Grundriss Heidegger - Helmuth Vetter - E-Book

Grundriss Heidegger E-Book

Helmuth Vetter

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Beschreibung

Der 'Grundriss Heidegger' versteht sich als eine Einführung zu Martin Heideggers Leben und vor allem als Nachschlagewerk zu seinen Schriften. Diese haben (Stand Frühjahr 2012) einen Umfang von nahezu 27.000 Seiten, verteilt auf die bisher erschienenen 79 Bände der Gesamtausgabe, wozu noch zahlreiche Einzelveröffentlichungen und Briefbände kommen. Der erste Teil, Synopsis, ist der Versuch, über ein Denken umfassend zu orientieren, das sein Autor unter das Motto 'Wege, nicht Werke' gestellt hat. In acht Hauptteilen (Sein, Welt und Sein, In-der-Welt-Sein, Kehre zum Sein, Sein und Nichts, Ereignis und Sein, Bauen am Sein, Haus des Seins) soll die Einheit dieses Denkens sichtbar werden, die durchlaufend nummerierten Paragraphen folgen mit kleineren sachlich bedingten Abweichungen dem chronologischen Ablauf. Der zweite Teil, Lemmata, ist ein Heidegger-Lexikon mit 241 Stichworten von 'Abendland' bis 'Zwischen'. Um diesen Index in überschaubaren Grenzen zu halten, werden verwandte Stichworte gelegentlich in einem Artikel zusammengefasst; zudem ermöglicht eine Fülle von Verweisstellen eine weitergehende Orientierung. Den Stichworten folgen im Allgemeinen Angaben zur Sekundärliteratur. Der dritte Teil, Daten, umfasst drei Abschnitte: eine Übersicht über die wichtigsten Daten von Heideggers Leben und Wirken, Kurzbiographien wichtiger Personen aus Heideggers engerem Umfeld sowie Kurzbeschreibungen zu allen in den Bänden der Gesamtausgabe enthaltenen und einigen in dieser noch nicht erschienenen kleineren Schriften. Der vierte Teil, Appendices, enthält ein Abkürzungsverzeichnis, ein Verzeichnis aller im Buch zitierten Literatur, das Sachregister zum ersten Teil und das Inhaltsverzeichnis des Grundrisses.

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Seitenzahl: 1317

Veröffentlichungsjahr: 2014

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GRUNDRISSHEIDEGGER

 

 

UXORI IOANNAE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über ‹http://portal.dnb.de› abrufbar.

eISBN (PDF) 978-3-7873-2690-7

eISBN (ePub): 978-3-7873-3341-7

 

Umschlagfoto: © François Fédier

© Felix Meiner Verlag Hamburg 2014. Alle Rechte vorbehalten. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übertragungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, soweit es nicht §§ 53, 54 URG ausdrücklich gestatten.         www.meiner.deFür Links mit Verweisen auf Webseiten Dritter übernimmt der Verlag keine inhaltliche Haftung. Zudem behält er sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings (§ 44 b UrhG) vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Inhalt

Vorbemerkung

Erster Teil: Synopsis

Einleitung

§ 1»Wege – nicht Werke«

a)Die Sache des Denkens

i. Unterwegs

ii. Metaphysik und Onto-Theo-Logie

b)Der hermeneutische Zirkel

§ 2Besonderheiten der Lektüre

a)Hindernisse

b)Die Adressaten und die Suche nach dem gemäßen Wort

A. Sein

§ 3Frühe Schriften

a)Erste Veröffentlichungen

b)Frühe Impulse

i. Franz Brentano

ii. Wilhelm Vöge und Carl Braig

§ 4Die akademischen Abschlussarbeiten

a)Die Dissertation: Kritik am Psychologismus

b)Die Habilitation: Kategorien und Bedeutungen

c)Der Habilitationsvortrag: Zeit und Geschichte

B. Welt und Sein

§ 5Die Hermeneutik der Faktizität

a)Wissenschaft, Weltanschauung, Philosophie

b)Der Sprung in die Welt

c)Die frühchristliche Lebenserfahrung

i. Die Zukunft

ii. Die Ruinanz

iii. Die Hermeneutik der Faktizität

d)Die formale Anzeige

§ 6Destruktion der Metaphysik

a)Die Aufgabe der Destruktion

b)Platons Grundlegung der Metaphysik

i. Die Idee des Guten

ii. Metaphysik als Platonismus

c)Die οὐσία als Grundbegriff des Aristoteles

i. Von der vorphilosophischen Bedeutung zum philosophischen Terminus

ii. Die Herstellung als Verstehenshorizont und ihre Bedeutung für die Metaphysik

d)Die Grundlegung der neuzeitlichen Metaphysik durch Descartes

i. Die Methode

ii. Das Ich als Fundament

e)Die Auslegung des Seins als Monade durch Leibniz

i. Der universale Anspruch der Logik

ii. Die Substanz als Monade

C. Dasein und Sein

§ 7Dasein und Zeitlichkeit

a)Gesamtplan und Ziel des ersten Hauptwerks

b)Die Frage nach dem Sinn von Sein

i. Die Dogmen der Überlieferung

ii. Der dreifache Vorrang des Daseins

§ 8Phänomenologie und Hermeneutik

c)Die Phänomenologie

i. Phänomen und Logos

ii. Die Grundstücke der Phänomenologie

d)Hermeneutische Phänomenologie

i. Hermeneutik als Destruktion

ii. Vier Begriffe der Hermeneutik

e)Husserl und Heidegger

iii. Heideggers Kritik

iv. Zwei Arten von Phänomenologie

f)Philosophie als universale phänomenologische Ontologie

§ 9Das alltägliche Dasein

a)Grundbegriffe

b)Welt und Umwelt

i. Das In-der-Weltsein

ii. Das Besorgen von Zeug

§ 10Die Konstitution des Daseins

a)Befindlichkeit (die Furcht)

b)Verstehen

c)Die Auslegung der Vorstruktur des Verstehens

d)Die Rede

i. Rede und Sprache

ii. Hören und Schweigen

e)Das Mitsein

i. Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit

ii. Einspringende und vorausspringende Fürsorge

f)Das Verfallen des Daseins und das Man

i. Gerede, Neugier und Zweideutigkeit

ii. Das Man

g)Die Angst und die Sorge

i. Die Grundbefindlichkeit der Angst

ii. Die Sorge als Ganzheit des Daseins

§ 11Eigentliche Existenz

a)Geburt und Tod

i. Die Gebürtigkeit des Daseins

ii. Die ausgezeichnete Stellung des Todes

b)Gewissen und Schuld

i. Der Ruf des Gewissens

ii. Das Schuldigseinkönnen

§ 12Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit

a)Der ekstatische Charakter der Zeitlichkeit

b)Aristoteles und das vulgäre Zeitverständnis

i. Die aristotelische Definition des χρόνος

ii. Die uneigentliche Zeitlichkeit

c)Die eigentliche Zeitlichkeit

d)Die Geschichtlichkeit

§ 13Kant und das Problem der Zeit

a)Die Zeit als Form der Anschauung

b)Die Zeit und das Ich-denke

D. Kehre zum Sein

§ 14Die Kehre

a)Von der Wahrheit als Übereinstimmung zum Wesen der Wahrheit

b)Wahrheit und Un-wahrheit

c)Die Freiheit und das Böse (Schelling)

§ 15Die Kunst

a)Hinführung zum Werkhaften des Werkes

b)Welt und Erde

§ 16Dichtung als Geschick

a)Neue Wege mit Hölderlin

b)Leitworte Hölderlins

§ 17Schritt zurück zu den anfänglichen Denkern

a)Das Un-verhältnis zum ersten Anfang

b)Ἀρχή und ἄπειρον (Anaximander)

c)Sein und Denken (Parmenides)

d)Φύσις und λόγος (Heraklit)

E. Sein und Nichts

§ 18Das Nichts

a)Das Nichts und die Wissenschaften

b)Die Wissenschaften und das Denken

§ 19Ontologie und Seinsgeschichte

a)Hegels Geschichtsphilosophie und Heideggers Geschick des Seins (Seinsgeschichte)

b)Hegels spekulative Deutung des Nichts

§ 20Nietzsche und der Nihilismus

a)Der Streitfall Nietzsche

b)Die Umwertung aller Werte

§ 21Sein – Seiendes – Nichts

a)Identität und Selbigkeit

i. Unterscheidungen

ii. Seiendes, Nichts und ontologische Differenz

b)Die Selbigkeit von Sein und Nichts

c)Grund und Ab-grund

F. Ereignis und Sein

§ 22Der andere Anfang

a)Erstes und zweites Hauptwerk

b)Die Architektonik

i. Das System

ii. Die Fuge

§ 23Übergang zum anderen Anfang

a)Armut und Schmerz

b)Die sechs Fugen

i. Der Anklang

ii. Das Zuspiel

iii. Der Sprung

iv. Die Gründung des Da-seins

v. Die Zu-künftigen

vi. Der letzte Gott

§ 24Der Raum und die Zeit

a)Räumlichkeit und Metaphysik des Raumes

b)Zeit-Raum und Zeit-Spiel-Raum

§ 25Das Ge-stell

a)Instrumentale und anthropologische Deutung der Technik

b)Das Wesen der Technik

i. Machenschaft und Ge-Stell

ii. Die Gefahr

§ 26Das Ereignis

a)Unterscheidungen

b)Stimmungen – Sprache – Schönheit

G. Bauen am Sein

§ 27Wohnen

a)Bauen und Wohnen

i. Pflegen und Errichten

ii. Das Wohnen als Grundzug des Seins

b)Horizont, Gelassenheit, Gegnet

c)Das Unheimliche und Un-geheure

i. Die Mächte des Seienden und die Gewalt des Menschen

ii. Das Hereinblicken der Götter

§ 28Die Dinge

a)Das Überspringen der Dinge in der Metaphysik

b)Die Nähe

§ 29Das Geviert

a)Welt und Sein

b)Das Spiegel-Spiel

i. Welt und Erde und das Geviert

ii. Das Spiegel-Spiel der Welt

H. Haus des Seins

§ 30Die Sprache

a)Sagen

i. Haus des Seins

ii. Das Wort

b)Hören

i. Sehen und Hören

ii. Auf den Λόγος hören

c)Schweigen

i. Schweigen und Sage

ii. Stimme und Stille

§ 31Dichten und Denken

a)Das Gespräch mit den Göttern

b)Der Dichtung vordenken

§ 32Wege

Exkurse

ExkursI: Heidegger und die Theologie

ExkursII: Heidegger und die Künste

ExkursIII: Philologie und Literaturwissenschaft

ExkursIV: Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie

Zweiter Teil: Lemmata

Stichworte A bis Z

Dritter Teil: Daten

A. Biographisches

§ 1Heideggers Leben, Schriften und Lehre

Tabellarische Übersicht

§ 2Heidegger und der Nationalsozialismus

a)Persönliche Motive

i. Vorurteile und Erwartungen

ii. Hauptmotiv

iii. Heideggers Verhältnis zum Judentum

iv. Vor und nach dem Rektorat

b)Die Rektoratsrede

c)Hinweis auf Sekundärliteratur

B. Heideggers Schriften

§ 1Gesamtausgabe

a)Erste Abteilung: Veröffentlichte Schriften 1910 – 1976

b)Zweite Abteilung: Vorlesungen 1919 – 1944

i. Marburger Vorlesungen (1923–1928)

ii. Spätere Freiburger Vorlesungen (1928–1944)

iii. Frühe Freiburger Vorlesungen (1919–1923)

c)Dritte Abteilung: Unveröffentlichte Abhandlungen, Vorträge, Gedachtes

d)Vierte Abteilung: Hinweise und Aufzeichnungen

§ 2Ausgewählte Einzeltexte

C. Personen im Umfeld Heideggers

Vierter Teil: Appendices

A. Bibliographie

§ 1Abkürzungen, Siglen und Zeichen

a)Abkürzungen und Siglen

b)Zeichen

§ 2Bibliographien, Handbücher, Indices und Lexika

a)Allgemeine und spezielle Nachschlagewerke und Lexika

b)Bibliographien, Handbücher, Indices und Lexika zu Heidegger

c)Heidegger-Periodica

d)Fotos

e)CD, DVD

§ 3Zitation von Heideggers Schriften

a)Gesamtausgabe

b)Einzelschriften

c)Korrespondenzen (Einzelbriefe in Auswahl)

d)Fest- und Gedenkschriften

§ 4Literatur

a)Quellen

b)Literatur zu Heidegger

c)Sonstige inGHzitierte Literatur

d)Literatur nach Sachgebieten

i. Zur Biographie

ii. Einführungen, Gesamtdarstellungen

iii. Kommentare zu Sein und Zeit

iv. Epochen

v. Einzelne Themen

B. Sachregister zum Ersten Teil

Vorbemerkung

Wir untersuchen die Wege, die ein anderer beim Schaffen seines Werkes ging, um durch die Bekanntschaft mit den Wegen selber in Gang zu kommen. Es soll uns diese Art von Betrachtung davor bewahren, das Werk als etwas Starres, unverändert fest Stehendes aufzufassen. Wir werden durch solche Übungen uns davor bewahren können, uns an ein Werkresultat heranzuschleichen, um schnell das Vorderste abzupflücken und damit wegzulaufen.

PAULKLEE

DerGrundriss Heidegger(»GH«) versteht sich als Orientierungshilfe. Der Gesamtausgabe (»GA«) seiner Schriften hat Heidegger das Motto »Wege, nicht Werke« vorangestellt. Dies spricht für einen Gedanken-Fluss und weniger für ein abgeschlossenes Werk, was freilich angesichts der Entschiedenheit mancher Formulierungen leicht übersehen werden kann. Heidegger klagt einmal selbst über ein Buch über ihn, das »Unterwegs« sei verschwunden, und fügt hinzu: »Es darf keine Heidegger-Scholastik aufkommen.« (H/M48)1

Der Grundriss enthält vier Hauptteile: die Einführung, das Heidegger-Lexikon, Daten und Verzeichnisse.

GH I (Synopsis)versucht eine Zusammenschau der wichtigsten Themen Heideggers. Schon der gewaltige Umfang allein der bisher vorliegenden Dokumente gebietet eine Beschränkung auf das Nötigste. Dabei sollte der schwierigen und eigenwilligen Terminologie des Autors Rechnung getragen werden, ohne sie nachzuahmen und dem Gemeinten doch zu entsprechen.

GH II (Lemmata),ein Lexikon mit 245 Stichworten, enthält von Heidegger selbst geprägte Begriffe (»Ge-Stell«) sowie Termini der philosophischen Überlieferung, die für ihn von besonderer Bedeutung waren (»Metaphysik«). Der Mehrzahl dieser Stichworte sind Angaben zur Sekundärliteratur beigefügt.

GH III (Daten)umfasst drei Abschnitte:A. biblio-biographische Angaben zu Heideggers Leben, Lehre und Schriften;B. kurze Zusammenfassungen der Inhalte aller bisher inGAerschienenen Schriften sowie einiger in GA noch nicht publizierter Texte;C. Kurzbiographien von Personen aus Heideggers engerem Umfeld.

GH IV (Appendices)enthält zwei Abschnitte:A. das Verzeichnis aller inGHverwendeten Abkürzungen und Zeichen, allgemeine und spezielle Bibliographien, eine Liste der Schriften Heideggers, seiner Quellen, der Sekundär- und sonstigen Literatur;B. das Sachregister zuGHI.

Der Text folgt mit Ausnahme der Zitate der neuen Orthografie. Die Übersetzungen aus anderen Sprachen stammen, falls der Übersetzer nicht eigens genannt wird, vom Autor desGrundrisses.

Alle Angabenmasculinigenerisgelten auch dann für beide Geschlechter, wenn dasgenus femininummitgemeint ist. Weitere Angaben zur Textgestaltung sind den einzelnen Teilen zu entnehmen.

Ich danke meinem Verleger Manfred Meiner, der mich mit der Abfassung dieses Handbuchs betraut hat, und dem Verlag Meiner, insbesondere Horst D. Brandt, meinem ersten Leser, für dessen Mühe und seine umsichtige und geduldige Begleitung dieses Projektes, sowie Jens-Sören Mann für die sorgfältige und aufwändige Herstellung des Buches.

Gratiam habeo et gratias lego:Otto Pöggeler, dem Doyen der Heidegger-Forschung, und Severin A. Müller, Begleiterin itinerario mentis; jenen, von denen ich meine, dass sie mich über Heidegger und über ihn hinaus belehrt haben – namentlich nenne ich hier Damir Barbarić, Danilo Basta, Wilhelm Dupré, Ferdinand Fellmann, Hans Rainer Sepp; dazu die Un-entwegten, allemstruggle for lifezum Trotz Unbeirrten wie Matthias Flatscher, Alfred Dunshirn und Gerhard Thonhauser; und nicht zuletzt Bernhard Waldenfels,quaerentem, respondentem. Von Alexandra Matz und Gerhard Titze wurde ich bei der Beschaffung von Literatur stets sachkundig und freundlich unterstützt – auch ihnen gilt mein Dank.

Das Buch ist meiner Frau zugeeignet.

Wien, im Januar 2014Helmuth Vetter

1Zur Zitation ↑ GH IV.

Erster Teil: Synopsis

DerGrundriss Heidegger(»GH«) beginnt mit einer Synopsis1. Doch allein die Tatsache, dass sich Heideggers Schriften über insgesamt siebenundsechzig Jahre erstrecken (die erste Veröffentlichung stammt von 1909, die letzte aus seinem Todesjahr 1976), macht ein derartiges Vorhaben nur durch Ausblendung zahlreicher Fragen und Themen möglich.

GHIist nach Kapiteln (AbisH) und Paragraphen unterteilt, im Allgemeinen in chronologischer Reihenfolge, die aber aus sachlichen Gründen mehrfach nicht eingehalten wird.

Die Bände derGesamtausgabe(»GA«) werden mit Band- und Seitenzahl bzw. Paragraphen zitiert, alleEinzelveröffentlichungenHeideggers nachGHIV,A3.b. Innerhalb eines Abschnitts (a, b, c; i, ii, iii) wird derselbe Band bei unmittelbarer Aufeinanderfolge nur mit der Seitenzahl angegeben. Aufeinanderfolgende Seiten bzw. Paragraphen sind durch Kommata getrennt.

DieHeidegger-Zitatesind im Allgemeinen im Haupttext nachgewiesen, jene derSekundärliteraturin den Fußnoten, und zwar inG Iin Kurzform (nur Autor und Jahreszahl), vollständig inGHIV,A.4.

Personen, die Heidegger auf die eine oder andere Weise nahe gestanden sind, finden sich mit Kurzbiographien inGHIIIC. Für Heidegger besonders bedeutsame Philosophen und Wissenschaftlers werden in den Fußnoten mit bio-bibliographischen Hinweisen angeführt2. Angaben zu solchen aus Heideggers näherem Umfeld finden sich inGHIIIC.

Zu einigentypographischenBesonderheiten: Alle Titel, auch jene von Aufsätzen und Lehrveranstaltungen, sind kursiv gesetzt, die Siglen in Normalschrift. – Hinweisen auf andere Paragraphen ist ein Pfeil ↑ vorangestellt. – Ergänzungen bzw. Einfügungen vom Autor des Grundrisses sind kursiv gesetzt, innerhalb von Zitaten zudem in eineranderen Schrift. Heidegger-Zitate sowie besonders signifikante Stellen anderer Autoren sind im Haupttext eingerückt und kleiner gesetzt.

1Verbum συνορᾶν: »zugleich od. zusammensehen, überblicken« (Gemoll 1965).

2Ausgenommen sind freilich Philosophen, deren Bekanntheit vorausgesetzt werden kann. Vgl. Volpi 1999/1 – 2; Bedorf/Gelhard 2013.

Einleitung

§ 1 »Wege – nicht Werke«

»Ein Gebirge erscheint.« Mit dieser Überschrift kündigt derSPIEGELfür 1975 die Edition der Gesamtausgabe von Martin Heideggers Schriften durch den Verlag Vittorio Klostermann an3. Der damals 85jährige Autor schätzt die Gesamtzahl der Bände auf »höchstens 50«, im Verlag ist von 70 Bänden die Rede. Doch knapp vier Jahrzehnte später steht fest, dass diese Erwartungen bei weitem übertroffen wurden: DieGAumfasst bisher 80 Bände mit 27.406 Seiten4; hinzukommen zahlreiche in dieGAnoch nicht aufgenommene Einzelpublikationen und eine stets wachsende Zahl von Briefbänden.

Wenn bei Heideggers Denkweg5angesichts des Umfangs der vorliegenden Texte6die Beschränkung auf das Nötigste unvermeidlich ist, so gilt dies noch mehr für die Auswahl der Sekundärliteratur. Bei allem Bemühen um Ausgewogenheit liegt es auf der Hand, dass jede referierende Darstellung bereits durch die Entscheidung für bestimmte und das Fortlassen anderer Texte eine Art von Interpretation ist.

a) Die Sache des Denkens

i. Unterwegs

Wenige Tage vor seinem Tod stellt Heidegger derGesamtausgabe letzter HanddiesenLeitspruchvoran: »Wege – nicht Werke« (GA1, 437):

»Die Gesamtausgabe soll auf verschiedenen Wegen zeigen: ein Unterwegs im Wegfeld des sich wandelnden Fragens der mehrdeutigen Seinsfrage. Die Gesamtausgabe soll dadurch anleiten, die Frage aufzunehmen, mitzufragen und vor allem dann fragender zu fragen. 〈 . 〉 Es handelt sich um das Wecken der Auseinandersetzung über die Frage nach der Sache des Denkens (als Bezug zum Sein als Anwesenheit; Parmenides, Heraklit; νοεῖν, λόγος) und nicht um die Mitteilung der Meinung des Autors und nicht um die Kennzeichnung des Standpunktes des Verfassers und nicht um die Einordnung in die Reihe anderer historisch feststellbarer philosophischer Standpunkte. Dergleichen ist freilich, zumal im Zeitalter der Information, jederzeit möglich, aber für die Vorbereitung des fragenden Zugangs zur Sache des Denkens gänzlich ohne Belang.« (GA1, 437 f.)

Die Unterscheidung in »Wege« und »Werke« ist für Heideggers Schriften bedeutsam: Werke sind in sich geschlossen, auf Wegen ist der Wanderer »unterwegs«. Dies trifft auch auf die »Seinsfrage« zu, die im Zentrum von Heideggers Denken steht. Auch wenn er selbst oft nur diese Kurzform gebraucht, kann nicht von einer allen Veränderungen entzogenen Frage ausgegangen werden. Denn dann besteht die Gefahr einer Substantivierung, indem der Geschehnischarakter des Fragens außer Acht bleibt7. Auch ist Heideggers Weg nicht von vornherein eindeutig – es gibt verschiedene Wege, die auch zu Um- oder gar Irrwegen werden können. Dies alles gehört zum »wundersamen Wegebau« (GA12, 105).

»Der Denk-Weg zieht sich weder von irgendwoher irgendwohin wie eine festgefahrene Fahrstraße, noch ist er überhaupt irgendwo an sich vorhanden. Erst und nur das Gehen, hier das denkende Fragen, ist die Be-wegung. Sie ist das Aufkommenlassen des Weges.« (GA8:2, 174)

Der Titel des ersten Hauptwerks,Sein und Zeit, zeigt das Problem an: Welcher Sinn vonSeinleitet die Überlieferung? Welche Auffassung derZeitsteht dahinter? Wie ist dasundzu verstehen, das »Sein« und »Zeit« eint?

Die Tradition folgt seit Platons ἰδέα und der οὐσία des Aristoteles einem fraglos übernommenen Sinn vonSein. DieZeitwird im Hinblick auf ihre Messbarkeitdefiniert (↑ GHI, § 7 b). Der Zusammenhang von SeinundZeit resultiert daraus, dass »Sein« seit den frühen Griechen im Zeitmodus der Anwesenheit steht und dies die nachfolgende Metaphysik prägt (↑ § 6). Trotz späterer und teils grundlegender Modifikationen stellt die Überlieferung diese Vorgaben nicht grundsätzlich in Frage.

ii. Metaphysik und Onto-Theo-Logie

Für Heidegger beginnt die Metaphysik mit Platon und endet mit Nietzsche. Seit Aristoteles verbirgt sich in ihr ein ihr selbst unbekanntes Geschick, ihreonto-theo-logische Verfassung. Deren Grund wird im dritten und sechsten Buch derMetaphysikgelegt. Das dritte Buch beginnt mit dem Satz:

Ἔστιν ἐπιστήμη τις ἢ θεωρεῖ τὸ ὂν ᾗ ὄν καὶ τὰ τοῦτῳ ὑπάρχοντα καθ’ αὑτό.8»Es gibt eine gewisse Wissenschaft, die erforscht das Seiende als Seiendes und dasjenige, was diesem als solchem eignet.« (GA26, 12)

Diese Wissenschaft wird in der Neuzeit unter dem Namen »Ontologie« zur metaphysica generalis9. Sie ist eines der Hauptthemen der πρώτη φιλοσοφία (der prima philosophia oder Ersten Philosophie, die später den TitelMetaphysikbekam10): die Wissenschaft vomSeienden als solchen, dem ὂν ᾗ ὄν.

Das sechste Buch untersucht daswürdigsteSeiende (τὸ τιμιώτατον ὄν) alsallgemeinstes(κοινότατον)11. Dies ist von fundamentaler Bedeutung: »καθόλου besagt für Aristoteles zugleich: κοινότατον und τιμιώτατον ὄν (GA11, 63(54)) Die Wissenschaft vomGöttlichen(θεῖον12) gilt jenem Seienden, an dem am reinsten der Grundzug des Seins hervortritt: die Überzeitlichkeit.

»Ontologie« und »Theologie«13interpretiert Aristoteles am Leitfaden des λόγος qua Aussage: λέγειν τι κατά τινος, »etwas von etwas aussagen«14. Zu dieser »logischen« Einheit des Seienden als solchen (ὂν ᾗ ὄν) und im Ganzen (καθόλου) sagt Heidegger 1957:

»Für den, der lesen kann, heißt dies: Die Metaphysik ist Onto-Theo-Logie.« (63).

Dem λόγος liegt ein bestimmter und nicht weiter befragter Begriff des Seienden als solchen (ὂν ᾗ ὄν) zugrunde; er leitet sich aus dem alltäglichen Umgang mit Gebrauchsdingen her (↑ § 6 c). Dazu kommt, dass das θεῖον Thema der aristotelischenPhysikist; es ist das Ziel (wie auch inMetaphysikΛ 8), die Göttlichkeit des κόσμος, also der Welt, zu beweisen. Dieser onto-theo-logische Beginn der Metaphysik endet mit Nietzsches Erkenntnis: »Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!«15

Die Herkunft des metaphysischen Gottesbegriffs veranlasst Heidegger, »von Gott im Bereich des Denkens zu schweigen«, und zwar »aus der Erfahrung eines Denkens, dem sich in der Onto-Theo-Logie die nochungedachteEinheit des Wesens der Metaphysik gezeigt hat (GA11, 63).

b) Der hermeneutische Zirkel

Schon früh spricht Heidegger von einer »Kreisbewegung des Denkens« (GA1, 217), später sagt er vom Zirkel, er sei »das Fest des Denkens« (GA5, 3). Dieser sogenanntehermeneutische Zirkelunterscheidet sich vom circulus vitiosus der Logik16: Es liegt keine petitio a principiis vor, denn das Sein, auf das sich das Fragen richtet, ist beim ersten Mal das Gefragte, erwartet wird als Antwort das Sein als Erfragtes.

Der hermeneutische Zirkel geht auf diePraxis des Lesenszurück. Ein erstes Vorverständnis bringt der Leser mit und reichert es bei fortschreitender Lektüre mit neuen Details an. Steht am Anfang ein weitgehend unbestimmtes »Ganzes«(z. B. ein Inhaltsverzeichnis), so führt die wachsende Kenntnis der »Teile« zu einem genaueren Wissen um das Ganze, was wieder der Detailkenntnis zugute kommt17. Dieser Zirkel ist unvermeidlich:

»Das Entscheidende ist nicht, aus dem Zirkel heraus-, sondern in ihn nach der rechten Weise hineinzukommen« (GA2, 203)18.

Mit dem Hineinkommen meint Heidegger allerdings mehr als nur den Lesevorgang. Zu ihm gehören die Arbeit der hermeneutischen Phänomenologie (↑ GHI,§ 8), die Gewaltsamkeit der Interpretation (↑ § 2 a) und die formale Anzeige (§ 5 d). DieAuslegungerschließt die dem Verstehen immanente Vorstruktur, um »seine Antizipationen nicht einfach zu vollziehen, sondern sie selber bewusst zu machen, um sie zu kontrollieren und dadurch von den Sachen her das rechte Verständnis zu gewinnen«19. Ziel ist die Destruktion der Metaphysik (↑ § 6), die Wiederholungdes im frühen Griechentum gestifteten ersten Anfangs (↑ § 17) und die Vorbereitung des anderen Anfangs (↑ § 22). Jeder Schritt setzt alle vorigen voraus; dies ist für das Verständnis des Spätwerks von größter Bedeutung. Nur lässt sich dieser Weg nicht von vornherein festlegen:

»Aber der Weg dahin läßt sich nicht wie eine Straße planmäßig abstecken. Das Denken huldigt einem, fast möchte ich sagen, wundersamen Wegebau.«

DieLeit- und Hauptfrageder abendländischen Metaphysik lautet: »Was ist das Seiende?« Heidegger stellt dagegen dieGrund-frage: »Was ist das Sein?«20

»Die Frage steht darnach, was das Seiende sei. Diese überlieferte ›Hauptfrage‹ der abendländischen Philosophie nennen wir die Leitfrage. Aber sie ist nur die vorletzte Frage. Die letzte und d. h. erste lautet: Was ist das Sein selbst? Diese allererst zu entfaltende und zu begründende Frage nennen wir die Grund-frage der Philosophie, weil in ihr die Philosophie erst den Grund des Seienden als Grund und zugleich ihren eigenen Grund erfragt und sich be-gründet.« (GA6.1, 64 )

Das Ende der Metaphysik, das Göttliche im Griechentum, die Abwesenheit Gottes in der Epoche des Nihilismus und die Frage nach dem künftigen Menschentum sind Themen, die Heidegger auf dem Weg zur Grund-frage begleiten.

§ 2 Besonderheiten der Lektüre

Zur Haltung beim Lesen von HegelsPhänomenologie des Geistessagt Heidegger:

»Zunächst negativ: nicht voreilig kritisieren und stückweise, einfallsweise Einwände vorbringen, sondern mitgehen, auf langehin mitgehen und mit Geduld, d. h. Arbeit mitgehen.« (GA32, 61)

»Auf langehin mitgehen« meint vor allem, Heideggers eigene Haltung gegenüber der Philosophie nicht schon vor einer genaueren Prüfung zu kritisieren, auch wenn er vielen Zeitgenossen als unzeitgemäß erscheint:Philosophieist für Heidegger

»ein menschlich-übermenschlich Erstes und Letztes wie dieKunstund dieReligion, d. h. sie steht – gerade weil klar geschieden von beiden und doch mit beiden eingleich Erstes– notwendig im Glanz des Schönen und im Wehen des Heiligen« (61).

Man wird eine solche Auffassung bei Platon21und Aristoteles oder bei den Philosophen des deutschen Idealismus allenfalls hinnehmen, ungleich schwerer jedoch bei einem Philosophen des 20. Jahrhunderts22.

a) Hindernisse

Mindestensvier Momenteerschweren den Zugang zu Heideggers Texten: 1. sprachliche Besonderheiten, 2. die Art der Interpretation, 3. die Gewaltsamkeit, 4. die Zweideutigkeit.

1. Zu densprachlichen BesonderheitengehörenNeologismen: »Diiudication«, »Praestruktion«, »Ruinanz«, »Darbung«, »Geworfenheit«, »welten« und »nichten«.

Häufiger sind Kombinationen von Wörtern aus demvorphilosophischen Sprachgebrauch. Substantive: »Begegnisart«, »Bewandtniszusammenhang«, »In-der-Welt-sein«, »Jemeinigkeit«, »Möglichkeitscharakter«, »Verständniszueignung«, »Zeugzusammenhang«, die »Sorge« als »Sich-vorweg-sein – im-schon-sein-in … – als Sein-bei«; Verben: »durchherrschen«, »gegenwärtigen«, »mitbegegnen«; Adjektive bzw. Adverbien: »als-frei«, »bewandtnishaft«, »gewesend«, »innerzeitig« oder »zuhanden«23.

Der alltägliche Wortgebrauch wirdterminologischumgedeutet: »Anzeige«, »Befindlichkeit«, »Dasein«, »Ekstase«, »Entwurf«, »Ereignis«, »Existenz«, »Lichtung«, »Fürsorge«, »Machenschaft«, »Sorge«; aus dem »Gestell« wird das »Ge-Stell«. Es gibt Neuschöpfungen, die, leicht geändert, von den üblichen Bedeutungen abweichen: »Gedanc«, »Gegnet«, »die Zeige«.

Termini derphilosophischen Überlieferungerhalten eine neue Bedeutung: »Dasein«, »Existenz«, »Wesen«.

2. HeideggersArt zu interpretierenist an Sorgfalt oft kaum zu übertreffen. Zugleich ist er sosehr von einer bestimmten Absicht geleitet, dass er sich Alternativen entzieht; dies betrifft besonders dieAuswahlder Texte. So sind z. B. an seiner genauen Kenntnis Nietzsches kaum Zweifel angebracht. Doch kommt er immer wieder auf bestimmte Passagen zurück, um den eigenen Ansatz zu stützen, und lässt dabei andere Texte außer Betracht, die ihn möglicherweise korrigieren könnten.

Eine Bemerkung Heideggers zur Interpretation von Hölderlins HymneWie wenn am Feiertage …24ist ein extremes Beispiel für das Verhältnis voninterpretandumundinterpres:

»Der hier zugrunde gelegte Text beruht, nach den urschriftlichen Entwürfen erneut geprüft, auf dem folgenden Versuch einer Auslegung.« (GA4, 51)

Auf die von Detlev Lüders25vorgebrachte Bitte um Erklärung antwortet Heidegger, der Satz sei »in der vorliegenden Fassung unmöglich«, er werde ihn deshalb in einer Neuauflage »streichen« (GA4, 207, Nachwort); geschehen ist das nie.

Freilich ist es plausibel, dass eine Auslegung nicht nur »von der Kenntnis des Wortlautes« abhängt, »sondern von der Wesentlichkeit der leitenden Auffassung dessen, was Dichtung, was Geschichte, was Wahrheit ist, und was überhaupt ›ist‹ und was als ›Sein‹ erfahren wird« (GA53, 157). Deshalb führt erst der Umweg über eine Prüfung der »leitenden Auffassung« des Interpreten zur Auseinandersetzung mit Heideggers Interpretationen; die philologische Arbeit ist aber deshalb keineswegs zu vernachlässigen.

HeideggersGewaltsamkeithat die Aufgabe, das alltägliche Vorverständnis in Frage zu stellen:

»Die existenziale Analyse hat 〈 . 〉 für die Ansprüche bzw. für die Genügsamkeit und beruhigte Selbstverständlichkeit der alltäglichen Auslegung ständig den Charakter einer Gewaltsamkeit.« (GA2, 413)

Die Interpretation bedarf der Gewalt, denn das Dasein neigt konstitutiv zum Verfallen (↑ GHI, § 10 f.). Dies betrifft nicht nur den Alltagsverstand, sondern auch die Dogmen der philosophischen Überlieferung, im Besonderen jene, die den »Sinn von Sein« fraglos voraussetzen (↑ § 7 b). Somit ist die »bereits schon sprichwörtlich gewordene 〈 . 〉 Gewaltsamkeit und Einseitigkeit des Heideggerschen Auslegungsverfahrens« (GA40, 184) kein Akt der Willkür: »Die Kraft einer vorausleuchtenden Idee muß die Auslegung treiben und leiten.« (GA3, 202)

Nicht zuletzt zeigt sich die Gewaltsamkeit an denÜbersetzungen26, vor allem jenen der frühen griechischen Denker. Drei Beispiele27:

Die Philologen reagieren auf Heideggers Übersetzungen (falls überhaupt zur Kenntnis genommen) meist kritisch bis negativ, auch wegen Heideggers freizügigem Umgang mit dem Lexikon28. Doch sie übersehen dabei, dass jede Übersetzung auch Interpretation ist. Die Vorstruktur der Auslegung (↑ GHI, § 10 c) alsselbstverständlich vorauszusetzen heißt, sich dem sogenannten gesunden Menschenverstand fraglos anzuvertrauen.

DieZweideutigkeitlässt in mehrfacher Hinsicht Heideggers Stellung zur Philosophie erkennen. Er unterscheidet drei Formen:

»1. Die Zweideutigkeit im Philosophieren überhaupt; 2. Die Zweideutigkeit in unserem Philosophieren hier und jetzt im Verhalten der Hörer und im Verhalten des Dozenten; 3. Die Zweideutigkeit der philosophischen Wahrheit als solcher.« (GA29,30, 15)

DasPhilosophieren überhauptist zweideutig. Denn es kann zwar als Wissenschaft oder Weltanschauung auftreten, unterscheidet sich aber von beiden, zumal von deren Vermischung.

»So geht die Philosophie in mannigfachen Verkleidungen auf den Märkten umher. 〈 . 〉 Sie ist nur für den zu erkennen, der zuinnerst mit ihr verwandt geworden ist.« (17)

Jede philosophischeLehreund deren Rezeption ist zweideutig. Der Lehrende kann sich als Autorität geben, weil er über die Terminologie und die entsprechende wissenschaftliche Apparatur verfügt. Doch die Philosophie vereinzelt den Menschen auf das je eigene Dasein. Wenn die Lernenden selbst nicht philosophieren, geht die Autorität ohnehin ins Leere; philosophieren sie aber, macht Autorität keinen Sinn.

»So ist jede philosophische Vorlesung – sei sie ein Philosophieren oder nicht – ein zweideutiges Beginnen, in einer Weise, wie es die Wissenschaften nicht kennen.«(19)

SchließlichverführtdiePhilosophiezur Zweideutigkeit. Für Heidegger geht die Philosophie zwar jeden Menschen an, doch ist daraus nicht zu schließen: »Was jedermann angeht, muß jedermann eingehen.« (22)

Weil manche die Philosophie als »ein Letztes, Äußerstes« (24) betrachten, suchen sie einIdeal, das ihrer Auffassung entspricht. Sie meinen, ein solches in der Mathematik gefunden zu haben.Doch gerade diese bringt nur »die leerste Erkenntnis 〈 . 〉 und für den Menschen die unverbindlichste« (25).

In Wahrheit ist die Philosophie »das Gegenteil aller Beruhigung und Versicherung« (28). Für die »philosophierende Auseinandersetzung« ist es

»die eine wirkliche und schwerste Aufgabe, das eigene Dasein und das der anderen in eine fruchtbare Fraglichkeit hineinzutreiben« (29).

Der Zweideutigkeit der philosophischen Begriffe begegnet Heidegger mit derformalen Anzeige(↑ GHI, § 5 d).

b) Die Adressaten und die Suche nach dem gemäßen Wort

Die demAlltagentnommenen Bestimmungen vonSein und Zeitkönnen in denEinzelwissenschaftenals Grundlage fungieren, etwa in der Anthropologie oder der Theologie. Doch wie steht es mit den Bestimmungen dereigentlichenExistenz? Muss nicht unbedingt mit der begrifflichen Ausarbeitung auch der Vollzug übereinstimmen? Sagt Heidegger nicht, die Frage der Existenz sei »immer nur durch das Existieren selbst ins Reine zu bringen« (GA2, 17)? Ist z. B. die Analytik des Todes (↑ GHI, § 11 a) nur dann relevant, wenn das Vorlaufen zum Tod auch existenziell vollzogen wird? Unmittelbar verständlich ist wohl nur, dass die begrifflich-existenziale Untersuchung nicht nur möglich, sondern sogar geboten ist, soll der Vollzug auch ausweisbar sein.

Um beim Beispiel des Todes zu bleiben: In denBeiträgen zur Philosophiesagt Heidegger, nur die anfänglichenDenkerhätten das Vorlaufen zu vollziehen, dochkönnten alleSchaffendendavon wissen – überhaupt »die Wissenden, Glaubenden, Handelnden, Schaffenden, kurz die Geschichtlichen«:

»Der Vollzug des Seins zum Tode ist nur den Denkern des anderen Anfangs eine Pflicht, aber jeder wesentliche Mensch unter den künftig schaffenden kann davon wissen.« (GA65, 285)

Dass das gemäßeWortstets von neuem erkämpft werden muss, lassen Heideggers Texte immer wieder erkennen29. Sie sind so außerhalb des tradierten Diskurses und dessen Terminologie (an die Heidegger inSein und Zeitimmerhin noch anknüpft), dass sie sich oft (vor allem seit der Kehre) an der Grenze des Sagbaren befinden:

»Die seit 1930 einsetzende Suche nach der ¦ gemäßen Weise der schriftlichen Mitteilung der Sage des Seins als solchem. Nichts Überliefertes genügt – ¦ daher die Not des gleichsam aufrufenden Sagens seit den ›Beiträgen‹. ¦ Alle Möglichkeiten von einer ›Systematik‹ bis zum Aphorismus zweifelhaft. ¦ Die rechte Bestimmung des Weges und des Wegfeldes ¦ ὁδός – nicht Methode und Verfahren« (H-2011/2012, 91)

3DERSPIEGEL, Nr. 27/1974.

4Stand: Mai 2013; geplant sind 102 Bände. – Zu den Wirkungen derGAzur Halbzeit, d. h. nach 40 Bänden: Herrmann 1994b. – Zur Editionspolitik: »Selbst das Druckbild seiner Texte in der Gesamtausgabe spiegelt Heideggers Distanznahme zu aller Herkömmlichkeit wieder: Die seltene Schrifttype ›Walbaum-Antiqua‹, in der bezeichnenderweise auch das 1936 erschienene ›Hölderlin-Vermächtnis‹ des von Heidegger so verehrten Philologen Norbert von Hellingrath gesetzt ist, untermauert optisch die prätendierte Singularität seines Denkens. Das Unternehmen der Erstellung einer Gesamtausgabe folgt einer genau kalkulierten Editionspolitik, die darauf abzielt, Heideggers Autorschaft als Werkherrschaft gegen die Fremdkommentierung seiner Texte auch postum zu garantieren.« (Appelhans 2002, 345.110). S. a. Mehring 1992, 143 f. und 149 ff.; Mehring 2009. – Trotz aller oft geäußerten Kritik an derGAermöglicht sie, anders als eine historisch-kritische Edition, überaus schnell einen umfassenden Einblick in Heideggers Schriften. Dies ist vor allem den Herren Dr. Hermann Heidegger, Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Herrmann und Dr. Hartmut Tietjen zu verdanken.

5Das Wort »Denkweg« erscheint als Buchtitel erstmals bei Pöggeler 1994 [1963]; s. a. Peng 1998, Kim 2001 u. a. – »Weg« oder »Wege« sind seit OttHe1959 noch häufiger anzutreffen, vgl. Gadamer 1986; Beaufret 1976. – »Unterwegs«: Denker 2011.

6»Texte« oder »Schriften« werden inGHals Sammelnamen für Bücher, Aufsätze und Vorträge, Lehrveranstaltungen und Aufzeichnungen Heideggers gebraucht.

7In diesem Sinne sagt D. Barbarić, es sei »irreführend 〈 . 〉, Heideggers Philosophie im Ganzen schlicht als ›die Seinsfrage‹ zu bestimmen«; mit einer solchen Substantivierung wäre »ein sich selbst stets gleich bleibendes Seiendes« gemeint und damit verkannt, dass »das Sein dasGrundgeschehnisist« (Barbarić 2012, 40 mit Hinweis aufGA40, 210). Dies gilt auch, wie Heidegger betont, fürSein und Zeit, das »ein Weg und kein Gehäuse 〈ist〉, und wer nicht gehen kann, soll sich darin nicht zur Ruhe setzen. Und zwar ein Weg, nicht ›der‹ Weg, den es in der Philosophie nie gibt.« (GA42, 111)

8Aristoteles, Metaph. Γ 1, 1003a21 f. »Es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende als Seiendes und das diesem an ihm selbst Zugrundeliegende betrachtet.«

9Vgl. Ritter 6, 1190 – 11 – 1198 (K. Kremer)

10Vgl.GA29/30, § 8. S. a. Haeffner 1981; WinterS1993.

11Vgl. Metaph. E 1, 1026a 16 – 23.

12Aristoteles Metaph. E 1, 1026a 10 – 22.

13Das θεῖον des Aristoteles hat nichts mit dem Gott der Bibel gemein. Deren λόγος τοῦ θεοῦ ist für den »christlichen Theologen« (Heidegger) von grundlegend anderer Art. Heidegger 1921 an K. Löwith: »Zu dieser meiner Faktizität gehört, daß ich christlicher Theologe bin.« (H/Löwith, 29) – Zum Verhältnis des jungen Heidegger zur Theologie B. Casper: »1) Heideggers eigene theologische Studien«, »2) Die Lehrveranstaltungen Heideggers für die Theologen 1915 – 1917«, »3) Heideggers Verhältnis zu Fragen des Christentums und der Theologie 1917 – 1923« (Casper 1980).

14S. a. Tugendhat 1958.

15Die fröhliche Wissenschaft, § 125 (NietzscheKSA3, 480 f.).

16τὸ δὲ κύκλῳ καὶ ἐξ ἀλλήλων δεικύνσθαι. »Durch Kreisbewegung wechselseitig beweisen.« (Aristoteles,APr. Β 5, 57b18)

17Zum »Zirkel der Aufgabe« vgl. F. Rodi,»Erkenntnis des Erkannten«. August Boeckhs Grundformel der hermeneutischen Wissenschaften(Rodi 1990, 70 – 88).

18Vgl. dazu die im Heraklit-Seminar gestellte Frage, wie es möglich sei, aus dem hermeneutischen Zirkel herauszukommen. Heideggers Antwort: »Wittgenstein sagt dazu folgendes. Die Schwierigkeit, in der das Denken steht, gleicht einem Manne in einem Zimmer, aus dem er heraus will. Zunächst versucht er es mit dem Fenster, doch das ist ihm zu hoch. Dann versucht er es mit dem Kamin, der ihm aber zu eng ist. Wenn er sich nun drehen möchte, dann sähe er, daß die Tür immer schon offen war. – Was den hermeneutischen Zirkel anbetrifft, so bewegen wir uns in ihm und sind in ihm gefangen.« (GA15, 33)

19Vom Zirkel des Verstehens(GadamerGW2, 61).

20Zur Leit- und Grundfrage: VorlesungSS1930,Vom Wesen der menschlichen Freiheit(GA31, 1. Teil).

21Heidegger wechselt zwischen »Plato« und »Platon«; unter Beibehaltung des Originals wird inGHdurchgehend »Platon« geschrieben.

22Animositäten persönlicher Art sind inGHnur ausnahmsweise ein Thema. Zum Beispiel war die Feindschaft zwischen Th. W. Adorno und Heidegger ein unübersteigbares Hindernis für jedes sachliche Eingehen auf den jeweils anderen. Mit demJargon der Eigentlichkeitwollte Adorno Heideggers Denken als Ganzes treffen: »Der Jargon der Eigentlichkeit ist Ideologie als Sprache, unter Absehung von allem besonderen Inhalt.« (Adorno 1971 [1962 – 64], 132) Damit werden sachliche Gemeinsamkeiten ausgeblendet. Heidegger selbst hat nie auch nur ansatzweise den Versuch unternommen, auf Adornos Argumente einzugehen. Um ein ausgewogenes Verständnis beider hat sich vor allem der Heideggerschüler H. Mörchen bemüht (Mörchen 1980). S. a. Düttmann 1991.

23Ausführlich Schöfer 1962. Obgleich E. Schöfers Buch lange vor derGAerschienen ist, bringt es einen immer noch brauchbaren Überblick zu Wortbildungen und Sprachstil Heideggers.

24HölderlinSWIV, 151 – 153.

25Damals Doktorand der Literaturwissenschaft bei dem Hölderlin-Forscher Adolf Beck, dann Direktor des freien Hochstifts in Frankfurt a. M.

26Vezin 1987/88; BuchheimTh1989; Tsujimura 1989; Smith 1992; Pöggeler 1996; Borghi 2003; Cioabă 2005.

27Anaximander:GA5, 357, 360; Ηeraklit:GA55, 142; Parmenides:GA8, 245. – Der Heideggerschüler G. Krüger (ein Kenner u. a. der Philosophie der Antike) bemerkt zuPlatons Lehre von der Wahrheit:»Der aufmerksame Leser wird schon in der Übersetzung des Höhlengleichnisses bei einigen Eigenwilligkeiten des Übersetzers stocken, wie denn überhaupt Heideggers Übertragungen aus dem Griechischen ein Problem für sich sind, mit dem sich einmal ein Philologe befassen müßte.« (Krüger 1950, 1642)

28Zum Beispiel δίκη: »Recht und Gerede«, τίσις: »Strafe, Rache, Genugtuung, Buße« (Gemoll 1965).

29Auf Heideggers Lehrveranstaltungen trifft dies nur bedingt zu. – Zum »Adressaten« vgl. Trawny 2010, 22 ff., 42 ff., 61 ff.

A. Sein

§ 3 Frühe Schriften

1907 liest Heidegger Franz Brentanos DissertationVon der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles, im Jahr darauf das Buch des Theologen Carl Braig,Vom Sein. Heideggers erste Veröffentlichungen erscheinen seit 1909. Es handelt sich um literarische Versuche, den Bericht über eine Denkmalsenthüllung und einige z. T. längere Rezensionen. Den auf festen Dogmen beruhenden Glauben stellt Heidegger damals noch nicht in Frage, im Gegenteil: Er inspiriert ihn zu seiner Lyrik.

a) Erste Veröffentlichungen

Heidegger beginnt mitliterarischen Versuchen30. Als allererste Veröffentlichung erscheint 1909 die ProsaAllerseelenstimmungen, 1910 folgt das GedichtSterbende Pracht. 1916 entsteht derAbendgang auf der Reichenau, dessen Wiederabdruck 1963 eine größere Leserschaft mit dem »Dichter« Heidegger bekanntmacht31. All dies ist vom antimodernistischen Geist beeinflusst, dem Heidegger privat und später als Theologiestudent begegnet.

1910 wird in Kreenheinstetten bei Meßkirch ein Denkmal des dort geborenen Wiener Hofpredigers Abraham a Sankta (recte »Santa«) Clara enthüllt. Heidegger schreibt einenBerichtund erinnert an die »〈u〉rkatholische Kraft, Glaubenstreue und Gottesliebe« (GA13, 2). Der Dekadenz »heutige〈r〉 Kunst jeder Art« hält er den »Jenseitswert des Lebens« (3) entgegen.

Die beidenRezensionenvon 1911 und 1912 (GAGA9]).

Die RezensionDas Realitätsproblem in der modernen Philosophiewendet sich gegen den Konszientialismus32und den Phänomenalismus33. Das ist deshalb erwähnenswert, weil beide Positionen die Realität der Außenwelt in Frage stellen. Doch während die Konszientialisten das Problem nicht weiter verfolgen, halten die Phänomenalisten die Setzung von Realem für denkbar, wenn auch nur alsignotum X. Heidegger versteht sich als »Realist« und sieht seine Aufgabe darin, »das Gegebene, Vorgefundene mit Eliminierung der modifizierenden Auffassungsweisen und Zutaten des erkennenden Subjekts in seinem Ansich zu bestimmen« (GA1, 12). Wichtig ist ihm schon damals, dass die Selbständigkeit des Gegenstandes nicht im erkennenden Subjekt untergeht. Doch belässt er es bei der allgemeinen (wohl von Kant inspirierten34) Forderung, »empirische und rationale Momente 〈müssten〉 zusammenwirken« (13). Für Heidegger ist klar, »daß es unselbständiges Reales gibt, das wir mit unserer Sinneserkenntnis nicht erreichen können«; er lässt jedoch offen, »ob die eigentliche Natur der Realitäten eindeutig bestimmt werden« könne (14). Im Übrigen betont er seine Nähe zur »aristotelisch-scholastische〈n〉 Philosophie«, die »von jeher realistisch« (15) gedacht habe.

Mit der RezensionNeuere Forschungen über Logiknähert sich Heidegger der Kritik Husserls am Psychologismus. Er verwirft Schopenhauers psychologische Interpretation Kants35und tritt gegen die »Naturalisierung des Bewusstseins« (19) auf.

Die Frage nach der Realität der Außenwelt ist für Heidegger sehr bald auch eine Frage der angemessenenBegrifflichkeit: Den unterschiedlichen Gegenstandsbereichen müssten die entsprechenden Gebietskategorien zugeordnet werden. Mit Emil Lask36unterscheidet Heidegger zwischen Kategorien, die sich auf sinnlich anschauliches Material und solchen, die sich auf unsinnliches Material beziehen. Im ersten Fall heißt die Gebietskategorie »Sein«, im zweiten »Gelten« (2537) – eine terminologische Unterscheidung, derer sich Heidegger noch längere Zeit bedient, um sie dann entschieden zurückzuweisen.

Die Kategorienfrage hat für Heidegger bleibende Bedeutung:

»Das Seinsproblem hat die Form des Kategorienproblems.« (GA32, 205)

b) Frühe Impulse

i. Franz Brentano

Zu Heideggers frühesten Förderern zählt Conrad Gröber, Stadtpfarrer an der Dreifaltigkeitskirche in Konstanz und dann Erzbischof von Freiburg38. Er gibt dem Achtzehnjährigen die Dissertation des Philosophen Franz Brentano39zu lesen:Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles40. Das Buch wird zum Anstoß für Heideggers Frage nach dem Sein. Mehrmals erinnert er an seine Bedeutung, so in der 1957 gehaltenen Rede anlässlich der Aufnahme in die Heidelberger Akademie der Wissenschaften:

»Im Jahre 1907 gab mir ein väterlicher Freund aus meiner Heimat, der spätere Erzbischof von Freiburg i. Br., Dr. Conrad Gröber, Franz Brentanos Dissertation in die Hand: ›Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles‹ (1862). Die zahlreichen, meist längeren griechischen Zitate ersetzten mir die noch fehlende Aristotelesausgabe, die jedoch schon ein Jahr später aus der Bibliothek des Internats in meinem Studierpult stand. Die damals nur dunkel und schwankend und hilflos sich regende Frage nach dem Einfachen des Mannigfachen im Seinbliebdurch viele Umkippungen, Irrgänge und Ratlosigkeiten hindurchderunablässige Anlaß für die zwei Jahrzehnte später erschienene Abhandlung ›Sein und Zeit‹.« (GA1, 56)

ÄhnlichMein Weg in die Phänomenologie(1963):

»Aus manchen Hinweisen in philosophischen Zeitschriften hatte ich erfahren, daß Husserls Denkweise durch Franz Brentano bestimmt sei. Dessen Dissertation ›Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles‹ (1862) war jedoch seit 1907 Stab und Stecken meiner ersten unbeholfenen Versuche, in die Philosophie einzudringen.« (GA14, 93)41

Brentanos Dissertation beginnt mit dem für Heidegger entscheidenden Zitat:

»›Das Seiende wird in mehrfacher Weise gesagt, ›τὸ δὲ ὂν λέγεται πολλαχῶς‹, sagt Aristoteles im Anfange des vierten Buches seiner Metaphysik und wiederholt es im sechsten und siebenten Buche und an anderen Orten zum Öfteren.«42

Das ὄν πολλαχῶς λεγόμενον (das Seiende als vielfach Gesagtes) bestimmt Aristoteles unter verschiedenen Gesichtspunkten, z. B. unter diesen vier: Τὸ ὂν τὸ ἁπλῶς λεγόμενον (das schlechthin gesagte Seiende) ist 1. τὸ ὄν κατὰ συμβεβηκός (das immer schon einem Seienden Zugefallene und daher Zufällige); 2. ὂν ὡς ἀληθές bzw. ὡς ψεῦδος (Seiendes hinsichtlich dessen, dass es wahr bzw. falsch ist); 3. τὸ ὂν κατὰ τὰ σχήματα τῆς κατηγορίας (das Seiende gemäß der Formen der Aussage, d. h. der zehn Kategorien); 4. τὸ ὂν δυνάμει καὶ ἐνεργείᾳ (das Seiende hinsichtlich seiner Möglichkeit und Wirklichkeit)43.

Aristoteles bestimmt dαs ὄν als λεγόμενον. Er richtet sich prinzipiell gegen Parmenides, der das ὄν als ἕν, das Sein als unwandelbare Einheit, gegen jede Vielfalt verteidigt und damit Bewegung begrifflich nicht fassen kann (so schon Platons Argument imSophistes44). Dass das ὄν in verschiedener Weise sagbar ist, begründet seine Vielfalt. Es ist ein λεγόμενόν τι – oder, wie Heidegger 1955 am Ende vonWas ist das – die Philosophie?sagt:

»›Das Seiend-Sein kommt vielfältig zum Scheinen.‹ ¦ Τὸ ὄν λέγεται πολλαχῶς.« (GA11, 26)

ii. Wilhelm Vöge und Carl Braig

Zwei Lehrer hebt Heidegger später besonders hervor: den Kunsthistoriker Wilhelm Vöge und Carl Braig, Professor für systematische Theologie. Während derEinfluss von Vöge eher im Hintergrund bleibt (ob es Spuren in denÜbungen über Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen[SchB] gibt, lasse ich offen), ist Braig als Autor für Heideggers weitere Entwicklung wichtig. Dieser würdigt ihn als den letzten »aus der Überlieferung der Tübinger spekulativen Schule, die durch die Auseinandersetzung mit Hegel und Schelling der katholischen Theologie Rang und Weite gab«. Von ihm und von Vöge sei »die entscheidende und darum in Worten nicht faßbare Bestimmung für die spätere eigene Lehrtätigkeit« ausgegangen (GA1, 57)45.

Braigs WerkVom Sein.Abriß der Ontologieliest Heidegger im letzten Jahr seiner Gymnasialzeit. Er findet darin »Textstellen aus Aristoteles, Thomas v. A. und Suarez, außerdem die Etymologie der Wörter für die ontologischen Grundbegriffe« (GA14, 93). Doch besonders wird ihm mit den Bestimmungen derMetaphysikundOntologieauch dieEinheit beiderzu denken gegeben haben:

»Die Wissenschaft von dem, washinter, über, jenseitsder Sichtbarkeit liegt, was an sichvorder Außenseite der Physis, für die Erkenntniß abernachder Durchforschung der Physis kommt, heißt mit einem sehr alten, zufällig geschöpften NamenMetaphysik. ¦ 〈 . 〉 Weil allgemeinEinSein angenommen wird, auf welches das Nachsinnen betreffs der vielen Seienden kommt und über welches es nicht hinauskommt; weil fast allgemein dasunbedingteSein, welches die besondern Seinsformen bedingt,Gottgenannt wird, heißt die Wissenschaft der Metaphysik nach ihrem vornehmsten UntersuchungsgegenstandeTheologie. ¦ 〈 . 〉 Die Metaphysik betrachtet an jedem Seiendennurdas, aberalldas, was ihm eignen muß, um überhaupt zusein, was mithin allem Seiendengemeinsamist. Daher führt die Wissenschaft vomSein im allgemeinenoder von denallgemeinsten Seinsformendie BezeichnungOntologie.«46

Braig geht vom einen Sein als dem Allgemeinen aus, »welches die besondern Seinsformen bedingt 〈und〉 genannt wird«: Die Metaphysik (der spätere Buchtitel für die πρώτη φιλοσοφία47) ist erstensTheologie. Zweitens ist sie als »Wissenschaft des ὄνOntologie: Die Metaphysik alsOnto-Theo-Logie(↑ § 1 a) ist hier in nuce vorgebildet.

§ 4 Die akademischen Abschlussarbeiten

1913 wird Heidegger mit der ArbeitDie Lehre vom Urteil im Psychologismus. Ein kritisch-positiver Beitrag zur Logikzum Doktor der Philosophie promoviert; Gutachter ist Arthur (Artur) Schneider, der durch Forschungen zur mittelalterlichen Philosophie (Die Psychologie Alberts des Großen, 1903 und 1906) und zur philosophischen Pädagogik hervorgetreten ist48. Heidegger erwähnt in seinen zahlreichen Rückblicken weder seine Dissertation noch Schneider.

Zu Heideggers wichtigsten Förderern zählen der Historiker Heinrich Finke und Heinrich Rickert49, ein führender Vertreter der badischen Schule des Neukantianismus. Bei ihm habilitiert sich Heidegger 1915 mit der ArbeitDie Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus50. Die Habilitationsschrift widmet er Rickert »in dankbarster Verehrung«.

Mit seinem Beitrag zur Philosophie und Theologie des Mittelalters51werden für Heidegger zwei Themen von bleibender Bedeutung: Zeit und Geschichte. Er nimmt sie im Habilitationsvortrag auf, doch ist dieser »mehr dem Charakter eines Aufsatzes angepaßt« (GA1, 436). Er gehört mit den anderen akademischen Arbeiten zu jenen »Versuchen, die als Veröffentlichungen nur pflichtmäßige Mitteilungen sind und nur Einiges anzeigen von dem, was unbewältigt und ohne eigentliche Führung durcheinander sich drängte« (GA66, 412).

Doch habe die Klärung in zwei Richtungen gewirkt: hin zur griechischen Philosophie, namentlich zu Aristoteles, und zur Phänomenologie Husserls (freilich ohne dessen Cartesianismus); »der eigene Weg führte auf eine Besinnung über die Geschichte – Auseinandersetzung mit Dilthey und der Ansetzung des ›Lebens‹ als Grundwirklichkeit« (ebd.).

a) Die Dissertation: Kritik am Psychologismus

Die 1913 eingereichte und im Jahr darauf gedruckte Dissertation ist deshalb nicht ganz unwichtig, weil ihre Kritik am Psychologismus ein Hindernis auf dem Weg zur Seinsfrage beseitigt52. Damit greift sie auch ein besonderes Thema von Husserl auf53.

Der Anspruch desPsychologismusist universal und führt zur »Naturalisierung des Bewußtseins« (GA1, 63) – Husserl spricht von »Naturalismus«54. Grundsätzlich hätten HusserlsLogische Untersuchungen»den psychologistischen Bann gebrochen« (64). Hinsichtlich der speziellen Probleme der Logik, namentlich jener des Urteils, bleibe aber noch viel zu tun. Heidegger untersucht die Lehre vom Urteil bei Wilhelm Wundt, Heinrich Maier, Franz Brentano, Anton Marty und Theodor Lipps55. Sie vertreten zwar »verschiedene Arten des Psychologismus«(65), sehen jedoch alle ihre Aufgabe darin, dasUrteil als psychischen Aktmit Hilfe der Psychologie zu begründen.

Doch am Urteil als dem »Urelement der Logik« lässt sich »am schärfsten der Unterschied zwischen Psychischem und Logischem herausstellen« (64). Für Heidegger besteht »das eigentliche Wesen des Psychologismus« darin, dass die »Eigenart des Logischen gegenüber dem Psychischen« nicht beachtet wird, die »Eigenwirklichkeit des logischen Gegenstandes gegenüber einer psychischen Realität« (122). Schon hier geht es ihm nicht um die Logik als solcher, sondern um deren Bezug zur Realität. Demgegenüber interessiere z. B. Brentano nur »das psychische Verhalten, die seelische Tätigkeit gegenüber dem Objekt« (123).

Der logische Gegenstand ist etwas »Nichtpsychisches«, die Urteile sind »auf etwas Beharrendes, Identisches« gerichtet (168). Gerade »dieses rätselhafte Identische« wird für Heidegger zur Frage, ohne eine Antwort zu finden:

»Die Daseinsweise und Struktur dieses Etwas ist bis jetzt allerdings noch unbestimmt.« (169)

DiesesEtwasnimmt Heidegger in der Habilitationsschrift auf. Doch erst in derVOKNS1919 erfolgt der entscheidende Durchbruch zum Weltbegriff (GA56/57:1, ↑ GHI, § 5 b). In der Dissertation geht es ihm noch um dasGelten56: »Die Wirklichkeitsform des im Urteilsvorgang aufgedeckten identischen Faktors kann nur das Gelten sein.« (GA1, 170) Sinnlich erfassbares Seiendesist, ideales Seiendesgiltund hat darin seinenSinn.

VOWS1925/26 kommt Heidegger selbstkritisch auf diese Bestimmungen zurück: Der Begriff der Geltung lasse die Frage nach dem Sein ungeklärt:

»Welche Wirklichkeit hat gegenüber dem realen Sein das der Ideen?« (GA63; vgl.GA2, 133)

In der Dissertation ist Erkenntnis noch »Gegenstandsbemächtigung«; sie wird von der »Erkenntnistätigkeit, 〈dem〉 psychischen Gedankenverlauf« (175) abgegrenzt. »Bemächtigung« meint die Partizipation an der Wirklichkeit eines Gegenstandes; die Teilhabe an ihm soll Sinn und Wesen des Urteils begründen. Die Aufgabe der Logik besteht in einer Systematik der »objektiven Sinnverschiedenheiten« (186). Die der Logik vorausgehende Erkenntnistheorie müsste »den Gesamtbereich des ›Seins‹ in seine verschiedenen Wirklichkeitsweisen gliedern, deren Eigenartigkeit scharf herausheben und die Art ihrer Erkenntnis und die Tragweite derselben sicher bestimmen« (GA1, 186 f.). Mit diesem Ausblick – er steht schon »im Dienste des letzten Ganzen« (187) – endet die Arbeit.

b) Die Habilitation: Kategorien und Bedeutungen

Folgt man dem anlässlich der Habilitation verfassten Lebenslauf, so untersucht die Dissertation ein zentrales Problem der Logik und Erkenntnistheorie und orientiert sich an der modernen Logik und den »aristotelisch-scholastischen Grundurteilen«. Das weitere Studium (vor allem bei Finke und Rickert) habe jedoch die »durch die Vorliebe für Mathematik genährte Abneigung gegen die Geschichte grundlegend zerstört« und den Autor zurScholastikgeführt und zu einem »deutenden Verstehen des theoretischen Gehaltes ihrer Philosophie mit den Mitteln der modernen Philosophie«. Der Autor hofft, seine Arbeit in Zukunft der mittelalterlichen Logik und Psychologie »im Lichte der modernen Phänomenologie« (GA16, 39) widmen zu können. Grundlage dafür sind seit 1909 HusserlsLogische Untersuchungen.

Heidegger sind für seine problemgeschichtliche Interpretation der Scholastik die historischen Forschungen von Clemens Baeumker und Martin Grabmann bekannt. Doch mit der Historie ist es schon damals für ihn nicht getan – es handelt sich umGeschichte:

»ΝurGeschichte ist nun einmal die Geschichte der Philosophie nicht und kann sie nicht sein, wenn anders sie in das wissenschaftliche Arbeitsgebiet der Philosophie hineingehören soll. Die Geschichte der Philosophie hat zur Philosophie ein anderes Verhältnis als z. B. die Geschichte der Mathematik zur Mathematik. Und das liegt nicht an derGeschichteder Philosophie, sondern an der Geschichte derPhilosophie.« (GA1, 195)

Von Anfang an geht es um das »Bestimmtsein aller Philosophie vom Subjekt her« (196)57. Untersucht wird ein Grundbegriff des Duns Scotus, diehaecceitas, »Diesheit«58. Damit habe der Autor »eine größere und feinere Nähe (haecceitas) zum realen Leben, seiner Mannigfaltigkeit und Spannungsmöglichkeit gefunden als die Scholastiker vor ihm« (203). Diese »Form der Individualität (haecceitas) 〈sei〉 dazu berufen, eine Urbestimmtheit der realen Wirklichkeit abzugeben« (253).

Dies relativiert die aristotelische Kategorienlehre, die nur einen bestimmten Seinsbereich betrifft. Der mittelalterliche Autor sieht hier mehr, weil jedes denkbare Phänomen »seinem Gehalt nach einen bestimmten Ort fordert«; so gibt es »mehrereverschiedene Wirklichkeitsbereiche« (212)59.

Schon das Thema der Arbeit weist auf die Frage der gegenstandsbezogenen Kategorien und deren sprachliche Artikulation durch Bedeutungen hin:

»Die Kategorie ist die allgemeinste Gegenstandsbestimmtheit.« (403) ¦ »Durch Bedeutungen werden Gegenstände ausgedrückt; diese ihrerseits bestimmen die Bedeutungen.« (42)

Das Sein, das dermodus essendi significandiverleiht, ist nicht das realer Objekte, sondern das von Bedeutungen. Der Gegenstand ist, da intentional vermeint, nie unabhängig vom Bewusstsein – »nur was irgendwie gegenständlich da, bewußtseinsmäßig intentional ist, kann in Bedeutungen ›ausgedrückt‹ werden« (316).

Sie kommen in Wörtern und Sätzen zum Ausdruck. »Satz und Wort« bzw. »Sinn und Bedeutung« gehören beide zu verschiedenen Wirklichkeitsbereichen. Die »Sprachelemente sindsinnlichwahrnehmbar; sie gehören in die Welt des real Existierenden, sie dauern in der Zeit, entstehen und vergehen« (292 f.). Sinn und Bedeutung dagegen »sind zeitlos identisch dieselben« (293).

Die Wissenschaftlichkeit dieser am »Lebenswert« (195) orientierten Philosophie liegt in der systematischen Erfassung des Verhältnisses der Kategorien zu ihren Gegenständen. Zugleich aber rückt mit dem mittelalterlichen Text das Problem der Geschichte in Heideggers Blickfeld. Er hofft, dass die »Erforschung derhistorischenBedingungen« »derrein philosophischenAusdeutungdielebendige besondere Gestaltung und Fülle geben 〈werde〉, die nun einmal aus der tiefer gefaßten Geschichte immer entspringt« (207).

Rückblickend meint Heidegger, die Habilitationsschrift enthalte den ersten Ansatz für die Frage nach Sein und Denken und deren Verhältnis:

»›Kategorienlehre‹ ist der übliche Name für die Erörterung des Seins des Seienden; ›Bedeutungslehre‹ meint die grammatica speculativa, die metaphysische Besinnung auf die Sprache in ihrem Bezug zum Sein. Doch all diese Verhältnisse waren mir damals noch undurchsichtig.« (GA12, 87)

c) Der Habilitationsvortrag: Zeit und Geschichte

Der Zeitbegriff in der Geschichtswissenschaft– so der Titel der Probevorlesung – wird von jenem der Naturwissenschaft unterschieden; deren Zeitbegriff bleibe aber durch »die modernste Theorie der Physik«, d. h. »durch die Relativitätstheorie unangetastet« (GA1, 424).

In der Physik hat die Zeit die Funktion, »Messung zu ermöglichen« (423). Grundsätzlich anders verhält es sich mit der Positionierung der Zeit in der Geschichtswissenschaft. Ihr Thema ist der Mensch, doch »nicht als biologisches Objekt, sondern insofern durch seine geistig-körperlichen Leistungen die Idee der Kultur verwirklicht wird« (426). Der Zeitbegriff der Naturwissenschaften ist homogen, jener der Geschichte qualitativ: Nur was historisch bedeutsam ist, gibt der Geschichtszahl »Sinn und Wert« (431). Als »Prinzip der historischen Begriffsbildung« fungiert die »Wertbeziehung« (433)60.