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Kann es eine Marktwirtschaft auch ohne Kapitalismus geben? In 50 präzise formulierten Fragen und Antworten entwirft Werner Onken eine fundierte Realutopie: eine Marktwirtschaft, die ohne Akkumulation und Konzentration von Kapital auskommt und stattdessen auf Dezentralisierung, Gemeinwohl und ökologische Verantwortung setzt. Ausgehend von den blinden Flecken klassischer, neoklassischer und marxistischer Theorien erklärt Onken, was hinter der strukturellen Macht des Geldes steckt, warum Boden und natürliche Ressourcen nicht länger als Privatbesitz behandelt werden sollten und wie Unternehmen gerechter organisiert sein könnten. Mit ideengeschichtlicher Tiefe und politischer Klarheit schlägt er einen evolutionären Weg zu einer gerechten, demokratisch verankerten und ökologisch tragfähigen Wirtschaftsordnung vor. Seine »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus« enthält eine mutige Zukunftsperspektive – und lädt auch ein zum Weiterdenken - jenseits von Marktverklärung, Staatszentralismus und autoritärem Rückzug.
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Werner Onken
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© 2025 oekom verlag, München oekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH, Goethestraße 28, 80336 München +49 89 544184 – 200
www.oekom.de
Layout und Satz: oekom verlag
Korrektur: Maike Specht
Umschlaggestaltung: Sarah Schneider, oekom verlag
Umschlagabbildung: Adobe Stock/Наталья Косаревич
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9783987264702
DOI: https://doi.org/10.14512/9783987264696
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Inhaltsverzeichnis
Hauptteil
Vorwort
Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus
Anhang::
Wider die Kapitalismuskritik von rechts
Literaturquellen und weiterführende Literatur
Über den Autor
Anmerkungen
Am Beginn der Moderne standen Hoffnungen von Philosophen des Humanismus und der Aufklärung sowie von liberalen Ökonomen auf einen Übergang von der hierarchischen Feudalgesellschaft in eine egalitäre Bürgergesellschaft mit breit gestreutem Eigentum und vielen kleinen und mittleren Unternehmen auf monopolfreien Märkten. Tatsächlich entwickelte sich die Wirtschaft im Zuge ihrer ersten »großen Transformation« (Karl Polanyi) jedoch in den Bahnen der Akkumulation und Konzentration von Kapital in wenigen privaten Händen. Die Spaltung der menschlichen Gesellschaft in wenige Reiche und viele Arme, die Geschlechterhierarchie, koloniale Expansionen, Krisen, Kriege, Abstürze von Demokratien in Diktaturen sowie Wachstum und Naturzerstörung waren die Folgen.
Bislang wird versucht, die ökonomischen, sozialen, ökologischen und politischen Krisen der kapitalistischen Marktwirtschaft realpolitisch mit mancherlei schuldenfinanzierten Rettungspaketen und sog. Sondervermögen zu mildern, ohne ihre tieferen Ursachen zu beheben. Im Schatten der großen ökonomischen Theoriengebäude von Klassik und Neoklassik einerseits und Marxismus andererseits gibt es jedoch auch noch kaum bekannt gewordene realutopische Denkansätze einer »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus«, die sich als Alternative zu den marktwirtschaftlich‐kapitalistischen und kommunistischen oder faschistischen Wirtschaftssystemen verstehen. Ihr kritischer Blick richtet sich vor allem auf zwei wichtige, aber bislang nur unzureichend wahrgenommene gesellschaftliche Problemfelder: auf das von den großen ökonomischen Theorien nur als ein neutrales Tauschmittel betrachtete Geld, das zugleich auch ein Mittel zur Ausübung von struktureller wirtschaftlicher und politischer Macht ist und das als Motor der Akkumulation und Konzentration von Geld‐ und Realkapital wirkt, und auf die zerstörerische Indienstnahme der natürlichen Lebensgrundlagen für die Akkumulation und Konzentration von Geld‐ und Realkapital. Im Mittelpunkt der Realutopie einer »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus« stehen deshalb Überlegungen, wie sich das Geld auf seine dienende Funktion beschränken ließe und wie natürliche Lebensgrundlagen als Gemeinschaftsgüter statt als Waren behandelt werden könnten. Ziel dieser Realutopie ist eine zweite »große Transformation« der kapitalistischen Marktwirtschaft in eine »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus«. In ihrem Verlauf soll die erste Moderne in eine zweite, menschenrechtlich und demokratisch fundierte Moderne mit einer breiten Dezentralisierung von Geld‐ und Sachvermögen übergehen. Dadurch sollen sich Chancen für eine egalitäre Arbeitswelt, für Geschlechtergerechtigkeit, für einen Nord‐Süd‐Ausgleich, für wirtschaftliche Stabilität ohne Wachstum und nicht zuletzt für eine Stärkung der Demokratie ergeben.
In meinem im Jahr 2022 im oekom verlag erschienenen dreibändigen Buch »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Von der Akkumulation und Konzentration in der Wirtschaft zu ihrer Dezentralisierung« habe ich diese realutopischen Denkansätze im Vergleich mit einflussreich gewordenen ökonomischen und wirtschaftssoziologischen Theorien ausführlich dargestellt. Hinweise auf offene Forschungsfragen sollten zur Weiterentwicklung dieser Denkansätze anregen. Dieses Buch wurde von zahlreichen Universitäts‐ und Staatsbibliotheken erworben; sein Gesamtumfang stand jedoch dem Interesse vonseiten einzelner Personen entgegen. Um mehr Interesse daran zu wecken, erwies sich eine Zusammenfassung als erforderlich. Hierzu gab mir Dietrich Heißenbüttel, Redaktionsmitglied der Wochenzeitung »Kontext«, den Anstoß und wertvolle Anregungen, als er mich zu einem Interview über mein Buch im »Kontext« einlud. Unser Interview erschien in der der Wochenendausgabe der Tageszeitung »taz« beigelegten Ausgabe vom 4. September 2024, und die Arbeit daran löste einen Gedankenfluss aus, der über das Interview weit hinausging. Entstanden ist so die vorliegende Zusammenfassung meines Buches »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus« in Form von 50 Fragen und Antworten. Für seine Impulse bin ich Dietrich Heißenbüttel herzlich dankbar. Alwine Schreiber‐Martens, Niklas Angebauer, Christian Gelleri und Oliver Richters haben mir hilfreiche Anregungen zur Verbesserung des ursprünglichen Manuskripts gegeben, wofür ich ihnen herzlich danke. Mein ebenso herzlicher Dank gilt Clemens Herrmann vom oekom verlag, der seinerzeit das Erscheinen meines Buches im oekom verlag ermöglicht hat und der es freundlicherweise möglich macht, dass auch die Zusammenfassung meines Buches in Form von 50 Fragen und Antworten als Taschenbuch im oekom verlag erscheinen kann. Schließlich danke ich der Lektorin Maike Specht für ihre sorgfältigen Bearbeitungen des Manuskripts.
Zwischen dem Erscheinen meines Buches und seiner Zusammenfassung in 50 Fragen und Antworten liegen drei Jahre, in denen die vom Rechtsextremismus ausgehenden Gefahren für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nochmals größer geworden sind. Darum ist es mir ein Anliegen, deutlich zu machen, dass sich die Realutopie einer »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus« auch als ein Beitrag zur Zurückdrängung des Rechtsextremismus versteht. Das kommt in den vorliegenden 50 Fragen und Antworten mehrfach zum Ausdruck. Und in Anknüpfung an die in meinem Buch enthaltenen kritischen Auseinandersetzungen mit den wirtschaftspolitischen Auffassungen innerhalb der NS‑Ideologie und der Programmatik der Alternative für Deutschland (AfD) füge ich den 50 Fragen und Antworten noch eine kritische Auseinandersetzung mit der »Kapitalismuskritik von rechts« als Anhang bei. Denn es erscheint mir unerlässlich, im Zusammenhang mit dem Nachdenken über zukunftsfähige Strukturen des Wirtschaftens auch dem weltweit zu beobachtenden Rechtsruck argumentativ entgegenzutreten und ihn wirksam zurückzudrängen.
Oldenburg, im Frühjahr 2025
Werner Onken
In der alltäglichen Realpolitik wird das Bemühen um gemeinwohlorientierte Entscheidungen fortwährend durch die Macht von Interessengruppen untergraben. Seitdem auch die Sozialdemokratie und die Grünen den neoliberal globalisierten Kapitalismus mittragen, sind ihre ursprünglichen Ideale so sehr verblasst, dass sie kaum noch Überzeugungs‐ und Anziehungskräfte haben. Stattdessen erhalten vielerorts rechtspopulistische und rechtsextremistische Parteien enormen Zulauf. Zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme können sie jedoch nichts beitragen, sondern diese nur noch verschärfen.
Mit dem Kapitalismus sind von Beginn an soziale und ökologische Krisen einhergegangen. In den letzten Jahren haben sie sich nochmals dramatisch verschärft. Zudem stellte die Coronapandemie die Gesellschaft vor eine Zerreißprobe. Zum Krieg im Jemen kamen noch Kriege in der Ukraine, im Sudan und in Gaza hinzu. Unterbrechungen globaler Lieferketten führten zeitweise zu einem Anstieg der Inflation. Die Schere zwischen Reichtum und Armut öffnet sich immer weiter, und über allem schwebt als Damoklesschwert die Erdüberhitzung. Alle Krisen zusammen stellen einen enormen Stresstest für die Gesellschaft dar. Zusätzlich wird er noch durch Fake News befeuert, die über soziale Medien verbreitet werden. Der weltweite Vormarsch von rechtsextremen Ideologien und autoritären Regierungsformen ist ein Gradmesser dafür, wie viel Vertrauen die etablierten politischen Kräfte während der letzten Jahrzehnte schon verloren haben. Und die letzten Wahlen in der EU und in einzelnen europäischen Ländern sowie in den USA zeigen in aller Deutlichkeit, wie stark Rechtsstaatlichkeit und Demokratie mittlerweile durch den weltweit vernetzten und immer aggressiver auftretenden Rechtsextremismus gefährdet sind und in die falsche Richtung einer sog. illiberalen Demokratie abgedrängt werden. Wie gegen Ende der Weimarer Republik profitiert der Rechtsextremismus auch gegenwärtig vom Vertrauensverlust der bürgerlichen Parteien. Damals wie heute fehlt/e ihnen der politische Wille, die demokratische Mitte der bürgerlichen Gesellschaft durch einen Abbau der sozialen Ungleichheit zu stärken und damit den linken und besonders den rechten Rändern des politischen Spektrums ihren Nährboden zu entziehen. Gewiss unterscheidet sich die heutige Lage in mehrfacher Hinsicht von der damaligen Lage – auch dadurch, dass der Kommunismus passé ist und dass es nicht mehr um die Frage geht, ob die von Krisen geschüttelte bürgerlich‐kapitalistische Gesellschaft nach links in einen kommunistischen Totalitarismus oder nach rechts in einen faschistischen Totalitarismus abstürzen könnte. Und ein Umkippen nach rechts ist auch keineswegs nur mehr in der Form eines Übergangs zu einem faschistischen Staat möglich. Im Schulterschluss mit libertären Kräften könnte der Rechtsextremismus auch die Institutionen von demokratischen Rechtsstaaten schleifen und den ohnehin schon überdimensionierten Tech‐Giganten zur völligen Entfesselung ihrer privatwirtschaftlichen Macht verhelfen. So oder so stellt sich knapp 100 Jahre nach 1933 die bange Frage, ob sich der Rechtsextremismus als eine nur noch schwer aufzuhaltende Lawine erweisen könnte.
Der Rechtsphilosoph und Verfassungsrechtler Ernst‐Wolfgang Böckenförde hat einmal zu Recht gesagt, dass Rechtsstaatlichkeit und Demokratie von Voraussetzungen abhängen, die sie selbst nicht schaffen können. Sie brauchen ein stabiles wirtschaftliches Fundament. Bislang verwaltet die Politik aber nur den instabilen, ungerechten, unfriedlichen und umweltzerstörerischen Status quo. Mit öffentlichen Geldern rettet sie Großunternehmen, obwohl sie fragwürdige Produkte wie beispielsweise SUVs, Kreuzfahrtschiffe usw. herstellen – weil es sonst zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit käme. Damit diese bloß pragmatische Wirtschaftspolitik nicht noch weiter in soziale, ökonomische und ökologische Krisen führt und damit diese Krisen nicht noch weiter zum Nährboden für den Rechtsextremismus werden, ist als Ergänzung zur Realpolitik der Entwurf einer »Marktwirtschaft ohne Kapitalismus« als Realutopie notwendig, die fest in Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Weltoffenheit verankert ist und die über die pragmatische Realpolitik hinausweisende Orientierungen gibt. Ohne ein schrittweises Streben nach einem solchen Fernziel besteht die Gefahr, dass sich Rechtsstaatlichkeit und Demokratie parallel zu den wirtschaftlichen Aufschwungs‐ und Krisenzyklen weiter in einem Teufelskreis drehen, in dem sie abwechselnd von wirtschaftlicher Macht beschädigt werden und früher oder später in autoritäre Herrschaftsformen abgleiten – solange die sich verschärfenden ökologischen Krisen noch die Zeit für diese längeren Konjunkturzyklen lassen.
Die Philosophen von Humanismus und Aufklärung und die Ökonomen des klassischen Liberalismus wollten vor rund 250 Jahren die hierarchische Feudalgesellschaft überwinden und den Weg in eine egalitär‐herrschaftsfreie, republikanische und demokratische Bürger‐ und Marktgesellschaft bereiten. An die Stelle der Bevormundung und Ausbeutung der Gesellschaft durch den Adel und die Kirchen sollten die politische Freiheit und wirtschaftliche Selbstständigkeit der Menschen treten, und die Wirtschaft sollte sich fortan auf freien Märkten dezentral und selbsttätig organisieren. Jedoch entwickelte sich im Gegensatz zum Leitmotiv der Französischen Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« (besser hätte es »Solidarität« geheißen) statt eines homogenen, aus gleichermaßen freien und gleichen Bürgern bestehenden »Dritten Standes« eine neue bürgerlich‐kapitalistische Form einer hierarchisch geschichteten Gesellschaft. An ihrer Spitze stand die Großbourgeoisie, die über kleinbürgerliche Mittelschichten und über das lohnabhängige Proletariat herrschte. Seit dem Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus galten Marktwirtschaft und Kapitalismus als synonyme Bezeichnungen für die moderne Wirtschaft, in der sowohl die Arbeiterschaft als auch die Natur ausgebeutet wurden. Entweder wurde sie vonseiten des frühen und späteren Liberalismus unter Verdrängung ihrer dunklen Seiten als beste aller denkbaren Welten gerechtfertigt, oder sie wurde wegen ihrer Schattenseiten pauschal verurteilt – von Verfechtern des Kommunismus ebenso wie von Verfechtern des Faschismus und des Nationalsozialismus sowie neuerer Fundamentalismen. Marktwirtschaft und Kapitalismus sind aber keineswegs dasselbe. Es sollte genau zwischen dem Idealtyp einer von jeglichen Monopolen freien Marktwirtschaft und der real existierenden, von kapitalistischen Monopolen beherrschten Marktwirtschaft unterschieden werden. Nicht die dezentrale Selbstorganisation von Wirtschaft und Gesellschaft durch Markt und Wettbewerb als solche war der Ursprung der Fehlentwicklung der Marktwirtschaft zum Kapitalismus, sondern die Beschränkung von Markt und Wettbewerb durch monopolistische Privilegien‐ und Machtstrukturen. Im frühen Laisser‐faire‐Kapitalismus fehlte eine rechtsstaatliche Rahmenordnung, die die ›naturwüchsig‹ zu geltendem ›Recht‹ gewordenen Privilegien‐ und Machtstrukturen hätte beseitigen müssen. Ohne den Unterschied zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus zu beachten, wurde der Liberalismus von Anfang an als Feigenblatt für kapitalistische Machtinteressen missbraucht, und seine unheilige Allianz mit dem Kapitalismus führte immer wieder in Sackgassen anti‐ bzw. postliberaler, antidemokratischer und letztlich antimoderner Gegenbewegungen.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, ohne eigene Leistungen zu Einkommen zu gelangen und dadurch Vermögen zu akkumulieren und zu konzentrieren. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Geld. Es ist keineswegs nur ein harmloses neutrales Tauschmittel, für das die Standardökonomie es seit ihren klassischen Anfängen hält. Ihm wohnt auch eine strukturelle Macht über die Menschen und Märkte inne, und es hat eine geradezu magnetische Kraft, Geld‐ und Realkapital zu akkumulieren und zu konzentrieren – nicht nur in produzierenden Großunternehmen, sondern auch in großen Banken und in Investment‐ und Fondsgesellschaften sowie in großen Handels‑, Dienstleistungs‐ und Internetunternehmen. Als hybrides Gebilde trägt das Geld also ein Janusgesicht und überträgt seinen widersprüchlichen Doppelcharakter auch auf alle finanz‐ und realwirtschaftlichen Institutionen und Vorgänge. Einerseits ermöglicht es, was Adam Smith, David Ricardo und die gesamte klassische Ökonomie hervorhoben, eine hochgradig ausdifferenzierte, tendenziell in sich geordnete arbeitsteilige Gesellschaft – andererseits bringt es, was die Klassiker und später auch die Neoklassiker nicht erkannten, das komplexe Sozialgefüge durcheinander und stürzt es im Extremfall sogar ins Chaos. In diesem Punkt war übrigens der antike Philosoph Aristoteles schon klüger als die moderne klassische und neoklassische Ökonomie. Während er einerseits noch die antike Sklavenhaltergesellschaft rechtfertigte, unterschied er nämlich in seiner »Politeia« andererseits schon zwischen einer »Hausverwaltungskunst« mit einem Geld als bloßem Tauschmittel (das griechische Wort »oikos« bedeutet »das Haus« und ist die Sprachwurzel von »Ökonomie«) und einer »Chrematistik«, in der das Geld vom Mittel zum Zweck der Vermehrung von Geld und Reichtum wurde. In der Realität waren beide Formen des Erwerbs Aristoteles zufolge miteinander vermischt, und die Chrematistik habe das Tor zum Streben geöffnet, auf Kosten von Mitmenschen immer mehr Geld und Reichtum haben zu wollen. Im Gegensatz dazu sollten alle Bürger nur eine »Hausverwaltungskunst« ausüben und ein Vermögen von »mittlerer Größe« haben.
