Gromzell - Dirk Bernemann - E-Book

Gromzell E-Book

Dirk Bernemann

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Beschreibung

Marie ist tot. Als die älteste Bewohnerin der kleinen Ortschaft Gromzell mit 108 Jahren verstirbt, ist die Dorfgemeinschaft schwer erschüttert. Der Tod ist zurück und er hat sich ausgerechnet Marie geholt, die ihm so lange von der Schippe gesprungen war. Die Trauernden suchen Trost bei Gott, doch als der Tod weiter um sich greift, wächst der Drang, selbst zur Tat zu schreiten und den Dorffrieden wiederherzustellen. Zu allem Überfluss kehrt auch noch Anna aus Berlin ins Dorf zurück und ein neugieriger Journalist will über Maries Tod berichten. Während zwischen Glaube und Aberglaube nach dem Schuldigen für all das Unheil gesucht wird, schwebt über dem Ort ein ungewöhnlich großer schwarzer Vogel mit seltsam menschlichen Augen.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ebook Edition

Inhalt

Titelbild

I. Verdrängung

1. Marie

2. Anna Müller

3. Harry

4. Friedrich

5. Hamstiller

II. Zorn

1. Pietät Schade

2. Karl und Greta

3. Annegret

4. Freddy und Blanka

5. Pfarrer Bauer

III. Hoffnung

1. Doktor Franz

2. Die jüngste Marie

3. Paul

4. Greta

5. Gromzell

IV. Abgrund

1. Fischers Gasthof

2. Die mittlere Marie

3. Der Tod

4. Kleiner Kopf, gehört schnell abgemacht

5. Der (Gernot) Vogel

V. Ruhe

1. Gromzeller Reflexe

2. Das Fahrrad

3. Anna Schneider

4. Die Normalität

5. Marie

Navigationspunkte

Titelbild

Inhaltsverzeichnis

Dirk Bernemann

Gromzell

Ein Heimatroman

Mehr über unsere AutorInnen und Bücher:

www.edition-w.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich

geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags

unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung

und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-94967-173-9

© Edition W GmbH, Neu-Isenburg 2026

Umschlaggestaltung: Michaela Spohn Design unter Verwendung eines Motivs von Jens Goldbach

Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt

»Wenn der Tod vom Berg herabsteigt, schweigt selbst der Wind; denn keiner, der ihm folgt, kehrt je mit Wissen zurück.«

Maria Helene Brisach, Gromzeller Heimatdichterin, 1834

I. Verdrängung

1. Marie

Marie ist tot. Mit dem Wissen, dass niemand ewig lebt, sind wir alle ausgestattet. Verstirbt ein Mann, läuten die Glocken drei Mal, jeweils vier Minuten lang, mit zwei Unterbrechungen dazwischen. Sollte eine Frau versterben, läuten die Glocken zwei Mal, je vier Minuten mit nur einer Unterbrechung. Wenn die Glocken im Kirchturm wirklich nur für den einen Verstorbenen läuten, den man persönlich gekannt, mindestens geschätzt, vielleicht sogar geliebt hat, ist das entstehende Gefühl um Längen intensiver. Der Tod ist nicht mehr anonym.

Jeder muss einmal gehen. Wer Kinder hat, findet manchmal Trost in dem Gedanken, dass er selbst in ihnen weiterlebt. Der Gedanke daran, dass die guten und edlen Eigenschaften, die man glaubt, zu haben, an eine oder am besten gleich alle Folgegenerationen weitergegeben werden, vermag einen zu trösten.

Zum Zeitpunkt des letzten Atemzuges von Marie, so hieß es später, flog ein auffällig großer, dem in Gromzell beheimateten Ornithologen Magnus Hamstiller gänzlich unbekannter, schwarzer Vogel in Richtung Gebirgskette. Mit dem Feldstecher bekam er ihn zu sehen, kurz nur, bevor er bald am Horizont verschwand. Er flog schnell, als hätte er bereits erledigt, was er zu erledigen hatte. Irgendwann verschluckten ihn die nebelumwobenen Baumwipfel auf dem Gromzeller Hausberg Großrandeck.

Tags zuvor war nicht viel los in der Arztpraxis von Doktor Franz. Er hatte seine Hausbesuche erledigt, lehnte an der Rezeption und hätte gern hinter vorgehaltener Hand zu seiner Sprechstundenhilfe Annegret gesagt, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei. Er hat sich aber nicht getraut.

108, wer wird denn 108? Kein normaler Mensch wird 108.

So war dann anderntags tatsächlich bei hundertachtdreiviertel Schluss. Der Atem schon lange ein Röcheln, der Blick konnte nichts mehr fixieren. Die Haut, dünn, spröde und schuppig, umspannte das darunter bereits sichtbare Skelett.

Dann hatte Doktor Franz sich doch getraut, über den bevorstehenden Tod zu reden, weil etwas an Annegret so vertrauenswürdig erschien. Der Arzt war sich sicher, wenn man den Tod zu oft thematisierte, würde er auch viel häufiger eintreten. Eine Annahme, von der Doktor Franz sicher war, dass alle Mediziner sie teilten.

Annegret nickte stumm, als sie erfuhr, wie es um die alte Marie stand und sortierte weiterhin Urinproben. Später ging sie in das Lokal von Karl und Greta Fischer, um dort mit Paul Schneider, dem Jungbauern, mit dem sie anbandelte, ein Bier zu trinken. Ihm erzählte sie vom baldigen Ableben Maries und Bauer Schneider sagte nur, dass der Tod zum Leben gehöre, worauf Annegret behauptete, dass das nicht ganz korrekt sei, denn der Tod sei ja das Ende des Lebens, der Rand quasi, alles was danach komme sei gänzlich unerforscht, worauf Paul Schneider sein Halbes hob, es gegen Annegrets Glas tippte und sagte, dass der September dieses Jahr viel zu warm sei. Annegret schwieg und am nächsten Morgen starb dann Marie und alles war, wie erwartet.

»Sie ist im Schlaf gestorben«, sagte Annegret anderntags zu Paul.

»Vielleicht hat sie in den Tod hineingeschlafen«, sagte Bauer Schneider, hob sein Glas, trank sein Bier, ungeachtet seiner eigenen Vergänglichkeit sowie der aller anderen Menschen.

In Gromzell leben 1 086 Menschen. Marie ist da schon abgezogen. 9 davon sind mit Marie verwandt, davon heißen 3 ebenfalls Marie. Maries Tochter Marie ist bereits vor 20 Jahren gestorben und deren Tochter Marie hat eine weitere Tochter, die sie Marie genannt hat, die ebenfalls ein Kind namens Marie zur Welt gebracht hat.

Maries Enkelin Marie rief am Morgen des Todes ihrer Großmutter Doktor Franz an, der prompt kam, unternahm, was zu unternehmen war und den Leichenschauschein ausstellte. Da die Verstorbene sehr katholisch war und ihren Katholizismus auch an die Folgegeneration weitergeben hatte, wurde auch Pfarrer Bauer hinzugebeten. Maries Enkelin Marie, sowie deren Tochter und Enkelin Marie sind auch schon vor Ort, als Pfarrer Bauer eintrifft. Er stellt sich in einiger Entfernung neben ihr Totenbett und beginnt zu beten.

Wir bedenken in Stille, was uns mit Marie verbindet. Wir erinnern uns an die gemeinsame Zeit, die wir mit Marie verbracht haben, an gute und schwere Tage, die wir miteinander geteilt haben.

Stille.

Wir denken an die Liebe, die wir von ihr empfangen haben und die wir ihr schenken konnten.

Stille.

Die kleinste der Maries räuspert sich, die mittlere Marie schluckt ein paar Tränen hinunter. Die älteste Marie im Raum starrt das Kreuz an der Wand an, an dem ein nur mit einem Lendenschurz bekleideter, geschnitzter Heiland befestigt ist, der mit leidvollem Blick auf die tote Marie herabschaut. Die Kreuzinschrift INRI ist schon so vergilbt, dass lediglich ein NR zu lesen ist. Der Zahn der Zeit ist konsequent.

Die Maries schauen einander nicht an. Dann bricht die mittlere Marie doch in Tränen aus, die kleinste Marie tröstet sie, was die mittlere Marie aber dazu veranlasst, noch heftiger zu weinen. Erst als die älteste Marie sagt, dass es jetzt aber mal gut sei und ihrer Tochter sanft auf den Rücken klopft, verstummt die mittlere Marie wieder. Pfarrer Bauer schaut sich das alles emotionslos an, dann spricht er weiter.

Unsere Trauer braucht Raum. Wir besinnen uns auf das, was wir ihr gerne noch gesagt hätten.

Stille.

Pfarrer Bauer stimmt ein weiteres Gebet an. Er versucht im wahrsten Sinne des Wortes Haltung zu bewahren, was ihm schwerfällt. Kürzlich ist ihm aufgefallen, dass er einen Rundrücken hat. Er läuft leicht gebeugt und wenn er lange stehen muss, kippt sein Oberkörper immer dezent nach vorne und Pfarrer Bauer befürchtet, dass ihm das ein dümmliches und würdeloses Aussehen verleiht, was er sich als Geistlicher von Gromzell nicht leisten möchte. Den Rücken immer wieder zu begradigen kostet ihn aber einiges an Mühe und Schmerzen. Doch das ist es ihm wert. Für Marie. Für die Gemeinschaft der anderen Maries. Ja und für Gott natürlich, in dessen Himmelreich Marie nun überführt werden wird.

Lasset uns beten.

Allmächtiger Gott,

der Tod von Marie erfüllt uns mit Trauer.

Hilf uns, dir selbst in dieser dunklen Stunde zu vertrauen. Lass uns festhalten an deiner Verheißung, dass du uns Zukunft und Leben schenken wirst in der Gemeinschaft mit allen, die du zu dir gerufen hast. Dies erbitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Alle Maries und Pfarrer Bauer sagen gleichzeitig Amen.

Pfarrer Bauer geht einen Schritt näher an das Totenbett heran. Die Gemeinschaft der übriggebliebenen Maries tut es ihm gleich. Die Leiche riecht erstaunlich gut. Marie, die Tochter der Toten, hat die Leiche schon gewaschen und ihr ein frisches Nachthemd angezogen, bevor Doktor Franz und Pfarrer Bauer eintrafen. Alle Fenster sind geschlossen, in der Ferne bellt ein heiserer Hund. Alle sehen herunter auf die Verstorbene. Sie sieht so friedlich aus. Ganz so, als schliefe sie noch. Als würde sie gleich wieder aufwachen und sich fragen, was denn die ganzen Maries und Pfarrer Bauer in ihrem Schlafzimmer machen. Aber die Diagnose von Doktor Franz war eindeutig: Tod. Durch das Fenster sieht man, wie sich der Weizen im Wind wiegt. Im Dorf ist es so still, als wüsste bereits jeder was geschehen ist. Pfarrer Bauer beginnt zu singen.

Großer Gott wir loben dich

Herr, wir preisen deine Stärke

Vor dir neigt die Erde sich

und bewundert deine Werke

Wie du warst vor aller Zeit,

so bleibst du in Ewigkeit.

Seltsamerweise kennen alle drei Generationen Maries den Text, selbst die zweite Strophe mit den Kerubinen und den Seraphinen. Auch die dritte Strophe wird vierstimmig abgeliefert. Die drei Maries schaffen es sogar diesem lobpreisenden Lied durch einen leicht verschobenen Kanon etwas dezent Virtuoses einzuhauchen, das aber keinesfalls den Pathos der Gesamtmelodie zerstört. Das Stück hat etwas Hymnisches, alle sind sowohl von diesem Moment, als auch von sich selbst ergriffen.

Als das Lied abrupt endet, ist herrscht Stille, wirkliche Stille. Endlose Stille. Die zweitälteste Marie öffnet ein Fenster. Alle lächeln, nicken sanft, weil sie wissen, dass Maries Seele jetzt freie Bahn hat, das Zimmer verlassen kann, endlich Gromzell hinter sich lässt. Ab in die Berge, Gott weiß wohin. Auf jeden Fall gen Himmel, Marie war eine Gute, das wissen alle. Die Überwindung des Irdischen ist hiermit geschafft. Halleluja, gelobt sei Gott, der Herr. Amen.

Jede einzelne Marie geht noch einmal am Totenbett vorbei, berührt behutsam die Hand oder die Stirn der Verstorbenen und nacheinander verlassen sie langsam das Schlafzimmer. Pfarrer Bauer bekreuzigt sich, bekreuzigt die Tote, verlässt ebenfalls das Zimmer. Durch das offene Fenster kommen zwei Fliegen und eine Septemberwespe hineingeflogen und surren unbemerkt um die Leiche herum.

In der Stube warten die Männer der beiden älteren Maries, der Ehemann der 108-jährigen ist schon so lange tot, dass man sich kaum noch an den Klang seiner Stimme erinnert. An der Wand hängt sein Bild, mit müdem Blick gafft er in die Stube. Auf dem Schwarzweißfoto trägt er eine Uniform, die überhaupt nicht zu ihm passt. Sein Haar ist zu lang für einen Soldaten, seine Haltung ein wenig krumm. Niemand weiß mehr Genaues über ihn, es hieß nur, er sei in Russland geblieben, was sowohl heißen kann, er habe desertiert, als auch, dass er gefallen ist. Zweiteres ist wahrscheinlicher, für die Familienchronik hat man sich darauf geeinigt, ihn als Kriegshelden zu verehren. Marie war nach ihm mit keinem Mann mehr zusammen. Dafür jedoch war sie in Gromzell überaus wichtig. Ihr erhabenes Alter haben alle Einwohnerinnen und Einwohner bewundert.

In der Stube warten neben den Ehegatten der beiden älteren Maries, sowie dem Freund der jüngsten Marie bereits Doktor Franz und Bestatter Eric Schade, der mit zwei seiner Helfer gekommen ist. Die älteste Marie nickt Schade zu, der wiederum seinen Männern zunickt und die drei Pietätsbeauftragten verschwinden gemeinsam im Schlafzimmer. Die beiden Helfer tragen zusammen eine Bahre mit Griffen hinten und vorne. Schade selbst hat eine große Umhängetasche dabei, die einen zusammengefalteten Leichensack enthält.

Die mittlere Marie bittet wortlos und mit einladender Handbewegung an den Kaffeetisch, den die Männer vorbereitet haben, darauf Tassen, Teller und ein paar trockene, aber trotzdem liebevoll auf einer Etagere angerichteten Kekse, die die jüngste Marie vor ein paar Tagen selbst gebacken hat. Dabei tat irgendwas in ihrem Bauch weh. Kann nichts Schlimmes sein. In ihrem Alter hat man nichts Schlimmes. Die Grausamkeiten von Krankheit und Siechtum sind den Alten vorbehalten. Wenn jungen Leuten etwas weh tut, ist es meist das sich entfaltende Leben, welches sich in ihnen regt. Sie schaut ihre Mutter und ihre Oma an. Sie sehen alle jünger aus, als sie wirklich sind. Das muss die gute Luft in Gromzell sein. Man setzt sich, die mittlere Marie schenkt Kaffee aus.

Alle Anwesenden an der Tafel schweigen, man hört nur, wie Kaffee und Milch eingeschenkt und kleine Löffel beim Umrühren gegen Porzellantassen geschlagen werden, daneben Schlürf-, Kau- und Knuspergeräusche. Ein paar Minuten später öffnet sich die Tür des Schlafzimmers und Pietät Schade transportiert Marie vorbei an der Kaffeetafel. Keiner der Anwesenden wagt einen Blick auf den eingetüteten Leichnam. Eric Schade selbst geht voran, öffnet die Haustür und das Geräusch des Kofferraums sowie ein leises und entferntes Verladegeräusch dringen bis in die Stube. Alle nehmen das zur Kenntnis, doch niemand rührt sich. Die Minen bleiben allerseits starr. Pfarrer Bauer sieht aus dem Fenster. Erst als man den Leichenwagen von der Einfahrt rollen hört, löst sich die angespannte Stimmung auf.

»Was machen wir jetzt nur ohne sie?«, fragt die mittlere Marie.

»Sie war die wichtigste Persönlichkeit in Gromzell«, sagt Pfarrer Bauer.

»Sie war die älteste Frau nicht nur von Gromzell, nicht nur des Landkreises, sondern des Bundeslandes«, erklärt die Enkelin der Verstorbenen.

»Da waren ja sogar mal welche vom Fernsehen da, glaub vor drei Jahren war das, als sie 105 geworden ist und die haben sie interviewt und dann waren sie später auch bei Fischer im Gasthaus etwas essen und Bier trinken«, sagt der Freund der jüngsten Marie und ergänzt: »Ich geh mal raus, eine rauchen.« Er haucht seiner unbewegten Freundin einen Kuss auf die Wange und verschwindet durch die Terrassentür nach draußen, wo man drei Sekunden später sein Feuerzeug aufflammen sieht.

»Was sie alles erlebt hat. Den Tod ihres Mannes, den Tod ihrer Tochter, den Schrecken des Kriegs«, wirft Doktor Franz ein.

»Der Krieg war hier gar nicht so schlimm. In Gromzell wurde kein einziger Schuss abgefeuert«, behauptet Pfarrer Bauer und versenkt mit einem Teelöffel mithilfe eleganter Bewegungen drei Stücke Würfelzucker in seine Tasse. Er rührt nicht um, verzieht aber kurz das Gesicht, als er den ersten Schluck abtrinkt.

»Sie war eine tolle Frau«, sagt die jüngste Marie.

»Sie ist unersetzbar«, flüstert die mittlere Marie und kriecht in die Arme ihres Ehemannes, der ihren Haaransatz küsst.

»Was machen wir jetzt nur ohne sie«, fragt die mittlere Marie erneut. Ihr Mann streichelt weiter mechanisch ihren Kopf.

»Der Tod kommt zu jedem«, sagt irgendjemand und eigentlich ist egal, wer diesen Satz gesagt hat.

Der junge Mann kommt vom Rauchen zurück und setzt sich wieder an den Tisch.

»Ist ganz schön kühl geworden draußen«, sagt er dann und trinkt die Restpfütze aus seiner Kaffeetasse.

Dann schweigen wieder alle.

Marie ist tot.

2. Anna Müller

Annegret. Warum ruft die denn an? Zu so einer Tageszeit. Anna denkt zunächst daran, den Anruf zu abzulehnen, geht dann aber aus Interesse doch ran. Zuvor steckt sie sich aber noch eine Zigarette an.

Hallo Annegret.

Hallo Anna.

Annegret klingt irgendwie verstopft, ganz so, als sei zu viel in ihr drin, was ihre Sprache behindert. Ihre Deutlichkeit lässt zu wünschen übrig. Außerdem ist die Verbindung wackelig. Annegrets Dialekt weckt Erinnerungen, die Anna gern vergessen würde. Sie selbst hat immer versucht, ihren Dialekt abzulegen, ihre Herkunft weitestgehend zu verleugnen. Wenn sie jemand danach gefragt hat, woher sie kommt, hat sie oft einfach nur das Bundesland, bei genaueren Anfragen, die nächste Kreisstadt genannt.

Gromzell.

Gromzell.

Gromzell.

Manchmal klingt das für Anna wie eine Krankheit. Ich werde bald sterben, ich habe Gromzell im Endstadium. Wie in einer diabolischen Slideshow flackern Orte und Personen in Annas Kopf auf, mit denen sie nichts zu tun haben möchte, die aber trotzdem da sind. Dieser Ort existiert. Es gibt diese Leute. Zum Beispiel Annegret.

Annegret, schön, dass du anrufst. Was gibt es Neues?

Schlechte Nachrichten.

Was ist denn passiert?

Marie ist tot.

Pause. Anna sieht aus dem Fenster. Die U-Bahn fährt ratternd auf dem oberirdischen Gleis vorbei. Als sie hergezogen ist, dachte sie, U-Bahnfahren hat etwas von Achterbahnfahren, nur ohne Looping und viel langsamer. Fahrgeschäfte für Großstädter. Die schmutzigen Bahnhöfe haben sie immer ein bisschen erregt.

Welche Marie?

Die Allerälteste. Mit 108.

Ach, du scheiße. Und jetzt?

Wir wissen es auch noch nicht. Nächsten Freitag ist die Beerdigung. Du kannst gerne kommen. Alle sind eingeladen. Also alle, die sie kannten und alle, die kommen wollen.

Und die anderen Maries?

Entsprechend traurig.

Okay, ich denke mal, dass ich es schaffen werde. Schick mir bitte nochmal die genaue Uhrzeit.

Leichenschmaus ist dann anschließend bei Fischer.

Wo denn auch sonst, Annegret?

Anna legt auf.

Warum hat sie das nur zugesagt? Ihr graust es davor, in einen Zug zu steigen, um nach Gromzell zu fahren. Annas Leben steckt derzeit in einer Sackgasse. Naja, derzeit ist wohlwollend formuliert. Ihr Leben steckt in dieser Sackgasse, seit sie nach Berlin gezogen ist. Das schien ihr einerseits weit genug weg, andererseits war es immer noch der gleiche Planet und wieder andererseits kommt sie sich oft so vor, als würde sie übertreiben mit ihrem Missmut aus einer Ortschaft zu stammen, aus der man nicht stammen will. Allein schon die Tatsache, dass eine alte Schulfreundin sie anruft und zur Beerdigung der Dorfältesten einlädt, kommt ihr wieder so seltsam vor, dass sie Horrorvisionen bekommt. Gromzell ist doch der optimale Schauplatz für Verbrechen, die nicht als solche zu erkennen sind, aber trotzdem stattgefunden haben.

Heimat ist ein Ort, der immer weiter und weicher wird, je weiter man sich entfernt, aber härter und enger, je näher man kommt. Eine Idee aus Gerüchen, Tönen und alten Wunden, die man nie ganz verheilen lässt. Es ist kein Ort, sondern ein Gemisch aus dem, was man vermisst und dem, was man nie loswird. Ein Würgegriff.

Heimat hat eine Sprache, die nicht nur aus Wörtern besteht, sondern aus Pausen, schiefen Blicken, dem eigenen Familiennamen in Verbindung mit den anderen Familiennamen. Manchmal ist Heimat ein Gefängnis aus Erinnerungen, die man nicht aussperren kann, ein Zuviel von allem, was einem je passiert ist. Manchmal ist sie das Gegenteil: Ein Nichts, ein Vakuum, das so still ist, dass es schreit.

Und dann fragt man sich, ob Heimat etwas ist, das man je zurückholen kann, wenn man sich einmal gegen sie entschieden hat. Heimat ist keine Zuflucht. Sie ist eine Wunde, die man manchmal aufkratzt, nur um sicherzugehen, dass sie noch da ist und dass man bluten kann. Anna denkt manchmal pathetisch. Eigentlich ist nie etwas Konkretes vorgefallen, aber wenn sie an Gromzell denkt, stellt sich dieses erbärmliche Mischgefühl ein, dieser Gemeinde irgendwas schuldig zu sein, ohne zu wissen, was genau das sein sollte.

Als Anna nach Berlin gezogen ist, war sie guter Hoffnung, dass das echt etwas werden könnte, mit ihrer Schauspielkarriere. Vor allem dachte sie, dass ihr Nachname ihr helfen könnte, weil er so schön deutsch und verbraucht und normal ist: Müller. Im Schultheater war Anna Müller schon auffällig talentiert, das hat auch Frau Krüger, die Musiklehrerin immer gesagt. Die Anna, aus der kann mal was werden, hatte die Frau Krüger gemeint und in die Hände geklatscht, wie so oft. Immer, wenn Frau Krüger in die Hände geklatscht hat, gab es Hoffnung. Sie leitete den Chor, die Theater-AG und das Schulorchester. Sie organisierte Aufführungen, zu der auch Leute kamen, die nicht aus Gromzell stammten. Sie war früher selbst Theaterschauspielerin, wie sie sagte und sie könnte gutes Schauspiel von schlechtem Schauspiel unterscheiden und Annas Bemühungen wären tatsächlich Bemühungen, die zu etwas Gutem führen könnten. Frau Krüger hatte dafür einen Expertinnenblick, da war sich Anna sicher.

Ihre Gedanken wandern zurück zu Marie, die über ein Jahrhundert das identische Gromzell gesehen hat. Ein ganzes Leben dort, ohne jemals den Wunsch gehabt zu haben, etwas anderes zu sein, als das, was sie war. Wie hatte sie das nur ertragen?

Anna starrt auf das Telefon, dass sie nach dem Gespräch mit Annegret achtlos auf den Tisch geworfen hat. Sie spürt eine drückende Schwere in ihrem Bauch. Als ob man unverschuldet zu viel gegessen hätte, ganz so, als hätte es einen Anlass gegeben, der einen gezwungen hätte, von allem zu viel zu nehmen. Schuld, Trauer, Abneigung, alles mischt sich zu einem unangenehmen Knoten. irgendwo zwischen Hals und Brust. Sie seufzt, lehnt sich zurück und schließt die Augen. Die Vorstellung noch einmal die Gassen von Gromzell entlangzulaufen, weckt eine seltsame Mischung aus Beklommenheit und Neugier in ihr. Aber auf was ist sie neugierig? Nichts wartet dort auf sie. Was hat sie damals aus diesem Kaff flüchten lassen? Der Traum von der Bühne oder das unausgesprochene Bedürfnis, sich selbst neu zu erfinden?

Sie öffnet die Augen und blickt wieder aus dem Fenster, als ob sie dort eine Antwort auf ihre Fragen finden könnte. Da ist nur dieses herbstliche Berlin, ein Ort, der einen sich stets unwillkommen fühlen lässt, ein Ort der Vegetieren lässt. Ein Ort, den zu überleben, eine gewisse Härte bedarf. Die grauen Betonfassaden und das pulsierende Stadtleben scheinen letztlich genauso eng, genauso bedrückend wie die vertrauten Gassen von damals. Gromzell allerdings ist umgeben von gesunder Natur, Gebirgsketten erheben sich, darauf und davor üppiger Wald. Insekten summen, es gibt Septemberwespen, wenn der Herbst lang genug dauert, ab und zu hat sie aus ihrem Kinderzimmer heraus Hirsche gesehen. Die standen einfach nur lange da und verliehen dem Ausblick aus dem Fenster ein Postkartenfeeling. Aber es gab eben auch das erdrückend Katholische, das Orientieren an den Alten, das festgefahrene Politische, das Unfreie im Allgemeinen. Gromzell ist schön, hat aber enge Grenzen und am Wochenende fährt nicht mal ein Bus in die Kreisstadt. Anna fühlt sich mittlerweile, als sei sie jemand, der aus unzulässigen Gründen den Ort seiner Kindheit verlassen hat. Als wäre sie eine labile Person, die nicht die Konzepte des Ländlichen und des Urbanen vereinen könne und deswegen einen Hass auf ihre Herkunft schiebt. Um jetzt euphorisch und getrieben durch ein verwegenes Berlin schlendern würde. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. In Sachen Kunst in der Hauptstadt Fuß zu fassen erfordert Geduld und Selbsterniedrigung und beides hat man ja immer nur im begrenzten Maße. Aber ein paar Gramm Zukunftsträumerei sind noch vorhanden. Heute ist noch ein Vorsprechen. Morgen ein Onlinecasting für einen Werbespot. Irgendwas wird schon passieren. Es kann nicht immer nur Nichts geschehen. Dieses ewige Warten macht einen ganz krank.

Berlin hat sie in den Klauen. Der hässliche Griff schmutziger Hände mit ungepflegten Nägeln. Zuletzt hat sie den Monolog eines Autors gespielt, einigermaßen in seinem Schatten, größtenteils unbeachtet. Die Theaterszene hier bietet viel, sogar soviel, dass einzelne Inszenierungen untergehen. Es kommen zwar immer wieder Leute, um ihr kulturelles Gewissen zu beruhigen, aber sie würden auch ein Müllfahrzeug bestaunen, dass von zwei muskulösen Typen mit Tonnen vom Straßenrand befüllt wird, wenn ihnen jemand gesagt hat, dass es sich dabei um eine Kunstinstallation handelt. Die Einschätzung von Frau Krüger scheint hier nicht von großer Relevanz zu sein.

Ob Gromzell sie nach all den Jahren immer noch so im Griff hat? Ob das irgendwann mal weniger wird? Sie hört nur ab und zu von Annegret, was im Dorf geschehen ist. Annas Mutter ist vor zehn Jahren bei einem Autounfall gestorben und aus diesem Anlass war sie auch zuletzt dort. Ihr Vater ist kurze Zeit später weggezogen, hat eine neue Partnerin kennengelernt, der Kontakt ist gering, kurze Anrufe zu Geburtstagen und Weihnachten. Hochgradig Emotionales wird in dieser Vater-Tochter-Beziehung nicht verhandelt und das, ja genau das erinnert sie wieder an den Geist von Gromzell. Die skeptischen Blicke der Alten auf das junge, sich entfaltende Leben, die Arroganz, die daraus hervorquillt. Die Sprache grob, die Menschen auch. Aus allen Ritzen quillt der Tod. Die rustikalen Hände der jungen und alten Bauern, die sich keine andere Existenz vorzustellen imstande sind, als eben die eigene Bäuerliche. Schweine, Kühe, Provinz, nervige Hunde, eine Bushaltestelle, an der manchmal der Bus vorbeigefahren ist, obwohl man gut sichtbar dort stand. Die verstorbene 108-Jährige ist nur ein Beispiel für die Glorifizierung der Erbärmlichkeit, sich seit 1 000 Jahren nicht weiterentwickelt zu haben und diese Verweigerung auch noch gut zu finden und als Durchsetzungsfähigkeit der Tradition zu deklarieren.