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Bis heute weiß Kate Manne genau, was sie zu jedem wichtigen Anlass in ihrem Leben wog: an ihrem Hochzeitstag, an dem Tag, an dem sie Professorin wurde, an dem Tag, an dem ihre Tochter geboren wurde. Solange sie denken kann, wollte sie dünner sein. Sie wurde wegen ihres Gewichts belächelt und gemobbt. Und sie hat darauf reagiert: mit extremen Diäten. Manne versteht sich als feministische Philosophin, aber dem kulturellen Gaslighting, das dazu zwingt, den Hunger zu ignorieren, konnte sie sich nicht entziehen. Nun hat sie diesem Thema ein international gefeiertes Buch gewidmet, dass intime Geschichten mit wissenschaftlichen Analysen und scharfsinnigen philosophischen Einsichten verbindet.
Manne untersucht, wie Fettfeindlichkeit funktioniert, wie sie uns dazu bringt, verheerende Annahmen über die Attraktivität, die Stärken und den Intellekt einer Person zu treffen, und wie sie sich mit anderen Systemen der Unterdrückung überschneidet. Fettphobie ist verantwortlich für Lohnunterschiede, medizinische Vernachlässigung und schlechte Bildungsergebnisse. Sie ist eine Zwangsjacke, die unsere Freiheit einschränkt. Daher muss sie bekämpft werden mit einer neuen Politik der »Körperreflexivität«, die klarmacht, dass unsere Körper in der Welt für uns selbst existieren – und für niemanden sonst.
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2025
3Kate Manne
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Wie wir Fettfeindlichkeit bekämpfen können
Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann
Suhrkamp
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Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Unshrinking. How to Fight Fatphobia bei Allen Lane.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2025
© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025© 2024 by Kate Manne
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Umschlaggestaltung: Kosmos Design, Münster
eISBN 978-3-518-78376-4
www.suhrkamp.de
5Für meine Eltern, die mich so sein ließen
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Nicht alles, dem man sich stellt, kann geändert werden; aber nichts kann geändert werden, solange man sich ihm nicht stellt.
James Baldwin, »As Much Truth as One Can Bear«, 1962
Du musst das weiche Tier deines Körpers nur lieben lassen, was es liebt.
Mary Oliver, »Wild Geese«, 1986
Ich schulde euch kein Kleinerwerden.
Rachel Wiley, »The Fat Joke«, 2017
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Einleitung Kampfgewicht
Kapitel 1 Die Zwangsjacke der Fettfeindlichkeit
Kapitel 2 Kosten des Kleinerwerdens
Kapitel 3 Venus in gegenläufiger Bewegung
Kapitel 4 Entmoralisierung des Dickseins
Kapitel 5 Etwas zu wünschen übrig lassen
Kapitel 6 Kleines Wunder
Kapitel 7 Abendessen bei Gaslicht
Kapitel 8 Die Autorität des Hungers
Schluss Es tut mir nicht leid
Danksagungen
Anmerkungen
Einleitung Kampfgewicht
Kapitel 1 Die Zwangsjacke der Fatphobia
Kapitel 2 Kosten des Kleinerwerdens
Kapitel 3 Venus in gegenläufiger Bewegung
Kapitel 4 Entmoralisierung des Dickseins
Kapitel 5 Etwas zu wünschen übrig lassen
Kapitel 6 Kleines Wunder
Kapitel 7 Abendessen bei Gaslicht
Kapitel 8 Die Autorität des Hungers
Schluss Es tut mir nicht leid
Weiterführende Quellen
Über Fettfeindlichkeit/Die Erfahrung des Dickseins und ihre Intersektionen
Über Diät-Kultur und ihr Verhältnis zu Fettfeindlichkeit
Über intuitives Essen (und die Kritiker)
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Hinweis zum Inhalt: Bitte beachten Sie, dass dieses Buch freimütige Beschreibungen von Fettfeindlichkeit in ihren Überschneidungen mit Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, Transphobie usw. sowie Diskussionen über Diäten, gestörtes Essverhalten und Körpernormen enthält, die für einige Leser:innen triggernd sein können.
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Einleitung
Ich hätte begeistert sein müssen. Mein erstes Buch, das ich als akademischen Text schrieb und dem ich ein Publikum von gerade mal einem Dutzend Leserinnen und Leser zutraute, war als Paperback an einen großen Verlag in Großbritannien verkauft worden. Down Girl, eine Studie zur Misogynie, fragte nach Strangulierung, sexueller Belästigung, sexueller Übergriffigkeit und Vergewaltigungskultur. Ich wollte die Dinge aussprechen, über diese Fragen reden, die mir fast wichtiger sind als alle anderen. Als dann aber meine Verlagslektorin eine Werbetour in London vorschlug, mit Lesungen in Buchhandlungen und Fernsehauftritten, bei Übernahme sämtlicher Kosten, schreckte ich vor der Aussicht darauf zurück. Ich fühlte mich zu dick, um als Feministin in der Öffentlichkeit bestehen zu können. Ich fühlte mich zu groß, um über die »down girl«-Schachzüge reden zu können, die den Mädchen und Frauen beibringen, sie hätten klein, sanftmütig und still zu sein. Und sosehr ich mir der Ironie auch bewusst war, es reichte in dem Augenblick nicht aus, um meine Meinung zu ändern.
Die australische Autorin Helen Garner bemerkte einmal, sie fühle sich genötigt, auf ihr »Kampfgewicht« herunterzukommen, bevor sie auf eine Werbetour gehen könne. Ich verfluchte mich dafür, das nicht zu tun, und war tatsächlich so schwer wie nie zuvor. Ich kam damals, Anfang 2019, auf ein Gewicht, das mich »stark fettleibig« sein ließ, jedenfalls gemäß der BMI-Tabelle, auf die mich mein Arzt stirnrunzelnd hinwies.1
Mein Buch erschien erstmals gegen Ende 2017, in genau der Woche, als Tarana Burkes #MeToo-Bewegung durch Promi10nente populär wurde. Wenig später stellte ich zu meiner großen Überraschung fest, dass ich beinahe täglich mit Journalisten über Misogynie sprach. Allerdings ließ ich nicht zu, dass Kamerateams zu meinem Haus oder meinem Büro kamen. Ich verbarg meinen Körper vor dem Auge der Öffentlichkeit, indem ich nur per Skype vor der Kamera erschien, so dass ich die Kontrolle über den Blickwinkel behielt. Ich hatte eine Handvoll sorgfältig ausgesuchter Porträtfotos aus der Zeit, als ich noch dünner war – obwohl ich in meinem Erwachsenenleben nie wirklich dünn war –, die ich für jedes Interview verwendete. Ich stimmte Interviews nur dann zu, wenn man mir versprach, eines von diesen Fotos zu nehmen, anstatt einen eigenen Fotografen zu schicken. (Manchmal war das geradezu ein Kampf.) Wenn ich Vorträge hielt, bat ich die Leute im Publikum, keine Fotos zu machen. Wenn trotzdem welche gemacht wurden und von ihnen in den sozialen Medien gepostet wurden, bat ich die Betreffenden, sie wieder zu löschen. Ich erklärte mit Hilfe einer Halbwahrheit, ich sei Gegenstand einer Menge misogyner Trollpostings und dass neue Fotos von mir, die online auftauchten, Spott und ätzende Bemerkungen auf sich ziehen würden. In der Tat war ich schon unzählige Male als Miststück und Schlimmeres beschimpft worden – nach meinem ersten Artikel in der New York Times war »blöde Fotze, die blödes Zeug schreibt«, einer der ersten Tweets, die ich vorfand – und war außerdem das Ziel antisemitischer Beleidigungen. (»Dein Volk wird nun in den Öfen verbrennen«, drohte mir jemand an dem Abend, als Trump gewählt wurde.) Vergewaltigungsandrohungen sind in meiner kleinen Ecke des Internets gar nichts Ungewöhnliches.
Es gab aber eine Reaktion, die ich wirklich fürchtete: fett genannt zu werden. Was ich war. Ich war fett, ertrug es aber nicht, das zu hören – nicht einmal mit meiner eigenen Stimme –, ohne 11verschwinden zu wollen. Ich wusste, das war alles, was man brauchte, um mich zum Verstummen zu bringen.
Sie könnten erwarten, dass ich als lebenslange Feministin und erst recht als Autorin von zwei Büchern über Misogynie eine der Letzten wäre, die darauf hereinfallen, den eigenen Körper zu überwachen, und dann versuchen, ihm eine Größe und Form aufzuzwingen, die dem Patriarchat besser passt. Darin haben Sie sich leider getäuscht. Seitdem ich über zwanzig bin, habe ich jede spleenige Diät mitgemacht. Ich habe jede Abnehmpille ausprobiert. Und ich habe, um ehrlich zu sein, noch vor gar nicht langer Zeit gehungert.
Ich kann auch sagen, dass ich ab einem Alter von 16 Jahren bei jedem bedeutenden Anlass zugenommen habe. Ich kann Ihnen ganz genau angeben, wie viel ich an meinem Hochzeitstag wog, am Tag, als ich meine Doktorarbeit mündlich verteidigte, am Tag, als ich Professorin wurde, und am Tag, als meine Tochter geboren wurde. (Zu viel, zu viel, zu viel und viel zu viel, meiner damaligen Meinung nach.) Ich weiß sogar, wie viel ich an dem Tag vor fast zwanzig Jahren wog, als ich eben aus dem Flugzeug stieg, das mich aus meiner australischen Heimatstadt Melbourne nach Boston brachte, um an der Graduate School mit Philosophie anzufangen. Ich hatte meine Waage zusammen mit allen meinen weltlichen Habseligkeiten in einen von zwei überquellenden Koffern gepackt. Sie gehörte zu den ersten Sachen, die ich auspackte, gleich nach meiner Zahnbürste.
Mit dem Erwachsenwerden – und Dickwerden – in einer fettfeindlichen Gesellschaft lernte ich, bestimmte entscheidende Möglichkeiten, Risiken und Freuden zu vermeiden. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr war ich nur ein einziges Mal schwimmen. (Ich trug Leggings und ein T-Shirt in Übergröße.) Seit ich zwanzig wurde, bin ich nicht mehr tanzen gewe12sen. Und mindestens ebenso lange hat niemand bis auf meinen Ehemann und meine Ärzte meine mit Grübchen und Dehnungsstreifen versehenen Kniekehlen zu Gesicht bekommen. (Meine Garderobe besteht zu etwa 80 Prozent aus Leggings.)
Die Fettphobie bzw. Fettfeindlichkeit hat also dazu geführt, dass ich mir eine Menge im Leben entgehen ließ. Sie brachte mich zu einem sorgfältigen sozialen Kalkül, bei dem es die potenziellen Vorteile oft nicht wert waren, mich dem Risiko auszusetzen, wegen meines dicken Körpers verurteilt, verhöhnt und diskreditiert zu werden. Und so scheute ich den prüfenden Blick der Öffentlichkeit und wich ihm aus.
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Ich sagte die Londoner Werbetour ab und entschuldigte mich vage, indem ich gesundheitliche Gründe anführte. Mir selbst sagte ich wieder, es sei doch wahr: Meine seelische Verfassung sei furchtbar und bei meinen Körpermaßen könne ich sicherlich auch körperlich nicht gesund sein – egal, wie erstaunlich gut mein Blutdruck, mein Blutbild und andere wichtige Kenngrößen waren. Ich kaufte einen Bestseller mit dem optimistischen Titel How Not to Die und hörte mir das Hörbuch an, während ich langsam durch den Supermarkt ging und Chiasamen, grünen Tee und komplizierte Probiotika in den Einkaufskorb legte. Ich hatte schon Hunderte Dollar für überteuerte, nicht-sättigende, Non-food-Artikel an der Kasse bezahlt, lange bevor ich zu dem Entschluss gelangte. Ein enger Freund des Autors Michael Greger, der Art hieß, ein passionierter Läufer und Gesundheitsfreak war und ein Handelsimperium für »natürliche Nahrungsmittel« gegründet hatte, war mit gerade einmal 46 Jahren in der Dusche seines eigenen Gesundheitsressorts gestorben, während Greger das Buch schrieb. Es stellte 13sich heraus, dass die Ursache eine zufällige, wenngleich vermeidbare Tragödie gewesen war: eine Kohlenmonoxydvergiftung durch einen schlecht belüfteten Wasserboiler.
Ich weinte wegen Art, Dr. Greger und mir selbst. Ich hörte mir das Hörbuch noch einmal an. Monatelang aß ich endlos unglaublich fade Linsen, ungewürzte Pflanzenkost und getrocknete Gojibeeren. Ich nahm nicht ein einziges Pfund ab, ich fühlte mich kein bisschen anders. Und so versteckte ich mich weiterhin. Als ich in jenem Frühling begann, mein zweites Buch zu schreiben, fürchtete ich bereits die öffentliche Aufmerksamkeit. Meinem Twitter-Lebenslauf fügte ich die Wendung »beabsichtigt, Einsiedlerin zu werden« hinzu, als Vorwarnung, bloß nicht allzu viel von mir zu erwarten.
Als uns im März 2020 die Covidepidemie traf, kam der Lockdown wie eine Befreiung. Ich war natürlich wegen der Pandemie ebenso alarmiert wie alle anderen, zumal als jemand, der mit einem Kleinkind und einem immungeschwächten und immunsupprimierten Partner zusammenlebt. Aber ich genoss die Verschonung vor öffentlicher Musterung als einen Nebeneffekt der Situation. Ich konnte nun mein Gewicht geheim halten, ohne mich überhaupt darum bemühen zu müssen. Ich konnte mich endlich zu Hause verstecken, war sicher und konnte meinen Gedanken nachhängen, meine Ideen erforschen, ohne mich wegen meines Körpers beunruhigen zu müssen, der sie schließlich irgendwann zu verteidigen hätte. (Selbstverständlich war ich anständig genug, den nur scheinbaren Scherz über meine abgeschiedene Lebensweise aus dem Twitteraccount zu löschen, als dies zur allgemein verbreiteten Realität wurde.) Dasselbe gilt für viele Menschen, besonders die dicken, die sich zu ähnlichen Wahrheiten bekannten: zu ihrer Erleichterung, dass ihnen die Pandemie das Gefühl der Bloßstellung ersparte, das mit der persönlichen Lehre vor Collegestudenten 14einhergeht oder mit dem gemeinsamen Mittagessen unter urteilenden Kollegen oder damit, sich an den »Gesundheitsschulungen« der Administration beteiligen zu müssen, die nur dazu erfunden zu sein scheinen, dickere Angestellte zu beschämen und zu schikanieren.
Und als ich meinen Gedanken freien Lauf ließ, fragte ich mich irgendwann: Wie wäre es, wenn ich mich nicht zu verstecken hätte? Wie wäre es, wenn ich mich nicht so fühlen müsste? Was wäre denn, wenn die fett-aktivistischen Botschaften, die Grundsätze von Health at Every Size (HAES) und des intuitiven Essens, die ich jahrzehntelang nur aus sicherer Entfernung wahrgenommen hatte – mit dem Gedanken, gut für dich, aber nicht für mich –, mein Leben wirklich ändern konnten? Was würde passieren, wenn ich mich so dick akzeptieren und anfangen würde, die Fettfeindlichkeit zu durchdenken?
Als ich genau das tat, gelangte ich zu der Überzeugung, dass meine eigene verinnerlichte Fettphobie nichts als eine verschwommene Spiegelung der Fettfeindlichkeit war, die in der Gesellschaft grassierte. Ich verstand allmählich, dass das, was ich hasste, weniger mein Körper war als vielmehr die Art, wie er mich verletzlich machte: verletzlich dafür, gedemütigt zu werden, verspottet und schlecht gemacht zu werden. Ausgerechnet ich komme also nun erst zu der Einsicht, dass die Antwort auf die Schikanierung und Beschimpfung nicht die Änderung der Opfer ist, sondern das Einwirken auf die Schuldigen und letzten Endes ein Wandel des Systems.
Ich fing an, das Wort »fett« nicht als eine Beleidigung, sondern als eine neutrale Beschreibung für manche Körper zu hören und zu verwenden. Ich begriff allmählich, dass die Fixierung auf das Gewicht von Menschen, auf eine unendlich fein abstufbare Eigenschaft, der perfekte Weg war, um fatale so15ziale Hierarchien zu konstruieren, die, wie ich argumentieren werde, der Fettfeindlichkeit zugrunde liegen. Ich begann, die Fettphobie als eine schwerwiegende, unterschätzte Form struktureller Unterdrückung zu sehen. Ich verstand langsam, dass ich an diesem System mitwirkte, wenn ich unentwegt versuchte, mich kleiner zu machen. Schrittweise fing ich an, die Kräfte zu sammeln und mir die Hilfsmittel anzueignen, die ich brauchte, um das zu tun, was mir lange Zeit unmöglich erschienen war: mit den Diäten aufzuhören, die Obsession loszuwerden und friedlich mit meinem Körper zusammenzuleben. Mit einem Wort, ich gelobte, mich nicht kleinmachen zu lassen und Größe zu zeigen.
Ich benötigte viel Zeit, um an diesem Punkt anzukommen. Einmal hinterließ ich in einem Verzweiflungsanfall eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter einer Firma vor Ort, die Operationen zur Gewichtsreduzierung durchführte. (Ich habe sie dann nie zurückgerufen. Sie erschienen mir ein bisschen zu übereifrig.) In der Zwischenzeit gab es sogar eine endgültige, verrückte, allerletzte Diät, die mich wirklich in Gefahr brachte. Ich habe selbst heute noch Tage, an denen es mir schlecht geht. Das Verhältnis zu meinem Körper bleibt ein Werk in Arbeit. Die Diätkultur, die Schlankheit privilegiert und beharrlich behauptet, dass Diäten der Weg dahin sind, hat mich jedoch nicht mehr im Griff. Und dieses Buch ist zum Teil ein Ergebnis dieses banalen, aber hart erkämpften Sieges. Denn, wie mir klar wurde, sind nicht unsere Körper das Problem. Es ist vielmehr die Welt, die nicht aus der Fettfeindlichkeit herauskommt. Und wir können sie bekämpfen.
Ich weiß, das kann ein Kampf sein. Vertrauen Sie mir, ich habe das schon durchgemacht. Wenn Sie jetzt an diesem Punkt sind und gegen ihren eigenen Körper kämpfen, anstatt gegen die Gesellschaft, die das Dicksein ungerechterweise bestraft, 16dann ist dieses Buch richtig für sie. Doch es ist in erster Linie eine politische und strukturelle Auseinandersetzung, keine psychologische und individualistische. Es steht in der Tradition von Aufrufen zur Gerechtigkeit für Dicke, für das Selbstbewusstsein von Dicken oder für – mein Lieblingsausdruck – fat liberation.2 Ich glaube, was die Fettfeindlichkeit angeht, liegt die Lösung nicht darin, unser Selbstbild zu verbessern oder unseren Körper mehr zu lieben. Es geht um nichts weniger, als die Welt umzugestalten, damit sie zu dicken Körpern richtig passt, und die gesellschaftsverändernde Erkenntnis herbeizuführen, dass mit uns wirklich alles in Ordnung ist.3 Wir müssen uns der Fettfeindlichkeit, die uns unterdrückt, kontrolliert und eingeschränkt hat, um unserer selbst willen und – ganz wichtig – um noch beleibterer Menschen willen energisch widersetzen. Wir müssen uns der Gewaltsamkeit der Fettfeindlichkeit entgegenstellen, mit der dicke Körper heruntergemacht, auf niedere Plätze verwiesen und vernichtend kritisiert werden – und all das ohne jeden guten Grund.
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Es ist nicht nur deshalb wichtig, die Fettfeindlichkeit zu bekämpfen, weil sie so viel Schaden anrichtet, sondern auch, weil sie einigen Messungen zufolge stärker wird. Forscher der Universität Harvard berichteten 2019, dass von allen sechs Formen impliziter Voreingenommenheit (bias), die sie untersuchten – Rasse, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung und Körpergewicht –, die Fettfeindlichkeit die einzige Haltung war, die sich seit dem Beginn ihrer Forschung im Jahr 2007 verschlimmert hatte. Und die Mehrheit der befragten Menschen hegte bei Abschluss der Studie im Jahr 2016 weiterhin explizite Voreingenommenheit gegen Dicke.4
17Dieser Befund straft die beliebte Idee Lügen, wonach der Kontakt mit Mitgliedern einer marginalisierten Gruppe die Voreingenommenheit verringern wird, die ihnen vom Rest der Bevölkerung entgegengebracht wird. Tatsächlich sind wohl die meisten Amerikaner mittlerweile etwas dick, da nahezu drei Viertel der Bürger den BMI-Tabellen zufolge als »übergewichtig« oder »fettleibig« eingestuft werden – nach Tabellen, die höchst problematisch sind, wie wir später sehen werden.5 Und dennoch sind wir nicht weniger mit Fettfeindlichkeit konfrontiert, nur weil unsereins allgegenwärtig ist.6
Wir können die Fettfeindlichkeit mit einem nützlichen Begriff fassen, wenn wir sie als Zwangsjacke bezeichnen: Sie droht den meisten Menschen, bloß nicht dicker zu werden, verursacht Unbehagen und sogar Schmerz bei jedem, der eine bestimmte Größe überschreitet. Sie beschränkt unsere Freiheit, unsere Bewegung und unsere Fähigkeit, Raum einzunehmen, und das in einer Welt, die Mädchen und Frauen ohnehin schon beibringt, sich selbst pflichtschuldigst kleiner zu machen. Zudem werden wir oft dazu überredet, uns dieser repressiven Kleidung zu unterwerfen, mit der Begründung, es sei zu unserem Guten – entgegen dem derzeit besten Wissensstand, der nahelegt, dass wiederholtes Abnehmen und Zunehmen ein größeres Problem darstellt, als einfach nur schwer zu sein, wie wir auf den folgenden Seiten noch sehen werden.
Die Zwangsjacke der Fettfeindlichkeit ist für die meisten, vielleicht sogar für alle von uns schlecht. Aber sie schneidet den fülligsten Körpern ins Fleisch, die deshalb in einer praktikablen Politik gegen die Fettphobie in den Mittelpunkt gestellt und priorisiert werden müssen. In der Sprache, die in fett-aktivistischen Kreisen und in den zahlenmäßig kleineren, aber größtenteils damit zur Deckung kommenden Fat Studies breit akzeptiert ist, werden diese Menschen als »superdick« oder 18»infinifat« bezeichnet – wobei der letztgenannte Ausdruck von Ash Nischuk geprägt wurde, der Erfinderin des Podcasts The Fat Lip.7 Einige von uns könnten auch »minder Dicke«, »Mitteldicke« und »erheblich Dicke« genannt werden.8 Diese Ausdrücke sind fraglos wie die meisten Begriffe der natürlichen Sprache etwas vage und lassen Grenzfälle zu. Aber wir sind diejenigen, die in unterschiedlicher Betroffenheit Mühe haben, Kleidung zu finden, die für unseren Körper groß genug ist – weil sie über die sogenannten Normalgrößen bei größeren Einzelhändlern hinausgehen –, und wir sind es, die manchmal nicht in der Lage sind, ihre Breite und ihren Umfang an dem Platz unterzubringen, der in der Gesellschaft für uns vorgesehen ist. Wenn Sie diese Schwierigkeiten nicht kennen, sind Sie wahrscheinlich in meinem Sprachgebrauch nicht dick, selbst wenn Sie sich bei bestimmten Gelegenheiten »fett gefühlt« haben oder mit ihrem Körperbild hadern. Denn in diesem Buch ist »fett« weder ein Gefühl – noch eine Beleidigung und auch kein Problem.9 Es ist einfach die Art, wie manche Körper beschaffen sind. Und das ist nicht bedauerlich oder etwas, wofür man verhüllende Umschreibungen wie »mollig«, »Bärchen«, »kurvenreich« und so weiter benötigen würde. Was in meinem Buch noch weniger gern gesehen wird, ist die pathologisierende Ausdrucksweise »übergewichtig« oder »adipös«, die ich nur verwende, wenn sie wie bei der Wiedergabe von Ergebnissen verschiedener wissenschaftlicher Studien unvermeidbar ist, und auch dann nur mit distanzierenden Anführungszeichen oder ähnlich gekennzeichnet.10 Was den Ausdruck »Personen mit Übergewicht/Adipositas«angeht, der gegenwärtig von manchen Forschenden in der Medizin vorgezogen wird: Fangen Sie mir mit diesen plumpen, herablassenden Formulierungen erst gar nicht an, die den allgemeinen Fehler begehen zu glauben, dass eine Sprache, welche die Person an die erste 19Stelle setzt, besser ist, gleichgültig, welches Stigma der Kategorisierung dem auch folgen mag.
Ich bin also dick. Mag sein, Sie sind es auch; mag sein, Sie sind es diesen Definitionen gemäß nicht. Egal, wie es ist, wir können und müssen uns zusammen der Tatsache stellen, dass es nicht das Dicksein ist, dass uns kollektiv zusetzt, sondern die Fettfeindlichkeit.
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Die Fettfeindlichkeit lässt sich als eine Eigenschaft sozialer Systeme definieren, dickere Körper ungerechterweise so einzustufen, als seien sie dünneren Körpern unterlegen, und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt unserer Gesundheit, sondern auch unseres moralischen, sexuellen und intellektuellen Status. Die Fettphobie ist deswegen zum Teil eine unangebrachte Ideologie oder eine Reihe falscher Überzeugungen und überdehnter Theorien, die unsere Kultur hinsichtlich dicker Menschen unterhält: dass wir zwangsläufig ungesund sind und sogar dazu verurteilt sind, zu sterben, weil wir dick sind; dass wir selbst daran schuld sind, dick zu sein, weil es uns am moralischen Rückgrat, an der Willenskraft oder Disziplin fehlt; dass wir unattraktiv oder sogar abstoßend sind; und dass wir ungebildet, ja, sogar dumm sind.11
Dicke Körper befinden sich daher in einem Kontinuum, das nicht nur das Gewicht, sondern dieser Hierarchie entsprechend auch den Wert abbildet. Je dicker man ist, desto mehr ist man unter sonst gleichen Bedingungen von der Fettfeindlichkeit betroffen.
Allerdings sind die sonstigen Bedingungen nicht gleich, weil es in der sozialen Welt weitere Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gibt. Wie alle repressiven Systeme überschneidet sich 20die Fettfeindlichkeit mit einer ganzen Skala anderer Phänomene, darunter Rassismus, Sexismus, Misogynie, Klassismus, Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung, Homophobie und Transphobie.12 Und wie die im Fett-Aktivismus engagierte Kate Harding aufgezeigt hat, privilegiert das System »gute Dicke« – solche Dicke, die angeblich gesunde Verhaltensweisen wie das Einhalten von Diäten wie angeraten befolgen oder die ihr eigenes Dicksein erwartungsgemäß als ein Versagen betrachten – vor anderen Dicken, die eigenwilliger und weniger reuevoll auftreten.13 Je weniger fügsam man ist, desto weniger darf man nach der Logik der Fettfeindlichkeit seine Meinung sagen.
Aber wir müssen unsere Meinung sagen, und ich werde damit anfangen, indem ich drei allgemein verbreitete Mythen über das Wesen der Fettfeindlichkeit identifiziere, zu deren Demontage dieses Buch beitragen wird.
Erstens ist die Idee, Fettphobie sei einzig das Produkt von Individuen mit voreingenommenen Einstellungen gegenüber sich selbst und anderen, völlig unangebracht. Die Fettfeindlichkeit ist ein von Natur aus strukturelles Phänomen, das Menschen in dickeren Körpern in einer anderen Welt unterwegs sein lässt, die unzählige verschiedene materielle, soziale und institutionelle Hindernisse für unser Wohlergehen aufweist. Selbst wenn jeder morgen auf magische Weise frei von fettphobischen Einstellungen aufwachen würde, müsste sich die Welt ändern, in manchen Dingen sogar radikal ändern, um dicken Körpern entgegenzukommen und uns aktiv zu unterstützen. Es wäre allerdings auch ein Fehler, die zwischenmenschliche Verachtung und Feindseligkeit, die dicken Menschen entgegenschlägt, insofern als nebensächlich abzutun. Diese Formen von Vorurteilen sind nicht nur schmerzlich und ausgrenzend, sondern Menschen, die sie hegen, können gewissermaßen Türste21her sein, die über den Zugang zu unverzichtbaren institutionellen Hilfen und Ressourcen in der Gesundheitsversorgung, zu Beschäftigung und Bildung entscheiden, um nur damit anzufangen. Wir können es uns schlecht leisten, dass solche Individuen fettphobisch sind, besonders um derjenigen willen, deren Verletzbarkeit durch Repression am stärksten ist.
Zweitens mag die Fettfeindlichkeit den Menschen, die sie praktizieren, trotz ihrer Benennung nicht durch ein Empfinden von Abscheu oder Angst spürbar sein; sie mag sich nicht einmal feindselig anfühlen. (Für Menschen auf der von Fettphobie betroffenen Seite ist das oft eine andere Geschichte.) Es gibt sicherlich einen Abscheu gegenüber dicken Körpern in der Entstehungsgeschichte der Fettfeindlichkeit, wie wir sehen werden. Und es ist nicht ungewöhnlich, das Dicksein zu fürchten, und zwar zum Teil wegen der »Porosität« der Kategorie, wie die Philosophin Alison Reiheld sich ausdrückt, da es vielen Menschen bestimmt ist, in die Kategorie zu gehören und sie wieder zu verlassen, weil ihr Gewicht im Laufe der Lebensspanne veränderlich ist.14 Aber in bestimmten Fällen der Fettfeindlichkeit kann jedes besondere »Gespür« dafür fehlen – oder wie die Philosophen sagen, ihre Phänomenologie. Stattdessen können sie sich anfühlen wie die Erteilung solider medizinischer Ratschläge, wie die Auswahl der besten Person für eine Stelle oder wie die objektive Beurteilung der Fähigkeiten von Schülern.15 In der Realität führt die Fettphobie zu vielen gängigen Fehlern und Nichtberücksichtigungen und befangenen Urteilen auf diesen Feldern. Und einige davon haben schwerwiegende Auswirkungen, speziell in ihrem aggregativen Zusammenwirken.
Drittens und letztens gibt es eine allgemein verbreitete stillschweigende Annahme, die selbst unter fortschrittlichen Menschen üblich ist, wonach die Fettfeindlichkeit bei weitem weni22ger wichtig ist als andere Arten der Unterdrückung. (Es war vielsagend, dass ich das Wort »Fettfeindlichkeit« den Wörterbüchern in meinem Handy und meinem Computer hinzufügen musste, als ich dieses Buch schrieb.) Wie wir jedoch sehen werden, gibt es von einigen mehr anerkannten Formen der Borniertheit – darunter Rassismus, Misogynie, Klassismus, Behindertenfeindlichkeit und Transphobie – kein tieferes Verständnis ohne ein klares Bewusstsein von ihrer Schnittmenge mit der Fettphobie. Die Fettfeindlichkeit ist eine starke Waffe, die dazu dient, die Verletzlichsten der Verletzbaren zu unterdrücken. Darüber hinaus schadet sie den Menschen in einigen äußerst grundlegenden Hinsichten – im Hinblick auf ihre Bildung, ihre Arbeit, ihre Gesundheit und ihre reproduktive Freiheit. Wenn uns Gerechtigkeit ein Anliegen ist, können wir es uns einfach nicht leisten, die Fettfeindlichkeit auf die leichte Schulter zu nehmen.
***
Lassen Sie mich den Elefanten im Raum direkt ansprechen: Während ich dieses Buch schreibe, bin ich nicht sehr dick. Obwohl ich mehr als 60 Pfund verloren habe, bevor ich meine Waage wegwarf und die ersten zündenden Gedanken zu diesem Projekt auftauchten, gehöre ich nach wie vor zu den »kleinen Dicken«. (Das letzte Mal, als ich nachsah, beschied mir die BMI-Tabelle, ich könne gut und gerne weitere 20 bis 55 Pfund abnehmen – letztere Empfehlung würde mich auf ein Gewicht bringen, das ich seit meiner Pubertät nicht mehr gehabt habe.) Ich betrachte diesen Gewichtsverlust jedoch nicht mehr als eine Erfolgsstory. Tatsächlich war es ein Versagen, mir der Implikationen meiner eigenen politischen Einstellungen bewusst zu werden und authentisch nach ihnen zu leben.
23Mehr als das – mein Körper trägt die Kampfspuren. Es ist ein Körper, mit dem ich gekämpft habe, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Mir ist ständig kalt. Ich bin immer müde. Wie bei vielen Menschen, die extreme Diäten gemacht haben, hat sich mein Stoffwechsel auf ein Schneckentempo verlangsamt. Und bevor ich die Einhaltung von Diäten ein für alle Mal aufgab, war ich andauernd hungrig.
Schilderungen der Fettfeindlichkeit von Autoren, die deren Wirkungen sehr viel intensiver erlebt haben als ich – wegen der Größe ihrer Körper oder wegen der sich überlagernden Formen der Unterdrückung, der sie ausgesetzt sind –, sind außerordentlich wertvoll, und ich stütze mich durchgängig auf diese Darstellungen. Meine Absicht ist es, sowohl diese Stimmen – von Roxane Gay, Linda Gerhardt, Aubrey Gordon, Da'Shaun L. Harrison, Marquisele Mercedes, Tressie McMillan Cottom, Ash Nischuk, Lindy West und vielen anderen – heranzuziehen als auch meine eigene, von meiner Perspektive als feministische Philosophin geprägte Stimme diesem größer werdenden Chor anzuschließen. Wie viele andere bin ich ein lebendiges Zeugnis dafür, wie sich unsere Körper im Laufe der Lebenszeit drastisch verändern können; das Gewicht mag schwanken, nach einer Essstörung oder einer Krankheit vorübergehend abweichen, wird aber fast zwangsläufig zurückkehren, wenn wir das Glück (und oft das Privileg) haben, uns zu erholen.
Wenn Sie nun diese Worte später lesen, werde ich höchstwahrscheinlich dicker sein, und ich betrachte das nicht als ein Problem. Es würde mir in der Tat viel mehr entsprechen: mein Körper neigt zum Dickwerden. Und ich werde ihn nicht bekämpfen und ihn in der Konsequenz auch nicht vor der Welt verstecken.
25
Kapitel 1
Als Jen Curran mit 38 Jahren zu einem Nierenfacharzt ging, wurde ihr eine Gewichtsabnahme verordnet.»Können Sie mit einer Diät beginnen und Sport treiben? Versuchen Sie, etwas Gewicht zu verlieren«, lautete der Rat für sie. Jen spielte mit, trotz ernsthafter Bedenken. »Ja, ich verstehe, ich kann das machen.« Jen hatte ein fünf Monate altes Baby zu Hause. Der Arzt fuhr fort, »Gehen Sie mit dem Baby draußen spazieren, essen Sie weniger Salz, keine Fertiggerichte, halten Sie sich an pflanzliche Kost.«1
Jen merkte an, dass sie die Anweisungen nicht benötigte: Sie kannte sich mit Gewichtsabnahme bereits »nur zu gut aus«. Sie hatte in ihrem Leben schon einmal 115 Pfund abgenommen, jedoch nicht um ihrer Gesundheit willen, sondern wegen ihres Aussehens. Seitdem hatte sie entschieden, die von ihr selbst so genannte Obsession mit dem Gewicht aufzugeben und ihren Körper so anzunehmen, wie er war. Das war vor einigen Jahren. Sie fühlte sich stark und widerstandsfähig, ungeachtet des hohen Proteinspiegels in ihrem Urin, den ihr Gynäkologe während ihrer Schwangerschaft zusammen mit einem hohen Blutdruck mit Sorge registriert hatte. Im zweiten Drittel ihrer Schwangerschaft war ihr Bettruhe verordnet worden und die Geburt ihrer Tochter Rose war in der 37. Woche eingeleitet worden.
Im Gegensatz zu dem, was ihr Gynäkologe erhofft hatte, löste sich das Problem mit dem Protein im Urin nach dem Ende der Schwangerschaft für Jen nicht von selbst. Ihr wurde geraten, so bald wie möglich einen Nierenspezialisten aufzusuchen.
26»Und wenn ich abnehme, wird das Protein verschwinden?«, fragte Jen bei ihrem Arztbesuch. »Ja, nehmen Sie ab, dann wird das Protein verschwinden. Kommen Sie in vier Monaten wieder.«
Jens Gewicht war allerdings gar nicht das Problem: sie hatte Knochenmarkkrebs. Hätte sie dem Rat dieses Arztes nicht misstraut und einen Monat später eine zweite Meinung eingeholt, hätte der Krebs ihren Körper weiter ungehindert zerstören können und ihre Proteinwerte wären so hoch geblieben wie zuvor. »Es gibt nichts, was Diät oder Sport bewirken können, um so viel Protein abzubauen«, erklärte ihr der zweite Nierenspezialist.
Glücklicherweise wurde der Krebs bei Jen – ein Multiples Myelom – noch rechtzeitig entdeckt, um ihn sechs Monate lang mit Chemotherapie und Steroiden behandeln zu können. Die Prognose für Jen ist zum jetzigen Zeitpunkt, während ich dies schreibe, gut.
Andere Menschen haben nicht so viel Glück. Als Jan, 59 Jahre alt, ihre Schwester Laura Fraser besuchte, sagte diese ihr, sie sehe großartig aus. Jan hatte 60 Pfund abgenommen. Sie hatte das gar nicht versucht: Seit Monaten hatte sie so viele Schmerzen, dass sie kaum noch Appetit hatte. Sie litt unter postmenopausalen vaginalen Blutungen und nahezu unaufhörlichen Schmerzen im Becken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihren Versuch schilderte, bei einem Gynäkologen Hilfe zu finden. Er führte eine Routineuntersuchung durch und zuckte schließlich mit den Achseln. Jan fühlte sich als eine »dicke, klagende ältere Frau« abgetan. Sie versuchte, den Schmerz zu bekämpfen, indem sie mit Ernährungsbeschränkungen experimentierte – durch Ausschluss von Milchprodukten und Gluten – und rezeptfreie Schmerzmedikamente einnahm. Der Assistent eines Arztes, den sie Monate später aufsuchte, glaubte, 27sie sei nur darauf aus, an eine Opiatinjektion zu kommen. Doch letztlich ordnete er die Erstellung eines Blutbilds an.2
Am nächsten Tag erhielt Jan frühmorgens einen Telefonanruf, in dem ihr mitgeteilt wurde, sie möge direkt zur Notaufnahme gehen. Sie wurde mit einem extrem hohen Calciumspiegel im Blut in kritischem Zustand in die Intensivstation aufgenommen. Ein MRT zeigte eine riesige Masse in ihrem Unterleib: den größten endometrialen Tumor, den ihr Chirurg je gesehen hatte. Ihr Becken war voller Krebsgeschwüre; ihre Blase war ebenfalls befallen; sogar in ihrer Lunge gab es Flecken.
Jan lebte nur noch sechs Monate. Während ihrer wiederkehrenden Chemotherapie nahm sie ständig weiter ab. Und die Leute machten ihr weiter Komplimente wegen ihres Gewichtsverlusts.
***
Die Zwangsjacke der Fettfeindlichkeit ist eine Quelle der Belastung und des Unbehagens für die meisten von uns, wenn nicht sogar für alle. Aber es macht das Leben noch schwerer, wenn unsere Körper nicht in bestimmte starre Grenzen passen, gegen die sich manche Körper – darunter meiner – immer stemmen werden und die sie stets sprengen. Die Fettfeindlichkeit fungiert dabei ganz ähnlich wie die Zwangsjacke als starke soziale Markierung: Sie signalisiert, dass manche Körper ignoriert, missachtet und schlecht behandelt werden sollten. Sie kennzeichnet dicke Körper als solche, die keine Fürsorge verdienen – und ebenso keine Bildung, keine Anstellung und keine anderen elementaren Formen der Freiheit und Chancengleichheit.
Die Zwangsjacke wird frühzeitig festgezurrt. Es ist hinläng28lich bekannt, dass dickliche Kinder in der Schule weit verbreitet dem Spott ausgesetzt sind. Das Gewicht eines Kindes scheint der häufigste Ausgangspunkt für Schikanierung auf dem Schulhof zu sein.3 Ich erinnere mich in einem Kreis von Kindern gesessen zu haben, während wir auf einem grasbewachsenen Schulhof unser Pausenbrot aßen, als ein präpubertärer Junge nacheinander auf uns zeigte: Er erklärte uns völlig unbefangen für »dünn«, »mittel« oder »dick«. Als ich das einzige Mädchen war, das als dick eingestuft wurde, lag auf meinen Ohren der Druck eines sozial erzeugten Rauschens. Meiner Meinung nach war mir ohne Zweifel der niedrigste Rang zugesprochen worden. Und das beeinflusste nicht nur, wie ich mich selbst wahrnahm, sondern auch wie Gleichaltrige es taten. »Mangos machen dich dick«, sagte einer und hielt sich beim Inhalt meiner Brotbox angeekelt die Nase zu. »Und von Mangos bekommst du Mundgeruch!«, ergänzte sicherheitshalber eine andere.
Eine solche Behandlung, wie jede Form früher Stigmatisierung aufgrund des Gewichts, bringt für dickliche Kinder ein erhöhtes Risiko für Depression, Ängste, niedriges Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper mit sich. In extremen Fällen besteht sogar ein erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten.4
Dicke Kinder sind auch dem diskriminierenden und voreingenommenen Verhalten ihrer Lehrer ausgesetzt – ja, ihrer Lehrer. Das Lehrpersonal äußert häufig negative gewichtsbedingte Stereotypen über die fülligeren Schüler, weil durchweg angenommen wird, diese werden bei argumentativen Aufgaben schlechter abschneiden, im Sportunterricht mehr Mühe haben und über weniger soziale Fähigkeiten verfügen.5 Ich erinnere mich an einen Lehrer, der mir onkelhaft auf die Schulter klopfte und mich zu einem »Brummer« erklärte, als ich 14 Jahre alt war. Ich sah mich selbst durch seine Augen als 29stämmig, schwerfällig, dumm und fühlte sofort meinen Magen sich verkrampfen. Und tatsächlich neigen Lehrer dazu, Kinder, die als normalgewichtig klassifiziert werden, als überdurchschnittlich begabt wahrzunehmen und Kinder, die als fettleibig klassifiziert werden, als solche, die schulische Schwierigkeiten haben.6 Es ist richtig, dass es einige (unzusammenhängende und widersprüchliche) Anhaltspunkte dafür gibt, dass Lernende, die als übergewichtig oder fettleibig klassifiziert werden, die Tendenz haben, in der Schule schlechter abzuschneiden. Wie eine Studie zeigte, hat dies aber den plausiblen Grund, dass sich solche Schülerinnen und Schüler der Schule eher entziehen und den Schulbesuch sogar ganz vermeiden, wenn sie Gegenstand gewichtsbedingter Hänseleien sind.7 Eine weitere Studie zeigte, dass die Leistungslücke gegenstandslos wurde, wenn solche gewichtsbedingten Hänseleien ausreichend unterbunden wurden.8 Insoweit das Lehrpersonal füllige Kinder dafür verantwortlich macht, weniger gute Leistungen zu erbringen als ihre gleichaltrigen Mitschüler und Mitschülerinnen, handelt es sich dabei im Grunde genommen um eine Schuldumkehr, die dem Opfer die Schuld zuweist – und um das Ergebnis schädlicher, haltloser Stereotype über den Mangel an Scharfsinn bei dicken Menschen.9
Zudem werden Schüler dann, wenn ihre Leistungen genau gleich gut sind, anders wahrgenommen, wenn sie an Körpergewicht zunehmen. Eine umfassende Langzeitstudie fand heraus, dass eine Zunahme des BMI bei Schülern zwischen der fünften bis achten Klasse die Lehrer und Lehrerinnen dazu brachte, diese Kinder schulisch weniger leistungsfähig einzuschätzen, obwohl ihnen objektive Messungen in Form von standardisierten Tests gleichbleibende Leistungen attestierten.10 Insbesondere wurden den Mädchen weniger gute Lesefähigkeiten und den Jungen weniger gute mathematische Fähigkei30ten zugeschrieben – was interessanterweise genau den Gebieten entspricht, auf denen man für jede Gruppe den Genderstereotypen zufolge die besten Leistungen erwartet.
Manche Untersuchungen legen nahe, dass diese Formen fettfeindlicher Voreingenommenheit im Bildungswesen für Mädchen besonders ausgeprägt sein könnten. Erwachsene Frauen, die als übergewichtig oder fettleibig eingestuft wurden, berichten häufig davon, gewichtsbedingte Stigmatisierung durch eine Erziehungsperson erlebt zu haben, wobei sich ein Drittel von ihnen an mindestens einen solchen Vorfall erinnert und 20 Prozent der Frauen mehr als einen Vorfall in Erinnerung haben.11
Eine der bittersten Studien, auf die ich während der Recherche für dieses Buch stieß, zeigte, dass Eltern in den 1990er Jahren ihren dicken Töchtern im Vergleich zu ihren dünneren weniger bereitwillig ein Collegestudium finanzierten.12 Ich bin meinen eigenen Eltern sehr dankbar, dass sie mich, ganz gleich, wie viel ich wog, nie auch nur ein bisschen weniger intelligent oder fleißig oder einer guten Bildung würdig erachteten. Sie freuten sich vielmehr über meine Intelligenz und meinen Appetit. Aber viele Mädchen und Frauen haben nicht so viel Glück. Viele von uns hatten nie die Chance, ihre eigene Stimme zu entwickeln, was dem Gefühl geschuldet ist, dass jemand mit einem Körper wie dem unseren nichts Wertvolles zu sagen hätte. Es erscheint mir wie eine schwer lastende, wenn auch selten beachtete Stille.
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Die Fettfeindlichkeit ist außerdem eine starke Quelle für Diskriminierung im Arbeitsleben. Eine Fülle von Forschungen weist darauf hin, dass Bewerber mit einem höheren Body-31Mass-Index im Vergleich zu dünnen Mitbewerbern mit dem gleichen Profil und gleichen Qualifikationen weniger wahrscheinlich eingestellt werden.13 Dicke Menschen werden generell als weniger kompetent eingeschätzt.14 Eine Studie hat gezeigt, dass das Stigma dicker Menschen so wirkungsmächtig ist, dass es sogar ausreicht, neben einem dicken Körper gesehen zu werden, um künftige Arbeitgeber abzuschrecken: Wenn ein fiktiver, sogenannter normalgewichtiger männlicher Bewerber in Fotografien neben einer »fettleibigen« Frau sitzend abgebildet wurde, fiel die Beurteilung, ob er ein wünschenswerter Angestellter sei, erheblich weniger vorteilhaft aus, als wenn er neben einer dünnen Frau sitzend abgebildet wurde. Mit anderen Worten, »die Voreingenommenheit im Einstellungsprozess hatte auf eine Person ausgestrahlt, die sich in unmittelbarer Nähe zu einem fettleibigen Individuum befand«.15
Einige Untersuchungen legen nahe, dass dicke Frauen solcher Voreingenommenheit besonders intensiv ausgesetzt sind.16 In einer Studie von Stuart Flint und seinen Mitarbeitern aus dem Jahr 2016 wurden hypothetische Kandidaten verschiedenen Geschlechts und Gewichts (durch ein Foto offengelegt) auf ihre Eignung für eine Reihe von Beschäftigungschancen hin beurteilt.17 Alle Kandidatinnen und Kandidaten wurden aufgrund ihrer Lebensläufe für die Stellen, für die sie sich bewarben (eine Verwaltungsfachkraft, eine Verkäuferin im Einzelhandel, ein Handwerker und eine Universitätsdozentin), als hoch qualifiziert beschrieben. Sowohl männliche als auch weibliche Studienteilnehmer stuften den sogenannten normalgewichtigen Mann als die am besten geeignete Person ein und hielten die sogenannte fettleibige Frau für die am wenigsten geeignete Kandidatin für ausnahmslos jedes Stellenangebot.18
Als ich während meines letzten Jahres an der Graduiertenschule am MIT Vorstellungsgespräche für akademische Stellen 32vorbereitete, sorgte ich mich um die üblichen Dinge: die Prägnanz der Zusammenfassung meiner Doktorarbeit, die Schärfe meines Forschungsvortrags, die Treffsicherheit meiner Antworten auf Fragen zu meinen Lehrplänen. Mehr als alles andere beunruhigte mich aber die Frage, wie mein dicker Körper bei dem Ganzen aussehen würde. Ich mühte mich ab, professionell wirkende Kleider zu finden, die auf meine großen Hüften passen, und unternahm geradezu epische Anstrengungen zu den kniehohen Stiefeln, die in einem Winter in New England, der die verschneite Kulisse für die meisten meiner Vorstellungsgespräche abgab, praktisch obligatorisch sind.19 Das Paar, das ich bestellte und das mir annähernd passte, war so schwer über meine dicken Waden zu ziehen, dass ich meine Fingerknöchel tief abschürfte, als ich an einem Morgen versuchte, die anzuziehen. Am letzten Tag meiner Vorstellungsgespräche musste ich, mit Pflastern beklebt, Hände schütteln. Die engen Kniestrümpfe, die ich trug, damit die Stiefel besser passten, schnürten mir die Blutzirkulation so schlimm ab, dass sie um jede meiner Waden rote Ringe hinterließen. Ich fühlte mich lächerlich – und lädiert.
Die Vorstellungsgespräche bei einem kleinen Liberal Art College in Südkalifornien, während einer als »fly out« bekannten Gelegenheit zum Besuch des Campus, waren kein Stück besser. Ich war mir genauestens bewusst zu schwitzen, als ich im Laufe des »walk and talk« mit Fakultätsmitgliedern im strahlenden Sonnenschein eines heißen Januartages unterwegs war. Beim Mittagessen und dann wieder beim Abendessen fragte ich mich, was ich bestellen sollte, um als »gute Dicke« mit einem gesunden Lebensstil und gemäßigtem Appetit zu erscheinen. (Letztlich aß ich fast gar nichts und war zu ängstlich, später im Hotel etwas aufs Zimmer zu bestellen, für den Fall, dass mein potenzieller Arbeitgeber Wind davon bekäme – was 33nicht ganz unwahrscheinlich war, da die Universität alle Hotelkosten der Kandidatinnen trug.) Als ich unklugerweise eine Bemerkung dazu fallenließ, ganz gern zu reiten, um irgendwie aktiv zu erscheinen, äußerte sich ein Fakultätsmitglied höhnisch über einen lokalen Reitveranstalter. Im Kern sagte er, »Es ist nur was für fette amerikanische Touristen, auf ihren fetten amerikanischen Ärschen auf fetten faulen Pferden zu sitzen.« Als ihm ein anderer Professor – ebenso hager, weiß, männlich – einen Blick zuwarf, wurde sein Gesicht puterrot. »Mein eigener fetter Hintern kommt aus Australien«, dachte ich, ohne es zu sagen, und versuchte, in der Unterhaltung wieder Tritt zu fassen. Aber der Schaden war angerichtet. Und ich bekam die Stelle nicht.
Dafür mag es natürlich viele Gründe gegeben haben, einschließlich vollkommen triftiger. Am Ende hatte ich das Glück, mehrere gute Angebote zu erhalten, die sogar meine bescheidenen Erwartungen übertrafen. Dennoch würde ich mir wünschen, ich müsste mir nicht so viele Sorgen machen, dass mein dicker Körper meine intellektuelle Befähigung als Philosophin im Hinblick auf eine akademische Anstellung weniger beachtlich und geeignet erscheinen lässt. Außerdem wünsche ich mir nach wie vor, dass es kniehohe Stiefel auch in Größen für umfänglichere Waden geben würde. (Ja, ich weiß, dass Stiefel für »breite Waden« existieren. Ich habe über viele ernsthaft nachgedacht. Aber sie sind leider oft grässlich, grob und oben kürzer, als man sie gern hätte.)
Wichtiger ist aber, dass viele dicke Menschen weniger Glück haben als ich, ganz abgesehen davon oft weniger privilegiert sind und bei Bewerbungen aufgrund fettphobischer Voreingenommenheit völlig übergangen werden. Und falls Sie nun denken, dies müsste doch illegal sein – dicke Menschen sind nur in zwei Staaten der USA vor Diskriminierung wegen ihres Kör34perumfangs geschützt – vielen Dank, Michigan und Washington.20 Die Ergebnisse großer landesweiter Untersuchungen in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Kanada und mehreren europäischen Ländern zeigen, dass als fettleibig klassifizierte Menschen häufiger arbeitslos sind.21 Ein Anstieg im BMI ist auch mit einem niedrigeren Prozentsatz bezogen auf die gesamte Erwerbsdauer im Laufe einer Lebensspanne verbunden, selbst wenn man sonstige relevante sozioökonomische und gesundheitsbezogene Faktoren rechnerisch berücksichtigt. Und für Menschen mit höherem Körpergewicht ist es schwieriger, wieder in Erwerbstätigkeit zu gelangen, wenn sie diese erst verloren haben. Diese Folgen sind bei dicken Frauen wiederum besonders stark ausgeprägt.22
Zusätzlich zu dieser geringeren Erwerbsbeteiligung landen dickere Menschen eher in Beschäftigungen mit niedrigem Status: Die sogenannten fettleibigen Arbeitnehmer sind auf technischen und managerialen Stellen unterrepräsentiert, und »fettleibige« Frauen sind auf Arbeitsplätzen im Bereich der Administration und Dienstleistung in hohem Maße überrepräsentiert.23 Sogar innerhalb desselben Berufes verdienen dicke Menschen der Tendenz nach erheblich weniger als ihre dünneren Kollegen. Dicke Frauen sind auch hier wieder überproportional betroffen. Einer neueren Analyse zufolge, die mit modernsten Methoden durchgeführt und 2018 veröffentlicht wurde, ist die sogenannte Fettleibigkeit im Durchschnitt mit einer 8- bis 10-prozentigen Lohneinbuße für Frauen verbunden, verglichen mit nur ungefähr 2 Prozent bei den Männern.24 (Andere Studien zeigten überhaupt keine Einbuße bei den Männern oder sogar einen leichten Lohnzuwachs für alle bis auf die allerdicksten männlichen Angestellten.25)
Beunruhigenderweise scheint die Lohnlücke für dicke Frauen im Laufe der Zeit nur größer geworden zu sein. Die For35scher Christian Brown und P. Wesley Routon analysierten zwei Reihen an Langzeitdaten, die nahelegen, dass dicke Menschen, die in den 1960er Jahren geboren wurden, eine kleinere Lohnlücke erlebten als diejenigen, die 20 Jahre später geboren wurden. Die Bestverdiener unter den »fettleibigen« jüngeren Frauen hatten besonders schwere Einbußen – ganze 27 Prozent – für ihr Dicksein hinzunehmen.26 Das ist innerhalb dieser bevölkerungsstatistischen Altersgruppe mehr als die dreifache Einbuße, mit der die bestverdienenden dicken Männer zu rechnen hatten, und mehr als die fünffache Einbuße, die bei den dicken Frauen mit dem geringsten Verdienst festzustellen war.27 Andere Forschung hat diese Fettfeindlichkeit mit Dollarangaben versehen und darauf verwiesen, dass sehr dicke Frauen in den Vereinigten Staaten 19 000 $ jährlich weniger verdienen als »normalgewichtige« Frauen; und eine Gewichtszunahme von 25 Pfund war bei Frauen mit einem jährlichen Einkommensverlust von 13 000 $ und darüber verbunden.28 »Dies könnte darauf schließen lassen, dass die zunehmende Verbreitung der Fettleibigkeit zumindest für Frauen keinen normalisierenden Effekt am Arbeitsplatz gehabt hat«, schrieben Brown und Routon.29 Das ist allenfalls eine Untertreibung: Dicke Menschen werden heute offenbar generell stärker verachtet als je zuvor.
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Die Zwangsjacke der Fettfeindlichkeit ist etwas, was dicke Menschen in öffentlichen Räumen erleben, wenn sie nur ganz einfach versuchen, sich durch die Welt zu bewegen und ihren Angelegenheiten nachzugehen. Manchmal passen wir buchstäblich nicht – was für mich als wissenschaftliche Assistentin in Harvard wichtig wurde, denn ich musste 45 Minuten früher 36im Veranstaltungsraum sein, um mir einen der geräumigeren Sitze von den Bänken mit festinstallierten Tischen zu sichern. Ich fürchtete den Tag, an dem mir die schmaleren Sitze bevorstehen würden. Als der Tag schließlich eintrat – eine Sprechstunde zu meiner Dissertation lief lange –, hatte ich aus Angst Erstickungsgefühle, als ich mich zur kleinsten Gestalt zusammenfaltete, die mir möglich war, und mich riskant in den einzig übrigen Sitz im Hörsaal quetschte. Ich hielt Tränen der Erleichterung zurück, als mein Körper gerade noch hineinpasste. Nach wie vor habe ich Albträume, irgendwo nicht passend zu sein.
Vor kurzem gab ich als Gastprofessorin eine Veranstaltung auf einem anderen Campus zum Thema der Fettfeindlichkeit. Einige der Studenten waren wohlwollend, andere hingegen spöttisch, sie äußerten sich offen skeptisch, ob Fettfeindlichkeit wirklich ein so großes Problem sei. Am Ende der Sitzung, in der ein Student über seine eigene Fitnessmethode und die Vorzüge von Lean-Protein vorgetragen hatte, konnte ich nicht anders und verwies darauf, dass jeder einzelne Sitz eine schmale Bank mit festinstalliertem Tisch war. Wem wäre diese Debatte, dieses Gespräch nicht einmal potenziell bekannt? Dicke Menschen werden häufig von ihrem sprichwörtlichen Platz am Tisch verdrängt, vom Klassenzimmer über Restaurants, Theater und Stadien bis zum Sitzungssaal. Kürzlich gerieten die Universal Studios Hollywood mit ihrer Freizeitattraktion Mario Kart Virtual Reality in die Kritik wegen ihrer Sitze, die nur solchen Menschen passen, deren Taille unter 40 Zoll bleibt – geringfügig weniger als der Taillenumfang eines durchschnittlich gebauten amerikanischen Mannes.30
Auch das Reisen ist vielen dicken Menschen verwehrt. Sitze in Bussen, Zügen und Flugzeugen sind einfach nicht für uns gemacht. Das Fliegen ist besonders traumatisch, da dicke Pas37sagiere regelmäßig im Gang den Rückzieher machen müssen, wenn man meint, sie nehmen zu viel Platz ein, der den Komfort anderer Reisender mindert. Andere zahlen ein Aufgeld für einen Sondersitz oder für Tickets der ersten Klasse. Bitten um Sicherheitsgurtverlängerungen werden sowohl von Flugbegleitern als auch von anderen Passagieren oft mit giftigen Blicken quittiert. Und manche Reisende sind eindeutig erbost darüber, neben einer dicken Person platziert zu sein. Als das Plus-Size-Model Natalie Hage einen Flug von Texas zu einem Fotoshooting nach L. A. nahm, bemerkte sie, dass ihr Sitznachbar schwer seufzte und jemandem Textnachrichten schickte. Er machte den Witz, das Flugzeug würde nicht abheben können, weil sie so schwer wäre. Die Freundin antwortete, »Hoffentlich hat sie nicht vorher mexikanisch gegessen«. »Ich glaube, sie hat einen Mexikaner gegessen«, lästerte Hages Sitznachbar per Textnachricht. Er beschwerte sich, er werde einen Abdruck seines Halses an der Fensterscheibe hinterlassen, weil sie ihn so stark dagegen quetsche.
Als Hage diesen Mann in einem Video, das viral ging, mit seinem Verhalten konfrontierte, entschuldigte er sich anfänglich. Doch abseits der Kamera machte er später eine Kehrtwende, indem er behauptete, er habe sich Sorgen gemacht, dass Hage nicht in der Lage gewesen wäre, ihren Pflichten als Passagier nachzukommen, denn sie beide hätten in einer Reihe am Notausgang gesessen. (Sie hatte für das Privileg, etwas mehr Beinfreiheit zu haben, einen Zuschlag gezahlt.) Hage äußerte sich so: »Das ist die Alltagswirklichkeit einer dicken Person, und nicht nur im Flugzeug. Das ist im Bus so, beim Schlangestehen im Lebensmittelgeschäft, bei einem Konzert, im Internet. Man kann sich vollkommen auf den eigenen Platz beschränken, ohne irgendjemanden zu behelligen, und die Leute werden trotzdem über dich lästern und versuchen, dir eins auszuwischen.« 38Sie ergänzte abschließend: »Alles, was man tun kann, ist, sich sagen, dass man nichts falsch gemacht hat, nur weil man existiert, und die nächste Sache angehen.«31 Obwohl man dabei durch die Fettfeindlichkeit der Verkehrsmittel nach wie vor behindert sein wird.
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Vielleicht ist die Fettfeindlichkeit nirgendwo deutlicher sichtbar als im Gesundheitssystem. Dicke Patienten befinden sich ab dem Augenblick, in dem sie eine Arztpraxis betreten, vor einer schier endlosen Kette von Hindernissen, die der angemessenen, wirksamen Versorgung entgegenstehen. Die Untersuchung selbst beginnt typischerweise mit einem Wiegen der Person, ohne Rücksicht darauf, ob irgendein Aspekt unserer Behandlung die Kenntnis unseres Gewichts erfordert. Obgleich alle Patienten routinemäßig gewogen werden, ist dies für dicke Menschen, die mit einem lebenslangen Gewichtsstigma auf die Waage treten, ein besonders belastendes Erlebnis. Wir können auch während des Arzttermins aufgrund der Zahl auf der Waage mit Äußerungen der Missbilligung rechnen und manchmal mit offen beschämenden Vorhaltungen. Einige Aspekte dieses Vorgangs sind sogar automatisiert worden. Ich erinnere mich an einen Arztbesuch, bei dem mein Ergebnis vom Wiegen ein rot blinkendes Alarmlicht auslöste, das auf dem Bildschirm mit meinen Patientendaten aufleuchtete und auf meine Gewichtszunahme aufmerksam machte. Ich sah mir später im Internetzugang der Klinik meine Patientenunterlagen an. Unter »äußere Erscheinung« standen lediglich drei Worte: »Sie ist adipös.« Ich habe mich als Erwachsene selten so beschämt oder so auf meinen Körper reduziert gefühlt.
Doch die noch umfangreicheren Patienten haben es mit weit 39größeren Problemen zu tun. Die Waagen der Ärzte sind oft nicht auf die fülligsten Patienten ausgerichtet, die ihr Gewicht aber möglicherweise wissen müssen, um die geeignete Dosis eines Medikaments zu bemessen, oder um, je nachdem wie der Fall liegt, zu prüfen, ob ein Plan zur Gewichtsreduktion, zu dem ihnen ihr Arzt dringend geraten hat, auch funktioniert. Solche Patienten berichten, man habe sie angewiesen, die Waagen von Schrottplätzen und Zoos aufzusuchen. Demütigender könnte wohl kaum etwas sein.32 In vielen Einrichtungen fehlen Stühle, Manschetten an Blutdruckmessgeräten, Kittel, Untersuchungstische und Nadeln, die auch für sehr dicke Körper geeignet sind. Und manchen Patienten wird gesagt, sie würden nicht in ein MRT-Gerät passen, obwohl sie tatsächlich bequem hineinpassen würden.33 Andere wiederum sind wirklich zu umfangreich für Standardgeräte und müssen dann lange Entfernungen in Kauf nehmen, um ein Gerät nutzen zu können, das für ihren Körper passend ist, oder müssen gleich ganz auf diese wichtige medizinische Diagnostik verzichten.34
Wenn es darum geht, eine Empfängnisverhütung für den Notfall zu finden, so ist bekannt, dass die erste Verteidigungslinie – Plan B – für Patienten über 155 Pfund weniger wirksam ist. Sogar Ella, das als Lösung beworbene Medikament, wird nur für Personen empfohlen, die bis zu 195 Pfund wiegen.35 Wenn Sie mehr wiegen als diese 195 Pfund, werden Sie wohl kein Glück haben, wenn es darauf ankommt, eine Schwangerschaft zu vermeiden – und je nachdem, wo Sie in den Vereinigten Staaten leben, und in Anbetracht der drakonischen Abtreibungsgesetze, die nach der Dobbs-Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im ganzen Land umgesetzt wurden, brauchen Sie viel Glück, sie zu beenden.36 Zudem alles Gute bei der Suche nach einer angemessenen geburtshilflichen und gynäkologischen Betreuung, wenn Sie die Schwangerschaft auf40rechterhalten wollen. Manche Praxen lehnen es ab, schwangere Patientinnen über einem bestimmten Gewicht zu behandeln, da wir angeblich »Hochrisiko«-Patientinnen sind.37 Und als dicken Menschen, die schwanger werden können, werden uns unsere Bedürfnisse oft abgesprochen oder wir werden unsichtbar gemacht. Manchmal wird lediglich mit einem Achselzucken reagiert. »Ich habe das Gefühl, Sie werden eine Präeklampsie bekommen«, prophezeite mir eine Geburtshelferin, als ich schwanger war, in einem unbekümmerten Ton, ungeachtet meines normalen Blutdrucks und des Fehlens weiterer Risikofaktoren. Es war gar nicht der Hinweis, der mich ärgerte, sondern die Art, wie sie das vage Gefühl äußerte – beiläufig ganz am Ende des Termins, so als ob die potenziell ernste Komplikation einer Schwangerschaftstoxikose keinerlei Erörterung verdiene, Besorgnis oder spezielle Kontrolle rechtfertige. Es war einfach etwas, womit jemand wie ich in der Schwangerschaft zu rechnen hätte. (Glücklicherweise trat die Komplikation nie ein.)
Die Einstellungen von Praktizierenden sind eine ständige Quelle der Ungerechtigkeit in der Medizin ganz allgemein. Eine umfassende Untersuchung der Literatur dazu zeigte, dass dicke Patienten Gegenstand unzähliger negativer Stereotypen sind. Wir werden als undiszipliniert, willensschwach und weniger konsequent beim Einhalten einer Behandlung oder von Vorsorge-Empfehlungen angesehen.38
