu wachen schienen.
Marek lief langsam auf das Tor zu, bis er direkt davorstand. Auf Brusthöhe befand sich ein Türklopfer in Form einer Eule, die mit ausgebreiteten Flügeln einen Metallring in den Krallen hielt. Marek nahm den Ring in die Hand und klopfte zweimal schwungvoll. Dann wartete er.
Er hörte Schritte im Inneren, die näherkamen. Mit einem langen, gedehnten Knarren öffnete sich schließlich die Tür.
Dahinter stand ein alter Mann. Sein schwarzer Frack saß tadellos, und die Haltung war so aufrecht, dass sie fast militärisch wirkte. Das Gesicht: ernst, aber freundlich. Weiße, sorgfältig zurückgekämmte Haare, ein markantes Kinn, kluge Augen. Marek war sich sicher, dass dieser Mann in jüngeren Jahren nicht wenige Herzen gebrochen hatte.
„Ja, bitte?“ Die Stimme des alten Mannes war tief und klangvoll.
„Hallo, ich bin Marek Wagner. Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Lord Chrisholm … wegen der Bibliothekarsstelle.“ Marek lächelte freundlich, doch der Butler musterte ihn erst einmal schweigend.
Sein Blick glitt langsam von den Schuhen über die Hose bis hinauf zum Gesicht. Eine hochgezogene Augenbraue des Butlers folgte, dazu ein kaum merkliches Nicken.
Marek spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg. Er lächelte unbeirrt weiter und war froh, dass er seine Schuhe noch geputzt hatte.
„Woher kommt eigentlich diese Musik?“, fragte er, um das Schweigen zu brechen.
„Welche Musik, Sir?“
Marek lauschte. Die Melodie war noch immer zu hören, leiser jetzt, als würde sie durch Mauern dringen. „Hören Sie sie nicht?“
Der Butler runzelte leicht die Stirn. „Nein, Sir. Hier ist es still.“ Dann räusperte er sich und trat beiseite. „Wenn Sie mir bitte folgen würden. Ich werde dem Lord Ihre Ankunft melden.“
Er wandte sich um, und Marek folgte ihm. Das schwere Tor fiel polternd hinter ihnen ins Schloss.
Sie durchquerten die Eingangshalle. Das Mauerwerk bestand aus schweren Basaltblöcken und dunkelrotem Ziegelstein, was der Halle trotz ihrer Größe eine gewisse heimelige Gemütlichkeit verlieh. Auf der rechten Seite stand eine kleine Rezeption aus dunklem Holz, daneben mehrere Zweisitzer, bezogen mit purpurrotem Samt. Der Duft von Möbelpolitur und Kaminasche hing in der Luft.
„Marcus, da sind Sie ja.“ Eine ältere Dame kam gerade die geschwungene Treppe hinunter, deren Geländer in eleganten Windungen emporstieg. Ihre Stimme war freundlich, aber bestimmend.
„Mrs Abercrombie“, begrüßte der Butler sie und verneigte sich leicht. „Dürfte ich Sie einen Augenblick vertrösten? Dieser junge Herr möchte zu Lord Chrisholm. Danach stehe ich Ihnen selbstverständlich zur Verfügung.“
„Natürlich, Marcus.“ Sie lächelte und nickte Marek höflich zu, bevor sie weiterging.
Marek folgte dem Butler an der Rezeption vorbei in einen langen Gang, der von Porträts gesäumt war. Die Dielen ächzten unter ihren Schritten. Schließlich öffnete Marcus eine doppelflügelige Tür.
„Bitte nehmen Sie Platz. Lord Chrisholm wird sofort bei Ihnen sein“, sagte er und deutete auf die Sitzgruppe vor dem Kamin – drei Sofas, die im Halbkreis darumstanden. Dann verließ er den Raum.
Marek blieb allein zurück. Das Feuer im Kamin knisterte leise und irgendwo tickte eine Uhr. Er atmete tief ein – das war also Grisper Castle.
Marek ließ sich auf das Sofa sinken und strich über den Samt, der unter seinen Fingerspitzen weich nachgab. Der Stoff fühlte sich kühl an, fast lebendig. Gegenüber gähnte ein weitgespannter Kamin in der Wand, groß genug, dass ein kleinerer Mensch darin hätte stehen können. Der Duft von Holz lag in der Luft, warm und trocken, vermischt mit einem Hauch von Rauch.
Für einen Moment schloss Marek die Augen und stellte sich vor, wie es wohl wäre, an einem Winterabend hier zu sitzen, ein Buch in der Hand, das Feuer knisternd im Kamin und flackerndem Kerzenlicht auf den Wänden. Ein Ort, an dem man bleiben wollte.
Schon beim Betreten des Schlosses war ihm aufgefallen, wie stilsicher alles eingerichtet war. Alte Möbel, die Geschichten atmeten, trafen auf moderne Elemente, ohne sich gegenseitig zu stören. Der Besitzer hatte ein Gespür für die Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Luxus und Wärme.
„Hallo, Mr Wagner, nehme ich an?“
Marek fuhr herum. Er hatte nicht bemerkt, dass jemand den Raum betreten hatte. Hinter ihm stand ein Mann, etwa in seinem Alter, gutaussehend, mit einem selbstverständlichen Selbstbewusstsein, das ihm eine unaufdringliche Präsenz verlieh.
„Richtig. Marek Wagner.“ Er stand auf und reichte ihm die Hand, während er den Fremden freundlich anlächelte und ihn dabei genauer betrachtete. Seine Ruhe war verflogen und Nervosität stieg in ihm auf.
Die rehbraunen Augen seines Gegenübers musterten ihn offen, neugierig, ohne aufdringlich zu sein. Dichte Augenbrauen rahmten sie ein, ein Dreitagebart betonte die markanten Züge und die vollen Lippen. Das Haar war leicht verwuschelt, als wäre ein Windstoß durchgefahren.
„Ich bin Craig Chrisholm. Schön, dass Sie hergefunden haben.“ Seine Stimme war ruhig, angenehm tief. Craig umfasste Mareks Hand mit festem Druck und einem Lächeln, das gefährlich nah an Charme grenzte. Es hatte etwas … Entwaffnendes. Marek erwiderte das Lächeln, fast automatisch.
„Wollen wir uns nicht setzen?“ Craig deutete auf die Sofas am Kamin und ließ sich mit einer lässigen Bewegung nieder.
Marek nahm ihm gegenüber Platz. Der Lord lehnte sich zurück, den Arm über die Sofalehne gelegt, den Knöchel über das andere Bein geschlagen. Er trug Jeans und ein offenes Hemd, doch die Kleidung minderte nichts von seiner Eleganz. In seiner Haltung lag Ruhe, in seinem Blick Kontrolle, und doch etwas Warmes, das Marek sofort fesselte.
„Hatten Sie eine gute Anreise? Wir sind ja ein wenig abgelegen“, fragte Craig. Seine Stimme war wie Musik in Mareks Ohren, weich, melodisch und klar, mit einem feinen Lächeln darin.
Er nickte. „Ja, danke. Ich bin mit dem Taxi gekommen. Eine umwerfende Landschaft. Für jemanden, der in der Stadt aufgewachsen ist, ist das ein echtes Erlebnis.“
„Sie sind ein Stadtkind? Schon immer?“, erkundigte sich Craig.
„Ja, aus Wien. Dort bin ich auch aufgewachsen.“
Craig legte den Kopf leicht schief. „Und Sie könnten sich vorstellen, in dieser Abgeschiedenheit zu leben und zu arbeiten?“
„Durchaus. Ist es nicht für viele ein Traum, in einem solchen Schloss zu leben und zu arbeiten?“
Craig lächelte leicht. „Ist es das? Viele würden sich wohl davor fürchten, keine Geschäfte gleich nebenan zu haben.“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Sie haben einen interessanten Dialekt – gar nicht so, wie man sich wienerisch vorstellt.“
„Ich bin in Bratislava geboren. Aber den größten Teil meines Lebens habe ich in Wien verbracht.“
„Und jetzt sind Sie in Schottland gelandet!“
Marek nickte. Eine kleine Pause entstand. Craigs Blick ruhte weiter auf ihm, intensiv genug, dass Marek die Wärme in seinen Wangen aufsteigen spürte. Er senkte den Blick und räusperte sich.
„Was genau wären denn meine Aufgaben?“, fragte er, um die Stille zu brechen.
Craig lehnte sich zurück. „Vielleicht sollte ich Ihnen erst kurz erzählen, was wir hier überhaupt tun.“ Mit einem Mal lag etwas Nachdenkliches in seiner Stimme.
„Grisper Castle ist eine Art Zufluchtsort, ein Rückzugsort für Menschen, die Ruhe oder Abstand brauchen. Ein kleiner Teil des Schlosses wird als Pension genutzt, aber nur für eine erlesene Anzahl von Gästen. Die meisten sind Künstler – Autoren, Musiker oder Maler. Menschen, die hier Inspiration suchen, sich erholen oder sich neu finden wollen.“
Sein Blick wanderte zum Fenster, als würde er in Gedanken den Garten draußen sehen. „Andere kommen her, um etwas hinter sich zu lassen. Oder einfach nur, um Stille zu finden.“ Für einen Moment schien Craig weit weg. Dann fing er sich, lächelte wieder und fuhr fort: „Mit den Gästen hätten Sie allerdings nur am Rande zu tun. Ihr Hauptbereich wäre die Bibliothek. Sie ist … sagen wir, ein wenig in die Jahre gekommen. Bücher waren die Leidenschaft vieler meiner Vorfahren.“ Er legte die Stirn in Falten. „Ordnung leider weniger.“ Ein leises Schmunzeln huschte über sein Gesicht. „Sie würden den Bestand katalogisieren, sich um die Pflege kümmern und gelegentlich den Schlossverwalter vertreten. Natürlich mit Wohnung hier im Gebäude und bei voller Verpflegung. Unsere Köchin ist eine wahre Meisterin.“
Marek hörte aufmerksam zu, doch im Grunde war seine Entscheidung längst gefallen. Schon beim Betreten des Schlosses hatte er gespürt, dass er bleiben wollte, nein musste. Eine Bibliothek, endlich wieder eine Aufgabe und Gesellschaft. Nach Monaten der Einsamkeit klang das nach einem Stück Leben, das er verloren geglaubt hatte.
„Wie sieht es mit Haustieren aus?“, fragte er schließlich.
„Besitzen Sie denn eins?“
„Einen Kater.“
Craig lachte auf, ein warmes, ehrliches Lachen. „Ich denke, einen Kater könnten wir hier gut gebrauchen. Vielleicht sorgt er dafür, dass sich weniger Mäuse blicken lassen.“
Da war es wieder, dieses alles einnehmende Lächeln, das Marek augenblicklich ein Kribbeln in den Magen zauberte.
„Wenn das so ist, dann haben wir wohl einen Deal“, sagte er und reichte Craig die Hand. Sein Herz klopfte schneller, als er die Berührung spürte.
„Wann können Sie anfangen?“
„Heute. Morgen. Ich bin flexibel.“
Craig nickte. „Dann schlage ich vor, wir machen gleich eine kleine Schlossführung. Morgen ziehen Sie ein und nächste Woche beginnen Sie offiziell. So haben Sie ein paar Tage Zeit, um anzukommen.“
„Das klingt wunderbar.“ Vorfreude explodierte in Marek.
Doch dann wurde Craig ernst. Er lehnte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. In seinen Augen lag für einen Moment etwas Unergründliches. „Jetzt müssen wir nur noch eine Sache klären.“
Marek hob fragend den Kopf. „Und die wäre?“
Ein Lächeln huschte über Craigs Lippen, diesmal mit einem Hauch Schalk. „Ich bin Craig.“
Marek lachte auf, erleichtert und ein bisschen verlegen. „Marek. Angenehm.“
„Wohnt deine Familie schon immer hier auf dem Schloss?“, fragte Marek, als sie in die Eingangshalle ankamen.
„Seit über neunhundert Jahren“, antwortete Craig. „Genauso lange wie dieses Gemäuer schon steht.“ Er deutete auf eine Tür.
Während sie durch einen langen, kühlen Gang gingen, erzählte er kurz von den Anfängen der Familie und von den Vorfahren, die einst in diesen Mauern gelebt hatten. Am Ende des Flurs angekommen, öffnete Craig eine weitere Tür und Marek blieb stehen.
Die Bibliothek.
Sie erstreckte sich über drei Stockwerke. Überall, wo sein Blick hinfiel, zogen sich Regale aus dunklem Holz an den Wänden empor, verbunden durch hölzerne Zwischenböden und filigrane Geländer. In der Mitte führte eine gewundene Wendeltreppe nach oben, die im Halbdunkel verschwand.
Marek trat einen Schritt vor. Das Licht fiel in schmalen Streifen durch hohe Fenster, ließ Staubpartikel tanzen und verwandelte die Luft in einen goldenen Nebel. Der Geruch nach Leder, Papier und Holz war überwältigend.
Er spürte, wie ihm eine Gänsehaut über die Arme lief. Sein Herz schlug schneller. Für einen Augenblick vergaß er sogar, dass Craig neben ihm stand.
„Oh, mein Gott“, flüsterte er. „Wie genial ist das denn?“
Craig lächelte. „Es freut mich, dass es dir gefällt. Das hier wird dein zukünftiger Arbeitsplatz.“
Marek drehte sich zu ihm um, immer noch fassungslos. „Wie viele Bücher sind das?“
„Ungefähr sechzigtausend“, erklärte Craig. „Das Älteste dürfte rund tausend Jahre alt sein, das Neueste stammt von letzter Woche. Dazwischen findest du alles.“
Marek nickte stumm, unfähig, etwas zu sagen.
„Wie ich bereits erwähnt habe, sind wir gerade dabei, sie zu katalogisieren“, fuhr Craig fort. „Bryne, unser Schlossverwalter, hat damit begonnen. Aber wir könnten gut Hilfe gebrauchen.“
Marek zwang sich, den Blick von den Regalen zu lösen. „Ich glaube, ich bin im Paradies gelandet.“
Craig schmunzelte. „Dann wollen wir mal sehen, ob dir der Rest auch gefällt.“
Sie verließen die Bibliothek und kehrten in die große Eingangshalle zurück. Craig führte ihn durch eine Tür, zwischen dem Treppenaufgang und dem Eingangstor, in einen Speisesaal, in dem es nach Politur und frischem Holz duftete. Antike Tische und Stühle standen in kleinen Gruppen zusammen, dazwischen zog sich ein roter Teppich quer durch den Raum.
„Hier essen unsere Gäste. Für gewöhnlich ist es ruhig, kein Gedränge, kein Lärm. Unsere Gäste schätzen das.“
Er durchquerte das Zimmer und öffnete die gegenüberliegende Tür. „Und das hier ist die Küche. Tagsüber haben wir hier unsere Köchin Luise. Du kannst dich aber gern auch selbst bedienen und dir selbst etwas zu essen machen.“
Marek blieb auf der Schwelle stehen. Der Raum war groß und hell. Sonnenlicht fiel durch ein bogenförmiges Fenster auf einen langen Holztisch in der Mitte. Entlang der Wände reihten sich Schränke, Kupfertöpfe glänzten an Haken, und der Duft nach Kräutern lag in der Luft.
Durch das Fenster sah er in den Garten. Eine Frau stand zwischen Kräuterbeeten und schnitt Basilikum und Schnittlauch. Das rotbraune Haar war zu einem festen Dutt gebunden, ihr Gesicht rund, aber freundlich. Als sie Marek bemerkte, winkte sie ihm lächelnd durch die Scheibe zu.
„Hallo, Luise!“, begrüßte sie Craig, als sie kurz darauf zurück in die Küche kam. „Darf ich dir unseren neuen Bibliothekar vorstellen? Marek Wagner. Er wird Bryne unterstützen.“
Luise wischte sich die Hände an der Schürze ab, trat näher und musterte Marek mit einem warmen Lächeln. „Das freut mich aber. Wir werden uns sicher gut verstehen.“ Ihr Blick wanderte prüfend an ihm hinab. „Junge, was bist du dünn! Aber das bekommen wir schon hin. Sag mir, was du gern isst und ich koche es dir.“
Marek mochte sie vom ersten Augenblick. „Vielen Dank, aber für heute nichts“, entgegnete er.
„Du kannst ihn morgen bekochen, Luise“, meinte Craig schmunzelnd.
Zurück im Speisesaal blieb Marek stehen und sah sich noch einmal um. „Dieses Schloss ist ein Traum“, sagte er leise, fast ehrfürchtig und schaute zum Fenster. „Und was befindet sich auf der anderen Seite der Mauer?“
Die hohe Steinmauer hatte ihn schon bei seiner Ankunft beschäftigt. Sie wirkte alt, fast ehrwürdig, als würde sie etwas beschützen – oder einschließen.
Craig nickte, sein Blick folgte Mareks. „Hinter der Mauer liegt auf der einen Seite der Nebelwald, durch den du vermutlich gekommen bist. Im Westen grenzt er an den See, auf der anderen Seite an das Dunkelmoor. Dort geht das Moor schließlich wieder in den See über. Man könnte sagen, Grisper Castle liegt in einer einzigartigen Landschaft“, erklärte Craig.
„Wie weit ist der nächste Ort entfernt? Wir sind lange gefahren, bis wir hier waren.“
„Du meinst Darkmoor? Luftlinie etwa sechs Meilen, gleich hinter dem Moor. Eigentlich nicht weit, nur der Weg dorthin ist etwas … umständlich. Man muss durch den Wald und um das Moor herum. Leider gibt es keinen kürzeren Weg.“ Craig lächelte und nickte zur Tür. „Wollen wir weiter?“
Sie verließen den Speisesaal. Marek folgte ihm durch den Flur und warf immer wieder verstohlene Blicke auf den Schlossherrn. Er konnte nicht anders. Craig hatte etwas, das ihn fesselte, diese Mischung aus Eleganz, Ruhe und etwas Undefinierbarem. Wenn er sprach, leuchteten seine Augen, und sein ganzes Wesen schien für einen Moment heller zu werden. Marek fragte sich, ob er sich das nur einbildete.
Im Treppenhaus begegneten sie erneut Marcus, der gerade eine Vase mit frischen Blumen trug. Er blieb stehen und verneigte sich leicht. Marek nickte ihm lächelnd zu, doch der Butler erwiderte den Gruß nur mit unbewegtem Gesicht.
„Marcus braucht ein bisschen, um mit neuen Menschen warm zu werden. Gib ihm ein wenig Zeit“, sagte Craig, als sie außer Hörweite waren. „Er ist manchmal ein wenig eigen.“
„Wie lange arbeitet er schon für dich?“
„Seit meiner Kindheit. Eigentlich war er schon zu Lebzeiten meines Vaters hier. Ich habe ihn also, in gewisser Weise, mit dem Schloss geerbt.“
Craig lächelte flüchtig und nahm die Stufen zur ersten Etage. „Hier wohnen unsere Gäste“, erklärte er, als sie dort angekommen waren.
Vom Treppenabsatz gingen zwei Gänge ab, auf dem Boden lag dunkelroter Teppich. Elektrische Kerzenleuchter hingen zwischen den Türen, ihr warmes Licht spiegelte sich im polierten Holz. Marek stellte sich vor, wie sie am Abend die Gänge in ein sanftes, bernsteinfarbenes Licht tauchten.
„Sind die Zimmer alle belegt?“
„Nein. Momentan haben wir nur wenige Gäste hier“, erwiderte Craig. „Wir sind selten ausgebucht, aber für morgen hat sich ein weiterer Gast angekündigt.“
Er öffnete die erste Tür auf der rechten Seite. Dahinter lag ein großzügiges Zimmer mit einem Himmelbett, dessen dunkelroter Baldachin leicht im Luftzug schwang. Eine kleine Sitzecke stand am Fenster, daneben ein Schreibtisch, auf dem eine alte Lampe stand.
„Sehen alle Zimmer so aus?“
„In der Art. Sie unterscheiden sich nur in der Größe. Das hier ist eins der kleineren.“
Marek nickte anerkennend, ließ den Blick noch einmal durch das Zimmer schweifen und folgte Craig schließlich wieder hinaus auf den Flur.
Die zweite Etage ähnelte der ersten. Allerdings mit weniger Zimmern, wie Marek anhand der Türen feststellte.
„Hier wohnt das Personal“, erklärte Craig. „Komm, ich zeige dir deinen Bereich.“
Sie gingen den westlichen Gang entlang, bis sie an dessen Ende eine schwere Tür erreichten. Craig zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, wählte einen der Schlüssel und steckte ihn ins Schloss. Es klickte, und die Tür öffnete sich knarrend. Ein Hauch abgestandener Luft strömte ihnen entgegen, durchzogen vom Geruch alten Holzes. Craig ging zum Fenster, zog die schweren Vorhänge zur Seite und klappte die Läden auf und öffnete es. Helles Sonnenlicht fiel in den Raum, legte sich auf die Möbel und ließ Staubpartikel im Sonnenlicht schweben.
„Willkommen in deinem neuen Zuhause“, sagte er leise.
Marek trat ein – und blieb überwältigt stehen.
Sie befanden sich in einem Wohnzimmer, das ihn eher an die Suite eines Luxushotels erinnerte, als an eine Unterkunft, in der man seine Angestellten unterbrachte.
Weiches Licht fiel auf die Möbel, auf die cremefarbenen Vorhänge und den tiefenroten Teppichboden. An der Wand hing ein großer Flatscreen, daneben ein Regal mit Büchern und eine schlichte Vase mit weißen Lilien.
Er ging ein paar Schritte weiter und strich über die Rückenlehne der Couch. Der Stoff war flauschig, fast seidig. Durch das geöffnete Fenster drang warme Luft herein und trug den Duft von Holz, frischem Gras und einer Spur Veilchen mit sich.
Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein Schreibtisch aus dunklem Holz. Darauf eine grün schimmernde Bankerlampe, deren Messingfuß matt im Sonnenlicht glänzte. Marek beugte sich leicht darüber. Das Licht, das durch den grünen Glasschirm fiel, war weich und beruhigend, fast magisch.
„Wow … hier darf ich wohnen?“
Craig lächelte. „Ja, natürlich. Das wäre dein Bereich.“
„Das ist kein Bereich“, lachte Marek leise. „Das ist eine Luxuswohnung.“
„Jetzt übertreib nicht“, erwiderte Craig amüsiert. „Mir ist wichtig, dass sich meine Angestellten wohlfühlen.“
Mareks Blick wanderte zu einer Tür schräg gegenüber. „Und dort?“
„Schlafzimmer und Bad.“
„Darf ich?“
Craig nickte. „Bitte.“
Marek öffnete vorsichtig. Der Duft von frischer Wäsche kam ihm entgegen. Ein breites Bett stand unter dem Fenster, das Licht fiel in sanften Streifen über die Decke. Er trat ans Fenster und öffnete es. Sofort drangen Vogelgezwitscher und das Rascheln der Blätter herein. Draußen lag der Nebelwald – ein grünes Meer aus Bäumen, das sich sanft im Wind wiegte.
Er atmete tief durch, drehte sich um und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Aus dem zweiten Fenster blickte er hinunter zum See. Eine alte Weide stand dort, unter ihr saß ein Mann im Gras, regungslos, mit dem Blick aufs Wasser gerichtet.
Craig trat neben ihn. „Das ist Bryne, unser Schlossverwalter. Du wirst ihn bald kennenlernen.“ Er sah kurz auf seine Uhr. „Ich fürchte, ich muss dich jetzt allein lassen. Ich habe noch einen Termin.“
„Ja, natürlich. Ich wollte sowieso zurück nach Darkmoor und meine Sachen packen. Wann soll ich morgen hier sein?“
„Ich lasse alles vorbereiten. Du kannst dann morgen ab neun Uhr kommen, wann du möchtest. Solltest du noch Fragen haben, wende dich an Marcus. Er wird dir alles zeigen.“
Sie verließen die Wohnung und gingen zurück zur Treppe. Als Craig sich nach unten wandte, fiel Mareks Blick auf die Stufen, die weiter nach oben führten.
„Wohin geht es da?“, fragte er.
Craig hielt inne. Für einen Moment verlor sein Blick etwas von seinem Glanz. Seine Schultern spannten sich, und seine Stimme klang plötzlich fest, fast zu fest.
„Das ist der dritte Stock. Das ist mein Privatbereich. Für meine Angestellten ist diese Etage tabu.“
Marek spürte einen leichten Stich der Irritation, der Ton hatte sich verändert.
Craig räusperte sich und lächelte wieder. „Dort oben wohne ich. Und glaub mir – das Chaos will ich wirklich niemandem zumuten“, fügte er mit freundlicherer Stimme hinzu.
Marek wagte nicht, weiter zu fragen, doch seine Neugierde war geweckt.
„Ich lasse dir ein Taxi rufen“, meinte Craig schließlich, während sie die letzten Stufen hinabgingen. „Es sollte in gut einer halben Stunde hier sein. Wir sehen uns dann morgen.“ Er reichte Marek die Hand, sein Händedruck war warm und fest. Dann war er wieder nach oben verschwunden.
Marek verließ das Schloss. Während er auf das Taxi wartete, schlenderte er im Schlosspark umher und setzte sich auf eine freie Bank, von der er einen guten Blick über den Park und das Schloss hatte. Er atmete tief ein und schmeckte die Luft. Frisch und rein. Die Junisonne wärmte sein Gesicht.
Noch halb in den Ereignissen der letzten Stunden gefangen, legte er seinen Kopf in den Nacken, schloss die Augen und lauschte. Es war nichts zu hören, nur das Rauschen des Waldes und das Singen der Vögel. In diesem Augenblick war er sich sicher: Hier würde er sich wohlfühlen.
Mit all seinen Habseligkeiten stieg Marek gegen Mittag in das Taxi. Neben ihm stand die alte Holztruhe, die er von seinem Vater geschenkt bekommen hatte – das Einzige, was er von zu Hause mitgebracht hatte. Ein Stück Vergangenheit, das ihm geblieben war, ein Anker in all dem Neuen.
Auf dem Beifahrersitz miaute Amadeus, sein pechschwarzer Kater. Er war das Reisen inzwischen gewohnt und beobachtete durch die Gitter seiner Transportbox, aufmerksam, aber gelassen, die vorbeiziehenden Landschaften.
Als das Taxi über den Schotterweg rollte und schließlich im Hof von Grisper Castle hielt, stand Marcus bereits in der Tür. Hinter ihm kam der Mann, den Marek am Vortag unter der Weide gesehen hatte.
Er war groß, drahtig, mit dem Körperbau eines Schwimmers – breites Kreuz, schmale Hüften, kräftige Arme. Die stechend blauen Augen schienen alles zu mustern, was sich bewegte. Seine Glatze glänzte im Sonnenlicht und ein dunkler Bartschatten verstärkte seine markanten Gesichtszüge. Unbestreitbar attraktiv, dachte Marek, doch ihm fehlte die Wärme, die Craig ausstrahlte.
„Hi, ich bin Bryne Grimmson, der Schlossverwalter. Du musst Marek sein.“ Er reichte ihm die Hand. Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig. Freundlich, aber distanziert. „Freut mich, dich kennenzulernen.“ Er deutete auf das Taxi. „Wir helfen dir mit deinem Gepäck. Und bevor ich es vergesse ... für dich einfach Bryne. Ich mag es nicht so förmlich.“
„Gern“, antwortete Marek und erwiderte den Händedruck. „Marek.“
Bryne ging um den Wagen, öffnete die hintere Tür und beugte sich nach der Holztruhe.
„Nein, lass, die nehme lieber ich. Da sind zerbrechliche Sachen drin“, sagte Marek rasch und stellte sich zwischen ihn und den Wagen.
Bryne zog eine Augenbraue hoch und zuckte mit den Schultern. „Wie du willst.“
„Aber wenn du mir mit den Koffern hilfst, wäre das super. Sie sind im Kofferraum.“
Bryne öffnete den Kofferraum und hievte die beiden schweren Taschen heraus, als wögen sie kaum etwas. Keine Spur von Anstrengung. Marek beobachtete fasziniert, wie mühelos sich der kräftige Mann bewegte.
Gemeinsam trugen sie das Gepäck durch den Flur, die Treppe hinauf und schließlich in Mareks neue Wohnung.
Vorsichtig stellte Marek die Holztruhe vor dem Bett ab, atmete tief durch und wischte sich über die Stirn. Der Weg war kurz gewesen, aber mit vollen Händen hatte er sich endlos angefühlt.
„Dann lasse ich dich mal ankommen“, sagte Bryne, stellte die Koffer neben die Couch und klopfte ihm leicht auf die Schulter. „Wenn du Lust hast, komm später in die Küche. Luise hat Kuchen gebacken. Dann können wir in Ruhe alles besprechen.“
„Gern“, erwiderte Marek.
Bryne nickte und verschwand mit Marcus durch die Tür.
Marek blieb allein zurück und genoss den Moment der Stille.
Dann drehte er sich einmal langsam um die eigene Achse, ließ den Blick durch den Raum gleiten, versuchte so viele Details, wie möglich zu erfassen. Noch immer konnte er kaum glauben, dass er hier war. Alles war so schnell gegangen, das Gespräch am Tag zuvor, die Zusage, der Umzug.
Gestern noch hatte er in einem billigen Hotelzimmer gesessen, die Geräusche der Stadt hinter den dünnen Wänden, und jetzt stand er in einem Schlosszimmer, umgeben von dicken Mauern, Holz, Licht und einer fast greifbaren Ruhe.
Er ging zum Fenster und sah hinaus. Der Himmel war klar und das Wasser des Sees glitzerte zwischen den Bäumen. Alles hier wirkte friedlich. Zu friedlich vielleicht. Das Haus seines Vaters war gemütlich gewesen, klein und vertraut, nicht zu vergleichen mit diesem Schloss – denn hier, in diesem alten Gemäuer, fühlte sich alles größer an. Nicht nur der Raum, auch die Möglichkeiten. Es war ein bisschen so, als wäre er im Himmel gelandet. Das oder besser gesagt, der Einzige, der ihm jetzt zu seinem Glück fehlte, war Sebastian. Der Gedanke an ihn legte sich wie ein Schatten über seine Freude.
Wie schön wäre es, wenn er jetzt hier wäre, dachte Marek. Er schloss kurz die Augen. Schluss damit, ermahnte er sich. Nicht zurückschauen. Er öffnete die Lider wieder und sah auf Amadeus’ Transportbox. Der Kater blinzelte ihn an, als hätte er verstanden.
„Na, mein Großer“, flüsterte er. „Ab jetzt sind wir zu Hause.“
Als Nächstes schleppte er seine Koffer ins Schlafzimmer und begann auszupacken. Stück für Stück verschwand seine Kleidung in den Schränken. Die alte Holztruhe schob er in die Ecke neben dem Bett und legte sorgsam eine Decke darüber.
Dann ging er zurück ins Wohnzimmer. Durch das Fenster fiel das Licht weich und golden auf den Boden. Sein Blick glitt zum See hinüber. Hinter der alten Weide erkannte er eine Gestalt – Bryne.
Neugierig trat Marek näher ans Fenster, lehnte sich leicht vor und blinzelte. Für einen Moment dachte er, sich verguckt zu haben.
Bryne stand nackt auf dem Steg. Die Kleidung lag ordentlich gefaltet neben dem Baum. Ohne zu zögern, rannte er los, sprang ab und tauchte mit einem kräftigen Kopfsprung ins Wasser.
Marek erstarrte. Die Art, wie Bryne sich bewegte, so kraftvoll und sicher, fast anmutig, war beeindruckend. Er folgte der Flugbahn mit den Augen, wartete darauf, dass der Mann wieder auftauchen würde.
Doch der See blieb still.
Die Wellen, die sein Körper erzeugt hatte, glätteten sich, bis die Oberfläche wie ein einziger, silberner Spiegel dalag.
Marek sah auf die Uhr. Zwei Minuten. Er runzelte die Stirn, suchte die Wasseroberfläche ab. Kein Blubbern, keine Bewegung.
Drei Minuten.
Er biss sich auf die Lippe, klopfte mit den Fingern auf die Fensterbank.
Vier Minuten.
Sein Herz schlug schneller. Vielleicht war Bryne an einer anderen Stelle wieder aufgetaucht? Marek trat einen Schritt zurück, wechselte den Blickwinkel, doch überall dasselbe Bild – nichts.
Fünf Minuten.
Panik wallte auf. Es musste etwas passiert sein! Marek riss sich vom Fenster los und rannte aus dem Zimmer, den Gang hinunter, durch die Eingangshalle und stürzte zur Tür hinaus auf den Hof.
„Hilfe! Er ertrinkt!“ Seine Stimme hallte über den Hof, während er über den Rasen hetzte, das Herz schlug ihm bis zum Hals. Der Wind zerrte an seinem Shirt.
Als er die Weide erreichte, sah er die Kleider, genauso wie er sie vom Fenster aus gesehen hatte. Aber keine Spur von Bryne.
Marek riss sich das Shirt vom Leib, kickte die Schuhe zur Seite und begann, die Jeans herunterzuziehen.
„Was wird das?“, hörte er plötzlich Brynes Stimme.
Marek hielt inne und blickte zum See. Etwa zehn Meter vom Ufer entfernt tauchte Brynes Kopf aus dem Wasser.
Marek starrte ihn an. „Ich dachte, du ertrinkst!“
Bryne blinzelte überrascht. „Wieso das? Ich war nur schwimmen.“
„Schwimmen? Du warst ewig unter Wasser! Garantiert zehn Minuten.“
Bryne lachte. „Da musst du dich irren.“
„Ich habe es genau gesehen! Du bist gesprungen und nicht mehr aufgetaucht!“
„Ich war unter dem Steg“, erwiderte Bryne gelassen.
Marek sah zum Steg, dann wieder zu ihm und kam sich plötzlich ziemlich dämlich vor. „Oh. Dann … tut mir leid.“
„Schon gut. Du wolltest ja nur helfen.“ Brynes Ton blieb freundlich, aber bestimmt. „Und jetzt, wenn’s recht ist … ich bin nackt und würde gern rauskommen. Es wird langsam frisch.“
Marek hob die Brauen, noch immer ein wenig außer Atem. „Na, dann komm doch raus. Ich schau dir schon nichts weg!“
„Ich bin schüchtern“, entgegnete Bryne trocken. „Und wir kennen uns noch nicht mal richtig. Also, würdest du mich bitte allein lassen?“
Marek starrte ihn an, als wäre er in einer absurden Szene aus einem Film gelandet. Dann seufzte er, zog die Hose wieder hoch und griff nach seinem Shirt. „Dann bis gleich im Schloss.“
„Wir sehen uns“, rief Bryne ihm nach und grinste ihn schief an.
Marek schüttelte den Kopf, während er zurückging. Er war sich nicht sicher, ob er sich gerade völlig blamiert oder etwas Merkwürdiges erlebt hatte. Vielleicht aber auch beides.
Während er durch das Schloss lief, gingen ihm die Bilder vom See nicht aus dem Kopf. Unter dem Steg konnte Bryne unmöglich aufgetaucht sein. Von seinem Fenster aus hatte er den ganzen Bereich im Blick gehabt – jedes Schilfrohr, jede Kräuselung auf dem Wasser.
Oder hatte er sich getäuscht? Vielleicht gab es doch noch einen zweiten Steg, den man vom Schloss aus nicht sehen konnte. Aber warum sollte Bryne lügen?
Marek blieb auf halbem Weg stehen, rieb sich über den Nacken. Und ausgerechnet er schüchtern? Er musste unwillkürlich schmunzeln. Ein Mann wie Bryne, mit dieser Figur, dieser Präsenz und dann schüchtern? Schwer vorstellbar.
Aber vielleicht kannte er ihn einfach noch nicht gut genug, um das zu beurteilen.
Zurück in seinem Zimmer ging er ans Fenster. Der See lag friedlich da, als wäre nichts gewesen. Die Sonne spiegelte sich auf der glatten Oberfläche. Und er konnte alles, was sich unter dem Steg befand, erkennen. Oder gab es vielleicht tatsächlich noch einen anderen Steg, den er von hier aus nicht sehen konnte? Er rieb sich den Hinterkopf und überlegte. Vielleicht hatte er wirklich überreagiert. Trotzdem blieb ein leiser Restzweifel.
Als Marek sich am frühen Nachmittag auf den Weg zur Küche machte, angelockt vom Gedanken an Kaffee und Kuchen, hörte er Stimmen aus der Eingangshalle.
„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Mr Smith. Und viel Erfolg bei den Untersuchungen im Moor“, sagte Marcus in seiner neutral-höflichen Stimme.
Marek blieb kurz stehen.
Der Gast, ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht und dunklem Mantel, nickte dem Butler zu, nahm den Schlüssel entgegen und wandte sich zur Treppe. „Vielen Dank.“ Dabei begegnete sein Blick Mareks. Ein höfliches Lächeln, ein kurzes Nicken, dann verschwand Mr Smith in den oberen Stockwerken.
„Mr Grimmson wartet in der Küche“, hörte Marek Marcus’ Stimme hinter sich.
„Mr Grimmson?“, wiederholte er.
„Ja. Bryne Grimmson“, erwiderte Marcus in einem höflichen Ton, in dem eine Spur Abschätzigkeit schwang.
„Danke, Marcus.“
Der Butler nickte knapp, dann wandte er sich wieder seinem Buchungseintrag zu, als wäre das Gespräch nie passiert.
Marek fand Bryne wie angekündigt in der Küche. Der Raum war erfüllt vom Duft frisch gebackenen Kuchens und gerösteten Kaffees. Die Sonne fiel durch das große Rundbogenfenster und legte einen warmen Glanz auf den Holztisch in der Mitte.
Bryne saß kippelnd auf einem Stuhl, leicht nach hinten gelehnt, die Füße auf die Tischkante gestemmt und eine Tasse in der Hand.
Am Fenster stand Luise, mit einem Messer in der Hand, und schnitt gerade ein großes Stück Kuchen ab.
„Da bist du ja!“, rief sie erfreut, als sie Marek sah. Dann warf sie einen Blick auf Bryne. „Bryne! Füße runter!“, fauchte sie und drohte ihm mit dem Messer.
Bryne verzog das Gesicht, seufzte und ließ den Stuhl mit einem dumpfen Geräusch auf alle Viere kippen. „Ja, ja, schon gut.“
„Hey“, rief Marek, als er auf ihn zuging. „Sorry nochmal wegen vorhin, ich wollte dir nicht zu nahetreten.“
Bryne drehte sich halb zu ihm um, warf Luise einen kurzen Blick zu – sie war wieder mit dem Kuchen beschäftigt – und grinste. Dann legte er die Füße erneut auf die Tischkante, als wäre nichts gewesen. „Alles gut. Du hast es ja nur gut gemeint. Ich war bloß überrascht.“
„Gut gemeint wobei?“, fragte Marcus aus dem Hintergrund. Er war lautlos in der Tür erschienen, die Hände auf dem Rücken verschränkt.
„Unser junger Freund hier dachte, ich ertrinke und wollte mich retten“, erklärte Bryne, ohne Marcus direkt anzusehen.
Marcus’ Mundwinkel zuckten. Zum ersten Mal, seit Marek ihn kennengelernt hatte, wirkte er fast menschlich. „In diesem Fall müssen Sie sich keine Sorgen machen, Mr Wagner. Wenn hier jemand schwimmen kann, dann Bryne. Er ist ein wirklich ausgezeichneter Schwimmer.“
„Kaffee?“ Bryne hob seine Tasse und sah Marek fragend an.
„Gern“, sagte dieser und setzte sich.
„Schwarz, Milch, Zucker?“
„Nur Milch, bitte.“
Luise stellte den Kuchen auf den Tisch, der Duft von Vanille und warmer Butter füllte den Raum. „Füße, Bryne!“ rief sie und tippte ihm mit der Messerspitze drohend gegen die Stuhllehne.
„Ja, ja.“ Mit einem gespielt genervten Seufzen ließ er die Füße sinken, stand auf, holte eine Tasse aus dem Schrank und goss Kaffee ein.
„Iss, mein Junge“, sagte Luise freundlich zu Marek. „Ich werde dir später noch eine Kleinigkeit auf dein Zimmer bringen lassen.“
„Danke, Luise.“
„Craig hat erwähnt, dass du erst nächste Woche anfängst“, begann Bryne, während er Marek die Tasse reichte. „Wollen wir kurz durchgehen, was deine Aufgaben sein werden?“
„Gern!“ Marek nahm auf dem Stuhl neben Bryne Platz. Ein leiser Luftzug strich in diesem Moment über seine Wange, so sanft, dass er im ersten Moment glaubte, es sich eingebildet zu haben. Dann folgte ein kaum hörbares wusch, als wäre jemand hinter ihm vorbeigegangen. Er sah sich um.
Nur Marcus stand da, still, reglos, den Blick auf ihn gerichtet.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er höflich distanziert.
Marek runzelte die Stirn. „Das Fenster ist zu, oder?“
Marcus drehte sich um und prüfte es. „Sollte es nicht?“
„Ich … habe einen Luftzug gespürt.“
Marcus hielt kurz inne, dann nickte er. „Dies ist ein altes Gemäuer, Mr Wagner. Manchmal pfeift der Wind durch Ritzen, die man gar nicht sieht.“
Etwas in seinem Tonfall ließ Marek die Nackenhaare kribbeln.
Bryne räusperte sich. „Wie auch immer. Wir beginnen am Montag um neun Uhr in der Bibliothek. Ich erklär dir dann alles Weitere. Die Bestände sind umfangreich, aber du wirst dich schnell zurechtfinden.“ Er machte eine Pause, nippte am Kaffee und wechselte dann abrupt das Thema. „Du kommst aus Wien, oder?“ Marek blinzelte. Der Wechsel kam so plötzlich, dass er einen Moment brauchte, um zu reagieren. „Ja. Genau.“
„Eine beeindruckende Stadt“, bemerkte Marcus anerkennend, und für einen Augenblick war seine Stimme weicher als sonst.
Marek nickte. „Das ist sie.“
Doch während er antwortete, fragte er sich, woher Bryne das wusste. Craig hatte ihm offenbar mehr über ihn erzählt, als er gedacht hatte.
„Was hat dich dann hierher verschlagen?“, fragte Bryne und nahm einen Schluck Kaffee.
„Im Grunde war es Zufall“, antwortete Marek. „Nach dem Tod meines Vaters bin ich eine Zeit lang kreuz und quer durch Europa gereist und dann hier hängengeblieben.“
„Dein Vater ist gestorben?“, erkundigte sich Luise mit fürsorglicher Miene.
„Vor einem halben Jahr.“
„Das tut mir leid“, sagte sie leise.
Marek lächelte schwach. „Schon gut. So ist das Leben.“ Er wollte kein Mitleid. Kein betretenes Schweigen. Und schon gar keine Sympathiepunkte aufgrund seines Verlustes.
„Und? Wo warst du überall?“, fragte Bryne und Marek war dankbar, dass er erneut das Thema wechselte.
„Eigentlich fast überall – London, Madrid, Rom, Paris, Helsinki … und noch ein paar andere Städte.“
„Was war deine Lieblingsstadt?“
Marek brauchte nicht zu überlegen. „London“, kam seine Antwort ohne Zögern. Nirgendwo hatte er sich so wohl gefühlt. Nirgendwo, bis jetzt.
Während des Gesprächs hatte Marek den Eindruck, sich langsam besser mit den anderen zu verstehen. Brynes etwas ruppige Art, die Marek am Anfang noch auf Abstand gehalten hatte, gefiel ihm immer besser. Bryne verstellte sich nicht. Kein Mann der großen Gefühlsausbrüche, aber er schien das Herz auf dem rechten Fleck zu haben. Marcus dagegen blieb undurchsichtig. Manchmal schien sich hinter seiner steifen Haltung so etwas wie Sympathie zu verbergen, dann wieder war er bloß der höfliche Stichwortgeber im Hintergrund. Und Luise … sie war schlicht ein Goldstück. Warmherzig, fürsorglich, immer mit einem Auge auf das Wohl der anderen bedacht. Marek mochte sie auf Anhieb.
„Würdest du uns entschuldigen?“, sagte Bryne schließlich und stellte die leere Tasse ab. „Wir müssen noch etwas besprechen.“
„Ja, natürlich. Ich sollte ohnehin weiter auspacken.“ Marek stand auf, nickte den beiden zu und ging zur Tür.
„Du musst vorsichtiger sein“, zischte Marcus, als Marek den Raum verlassen hatte und die Tür zuglitt. Marek drehte sich noch einmal um. Er wollte noch näher herantreten, um zu lauschen, doch Schritte hallten durch den Gang. Hastig wandte er sich ab und ging weiter, durch den Speisesaal, in die Halle, die Stufen hinauf. Was hatte Marcus damit gemeint? Wobei sollte Bryne vorsichtiger sein?
Im zweiten Stock blieb er stehen. Der Gang zu seiner Wohnung lag rechts, doch sein Blick fiel auf die Treppe, die weiter nach oben führte – zum dritten Stock.
Craig hatte ausdrücklich gesagt, dass dieser Bereich tabu war.
Er starrte nach oben. Die Schatten lagen still auf den Stufen, kein Laut war zu hören. Marcus und Bryne waren unten in der Küche, Craig würde erst am Abend zurückkehren.
Ein leises Kribbeln kroch ihm über die Finger. Neugier, altvertraut und unwiderstehlich.
Er machte einen Schritt. Die erste Stufe knarrte kaum hörbar.
Er hielt den Atem an. Nichts.
Vorsichtig setzte er den nächsten Fuß auf. Wieder Stille. Nur sein Herz pochte zu laut in seiner Brust.
Und dann schlich sich Marek Schritt für Schritt weiter nach oben.
Oben angekommen, stand Marek vor zwei Türen. Die eine schlicht, aus dunklem Holz, fast unscheinbar. Die andere war ein Kunstwerk: mit zarten Intarsien verziert, deren Muster im schrägen Licht schimmerten. Automatisch zog es ihn dorthin.
Er legte vorsichtig die Hand auf die Klinke, atmete einmal tief durch und drückte sie hinunter. Mit einem kaum hörbaren Klick sprang sie auf.
Mareks Herz machte einen Satz.
Er zögerte einen Augenblick, dann spähte er durch den Spalt. Das Licht dahinter blendete ihn. Erst nach einigen Sekunden gewöhnten sich seine Augen daran.
Vorsichtig lugte er durch die Öffnung. Dahinter befand sich ein prunkvoller Gang. Auf der linken Seite reihten sich Gemälde aneinander, von schweren, dunklen Rahmen eingefasst. Zwischen ihnen führten Türen in weitere Räume.
Die rechte Seite bestand fast vollständig aus hohen Fenstern, deren Glas im Licht matt schimmerte. Davor hingen Vorhänge aus schwerem, dunkelrotem Samt, die das Sonnenlicht zu einem gedämpften, goldenen Schimmer verwandelten.
Marek trat ein und schloss leise die Tür hinter sich. Verdammte Neugier, dachte er, doch sein Herz klopfte schneller, als er es zugeben wollte.
Langsam ging er an den Gemälden entlang.
Die Gesichter blickten auf ihn herab – stolz, kühl, fast überheblich. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er befand sich zweifellos in einer Ahnengalerie.
Das erste Porträt zeigte den Schlossgründer: ein finsterer Mann in dunkler Rüstung, die Hand auf dem Knauf eines Schwertes. Typisch frühes Mittelalter, dachte Marek, da hatten die Menschen nicht viel zu lachen.
Unter den Bildern waren kleine Messingtäfelchen angebracht, deren Gravuren im Licht glänzten. Die Namen in geschwungenen Schriften und darunter die Jahreszahlen: Generation um Generation, sorgfältig geordnet wie die Seiten eines Familienbuchs.
Je weiter er ging, desto feiner wurden die Züge der Porträtierten, doch gleichzeitig auch distanzierter und versnobter.
Dann blieb Marek stehen. Vor ihm hing das Porträt eines Mannes mit kühlem Blick und unverkennbar vertrauten Gesichtszügen. Gregory Chrisholm – Lord of Grisper Castle, 1648–1709.
Marek trat einen Schritt näher. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Die gleichen Augen, die gleiche Nase, dieselbe Haltung. Hätte Gregory einen Bart getragen, hätte man schwören können, Craig selbst stünde dort, nur in Öl verewigt.
Ein Bild weiter: David Chrisholm, Gregorys Sohn.
Dann John, der Rotschopf, dessen Haare auf dem Gemälde fast zu glühen schienen. John, der Ginger, dachte Marek und musste schmunzeln.
Er ging weiter. Edward Chrisholm, 1791–1856. Ein ernster Blick, ein blonder Vollbart, aber eindeutig dieselbe Linie.
Und da fiel es ihm auf. Etwas hatte sich verändert. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, etwa ab Gregory, begann die Familie, sich zu gleichen, auffallend, fast unheimlich. Davor waren die Gesichter noch verschieden, wie die Jahrhunderte selbst. Doch seit Gregory, immer dasselbe Muster. Dieselben Augen. Dieselbe Aura.
Ein kalter Hauch strich über Mareks Nacken. Er drehte sich um, doch der Gang war leer.
Marek wollte gerade zum nächsten Porträt übergehen, da hörte er Schritte auf der Treppe. Fest und entschlossen, das konnte nicht Marcus sein. Dessen Gang war gemächlicher, beinahe lautlos.
Panik stieg in ihm auf. Was, wenn Craig ihn hier erwischte?
Marek sah sich hektisch um. Der Gang bot kaum Versteckmöglichkeiten, nur die schweren Samtvorhänge an den Fenstern. Er schlich zu einem der Fenster, stieg auf die breite Steinbank darunter und zog den Vorhang über sich.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er presste sich an die Wand und versuchte, seinen Atem zu kontrollieren. Alles wird gut, redete er sich ein. Ein dünner Schweißfilm legte sich auf seine Stirn.
Die Schritte kamen näher. Dann öffnete sich die Tür und wurde wieder geschlossen.
Marek hielt den Atem an. Der Hereinkommende kam näher. Schritt für Schritt. Er hielt die Luft an. Nur nicht atmen. Nur still sein. Jetzt war der andere auf Mareks Höhe.
Er schloss die Augen und wagte kaum zu atmen. Nur der dünne Stoff des Vorhangs trennte ihn vom Entdecktwerden.
Die Schritte gingen an ihm vorbei und wurden leiser.
Vorsichtig öffnete Marek die Augen. Er zog den Vorhang ein kleines Stück zur Seite und stockte.
Bryne.
Marek blinzelte ungläubig. Hatte Craig nicht gesagt, der dritte Stock sei für das Personal tabu?
Bryne ging den Gang entlang, bis zur vorletzten Tür. Er öffnete sie, verschwand im Raum dahinter und schloss sie von innen.
Kurz darauf hörte Marek ein leises Kratzen. Dann Stille. Totenstille.
Er blieb noch einen Moment reglos hinter dem Vorhang stehen, unschlüssig, was er tun sollte.
Sollte er warten, bis Bryne zurückkam? Aber was, wenn Craig in der Zwischenzeit auftauchte? Zurück ins Treppenhaus? Zu gefährlich. Also Angriff. Wenn er einfach hinüberging, konnte er so tun, als hätte er Bryne gesucht und das Verbot gar nicht gekannt.
Leise stieg er von der Fensterbank, schlich den Gang entlang und blieb vor der Tür stehen, hinter der Bryne verschwunden war. Zweimal atmete er tief ein. Dann klopfte er zaghaft.
Keine Antwort.
Marek zögerte. Dann legte er die Hand auf die Klinke und drückte sie hinunter. Die Tür gab nach.
Vorsichtig schob er den Kopf durch den Türspalt und trat ein.
Marek stockte. Das Zimmer war leer. Kein Bryne, kein Möbelstück, nicht einmal ein Teppich. Nur ein einziger, großer, goldgerahmter Spiegel hing an der gegenüberliegenden Wand. Fast zwei Meter hoch. Das Licht, das durch die halbgeschlossenen Vorhänge fiel, brach sich in der Fläche und flackerte über die Wände. Mareks Herz klopfte schneller.
Er trat einen Schritt näher. Sein eigenes Spiegelbild blickte ihm entgegen, blasser, als er erwartet hatte.
Er drehte sich um und checkte noch einmal den Raum. Niemand zu sehen.
Nur der Spiegel.
Ein kaltes Prickeln zog ihm den Rücken hinauf. Er stolperte zurück, drehte sich um und rannte aus dem Raum, den Flur entlang. Erst langsam, dann immer schneller. In seinem Kopf hämmerte nur ein Gedanke: Raus hier.
Am Ende des Ganges blieb er kurz stehen und lauschte. Nichts. Ängstlich lugte er durch die Tür ins Treppenhaus. Es war leer.
Beinahe erleichtert atmete er aus, schlüpfte hinaus und zog die Tür leise hinter sich zu. Seine Schritte auf den Stufen waren hastig, aber leise.
Erst als er wieder in seinem Stockwerk ankam, wagte er zu atmen. Es war gutgegangen. Doch wo war Bryne geblieben? Hatte er sich getäuscht?
In seiner Wohnung ließ er sich erschöpft auf die Couch sinken. Amadeus sprang zu ihm und rollte sich schnurrend neben seinem Oberschenkel zusammen. Marek kraulte ihn gedankenverloren am Hals und starrte ins Leere.
Je länger er darüber nachdachte, desto weniger ergab das alles Sinn und desto stärker spürte er eine Sache in sich wachsen: Faszination.
Irgendetwas ging hier vor sich. Etwas Geheimnisvolles. Verborgenes. Etwas, das er verstehen wollte, nein, musste.
Er lehnte sich zurück. Ich werde dieses Rätsel lösen, dachte er. Was auch immer es ist.
Ein vertrauter Duft stieg ihm in die Nase. Er richtete sich auf, sah sich um. Auf dem Schreibtisch stand eine Tasse. Daneben das Foto seines Vaters.
Langsam ging er hinüber, nahm die Tasse in die Hand und roch daran. Heiße Schokolade – mit einem Hauch Vanille.
Marek blinzelte. Wie konnte das sein?
Doch ehe er sich weiter wundern konnte, erklang ein klagendes Miauen. Amadeus saß neben ihm, die Ohren gespitzt und den Kopf leicht schiefgelegt, der Kater war eindeutig hungrig.
Marek atmete tief aus, stellte die Tasse ab und schüttelte kaum merklich den Kopf. Vielleicht bildete er sich das alles nur ein. Aber der Duft der Schokolade blieb.
