Verlag: Kiepenheuer & Witsch eBook Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung GRM - Sibylle Berg

»Vermutlich war der Einzelne schon immer unwichtig. Es fiel nur weniger auf.« Die Brave New World findet in wenigen Jahren statt. Vielleicht hat sie auch schon begonnen. Jeden Tag wird ein anderes westliches Land autokratisch. Algorithmen, die den Menschen ersetzen, liegen als Drohung in der Luft. Großbritannien, wo der Kapitalismus einst erfunden wurde, hat ihn inzwischen perfektioniert. Aber vier Kinder spielen da nicht mit – sondern gegen die Regeln. Und das mit aller Konsequenz. Willkommen in der Welt von GRM. Sibylle Bergs neuer Roman beginnt in Rochdale, UK, wo der Neoliberalismus besonders gründliche Arbeit geleistet hat. Die Helden: vier Kinder, die nichts anderes kennen als die Realität des gescheiterten Staates. Ihr Essen kommt von privaten Hilfswerken, ihre Eltern haben längst aufgegeben. Die Hoffnung, in die sie sich flüchten, ist Grime, kurz GRM. Grime ist die größte musikalische Revolution seit dem Punk. Grime bringt jeden Tag neue YouTube-Stars hervor, Grime liefert immer neue Role-Models. Als die vier begreifen, dass es zu Hause keine Hoffnung für sie gibt, brechen sie nach London auf. Hier scheint sich das Versprechen der Zukunft eingelöst zu haben. Jeder, der sich einen Registrierungschip einpflanzen lässt, erhält ein wunderbares Grundeinkommen. Die Bevölkerung lebt in einer perfekten Überwachungsdiktatur. Auf der Straße bleibt nur der asoziale, vogelfreie Abschaum zurück. Die vier Kinder aber – die fast keine Kinder mehr sind –, versuchen außerhalb des Systems zu überleben. Sie starten ihre eigene Art der Revolution.

Meinungen über das E-Book GRM - Sibylle Berg

E-Book-Leseprobe GRM - Sibylle Berg

Sibylle Berg

GRM

Brainfuck

Roman

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Sibylle Berg

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

FörderhinweisDas JahrtausendDonHannahKarenDons MutterPeterDie MutterDr. BrownHannahs VaterSergejMutterDer RusseThomeDas RotwildThomes VaterDer WalterKarens großer BruderPatukAlte FrauPolizistinVor der PausePauseEs läuft gutSir Ernest (Earl)KommunikationsberaterinProgrammiererMa WeiCarlDie FreundeDer Bodycam-MannMaggyHerr M.RogerDer durchschnittliche EngländerLaborchefEhrlichen MannesJobnomadenKurierfahrerBoxerAttentäterDie achtjährige NutteKevinSchwitzenden MannBertas und HenrysRachelJungen Männer.ArthurStudentinRobEine FrauPhilosophMatratzenhändlerAbdullah B.Die LebensbejaherProf. Dr. KuhnJonProfessorMittelalte LehrerFrau mit den dünnen HaarenBankerDas KindDer neue PremierministerFrau CecilieDer JournalistEiniges später gibt es ...DankBild der Autorin
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Mit Unterstützung vonPro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung

 

und der Stadt Zürich

 

 

Hierfür ein ganz herzlicher Dank.

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Das Jahrtausend

Begann lausig.

Es gab keinen Computerbug.

Es gab keine verdammte Katastrophe.

Dabei hatten sich die Bewohner der westlichen Welt darauf gefreut, dass nach den unendlich öden 90er Jahren endlich etwas passieren würde. Etwas, das nicht mit einer Finanzkrise zu tun hätte, die nur für Investmentbanker eine Aufregung bereitstellte, auf den letzten Metern vor dem Aufprall ihrer fitten Körper auf dem Asphalt. Wird mein enorm fitter Körper ebenso auf dem Pflaster zerplatzen wie ein weißer, dicker, untrainierter Verliererleib? Oder wird er abprallen, in die Luft federn?

Das frische Jahrtausend hatte eine Überschrift. Sie hieß. ADHS. Kursiv darunter stand: Wir ordnen den Scheiß jetzt neu.

Es war die Zeit, in der Facebook groß wurde. In der viele ältere Leute dachten, das Internet bestünde nur aus dieser Idiotenplattform.

Es war die Zeit der massenhaften Falschmeldungsverbreitung, der Massenmanipulation. Die Menschen wurden unglaublich schnell süchtig nach den Likes ihrer Unbekannten. Die Jugendlichen wurden noch schneller abhängig von einer Erregung, die aus der Mischung von Mobbing, Gewalt, Sex und Bullshit entstand.

Es war die Zeit, in der zur realen Grausamkeit der Menschen noch die virtuelle hinzugefügt wurde.

In der die Sehnsucht nach Verständnis zu einer Wut der Unwissenden wurde.

Nie gab es so viele durch das Netz befeuerte Verschwörungstheorien. Der Vatikan, die Koch-Brüder, die Hayek-Gesellschaft, der Club of Rome, die Reptiloiden, die flache Erde – mit der täglich immer komplizierter scheinenden Weltlage wuchs der Wunsch der Bevölkerung nach einem Donnergott.

Es war die Zeit vor irgendwas.

Es ist ja immer die Zeit vor irgendwas.

Später also, nachdem das neue Jahrtausend sich ein wenig warmgelaufen hatte, gab es dann doch ein kollektives Ereignis, das die Menschen in einer Erregung vereinte: Ein Flugzeug flog ins Pentagon und hinterließ ein Loch im Gebäude, das wirkte so, als hätte jemand mit der nassen Hand einen Tunnel in eine Sandburg gegraben. Zwei andere Flugzeuge landeten in Hochhäusern. Die Hochhäuser fielen in sich zusammen, und schon wieder sprangen Menschen aus den Fenstern.

Es war das Jahrtausend, in dem der Zweifel über die Weltbevölkerung kam. Und es normal wurde, dem Staat und den Geheimdiensten, der Presse und den Brillenträgern, dem Wetter, den Büchern, den Impfungen, den Wissenschaftlern und den Frauen zu misstrauen.

Das neue Jahrtausend brachte den Menschen, die das Glück hatten, frisch geboren worden zu sein, eine Reihe unschlagbarer Vorteile. Weltweit ging es der Bevölkerung besser. Hieß es. Sie lebten länger, zufriedener, die Bildung nahm zu, die Säuglinge überlebten das Säuglingsstadium. Die Märkte hatten es gerichtet. Prost auf die Märkte.

Es gab ein paar Verlierer. Sie hatten entweder Pech gehabt oder sich nicht hinreichend um Erfolg bemüht. Jeder konnte aus seinem Leben etwas machen. Wenn er nur wollte. Großartig.

Man gewann fossile Brennstoffe. Mit hydraulischer Fraktuierung wurde der Meeresboden von Erdgas und -öl befreit. Stuxnet – der Computervirus – verlangsamte das iranische Atomprogramm. Blockchain, das die Banken überflüssig machen würde, war erfunden. Die E-Bombe dito. Die Welt sortierte sich neu, der Westen kämpfte um den Erhalt seiner Wichtigkeit. Im Osten schlossen sich China, Russland, Japan und Korea zusammen, um die Märkte neu zu interpretieren.

Die Sprachkommunikation mit Computern wurde eingeführt. AI war noch kein populäres Thema. Die Menschen hatten Handys. Sie fotografierten sich. Sie hatten zu tun. Unentwegt.

 

Das ist die Geschichte von

Don

Gefährderpotenzial: hoch

Ethnie: unklare Schattierung von nicht-weiß

Interessen: Grime, Karate, Süßigkeiten

Sexualität: homosexuell, vermutlich

Soziales Verhalten: unsozial

Familienverhältnisse: 1 Bruder, 1 Mutter, Vater – ab und zu, aber eher nicht

Sie beginnt in Rochdale.

Fucking Rochdale. Ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung vor unmotivierter Bautätigkeit in ein Museum stellen müsste. Messingschild: »So leben Menschen im neuen Jahrtausend, wenn sie sich nicht an die Gegebenheiten der Märkte anpassen.«

Ein Sammelbecken für die Unnützen. Ein Pool nicht-genmodifizierten Ausschusses.

Also Rochdale. Ein kleines Kaff in der Nähe von Manchester. Bekannt für sein konstantes Wetter. Also schlecht. Rochdale war laut den Berechnungen bereits im fünften Jahr die deprimierendste Stadt des Königreiches. Stadtgewordene Gehirnschäden sind absolut nicht konsumfördernd, und also befand sich die Stadt im Todeskampf. Seit Jahrzehnten. Wie Tausende Städte des Westens, die sich alle ähnelten: Backsteinhäuser, durchgeweichte Straßen und ein Kino, geschlossene Postämter, geschlossene Supermärkte. Das Zeug braucht man nicht mehr, denn es ist die Zeit des Internets. In dem man jeden Film streamen kann. Alle notwendigen Lebensmittel, sprich Margarine und Weißbrot, kaufen kann. Die Pappkartons werden in die Häuser geliefert. Die Insassen hätten aber auch genauso gut Tapete mit Salz bestreuen und verzehren können.

Rochdale war in den überschaubaren Zirkeln Objektophiler berühmt für die sieben Hochhäuser. Mithin sah man sie verstohlen um die Sozialbauten streichen und hektisch die blätternde Fassade lecken. In den Seven Sisters, so ihre inoffizielle Bezeichnung, war jede Woche etwas los. Was meist mit dem Ableben eines Menschen zu tun hatte. Don beneidete die Menschen, die dort leben durften. Sie hatten das interessantere Leben. Interessanter als das ihre, das in einer ganz normalen Sozialsiedlung ein paar Minuten entfernt stattfand. In den Seven Sisters wurde im großen Stil mit Drogen gehandelt, da erschlugen sich Familienmitglieder, und immer wieder sprangen oder – sagen wir – glitten Menschen aus einem der oberen Stockwerke in die Tiefe. Don hatte damals noch keine Toten gesehen und war überzeugt, dass der Anblick ihr ein großes Geheimnis offenbaren würde. Vielleicht würde er noch einmal die Augen öffnen, der Tote, und im Stil einer BBC-Reporterin mit Helmfrisur fragen: »Und, wie ist das so für einen jungen Menschen« – innehalten und nachdenken, ob das Substantiv zutreffend ist –, »in dieser Stadt aufzuwachsen?« Don würde so tun, als dächte sie nach, und dann sagen: »Wissen Sie, jeder hält doch das Leben, in dem er sich aufhält, für normal. Man kennt kein anderes. Ich wurde hier geboren und habe die Stadt in ihrer Schäbigkeit nie hinterfragt. Sie ist da, wie das schlechte Wetter, wie die langweiligen Schulferien, ich habe nicht darüber nachgedacht, dass es andere Orte gibt. Oder sagen wir so. Ich weiß, dass im Netz behauptet wird, es gäbe sie.«

Der Tote würde kurz insistieren: »Ist Ihre Ausdrucksweise wirklich kindgerecht?«, bevor er weiter tot sein würde.

Don war nicht mehr Wurmfortsatz ihrer Eltern, sondern ein selbständiger Mensch. Sie hatte keine Angst mehr, wenn ihre Mutter nicht anwesend war, suchte deren Gesicht nicht mehr nach Anzeichen des Unmutes ab, sie fragte sich nicht mehr, wie sie ihre Mutter endlich glücklich machen könnte. Kurz gesagt, fragte Don sich nicht mehr, welche Anstrengungen sie unternehmen könnte, damit sie endlich geliebt würde. Es ging Don besser ohne diese komplette emotionale Abhängigkeit.

Wäre sie älter und von ihrer Wichtigkeit erfüllt, würde sie Dinge murmeln wie: »Ich kann sehr gut mit mir alleine sein.« Es fragte sie nur keiner, denn Don war so jung, dass Erwachsene sie nicht als Menschen betrachteten. Dabei war alles schon vorhanden. Die Gefühle, die Gedanken, die Einsamkeit. Es gab nur noch keine vertrauten Fächer, um die Gefühle ordentlich zu sortieren.

Don empfand die ersten Jahre ihres Lebens nicht als schrecklich. Vielleicht ein wenig bleiern, ohne dass sie damals das Wort dafür gekannt hätte. Vielleicht ein wenig öde und ruhelos, wie es normal ist in der Zeit, in der Kindheit zu Jugend wird, in der man ahnt, dass sich etwas ändern wird, aber nicht weiß, was. Don

Hatte Musik.

Scheinbar nur für sie war Grime erfunden worden. Don wusste nicht, von wem, auch nicht, aus welchen Bestandteilen – das war Diskussionsstoff für junge Männer, die sich mit Fachbegriffen eine Aura von Unbesiegbarkeit verleihen konnten –,

Don wusste nur, dass die Musik so klang, wie sie sich gerne fühlen würde. Wütend und gefährlich. Die Stars hatten die besten Turnschuhe, Ketten und Autos. Sie hatten es geschafft. Sie waren Helden.

Grime lief im Viertel den ganzen Tag. Als Musik zum Lebensgefühl. Wobei Kinder nicht von einem Lebensgefühl reden würden – es war ihr Leben. Wenn man erwachsen war, betäubte man aufkommende Gefühle mit Drogen, wenn man jung war, hörte man Musik. Und betäubte sich im Anschluss mit Drogen. Grime war wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben. Don hörte Grime im Bett, im Bad oder draußen. Dem tollen Draußen.

Also –

Vor dem Fenster eine Laterne, Regen oder etwas Ähnliches, vermutlich waren nur die Fenster schmutzig. Die Wohnung befand sich im Erdgeschoss und im ersten Stock. Man konnte das Ganze, wenn man bescheuert war, als Townhouse bezeichnen.

Als sehr, sehr kleines, schäbiges Townhouse. Das Ding bestand aus zwei kleinen Zimmern mit Blick auf den betonierten Sitzplatz und einen Metallzaun. Irgendwann beim Fernsehen war Don aufgefallen, dass etwas in all den Filmen aus dem Ausland fehlte: Metallzäune. Die gab es in der manischen Häufigkeit nur in England. Alle paar Meter. Rot, grün, blau, egal, Hauptsache Zaun, Hauptsache Metall. Jeder Scheiß wurde damit vom Leben abgetrennt – Schulen, Parks, Kindergärten, Feuermelder. Unklar, ob sie dem Bürger Sicherheit geben sollten, ein Gefühl der Heimat inmitten unruhiger Zeiten, oder ob sie einfach nur rumstanden, als Farbakzent im Grau. Don jedenfalls wünschte sich einen Zaun um ihr Bett, der ihren Bruder fernhielt. Dem sie nicht besonders nahestand.

Hinter dem Zaun, draußen, befand sich ein Weg, über den sich die anderen Bewohner des Blocks, einen Meter von ihrem Fenster entfernt, immer mit einem imaginären Rollator bewegten. Es war relativ dunkel und in befremdlicher Art feucht, aber das merkte Don damals nicht. Dass es immer zog, schien ihr normal. Ihre Mutter war noch einigermaßen in Schuss, sie tat ihr Bestes, um Familie zu spielen, aber es wirkte unbeholfen, als wollte sie ein Puppenhaus aus Schlamm bauen.

Dass alles schlimmer werden könnte, war damals noch keine Option. Keine Option für ein Kind, denn die Angst vor der Zukunft ist ein Hobby der Alten, die ohnehin keine Zukunft mehr haben. Damals war Dons Welt in Ordnung, bis auf den Umstand, dass sie keinen Zaun um ihr Bett besaß, oder noch besser: einen Kellerraum, in den sie ihren Bruder hätte sperren können. Der Bruder wimmerte. Vermutlich pinkelte er wieder ins Bett. Fast meinte Don,

Den Urin aus ihm laufen zu hören und

Don war –

Aufgebracht.

Viele schafften das nicht mehr. So eine gute Wut zu erzeugen. Die meisten Älteren, die in Dons Stadt abhingen, waren betäubt und müde und hockten in den Ecken und hatten kaum mehr die Energie, den Kopf zu heben. Ab und zu wurden sie gefüttert, aber. Das vertrug ihr Magen nicht mehr, diese feste Nahrung in einem aufgelösten Dasein, dann übergaben die Menschen sich, die zu unentschlossen waren, um ihren Kopf aus dem Erbrochenen zu heben im Anschluss. Die meisten, denen Don begegnete, waren alt. Was jetzt kein Kunststück war, mit sieben – oder fast sieben. Oder fast acht, aber natürlich älter aussehend. Oder sich fühlend, als ob man älter aussähe. Dons Haare wuchsen senkrecht nach oben. Ihre Augen waren schräg und dunkel, und Don war klein, selbst für eine fast Sieben- oder Achtjährige. Sie war klein und wütend. Dons Wut war so präsent in ihrem Tagesablauf, dass sie nicht sagen würde: »Mann, was bin ich wütend heute.« Sie kannte keinen anderen Zustand. Sie war wütend seit ihrer Geburt. Oder von dem Tag an, an den sie sich erinnern konnte. Sie hasste die Welt, in der sie leben musste. Die ein paar Quadratmeter groß war.

Sie hasste diese Welt und war nicht mit ihr befreundet. Sie hatte nicht einmal eine Beziehung zu ihr oder dem Platz, der ihr per Geburt zustand, mit dem für sie vorgesehenen Lebenslauf, der zuerst eine schlechte Schulbildung bereithielt. Falls sie die überlebte und nicht aus Versehen in eine Messerstecherei geriet, würde der Versuch, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, folgen.

Keine Lehrstelle bekommen, auf Ämtern sitzen und Sozialhilfe beantragen, keine Sozialhilfe bekommen, weil irgendein Papier fehlt; ihre Mutter erhängt zu Hause vorfinden, die Wohnung verlieren, in eine Art Junge-Frauen-Heim kommen, schwanger werden von irgendwem, verprügelt werden, weil sie schwanger geworden ist, das Kind zur Adoption freigeben, oder auch nicht, es ist egal. Sie würde auf eine Wohnung in einem Sozialbau warten, dann wohl anfangen zu saufen und Crack zu rauchen und Fernsehen zu schauen, Menschen beim Pseudoleben, beim Leben, wie es gedacht war, betrachten. Hellhäutige Personen, die in Gärten Tee tranken und ehrliche Arbeit mit ihren unglaublich zupackenden Händen ausübten. Sie verliebten sich, die Leute im Fernsehen. Und dann passierte: fucking Geigen-Musik.

In Dons Welt verliebte sich keiner. Die Menschen in ihrer Stadt hassten sich oder klammerten sich aneinander, wegen der Panik, die alle spürten, und keiner wusste zu sagen, woher sie kam, diese Aufgebrachtheit. Sie hatten doch Wohnungen. Meistens. Sie hatten doch Essen. Eine Art von Essen.

Don las viel, verstand wenig, und doch so viel mehr, als Erwachsene einem sogenannten Kind zutrauten.

Don fühlte:

Wut.

Das ist euer Ernst? Dieser Haufen Dreck, den ihr hier lieblos hingeschmissen habt? »Pass auf! Das ist übrig. Nicht toll, aber es ist deins. Das ist die Erde, die wir leer gefressen haben, das ist dein Viertel, deine Stadt, die diente dazu, Arbeiter unterzubringen, damit sie schnell irgendwelchen Mist herstellen können, den es nicht mehr braucht. Hörst du? Es benötigt die Menschen in deiner Stadt zu nichts, außer um rechtsnationale Idioten zu wählen, die immer eine Antwort auf die Frage nach der Schuld haben.«

Wenn der Mensch weiß, wer schuld ist, geht es ihm besser, dann ist eine göttliche Gerechtigkeit wiederhergestellt. Und es gibt ein Ziel für Dons Hass. In ihrer Stadt hasste man den Fremden. Punkt. Dons Stadt, die sie nie verlassen würde, in der sie ihr Leben herumbringen konnte. Es zu Ende bringen, eigentlich war es schon vorbei, ehe es angefangen hatte, denn sie war am falschen Ort geboren. Von falschen Eltern, und außerdem war das Wetter mies. Hatte sie einer gefragt? Hatte sie irgendeiner gebeten, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, nach Regeln, die nicht ihre waren? Welche Menschenpflicht erfüllten sie mit ihrem Aufenthalt und ihren Ausscheidungen zwischen acht Milliarden – oder wenn der Gedanke fertig war, waren es vielleicht schon neun –, die hier herumkrochen und schauten, ob sie noch irgendeinen Vorteil aus irgendetwas ziehen konnten. Die alle etwas – wollten.

Das Leben war ein Geschenk.

Eingestickt auf pinkfarbenen Wandteppichen hing dieser unglaublich dumme Spruch in den feuchten Küchen der Slumbewohner. Was war, wenn man es ablehnte? Wenn man dieses Geschenk in der Form, die für einen vorgesehen war, einfach nicht besonders interessant fand? Aus seinem Umfeld entkam keiner mehr durch Arbeit. Die es nicht mehr gab.

In andere Lebensbedingungen gelangte man nicht mehr, dafür war kein Platz vorgesehen in einer Welt, in der wenige Menschen darauf bedacht waren, sich viele Menschen fernzuhalten.

»Warum habt ihr das gemacht?« Will man die Alten fragen. »Warum erzeugt ihr Kinder, die ihr dann hasst, weil sie laut sind, weil sie Verlierer sind – vom ersten Moment, und weil ihr euch seht, eure miese Kindheit seht, in ihnen, weil ihr wisst, dass ihr es versauen werdet, wie eure Eltern und deren Eltern durch eure Weitergabe von Chancenlosigkeit.

Wozu? Lasst ihr die Kinder in ihrem Urin vor dem Bett hocken, in dem ihr besoffen liegt oder mit irgendjemandem fickt? Ihr geilt euch an den kleinen Knochen auf, die so leicht brechen, und an dem Gefühl, endlich einmal Macht zu haben über jemanden, der Angst vor euch hat, und dann seht ihr die Kinder an, glasig, und hasst sie in ihrer Bedürftigkeit, die eurer so ähnlich ist. Euch wird ja auch nicht geholfen, von keinem.

Da ist eine Genugtuung in euren matten Hirnen, wenn ihr eure Kinder quält, oder? Jetzt zeigt ihr’s denen richtig. Denen da oben. Die euch ausgelagert haben, weg von den Zentren, durch die sie in eleganten Elektromobilen fahren und von einer blühenden Zukunft reden.

Ihr könntet streiken, aber wozu, wenn ihr nichts leistet. Interessiert keinen. Ihr könntet einen bewaffneten Widerstand beginnen, aber – ihr habt keine Kraft mehr. Und keine Waffen. Und keine Idee, auf wen ihr sie richten sollt. Also bleibt ihr liegen. Mit dem Gesicht in eurem Erbrochenen.

Warum laufen diese Männer da draußen immer noch frei herum, die noch nicht einmal Väter sein wollen, sondern nur auftauchen, um zu ficken oder die Frauen zu schlagen, totzuschlagen, ehe sie dumpf in der Ecke kleben bleiben und sagen: Das habe ich doch nicht gewollt. Ihr habt das alles nicht gewollt? Das ist einfach so passiert, dass es da draußen stinkt und immerzu regnet. Und dass man vom ersten Moment an Angst vor allen anderen haben muss, weil man diesen sogenannten Überlebensinstinkt hat. Das hält doch keiner aus.«

Don hielt das nicht aus.

Und

Weigerte sich, ihren vorgesehenen Platz als Abschaum einzunehmen.

Und

Wartete nicht mehr auf Liebe,

Wartete nicht darauf, dass da so etwas wie eine Zukunft vor der Haustür wuchs. Da würde nichts mehr wachsen, da war Wüste, von den Alten hinterlassen, mit diesen sogenannten Lebensbedingungen. Und ja verdammt, Don war passiv-aggressiv, sie war weiblich, die konnten das nicht besser. Sollte sie sich fucking Testosteron spritzen, um nur noch wütender zu sein, sollte sie sich Hormone reinjagen, um zu glauben, sie sei klüger, als sie war, und dass sie die Welt beherrschte?

Leute wie sie wurden früher in Zoos ausgestellt. Fiel ihr unzusammenhängend ein.

Wenn Menschen die Gelegenheit bekommen, andere zu quälen, werden sie es tun. Wenn sie die Gelegenheit bekommen, dem anderen etwas wegzunehmen, werden sie es tun, dieser Mechanismus, oder nenn es: diese Instinkte. Die sie agieren lassen, ohne zu denken, die sie losmarschieren lassen und alles ausrotten, was sich ihnen in den Weg stellt –

Don hasste die Dummheit, die Brutalität, die Verschlagenheit und Falschheit, den Geruch, die unbehaarten, schwitzenden Körper und die feuchten Finger, die alles auf Verwertbarkeit abtasten.

»Ihr wollt Krieg, ihr bekommt Krieg.«

Sagte Don. Zu sich.

 

Das ist die Geschichte von

Hannah

Ethnie: asiatisch?

Sexualität: heterosexuell

Interesse: egozentriert

Intelligenz: vorhanden

Herausragende Eigenschaften: keine

Familienzusammenhänge: Einzelkind, liebevolle Eltern

Bevor sie Karen, Don und Peter traf.

Als sie noch nicht wusste, was Rochdale meint oder Traurigkeit. Ein kleiner Rückblick

Also. Hannah

Wohnte in Liverpool mit zwei freundlichen Eltern, die typisch für die untergehende Mittelschicht waren. Sie hatten ein Haus mit einem verranzten Hof dahinter gemietet, besaßen zwei Fahrräder und konnten ihre Stromrechnungen zahlen. Hannah hielt die Liebe der Eltern für den Normalzustand – dass sie von ihnen in die Luft geworfen und gestreichelt wurde. Dass sie ihre Hand hielten und unendlich stolz auf sie waren, dass sie an ihrem Bett saßen und in ihr Zimmer kamen, wenn sie schlief, um nachzusehen, dass sie noch lebte, hielt Hannah für selbstverständlich. Durch die ständige Zuneigung ihrer Eltern hatte sie ein überbordend großes Kinderego bekommen. Sie hatte keinen Zweifel an sich selbst. Hannah war groß und dünn und sah nie wie ein niedliches Kind aus. Eher wie die kleine Ausgabe einer interessanten Erwachsenen. Sie wollte nie lange Haare oder Kleider oder pinkes Zeug, sondern studierte eingehend alte Bilder von Katherine Hepburn. Im Netz. So wollte sie einmal aussehen, später. Unnahbar und ein wenig Furcht einflößend.

Hannahs Elternhaus befand sich in einer Problemgegend der Stadt, die vornehmlich aus Problemgegenden bestand. Aber ihre Problemgegend war eindeutig die problematischste. Oft hörte man draußen Schießereien, selten hörte man Sirenen, die Polizei hatte das Viertel schon lange aufgegeben. Aber das war Hannah egal. Alles, was draußen war, konnte ihr nichts anhaben, wenn sie in ihrem Bett lag und die Eltern leise miteinander redeten.

Das Gefühl, absolut behütet und geliebt zu werden, würde sie später vor vielem retten.

Davor, sich umzubringen, zum Beispiel –

Das schien

Don

So unbegreiflich. Das Totsein, Wegsein, nicht mehr wütend Sein. Dons Faszination, die sie allem Sterbenden gegenüber empfand, endete an dem Tag des sogenannten Massakers. Mit Ereignissen dieser Art – also: durchgeknallter Teenager schießt andere Teenager um – hatte man im Land wenig Erfahrungen, denn es gab kaum Väter mit einem gut bestückten Waffenschrank, wenn man die Jagdgewehre der Oberschicht außer Acht ließ. Die Väter in Rochdale hatten Bier. Falls da Väter waren, denn Dons Erfahrungen mit Elternteilen bestanden, wie die der meisten Kinder, hauptsächlich aus dem Kontakt mit überforderten Frauen.

Don hatte von dem Ereignis nicht viel in Erinnerung behalten. Außer Schüssen, die klangen wie Silvesterraketen, schreienden Kindern, die klangen wie unter Wasser, und verlangsamten Bildern von Menschen, die in diverse Richtungen rannten oder krochen. Don hatte, am Boden liegend, darüber nachgedacht, in welcher Form der Killer sein Vorhaben wohl im Netz angekündigt hatte. Hatte er sich selbst gefilmt? Mit Hoody? Saß der Killer oder stand er mit dem Gewehr, und hatte er etwas gesagt, das »System, Verachtung, Frauen, nie wahrgenommen, und jetzt zeige ich euch wie …« beinhaltete? Welche Musik hatte er unter das Video gelegt? Slipknot? Etwas noch Dumpferes? Pitbull? Vermutlich war er, wie die meisten hier, nicht das hellste Licht am Kranz.

Einige Kinder jedenfalls, am Boden liegend, machten Fotos von sich am Boden liegend, während des sogenannten Massakers. Einige besaßen iPhones. Die armen Schlucker irgendwelchen chinesischen Mist. Rund acht Stunden täglicher Beschäftigung mit den Endgeräten sollten auch aus der Generation, der Don angehörte, einen Haufen unkonzentrierter Deppen machen.

Mann, Mann, Mann, dachte Don, wer klebt sich eigentlich Plastikteile auf seine Fingernägel. Don lag neben einem älteren Mädchen am Boden und starrte auf deren Nägel. Sie hatte noch nie etwas Unangenehmeres gesehen. Durch die Rückseite der Fingernägel betrachtet, sah man das gelbe Horn. Das Mädchen war zehn oder dreizehn und sah aus wie eine Babynutte. Die negative Seite der Grime-Videos. Die nicht wirklich als positives Lehrmaterial im Gender-Queer-Diskurs taugten. Die Frauen in den Videos hatten viel Brust und Hintern und ansonsten Goldschmuck und künstliche Fingernägel. Sie wälzten sich vornehmlich stumm auf dem Beifahrersitz irgendeiner Angeberkarre, die ihr Gangster-Rapper geklaut oder von seinem irren Reichtum gekauft hatte. Geld macht nicht glücklich, dachte Don unzusammenhängend und bekam einen Lachanfall in dem Moment, da die Einsatzgruppen eintrafen. Dann wurde noch mehr geschossen. Das stumpfe Klacken des halb automatischen Gewehres des Amok-Horsts ging nun in einem satten Soundbrei, den die Einsatzgruppen mit ihren ordentlichen Maschinengewehren erzeugten, unter. Am Ende war Ruhe und der Amokläufer tot. Ein paar Mädchen dito. Don hatte endlich ein paar Tote gesehen. Es war weniger grandios als in Dons Fantasie. Da lagen einfach Leute und waren nicht mehr vorhanden.

 

Das ist die Geschichte von

Karen

Sexualität: heterosexuell

Intelligenz: hochbegabt

Krankheitsbild: Neigung zu Zwängen (Lichtschalter ablecken)

Konsumverhalten: mangelhaft

Ethnie: Gendefekt

Familiärer Zusammenhang: zwei Brüder, alleinerziehende Mutter

Ich lebe, dachte Karen. Sie wusste nicht, ob sie darüber in ausgelassene Freude ausbrechen sollte. Karen war nicht so der emotionale Typ.

Sie war verletzt und hatte ein Trauma. Sagte ein Sanitäter. »Wie heißt du«, fragte der Sanitäter, während er Karens Kopfwunde behandelte. »Karen«, sagte Karen. Und der Sanitäter, dessen Blick über ihren Kopf hinweg nach einem interessanteren Opfer suchte, jemandem mit einem Einschussloch, in das es galt, Gedärme zurückzudrücken, oder einem Bein, das man an Ort und Stelle absägen konnte. Ohne Narkose, wie in Filmen. Hier, beißen Sie auf diese Türklinke, es wird jetzt kurz weh tun. Und im Anschluss hätte er ein Leben gerettet und stünde blutüberlaufen mit dem abgetrennten Bein im Gegenlicht. Also der Sanitäter sagte: »Du hast vermutlich ein Trauma.« »Normal«, sagte Karen. »Kann ich gehen?« Der Sanitäter nickte. Karen entfernte sich, nicht einmal die Augen verdrehend. Alle Kinder hatten ein Trauma. Als Dauerzustand. Karen war das egal. Trauma war ihr zweiter Vorname. Karen wohnte mit ihrer Mutter, die immer kurz vor einem Zusammenbruch war, einem älteren Bruder, der sie quälte, wann immer er Lust dazu hatte, und das war oft, und einem jüngeren Bruder, der bald sterben würde, was ihn aber auch nicht davon abhielt, ein bösartiges Arschloch zu sein, in einer Wohnung, die schon für eine Person zu klein gewesen wäre. Karen war auch das egal. Sie war, wie gesagt, nicht der emotionale Typ. Sie glaubte an Genetik. Ihre Gene mussten Generationen übersprungen haben. Irgendwo in der Ahnenreihe hatte sich vermutlich ein Wissenschaftler befunden. Denn Karen war klüger als ihre gesamte Familie, vermutlich sogar klüger als alle Bewohner Rochdales zusammen. Ihr Leben fand im Netz und in Büchern statt. Sie bewegte sich in einer wunderbaren Welt aus Mikroben, Genen, Keimen, Viren und Mikroorganismen, denen sie Namen gab. Von denen sie träumte. Karens Leben wurde unangenehm, sowie sie ihren Kopf verlassen musste, um sogenannte normale Dinge zu tun. Wie zur Schule zu gehen, zu essen, sich zu waschen. Das einzig Erfreuliche an Karens sogenanntem normalem Leben war das Wetter. Es regnete so oft in Rochdale, dass sie wenigstens auf der Straße einen Schirm benutzen konnte. Karen war unter einem Schirm unsichtbar. Sie versuchte den Trick auch zu Hause. Er funktionierte nicht.

»Um Himmels willen.«

Schrie die Mutter von

Don

Im Nebenzimmer. Sie hatte aus den Nachrichten von dem Ereignis erfahren.

Es gab noch Nachrichten im sogenannten Staatsfernsehen und stämmige blonde Reporterinnen, denen es permanent ins Gesicht regnete. Die, immer ein Mikro in der Hand, vor rot-weißen Absperrbändern standen und Katastrophen kommentierten.

»Um Himmels willen«, schrie also Dons Mutter. »Du hättest sterben können.«

Und drückte Dons Bruder euphorisch an sich. Dabei bebten ihre Arme beängstigend. Schon wieder Arme. Es schien, als bestünden englische Frauen vornehmlich daraus. Don starrte auf den Körper der Mutter und war sich sicher, dass nie solche Fleischmassen aus ihr würden wachsen können.

»Los, bring ihm was zu essen«, befahl Dons Mutter – den Sohn an ihre große Brust pressend.

So viel zur Familienstruktur.

Amok und Frauenhass sind Geschwister, las Don später. Und dass es meistens junge Männer sind, die durchdrehen. Irgendwas in ihrem Leben deckte sich nicht mit dem, was sie sich vorgestellt hatten. Dinge mit Macht. Oder mit Penis. Und dass alle vor ihnen auf den Boden fallen, wie sie es von ihren Müttern gewöhnt waren, hatten sie sich vorgestellt. Don war nicht erstaunt. Mit Schwachsinn kannte sie sich aus. Sie hatte einen Bruder.

Und eine Mutter, die alle Lebewesen, an denen kein Penis angebracht war, nicht besonders schätzte. Damit stand sie nicht alleine. Fast alle Frauen in Dons Umgebung himmelten Männer und Jungs an und verachteten Frauen. Vermutlich schämten sie sich, zu den absoluten Verlierern zu gehören, denn unter den Frauen standen nur noch ausländische Frauen. Die einzige Komplizenschaft, die Don mit ihrer Mutter verband, schien ihre Mangelhaftigkeit. Ein gigantisches Losertum, das sich in allem, was sie taten, ausdrückte. Don entschied sich sehr früh in ihrem Leben dazu, nie eine Frau zu werden. Also so eine, die Don aus Rochdale und den Videos kannte. Die sich vornehmlich dadurch auszeichneten, dass sie irgendwelche Geschlechtsmerkmale aus Kleidung raushängen ließen, und sich die Fingernägel mit Glitzerlack bestrichen – Opfer eben. Ein Mann oder Junge, egal wie schwachsinnig, würde immer mehr wert sein als eine Frau, selbst wenn sie eine Professorin für Kybernetik war. Apropos schwachsinnig, Dons Bruder hatte eine Menge Fehler. Es begann mit seiner Art zu laufen. Dons Bruder trat immer nur mit dem Vorderfuß auf und wippte bei jedem Schritt nach, was seiner Erscheinung die Aura eines Vollidioten gab. Er atmete zu laut, schmatzte beim Essen, sein Mund stand immer ein wenig offen – und

Don konnte sich nicht erinnern.

Dass ihre Mutter sie einmal umarmt hätte. Oder angefasst oder gestreichelt, dass sie Filmmutter-Handlungen an ihr vorgenommen hätte. Aber – irgendwann werden Aktivitäten, die nie stattfinden, selbst in der Vorstellung peinlich. Vielleicht war ihre Mutter ja geradezu wild darauf, Don permanent an sich zu drücken, nur hatte sie leider den Zeitpunkt verpasst, damit anzufangen. Außerdem war sie beschäftigt. Sie musste ständig ihrem Sohn hinterherrennen, ihm irgendwas aus dem Gesicht wischen, ihn in die Backen kneifen und ihm entzückt zuhören, wenn er über seine nicht weniger idiotischen Freunde berichtete. Um die Begeisterung der Mutter zu erregen, genügte es, wenn Dons Bruder atmete. Don hingegen betrachtete sie selten, und wenn, dann war in ihrem Blick die Ratlosigkeit, mit der sie sich und ihr Leben begriff.

»Ich habe an den Aufständen teilgenommen«, sagte

Dons Mutter

Kreditwürdigkeit: keine

Ethnie: schwarz

Intelligenz: durchschnittlich

Hobbys: BBC-Fernsehserien, das Königshaus,

Stöbern in Sozialkaufhäusern

Sexualität: onaniert zu Prince-Charles-Fotos

Familienzusammenhang: 2 Kinder, 1 abwesender Mann

Oft.

Don konnte sich ihre Mutter nie als aufrechte Black-Panther-Kämpferin vorstellen. Vermutlich übertrieb sie ihre Rolle bei den Londoner Straßenkämpfen. Dafür sprach, dass Dons Mutter Bleaching-Creme verwendete, sich die Haare so lange glättete, bis sie wie Käsescheibletten aus ihrem Kopf standen, die unklare Hautfarbe des sogenannten Kindsvaters, und dass sie keine Freunde aus ihren sogenannten Kreisen hatte. Sie verkehrte lieber mit Weißen, sie schwärmte von der Hauptstadt. Und dass ihre Eltern damals nach den Unruhen London verlassen hatten, war ihr die größte Demütigung, denn dieses Rochdale war die Backstein gewordene Manifestation der Tatsache, dass Dons Mutter nie auf einem englischen Blumenmarkt mit weißen Ladys in Twinsets Scones verputzen würde. Dons Mutter hatte einen ordentlichen Beruf gelernt. Einzelhandelskauffrau, oder etwas ähnlich Sinnloses aus der 1.0-Zeit der Wirtschaft. Sie hatte für eine Speditionsfirma, einen Supermarkt und einen Haushaltsgerätehandel gearbeitet und war immer irgendwann von jemandem im Ausland ersetzt worden, weil der Trend dahin ging, Arbeiten auszulagern, weil der Trend dahin ging, dass ein paar Menschen immer mehr Geld verdienen wollten, um sich vor dem Weltuntergang zu schützen. Das musste respektiert werden.

Dons Mutter fand nur noch Aushilfsjobs. In Wäschereien, an Kassen, an Tankstellen. Und immer wieder lange gar keine. In diesen Phasen hatte sie Angst. Sie hatte auch Angst, wenn sie einen Job hatte, davor, ihn wieder zu verlieren. Sie konnte nicht schlafen, kaum essen, kaum atmen und verlor den Job ja doch immer. Angst. Immer Angst vor allem. Am meisten fürchtete sie den Winter, denn das war die Zeit, in der die Kinder ständig krank wurden, und wenn die Kinder krank wurden, hieß das, mindestens acht Stunden im Krankenhaus sitzen, und wieder war sie einen Job los. Dann musste sie zum Sozialamt, sich schlecht behandeln lassen, dann musste sie Kurse belegen, zum Beispiel, wie man eine richtig gute Bewerbung schreibt. Was natürlich bei jedem Tankstellenbesitzer im Ort, meistens Analphabeten aus … – na, jetzt mal nicht rassistisch werden –, einen tüchtigen Eindruck macht. Wenn das Geld vom Amt aufgebraucht war und Dons Mutter keinen Job hatte, mussten sie zu den Christen zur Essensausgabe.

Don

Hasste die Besuche bei den Christen. Die bedeuteten: ein oder zwei Stunden im Freien warten. Um dann irgendwann vor Frauen mit zu großen Zähnen stehen, die nach nassem, altem Küchenlappen rochen, im roten Gesicht eine Nase mit geplatzten Adern und gelbweißen, hinten immer verfilzten Haaren auf dem Kopf. Sich von solchen Leuten Dosen mit Bohnen in die Tasche stecken zu lassen war zutiefst demütigend. Und hier noch was Schönes für die Kleinen. Wer waren diese Leute, die wirklich hässlicher aussahen als sie, was gab ihnen das Recht auf ihre herablassende Mildtätigkeit, die nicht zwischen Sozialhilfeempfängern und Hunden unterschied? Don stellte sich immer vor, später zu diesen gütigen Menschen zurückzukehren, mit einer Machete sah sie sich, und die Christen in ihrem Blut, ihre Röcke hochgerutscht, die krummen Beine am Boden. Und dann sah Don sich über die Opfer beugen und ihnen zum Abschluss eine Dose Bohnen in den Mund schrauben.

Was natürlich ungerecht war, denn ohne die Christen, die die Armen fütterten und kraulten, wären die meisten von ihnen vermutlich schon tot. Das Ziel des Staates war es, alle Sozialleistungen auf ein Minimum zu reduzieren, um die starken, arbeitsamen Bevölkerungsschichten zu fördern. Beziehungsweise. Um einfach zu sparen. Beziehungsweise. Um das Land auf seinem neoliberalen Kurs zu halten.

Die Verachtung der Kapitalisten gegenüber den Armen hatte sich institutionalisiert. Obdachlose, Arbeitslose, Arbeitsunfähige, Kranke, Schwache mussten akribische, nicht nachvollziehbare bürokratische Schwachsinnsanforderungen erfüllen, um einen Minimalbetrag zu erhalten, der ihre Lebensfunktionen aufrechterhielt. Der unverwertbare Teil der Gesellschaft konnte durch kleine Formfehler sämtliche Unterstützung verlieren, und dann hockten sie da. In ihren verranzten Buden ohne Strom und Heizung und Essen. Und wer half dann? Die Christen halfen dann, die sich aus Serotonin-Ausschüttungs-Gründen für den Erhalt unerhaltenswerten Lebens engagierten.

Don fing damals an, fast alles zu hassen, was sie umgab. Die Polizistinnen, die jedes Kind aus dem Sozialblock täglich filzten.

Aus Routine, aus Spaß oder einfach, weil sie es konnten. Die Kinder mussten in Reihe stehen, die Taschen ausleeren, die Hosen runterziehen, die Hände über den Kopf nehmen. Irgendetwas mit Macht oder Respekt führte dazu, dass vermutlich eine oder zwei Millionen Kinder mit der Sicherheit aufwuchsen, vom Staat nicht beschützt zu werden.

Die Polizei fand so gut wie nie Drogen oder Waffen, denn welches Kind war schon so blöd, um die Kontrollen wissend, verdächtige Dinge mit sich zu führen. Die Waffen wurden in den leeren alten Fabriken gelagert. Das Rauschgift dito.

Don hasste. Die verwaschen wirkenden Leute auf den Ämtern, die ihre Mutter behandelten, als wäre sie einfach zu faul und zu dumm, um ihr Leben geregelt zu bekommen, sie hasste den Hausmeister im Block, der den Kindern alles verbot, also laufen, reden, lachen, atmen. Sie hasste ihren Vater –

Dessen Einfluss auf die Erziehung seiner Kinder überschaubar war. Manchmal schickte er Geld. Also selten. Aber wenn es passierte, hielt die Mutter einen langen Vortrag über die Güte dieses Mannes, sie sagte, dass sie ohne ihn verloren wäre, dann weinte sie. Was Don gelernt hatte, war: Die Frauen erledigten all die unendlich praktischen, öden Dinge, die es zum Leben benötigte. Sie standen bei Ämtern an, schleppten ihre Kinder zu Ärzten und verschwanden dann in ihre Wohnungen, um irgendeinen Frauenkram zu machen, bis sie irgendwann mental krank wurden, was in ihren Kreisen immer Depression bedeutete, was in ihren Kreisen immer hieß: Mutter liegt im Bett, weint und steht nicht mehr auf. Frauen schufen nichts Außerordentliches. Außerordentliches war Männersache. Die interessanten Aktivitäten gingen von Männern aus. Die standen unter den Laternen, hörten Musik, rauchten, tranken, machten Drogengeschäfte. Jungs machten die gute Musik. Damals gab es noch keine Frauen in der Grime-Szene, die wichtig waren. Die so gefährlich wütend und laut waren wie Männer.

Männer nervten

Peter

Diagnose: psychologisch auffällig

Gefährdergrad: nicht einzuschätzen

Sexualität: heterosexuell, eventuell

IQ: unklar

Ethnie: weiß, kaukasisch sagt man, oder?

Familienzusammenhang: keine Geschwister

Das war einfach Pech gewesen mit Peters Geburt an einem Tag, als es nicht einmal geregnet hat. Da war wohl etwas schiefgelaufen. Das passiert öfter, als man denkt.

An dem Tag seiner Geburt, als seine Mutter das Gesicht der Hebamme und dann dieses Kind gesehen hat. Das durchsichtig war und eindeutig nicht von ihrem Mann, der dann auch weg war. Der sehr dunkelhaarige, sehr dumme Mann. Und Polen, ja nun, auf dem Land in Polen, mach da mal was, wenn du jung bist, dich der latente Faschismus im Land anekelt, wenn du alles schon kennst – die Feigheit der Menschen, die leeren Läden, die staubigen Straßen und vor allem die Abwesenheit jeder Hoffnung. Mach was mit einem durchsichtigen Kind, das kaum redet, einen nie ansieht und Stunden damit verbringt, an die Decke zu starren oder mit seinen Fingern stumme Gespräche zu führen. Mach was, wenn die zehn debilen Männer im Dorf wirklich keinerlei sexuelle Aussage für dich bereithalten. Also dann halt England. Da waren schon Millionen andere Polen, und man hatte kaum Beschwerden gehört. Viele fanden auf der Insel, was es zu Hause nicht gab. Jobs. Geld. Abwechslung. Interessante Ausländer und mit den Jahren der Besitz eines Ferienhauses in Polen, das landschaftlich ja eins a war. Das langte doch für ein neues Leben. Das bekam man doch hin – wenn man nicht zu anspruchsvoll war, und wenn sie was waren, die Leute aus dem Osten, dann genügsam.

Arme Leute aus dem Osten, muss man vielleicht einschränkend anfügen. Arme Leute aus dem Osten wussten, wie man durchkam, sie waren hungrig. Sie waren unsentimental. Sie konnten kämpfen und waren nicht verwöhnt. Prost auf die Klischees.

In dem Dorf, aus dem Peter stammte, aus dem seine Mutter wegwollte, gab es eine Sandstraße. An der Sandstraße, von der Peter immer dachte, sie sei aus Dreck gebaut und würde sich irgendwann öffnen und alles verschlingen, standen Häuser, die, wenn sie komplett zugeschneit waren, romantisch wirkten. Alte Gartenzäune, zersprungene Scheiben, schiefe Türen, Löcher im Parkett. Von den hundert Leuten im Dorf waren fast alle über fünfzig und sahen aus wie über siebzig. Fleischgewordene Hilflosigkeit, die es nicht geschafft hatte, in eine andere Stadt, in ein fremdes Land zu fliehen. Fleischausschuss, der über die staubige Straße taumelte, sobald seine Sozialleistung eingetroffen war, um sich einen Schnapsvorrat im Kiosk zu kaufen, der neben Alkohol Gurken in staubigen Gläsern und Haferflocken führte. Worauf Alkoholiker halt so stehen.

Peter wurde von den Männern im Dorf gehasst. Er war anders. Das genügte. Er war in der Nähe seiner Mutter. Das war, wo die Dorftrottel sein wollten. Es gab nur noch wenige Frauen im Dorf. Wer konnte, ging weg. Und bald würden sie auch weg sein, sagte seine Mutter oft zu Peter. Bis es so weit war, wollte sie Spaß. Was auch immer sie damit meinte, es begann damit, dass sie mit einem kurzen Rock über die staubige Straße des polnischen Nestes lief, als wäre sie auf einem Casting. Peter wusste, was Castingshows waren, er wusste alles, denn es gab das Internet, das selbst in die entlegene Weite Polens vorgedrungen war. Peter fand befremdlich, wie seine Mutter sich verhielt. Sie lachte zu laut, wenn irgendeiner der Alkoholiker mit ihr sprach, ihr Rock rutschte bis zum Schritt hoch, und sie vergaß ihren Sohn, also ihn, sobald ein Mann auftauchte. Peter hatte keine Ahnung, warum seine Mutter die Gesellschaft eines zahnlosen Alkoholikers der seinen vorzog. Hier war doch keiner, der Schönheit in irgendeiner Form würdigen konnte. Schönheit zu erkennen, setzt ein Training voraus, das hier nicht stattgefunden haben konnte. Es war hässlich in dem Nest. Flach, keine Bäume, keine Hügel, nur Felder und Häuser, die Ruinen glichen. Die meisten Leute waren, wie erwähnt, verschwunden, nur Peter wollte nicht weg. Für ihn war der Ort egal. Er war vertraut. Das zählte. Peter war gerne mit sich zusammen, wenn er nicht mit Menschen reden musste oder einen Lärm hören oder unter einer Schranke durch, die sich gerade bimmelnd schloss, oder wenn seine Mutter weg war. Mit seiner Mutter verband ihn vor allem Gewohnheit. Wenn Gewohnheiten unterbrochen wurden, bekam Peter Panik. Er hatte keine Ahnung, warum. Er kannte sich nur so. Überwiegend in einem Zustand, als schliefe er und würde gerne aufwachen. Seine Mutter verschwand mit einem Alkoholiker in ihre Wohnung. Peter mochte Männer nicht.

Es gab zu viele davon.

Dachte

Don.

Überall, wo es interessant war, saßen sie herum. Wenn sie in Gruppen auftraten, war das unerfreulich. Die Gruppe vor Dons Haus – na ja, Haus – hatte gestern einen kleinen streunenden Hund angelockt. Der Kadaver lag dann einige Tage da.

Don wusste nicht, warum Männer so etwas taten. Aber sie wusste, man musste Angst vor ihnen haben. Man durfte sie nicht reizen. Sie konnten brüllen, ohne dass es klang wie kreischen. Sie redeten Unsinn, in Halbsätzen. Man wollte ihnen gefallen. Man wollte dem coolsten Gangster gefallen. Oder dienen. Um nicht erschlagen zu werden. Wie Dons Mutter. Wie alle Mütter im Block, die meistens alleine mit den Kindern waren, weil die Männer gingen, sobald sie keine Lust mehr hatten, die Frau zu schlagen. Erschöpfungsdepression war die häufigste Frauenkrankheit im Land. Na ja, Krankheit. Na ja. Frauen eben. Die Selbstmordrate stieg bei ihnen über vierzig in absurde Prozentzahlen, die Don gerade vergessen hatte. Eine Menge Kinder mit depressiven Alkoholiker-Müttern lebten in ständiger Panik, nach Hause zu kommen und ihre Familienangehörige tot irgendwo liegend, hängend oder schwimmend vorzufinden. Die kommende Generation würde aus den psychotischen Ex-Kindern aus armen Verhältnissen, den Ritalin-durchgedrehten psychotischen Ex-Kindern aus untergehenden Mittelstandsfamilien und den sadistischen Ex-Kindern aus der Oberschicht bestehen und wäre gut gerüstet für das neue Zeitalter.

APROPOS – damals entstand die Bewegung

Der

Abgehängten.

Männer.

Junge und mittelalte, die sich überall in der westlichen Welt in homoerotischen Vereinigungen mit unterschiedlichen Namen fanden. Alt Right, Neonazis, National Action, Aryan Brotherhood, White Nationalist Party, League of St. George, Blood & Honour, Stormfront, Identitäre, Vigrid, Deutsche Heidnische Front – die unfreiwillig Zölibitären

Gruppen –

Die ihnen das Gefühl der Stärke zurückgaben, das ihnen

Durch

Frauen

Genommen worden war. Millionen weißer Männer waren entmannt worden. So. Damit komm mal klar.

Verdammte Scheiße. Sie hatten zu viele männliche Hormone oder nicht mehr genug, beides ein schmerzhafter Umstand, und sie fanden sich in einer Welt, die sie nicht mehr benötigte. Nutzlos und wütend. Nicht geliebt und nicht gehört. Verteigt um die Leibes-Mitte,

Frauen,

Also – Personen, die man käuflich erwerben konnte, als sogenannte Polizistinnen, Richterinnen, Ärztinnen. Das war wie Ausländer mit Brille. Das war, als ob der Hund zum Politiker wird. Auf Frauen konnten sie sich alle erst einmal einigen bei ihrer Suche nach Verantwortlichen für dieses Unwohlsein, das doch fast alle verspürten, in einer Welt, die nicht mehr behaglich war. Die nie behaglich war, aber verdammt, früher wusste man das doch nicht. Früher gab es das Netz nicht, das einem sagte, wie unbehaglich es geworden war. Das konnte einen echt sauer machen.

Nun gehörte es sich nicht, durch die Straßen der westlichen Welt zu mäandern und Frauen zusammenzuschlagen. Also mussten erst mal andere dran glauben. Ausländer. Auch Frauen, nur mit den größeren Penissen. Mit denen sie den weißen Männern die Frauen wegnehmen wollten, die die weißen Männer hassten. Okay, es war kompliziert. Scheiß der Hund drauf.

Die Abgehängten bügelten ihre Hemden, trainierten ihre Muskeln, lugten vorwitzig zum Penis des Nebenmannes, dachten an all die Penisse in ihrer Gang. Wenn man sie aneinanderreihen würde, könnte man die Welt wieder in eine Ordnung ficken. Sie vernetzten sich weltweit zu einem gesunden, bewaffneten, rechtsradikalen, faschistischen Idiotenhaufen, der durchdrehte vor Angst, in die menschengegebene Unwichtigkeit zu verschwinden.

In

Dons

Umgebung gab es keine Nazi-Gruppen oder -Parteien. Die Männer in ihrer Umgebung waren zu träge, um sich zusammenzurotten. Das Gefühl der Unbrauchbarkeit in der dritten Generation hatte sie schlaff werden lassen, die ehemals stolzen Fischer, Bauarbeiter, stolzen – irgendein Scheiß –, was bedeutete, sie hatten mit ehrlichen Händen ehrlichen Mist erledigt, der einen anderen Mann reich gemacht hatte. Dessen Familie heute in der Regierung sitzend über die Sozialhilfe des ehrlichen Arbeiters befand. Dass ein Mensch, ohne – sagen wir – Kabel herzustellen, nichts wert ist, und dann eben böse wird, ist verständlich. Und wurde auch als mildernder Umstand berücksichtigt, falls mal ein Mann aus dem Viertel vor Gericht landete, weil er seine Frau oder sein Kind komplett oder halb totgeschlagen hatte.

Wenn die Frauen die pathologisch nachvollziehbare, sozialisierte Wut überlebten, dann verbanden sie einander die Verletzungen, nachdem die sporadisch auftauchenden, gedemütigten Männer die Kontrolle über sich verloren hatten. Im Anschluss entfernte sich der Mann, ratlos auf die Unordnung blickend, die er erzeugt hatte. Dann war Ruhe, dann verheilten die Wunden, dann kam der Mann zurück, und alles ging von vorne los: Die Frauen drehten durch vor Entzücken über die Anwesenheit eines zahnlosen Typen, der den ganzen Tag, die Hand im Schritt, vor dem Fernseher saß, bis er abends in ein Pub ging, um da zu sitzen. Fast alle Frauen fühlten sich ohne einen Mann unvollständig. Oder formalästhetisch gesprochen: Männer belebten das Bild in den hässlichen Wohnungen und vor den Häusern.

Apropos

Dons Umgebung.

Achtzehn Reihenhäuschen, zwei Stockwerke, Backstein, Gitter, Beton, keine Bäume oder Pflanzen wollte man dem Beton hier zumuten. Hier wohnten: Flüchtlinge, Arbeitslose, Leute mit fehlenden Gliedmaßen, schlechten Augen, Alkoholiker, Junkies, und immer mehr von ihnen zogen aus London zu, weil ihre Sozialwohnung in eine Eigentumswohnung umgewandelt worden war. Eben ohne sie.

Don hatte nie von wispernden Wipfeln beschattete Gebäude gesehen, kannte keine leistungsstarken Heizungen, dichten Fenster, sauberen Badezimmer, Brunnen, denn Rochdale war eine sehr gerechte Stadt, die überall gleich beschissen aussah.

Wenn man aus ihrem Block in die Stadt ging, was Don mit Karen oft in Ermangelung anderer Ziele tat, fand man dort eine Hauptstraße vor. Die Attraktion an der Hauptstraße waren die Sozialkaufhäuser, wo gespendete oder am Straßenrand gefundene Waren an die Bewohner der prosperierenden Gemeinde verkauft wurden. Es gab neben diversen Wettbüros und 1-Pound-Shops noch ein Shoppingcenter, in dem die Hälfte der Läden leer stand, und ein Costa Café, vor dem Don und Karen sich gerne aufhielten, um Touristen zu beobachten. Also die drei, die sich aus Versehen einmal im Monat nach Rochdale verirrten, weil sie in schlechten Online-Reiseführern etwas vom Food-and-Drink-Festival oder von Dippy, dem Saurier im Naturkundemuseum, gelesen hatten. Okay. Diese zwei Menschen, die dann starr vor Schreck durch die Hauptstraße eierten und in ihrer Verzweiflung das Parkdeck auf dem Einkaufszentrum besuchten, die beobachteten sie gerne. Die Touristen leuchteten wie Gold. Sie konnten. Einfach verschwinden, nachdem sie ihren überteuerten Costa Café getrunken hatten und sich vor den schwangeren Minderjährigen und den vielen pakistanischen jungen Männern, die durch die Einkaufspassage latschen, genug gefürchtet hatten.

Sie konnten einfach an Orte verschwinden, an denen es garantiert besser war.

An Tagen, da keine Touristen zu besichtigen waren, sahen sich Don und Karen in den Sozialkaufhäusern die alten Klamotten und todtraurigen Menschen an, die sich alte Sachen ansahen. Drei Viertel der Leute waren ohne Arbeit in der Stadt des Dauerregens. Sie hatten darum viel Zeit, den Dreck zu betrachten, den ihre Nachbarn in die Kaufhäuser und Pfandleihhäuser trugen, um sich vom Erlös ein wenig Bier zu gönnen. Einst, so ging die Sage, war die Stadt voller glücklicher Arbeiter gewesen. Überall standen noch die Leichen der ehemals erhabenen, bombastischen, glücksspendenden Fabriken, die von dieser wunderbaren fernen Zeit zeugten. Sie waren geschlossen worden, weil keiner mehr den Mist benötigt, der da hergestellt wurde. Im neuen Jahrtausend braucht es Banken, Finanzdienstleister und IT-Fachkräfte. Man nennt das Evolution.

Nun waren die Fabriken also leer und dienten als Abenteuerspielplatz, als Drogen- und Waffenversteck und als Treffpunkt zum Geschlechtsverkehr gegen Vergünstigungen. Alte Arbeitslose verfickten hier ihre monatliche Unterstützung, junge Mädchen fickten hier, um ein wenig Zuneigung zu bekommen. Ein paar Homosexuelle dito. Karen und Don waren oft in den Fabriken, um Menschen beim Geschlechtsverkehr zu beobachten, was sie angenehm eklig fanden. Wenn sie nicht in der Hauptstraße herumhingen, auf Spielplätzen Grime-Videos schauten oder in Fabriken herumschlichen, unternahmen sie Freizeitaktivitäten, die aus dem Ärgern von Passanten, dem Stehlen von Dingen und Schlägereien mit anderen Kindergruppen bestanden. Don trainierte, seit sie sechs Jahre alt war, mit YouTube-Tutorials Kampfsport im Mandale Park, in dem außer einigen Obdachlosen, die zu besoffen waren, um ihrem Training Aufmerksamkeit zu schenken, niemand war. War nicht so ein großartiger Park. Eher eine unentschlossene Ansammlung struppiger Laubbäume. Krav Maga hatte es Don besonders angetan. Eine Technik, die sehr effektiv war und das Überleben sichern konnte. Wie die Schießkurse, die Don im Netz betrachtete, die Tutorials von Farc-Kämpferinnen, die darüber berichteten, wie man tötete und sich eine Unterkunft baute. Don spürte eine große Erregung beim Betrachten von Bildern und Videos, die mit bewaffnetem Widerstand zu tun hatten. Frauen, die in Sekunden Maschinengewehre zusammenschraubten und Feinden mit einer ruckartigen Drehung deren Köpfe ausschalten konnten. Don hatte etwas gefunden, wofür sie brannte, etwas, das größer war als sie selbst. Sie trainierte hart, und ihr Körper veränderte sich, er wuchs. In die Breite. Kompakt, wie ein Pitbull. Dachte Don.

Das war in der Zeit, in der ihr Bruder nicht mehr nur einmal in der Woche, sondern täglich ins Bett machte. Wegen seiner traumabedingten Gefühle. Die er nur in Form von Urin äußern konnte. Don lag in dem kleinen, stinkenden Kinderzimmer und war aufgeregt. Sie wusste, dass sie hier bald verschwunden sein würde. Weg von dem Uringeruch, dem Schein der Laterne draußen, dem Schlurfen von Leuten, die hinter ihren unsichtbaren Rollatoren herkrochen. Don schloss die Augen und versuchte, sich eine Zukunft vorzustellen. Was ihr nie richtig gelang. Sie wusste nicht, wie es am Meer roch oder in Bangkok, sie hatte keine Ahnung, was reiche Menschen in eleganten Wohnungen so machten. Also stellte sie sich einfach London vor. Weiß, glänzend und modern. Und sie mittendrin. Die Aufregung, die dieses Unbekannte erzeugte, hielt bis zum Morgen. Bis in die Schule hielt sie, in der Don seit einiger Zeit nicht mehr als Schwuler ausgelacht oder als Lesbe verspottet wurde. Die anderen Kinder begannen, Angst vor ihr zu entwickeln. Ein Umstand, der Don sehr gut gefiel. Sie war, seit sie sich erinnern konnte, von den anderen verachtet worden. Sie genügte den Anforderungen des Durchschnitts nicht. Der Durchschnitt ihrer Mitschüler war weiß. Oder pakistanisch. Mädchen trugen Kleider oder Röcke. Sie begannen sich mit sieben zu schminken und hatten mit zehn zum ersten Mal Sex. Jungs rauchten, tranken Bier und trugen Kapuzenjacken, sie waren weiß, hatten Augenringe oder waren pakistanisch und verkehrten in dem Fall nicht mit den anderen. Dazwischen gab es keinen Raum für Interpretationen. Dazwischen gab es Karen und Don. Die Freaks. Denen man auf die Fresse hauen konnte. Aber das war Vergangenheit. Wenn Don mit Karen nun den Schulhof betrat, senkten die anderen den Blick zu Boden. Wie im Tierreich, dachte Don, und ging mit wiegendem Schritt über den Platz wie ein fucking Cowboy. Karen lief hinter ihr her oder vor ihren Füßen,

Nie vollkommen anwesend.

Die

Karen

Saß in ihrem Zimmer, das eigentlich die Abstellkammer war, es gab kein Fenster, aber dafür eine Tür. Man ist ja mit wenig zufrieden. Sie las über Bajos de Haina, eine Stadt in der Dominikanischen Republik, die von einer Batterie-Recycling-Firma verseucht worden war. Die Stadt der Freaks. Die interessierten Karen, die kurz darüber nachdachte, wie es sich anfühlen mochte, wenn alle in Rochdale so aussehen würden wie sie. Oder alle dasselbe Interesse hätten. Mit fünf hatte Karen in einem Sozialkaufhaus ein Buch über Systembiologie gefunden und war seitdem besessen von Mikroben, Blut, Hormonen und Computern. Das war für Karen der Ort geworden, an dem sie lieber lebte als auf dieser schäbigen Oberfläche der sogenannten Welt. Karen strich sich über die Narbe an ihrem Kopf –

Nach dem Vorfall, der, wir erinnern uns, den Amoklauf freundlich umschrieb, als Karens oberflächliche Wunden im Krankenhaus behandelt worden waren, hatte sie sich vorgestellt, wie dieses Überleben eines Amoklaufes die Strukturen in ihrer Familie grundlegend ändern würde. Wie sie das Krankenhaus verließ, und da ständen ihre Mutter und ihre Brüder, und alle würden sie umarmen, und dann gingen sie zusammen zu McDonald’s. Tränen, Umarmungen und so weiter. Das hatte so nicht stattgefunden. Karen bewegte sich nicht gerne alleine auf den Straßen. Obwohl sie es nicht anders kannte, störte es Karen doch, ständig angestarrt zu werden. Es war, als bohrten sich die Blicke durch die Haut und griffen nach ihren Organen. Blicke. Verächtliche, angeekelte, entsetzte, missbilligende. Karen sah anders aus.

Sie trug eine innere Brille und hätte eine Zahnspange gebraucht. Keiner hier hatte eine Zahnspange. Oder gute Zähne. Viele hatten überhaupt keine Zähne. Rochdale war ein Ort, wo keiner seinen Körper bei Chirurgen und in Fitnessstudios formte und es tausend Variationen von Nachlässigkeit zu bestaunen gab,

Aber Karen hatte es schlimm erwischt. Ein rezessiver Erbgang, eine Störung in der Biosynthese der Melanine war verantwortlich für Karens weißes, krauses Haar, die helle, sommersprossige Haut, die farblosen Wimpern und Augenbrauen und die hellblauen Augen. Karen wurde politisch korrekt als Mensch mit Albinismus bezeichnet, aber auch das half ihr nicht, ein gesundes Selbstbewusstsein zu erlangen. Ihre Mutter und ihr älterer Bruder waren dunkelhäutig und schön. Also aus Karens Sicht. Waren eigentlich alle anderen schön, und sie sah aus wie ein Brötchen, das man unter einer Mülltonne findet. Karen hatte sich damit arrangiert, eine Außenseiterin zu sein. Soweit man sich als junger, fast pubertierender Mensch damit arrangieren kann, von fast jedem als außerordentlich hässlich empfunden zu werden. Von zahnlosen, verfetteten alten Männern, schielenden, schlecht riechenden Frauen mit schiefen Köpfen und pickligen, übel riechenden Jungs. Karen war das Kind, das auf dem Pausenhof alleine in der Ecke stand. Sie war das Kind, das von kleineren Kindern angestarrt und von Erwachsenen kommentiert wurde. Sie war das Kind, zu dem ihre Brüder eine gestörte Beziehung hatten. Sogar ihr jüngerer Bruder verachtete Karen, was erstaunlich war, denn er hatte das Hutchinson-Gilford-Syndrom. Wenn es jemand kannte, dann unter dem Namen Progerie. Die meisten aber sagten nur Alien zu Karens jüngerem Bruder, der eigentlich ein winziger, hilfsbedürftiger Mensch sein sollte, aber aus irgendwelchen Gründen ein boshaftes kleines Arschloch war. Genetisch war in Karens Familie also einiges schiefgelaufen. In einem englischen Sozialdrama hätte die kleine, vom Schicksal geschlagene Familie ein Hort der Wärme, des Humors und der Liebe sein können. Aber leider waren sie nur Leute, die zufällig zusammen in einer Sozialwohnung hockten und einander auf die Nerven gingen. Oder sich schlugen, wie an dem Tag, an dem Karen nach dem Ereignis aus dem Krankenhaus kam, in ihrer Kammer verschwand und dann irgendwann auf die Toilette musste. Ihre Brüder hatten am Vorabend Party gemacht, also auf der Straße herumgelungert und Drogen mit Alkohol gemischt zu sich genommen. Danach wurde der kleine Bruder vermutlich wieder die Kinderrutsche heruntergestoßen oder als Weitwurfgegenstand benutzt. Ein Spaß bis in den frühen Morgen, wenn man die lallenden Stimmen aus dem Wohnzimmer mit einer körperlichen Verfassung in Zusammenhang bringen mochte.

Die Wohnung war zu klein, um eine gewisse Anonymität zu gewährleisten. Auf den 43 Quadratmetern gab es das Zimmer der Brüder, das Wohnzimmer, in dem ihre Mutter schlief, Karens Abstellkammer, ein winziges Bad und eine Küche. Alles in Ocker gehalten. Das vielleicht einmal weiß gewesen war. Oder rot. Oder egal. Alles ein wenig – in die Jahre gekommen. Die Vorhänge waren zugezogen, das Wohnzimmer roch nach Alkohol. Die Brüder saßen auf dem Sofa und sahen aus wie ein Mann und seine Puppe. Der große Schöne, der kleine Seltsame. Sie schauten im Netz YouTuber an, die sich die Vorhaut mit Sekundenkleber zunieteten. Ihre Hirne waren von Dauerreizen bereits irreversibel geschädigt. Im Fernseher, der parallel ohne Ton lief, kamen Katastrophenmeldungen aus Japan, das von einer großen Flutwelle überschwemmt wurde. Die Trottel machten Witze, und Karen sah erstarrt zu, wie alte Damen auf einem Hügel hockten und ihren wildromantischen Küstenort anstarrten, in den gerade ein Containerschiff gespült wurde. Die beiden Honks, mit denen Karen angeblich verwandt sein sollte, kreischten entzückt. Tote. Es gab Tote. Vielleicht würden Leichen gezeigt werden. Es erstaunte Karen immer wieder, wie viele Stunden die beiden damit verbringen konnten, irgendwohin zu glotzen. Oder damit, Alkohol zu trinken und Schwachsinn zu reden. Und wie wenig Zeit sie sich für alles nahmen, was Menschen aus ihnen hätte machen können. Etwas lesen oder duschen zum Beispiel. Einer der beiden entdeckte Karen und schrie nach etwas zu essen. Karen wusste, dass es sich nicht lohnte zu diskutieren, und stellte Brot und Margarine vor den beiden Idioten ab. Der ältere trat nach ihr, weil ihm vielleicht die Qualität der dargebotenen Speisen nicht zusagte. Oder aus anderen Gründen. Karen fiel zu Boden. Der junge Bruder lachte kreischend. Ihr armen Würste, dachte Karen. Die Brüder langweilten sich mit der Leere in ihren Gehirnen, mit den verheerenden Auswirkungen der Hormone, die ihnen das Gefühl bescherten, die Herrscher der Welt zu sein. Das Testosteron, das verhinderte, dass sie sich realistisch betrachteten, als das, was sie waren, zwei junge Männer ohne jede Aussicht auf ein angenehmes Leben. Der eine würde, schenkte man der Statistik Glauben, in wenigen Jahren tot sein. Der andere vermutlich schon bald einer Schussverletzung erliegen. Leider war das Datum ihres Dahinscheidens nicht fixiert. Bis es so weit war, würden sie hier hocken, mit ihren Joints, die sie doch eigentlich ruhiger machen sollten.

Karen stand in dem Moment auf, als ihre Mutter nach einer Doppelschicht als Nachtschwester heimkam. Mit brennenden Augen und müde von all dem Schwachsinn,

Sterbt doch einfach aus

Dachte

Die Mutter

Ethnie: schwarz

Religion: katholisch

Attraktivitätswert: 4

Politische Orientierung: müde

Hobbys: schlafen

Gesundheitszustand: Beruhigungsmittel-Missbrauch,

beginnende chronische Erschöpfungsdepression,

Karies, Osteoporose

Stand im Flur, sah ins Wohnzimmer.

Und erinnerte sich plötzlich. Karens Mutter sah sich im Flur stehend, an jenem Abend vor Jahren. Der große Unterschied war –

Sie hatte noch Hoffnungen gehabt.

Der Unterschied war, sie war jung gewesen.

 

In einem Laufgitter saß ihr jüngster Sohn, der zwei war und aussah wie ein kleiner alter Mann, in einem Haufen Kot. Ihre Tochter, die immer wirkte wie ein Rest, der liegen gelassen worden war, fraß ihre Fingernägel, während das älteste ihrer Kinder, das sich durch einen kolossalen Willen zur Zerstörung auszeichnete, befriedigt vor einem Haufen Scherben hockte, die vorher irgendwelche Haushaltsgegenstände gewesen waren. Die offenen Schranktüren, das Fehlen männlicher Kleidung und die nicht mehr vorhandene Spardose verrieten, dass es ihrem Freund, dem Vater der Kinder, zu viel geworden war. Er war offenbar überfordert gewesen. Das musste man verstehen. Er war Musiker, talentiert, unentdeckt, jung und konnte sein Leben nicht mit der Aufzucht von Kindern mit diversen Defekten vergeuden.

Karens Mutter wusste in jenem Moment, damals, dass der Lebenslauf, der für sie vorgezeichnet war, einfacher zu ertragen wäre, wenn sie sich einfach aus dem Fenster würde fallen lassen. Sie war damals sechsundzwanzig, hatte gerade eine Fortbildung zur OP-Schwester begonnen, die sie am Tag nach der Erkenntnis, dass sie nun alleine mit drei Kindern sein würde, beendete.

Auch wenn ihr Mann wenig zum Auskommen beigetragen hatte, eigentlich gar nichts, hatte er doch wenigstens die Kinder beaufsichtigt.

Karens Mutter begann, als Nachtschwester zu arbeiten, eine Rentnerin aus der Nebenwohnung sah alle halbe Stunde nach den Kindern. Leider gab die Frau schnell auf, nachdem sie wiederholt mit Gegenständen beworfen worden war.

Karens Mutter zahlte von da an einen Babysitter, geriet mit der Miete in Verzug, ihre Haare fielen aus, sie bekam Panikanfälle und verlor den Job. Das unglaubliche Glück in dieser unerfreulichen Situation war, dass sie vom Sozialamt eine Wohnung in Rochdale zugewiesen bekam.

 

Und hier stand sie jetzt.

Im Flur, Jahre später. Und nicht mehr als Person vorhanden. Karens Mutter existierte nicht mehr als sexuelles Wesen mit Träumen und Hoffnungen, sondern war zu etwas geworden, das nur der Aufgabe folgte, ihre Kinder und sich am Leben zu erhalten, auch wenn ihr in Momenten nicht klar war, wozu das gut sein sollte.

Vermutlich ihrer dauernden Müdigkeit geschuldet, hatte sie das Gefühl, dass nichts real war. Die Familie wohnte in einem der sieben Hochhäuser mit Aussicht auf nichts. Karens Mutter war Nachtschwester. Sie kümmerte sich um die Folgen der Langeweile im Ort. Junge Männer mit Schuss- und Stichverletzungen, immer noch Jungs, denen die Hände von explodierenden Feuerwerkskörpern weggerissen wurden, die sich die Augen bei irgendwelchen Mutproben ausgestochen hatten. Männer, die ihr Genital in Staubsauger und Türspalten, in Tiere oder ins Eisfach gesteckt hatten. Männer, die sich Flaschen und Früchte, Bohrgeräte und Hämmer in den Arsch gesteckt hatten. Männer, die besoffen gestürzt, vor Wände gelaufen, ins Wasser gefallen waren. Männer, die sich in Körperteile gesägt hatten, die unter Autos eingequetscht waren. Kinder, die von Männern halb oder ganz totgefickt oder -geschlagen worden waren. Und Frauen nach gescheiterten Selbstmordversuchen. Mit halb weggeschossenen Gesichtern, querschnittsgelähmt nach Sprüngen aus unzulänglicher Höhe, mit verätzten Organen nach dem Genuss von Rohrreinigern. Wenn sie von ihren Nachtschichten in die Wohnung kam, wusste sie manchmal nicht, wer die drei Personen waren, die sich dort aufhielten. Karens Mutter hatte nicht einmal mehr Zeit, sich vorzustellen, wie ihr Leben aussehen könnte. Sie wollte nur noch schlafen. Und vergessen.

Wollte

 

Hannah

Alles.

Denn sie hatte ihre Mutter überlebt. Sie würde auch den Rest schaffen. Eventuell. Hannah war am Meer geboren. Na ja. Meer. In Liverpool, wir erwähnten es schon, die stolze Dockarbeiter-Stadt und so weiter. Die Dockarbeit machten unterdessen automatische Kräne, die Auftragslage war ohnehin überschaubar, nachdem die Textil- und Stahlfabriken verschwunden waren, die Menschen waren seit Jahren ohne Arbeit und soffen, die Kinder erfanden die Gangs. Das ist es, wofür die Stadt unterdessen bekannt ist: als Wiege der bewaffneten Kinderverbrecher, die ihr langweiliges Leben inmitten rechtsradikaler, nationalistischer oder auch nur hilfloser Eltern aufmöbelten, indem sie einander umbrachten. Waffen sind ein Teufelszeug. Erleichtern aber die Umsetzung des im Menschen verankerten Bedürfnisses, andere Menschen zu entfernen. Früher waren die Kinder für Drogenbosse als Kuriere unterwegs gewesen. Sie flogen mit Easyjet nach Holland oder Spanien, kauften Drogen, schmuggelten sie in Containerschiffe. Aber. Irgendwann merkten die Kinder, dass die Drogenbosse ihnen außer Waffen nichts voraushatten. Sie besorgten sich Waffen – eine brillante 8-mm-Luger gab es schon für 350 Pfund. Kleine vollautomatische Gewehre kosteten 500. Boah, vollautomatische Gewehre.