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Rund 5,1 Millionen Menschen leben im Ruhrgebiet, einem enorm großen Ballungsraum, der in Deutschland und Europa seinesgleichen sucht. In der deutschen Geschichte kam dem Ruhrgebiet immer eine hohe Bedeutung zu, denn es war als Industrieraum größer und wichtiger als alle anderen Regionen. Dieses Buch erzählt die Geschichte des Ruhrgebiets seit 1945 als einen faszinierenden Veränderungsprozess, der noch lange andauern wird. Es ist eine Annäherung auf vielen Pfaden. Der Autor hat mit Politikern in Düsseldorf und Berlin gesprochen, mit Sozialdemokraten wie Christdemokraten; mit professionellen Geschichtenerzählern wie dem Regisseur Adolf Winkelmann und dem Schriftsteller Frank Goosen; mit Managern aus Energieunternehmen und normalen Zeitgenossen, die irgendwann ins Ruhrgebiet kamen und hier hängen blieben; mit Professoren, Bürgermeistern, Arbeitsvermittlern, mit dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund und mit Werbefachleuten und Parteiberatern.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
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www.piper.de
ISBN 978-3-492-97817-0
© Piper Verlag GmbH, München 2017
Lektorat: Tanja Ruzicska
Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Covermotiv: picture alliance/blickwinkel/S.Ziese
Datenkonvertierung: Kösel, Krugzell
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Mein Ruhrgebiet, das ist der wunderbare Landschaftspark Duisburg-Nord, der einmal ein riesiges Stahlwerk war. Ich habe ein Fahrrad geliehen und bin über das Gelände gekurvt, vorbei an den Sinteranlagen und Möllerbunkern, habe von der Brücke auf die Alte Emscher hinuntergeschaut und wollte nicht glauben, dass sie im Gasometer wirklich tauchen üben. Das Windrad war gerade wieder aufgestellt worden, in vierzig Meter Höhe, nach zwei Jahren Reparatur am Getriebekopf; jetzt hat der Park eines seiner Wahrzeichen zurück. Beim Traumzeit-Festival traten Tom Odell, Milky Chance, Alice Merton und viele andere Musiker auf, beim Klavierfest Ruhr spielten sie Strawinsky in der Gebläsehalle. Ziemlich viel los ist hier, fast immer.
Eine Entdeckung ist auch das MuT in Bochum, das Museum unter Tage in einem herrlichen Park, in dem gerade »Artige Kunst« zu Ende gegangen war, womit auf die Kunstpolitik in der NS-Zeit angespielt wurde. Oder das goldene U auf dem monströsen Gebäude gleich neben dem Dortmunder Hauptbahnhof, das einmal eine Brauerei beherbergte. Hoch oben auf dem Turm erzählen umlaufende Videos witzige kleine Geschichten, die sich Adolf Winkelmann ausgedacht hat; er ist nicht nur Regisseur, sondern auch der Chronist des Ruhrgebiets. 1,7 Millionen LEDs ließ er hier installieren, damit es etwas zu lesen und zu schauen gibt; die Computertechnik ist ein kleines Wunderwerk. Manchmal lässt Winkelmann den Turm die Zeitläufte kommentieren. Als einige Neonazis Dortmund unsicher machten, sagte der Turm dazu: »Ich, der Turm, fand Nazis damals schon voll uncool.« Das fanden die Dortmunder cool.
Es gibt viel zu entdecken im Ruhrgebiet. Etliche Hunderttausende Menschen reisen an, bleiben für einen Tag oder auch mehrere Tage. Sie gehen in die Jahrhunderthalle Bochum, eine meisterhafte Konstruktion der Ingenieurskunst aus dem Jahr 1902. Sie besuchen die wunderbare Zeche Zollverein, die vermutlich eindrucksvollste Ikone aus dem Industriezeitalter, die eine besonders prominente Adresse bekommen hat: im Welterbe. Sie genießen das erstaunlich große Angebot aus Kultur und Kunst, das Berlin kaum nachsteht, jedenfalls dann nicht, wenn man das Ruhrgebiet als Ganzes betrachtet, als eine riesige Metropole. Und natürlich können sie auch in eines der Stadien gehen, die bei jedem Heimspiel ausverkauft sind. In der Bundesliga haben sie die Wahl zwischen Schalke und Dortmund, wo das Publikum den Fußball einzigartig zelebriert und orchestriert, inbrünstiger als in München oder Hamburg.
Das Erstaunliche am Ruhrgebiet ist, dass die Wirklichkeit seinen Ruf dementiert. Es ist vielfältig und bunt, es ist grün und mit einem Reichtum an Landschaften gesegnet, den man kaum für möglich hält. Auf den Halden, die der Bergbau hervorbrachte, lässt sich picknicken oder ein Stück im Amphitheater anschauen oder durch den Tetraeder flanieren, einer Stahlkonstruktion in Form einer dreiseitigen Pyramide. Wer es langsam liebt, nimmt sich ein Fahrrad und kurvt entlang der Route der Industriekultur, auf der die wichtigsten Industriedenkmäler aus der Zeit stehen, als das Ruhrgebiet aus einer Arbeitsgesellschaft bestand, die Deutschland mit Kohle und Stahl versorgte. Und wer will, kann sogar in der Ruhr baden, denn das ist jetzt wieder erlaubt, nachdem es 46 Jahre lang verboten war, seit 1971.
Dort, wo es spannend und interessant ist, entsteht das neue Ruhrgebiet im alten. Vor ungefähr dreißig Jahren haben die Städte aufgehört, wie aus Scham darüber, dass sie nicht mehr gebraucht wurden, stillgelegte Zechen abzureißen. Ihre Zeit ging vorbei, selbst wenn sie moderner und erheblich sicherer waren als Bergwerke in China, Südafrika oder der Türkei. Auf dem Weltmarkt konnte die deutsche Kohle nicht mehr konkurrieren. Zum Eliminieren der Schächte wurde endlich eine Alternative entdeckt: das Konservieren. Fortan sanierte das Ruhrgebiet das Alte, machte ein Neubaugebiet oder einen Technologiepark daraus. Oft ließ es sich auch etwas Größeres einfallen, verwandelte zum Beispiel ein gigantisches Stahlwerk in einen See und baute an seinem Ufer ein neues Stadtviertel. Gerade noch rechtzeitig lernte das Ruhrgebiet seine Vergangenheit zu schätzen und zu bewahren. Seither ist es stolz auf das Neue im Alten. Und hat auch jeden Grund dazu.
Der wenig freundliche Ruf des Ruhrgebiets speist sich aus seiner Vergangenheit, der nahen wie der ferneren. Kein blauer Himmel über der Ruhr. Ruß, der sich auf die Wäsche an der Leine legt. Schwerstarbeit unter Tage. Eine Arbeiterwelt mit einer Arbeiterkultur. Fußball und Taubenzucht und Schrebergärten und Kneipen. Kinder, aus denen Bergleute werden, wie die Väter und Großväter es ganz selbstverständlich waren. Diese nahe Vergangenheit ist zwar verweht, aber sie haftet an der Region wie Teer.
In der ferneren Vergangenheit war das Ruhrgebiet nicht nur das industrielle Herz Deutschlands, sondern auch die Waffenschmiede des Kaiserreichs und der Nazis. Mit dem Ruhrgebiet verbinden sich die beiden Weltkriege und Millionen Tote. Krupp und Kanonen wurden ein Synonym. Von den Ruhrbaronen überwarf sich nur Fritz Thyssen nach Jahren der Verehrung mit Hitler und wurde deshalb mit seiner Frau in mehreren Konzentrationslagern gequält.
Nach 1945 war das Ruhrgebiet wieder der Großlieferant für Kohle und Stahl, unentbehrlich für den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder der Westrepublik. Diese goldene Spätphase endete 1957/58, als die Kohle in die Krise geriet. Ihr machten Öl und Kernenergie Konkurrenz. Anders als erhofft war die Krise nicht nur konjunkturell bedingt, sondern strukturell. Zeche auf Zeche wurde geschlossen. Stadt auf Stadt geriet ins Trudeln. Das Ruhrgebiet wurde zum Dauerkrisengebiet.
Die große Angst der Regierungen in Bonn und Düsseldorf bestand darin, dass die Bergleute in ihrer Verzweiflung demonstrieren und protestieren würden und womöglich das ganze Land in Aufruhr versetzen könnten. Daraus entstand etwas Beispielhaftes: die korporative Marktwirtschaft für das Ruhrgebiet. Bundesregierung und Landesregierung, Bergbauunternehmen und Gewerkschaften taten sich zusammen und arbeiteten ein Modell aus, das den Bergbau sozial verträglich abwickelte. Kein Bergmann sollte ins Bergfreie fallen, hatte die Gewerkschaft verlangt, und so kam es auch. Der Staat subventionierte, die Bergwerke schrumpften. Fünfzig Jahre lang ging das so. Das Modell wird am 31. Dezember 2018 enden, das ist der Tag, an dem das letzte Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop dichtmachen wird.
Dieses Buch erzählt die Geschichte des Ruhrgebiets von 1945 bis zum »Zieljahr« 2018. Was entsteht, ist nicht etwa eine Regionalgeschichte, eng umgrenzt und abgezirkelt, denn die Entwicklung des Ruhrgebiets ist tief eingebettet in die deutsche Geschichte. Die eine geht in die andere über, ist ohne sie weder zu beschreiben noch zu analysieren.
Nach 1945 spielte das Revier in den deutschlandpolitischen Überlegungen der Siegermächte eine Schlüsselrolle. Das industrielle Potenzial sollte nie wieder für militärische Zwecke nutzbar werden. Eine Industrialisierung des Ruhrgebietes oder die Gründung eines staatlichen Gebildes mit dem Namen »Republik Rhenania« stand zur Diskussion. Daraus wurde nichts, aus politischen und strategischen Gründen. Die beiden neuen Weltmächte Amerika und die Sowjetunion, erst vereint gegen Hitlerdeutschland, entzweiten sich rasch. Eine bipolare Welt ging daraus hervor. Deutschland, verantwortlich für beispiellose Kriegs- und Menschheitsverbrechen, lag nun an der Nahtstelle zwischen Ost und West. Die Nachkriegsrepublik kam in die Gunst des Marshallplans. In erstaunlich wenigen Jahren entstand eine demokratische Marktwirtschaft, mit dem Ruhrgebiet als neuem alten Kraftzentrum.
Auch in der Europäisierung ging das Ruhrgebiet voran. Mit der Montanunion, der 1951 in Paris begründeten Europäischen Gesellschaft für Kohle und Stahl (EGKS), begann die Aussöhnung Deutschlands mit Frankreich. Darauf baute später die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft auf, aus der sich wiederum die Europäische Union entwickelte. So nahm die Einbindung Deutschlands in supranationale Institutionen im Ruhrgebiet ihren Ausgang.
Bis 1957/58 hatte das Ruhrgebiet dem ganzen Land gegeben, was es brauchte. Seither gab das Land dem Ruhrgebiet, was das Ruhrgebiet brauchte. Mindestens 120 Milliarden Euro flossen über die Jahre dorthin. Hunderte Zechen schlossen, Hunderttausende Bergleute wurden arbeitslos oder gingen in Rente. Die korporative Marktwirtschaft war ein Akt der Großzügigkeit, aber auch der Vorsicht. Schwarze Fahnen an der Ruhr, Streiks, Demonstrationen in der Hauptstadt waren das Menetekel, das die Regierungen beachteten.
Die Zeit der Monostruktur war vorbei. Das Ruhrgebiet musste sich rasch wandeln. Es musste aufholen und zu einer Region werden wie andere Regionen. Unverschuldet lag es zurück, Bildung hatte in der Arbeitergesellschaft keine große Rolle gespielt, denn Arbeiter unter Tage und im Stahlwerk mussten nicht wesentlich mehr können als lesen und schreiben. Universitäten brüteten Aufrührer aus, die wie Marx und Engels von der Revolution träumten. Solche Menschen, hatten Bismarck und der Kaiser befunden, brauchte das Ruhrgebiet nicht. So kam es dazu, dass viel zu spät, im Jahre 1965, die erste neu gegründete Universität im Ruhrgebiet eröffnete, in Bochum. Von da an ging es Schlag auf Schlag: Dortmund, Duisburg, Essen, die erste Fernuniversität in Hagen, die erste Privatuniversität in Witten-Herdecke. Die Arbeitergesellschaft nahm ab. Die Bildungsgesellschaft nahm zu. Mehr als 260.000 Studierende hat das Ruhrgebiet heute und damit eine Zukunft.
Ich bin nicht im Ruhrgebiet geboren oder aufgewachsen. Ich schaue von außen darauf. Der Vorteil besteht darin, dass Außenstehende sich über Eigentümlichkeiten wundern, die den Innenstehenden geläufig sind. So war ich verblüfft, als ich zum ersten Mal einen seltsamen Begriff hörte, der mir nichts sagte: »Ewigkeitsschäden«. Gemeint ist damit, dass die Folgen des Bergbaus das Ruhrgebiet noch lange beschäftigen werden, weit über den 31. Dezember 2018 hinaus, eben ewig. Es geht um das Regenwasser, das von oben fällt und unablässig nach unten sickert, dabei Erze und Mineralien aufnimmt und sich unten sammelt, dort, wo die Bergleute keine Kohle mehr fördern werden. Das Regenwasser wird zum Grubenwasser, sammelt sich, wird immer mehr, steigt an, darf aber nur eine bestimmte Höhe erreichen, damit es sich nicht mit dem Grundwasser vermischt und es verdirbt. Das muss unter allen Umständen verhindert werden. Dafür wird nach dem Ende des Bergbaus ein ausgeklügeltes Pumpensystem installiert, das weit über 2019 hinaus, wenn auch Prosper-Haniel dicht ist, seine Arbeit verrichten muss.
Ich komme aus Oberfranken, einer Region, die von sterbenden Industrien gezeichnet ist. Es begann mit den Brauereien, es setzte sich fort mit den Textilien, und es hörte auf mit der Porzellan- und Glasindustrie. In der Folge zogen die Jungen weg, was blieb ihnen auch übrig. In den kleinen Städten blieben die Alten zurück. Geschäfte machten dicht, und Wohnungen standen leer. Schwund, wohin man blickt. Ein Trauerspiel.
Oberfranken ist klein, das Ruhrgebiet ist groß. Mindestens 5,1 Millionen Einwohner. Großstädte, die ineinander übergehen. An die Krise sind sie gewöhnt. Die Gründe dafür wechseln, mal waren es die Bergwerke, dann die Stahlwerke oder die Verschuldung der Kommunen oder noch höhere Arbeitslosigkeit als ohnehin schon. Immer mal stürzte das Ruhrgebiet in die Verzweiflung, aber es machte keinen Dauerzustand daraus. Mir gefällt dieser Kampfgeist, dieses Nicht-unterkriegen-Lassen, dieses Immer-wieder-Aufrappeln.
Was mir noch besser gefällt: Weil hier so lange nichts passiert ist, weil es so lange Stillstand gegeben hat, weil die Krise so heftig ausfiel, bekamen einfallsreiche Menschen die Chance, ihre Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. Den Anfang machte Paul Mikat, ein katholisch geprägter Konservativer, Minister in einer CDU-Regierung mit unorthodoxen Ideen, der sich Bochum als Reformuniversität ausdachte und verwirklichte. Johannes Rau führte das Projekt fort und hatte als Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, der Universität auf Universität einweihte, seine vielleicht produktivste Zeit.
So ist dieses Buch in weiten Teilen eine Geschichte der Veränderer. Oft beginnen sie als Außenseiter und müssen sich zu »Innenseitern« wandeln. Den größten Raum nimmt Werner Müller ein, der schlechte Erfahrungen als Einzelgänger machte und sich langsam, aber sicher zum Netzwerker fortbildete. Fast seine gesamte Biografie rankt sich um Energie und dessen Produktion, um Kernkraft, Kohle, Öl, um Sonne und Wind. Er arbeitete in den großen Konzernen des Ruhrgebiets und kehrte nach seiner Zeit als Minister 2003 zurück nach Essen. Seither hat er das Ruhrgebiet verändert wie kaum ein anderer.
Bewundernswert finde ich auch den Stadtplaner Karl Ganser und Christoph Zöpel, den Landesminister für Stadtentwicklung. Dieses Duo lehrte das Ruhrgebiet, anders auf sich zu sehen und anders über sich zu denken. Gemeinsam verhinderten sie, dass die Zeche Zollverein abgerissen wurde, und machten daraus ein Denkmal des Industriezeitalters, das die UNESCO in ihr Weltkulturerbe aufnahm. Den Gasometer in Oberhausen und den Landschaftspark Duisburg-Nord führten sie neuen Zwecken zu. Auch der Emscher Landschaftspark geht auf die Internationale Bauausstellung zurück, die Ganser und Zöpel in das Ruhrgebiet holten, um es zu verändern. Ein Prozess, der heute noch anhält.
Die Veränderer sind immer nur wenige. Sie haben eine Idee, gewinnen dafür die Regierung, die Städte und Kommunen. Oft haben sie es leicht, erstaunlich leicht, denn ihnen schlägt zwar zuerst einmal Vorsicht entgegen, so ist das nun einmal, aber kaum bleibender Widerstand. »Ja, wenn Sie meinen«, sagte der Ministerpräsident Johannes Rau zu Karl Ganser, so erzählt er es heute, und damit war die Internationale Bauausstellung genehmigt. So können die Veränderer aus einer Trabrennbahn einen See machen, ein Stahlwerk begrünen lassen und eine Kraftzentrale in einen Ort für Konferenzen oder Popkonzerte ummodeln. Und manchmal begnügen sie sich mit einer besonderen Aktion, sperren die A 40, eine der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands, und stellen Tische und Bänke auf, damit das Ruhrgebiet sich selber feiern kann. Anderswo wäre so ein kollektives Happening kaum denkbar.
Veränderer graben sich besonders dann in das Gedächtnis ein, wenn sie groß denken und groß handeln. Zumeist dauert es seine Zeit, bis aus einer Idee ein Projekt und aus einem Projekt dann Wirklichkeit wird. Es kommt auch vor, dass der Prozess die Ausgangsidee verändert, aber so kann aus dem Guten oft noch etwas Besseres werden.
Dieses Buch schaut von außen auf das Ruhrgebiet und erzählt von seinen politischen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen. Es verbindet die Faktenerzählung mit der Personengeschichte. Die ersten beiden Kapitel legen in einem Rückblick den Grund für das Folgende. In der Geschichte der Zeche Zollverein spiegelt sich die Geschichte des Ruhrgebiets im 19. und 20. Jahrhundert. Wir kennen die Namen der großen Unternehmerfamilien: Krupp, Stinnes, Haniel, Thyssen, Huyssen, Mulvany, Grillo. Lauter Männer, eine Männerwelt. Nur ganz am Anfang, noch im 18. Jahrhundert, herrschten andere Verhältnisse. Am Anfang stehen zwei Frauen, die Fürstäbtissin des Essener Hochstiftes und die Witwe Helene Amalie Krupp. Zwei entschlossene Unternehmerinnen denken groß und handeln groß, indem sie sich in die neue Industrie einkaufen, als wäre es das Natürlichste von der Welt. Sie sehen als Erste, was sich da tut, und wollen dabei sein.
Das zweite Kapitel behandelt eine Besonderheit im vorindustriellen Zeitalter, die sich später produktiv auswirkt: Der Kapitalismus, der hier entsteht, ist Familienkapitalismus. Die ersten Unternehmer kommen aus Familien, die schon im Handel ein Vermögen verdient haben, das sie einsetzen können, um Zechen und Stahlwerke zu erwerben und auszubauen. Sie sind erfahrene Geschäftsleute und können Rückschläge verkraften. Sie sind nicht nur Unternehmer, sondern auch Erfinder. Sie halten nichts von Luxus und heiraten untereinander, wie es der Adel vorgemacht hat.
Die Faktenerzählung geht mit der Gründung Bochums als Universitätsstadt in die Personengeschichte über. Dabei nehmen vier Jahre besonders viel Raum in Anspruch. In dieser Zeit verändert sich das Ruhrgebiet industriell. In den Jahren 2003 und 2007 legen Regierungen, Gewerkschaften und die RAG, in der die Ruhrgebietsbergwerke gebündelt sind, gemeinsam das Jahr 2018 als Ende des Steinkohlenzeitalters fest. Außerdem entsteht die Evonik Industries AG als neuer Konzern für Spezialchemie und als dessen Eigentümer die RAG-Stiftung. Bevor es so weit ist, spielt sich ein Drama unter den Handelnden ab, das in diesem Buch erstmals detailreich beschrieben wird.
Die Zukunft des Ruhrgebiets hängt auch davon ab, wie die beiden großen, stolzen Konzerne E.ON und RWE das Ende ihres Geschäftsmodells verkraften werden. Wenige Jahre nach dem Aus für den Bergbau wird die Frist für die Kernenergie ablaufen. Beide Konzerne haben sich durch Zellteilung damit beholfen, das Alte vom Neuen zu trennen, die Kernenergie von der regenerativen Energie. Es ist fast eine List der Geschichte, dass die »saubere« Atomenergie, die ehedem die schmutzige Kohle ersetzen sollte, bald auch der Vergangenheit angehören wird.
Natürlich leidet das Ruhrgebiet unter diesem Doppelschlag. Wie geht es ihm damit? Was wird daraus? Wie immer hängt die Einschätzung von der Perspektive ab. Wer, wie ich, die Geschichte seit 1945 in Betracht zieht, kann Hoffnung aus den gewaltigen Veränderungen schöpfen. Die Monostruktur ist in eine diversifizierte Moderne übergegangen. Der Umbruch folgte auf den Abbruch. Deshalb fällt das Narrativ dieses Buchs freundlich aus. Auf die Bildungsgesellschaft kommt es an, politisch, industriell und kulturell. Warum sollten nicht ein paar der 260.000 Studenten groß handeln und groß denken? Oder die Zugezogenen, die ihre Erfahrung und ihr Wissen mitbringen? Ja, Geduld ist nötig, um sich neu zu erfinden. Nichts geht schnell. Alles ist Mühe. Es muss nicht gut gehen, aber es kann.
Zweifellos liefert die Gegenwart genügend Gründe für Pessimismus. In einem gebeutelten Bundesland bildet das Ruhrgebiet mit seiner hohen Arbeitslosigkeit das Schlusslicht. Dort findet sich eine Unterschicht, von der nicht abzusehen ist, dass sie bald schon ihren Lebensstandard verbessern könnte. Notorisch fehlt es im Land außerdem an einem Mittelstand, der mit Bayern oder Baden-Württemberg an Zahl und Gewicht mithalten könnte. Wer diese Gegenwart linear fortschreibt, kommt zwangsläufig zu einem schwarzen Narrativ. Aber linear entwickelt sich die Geschichte eigentlich nie. Es kann schlechter werden, gewiss. Es kann sich aber auch das eine oder andere zum Besseren wenden.
Die Frage, was wird, habe ich mit vielen Gesprächspartnern auf meiner Bildungsreise durch das Ruhrgebiet hin und her gewälzt. Ich habe Politiker aller Parteien getroffen, Manager und Professoren, Zugezogene und Einheimische, Filmemacher und Schriftsteller, in Vorstandsbüros und im Café, im Fußballstadion und in Vereinsgeschäftsstellen, in Essen und Dortmund, in Düsseldorf und Berlin. Fast alle nahmen sich Zeit, weil das Ruhrgebiet sie nicht kaltlässt.
In meinen Jahren als junger Journalist bei der Zeit musste ich über viele Landtagswahlen schreiben. Auf diese Weise lernte ich fast alle Bundesländer kennen und den deutschen Föderalismus schätzen. Aufgrund unserer Geschichte gibt es viele Zentren, anders als in Großbritannien oder Frankreich. Daraus ergibt sich ein Reichtum an stolzen Städten mit eigener Geschichte und Tradition. Auch in Nordrhein-Westfalen war ich damals unterwegs, immerhin, aber für dieses Buch musste ich das Ruhrgebiet eingehend studieren, um es zu verstehen. Ich habe gelernt, was es war und was es ist, die retardierte Entwicklung durch Preußen und die Anstrengungen seit dem Ausbruch der Kohlekrise. Diese Region ist mir ans Herz gewachsen.
Von selber hätte ich nicht den Einfall gehabt, ein Buch über das Ruhrgebiet zu schreiben. An mich trat ein Freund heran, der mit dem Evonik-Konzern verbunden ist, und er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, ein Buch im Hinblick auf das Ende der Steinkohle und den Anfang der Evonik zu schreiben. Wir waren uns einig, dass ich alle Freiheit in der Recherche und im Schreiben haben müsste. Ich hatte beides. Dafür bin ich dankbar.
Die Zeche Zollverein ist der Stolz des Reviers. Sie war das größte Steinkohlenbergwerk Europas, eine der schönsten und modernsten Zechen der Welt. Als letzte der 291 Zechen der Bergbaustadt Essen wurde sie 1986 geschlossen und ist inzwischen ein eindrucksvolles Industriedenkmal geworden, das die UNESCO im Jahr 2001 in ihr Welterbe aufgenommen hat. Millionen Menschen sind schon hierhergepilgert, von nah und fern. Sie können mit der Straßenbahn 107 fahren (der »Kulturlinie«!), nehmen dann die Gangway, das ist eine 55 Meter lange Rolltreppe, die hinauf in das Innere der Zeche führt. Wer noch höher steigt, gelangt auf die Aussichtsplattform. Von dort aus kann er die ganze Landschaft überschauen und bekommt eine Ahnung davon, wie es einmal war, das Ruhrgebiet, ehe alles anfing, die Industrialisierung, die Arbeit unter Tage, das Kohleschürfen.
Von hier oben lässt sich erkennen, dass diese Region nur zu einem Drittel bebaut ist und von erstaunlich vielen Grünflächen zwischen all den Städten aufgelockert wird.
Im Süden ist die Landschaft geprägt vom Bergrelief des Sauerlandes und des Bergischen Landes.[1] In der Mitte liegen die Flusstäler der Ruhr und der Emscher. Im Norden erheben sich die Halden, das sind künstliche Anhöhen, die aus Gestein aufgeschüttet wurden, das im Bergbau mit der Steinkohle anfällt und entsorgt werden muss. So entstanden zweihundert Deponien von unterschiedlicher Höhe, zwischen fünfzig und hundert Meter hoch. Die meisten von ihnen sind heute begrünt und bepflanzt und ins Freizeitleben der Anwohner integriert. Mal dient eine Halde zum Picknick am Wochenende, mal birgt sie ein Amphitheater mit sommerlichen Theateraufführungen. Einige von ihnen dienen zum Joggen oder als Trainingsstrecke für Traber, wieder andere sind zweckgebundene oder rein ästhetische Objekte, wie der Skulpturengarten neben Schacht 12 der Zeche Zollverein, in dem Ulrich Rückriem, ein Essener Künstler, Skulpturen aus dreiundzwanzig Granitblöcken geschlagen und aufgestellt hat; vereinzelte versteckte er im Birkenwald.
Die Koryphäen der europäischen Architektur reißen sich darum, die Vergangenheit der Reviers in eine muntere Gegenwart zu überführen. Sie verbinden Industrie und Kultur miteinander, zwei Sphären der Wirklichkeit, die eigentlich wenig gemeinsam haben. Die Zeche Zollverein ist ein grandioses Beispiel dafür, wie das Zweckgebundene seine eigene Ästhetik entwickeln kann. Damals wie heute ist hier groß gedacht und groß gehandelt worden. Den Plan für die Verwandlung in ein Kultur- und Wirtschaftsquartier entwarf der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas. Was früher die Kohlenwäsche war, ist heute das Ruhr Museum. Maßgeblich am Umbau beteiligt war das Essener Architekturbüro von Heinrich Böll, dem Neffen des gleichnamigen Schriftstellers und Nobelpreisträgers. Der Brite Norman Foster baute das Kesselhaus, eine dreischiffige Stahlfachwerkhalle aus den späten Zwanzigerjahren im Stil der neuen Sachlichkeit, für das Red Dot Design Museum um. Ursprünglich hatte das Museum einen schwarzen Punkt im Schriftzug, den sich der Grafikdesigner Otl Aicher ausgedacht hatte. Schwarz und Kohle sind aber eins, womit die Vergangenheit in die Gegenwart verlängert worden wäre. Daher trägt das Museum nun einen roten Punkt in seinem Namenszug, der den Neuanfang nach der Montanindustrie illustrieren soll. Vieles will bei der Transformation des Ruhrgebietes bedacht sein, nicht zuletzt die Farben, nicht zuletzt Symbolisches.
Das Zentrum der Zeche Zollverein ist das Fördergerüst auf Schacht 12. Technisch gesehen, ist es ein Doppelstrebengerüst für zwei Förderanlagen, die unabhängig voneinander betrieben werden konnten, um den Schacht maximal auszubeuten. Führungsgerüst und Fördergerüst ließen sich statisch voneinander trennen. Das war wichtig und umsichtig, denn in der Nähe der Schächte sank gerne einmal der Boden ab. So geriet das Konstrukt nicht in Schieflage wie der Turm von Pisa. Deshalb steht der Schacht 12 genau 55 Meter hoch und ist als stolzer, gerader Turm von weither zu sehen.
Die Städte im Ruhrgebiet hingegen sind aus wilder Wurzel entstanden, anarchisch. Sie spiegeln die Notwendigkeit wider, einen Lebensraum für die Arbeiter zu erschaffen, die Kohle unter Tage schürften, aus der dann Eisen und Stahl entstand. Das Ruhrgebiet ist wie ein großes Mosaik aus Städten, die zu einer einzigen Stadt zusammenfließen. Es besteht »aus geschlossenen Industrieanlagen, kleinen Bergarbeiter-Siedlungen, offenen Ackerflächen, dichten Sukzessionswäldern, verwirrenden Autobahnkreuzen, funktionalen Gewerbegebieten, hochaufragenden Halden, Schienensträngen und Gleisharfen, Kanälen, Schornsteinen, Kühltürmen und Gartenanlagen«[2]. Und zwischendrin liegen die Kathedralen der Industriekultur.
Aus der vorindustriellen Zeit ist wenig Raumlandschaft übrig geblieben. Das Ruhrgebiet, das man von der Zeche Zollverein überblickt, ist von Menschenhand gemacht. Es ist entstanden durch Hunderttausende Arbeiter unter Tage. Es wurde verändert durch die Industrieanlagen, die Kohle zum Schmieden von Eisen und Stahl brauchten. Es wurde urbanisiert durch die Masse von zugewanderten Arbeitern, die nach einer Infrastruktur aus Straßen, Läden, Kneipen, Schrebergärten, Fußballvereinen, Schulen und Kirchen verlangten.
Der Bergbau hat diese Landschaft gewaltsam überformt. Man nennt das »Terra Forming«, wenn ein Gebiet durch Industrialisierung derart umgestülpt wird. Das Gewaltsame hat Folgen: Im Durchschnitt sackte der Boden im Ruhrgebiet um acht Meter ab. Als Messlatte gilt: Je weiter nach Norden der Bergbau wanderte, in Richtung Gelsenkirchen, Herne und Bottrop, desto tiefer mussten die Schächte liegen und desto stärker sackte die Landschaft ab. Manche Orte liegen seither bis zu zwanzig Meter niedriger. Das sind die bleibenden Schäden der Montanindustrie. Sie werden das Ende des Steinkohlenbergbaus überleben.
Auch am Straßenprofil lassen sich die Folgen des Bergbaus ablesen: Liegen die Straßen weiter oben, wurde die Kohle aus einer weniger imposanten Tiefe gefördert. Liegen sie weiter unten, kam auch die Kohle von weiter unten.
Die Emscher war einmal die Kloake des Reviers. Sie brachte schwere Krankheiten wie Typhus oder Cholera über das Land. Sie brachen aus, weil im 19. Jahrhundert die Unternehmen ihr Abwasser in die Emscher leiteten, nicht anders hielten es die unaufhaltsam wachsenden Städte, die Fäkalien und Unrat in den Fluss laufen ließen. In anderen Regionen gingen die Städte mit den technischen Möglichkeiten der Zeit dagegen vor und bauten Abwasserkanäle, sodass die Epidemien zurückgingen. Das Ruhrgebiet hätte es ebenso machen können, doch das verhinderte die Kohle: Abwasserkanäle wären durch die Bergsenkungen zerstört worden. Also wurden sie nicht gebaut. Typhus und Cholera suchten die Menschen in dieser Region länger als nötig heim. Im Ruhrgebiet war die Kohle wichtiger als die Menschen.
Dennoch konnten die Städte im Revier den Missstand nicht dauerhaft ignorieren. So gründeten sie gemeinsam mit den Gemeinden an der Emscher im Jahr 1899 die Emschergenossenschaft, einen Wasserwirtschaftsverband, den ältesten der Welt. Sie legte den mäandrierenden Fluss, der über 109 Kilometer quer durch das Revier floss, von Dortmund bis zum Rhein tiefer. Dann begradigten sie ihn und verlegten auch noch die Mündung von Oberhausen nach Duisburg-Walsum, später nach Dinslaken. Sie bauten Kläranlagen und Pumpenwerke.
Das kam in der Geschichte des Ruhrgebiets noch öfter vor: Es zog sich hin, bis ein schreiender Missstand behoben wurde, dann aber gründlich und sogar exemplarisch.
An manchen Stellen versucht das Ruhrgebiet zurück zum Ursprung zu finden. Die Emschergenossenschaft etwa ist heute wiederum mit einem Großprojekt befasst, das das Revier grundlegend verändern wird. Mit einem Budget von 4,5 Milliarden Euro renaturiert sie die Emscher. Wo immer es geht, wird sie geklärt und gesäubert und dann sich selber überlassen, sodass sie zurückerobern kann, was sie verloren hatte. Wunderbare Naturinseln entstehen, an denen entlang Radwege führen. Darüber hinaus baut die Genossenschaft unterirdische Kanäle für den Unrat der Städte. Das Gesamtprojekt ist das größte seiner Art in der Europäischen Union.
Von hier oben, von der Aussichtsplattform der Zeche Zollverein, lässt sich auch erahnen, wie es einmal gewesen ist, dieses Ruhrgebiet, ohne die Halden, ohne künstliche Erhebung. Bevor alles anfing, war die Region eine flache Auenlandschaft, platt wie Holland, das um die Ecke liegt. Wasserreich war sie auch. Da die Emscher mäandrierte, überflutete sie die Gegend, die für lange Zeit kaum besiedelt werden konnte. In den vereinzelten Dörfern und wenigen größeren Ansiedlungen lebten nur wenige Menschen. Sie waren Bauern oder Ackerbürger. Viel los war hier nicht.
Immer mal wieder spielte die deutsche Geschichte in die Beschaulichkeit hinein. Die Franken unter Karl dem Großen kamen vorbei. Sie eroberten die Syburg, wandelten eine heidnische Kultstätte in eine christliche Kirche um und legten einen Königshof an, aus dem sich eine Siedlung mit dem Namen »Throtmanni« entwickelte: Das bedeutet so viel wie »Siedlung am gurgelnden Gewässer«. Throtmanni ist zu Dortmund geworden – damals die einzige freie Reichsstadt in Westfalen. Mindestens dreißigmal haben sich deutsche Kaiser bis zum Ende des Mittelalters hier aufgehalten.
Die Geschichte Essens beginnt Mitte des 9. Jahrhunderts mit der Gründung eines Frauenstifts durch den Hildesheimer Bischof Altfrid. Ihm standen Äbtissinnen vor, die sich keineswegs ausschließlich am Jenseits orientierten. Sie waren auch weltlich gesinnt und vergrößerten geschickt ihre Besitztümer. Der Vielzahl kleiner Territorialfürstentümer, die nach und nach in der Umgebung emporkamen, standen sie in nichts nach. Fast tausend Jahre waren die Äbtissinnen eine maßgebliche Größe in der Region. Die Bischofskirche des ehemaligen Hochstifts ist heute das Essener Münster. Der Kirchenschatz weist bedeutende Kunstwerke aus der ottonischen Zeit auf und gibt Zeugnis vom geschichtlichen Wirken der Äbtissinnen.
Spätestens mit dem Dreißigjährigen Krieg geriet das Ruhrgebiet ins Abseits. Die deutsche Geschichte konzentrierte sich auf den Osten, den Westen und den Süden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Kleine und mittelgroße Territorialfürsten wussten in der Auenlandschaft das entstehende Machtvakuum für sich zu nutzen. Der Kölner Erzbischof machte sich am Niederrhein breit. Die Grafen und Herzöge von Kleve, Mark, Jülich und Berg bereicherten sich in der ländlichen Region zwischen Ruhr und Lippe. Dann kam die Französische Revolution. In der Folge fiel das Ruhrgebiet an Preußen, dessen Soldaten Essen besetzten und das Hochstift am 18. April 1803 säkularisierten.
An dem Leben im Windschatten der Geschichte hätte sich wenig geändert, wäre die Steinkohle nicht gewesen. Über Tage mochte die Auenlandschaft das hilflose Objekt überlegener Kräfte sein. Unter Tage fand sich eine Ressource, die sie aus dem Windschatten in das Zentrum der Geschichte rückte.
Kohle entsteht in einem langen, langen Prozess. Er beginnt in einer Zeit, da Europa und Nordamerika eine gemeinsame Landmasse bildeten. Deshalb findet sich die gleiche Kohle in Deutschland, Nordfrankreich, Nordengland und Pennsylvania. Mitteleuropa war damals eine weit ausgedehnte Geosynklinale: »eine mit einem Meer gefüllte, abgesenkte Mulde«.[3] Das Klima war feuchtwarm, mit vielen Niederschlägen, sodass eine üppige Vegetation entstehen konnte.
Die Mulde wurde immer und immer wieder überflutet und dabei zugedeckt von abgestorbenen Pflanzen, Farnen und Bäumen, mit Schlamm und Geröll. Die Masse sank unter das Grundwasser ab und blieb konserviert, weil sie von Sauerstoff abgeschlossen dalag und nicht von Bakterien und Pilzen zersetzt werden konnte. Aus diesem jahrhundertelangen Prozess aus Ablagerung, Erosion und Konservierung entstand anfangs Torf und später, bei erhöhter Erdwärme und zunehmendem Druck, die Steinkohle. Unter Tage wartete sie darauf, was den Menschen wohl einfallen würde.
Im 19. Jahrhundert fiel ihnen etwas ein. Die Montanindustrie, wie wir sie kennen, entstand nach und nach. Nicht immer war sie die reine Männerwelt, als die sie uns heute erscheint. Am Anfang standen zwei Frauen.[4] Ohne sie hätte der Prozess, der das Ruhrgebiet in den Mittelpunkt der deutschen Geschichte rückte, einen anderen Verlauf genommen.
1791 wurde die Essener Hütte »Neu-Essen« an der Emscher bei Schloss Oberhausen eingerichtet. Gegründet wurde sie von der Fürstäbtissin Maria Kunigunde, denn die Hütte lag auf dem Gebiet des Hochstifts Essen. Wenige Jahre später erwarb sie Anteile an der St.-Antony-Hütte in Osterfeld (heute ein Stadtteil Oberhausens). Maria Kunigunde zeigte Weitsicht und Unternehmergeist, als sie in diese neue Branche einstieg, in der damals noch mit Holzkohle das Sumpf- und Raseneisenerz zu Eisen verhüttet wurde.
Wenige Jahre später, 1803, sorgte der Reichsdeputationshauptschluss dafür, dass kirchliches Gut säkularisiert wurde. Auch das Damenstift Essen verlor seine weltliche Grundlage. Die avantgardistische Fürstäbtissin verkaufte ihre beiden Hütten. Sie traf auch hier eine gute Wahl. Ihr Hütteninspektor Gottlob Jacobi und dessen Schwager Gerhard und Franz Haniel zahlten sie aus und führten ihr Werk fort. Vor allem der Familie Haniel kommt in der Geschichte des Ruhrbergbaus herausragende Bedeutung zu.
Die zweite frühe Unternehmerin war Helene Amalie Krupp, die schon im Alter von fünfundzwanzig Jahren Witwe wurde. Ihr Ehemann Friedrich Jodocus, sechsundzwanzig Jahre älter, starb im Jahr 1757. Nun gehörte die Hütte »Gute Hoffnung« in Sterkrade (heute Oberhausen) ihr, und sie betrieb sie auch selber. Das Kapital dafür brachte ihr das Spezerei- und Kolonialwarengeschäft der Familie ein, dem eine Kaffeerösterei (eine »Fabrique, um den blassen Caffee zu fabricieren«)[5] angegliedert war. Helene Amalie Krupp besaß Energie, war eine selbstständige Frau und heiratete nicht wieder. Sie erweiterte das Geschäft um den Handel mit Tuchen, Leinen und Porzellan, knüpfte Kontakte nach Hamburg, Bremen, London und Holland, wo die Krupps ursprünglich herkamen.[6] Auch sie war modern und entschlussfreudig. Als eine der Ersten wagte sie den Sprung vom Handel zur Produktion. Sie errichtete eine kleine Schnupftabakfabrik und erwarb Beteiligungen an Steinkohlenzechen.
Helene Amalie Krupp überlebte auch noch ihren Sohn Peter Friedrich Wilhelm, der 1795 starb, und wirkte prägend auf ihren Enkel Friedrich ein. Bis 1808 blieb Sterkrade in ihrem Besitz. In diesem Jahr verkaufte sie die Hütte an Heinrich Huyssen, der sowohl mit den Haniels als auch mit den Jacobis verschwägert war. Sie starb im Mai 1810, siebenundsiebzig Jahre alt. Ihr Enkel Friedrich Krupp trat ihr Erbe an. Zu diesem Zeitpunkt war er zweiundzwanzig Jahre alt. Ein Jahr später, 1811, gründete er eine Fabrik zur Herstellung von Gussstahl.
Schon sehr früh sind die Familiendynastien im Geschäft, die im Lauf der Geschichte das Ruhrgebiet prägen sollten: die Krupps, die Haniels, die Huyssens, die Jacobis. Es ist die Frühphase der Industrialisierung, alles steht noch auf Anfang. Und doch hat sich, vom Ende her gesehen, das Entscheidende schon vollzogen: Die Pionierfamilien, im Handel zu Wohlstand gekommen, investieren in die neue Industrie, die bei Goethe »das Maschinenwesen« heißt.
Was fehlt, ist ein Markt mit einer stabilen und sich steigernden Nachfrage. Die Industrialisierung im Ruhrgebiet kann erst richtig beginnen, als sich in den Ländern, die Deutschland bilden, ein neuer Markt eröffnet, und das ist der Eisenbahnbau. Dafür braucht es Schienen, Waggons und Loks. Fortan gibt es ein Wettrennen um den Zuschlag für die Produkte des Maschinenwesens.
Mittendrin in dieser neuen Zeit steht Franz Haniel, der das Erbe der Fürstäbtissin Maria Kunigunde angetreten hat. Er gehört zu den Pionieren des Industriekapitalismus, die Joseph Schumpeter, einer der Päpste der deutschen Nationalökonomie, mit dem Ehrentitel »Innovateur« versieht, weil sie nicht nur Unternehmer sind, sondern auch Neues schaffen.
Franz Haniel wird zur Führungsfigur des modernen Ruhrgebiets. Er treibt in Borbeck (heute ein Stadtteil Essens) im Jahr 1831 einen Schacht durch die Mergeldecke und gelangt so an die darunterliegenden Kohleflöze. Die Maschine, die er zum Durchstoßen einsetzt, ist die Maschine des Bergbaus schlechthin: die Dampfmaschine. Das ist der Durchbruch zum Schachtbau, das Ende des Stollenbaus. Anders als beim Stollenbau, wo fast waagerechte Hohlräume in das Gestein getrieben worden waren, gehen die Schächte nun senkrecht nach unten. Sie können Menschen und Material befördern, sie können die Kohle von unten nach oben bringen. Außerdem versorgen sie die Menschen unter Tage mit frischer Luft.
Haniels Erfindung löste eine fiebrige Spekulation aus. Mit der neuen Technik war es möglich, große Felder in ungeahnter Tiefe zu erschließen. Sofort erkannte der Innovateur die goldenen Aussichten und begann damit, Kohlefelder aufzukaufen, denn er brauchte Kohle für seine Hüttenwerke. Er wollte Stahl und Kohle miteinander verbinden, auch dieser Gedanke war damals neu. Im Raum Katernberg, heute ein weiterer Stadtteil Essens, bohrte er im Jahr 1847 ein besonders ergiebiges Flöz an. Dort sicherte er sich 14 Felder und machte daraus ein gemeinsames Grubenfeld, dem er den Namen »Zollverein« gab.
Zollverein: eigentlich ein seltsamer Name für eine Grube. Aber der Name ist politisches Programm, ein Bekenntnis zur ökonomischen Vereinheitlichung Deutschlands, die den drei Einigungskriegen vorausging und sie vorbereitete. Innovateure wie Haniel dachten ihrer Zeit weit voraus.
Der Deutsche Zollverein, 1834 in Kraft getreten, war der organisierte Versuch, einen Binnenmarkt einzurichten, der den Mitgliedstaaten einen gemeinsamen ökonomisch-fiskalischen Rahmen setzte. Bei der Gründung gehörten ihm neben Preußen, das die Vormacht besaß, das Großherzogtum Hessen, Kurhessen, Bayern, Württemberg, Sachsen und die thüringischen Einzelstaaten an. In den nächsten Jahren stießen weitere acht Staaten dazu. Um den kleineren Mitgliedstaaten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, galt das Prinzip der Gleichberechtigung.
Das Maschinenwesen trug dazu bei, dass aus der Vielheit der deutschen Staaten allmählich eine ökonomische Einheit entstand, die wiederum der politischen Einheit Vorschub leistete. Die Eisenbahn war Mitte des 19. Jahrhunderts der Inbegriff der Modernität. Alle Länder, die den Zollverein bildeten, wollten sie haben, diese stampfenden und Rauch ausstoßenden Maschinen, die den Raum in nie gekannter Geschwindigkeit überbrückten. Sie bestellten sie und gewöhnten sich daran, die Spurbreite mit den Nachbarn rechts und links abzustimmen. Die Eisenbahn beförderte nicht nur Menschen und Material, sie beförderte auch die Einheit. Und natürlich den Bedarf an Kohle.
Im selben Jahr, als Franz Haniel die Arbeiten an Schacht 1 der Zeche Zollverein begann, wurde die Köln-Mindener Eisenbahn eingeweiht. Deren Trasse führte am Zechengelände vorbei und löste die Pferdewagen als bevorzugte Transportmittel ab. Die neuen Maschinen transportierten das »schwarze Gold«, das der weitsichtige Franz Haniel am richtigen Platz gefunden hatte.
1847 wurde auf Zollverein der erste Schacht senkrecht in die Erde getrieben – Bergleute sagen dazu: Ein seigerer Schacht wird abgeteuft. Vier Jahre lang dauerte es, bis die Zeche in Betrieb genommen werden konnte. 256 Bergleute förderten im ersten Jahr 13.000 Tonnen Steinkohle. Bis 1890 verzehnfachte sich die Belegschaft, die nun eine Million Tonnen schaffte. Unter Tage ließen sich weitere Flöze erschließen, sodass neue Schächte und neue Schachtanlagen nötig waren.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, bestand Zollverein aus vier selbstständigen Schachtanlagen mit zehn Schächten. Sie sahen fast wie ein Kunstwerk aus. Sie bildeten ein Grubenfeld, das sich sechzig Jahre lang als so ergiebig erwies, wie Franz Haniel es vermutet hatte.
Mit der kontinuierlichen Entwicklung des Ruhrgebiets war es allerdings bald vorbei: Zuerst kam der Krieg, der alles änderte. Auf den Krieg folgte der Revolutionsversuch der Arbeiter- und Soldatenräte. Auf die fehlgeschlagene Revolution folgten die Ruhrbesetzung durch die französische Armee und der Generalstreik im ganzen Revier, angeordnet von der Regierung in Berlin. Daraufhin brach die Inflation aus, die Halden stiegen, die Arbeitskämpfe ebbten nicht ab, Überkapazitäten verschärften die Krise. Schließlich, nach einer kurzen Phase der Entspannung für die Weimarer Republik, ging die Dauerkrise in die Weltwirtschaftskrise über.
Die Haniels beschlossen, aus Rationalisierungsgründen eine Zentralschachtanlage auf Zollverein zu bauen. Das dauerte. Erst 1932 war es so weit. Im Stil der neuen Sachlichkeit erhob sich der stolze, hohe Schacht 12. Zollverein galt nun als die schönste Zeche der Welt. Zwölftausend Tonnen Kohle förderten die Arbeiter Tag für Tag. Zollverein war die größte und leistungsstärkste Zeche im Ruhrgebiet.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie Haniel ihre Anteile schon abgestoßen. Das Prunkstück unter den Zechen gehörte ihr nicht mehr. Die Gründerfamilie zog sich aus ihren ergiebigsten Grubenfeldern zurück. Nach und nach verloren die Erben Franz Haniels das Zutrauen in die Montanindustrie. Sie waren klüger als andere Familiendynastien. Deshalb gibt es sie auch heute noch, als internationalen Konzern, der aber immer noch dort seinen Sitz hat, wo alles anfing, in Mülheim an der Ruhr.
In Deutschland stehen Staat und Markt in einem besonderen Verhältnis zueinander, denn es gibt hier weder einen Staatskapitalismus wie in Frankreich noch den liberal ausgerichteten Kapitalismus angloamerikanischer Prägung.
Sozial bedacht soll die Marktwirtschaft sein, so wollten es die Gründerväter der westlichen Nachkriegsrepublik. Von den Vorteilen, die darin schlummern, kann das Ruhrgebiet ein Lied singen. Kaum eine andere Region zog so viel Nutzen daraus, als sich die Steinkohle nicht mehr auf dem Weltmarkt behaupten konnte und die Zechen unrentabel geworden waren. Das Ruhrgebiet ist ein Sonderfall wirtschaftlicher Entwicklung, genauso wie der Aufbau der ostdeutschen Länder nach der Wiedervereinigung ein Sonderfall deutscher Wirtschaftsgeschichte ist.
In Deutschland rufen sie schnell nach dem Staat, wenn die Märkte instabil werden und Großbranchen in Schwierigkeiten geraten. In schöner Regelmäßigkeit verlangen Stahlkonzerne nach Staatshilfe, wenn zum Beispiel chinesische Firmen Billigprodukte auf den Markt werfen und den Wettbewerb zu ihren Gunsten verzerren. Große Energiekonzerne wie E.ON und RWE erhofften sich Verständnis von der Bundesregierung dafür, wenn sie argumentieren, dass sie alleine überfordert wären, für die vorübergehende und dauerhafte Entsorgung der quasi ewig strahlungsfähigen Brennelemente aus stillgelegten Atomkraftwerken zu sorgen. Oder die Landwirtschaft: Traditionell führt sie den Reigen der am stärksten geförderten Sektoren im Subventionsbericht der Regierung an.
Familienunternehmen sind selten geworden auf den globalisierten Märkten. Dort herrschen oft Manager, die so auftreten, als wären sie die Eigentümer. Manchmal verschmelzen sie tatsächlich mit den Unternehmen, die sie führen, so wie Jürgen Schrempp mit Daimler-Benz oder wie Wolfgang Reitzle mit der Linde AG. Manchmal geht der Führungsübergang geräuschlos zu, wie bei der Allianz, die seit ihrer Gründung 1890 überhaupt nur zehn Vorstandsvorsitzende hatte (früher hießen sie: »Generaldirektoren«).
Staat und Markt sind ausgeformte Sphären der Wirklichkeit. Sie stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das immer wieder neu arrangiert werden muss, spätestens dann, wenn eine Weltfinanzkrise ausbricht und Banken gerettet werden müssen, im Inland wie im Ausland, oder wenn Konzerne wanken, von denen es heißt, sie seien too big to fail – zu groß, um folgenlos für die Gesamtwirtschaft einfach bankrottzugehen.
Im 19. Jahrhundert, als Staat und Markt noch wenig ausdifferenzierte Sphären waren, als sie im vorindustriellen Zeitalter noch nebeneinander bestanden und der Kapitalismus noch gering ausgeformt war, da ging der Fortschritt von Familien aus. So war es im Ruhrgebiet, aber keineswegs nur dort, auch in Frankreich oder Italien prägten Familiengeschlechter Markt und Politik: Kapitalismus war oft Familienkapitalismus.[7]
Familien ergänzten Staat und Markt, sie waren wichtig in dieser Entwicklungsetappe der neuen Industrie aus Kohle, Eisen und Stahl. Sie formten den Kapitalismus. Sie waren die Zuckerbergs oder Gates ihrer Tage, Individualisten und Pioniere, die aus dem Nichts etwas schufen, das größer war als sie selber. Und genau das wollten sie auch: Sie waren auf ein Monopol aus, eine singuläre Stellung strebten sie an. Den Industriesektor, den sie zu beherrschen suchten, bauten sie selber wesentlich mit auf. Schumpetersche Innovateure waren sie und sind sie.
Die Haniels oder Krupps kamen im Spätabsolutismus zu Kapital, das sie für die neuen Unternehmungen einsetzen konnten. Sie waren Kaufleute, Händler. Sie hatten Übung darin, in Kategorien des Marktes und der Politik zu denken. Während der Französischen Revolution belieferte Franz Haniel die österreichische Armee mit schweren Kanonen und mit Gewehrkugeln aus den Eisenhütten St. Antony und Neu-Essen.[8] Als Frankreich und Preußen vorübergehend Frieden schlossen, das war 1795, waren die Ruhrstädte Duisburg und Ruhrort wichtige Umschlagplätze für Kaffee, Tabak, Zucker und Tierhäute aus den Niederlanden, die Haniel nach Köln oder Frankfurt verschickte.
Ebenso wenig ließ er sich das Geschäft mit der französischen Armee am linken Rheinufer entgehen, die selbstverständlich auch Waren benötigte. Als die Armee Napoleons später die Region besetzte, betrieb er in großem Maßstab Schmuggel mit Geschosshülsen, Kanonen- und Gewehrkugeln. Als die Kriege vorbei waren, als Napoleon endgültig im Exil saß, ging Haniel zum Getreidehandel über, baute eine Schiffswerft, legte einen Hafen in Ruhrort an und reiste nach England, wo die Avantgarde der Industrialisierung zu Hause war.
Familienkapitalisten wie die Haniels gingen mit ihrer Zeit und waren ihr zugleich immer etwas voraus. Sie wechselten die Waren, die sie verkauften, je nach Marktlage. Sie veränderten ihre Strategie, sobald die politischen Gegebenheiten es erforderten. Sie behielten im Blick, wo sich Neues abzeichnete, zum Beispiel in England.
Eines Tages reiste Franz Haniel mit seinem Bruder Gerhard nach England, in die Midlands. In Soho wollten sie den Betrieb von James Watt besichtigen, dem Mann, der die Dampfmaschine fortentwickelt hatte. Watt, vorsichtig im Umgang mit Betriebsgeheimnissen, lud die Brüder zwar zum Mittagessen ein, wollte ihnen aber sein berühmtes Werk nicht zeigen.
Enttäuscht waren die beiden Haniels, reisten jedoch nicht unverrichteter Dinge ab. Statt Watts’ Fabrik besichtigten sie eine andere Kohlegrube, 210 Meter tief, in der eine Dampfmaschine dazu diente, die Kohle zu befördern und Futter für die Grubenpferde hinabzulassen.
Es war ein Besuch mit Folgen. Franz Haniel besaß erworbenes Vermögen und setzte es ebenso behutsam wie entschieden für die neue Branche ein. »Er verwendete einen Großteil seiner Erträge aus der Ölmühle sowie aus dem Kohlen- und Holzhandel für den Kauf von Kohlenzechen und die Erweiterung der Werft in Ruhrort.«[9]
Die Investitionen zehrten am Vermögen. Deshalb sorgten die Haniels dafür, dass es nicht auch noch anderweitig verschleudert wurde. Sie achteten darauf, dass so viel wie möglich in der Familie blieb und nicht etwa durch unkoordinierte Eheschließungen verloren ging. Wie Kaiser und Könige betrieb die Familie eine komplexe Heiratspolitik, deren Sinn darin bestand, Kapital nicht durch Luxus zu verschwenden oder durch windige Ehemänner zu gefährden. Die Haniels bevorzugten Eheverbindungen mit anderen Unternehmerfamilien, wie den Cockerills in England oder den de Greiffs in Krefeld oder den Stinnes in Mülheim. Strategische Bündnisse ließen es damals auch zu, dass Cousin und Cousine heirateten. Franz Haniel sorgte beispielsweise dafür, dass sein Sohn Hugo 1837 die einzige Tochter seines verstorbenen Bruders Gerhard ehelichte, Bertha Haniel.
Auch die Krupps waren Familienkapitalisten. Wie die Haniels besaßen sie einen Kolonialwarenladen. Auch sie stiegen in das Geschäft während der Französischen Revolution und den vielen, langen Kriegen bis 1815 ein. Auch sie verdienten viel in diesen Jahren, als Chaos herrschte, was günstig für den Profit war. Auch sie besaßen Kapital für Investitionen in den Bergbau im Ruhrgebiet.
Im Familienkapitalismus der anschwellenden Industrialisierung spielte der Ahnherr der Dynastie, Alfried Krupp, der sich lieber Alfred schrieb, eine besondere Rolle. Er war Autodidakt, allerdings unfreiwillig, da sein Vater starb, als Alfred vierzehn Jahre alt war. Der Junge stand am Schmelzofen und kannte sich im Hammerwerk aus. Er bildete sich eigenständig zum Fachmann für das Hüttenwesen und zum Ingenieur fort, fuhr unter dem Namen A. Crup zum Spionieren nach England, lernte vorher Englisch, später Französisch und Italienisch. Er wollte die Kunden verstehen, zu denen er reiste oder die zu ihm reisten, um Kanonenkugeln zu bestellen. Rastlos und misstrauisch, wollte er alles kontrollieren, alles verstehen, alles wissen. Ständig unterwegs, war er sein bester Handelsvertreter und Industriespion.
Der Vorteil des Familienkapitalismus lag im dynastischem Vermögen, auf das die Unternehmer zurückgreifen konnten, wenn es an Kapital mangelte. Als Alfred Krupp mit seinen Geschäften in Not geriet, standen ihm Verwandte bei. Ein Onkel, ein Vetter und einer seiner Brüder gaben ihm das Geld, das er dringend benötigte. Wer die allmählich florierende Eisenindustrie beherrschen wollte, brauchte Ausdauer, musste Rückschläge hinnehmen und Zuversicht wahren. Dabei half das Selbstbewusstsein, Spross einer Kaufmannsfamilie zu sein, die seit Generationen mit ihrem Vermögen zur Elite der Stadt gehörte.
Wer in den Anfängen des Ruhrgebiets zum Beispiel Koksöfen mit 64 Brennern bauen wollte, benötigte Kapital, das schwerlich zu bekommen war. Banken gab es zwar, aber sie waren schwach, und die Familienkapitalisten blieben noch jahrzehntelang abgeneigt, Kredite bei Geldinstituten aufzunehmen. Lieber machten sie sich von Verwandten abhängig, auch wenn damit Mitsprache und Hineinreden verbunden waren.
Die Familienkapitalisten jener Tage waren auf ihr Geschäft ausgerichtet. Der Markt und seine Möglichkeiten beschäftigten sie und sonst wenig. Pomp und Gepränge blieben ihnen fremd. Anfangs standen ihre Wohnhäuser gleich neben der Zeche. Zuerst und zuletzt waren sie Innovateure, bedacht auf die Ausweitung der Geschäfte, national wie international. Neue Verfahren führten sie ein, sobald sie erprobt zu sein schienen. Sie investierten, kauften hinzu, beteiligten sich an anderen Unternehmen, gingen Syndikate und Kartelle ein, stießen Firmen ab, kauften neue und bildeten Verbundsysteme. Unermüdlich rationalisierten sie, unaufhörlich modernisierten sie. So trieben sie die Industrialisierung voran.
Und so formten sie das Ruhrgebiet. Aus ungelernten Arbeitern machten sie angelernte Arbeiter, und damit sich diese Investition auch rentierte, bauten sie Arbeitersiedlungen am Rande der Zechen oder Stahlwerke. Die Arbeiter arbeiteten unter oder über Tage und kauften Alltagswaren in den werkseigenen Geschäften ein. Ein kleiner Geldkreislauf zum Nutzen der Unternehmer.
Das Verhältnis zwischen den Familienkapitalisten und der Arbeiterschaft war prinzipiell so wie das Verhältnis des Kaisers zu den Untertanen, unterschied sich aber in einem wesentlichen Detail: Die Patrone kannten sich aus. Ihre Autorität beruhte darauf, dass sie die Arbeit, die Abläufe und Maschinen beherrschten, dass sie ständig in ihren Konzernen auftauchten und Bescheid wussten über die Welt unter Tage und über Tage.
Früh schon wurden betriebliche Fürsorgeleistungen im Ruhrgebiet üblich, zum Familienkapitalismus gehörte Verantwortungsbewusstsein. Zum Beispiel eine Unterstützungskasse für Hüttenarbeiter, erstmals in einem Geschäftsbuch 1832 belegt: Das war eine rudimentäre Sozialversicherung, die den Zweck verfolgte, die Arbeiter zu binden und sie zufriedenzustellen. Wer etwas zu verlieren hatte, würde es nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, das lag in der Logik des Paternalismus. In der Absicht der Familienkapitalisten lag es, genau wie auch später bei Bismarck, Arbeitskämpfen oder gar revolutionären Tendenzen unter den Bergleuten vorzubeugen und natürlich auch die Sozialdemokraten zu neutralisieren.
Das Gros der Bergarbeiter blieb denn auch fast immer revolutionsfern. Sie waren Gläubige der katholischen Kirche und kaisertreu. Beim Massenstreik 1889 entsandten die Kumpel drei Vertrauensleute nach Berlin, die dem Kaiser ihre Sorgen und Wünsche vortrugen. Wilhelm II. rügte sie wegen des Streiks, aber auch die Unternehmer wegen ihrer Unnachgiebigkeit. Das Ruhrgebiet taugte im 19. Jahrhundert wenig für die revolutionären Ideen, die Marx, Engels und Lassalle formulierten. So schwer sie schufteten, so früh viele von ihnen starben, machten die Arbeiter es ihren Patronen doch fast leicht, sie unter Kuratel zu halten. Deshalb hatten es die Sozialdemokraten schwer, im Ruhrgebiet Fuß zu fassen.
Die Familienkapitalisten behielten die Oberhand bis zum Ersten Weltkrieg. Franz Haniel gelang der geschäftliche Durchbruch, nachdem seine leistungsstarken Dampfdruckpumpen, hergestellt auf der Hütte Gute Hoffnung, die Mergelschicht durchstoßen hatten. Durch sie sickerte salzhaltiges Wasser in die darunterliegenden Kohleflöze, was den Abbau der Kohle, die bald »schwarzes Gold« hieß, erschwerte. Danach konnte der Bergbau nun tiefer und tiefer gehen, je weiter er nach Norden vordrang, nach Gelsenkirchen, Herne, Bottrop.
Alfred Krupp gelang der Durchbruch, als sein Gussstahlwerk endlich nahtlose Eisenbahnradreifen zustande bekam, zuerst geschmiedet, später gewalzt. Bald darauf, im Sommer 1878, rief ihn der italienische Oberst Giovannetti zum roi des canons, zum Kanonenkönig, aus. Der Oberst war auf dem weltweit größten Artillerieübungsplatz in Meppen Zeuge gewesen, als die »Kanone von Philadelphia« ihre zehn Zentner schweren Kugeln bei großer Treffsicherheit 9.446 Meter weit geschossen hatte.[10] Seither wurde Krupp ein Synonym für Kanonen.
Die Kapitalisten aus der Familie Haniel begannen schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem Rückzug aus der Montanindustrie. Fritz Thyssen gab der NSDAP Geld und führte Hitler in den Düsseldorfer Industrieklub ein, bevor er sich 1939 wegen des Krieges mit dem »Führer« überwarf. Die Stinnes-Dynastie geriet ins Schlingern, als Hugo Stinnes 1924 starb; in übergroßem Maß hatte er verschiedenste Firmen aus verschiedensten Branchen zusammengekauft. Die Krupps dienten den Nazis als Rüstungsschmiede wie zuvor dem Kaiser. Dafür stand dann Alfred Krupp von Bohlen und Halbach, letzter Alleininhaber der Friedrich Krupp AG, vor dem Gericht der Siegermächte in Nürnberg. Der Nimbus des Kanonenkönigs führte dazu, dass er als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren Haft und zum Verlust seines Vermögens verurteilt wurde. Allerdings kam er schon nach drei Jahren frei.
