Viel gut essen - Sibylle Berg - E-Book
Beschreibung

Rowohlt E-Book Theater
Die Nerven liegen blank: Homo-Ehe, Migration, Bio-Gemüse, Euro-Krise, Feminismus – Reizthemen, die nicht nur die Stammtische und Internetforen zum Erbeben bringen. Hier die Mahnungen der politisch Korrekten, dort der Widerspruch der Reaktion: «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.» In dieser Gemengelage eines ständigen «Empört euch!» monologisiert in «Viel gut essen» ein moderner Jedermann, während er aus feinsten Zutaten für Frau und Sohn ein mehrgängiges Menü kocht (noch so eine Zeiterscheinung). Weiß, heterosexuell, gutbürgerlich, gesund und in den besten Jahren, hat er beruflich nicht ganz das Erwartete erreicht, nicht ganz die erhoffte Familie gegründet, und nun wird auch noch sein Wohnviertel gentrifiziert und demnächst wahrscheinlich unbezahlbar. Ein erschreckend normaler «Verlierer» eben, dem qua Geburt jedoch das Gewinnen fest versprochen war. Sibylle Berg lässt ihn über den Zustand unserer Gesellschaft schimpfen, klagen, räsonieren, begleitet von einem Männerchor, der «Volkes Stimme» spricht und dabei zunehmend ungemütlich wird.

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Seitenzahl:61


Sibylle Berg

Viel gut essen

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Über dieses Buch

Rowohlt E-Book Theater

 

Über Sibylle Berg

Inhaltsübersicht

PersonenAnmerkungenViel gut essenMögliche Zusatztexte: Chor des gesunden Menschenverstandes

Personen

1 Mann

oder viele

Anmerkungen

Der Einsatz und die Verwendung der (chorischen) Zusatztexte richten sich nach der jeweiligen Inszenierung.

Viel gut essen

Ein weiser Mann sagte, man solle jeden Moment genießen, als sei es der letzte.

Also

inhaltlich verstehe ich die Aussage: der letzte Atemzug, das letzte Hemd hat keine Taschen, mit den Füßen voraus das Haus verlassen –

et cetera.

Pipi, wie ich die Phrase gerne scherzhaft beende.

Aber

praktisch kann ich es mir nicht vorstellen. Dieses Nicht-mehr-hier-Sein.

In diesem Licht kann ich es mir nicht vorstellen, in diesem milden Licht, mit dem dieser Tag im Sommer beginnt. Oder aufhört, er beginnt ja immer oder ist gerade vorbei, der Sommer, und wie kann ich da weg sein. Keine Erde mehr riechen, keinen Kaffee am Morgen, der Junge heiratet, meine Frau bekommt graue Haare, ihr Hintern hängt, die Autos fahren führerlos, das muss man sich einmal vorstellen – dass Maschinen uns auch noch den Fahrspaß nehmen, nur um die Fehlerquelle Mensch zu eliminieren – und das alles – ohne mich.

Das ist doch erstaunlich, dass ich so an meiner individuellen Anwesenheit auf der Erde hänge. Dabei würde ich mich in einer ausufernden Menschengruppe nicht erkennen. Ich habe keine Ahnung, wie ich als Person aussehe, und was macht mich eigentlich aus, wenn ich nicht klar auf mich zeigen könnte in einem Massenauflauf? Ich weiß, dass ich bin, weil ich eine Wohnung habe, zu der mein Schlüssel passt, eine Familie, die mich mit Namen begrüßt, Arbeitskollegen, die sich auf mich freuen, jeden Tag.

Ähm –

Ich weiß, dass ich ich bin, weil sich Fotos in meinem Besitz befinden, auf denen ein Junge abgebildet ist, von dem mir gesagt wurde, er sei ich. Ich weiß, dass es mich gibt, weil ich mich im Spiegel sehe – ein gesunder Mann. Ein trainierter Mann, die Haare werden ein wenig transparenter.

Die Bauchmuskulatur ist gut erkennbar. Hundert Sit-ups täglich geschuldet. Ich kann von mir behaupten, alles richtig gemacht zu haben. Nie betrogen, kaum gelogen, nie fremdgegangen, ich habe alles, was man von mir verlangt, erledigt. Gerne.

Ich habe ein gutes Leben. Ein krebsfreies Leben, ich habe alle Gliedmaßen, ich bin. Im besten Alter. Laut Einkommen zähle ich zu einer soliden –

Also

Ich lebe in Europa.

Und habe keinen Krieg erfahren. Jedenfalls keinen, der unsere Nachkommen ehrfürchtig raunen lassen wird. Ein paar kleine Verdrängungsschlachten finden da draußen statt. Nicht wahr. Die Mittelschicht, die Mittelschicht-Bürger, die noch etwas produzieren, gegen die anderen – aber – Ich bin ein glücklicher Mensch. Eigentlich

Die

– na, sag schon – Sonne stand mir im Gesicht, ich wusste meine Frau und meinen Sohn in meiner Nähe, es waren keine Sirenen zu hören, und ich hatte einen Plan für den Tag.

Den stillen, sozusagen friedlichen – Tag,

der mit einer erstaunlichen Abwesenheit von Geräuschen – aufzuwarten weiß. Ist’s ein Feiertag, vielleicht? Was feiern wir denn?

Na?

Leere Augen, hängende Mundwinkel, keine Antwort – das weiß doch keiner mehr.

Außer einem ungeheuren Fachwissen in Sachen Selbstvermarktung in Internetkanälen verfügt keiner mehr über ein Wissen. Alle wollen eine Auszeichnung für ihre Anwesenheit auf dem Planeten. Alle haben das Gefühl, es stände ihnen eine gute Behandlung zu, weil die Alten, also ich, die Welt angeblich ruiniert haben, mit meinen Aktienfonds, ich lache, mit meinem Raubbau am Meeresboden und den Atomkraftwerken, die ich nicht verhindern konnte. Ich bin schuld an der Klimaänderung und der Integrationskrise. Oder heißt es politisch korrekt – Migrationskrise? Menschenkrise?

 

Hallo, ich bin der Robbie, und ich bin Social-Media-Experte. Also – eigentlich bin ich Praktikant, aber ich kenne alle Sorten Starbucks-Kaffee auswendig, ich mache pausenlos Fotos von meinem dämlichen Gesicht, und ich weiß nicht, was für ein Feiertag heute ist.

Ich sag es euch, ihr Idioten. Heute hat der Herr den Geist über der Welt verteilt. Aber leider war gerade Sturm.

Mann, Mann, Mann.

Ich bekomme dieses Lied nicht aus dem Kopf. Dazu muss ich sagen –

Ich war der größte Europe-Fan, den man sich vorstellen kann.

«The Final Countdown». Eine unter Pop versteckte Weissagung Joey Tempests, dem Aleister Crowley der Unterhaltungsmusik.

Ich kann den Text komplett auswendig. Ich kann auch die Krise auswendig. Obwohl ich mich als optimistischen Menschen bezeichnen

würde.

Der Countdown läuft: Eine Stunde und fünfzehn Minuten bis zum großen Finale. Ich bin völlig –

ja –

Das wird eine Überraschung. Meine Familie wird nicht verstehen, was ihr passiert, wenn sie heimkommt, weil sie von mir so wenig Zuwendung bekommen hat, die letzten Jahre.

«Du nimmst uns nicht wahr», hat Claudia gesagt, das ist meine Frau. Und Torben hat nichts gesagt. Er ist mein Sohn. Nun werden sie aus dem Staunen nicht herauskommen, und die kleinen –

sagen wir –

Unstimmigkeiten werden –

quasi –

Meine Familie kann immer auf mich zählen. Wenn einer von ihnen mich um Rat fragt oder Hilfe benötigt, stehe ich da. Das wissen sie. Aber

Die emotionale Seite liegt bei mir im Sollbereich.

«Nie zeigst du mir, dass du mich liebst», hat meine Frau immer gesagt. Wenn sie neben mir und dem Rechner stand, auf den ich schauen musste. Weil –

Und ich habe geantwortet: «Ich liebe auch meine Heimat, nicht wahr, und raune nicht jeden Morgen: ‹Guten Morgen, Heimat, wie habe ich dich wieder lieb.›»

Zuneigung, also

Hinwendung oder, ähm, na, also – Gefühle zeigen sich durch Handlungen. Dem Aufheben von Müll am Straßenrand der Heimat oder einfach dem Nachkommen der verdammten Sorgfaltspflicht. Aber das scheint ja nicht wahrgenommen zu werden. Statt zu sagen: «Super, du ernährst uns und gibst uns Sicherheit, der Ofen raucht, das Essen ist prächtig», sagen sie Sachen wie «Nie bringst du Blumen mit». Sollen sie doch einen Fleurop-Lieferanten heiraten oder einen Heiratsschwindler, der mit Rosen

vor der Tür steht, und dann schauen sie das tote Gemüse