Menschen mit Problemen (I-III) - Sibylle Berg - E-Book
Beschreibung

Und jetzt: die Welt! oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen
Sie sind klug, gut ausgebildet und leben in prekären Verhältnissen. Sie verkaufen selbstgekochte Drogen im Internet, schreiben Mode-Blogs und steigern den Marktwert ihres Körpers im Fitnessstudio, obwohl sie den Markt verachten. Sie kommunizieren per Skype, SMS, Chat oder Telefon, und doch bleibt da ein Gefühl von überwältigender Einsamkeit. Eine junge Frau bilanziert in Sibylle Bergs «Text für eine Person und mehrere Stimmen» ihr bisheriges Leben: früher Mitglied einer brutalen Mädchengang, heute friedlich Yoga, früher unbeholfenes Knutschen mit Jungs im Zeltlager, heute die Projekte «Sex» und «Liebe» mit Männern oder Frauen, früher hochfliegende Ideale, heute Pragmatismus. Sehnsucht ist etwas, das man hauptsächlich aus Filmen kennt, Familie ein Verbund, den man sich selbst zusammenstellt, und immer lauert draußen die Welt, stellt Forderungen und diktiert Bilder, denen man unmöglich genügen kann.
Gnadenlos und zugleich mit großer Zärtlichkeit porträtiert Sibylle Berg vier Frauen Anfang 20, die – schwankend zwischen Aggression und Apathie, Aufbruch und Abgeklärtheit – unsicher sind, wofür sie kämpfen sollen, und bei denen schon das Wort «wir» für Skepsis sorgt.
Und dann kam Mirna
Nach der Party: Aus den jungen Desperados in «Und jetzt: die Welt!» sind inzwischen Mütter geworden – alleinerziehend, in klassischer Paar-Beziehung lebend oder in einer Kommune. Die glanzvolle Karriere ist ausgeblieben, stattdessen wächst mit Anfang 30 die Erkenntnis, erschütternd durchschnittlich zu sein, während die Energie abnimmt, das eigene Leben grundlegend zu ändern. Immerhin bäumen sich Bergs Frauen noch einmal auf, wollen ihre gentrifizierten Wohnviertel verlassen und von der Stadt aufs Land ziehen, weg von Sozialhilfe oder Betreuungsgeld, hin zur autonomen Selbstversorgung. Nur die Begeisterung ihrer Kinder hält sich in engen Grenzen.
Raffiniert hat Berg ihrer Mutter-Suada, die um Genderfragen, Kapitalismus, Klimawandel, Bürgerkriege oder die Allmacht Googles kreist, eine zweite Ebene eingezogen. Denn längst gibt es, verkörpert durch die Tochter Mirna, eine neue Generation, die gänzlich andere Umgehensweisen mit den Ängsten und Idealen ihrer Eltern entwickelt hat.
Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause
Im Netz und auf der Straße protestiert die Mehrheit gegen die Zumutungen der Demokratie, hetzt immer lauter gegen Fremde, Schwule, Tofuschnitzel. Für die anderen bleibt nur die Flucht zum Mars, wo das Experiment einer freien, friedlichen und gleichberechtigten Gesellschaft noch einmal neu gestartet werden soll. Einen Platz in der bereitstehenden Rakete bekommen aber lediglich Zweierteams aus Mann und Frau, der Fortpflanzung geschuldet – eine hohe Hürde, denn was könnte schwerer sein als eine funktionierende Beziehung?
Nach der überstandenen Jugend in «Und jetzt: die Welt!» und den Herausforderungen der Mutterschaft in «Und dann kam Mirna» folgt für Sibylle Bergs vier Frauen nun die Mission «Liebe». Unter Zeitdruck müssen sie den passenden Partner für sich casten, um einer Welt entfliehen zu können, die zunehmend verroht und nationalistische Parolen brüllt. Doch wie tief soll man die eigenen Ansprüche schrauben? Wie sehr entspricht man selbst dem eigenen Ideal? Hat man sich nicht viel zu lange viel zu bequem in diversen Nischen eingerichtet und dabei das große Ganze aus dem Blick verloren? Und wie vereinbar sind privates Glück und politischer Widerstand? «Nach uns das All» zeigt eine Generation, die grundlegend ratlos ist und für die es immer weniger richtige Alternativen im falschen Leben gibt.

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EPUB

Seitenzahl:163


Sibylle Berg

Menschen mit Problemen (I–III)

Und jetzt: die Welt! oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen / Und dann kam Mirna / Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Und jetzt: die Welt! oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen

Sie sind klug, gut ausgebildet und leben in prekären Verhältnissen. Sie verkaufen selbstgekochte Drogen im Internet, schreiben Mode-Blogs und steigern den Marktwert ihres Körpers im Fitnessstudio, obwohl sie den Markt verachten. Sie kommunizieren per Skype, SMS, Chat oder Telefon, und doch bleibt da ein Gefühl von überwältigender Einsamkeit. Eine junge Frau bilanziert in Sibylle Bergs «Text für eine Person und mehrere Stimmen» ihr bisheriges Leben: früher Mitglied einer brutalen Mädchengang, heute friedlich Yoga, früher unbeholfenes Knutschen mit Jungs im Zeltlager, heute die Projekte «Sex» und «Liebe» mit Männern oder Frauen, früher hochfliegende Ideale, heute Pragmatismus. Sehnsucht ist etwas, das man hauptsächlich aus Filmen kennt, Familie ein Verbund, den man sich selbst zusammenstellt, und immer lauert draußen die Welt, stellt Forderungen und diktiert Bilder, denen man unmöglich genügen kann.

Gnadenlos und zugleich mit großer Zärtlichkeit porträtiert Sibylle Berg vier Frauen Anfang 20, die – schwankend zwischen Aggression und Apathie, Aufbruch und Abgeklärtheit – unsicher sind, wofür sie kämpfen sollen, und bei denen schon das Wort «wir» für Skepsis sorgt.

 

Und dann kam Mirna

Nach der Party: Aus den jungen Desperados in «Und jetzt: die Welt!» sind inzwischen Mütter geworden – alleinerziehend, in klassischer Paar-Beziehung lebend oder in einer Kommune. Die glanzvolle Karriere ist ausgeblieben, stattdessen wächst mit Anfang 30 die Erkenntnis, erschütternd durchschnittlich zu sein, während die Energie abnimmt, das eigene Leben grundlegend zu ändern. Immerhin bäumen sich Bergs Frauen noch einmal auf, wollen ihre gentrifizierten Wohnviertel verlassen und von der Stadt aufs Land ziehen, weg von Sozialhilfe oder Betreuungsgeld, hin zur autonomen Selbstversorgung. Nur die Begeisterung ihrer Kinder hält sich in engen Grenzen.

Raffiniert hat Berg ihrer Mutter-Suada, die um Genderfragen, Kapitalismus, Klimawandel, Bürgerkriege oder die Allmacht Googles kreist, eine zweite Ebene eingezogen. Denn längst gibt es, verkörpert durch die Tochter Mirna, eine neue Generation, die gänzlich andere Umgehensweisen mit den Ängsten und Idealen ihrer Eltern entwickelt hat.

 

Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Im Netz und auf der Straße protestiert die Mehrheit gegen die Zumutungen der Demokratie, hetzt immer lauter gegen Fremde, Schwule, Tofuschnitzel. Für die anderen bleibt nur die Flucht zum Mars, wo das Experiment einer freien, friedlichen und gleichberechtigten Gesellschaft noch einmal neu gestartet werden soll. Einen Platz in der bereitstehenden Rakete bekommen aber lediglich Zweierteams aus Mann und Frau, der Fortpflanzung geschuldet – eine hohe Hürde, denn was könnte schwerer sein als eine funktionierende Beziehung?

Nach der überstandenen Jugend in «Und jetzt: die Welt!» und den Herausforderungen der Mutterschaft in «Und dann kam Mirna» folgt für Sibylle Bergs vier Frauen nun die Mission «Liebe». Unter Zeitdruck müssen sie den passenden Partner für sich casten, um einer Welt entfliehen zu können, die zunehmend verroht und nationalistische Parolen brüllt. Doch wie tief soll man die eigenen Ansprüche schrauben? Wie sehr entspricht man selbst dem eigenen Ideal? Hat man sich nicht viel zu lange viel zu bequem in diversen Nischen eingerichtet und dabei das große Ganze aus dem Blick verloren? Und wie vereinbar sind privates Glück und politischer Widerstand? «Nach uns das All» zeigt eine Generation, die grundlegend ratlos ist und für die es immer weniger richtige Alternativen im falschen Leben gibt.

Über Sibylle Berg

Sibylle Berg wurde 1968 in Weimar geboren und lebt heute als Autorin, Dramatikerin und Publizistin in Zürich. Sie hat zahlreiche Romane und Theaterstücke verfasst, die zusammen mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt wurden und mit diversen Preisen ausgezeichnet wurden, u.a. mit dem Friedrich-Luft-Preis für «Und dann kam Mirna» und dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis. Sibylle Berg hat in Graz und an der Zürcher Hochschule der Künste im Fachbereich Dramaturgie unterrichtet. 2013 führte sie erstmals Ko-Regie am Staatstheater Stuttgart; 2015 inszenierte sie am Theater Neumarkt, Zürich, die Uraufführung ihres Stücks «How to Sell a Murder House».

Und jetzt: die Welt!oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen

Vorbemerkung

Ein Text von Frau Berg für eine Person und mehrere Stimmen. Oder anders.

Während des Textes wird gefilmt. Eine Idee: Man sieht den Adressaten des Videos im Keller. Oder nur seine Augen. Oder ganz anders.

Die Freundinnen und die Mutter können auftauchen, müssen aber nicht.

Gerne viel Musik.

Hart muss ich werden, um zu wissen,

was zählt, was wichtig ist,

und dann

kann ich der Welt die Antwort geben,

die ist: Ich muss hier überleben.

Muss Sieger sein, mit aller Macht –

nicht angerührt, nicht ausgelacht,

auch nicht bedrängt und kleingemacht.

Ich werde meinen Körper stählen,

fickt euch ins Knie und gute Nacht!

Ich bin beeindruckt von meiner Fähigkeit zu reimen.

 

Und der, Versprechen einzuhalten.

 

Ich zeige dir die Welt. Die Welt der Normalen. Du weißt schon – der Leute mit Hoffnung.

 

Und du bist ruhig.

Das war der Deal.

 

Menschen ertragen ihr Leben nur mit Hoffnung.

 

Wie geht es dir eigentlich?, fällt mir da unzusammenhängend ein. Hoffst du, irgendwann noch einmal die Sonne zu sehen? Ich, um von dem zu reden, was mich am meisten interessiert, glaube mal, das wird nichts.

 

Dumm gelaufen.

 

Meine Hoffnung, auch wenn du nicht danach fragst, ist, dass da draußen ein Mensch auf mich wartet. Warten können sie, die Jungen, sie sind fast alle arbeitslos. Oder studieren, um im Anschluss arbeitslos zu sein. Oder sie befinden sich in einem Praktikum. Für zehn Jahre. Problemlos könnte da also jemand herumlungern und auf mich warten. Eine junge Frau mit grünen Augen und Interesse an Kung-Fu. Vielleicht heißt sie Lina.

Mein Mensch befindet sich vielleicht genau jetzt an seinem Fenster, sieht dahin, wo vor dem Dauerregen mal Himmel war, und fragt sich, ob in einem Liebeskontext ein anderes Gefühl hergestellt werden kann als Schmerz. Irgendwann tut es doch immer weh. Weil einer will und der andere nicht oder einer nicht mehr will oder beide nicht genug, und dann sitzt man sich gegenüber und wundert sich.

 

Summen.

Vor dem Fenster kreisen schon wieder Spionagedrohnen. Das neue Hobby halbwüchsiger junger Männer, die sich die Dinger aus 3D-Printern ausdrucken und dann auf die Suche nach Geschlechtspartnern schicken. Demnächst werden sie ihre Penisse an diese Drohnen hängen. Prost. Es gibt Schlimmeres.

Jung zu sein und am Abend alleine zu Hause zum Beispiel. Meine selbst zusammengestellte Familie ist auswärts. Gemma beim Shoppen, Minna beim Sport, und ich hänge hier rum und mache ein Video, das außer dir, lieber Paul, keiner zu sehen bekommen wird.

Guten Abend, meine Möbel,

was habt ihr heute so gemacht?

Bin ich daheim, schnappt mich die Stille,

das Bett, der alte Hund, der lacht.

Es riecht so einsam in der Wohnung,

die Lampe hängt so gelb darin.

Und ich weiß nicht, was ich lieber,

alleine oder Gruppe bin.

Liebe gibt’s doch nur in Liedern,

im Leben gibt’s doch so was nicht.

Wenn dich die Sehnsucht richtig packt,

dann ist es Nacht, und du bist nackt.

Ich rede noch was zu mir selber,

dann lösche ich mit Angst das Licht.

Obwohl ich nicht darauf brenne, nackt zu sein. Und Sehnsucht das falsche Wort ist. Ich sehne mich nur nach Orten und Dingen, die ich kenne. Also zum Beispiel sehne ich mich nicht nach dem Gipfel des Himalaya oder nach einer Darmspiegelung, sondern nach einem Gefühl, das mir aus Filmen bekannt ist. Ich wurde noch nie von einem Menschen geliebt. Also in diesem gewaltigen, durch die Medien und Kunst aufgeladenen Sinn. Jemanden, der, ohne sich an mich gewöhnt zu haben, von mir bezaubert ist, gibt es nicht. Dabei entspreche ich rein optisch allen Parametern, die ein begehrenswerter Mensch unserer Zeit zu erfüllen hat. Ich habe gute Zähne und bin politisch korrekt.

 

Hör ich dich widersprechend wimmern, Paul?

 

An Abenden wie diesem habe ich eine unklare Angst, dass alles so bleiben könnte, wie es gerade ist: grau. Und dass ich von einem dämmrigen Junge-Mensch-Gefühl direkt in das gerate, was ich bei Älteren sehe: die pure Verzweiflung. Als hätte sich irgendein Versprechen nicht erfüllt. Alle, die ich kenne, suchen nach diesem Unbekannten, das sie in Momenten ahnen, in denen der Alkohol genau in der richtigen Menge im Körper steht und genau das richtige Lied läuft. Grenzenlos und unendlich wollen wir sein. Und sind doch nur wer, der besoffen ist und mit jemandem nach Hause geht, der auch nur mit jemandem nach Hause geht.

Ich bin mit Lina nach Hause gegangen, doch leider hat sich bei mir ein Gefühl entwickelt. Das ich aber ignoriere. Im Gefühle-Ignorieren bin ich großartig. Wir sind jetzt sehr gute Freundinnen, sagte sie, und ich bin nicht unglücklich verliebt. Ich mache nur eine Persönlichkeitsentwicklung durch. Ich lerne, keine Ansprüche zu haben, zu nehmen, was ich geschenkt bekomme. Bla.

Ich kenne keine, die nicht süchtig nach Liebeskummer wäre. Man nimmt so schön ab dabei, und die tiefen Gedanken sind auch nicht zu verachten. Liebeskummer gibt mir das Gefühl, eine außerordentlich emotionale Person zu sein.

 

Magst du meine Filme aus dem Leben eines Teenagers? Beißt du in den Teppich vor Wut? Ach, du hast keinen Teppich. Besser. Die Abwesenheit von Deko-Elementen, auch das Nicht-Tragen eines Fascinators fördert die Konzentration auf das Wesentliche. Auf die menschlichen Überreste.

 

Also fokussiere dich,

schau, die Sonne geht unter,

vielleicht stirbt sie auch gerade aus.

Ich war nicht vor der Tür, um das zu überprüfen.

Dieses tolle «Draußen» sagt mir momentan nichts, denn da ist die Welt, und man muss sich zu ihr verhalten, muss Meinungen haben, und die sollen politisch korrekt sein, ich muss den Fluss meiner Gedanken pausenlos auf ihre Korrektheit überprüfen. Welche Randgruppe, zum Beispiel Frauen, könnte sich durch welchen heteronormativen Sprachgebrauch missachtet sehen. Heteronormativ ist das Wort der Saison. Letztes Jahr war es authentisch und im Jahr zuvor nachhaltig.

Before printing think of the environment.

Wir quatschen alle mit wichtigen Gesichtern den gleichen Mist, der überhaupt nichts meint. Wir kratzen uns nachdenklich an der Nase, auf der die Brille mit Fensterglas Kerben hinterlässt. Das klingt – als würde ich die Leute um mich verachten, was nur bedingt zutrifft. In der Ohnmacht meines Bürgerinnenstatus obliegt es mir nur, zu randalieren und andere zu erniedrigen, meine Entscheidungsgewalt beschränkt sich darauf, zu bloggen und relevante Konsumentscheidungen zu treffen. Jede Sekunde werden von verzweifelten, weil krass verachteten Werbern tausend verschiedene Contents ins Netz gestreut, denen ich den Zugang zu meinen Gedanken verweigern muss: Nein, ich will keinen verdammten Schleichkatzenkaffee. Ich mag keine Dinge, die durch Körper gewandert sind. Verwesen kann ich alleine, und die Frage, ob eine normale Billigbohne ihre Aufgabe, mich als gesundheitsbewussten Gourmet zu befriedigen, erfüllt, muss gestattet sein. Da gilt es in Sekundenbruchteilen zu entscheiden, ob Waren ihr Endorphin ausschüttendes Versprechen einlösen und zugleich politisch unbedenklich hergestellt worden sind. Ob sie verdammt noch mal nachhaltig und zugleich sexy sind. Das muss man bedenken, und wie kann ich mich da bitte auf eine gelungene Lebensführung konzentrieren? Das geht doch gar nicht als Mensch mit ADHS. Da bleiben einem ja nur die Projekte.

Das erste Projekt bin ich.

 

Meine multiplen Abspaltungen könnten in einem kapitalismuskritischen Stück einen Chor bilden und singen: Ich will keine beschissenen Schleichkatzenbohnen. Und keine Turnschuhe, vor allem will ich keine Turnschuhe, den Inbegriff der Ausbeutung der Dritten Welt, darf man das so noch sagen, oder sagt man: Ländern mit suboptimaler Einkommensstruktur? Jetzt hab ich es gesagt. Das böse Wort –

 

Einkommensstruktur.

 

Paul, du hörst doch noch zu? Oder bist du schon wieder in Ohnmacht gefallen, du Opfer?

Obwohl:

Opfer sage ich kaum mehr.

Die Zeiten, in der ich andere geschlagen habe und vermutlich mich meinte, wie meine imaginäre Verteidigerin sagen würde, sind vorbei. Nur noch an Tagen wie heute, die komplett langweilig sind, denke ich daran zurück.

«Was, du süßes kleines Ding, du hast geprügelt?», könntest du fragen, und ich würde sagen: «Ach ja, wenn man über genug Aggression verfügt und körperliche Gewalt nicht scheut, macht man fast allen Angst.»

Und läuft los, bei Einbruch der Dunkelheit. Gemma, Minna und ich, mit Hoodies, mit Masken, manchmal Bärenkostümen, wenn das Wetter es hergab, mit Baselballschlägern, Morgensternen, ein oder zwei Jungs haben wir uns zugetraut, Dreiergruppen nur, wenn sie definitiv jünger aussahen als wir. Von hinten in die Kniekehlen treten, die Überraschung nutzen, manchmal Nasenknochen brechen hören, den Kopf auf den Bordstein, aber ich schwöre: Wir haben nie einem das Genick gebrochen, nur sehen wollten wir, was da blutend lag. Sich einpinkelnd. Gemma fand es immer schrecklich. Sie hatte Angst um ihre Nägel und hat Statistiken zitiert, die die Wahrscheinlichkeit belegten, dass eines der Opfer stirbt oder wir inhaftiert werden oder dass wir einfach nur verdammte Psychopathinnen sind. Ich habe darüber nachgedacht.

Wir haben dann damit aufgehört, sind zusammengezogen und haben Yoga gemacht. Nein, falsch, blöder Witz, wir sind zusammengezogen und leben nun eher die friedlichen Anteile unserer Persönlichkeit. Du weißt schon, all das Weibliche: Urban Knitting, lustige Bommelkondome über Straßenpoller, kleine Blumensträuße in Vasen, Mode- und Kosmetik-Bloggerin in Personalunion. Wir sind heute so, wie es von uns von der imaginären Gesellschaft erwartet wird. Schuhbesessen, reinlich, niedlich, sauber, wir lachen an den richtigen Stellen, also über andere. Oder wenn wir uns neue Krankheiten ausdenken.

Meine Leute sind Meisterinnen der Simulation von ADHS, Asperger, Borderline, und Ritalin wird getauscht wie Apps. Ich habe mir Zigaretten auf dem Arm ausgedrückt, mir eine Glatze rasiert wie Britney, ich habe mir Magneten unter die Haut getackert und Haken in die Lippen gezogen, nur um dazuzugehören, zu der richtigen Gruppe, zu den Coolen. Eins a bipolar. Wenn ich das mal zeigen darf:

Wenn ich entspannte Tage hab,

dann ist die Angst bei mir sehr stark,

dass irgendjemand merken kann,

dass ich nicht krank bin, fuck,

und dann,

dann würde keiner

mit mir reden,

denn wer keine Macke hat

und keine Angst vor leeren Räumen,

der ist out und kann dann fast

die Wohnung und die Schlafstatt räumen.

Schau an, ich habe Angst vor Plätzen,

vor Mixern und vor weißen Frau’n,

hör her, das ist doch völlig seltsam,

ich wag mich nicht in einen Raum

zusammen mit zwei Hamsterkindern,

und diese Pillen hier verhindern,

dass ich jetzt auf den Boden felle.

Ich sterbe aus, und wir beenden

Den miesen Reim an dieser Stelle.

Meine Gedichte werden immer brillanter. Und irgendwie bin ich dankbar, dass ich mir damals keine Runen auf die Stirn habe tätowieren lassen, denn Runen sind inzwischen out. Stirne auch.

SMS

Linaaaaa.

Ich dreh durch, ich dreh durch, ich werde wahnsinnig, verrückt, ich falle um, ja, jetzt falle ich um.

 

Okay.

Ich bin ganz ruhig.

Komplett in mir, meiner Mitte, ich bin nicht verliebt, und es gelingt mir spielerisch, diese SMS erst in einigen Stunden anzusehen.

 

Entschiedenes Gähnen.

 

Ich schau nur ganz kurz.

 

Lina schreibt, dass sie heute Morgen bei einem jungen Mann im Bett aufgewacht ist –

 

Moment, ich muss mich übergeben –

 

der nicht ihr Freund ist, es auch nicht werden soll –

 

Sicher nicht, wer will denn so etwas komplett Spießiges wie eine Beziehung?

Moment – ich muss mich noch mal übergeben –

 

– mit dem sie aber diesen Moment erlebt, in dem alles richtig ist, Übereinklang und so weiter. Zwillingsseelen.

 

Moment, sie sagt wirklich Zwillingsseelen?

 

Und es ist, als hätten sie sich früher in einem anderen Leben gekannt –

 

Anderes Leben!!!

Nahtoderfahrung!

Zwillingsseelen, Seelenwanderung, Wohlfühlzone –

 

Ich verdrehe die Augen – wenn ich das kurz zeigen darf – und denke:

SURE.

 

Und Lina weiter: Ich warte nicht auf seinen Anruf, weil es mir um heteronormative Besitzansprüche geht, sondern ich finde, die Einmaligkeit der Übereinstimmung unserer Charaktere verdient, dass wir uns weiterhin sehen, verstehst du, was ich meine.

 

Und ich so: Verstehe.

 

Lina studiert Kunstgeschichte oder Theaterwissenschaft oder Kulturmanagement, so genau habe ich nicht hingehört, ich war damit beschäftigt, ihren Nacken anzusehen, in den ich gerne gebissen hätte, und die Haare auf ihren Armen, die ich gerne berührt hätte.

Ich brauche einen Schluck. Ich bin ziemlich gut darin, immer die richtige Menge Alkohol zu erwischen: zu wenig, um mich einzupissen, zu viel, um als nüchterner Mensch durchzugehen.

 

Unzusammenhängend fallen mir Menschen ein, die Erwachsensein vortäuschen und stundenlang mit wichtigen Gesichtern an Wein herumkauen. Wirklich, es gibt nichts Trostloseres. «Hallo», könnten sie direkt sagen, «ich hab es in meinem Leben zu nichts gebracht außer zu Mittelmaß, und nun kaue ich auf Wein rum und gehe in die Oper.»

 

Lina antwortet nicht.

Warum antwortet sie jetzt nicht?

Ich hab doch nur geschrieben: Glaubst du, er sieht das genauso?

Und nun antwortet sie nicht. Ob sie jetzt denkt, dass ich verliebt in sie bin? Ich glaube, noch beschissener, als unglücklich zu lieben, ist, den, in den man unglücklicher verliebt ist, beim Unglücklich-Verliebtsein zu beobachten.

Letzte Woche war ich mit Lina bei irgendwelchen Freunden-von-Freunden-Leuten, in so einer Sichtbeton-Superwohnung, in der ein Kunstwerk in einem Sechshundert-Quadratmeter-Raum steht und einen angestrengten Dialog mit einem komplett unbequemen Sofa hält. Auf jeden Fall saß Lina auf diesem Sofa-Geschwür und sagte: «Das ist so eine wahnsinnig tolle Verliebten-Wohnung.» Und ich saß neben ihr, und es war klar, dass ich nicht gemeint war. Verstehst du, was ich meine, Paul?

 

Lina macht nur, was wir alle machen. Sie will keinen, der sie will, denn das klingt so langweilig und nicht nach Leidenschaft, sie will etwas, das Aufregung herstellt und Schmerzen, sie will nicht gewollt werden. Will wen, der in einer Beziehung ist oder noch mal nachdenken muss oder gerade blockiert ist und echt noch Zeit braucht, dann kann man so herrlich tief sein und leiden und Gedichte schreiben, und nach drei Wochen kommt das nächste Ding. Und alle, die ich kenne, zweifeln an sich. Sie reden von Bindungsunfähigkeit, von Nähe, die sie nicht zulassen können, von Erwartungen, die nicht erfüllt werden, sie sagen: «Ich kann mich nicht einlassen», er oder sie kann sich nicht einlassen, und wir suchen nach Handwerkszeug, nach dem Geheimnis der Reparaturanleitung, um die Sache in eine Ordnung zu bringen, doch es ist einfach nur Glück. Da gibt es kein Nicht-Genügen oder Falschsein oder Zu-viel-Wollen, da gibt es nur diesen einen Menschen hinter dem Fenster, der genau mich gut findet und den nichts an mir stört. Und du, Lina, die du mich quälst, bist es wohl nicht.

 

HÖRT DAS AUF, dieses Rumgeleide? Könnte ich dich fragen, und du würdest nicken. «Mit Ü40 maybe», würdest du sagen, wenn du reden könntest.

Kannst du nicht. Schade. Da ist die verdammte Socke vor.

 

Ich vermute, wenn man Ü40 ist und sich nicht mehr für Sex interessiert, dann denkt man: Wer mich nicht will, kann mich am Arsch lecken, ich säubere mal lieber meine Wohnung.

 

Sollte ich auch mal wieder –

Seit alles so funktional und abwischbar geworden ist, seit wir uns mit Küchenelementen und Kochinseln umgeben und es als unsauber gilt, Haare am Körper oder Unordnung in den Zimmern zu haben, ist alles, was unser Leben belegen könnte, in Schränken oder Waschbecken verschwunden. Nichts soll den Menschen mehr daran erinnern, dass er aus Fleisch besteht und nicht aus Bauteilen und dass er sterben wird und dann jemand seine Unordnung aufräumen muss.

 

Meine Wohnung hat keine Chance, als Beispiel wirklich ironischen und zugleich coolen Einrichtungsstils in einem Blog zu landen. Keiner wird den Atem anhalten und denken: Das ist wirklich die Wohnung eines urbanen Trendsetters. Obwohl der Boxsack und die Schwerter eine starke Aussage machen. Für ein Mädchen, muss man mit leicht angehobener Stimme dazu sagen.

 

Ich bekomme das Wort «Sehnsuchtsort» nicht mehr aus dem Kopf. Zwillingsseele.