Grünkohl und Curry - Hasnain Kazim - E-Book

Grünkohl und Curry E-Book

Hasnain Kazim

0,0
13,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In frischer Ausstattung und mit neuem Nachwort: Hasnain Kazims Familiengeschichte jetzt bei Penguin!

Auf dem Dachboden seiner Eltern findet Hasnain Kazim, Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer, eine Kiste mit Papieren, die ein Tor zu seiner Vergangenheit öffnen: Dokumente, die belegen, dass seine Familie in den 80er-Jahren mehrmals kurz davor stand, aus Deutschland ausgewiesen zu werden. Kazim geht dieser Familiengeschichte nach, erzählt, wie seine Eltern nach Deutschland kamen und warum sie ausgerechnet in einem Dorf bei Hamburg, das alles andere als ihr Traumziel war, ihre neue Bleibe fanden.

Den Schikanen der Ausländerbehörden steht die Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner gegenüber. Was im täglichen Leben rasch gelingt – die Integration –, wird erst nach 16 Jahren offiziell: Die Familie erhält die deutsche Staatsbürgerschaft.

Es ist ein Bogen von Dorf zu Dorf, von Lakhimpur am Fuße des Himalaya nach Hollern-Twielenfleth im Alten Land. Und es ist eine Geschichte von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten, von Ausdauer, Liebe und Freundschaft.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Auf dem Dachboden seiner Eltern findet Hasnain Kazim, Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer, eine Kiste mit Papieren, die ein Tor zu seiner Vergangenheit öffnen: Mehrmals stand seine Familie in den achtziger Jahren kurz vor der Ausweisung. Kazim geht dieser Familiengeschichte nach. Er erzählt, wie seine Eltern nach Deutschland kamen und warum sie ausgerechnet in einem Dorf bei Hamburg ihre neue Bleibe fanden – nämlich dank der unermüdlichen Unterstützung ihrer neuen Nachbarn. Eine berührende Geschichte von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten, von Bangen, Ausdauer, Zusammenhalt und Freundschaft.

Hasnain Kazim wuchs im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, auf und verbrachte als Kind ein Jahr in Karatschi, Pakistan. Als Journalist berichtete er unter anderem für die dpa aus Delhi und für den SPIEGEL aus Islamabad, Istanbul und Wien. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem »CNN Journalist Award« ausgezeichnet. Er lebt als freier Autor nach wie vor in der österreichischen Hauptstadt und hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem Plötzlich Pakistan und Krisenstaat Türkei. Post von Karlheinz, das seine Dialoge mit wütenden Leserinnen und Lesern versammelt, stand viele Wochen auf der Bestsellerliste, ebenso Auf sie mit Gebrüll!, eine Anleitung zum richtigen Streiten. Es folgten die Satireschrift Mein Kalifat und das dazugehörige Mein Kalifats-Kochbuch. Zuletzt erschienen Deutschlandtour und Der Islam und ich.

Außerdem von Hasnain Kazim lieferbar:

Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte

Auf sie mit Gebrüll! … und mit guten Argumenten

Mein Kalifat. Ein geheimes Tagebuch, wie ich das Abendland islamisierte und die Deutschen zu besseren Menschen machte

Mein Kalifats-Kochbuch. Weisheiten & Rezepte: Von Arbeitercurry bis Zwiebelmett – der Kalif bittet zu Tisch

Plötzlich Pakistan. Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt

Deutschlandtour. Auf der Suche nach dem, was unser Land zusammenhält – Ein politischer Reisebericht

Der Islam und ich. Was mich meine Familie, meine norddeutsche Heimat und mein Leben in muslimischen Ländern über den Islam gelehrt haben

www.penguin-verlag.de

HASNAIN KAZIM

GRÜNKOHL UND CURRY

Die Geschichte einer Einwanderung

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Grünkohl und Curry im Deutschen Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, 2009, eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe bei Verlag Friedrich Schaumburg, Stade 2014.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b Urh G ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2026 der aktualisierten Neuausgabe by Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright © 2009 der Originalausgabe by dtv GmbH & Co. KG, München, und © 2014 der überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe bei Verlag Friedrich Schaumburg, Stade

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Fotos: Hasnain Kazim

Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur gsk GmbH

Umschlagabbildungen: © Alamy/Jean, travelstock44; Hasnain Kazim;

Shutterstock/Akaiser, rio2009, Wallpaper M

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-34147-3V001

www.penguin-verlag.de

Prolog

Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln

Meine Eltern haben sich für Deutschland entschieden. Als Kind habe ich gedacht: Schweden wäre besser gewesen. Pippi Langstrumpf kommt von dort, ich wäre gerne in der Nähe der »Villa Kunterbunt« aufgewachsen. Außerdem gibt es viele Wälder und hübsche Seen, auf denen man Boot fahren kann. Oder Frankreich, wo das Essen so gut ist und die Sprache so elegant. Von mir aus Italien oder Spanien, immer Sonne und möglichst das Meer in der Nähe. Japan fand ich auch irgendwie cool.

Warum ausgerechnet Deutschland, mit dem meine Eltern genauso wenig verband wie mit Schweden, Frankreich, Italien, Spanien oder Japan? Warum nicht England, Kanada oder die USA, wo immerhin Verwandte von uns leben und ein Neuanfang leichter gewesen wäre? Großbritannien hat als ehemalige Kolonialmacht gegenüber Pakistanern und Indern eine gewisse Verantwortung, und die beiden anderen Staaten sind Einwanderungsländer. Warum Deutschland, wo alles erheblich komplizierter für sie war, allein schon wegen der schwierigen Sprache?

Es ist wohl auch das, was man – ein großes Wort – Schicksal nennt, das meine Eltern in ein norddeutsches Dorf geführt hat.

»Ihr habt das Glück, hier aufgewachsen zu sein«, sagt meine Mutter hin und wieder zu meiner Schwester und mir.

Sie schätzt an ihrer selbst gewählten Heimat all das, was man Deutschland jenseits seiner Grenzen nachsagt: Das Land ist sauber und gepflegt. Die Menschen sind fleißig und ordentlich, modern, dennoch traditionsbewusst. Qualität ist ihnen wichtig. Sie haben viele Freiheiten und Chancen. Religion ist Privatsache, jedenfalls für die meisten. »Außerdem kommen von hier die besten Autos der Welt«, sagt sie, obwohl sie sich für Autos gar nicht interessiert. All diese Klischees, findet sie, treffen im Großen und Ganzen zu.

Wenn man so will, ist Deutschland der Gegenentwurf zu Pakistan, der alten Heimat meiner Mutter.

Mein Vater sieht das ähnlich, auch wenn bei ihm damit kein so kritisches Verhältnis zu Pakistan und Indien, seinem Geburtsland, verbunden ist wie bei meiner Mutter. Ich glaube, meine Eltern sind das, was manche »gute Deutsche« nennen.

Kürzlich war ich wieder in Hollern-Twielenfleth, jenem Dorf im Alten Land, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Ich bin durch die vielen Obstgärten spaziert, bin an die Elbe gefahren und habe über den Deich geschaut, auf die Schiffe, die je nach Richtung nur noch wenige Stunden von Hamburg trennen oder viele Tage vom anderen Ende der Welt. Ich habe Menschen getroffen, die mir als Kind Bonbons geschenkt haben und mich jetzt, Jahre später, sofort wiedererkannten.

»Schön, dich wiederzusehen.«

Oder: »Ach, bist du auch mal wieder im Lande!«

»Na, mien Jung, wo geiht di dat?«, fragte ein Mann, der in seinem Garten arbeitete. Seine Haare waren inzwischen grau, sein Rücken gekrümmt, insgesamt wirkte er viel kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte. In dem Moment hätte ich ihn wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er mich auf Plattdeutsch ansprach, umarmen können: Du bist einer von uns. Du verstehst mich.

Was weiß er von der Vergangenheit meiner Eltern? Was weiß überhaupt jemand in Hollern-Twielenfleth von uns?

Ich versuche zu verstehen, weshalb meine Eltern um keinen Preis wieder weg wollten. Weshalb sie viele Jahre Streitereien mit Behörden auf sich nahmen, ertrugen, dass sie oft vor einer Ausweisung standen, jahrelang kämpften, Niederlagen vor Gericht einsteckten. Und weshalb sie sich all die Debatten, die hier über Ausländer geführt werden, anhörten, obwohl sie oft unerträglich sind, weil sie von griesgrämigen Menschen, die überhaupt keinen Grund zum Jammern haben, auf Stammtischniveau geführt werden und von Politikern, die auf diese Weise Stimmen jagen. Debatten, an denen sich diejenigen, die es betrifft, viel zu selten beteiligen. In Deutschland haben Ausländer nur eine schwache Stimme. Wenn sie sie erheben, will sie keiner hören. Oder sie werden von seltsamen (religiösen) Verbänden vertreten, die meist ein einseitiges und verzerrtes, sogar radikales Bild wiedergeben, und man wünscht sich: Hätten sie mal besser nichts gesagt.

Fremde wurden jahrelang als »Gastarbeiter« willkommen geheißen – ein unhöfliches Wort, seit wann lässt man Gäste arbeiten? –, dann wieder beschimpft, sie würden das deutsche Sozialsystem ausnutzen. Mal gelten sie als Flüchtlinge, denen man unbedingt helfen muss, dann als lästige Asylanten, denen es nur ums Geld geht und die kriminell sind. Ihnen wird vorgeworfen, sie nähmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg, dann sollen sie, bitte, bitte, als Computerfachleute möglichst zahlreich hierherziehen. Von Überfremdung ist die Rede, aber auch von dringend nötiger Zuwanderung wegen der alternden Bevölkerung. Je nach Stimmung und politischem Lager ist »Multikulti« ein wegweisendes oder ein gescheitertes Gesellschaftsmodell. Und gerade in Zeiten, in denen einige Menschen meinen, im Namen des Islam töten zu müssen, haben hier gleich alle Muslime (und Leute, die dafür gehalten werden) einen schweren Stand. Jeder hat eine Meinung, aber was sagen die Ausländer selbst?

Ich habe meine Eltern gefragt: Warum wolltet ihr nach Deutschland? Warum der Abschied von Pakistan kurz nach eurer Hochzeit 1974, von der Kultur, die ihr von Kindheit an kanntet, von einem Umfeld, in dem es euch gut ging? Warum all die Bemühungen um ein Leben in Deutschland, warum der Versuch, sich in eine völlig neue Kultur einzufinden? Und wie war das damals eigentlich, als wir kurz vor der Abschiebung standen? Als Freunde Unterschriften sammelten, damit wir bleiben durften? Als unser Hausarzt Atteste schrieb, wonach wir aus gesundheitlichen Gründen nicht ausgewiesen werden sollten und uns angeblich sogar psychische Störungen und Lebensgefahr drohten, sollten wir Deutschland dauerhaft verlassen müssen?

Meine Eltern schauten mich an, als wollte ein Kind etwas wissen, für das es eigentlich noch zu klein ist.

»Warum fragst du?«, erkundigte sich meine Mutter.

Da wollte ich so viele Dinge wissen – und war nicht darauf gefasst, selbst gefragt zu werden.

»Ach, na ja, wie soll ich sagen …«

Ich wusste nicht, wie sie auf meine Antwort reagieren würden. Aber was soll’s, irgendwann musste ich ja raus mit der Sprache. Also erzählte ich ihnen von meiner Idee. Davon, dass Freunde regelmäßig staunten, wenn ich von meiner Familie und vom Weg meiner Eltern erzählte. Und davon, dass ich dann jedes Mal hörte: Warum schreibst du das nicht auf? So, als ob Journalisten immer alles aufschreiben würden, selbst ihre privaten Dinge. Aber warum eigentlich nicht?

Meinen Eltern gefiel die Idee. Sie sagten es zwar nicht sofort, vielleicht mussten sie sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Sohn in ihrer Vergangenheit wühlen und sie für jedermann zugänglich machen wollte; zudem waren eine Menge unangenehmer Erinnerungen damit verbunden. Aber ihre Geschichte war es wert, erzählt zu werden. Das fanden auch meine Eltern. Sie stimmten zu.

Ich begann also im Herbst 2006 mit der Recherche. Im Laufe der Zeit fand ich mehr, als ich erhofft hatte. Vieles davon hörte und las ich als Anfang Dreißigjähriger zum ersten Mal. Auch sehr seltsame Dinge. Am Ende hat diese Geschichte mich verändert.

»Wir haben auf dem Dachboden noch einen Karton mit Papierkram«, sagte mein Vater. »Da ist ein Ordner, in dem steht alles.« In einer verstaubten Bücherkiste mit der Aufschrift »Papiere« lag sie, unsere deutsche Familienvergangenheit: drei Jahrzehnte in einer einzigen Kiste. Darin stapelten sich alte Rechnungen und irgendwelche Korrespondenz, die mein Vater, aus welchen Gründen auch immer, aufbewahren wollte. Ganz unten lag ein blauer Ordner. »Kazim« hatte mein Vater den Familiennamen auf den Rücken geschrieben.

Ich kramte das schwere Papierbündel heraus und begann, darin zu blättern. Briefe, Gutachten, Unterschriftenlisten, Petitionen, Gerichtsurteile, Anwaltsnotizen. Während ich die zum Teil vergilbten Papiere überflog, wurde mir klar, was meine Eltern durchgemacht, welchen Mut sie gehabt hatten: als junge Menschen aus Abenteuerlust und Neugier ihre vertraute Umgebung zu verlassen, in ein fremdes Land zu gehen und dort auf massiven Widerstand der Behörden zu stoßen. Ihr Weg hat meinem Leben die Richtung vorgegeben, einem Leben in zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Schließlich fand ich ein Schreiben des Landkreises Stade aus dem Jahr 1990, den Brief, der alles änderte.

Die Erinnerung kam wieder.

Am 12. November 1990, einem Montag, kam ich verschwitzt von der Schule nach Hause, auf dem gut sieben Kilometer langen Weg von Stade nach Hollern-Twielenfleth hatte ich aus meinem neuen Fahrrad alles herausgeholt. Im nächsten Sommer sollte ich in die elfte Klasse kommen, von da an wurden die Busfahrten kostenpflichtig, weil die Schulpflicht endete. Meine Eltern hatten angeboten, mir statt einer Jahresfahrkarte ein Rad zu kaufen. Ich war sofort dafür – ein Fahrrad war ein wertvollerer Besitz als eine Busfahrkarte, quasi für die Ewigkeit statt nur für ein Jahr, dabei vergleichbar im Preis.

Im Briefschlitz neben der hölzernen Haustür hing ein grauer Umschlag, wie ihn nur Behörden verwenden.

Zu Hause war niemand. Meine Schwester hatte noch Unterricht, meine Mutter war im Büro, wo sie in der Buchhaltung einer Baustoffhandlung als bald Vierzigjährige eine Ausbildung zur Kauffrau absolvierte, und mein Vater, wie so oft, auf See. Er fuhr zu der Zeit als Kapitän auf Großer Fahrt und kannte fast jedes Land der Erde – zumindest jedes, das eine Küste hatte. Ich nahm also den Umschlag, der vom Landkreis Stade an meine Eltern adressiert war, und warf ihn auf die dunkle, mit Schnitzereien verzierte Holztruhe im Flur. Wie immer hatte meine Mutter das Mittagessen schon am Abend zuvor vorbereitet, doch es lockte mich nicht. Irgendetwas sagte mir: Öffne den Brief, das ist heute eine Ausnahme, etwas ganz Besonderes, das keinen Aufschub duldet, etwas, was auch dich und dein Leben betrifft! Nun mach ihn schon auf, schau rein und ruf sofort deine Mutter an, wenn es ist, was du denkst. Wenn nicht, hast du noch genug Zeit bis zum Abend, dir eine gute Entschuldigung einfallen zu lassen, warum du einen Brief geöffnet hast, der nicht an dich gerichtet ist.

Der Brieföffner, ein kleines Schwert, das mein Vater von einer Reise nach Dubai mitgebracht hatte, glitt mit einem Rutsch durch das Papier. Jetzt war der Umschlag geöffnet – zu spät für ein Zurück.

Der Empfänger war handschriftlich in ordentlicher Blockschrift in das Adressfeld eingetragen worden: »Eheleute Nasreen und Hasan KAZIM«. Der Absender stand unübersehbar in dicken Lettern im Briefkopf: »Landkreis Stade, der Oberkreisdirektor«, dazwischen das Stader Wappen, ein Leuchtturm, ein Schlüssel und das Pferd, das auch Niedersachsen im Wappen führt. Ich zog den auf den 9. November 1990 datierten Brief – exakt ein Jahr nach dem Mauerfall und gut einen Monat nach der Wiedervereinigung Deutschlands – vorsichtig aus dem Umschlag und las ihn aufmerksam durch.

Jetzt war es also entschieden. Und nun?

Ich hatte mir diesen Moment immer ganz anders vorgestellt. Dramatischer. Spektakulärer. Nicht so banal. Jetzt kam er mir so alltäglich vor. Dabei bedeutete dieser Brief etwas, worauf wir viele Jahre lang gehofft hatten: das Ende eines langen, sorgenvollen Wegs.

Spielen am Fuße des Himalaya

Zum fünfundsechzigsten Geburtstag meines Vaters unternahmen wir beide eine Reise in seine Vergangenheit. Er hatte gelegentlich davon gesprochen, dass er gerne mal wieder nach Lakhimpur reisen würde, in die Stadt – »Ich glaube, es war eher ein Dorf« – im Nordosten Indiens, in der er geboren wurde. Öfter war der Name Lucknow gefallen, eine Stadt gut hundert Kilometer südlich, wohin seine Familie kurz nach seiner Geburt gezogen war und wo er die ersten sechs Jahre seiner unbeschwerten Kindheit verbracht hatte. Sechs Jahrzehnte waren inzwischen vergangen, Zeit, in der mein Vater diese Orte nicht mehr gesehen hatte.

Mir war klar geworden: Um den ungewöhnlichen Lebensweg meiner Eltern nachzeichnen zu können, würde es nicht ausreichen, nur mit ihnen zu reden, in Akten zu wühlen und mit ein paar Freunden in Deutschland zu sprechen. Meine Mutter und mein Vater hatten inzwischen zwar deutlich mehr als die Hälfte ihres Lebens in Deutschland verbracht, aber man konnte nicht ignorieren, dass sie woanders geprägt worden waren.

»Lass uns nach Indien reisen«, schlug ich meinem Vater also vor, »lass uns die Verwandten besuchen, all diejenigen, die nach der Gründung des Staates Pakistan 1947 in Indien geblieben sind und nicht – wie deine Familie – ihr Glück in Pakistan gesucht haben.«

Mein Vater willigte sofort ein und meinte, als Rentner könnte er jederzeit fliegen. Wir einigten uns auf März 2007 – im Frühjahr, nach der Hochzeitssaison, würde es wieder günstige Tickets geben. In Südasien wird am liebsten im Winter geheiratet, in den anderen Jahreszeiten ist es einfach unerträglich heiß. Tausende von Indern aus aller Welt fliegen dann in die Heimat und treiben damit die Flugpreise in die Höhe.

Und so saßen mein Vater und ich am ersten Märztag in einer voll besetzten alten Air-India-Maschine nach Neu-Delhi. Ich war sehr gespannt – auf die unbekannten Verwandten, auf die Kindheitsorte meines Vaters, aber vor allem auf meinen Vater selbst. Als Kapitän auf Handelsschiffen hatte er nie viel Zeit zu Hause verbracht. So war unser Verhältnis immer ein gutes gewesen, schließlich mischte er sich, wann immer er zu Hause war, nicht in die Erziehung ein – die war Sache meiner Mutter.

»Was uns wohl erwartet?«, fragte ich ihn.

»Keine Ahnung.«

»Kannst du dich noch an deine Verwandtschaft erinnern, die in Indien geblieben ist?«

Mein Vater schüttelte den Kopf. Er wollte gerade etwas dazu sagen, als zwei betrunkene Inder durch den Gang torkelten und sich grölend nur zwei Sitze neben uns auf die letzten freien Plätze setzten. Sofort begannen sie, Passagiere zu belästigen, sie terrorisierten die Stewardessen, machten anzügliche Bemerkungen.

»Und mit denen sollen wir es jetzt die nächsten Stunden aushalten?«, fragte mich mein Vater leise.

»Ich hoffe nicht. Vielleicht schlafen sie ja gleich ein. Oder jemand schmeißt sie aus dem Flugzeug.«

Einer der beiden hörte mich. »He, du! Warte, bis wir in Neu-Delhi sind, da mach ich dich fertig!«, rief er auf Hindi. Ich tat so, als würde ich ihn nicht verstehen. Er wiederholte seine Drohung auf Deutsch.

Die Crew war ratlos. Die Flugbegleiter begannen zu diskutieren und baten den Piloten, noch nicht zu starten. So saßen wir da und hatten schon in Frankfurt indisches Flair um uns herum. Es wurde hin und her diskutiert, niemand von der Besatzung fühlte sich so richtig verantwortlich. Manche Passagiere verlangten, dass die beiden sofort das Flugzeug verlassen müssten, vor allem eine Italienerin, die neben den Männern saß und die Beleidigungen nicht mehr ertragen wollte. Ein paar Männer aus dem indischen Bundesstaat Punjab setzten sich für die beiden Männer aus ihrer Heimatregion ein, obwohl sie sie nicht persönlich kannten.

»Das sind nur harmlose Betrunkene, die tun doch nichts«, sagte einer. Er tauschte seinen Sitzplatz mit der Italienerin.

Die Maschine begann zur Startbahn zu rollen.

Die beiden Rüpel wurden immer unverschämter. Sie gaben derbe Flüche auf Hindi zum Besten. Mir fiel wieder auf, wie gut es sich in dieser Sprache schimpfen lässt.

Als eine Stewardess zu weinen anfing, weil einer der Betrunkenen ihr an die Brust gefasst und sie als Hure beschimpft hatte, mischten sich noch mehr Passagiere in die Debatte ein. Jetzt wurde es dem Piloten, der den Jumbo-Jet gerade zur Startbahn lenkte, zu viel. Er stoppte das Flugzeug, und ein paar Minuten später stürmten sechs Polizisten die Maschine. Die beiden Rüpel gaben sich plötzlich ganz brav, weigerten sich aber, das Flugzeug freiwillig zu verlassen. Die Beamten zerrten sie aus den Sitzen und trugen sie nach draußen.

»Gott sei Dank«, meinte mein Vater.

Bis das Gepäck der beiden Männer ausgeladen war, dauerte es. Mit vier Stunden Verspätung begann unsere Reise.

Der Vorfall mit den Betrunkenen und die Warterei hatten uns müde gemacht. Schlafen konnten wir aber nicht, dazu waren wir viel zu aufgeregt. Mein Vater saß da, guckte aus dem Fenster und war in Gedanken versunken.

Woran er wohl dachte? Würde er in Indien von nostalgischen Gefühlen überwältigt werden? Von der Erkenntnis: Das also hätte meine Heimat sein können, das ist der Preis, den meine Eltern für ein Leben im neuen Staat Pakistan bezahlt haben? Hat es am Ende Sinn gehabt, Verwandte zurückzulassen, die Familie zu spalten?

Kaum hatte das Flugzeug in Richtung Neu-Delhi abgehoben, holte mein Vater sein Notizbuch aus der Tasche, das er sich für diese Reise zugelegt hatte. Er begann, den Grundriss des Hauses in Lucknow aufzuzeichnen, in dem er seine Kindheit verbracht hatte.

Er malte ein großes Viereck und in der Mitte ein Quadrat. So also hatte er das Haus in Erinnerung, das er 1947 zum letzten Mal gesehen hatte: ein riesiges, weiß getünchtes Gebäude mit einem großzügigen Innenhof. Ein Haus, das seine Urgroßeltern 1901 gekauft hatten. Es lag mitten in Lucknow, der heutigen Hauptstadt des größten indischen Bundesstaates Uttar Pradesh im Norden des Landes, damals das Zentrum der urdusprachigen Poesie und, selbst Jahrhunderte nach dem Ende der Mogulherrschaft, des höfischen Lebensstils. Die gesamte Großfamilie mitsamt Dienerschaft fand in dem Gebäude Platz – Köche, Küchenhilfen, Gärtner, Reinigungspersonal.

»Durch ein großes Tor, den Haupteingang, kam man in den Innenhof und von dort zu allen Teilen der Anlage.«

In eine Ecke des Hofs zeichnete er einen Brunnen, daneben einen Baum. »Von dort holten wir das Wasser, das wir für den Haushalt benötigten. Fließend Wasser gab’s damals noch nicht.«

Er wühlte in seiner Erinnerung, erzählte von der Umgebung, den Straßen und Gässchen, den Händlern und den vielen Kindern in der Nachbarschaft.

Heute leben seine Cousinen – vier Schwestern – und deren Familien in dem Haus. Mein Vater würde all diesen Verwandten in wenigen Tagen zum ersten Mal persönlich gegenüberstehen. Eine fünfte Schwester kannte er dagegen sehr gut, als Einzige aus dieser Familie war sie nach Pakistan ausgewandert, wo sie sich bessere Chancen als Kunstlehrerin erhoffte; sie kam damals bei den Eltern meines Vaters unter und lebte dort wie eine eigene Tochter.

Das Anwesen in Lucknow trug den Namen Afzal Mahal – der »Afzal-Palast«. Jeder in Lucknow kannte das Gebäude in der Straße Nakhas, die die Briten in Victoria Street umbenannt hatten, jenes Gebäude, das im ausgehenden 19. Jahrhundert erbaut worden war und einer wohlhabenden Familie gehörte – der Familie meiner Großmutter Afsar Begum.

Noch heute sorgt der Name Afzal Mahal unter schiitischen Einwohnern Lucknows für Respekt: In dem Haus befindet sich eine kleine Moschee für die Bewohner und ein Imambara, ein Schrein zu Ehren der Märtyrer Imam Ali und Imam Husain, Nachfahren des Propheten Mohammed, die von Schiiten als Heilige verehrt werden.

Denn daran sollte es nach dem Willen der Bewohner keinen Zweifel geben: Hier lebte eine schiitische Familie, keine sunnitische. So wurde es von Generation zu Generation weitergegeben. Sunniten leben in Lucknow in ihren eigenen Vierteln, und Zusammenstöße zwischen ihnen und Schiiten sind in Lucknow sehr viel häufiger als zwischen Hindus und Muslimen.

Wie alle indischen Häuser hat das Afzal Mahal ein Flachdach. Von hier aus ließen die Jungen ihre Papierdrachen, die Patangs, steigen. Zuvor hatten sie die Leinen durch Leim und pulverisiertes Glas gezogen. Jetzt waren sie scharf genug, um die Leinen anderer Drachen durchtrennen zu können. Der Sieger dieses traditionellen Wettbewerbs, den es überall in Südasien gibt, hatte zwar blutige Hände, dafür aber die Anerkennung der älteren Jungen – und vor allem der Väter, die häufig mit ihren Freunden Geld auf den Sieg ihrer Söhne setzten. Gewinner war, wer als Letzter mit seinem Drachen am Himmel übrig blieb. Die von den Leinen zerschnittenen Hände, erzählte mein Vater, gehörten zum Wettkampf dazu. Narben waren Zeichen besonderen Mutes.

Afsar Begum, die Mutter meines Vaters, war Spross islamischer Adliger, die sich zu Ehren der Religion Extravaganzen wie die Moschee und den Schrein im eigenen Haus leisteten. Sie war im Afzal Mahal geboren, vermutlich irgendwann im Jahr 1909. Genau weiß das niemand, weil Geburtsdaten damals nicht registriert wurden und Geburtstage im alltäglichen Leben keine Rolle spielten. In ihrem langen Leben hat Afsar Begum kein einziges Mal ihren Geburtstag gefeiert. Sie starb im Dezember 2007 im pakistanischen Karatschi in einem ungewissen Alter. Auch in der nachfolgenden Generation ist in der Familie meines Vaters das Geburtsdatum nicht immer bekannt, jedenfalls manipuliert man es gern. Als meine Tante Zahra uns einmal besuchte, fragte ich sie, welches Datum denn in ihrem Pass stehe. Sie, die Älteste unter den Kindern von Afsar Begum, nannte mir einen Tag im Jahr 1939. Mein Vater ist 1941 geboren und der Jüngste von ihnen. Zwischen ihm und Zahra gibt es noch eine Schwester und zwei Brüder – wie also konnte 1939 stimmen?

Ich traute mich nicht, sie zu fragen, das Alter von Frauen ist in Südasien genauso ein heikles Thema wie wahrscheinlich überall auf der Welt. Erst später erfuhr ich von einem Großonkel, dass sie 1930 geboren wurde.

Vermutlich hat sie irgendeinem pakistanischen Beamten erzählt, dass sie 1939 zur Welt kam. Der wird keinen Nachweis von ihr verlangt haben, wissend, dass es sowieso keinen gibt. Möglicherweise hat er sogar ein paar Rupien dafür erhalten, ein Geldschein macht manches möglich.

Pakistanische Beamte sind wunderbare Verjüngungskünstler, wirksamer als jeder Schönheitschirurg. Für wenig Geld wird man offiziell jünger. Eine meiner Cousinen hat sich um zwei Jahre jünger gemacht. Als sie Ende der neunziger Jahre in die USA auswanderte, übernahmen die amerikanischen Behörden brav das Geburtsdatum aus den pakistanischen Dokumenten. Was hätten sie auch anderes tun sollen?

In Südasien sind Daten und Zahlen nicht unantastbar. Ihre Aussagekraft schwankt daher gewaltig.

Wir kamen mit dreizehn Stunden Verspätung in Neu-Delhi an. Der Pilot hatte kurz vor der Landung entschieden, nach Bombay zu fliegen – über Neu-Delhi lagen Nebel und Smog, die Sicht war zu schlecht und die Maschine nicht ausgestattet, um unter solchen Bedingungen zu landen. In Bombay durften wir das Flugzeug nicht verlassen, dort hockten wir stundenlang in der Maschine, deren Innenraum sich in der Sonne allmählich in eine Backröhre verwandelte. Manche Passagiere, die ohnehin über Neu-Delhi nach Bombay gebucht hatten, wollten nun, da ihr Ziel unverhofft direkt erreicht worden war, aussteigen. »Das lassen die Bestimmungen nicht zu«, teilte ihnen ein Steward mit, was zu Tumulten führte. Nach einer umständlichen Debatte mit den Verantwortlichen am Flughafen durften die Bombay-Reisenden dann doch von Bord gehen.

»Was für ein chaotisches Land«, sagte mein Vater genervt.

»Nichts klappt hier! Alles völlig unorganisiert!«

Ich musste lachen. Mein Vater, gebürtiger Inder, aufgewachsen in Pakistan, denkt sehr deutsch.

In Neu-Delhi beschlossen wir, uns zwei Tage von den Strapazen des Fluges zu erholen. Wir hatten uns bei den Verwandten in Lucknow schon von Deutschland aus telefonisch angekündigt, allerdings ohne einen genauen Termin zu nennen oder zu sagen, wie lange wir zu bleiben beabsichtigten. Jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil wir gegenüber unseren Gastgebern so wenig konkret gewesen waren.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte mein Vater. »Das wird schon alles in Ordnung sein.«

Er erinnerte mich daran, dass die Besuchskultur in Südasien sich von der in Deutschland unterscheidet, und zwar grundlegend. Mir fiel wieder die Geschichte ein, als mein inzwischen verstorbener Onkel in Karatschi Besuch von einem alten Schulfreund und dessen Tochter erhielt. Die beiden waren einfach vorbeigekommen – und sechs Wochen geblieben. Am meisten wunderte mich, dass sich niemand darüber aufregte. Zwei Leute mehr fielen in dem großfamiliären Alltag nicht weiter auf, und mein Onkel freute sich, mit seinem Freund ausgiebig über ihre gemeinsame Jugend reden zu können.

»In unserer Kultur kann man nicht nur auf eine Tasse Tee vorbeikommen und bestenfalls noch zum Abendessen bleiben. Das geht nur bei sehr formellen Besuchen«, meinte mein Onkel damals. »Eine Übernachtung gehört bei einem vernünftigen Besuch schon dazu. Mindestens eine.«

Mein Vater rief von Neu-Delhi aus noch einmal in Lucknow an. »Wir kommen übermorgen«, verkündete er und wusste selbst nicht, wen er am anderen Ende der Telefonleitung hatte. Jemand werde uns am Bahnhof in Empfang nehmen, hieß es.

»Und woran erkennen wir unsere Abholer? Beziehungsweise woran erkennen die uns?«

Mein Vater zuckte mit den Schultern. »Ach, das klappt schon.«

Es gibt drei Möglichkeiten, die gut fünfhundert Kilometer von Neu-Delhi nach Lucknow zurückzulegen: per Flugzeug in einer knappen Stunde, per Bus, was je nach Verkehr und Wetter zwischen acht und zwölf Stunden dauert, oder mit dem Zug, der schönsten aller Arten, in Indien zu reisen. Die Zugfahrt dauert etwa sechs Stunden und führt am Ganges entlang, leider nicht so dicht, dass man den Fluss sehen könnte. Der Ausblick lohnt sich trotzdem.

Wir genossen die Fahrt im Shatabdi Express, über den jeder Inder sagt, er sei der beste Zug des Landes. Wir hatten AC Chair Class gebucht, Plätze in einem klimatisierten Abteil. Nach Lucknow fahren auch einfachere Züge – bis hin zu solchen, in denen man sich einfach auf den Holzboden zwischen Hunderte von anderen Reisenden quetscht. Aber das wollten wir uns nicht antun. Gegen sechs Uhr morgens startete der Zug in Neu-Delhi, fuhr durch Büroviertel mit gläsernen Hochhäusern und durch Slums. Wir verließen eine Stadt, in der mindestens fünfzehn Millionen Menschen ihr Zuhause haben. Je ärmer die Gegend, desto mehr Menschen halten sich um diese Uhrzeit nahe der Gleise auf – hockend.

Tausende von Menschen waren gerade dabei, auf freier Fläche ihre Morgentoilette zu verrichten. Die verwilderten Flächen neben den Gleisen waren weit genug von ihren Häusern, brüchigen Hütten aus Lehm, Stroh oder Wellblech, entfernt und daher geeignet. Dass alle Bahnreisenden ihnen dabei zugucken konnten, schien sie nicht weiter zu stören.

Mein Vater war schockiert. »Meine Güte«, sagte er. »Wie kann das sein?«

Ich wunderte mich, wie fremd ihm das alles vorkam. Er war doch in Indien zur Welt gekommen, nicht ich.

Offensichtlich hatte er verdrängt, dass der größte Teil der indischen Bevölkerung immer noch keinen Zugang zu fließendem Wasser und erst recht nicht zu Toiletten hat. Wenn es mal in der Nachbarschaft ein Gemeinschaftsklo gibt, ist den meisten die Rupie zu viel, die sie für die Nutzung zahlen müssen. Bei einer sechs-, sieben- oder achtköpfigen Familie, in Indien keine Seltenheit, käme da eine Summe zusammen, die so manche Haushaltskasse überfordern würde.

»Wenn du frühmorgens oder spätabends mit dem Zug fährst, siehst du immer Menschen nahe den Gleisen hocken«, erklärte ich. Das hatte ich schon bei früheren Reisen durch Indien registriert. »Erst kommen die Männer, weil die meistens als Erste zur Arbeit müssen, und danach die Frauen. Wenn es genügend freie Fläche gibt, sind bestimmte Bereiche für Männer, andere für Frauen. Dann können sie auch gleichzeitig raus.«

Mein Vater war sprachlos. Für ihn, der einer wohlhabenden Familie entstammte, war es immer selbstverständlich gewesen, eine vernünftige Toilette im Haus oder zumindest in der Nähe der Wohnung zu haben. Es dauerte einige Minuten, bis er wieder etwas sagte. »Komisch, man sieht in letzter Zeit immer nur Bilder vom wirtschaftlichen Boom in Indien. Warum kommen so selten Berichte über die normalen Menschen, die hier leben?« Kaum hatten wir die letzten Randbezirke von Neu-Delhi durchfahren, sahen wir das ländliche Indien: grüne, gelbe, braune Felder, über die Männer ihre Ochsen Pflüge ziehen ließen und auf denen Frauen in roten, orangen, gelben, grünen, violetten Saris mit bloßen Händen in der Erde gruben oder irgendetwas ernteten. Unzählige Dörfer, dazwischen Stopps in Ghaziabad, Aligarh, Etawah und Kanpur – Großstädte, deren Namen in Deutschland kaum jemand kennt. Und permanent kam ein Steward vorbei und teilte Tee und abgepackten Mangosaft aus oder reichte ein Tablett mit Essen.

Vom Service der indischen Bahn waren wir begeistert. Beim Ticketkauf hatten wir uns über die Wartezeit von fast einer Stunde noch geärgert, es gab jeweils eine Warteschlange für Männer und für Frauen, und überhaupt stellte sich der Kauf mit lauter Formularen so kompliziert dar, als wären wir gerade dabei, Anteile an dem Staatsunternehmen zu kaufen. Jetzt saßen wir in unserem kühlen Abteil, tranken heißen Tee mit Milch, probierten von dem Curry und freuten uns über das Leben.

Mein Vater genoss die Aussicht, das Reisen im Zug durch Indien war neu für ihn. Während seiner Karriere als Kapitän war er mehrmals in Indien gewesen, Bombay, Madras, Cochin, immer in Küstenstädten. Das Landesinnere hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Und obwohl er sich die Strecke zwischen Neu-Delhi und Lucknow ungefähr so vorgestellt hatte, vielleicht auch Bilder von Bollywood-Spielfilmen oder Fernsehreportagen im Kopf hatte, staunte er über das, was er sah. Die indische Wirklichkeit mit den zwar armen, aber trotzdem fröhlichen Menschen und mit all ihren Farben tat ihre Wirkung.

Zwei junge Männer – Verwandte, wie sich später herausstellte – standen am Bahnhof und kamen auf uns zu, nachdem die Menschenmenge sich aufgelöst hatte. Sie wirkten unsicher.

»Salam aleikum, seid ihr aus Deutschland?«

Wir lachten, reichten ihnen die Hände und klopften ihnen auf die Schultern. »Walekum salam!«

Friede sei mit euch. – Auch mit euch sei Friede. Eine schöne Begrüßung.

Es war ein seltsames Gefühl: Diese zwei, Aiman und Mohammed, waren also Teil unserer Verwandtschaft. Wir hatten noch nie ihre Namen gehört, noch nie Fotos von ihnen gesehen, wir wussten nichts über sie. Umgekehrt war es genauso: Erst vor wenigen Tagen hatten sie erfahren, dass sie überhaupt Verwandte in Europa haben.

»Herzlich willkommen in Lucknow«, sagten sie. Wir waren erleichtert: Glücklicherweise war wirklich jemand gekommen, um uns abzuholen. Wir hatten schon damit gerechnet, dass wir uns am Ende ein Hotel suchen müssten, weil unsere telefonischen Besuchsankündigungen womöglich nicht ernst genommen worden waren.

Vor dem Bahnhof wartete der Fahrer der Familie auf uns, Mohammed und Aiman hievten unser Gepäck in den Kofferraum. Mein Vater blickte zurück auf den Bahnhof mit dem Namen Char Bagh, »Vier Gärten«: »An diesen Namen kann ich mich noch erinnern. Aber ich hatte den Bahnhof ganz anders im Kopf.«

Die Stadt hatte sich verändert, war größer, chaotischer geworden. Eine Stunde lang fuhren wir durch dichtes Autogedränge, dazwischen Motorroller mit fünfköpfigen Familien darauf, alle ohne Helm, Fahrradfahrer, Rikschafahrer, Fußgänger, Pferde- und Eselskarren, Kühe. Mehr als die Umgebung beobachtete ich meinen Vater. Ob er sich noch an diese Stadt erinnerte? Und ob er etwas wiedererkannte?

Er ertappte mich bei meinen Gedanken.

»Sieht alles sehr anders aus. Sehr anders«, sagte er mehr zu sich als zu mir.

Mein Vater vor dem Afzal Mahal

Und dann standen wir vor dem Afzal Mahal, ich zum ersten Mal, mein Vater wieder nach sechzig Jahren. Was er wohl empfand? Es muss ein merkwürdiges Gefühl sein, nach so langer Abwesenheit wieder an jenen Ort zu kommen, wo man die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht hat. Mein Vater ließ sich nichts anmerken. Er schwieg, ging ein bisschen umher, schaute sich aufmerksam um.

Das Tor, der Innenhof, der Brunnen, ein Sternfruchtbaum – jetzt sah ich mit eigenen Augen, was mein Vater im Flugzeug beschrieben hatte. Die Straße war inzwischen zu einer Hauptverkehrsader geworden, überall hatten Geschäfte eröffnet. Auch im zur Straße gelegenen Teil des Afzal Mahal waren zwei Läden untergebracht, in einem wurden Kosmetika und Spielzeug angeboten, in dem anderen, das sich »Möbelgeschäft« nannte, gab es Stühle und Tische aus Plastik. Die Verwandten hatten die Räume also gut vermietet. Im Innenhof, dem Wohnbereich, waren ein paar neue Anbauten entstanden. Der Brunnen lag seit vielen Jahren trocken, es gab ja mittlerweile fließend Wasser. Mein Vater schritt den Innenhof langsam ab und betrachtete jede einzelne Ecke.

»Die Stadt hat sich sehr verändert, aber das hier, das erkenne ich wieder. Das ist mein Zuhause.«

Als Kind hatte ich ihn, wie wohl jedes Kind seinen Vater, als den größten, stärksten, besten Vater der Welt bewundert. Jetzt sah ich in ihm das Kind, jenen kleinen Jungen, der Wasser aus dem Brunnen holte, der draußen mit seinen Freunden spielte und abends nicht ins Bett wollte. Ich stelle es mir schön vor, damals im Afzal Mahal in Lucknow.

Nach und nach sprach sich unsere Ankunft herum. Alle Verwandten kamen aus ihren Wohnbereichen, umarmten uns und hießen uns willkommen. Wir waren überwältigt von der Freundlichkeit dieser Menschen. Problematisch war nur, alle Namen im Kopf zu behalten – im Afzal Mahal leben an die vierzig Menschen.

Die älteste Cousine meines Vaters, Mahetalat, führte uns durch das Gebäude, stellte noch einmal alle Bewohner vor und zeigte den gerade renovierten, blaugold gestrichenen Schrein. Davor standen vier Charpoys, mit Bast bespannte Bettgestelle, auf denen sie und ihre drei Schwestern schliefen.

Das Wohnzimmer im Afzal Mahal

Mahetalat ist so etwas wie das Oberhaupt der Familie im Afzal Mahal. Sie und ihre Schwestern leben hier mit den zwei nachfolgenden Generationen.

»Der Baum ernährt uns noch immer«, sagte Mahetalat, als sie sah, wie mein Vater vor dem knorrigen Sternfruchtbaum verharrte. Sie rief einen Bediensteten und ließ ihn mit einem Besenstiel eine Sternfrucht von einem hohen Ast abbrechen, trug das Obst in die Küche, schnitt es in Scheiben und streute grobkörnigen Zucker darauf.

»Hier, schmeckt sehr gut und enthält viele Vitamine.« Mein Vater nahm ein Stück und biss ab. Er verzog das Gesicht. »Sauer wie immer«, meinte er. Mahetalat lachte.

Sie war die Einzige im Afzal Mahal, die meinen Vater schon mal gesehen hatte – kurz vor dessen Flucht. Allerdings konnte er sich an die ein paar Jahre Ältere nicht mehr erinnern.

»Wie war mein Vater als Kind?«, fragte ich sie ein paar Tage später, nachdem wir uns besser kennengelernt hatten. »Wie war er damals?«

Sie überlegte.

»Über den Charakter deines Vaters kann ich nichts sagen. An seine beiden älteren Brüder erinnere ich mich genauer, der eine sehr lebhaft und frech, der andere ruhig und zurückhaltend. Aber dein Vater war Mitte der vierziger Jahre noch zu klein, als dass man hätte sagen können: Er ist so oder so.«

Nach einer Pause ergänzte sie: »Es ist wohl ganz gut, dass er noch so klein war in dieser schrecklichen Zeit.«

An allem war der Pfeffer schuld. Die Niederländer, die den Gewürzhandel kontrollierten, hatten im ausgehenden 16. Jahrhundert die Preise für die schwarzen Körner angehoben. Britannien, eine Großmacht im Werden, wollte sich diesem Preisdiktat nicht beugen. Nach ihrer Ansicht hatten die Niederländer zu viel Macht in Indien, ebenso wie die Kolonialmächte Frankreich und Portugal, die sich eifrig in Indien engagierten.

Vierundzwanzig Londoner Kaufleute kamen deshalb am 24. September 1599 zusammen, um eine Firma zu gründen, die den Handel mit Indien selbst in die Hand nehmen sollte. Das Startkapital betrug beachtliche zweiundsiebzigtausend Pfund, insgesamt einhundertfünfundzwanzig Anteilseigner waren daran beteiligt. Die British East India Company, die »Ostindische Handelskompanie«, entstand – Grundstein für Großbritanniens Aufstieg erst zur Handels-, dann zur Kolonialmacht.

Zunächst ging es den Engländern tatsächlich nur um Handel. Am 24. August 1600 legten Kapitän William Hawkins und seine Besatzung mit der Hector in Surat, nördlich von Bombay, an. Was sie in Indien vorfanden, verschlug ihnen die Sprache: Kostbare Gewürze, die in England Gramm für Gramm abgewogen wurden, türmten sich in Bergen auf den indischen Märkten, außerdem Tee, Zucker, Edelsteine, feinste Tücher aus Seide und Kaschmirwolle, wundervoll bestickte Schals in allen Farben.

Der Mogul in Agra hieß Hawkins willkommen. Der islamisch geprägte Hof begriff schnell, dass es den Briten nicht darum ging zu missionieren, wie die Spanier es zu dieser Zeit in Südamerika längst taten, sondern Handel zu betreiben. Über eineinhalb Jahrhunderte funktionierten die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Indien und dem britischen Königreich reibungslos, doch die Begehrlichkeiten der Briten wuchsen: Wie mächtig würde die britische Krone erst sein, wenn Indien mit all seinen Reichtümern zum Empire gehörte?

Ab 1757 begann Großbritannien, Indien zu unterwerfen.

Inzwischen hatte die Ostindien-Kompanie Hafenstützpunkte in Bombay im Westen des Landes sowie an der Ostküste in Madras und in Kalkutta. Ein knappes Jahrhundert dauerte die Vereinnahmung Indiens durch die Briten. Am Ende war Indien größtenteils britische Kolonie. Was mit rein wirtschaftlichen Interessen begonnen hatte, endete in einer Fremdherrschaft.

Die Zugehörigkeit zum Empire hinterließ Spuren: Prachtbauten im Kolonialstil vermitteln einen Eindruck von damals. Viele davon sind inzwischen vom alljährlichen Monsun zerfressen, für längst nötige Renovierungen fehlt meist das Geld. Die Briten brachten auch das Cricketspiel nach Südasien und mussten zu ihrem Bedauern feststellen, dass die Inder diesen Sport bald besser beherrschten als sie selbst. Sie demokratisierten die Politik, das Rechtssystem wurde nach britischem Vorbild geformt. Und sie etablierten die englische Sprache, der die Inder allerdings ihre eigene Färbung gaben.

Viele Einheimische fühlten sich unterdrückt von den neuen Herrschern, die zum Teil mit imperialer Arroganz auftraten. Die Inder forderten mehr Mitsprache. Die Ostindien-Kompanie empfanden sie inzwischen als ausbeuterisches Herrschaftsinstrument.

1857 kam es zum Aufstand. Indische Infanteriesoldaten innerhalb der britischen Armee, sogenannte Sepoys, weigerten sich, ein neues Gewehr zu verwenden: Angeblich wären die dafür vorgesehenen Patronen mit Schweineschmalz und Rindertalg eingefettet – eine Beleidigung von Muslimen und Hindus gleichermaßen. Die britischen Offiziere ließen die indischen Soldaten wegen Befehlsverweigerung ins Gefängnis werfen. Indiens Bevölkerung solidarisierte sich mit den Gefangenen, nach und nach kam es in verschiedenen Städten zu blutigen Kämpfen. In Delhi massakrierten Inder Hunderte von Europäern. Erst mit geballter Kraftanstrengung und auf Kosten von vielen tausend Menschenleben gelang es den britischen Truppen, den Sepoy-Aufstand niederzuschlagen – der erste große Freiheitskampf Indiens war gescheitert. Die Ostindien-Kompanie wurde aufgelöst, die britische Krone übernahm fortan direkt die Herrschaft über Indien. Die britischen Monarchen trugen ab 1877 zusätzlich den Titel »Kaiser von Indien«, vor Ort setzten sie einen Vizekönig ein.

Doch die Inder gaben ihren Traum von der Unabhängigkeit nicht auf: 1885 entstand die Kongresspartei, überwiegend Hindus fanden sich hier zusammen, 1906 gründeten Muslime die Muslimliga. Sie alle forderten zunächst mehr Rechte für die Einheimischen, später einen Abzug der Briten. Unter den Muslimen wurde ab 1930 angesichts der demografischen Übermacht der Hindus erstmals der Ruf nach einem unabhängigen islamischen Staat laut.

Berühmt wurde der indische Unabhängigkeitskampf in der Welt durch den Hindu Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma, »Große Seele«. Er, der in London ausgebildete Rechtsanwalt, trat für Gewaltfreiheit ein und wollte durch Beharrlichkeit und symbolische Aktionen die Briten zum Abzug bewegen – Indien sollte unter Wahrung der Einheit unabhängig werden. Gemeinsam mit dem Politiker Jawaharlal Nehru, dem späteren ersten Ministerpräsidenten Indiens, führte Gandhi die Unabhängigkeitsbewegung an. Der Führer der Muslimliga, der smarte Jurist und Politiker Mohammed Ali Jinnah, sah dagegen seine Chance, Gründungsvater eines islamischen Staates zu werden.

Was ab Mitte der vierziger Jahre folgte, waren Massaker zwischen Muslimen und Hindus in bislang ungekanntem Ausmaß, Kämpfe, in die auch Sikhs hineingerieten. Hindus warfen Muslimen vor, das Land zu spalten. Muslime kritisierten, in dem von Hindus dominierten Indien unterdrückt zu werden. Ein Funke reichte – und überall explodierte es. Es war eine Zeit, in der sechzigtausend britische und zweihunderttausend einheimische Soldaten damit überfordert waren, ein Land mit damals dreihundert Millionen Einwohnern vor sich selbst zu schützen.

Die Alten in Indien und Pakistan erinnern sich heute noch an die Vertreibung und an die Massenflucht. Viele von ihnen machen die ehemalige Kolonialmacht für ihr Schicksal verantwortlich: Vom Zweiten Weltkrieg geschwächt und der Unabhängigkeitsforderungen der Inder und der brutalen Kämpfe zwischen Hindus und Muslimen überdrüssig, zog sich Großbritannien zurück und überließ den Subkontinent sich selbst.

Es hatte sich abgezeichnet, dass Gandhi sich nicht durchsetzen würde mit seinem Wunsch nach Erhalt der Einheit Indiens. Jinnah hatte sein Ziel erreicht. Die Briten zogen ab, am 14. August 1947 wurde der Staat Pakistan gegründet, einen Tag später die Republik Indien.

Mahetalat hat die Bilder aus jener Zeit noch vor Augen. Sie war damals ein junges Mädchen aus wohlhabender muslimischer Familie, dreizehn Jahre vielleicht, alt genug, um die Vorgänge mitzubekommen.

»Geier saßen auf den Dächern, unzählige große, kräftige Tiere, schwarz und grau. Ihre Schnäbel waren blutverschmiert. Hunderte zogen ihre Kreise am Himmel, man konnte sie vom Afzal Mahal aus sehen. Sie warteten alle darauf, dass die Menschen, die auf den Straßen lagen, ihren letzten Atemzug taten.

Es waren geschwächte Menschen, über ihrem Gerippe lag die Haut wie eine achtlos hingeworfene Decke.

Überall roch es nach Verwesung. Es war schrecklich.

Hier und da stürzte sich ein Vogel zum Boden – ein Mensch war gerade gestorben und zu Nahrung für die Geier geworden. Wer noch einen Rest von Leben in sich hatte, beachtete die Geier nicht, wartete nur auf Erlösung, endlich kein Durst mehr, kein Hunger, keine quälende Hitze, keine Angst mehr, von mörderischen Andersgläubigen massakriert oder bei lebendigem Leib verbrannt zu werden. Es waren Menschen, die aus ihren Häusern gejagt worden waren oder vorsorglich das Nötigste zusammengepackt hatten, in der Hoffnung, eine neue Heimat zu finden: die Muslime im gerade gegründeten Staat Pakistan, die Hindus und Sikhs in Indien. Nicht alle kamen weit. Das waren dann die Menschen, um die sich die Geier kümmerten.«

Sie hatte Tränen in den Augen.

»Eine muslimische Familie, die von Lucknow nach Pakistan fliehen wollte, steckte ihre drei Kinder in einen Sack mit Habseligkeiten, nur noch die Köpfe guckten raus. Die Eltern banden den Sack an einen kräftigen Stock, sodass Mutter und Vater die Last gemeinsam tragen konnten. So machten sie sich auf den Weg Richtung Westen, sie gingen hier am Afzal Mahal vorbei.«

Sie machte eine lange Pause.