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Bestsellerautor Hasnain Kazim über sein ambivalentes Verhältnis zum Islam
„Herr Kazim, warum hassen Sie den Islam?“ – „Was haben Sie gegen Muslime?“ – „Warum zeigen Sie so wenig Empathie gegenüber den leidenden Palästinensern?“ Hasnain Kazim, Spross einer schiitisch-muslimischen Familie und selbst evangelisch-christlich aufgewachsen, nimmt sich solche Vorwürfe zu Herzen. In diesem pointierten Essay setzt er sich mit seinem ambivalenten Verhältnis zu der Religion auseinander, der ein Großteil seiner Verwandtschaft angehört. Er selbst hat jahrelang als Korrespondent in muslimisch geprägten Ländern, in Pakistan und der Türkei gelebt. Entlang weltpolitischer Ereignisse und privater Erfahrungen zeichnet er sein persönliches Bild des Islam, widmet sich familiären Zwängen sowie Fragen der Gleichberechtigung. Dem Kampf für Demokratie, für religiöse Toleranz und Menschenrechte, der auch innerhalb des Islam geführt wird. Ein Text, der das Unbehagen vieler Menschen in Worte kleidet und zugleich pauschaler „Islamkritik“ etwas entgegensetzt.
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Seitenzahl: 131
Veröffentlichungsjahr: 2026
Bestsellerautor Hasnain Kazim über sein ambivalentes Verhältnis zum Islam
»Herr Kazim, warum hassen Sie den Islam? Was haben Sie gegen Muslime?« Hasnain Kazim, Spross einer schiitisch-muslimischen Familie und selbst evangelisch-christlich aufgewachsen, nimmt sich solche Vorwürfe zu Herzen. In diesem pointierten Essay setzt er sich mit seinem ambivalenten Verhältnis zu der Religion auseinander, der ein Großteil seiner Verwandtschaft angehört. Er selbst hat jahrelang als Korrespondent in muslimisch geprägten Ländern, in Pakistan und der Türkei, gelebt. Entlang weltpolitischer Ereignisse und privater Erfahrungen zeichnet er sein persönliches Bild des Islam, widmet sich familiären Zwängen sowie Fragen der Gleichberechtigung. Dem Kampf für Demokratie, für religiöse Toleranz und Menschenrechte, der auch innerhalb des Islam geführt wird. Ein Text, der das Unbehagen vieler Menschen in Worte kleidet und zugleich pauschaler »Islamkritik« etwas entgegensetzt.
Hasnain Kazim ist gebürtiger Oldenburger und Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer. Er wuchs im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, auf und verbrachte als Kind ein Jahr in Karatschi, Pakistan. Als Journalist berichtete er unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur dpa aus Delhi und als Auslandskorrespondent für den SPIEGEL aus Islamabad, Istanbul und Wien. Für seine Arbeit wurde er bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter der »CNN Journalist Award«. Er lebt als freier Autor nach wie vor in der österreichischen Hauptstadt und hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem Grünkohl und Curry, Plötzlich Pakistan und Krisenstaat Türkei. Das Taschenbuch Post von Karlheinz, das seine Dialoge mit wütenden Leserinnen und Lesern versammelt, stand viele Wochen auf der Bestsellerliste. Auf sie mit Gebrüll!, eine Anleitung zum richtigen Streiten, wurde ebenfalls direkt nach Erscheinen ein Bestseller. Es folgten die Satireschrift Mein Kalifat. Ein geheimes Tagebuch, wie ich das Abendland islamisierte und die Deutschen zu besseren Menschen machte und das dazugehörige Mein Kalifats-Kochbuch. Weisheiten und Rezepte. Zuletzt erschien 2024 Deutschlandtour. Auf der Suche nach dem, was unser Land zusammenhält. Ein politischer Reisebericht.
www.penguin-verlag.de
Hasnain Kazim
Was mich meine Familie, meine norddeutsche Heimat und mein Leben in muslimischen Ländern über den Islam gelehrt haben
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Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur gsk GmbH, Hamburg
Umschlagabbildung: alamy / Toseef Yousaf
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-33785-8V001
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»Und Allah sprach: Ich bin bei denen, deren Herz zerrissen ist.«
Hadith Qudsi
Der Islam und ich
Erste Begegnungen
Zweierlei Maß
Der bunte Vogel mit dem gebrochenen Flügel
Die Eroberung der Köpfe. Oder: Was passiert, wenn Kunst haram ist
Die Gemäßigten zahlen die Rechnung
Die Macht der Community
Wo Zwiebelmett politisch wird
Jede Neuerung ein Irrtum
Was ich also sagen möchte
Auf dem Gehsteig knien Männer, ein gutes Dutzend. Sie beugen sich vor, berühren mit der Stirn den Boden. Jetzt sehe ich, dass sie Teppiche ausgerollt haben, Gebetsteppiche. Es sind muslimische Männer. Dass sie öffentlich beten, und dann auch noch auf dem Gehweg, ist in dieser Gegend neu. Ich bin mit meinem Hund unterwegs, die mittägliche Runde.
Ich muss ausweichen, denke ich.
Ein junger Mann, der neben den betenden Männern steht, schaut mich unfreundlich an und richtet seinen Blick dann auf meinen Hund. Ach ja, fällt mir ein, Hunde gelten im Islam als unrein, nur in Ausnahmefällen darf man sie halten, wenn sie eine Funktion haben, einen Nutzen, als Wachhund, Hirtenhund oder Jagdhund. Einfach so, als Haustier und Lebensbegleiter, das sieht man nicht gern. Kuschel- und Schoßhund ist keine akzeptierte Funktion. Nach einer Berührung mit einem Hund wird eine rituelle Reinigung empfohlen.
Natürlich kann ich mir nicht einfach einen Weg zwischen den Männern hindurch bahnen, das wäre sehr unhöflich. Der junge Mann blickt mich immer noch unfreundlich an und macht nun eine kleine Bewegung mit dem Kopf, mit der er mir sagen will, ich solle gefälligst einen Bogen um die Betenden machen.
Ich merke, wie ich zunehmend irritiert bin. Es ist die Zeit nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Das hier soll, so scheint mir, eine Art Friedensgebet sein, wie es sie jetzt immer häufiger gibt, überall auf der Welt, auch in Europa und Amerika, aber sehr friedliebend kommt mir das nicht vor. Jedes Mal soll es bedeuten: ›Wir sind da, wir sind viele, wir werden immer mehr, und wir setzen uns euch in den Weg!‹
Mir kommen Bilder in den Sinn von Männern, die in Berlin vor dem Brandenburger Tor beten, als Zeichen gegen Israel. Auch das wurde »Friedensgebet« genannt, aber es war keine Einladung an alle, ungeachtet ihrer Konfession, daran teilzunehmen und für Frieden zu beten, sondern es wirkte wie eine Machtdemonstration. So wie vor einigen Jahren ein Gebet vor der Hagia Sophia in Istanbul, wo sich Tausende Männer versammelt hatten, um dieses Gebäude, in seiner wechselvollen Geschichte mal Kirche, mal Moschee, seit 1934 aber Museum, nun wieder als Moschee zu beanspruchen.*
Wenn man Muslim ist oder muslimische Wurzeln hat, zerren bisweilen ziemlich viele Kräfte an einem. Vor allem, wenn man in einem protestantisch geprägten norddeutschen Dorf groß geworden ist, dort mit Leidenschaft den Dunklen von den Heiligen Drei Königen beim Krippenspiel gespielt und später, als Reporter, kritisch aus islamischen Ländern berichtet hat. Die einen halten einen für einen Islamisten, weil man auch Positives aus diesen Regionen erzählt oder mit den Menschen dort ein religiöses Fest mitfeiert. Die anderen finden, man sei »islamophob«, weil man bestimmte Entwicklungen und Gegebenheiten in islamisch geprägten Gesellschaften kritisiert. Wieder andere werfen einem »Ungläubigkeit«, »Blasphemie« oder »Apostasie«, den Abfall vom Glauben, vor, weil man vielleicht anders glaubt als sie selbst.
Und dann sind da noch die besonders Religiösen im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, die einem vorhalten, man sei nicht fromm genug, beachte diese Regel nicht, halte sich nicht an jene Vorgabe.
Auf jeden Fall ist man immer in Erklärungsnot. Und wenn man sich nicht selbst klarmacht, wie man was warum sieht, entsteht eine innere Unsicherheit. Womöglich fügt man sich in die eine oder andere Richtung, ohne sich wirklich Gedanken gemacht zu haben. Oder man bringt nicht den Mut auf, sich den Erwartungen zu widersetzen. Ich kenne zu viele junge Muslime, die sich den Wünschen ihrer Eltern, ihrer Familie, ihres Umfelds, der Gesellschaft fügen, obwohl sie eigentlich ganz anders empfinden, ganz andere Wünsche und Ziele und Vorstellungen haben. In Deutschland und in islamischen Ländern. Deren Kleidung, Partnerschaft, ja: Leben nicht dem entspricht, was sie eigentlich wollten.
Und ich kenne viele Menschen, die einiges an dem, wie Islam praktiziert wird, zu kritisieren haben, die vielleicht wütend sind oder Religion ablehnen, die sich dann aber pauschal und unfair und feindselig äußern. Oder die schweigen und damit das, was zu kritisieren wäre, letztlich hinnehmen.
Gut, dann erkläre ich eben.
-
Es fällt mir nicht leicht, über Islam zu schreiben. Bevor ich mit diesem Text angefangen habe, haben mir viele davon abgeraten.
»Viel zu gefährlich!«, sagten Freunde.
»Warum tust du dir das an?«, fragten mich Verwandte.
»Du handelst dir auf jeden Fall eine Menge Ärger ein!«, sagten mir Journalisten.
Es gab sogar Leute, die sich im Vorfeld von mir distanzierten, weil sie es für gefährlich hielten, über das Thema Islam zu schreiben, und sie selbst nicht zu nah an der Gefahrenquelle sein wollten.
All das hörte ich von der Seite, die es gut mit mir meinte.
Dann gibt es noch die Seite, die es weniger gut meint. Ich ahne schon, was von denen kommen wird:
»Jetzt ist er ins Lager der Islamkritiker gewechselt!«
»Klar, mit dem Thema kann man richtig Geld verdienen, darum geht’s doch!«
»Der will doch nur den Deutschen gefallen!«
»Onkel Tom!«
»Haussklave!«
»Verräter!«
Es gibt viele Gründe, diesen Text nicht zu schreiben. Und doch muss ich es tun. Ursprünglich wollte ich nur einen Artikel für eine Zeitung verfassen, die mir eine ganze Seite dafür anbot. Dann begann ich zu schreiben und stellte fest: Ich brauche mehr Platz. Also entschied ich, ein Büchlein daraus zu machen.
Vielleicht sollte ich zuerst sagen, wer ich in religiöser Hinsicht bin, welchen Blick auf Islam ich also habe und warum ich diesen Text unbedingt schreiben wollte.
Ich bin Kind von Eltern, die als Muslime aufgewachsen sind. Beide Familien, die meines Vaters und die meiner Mutter, sind schiitisch und haben ihre Wurzeln im Norden Indiens. Beide Familien sind 1947, nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft und der Teilung des Subkontinents, von Indien in den neu gegründeten Staat Pakistan migriert. Meine inzwischen in der ganzen Welt verstreute Verwandtschaft ist nach wie vor muslimisch, manche sehr religiös, andere eher säkular. Meine Eltern hingegen sind Anfang der 1980er Jahre, einige Zeit, nachdem sie nach Deutschland ausgewandert waren, zum Christentum konvertiert.
Als Kind war ich also noch muslimisch, bin mit acht Jahren auf Druck einer religiösen Tante sogar noch beschnitten worden, aber dann wurde ich getauft und konfirmiert. Ohnehin bewegte ich mich von klein auf in einem protestantischen Umfeld, in meinem Dorf gab es nur einen Kindergarten, nämlich den evangelischen. Als Schulkind bekam ich von einer Nachbarin eine Kinderbibel geschenkt, in der Schule besuchte ich von Anfang an den evangelischen Religionsunterricht. Dienstags ging ich zur »Spielstunde« im evangelischen Gemeindehaus, wo wir Dorfkinder gemeinsam musizierten, spielten, bastelten, kochten, buken. Jedes Jahr freute ich mich auf Weihnachten, auf die wochenlange feierliche Stimmung, die Adventszeit, das Plätzchenbacken, das Schmücken des Tannenbaums, früher war mehr Lametta, die Geschenke natürlich. Mit großer Freude nahm ich, wie gesagt, Jahr für Jahr am Krippenspiel der Kirche teil, obwohl meine Freude noch größer gewesen wäre, hätte ich auch mal Jesus spielen dürfen.
Aber auch der Islam begleitete mich von Kindheit an. Meine Eltern wollten, dass ich meine Wurzeln kenne. Meine Mutter erzählte oft Geschichten von der Verwandtschaft und von ihrer Kindheit, und natürlich spielte der Islam darin eine Rolle. Alle paar Jahre flogen wir nach Pakistan, in die USA oder nach England, um Verwandte zu besuchen. Manche Tanten und Onkel sahen mit Sorge, dass ich viel zu wenig über den Islam wusste, dass ich keinen Koranunterricht bekam und dass ich nicht nur nicht betete, jedenfalls nicht nach islamischem Ritus, sondern es auch gar nicht beherrschte.
Manche Verwandten machten meinen Eltern Vorwürfe.
»Warum kann er den Koran nicht lesen?«
»Wieso betet er nicht?«
»Weshalb weiß er so wenig über Islam?«
Dass es in unserem Haushalt schon immer Schweinefleisch gab, verschwiegen wir der Verwandtschaft. Mein Vater war Anfang der 1960er Jahre Seemann geworden bei einer deutschen Reederei, und an Bord aß man Schweinefleisch. Meine Mutter kam Mitte der 1970er Jahre nach Deutschland und briet schon vor ihrer Konversion Koteletts und kochte Kartoffeln und Rotkohl dazu. Meine Eltern wollten uns Kindern, die wir in Deutschland aufwuchsen, das Schweinefleisch nicht vorenthalten. Wenn mal eine Tante zu Besuch kam, wurde der Braten tief in der Kühltruhe vergraben. Bei einem dieser Besuche kochte meine Mutter Keema, ein Hackfleischcurry, und nahm dazu aus Gewohnheit gemischtes Hack. Erst als das Essen auf dem Herd köchelte, fiel ihr der faux pas auf. Zu spät, um aus der Nummer rauszukommen! Also aßen wir alle gemeinsam dieses Essen; der Tante schmeckte es nicht, und sie legte nach ein paar Bissen den Löffel weg. Ob sie ahnte, was das war?
Über die Konversion meiner Eltern und damit auch von uns Kindern sprachen wir nicht mit der Verwandtschaft. Es war ein Tabuthema. Die Verwandten ahnten es, vermute ich, aber sie ignorierten es oder taten jedenfalls so, als wüssten sie von nichts.
Der Satz »Ich bin kein Muslim« trifft auf mich zu. Ein einfacher Satz, für viele völlig selbstverständlich und belanglos. Na und? Dann bist du eben kein Muslim. So sollte es sein: unwichtig und unbedeutend für alle anderen, deine Privatangelegenheit. Aber es ist eben ein Satz, der mir als »Apostasie« ausgelegt werden könnte, als »Abfall vom Glauben«. Es gibt Länder, in denen dafür die Todesstrafe vorgesehen ist. Deshalb: Bloß nicht darüber reden! Das Thema meiden! Lieber schweigen!
Dabei ist niemand von irgendetwas »abgefallen«. Meine Eltern haben sich nicht gegen den Islam, sondern für das Christentum entschieden. Aber selbst wenn: Es ist ihre Entscheidung, die man gutheißen oder kritisieren mag, aber über die niemand zu richten hat. Dass, wie gesagt, in manchen Ländern die Todesstrafe darauf steht, wenn jemand sich bewusst vom Islam lossagt, macht mich fassungslos. Während es als löblich aufgefasst wird, wenn Menschen zum Islam konvertieren. Auch dass Menschen gezwungen werden, zum Islam zu konvertieren, kommt vor. Dass wir all das hinnehmen als »andere Länder, andere Sitten« und niemand wieder und wieder laut dagegen protestiert, kein Politiker, kein Diplomat, kein Journalist, Schriftsteller, Künstler, Intellektueller, kann ich nicht gutheißen.
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Wer ist überhaupt ein Muslim? Die Antwort ist einfach: jeder, der das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, spricht und von sich behauptet, ernsthaft daran zu glauben: »La illaha ila’llah wa Muhammadu rasul Allah.« – »Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.« Es genügt, dieses Bekenntnis alleine für sich zu sprechen oder es in seinem Herzen zu tragen. Es bedarf keines Zeugen, man muss niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen oder einen Beweis erbringen, niemanden um Aufnahme bitten. Weder gibt es eine religiöse Instanz, die darüber bestimmen könnte, noch ein verpflichtendes Initiationsritual: keine Taufe, keine Kommunion, keine Konfirmation. Man muss auch nicht in die Gemeinschaft der Gläubigen hineingeboren werden, sodass man nur per Geburt Muslim sein könnte, mitnichten – jeder kann zum Islam konvertieren.
Aber natürlich gehen die meisten Muslime davon aus, dass jemand, der Kind muslimischer Eltern ist, selbstverständlich auch ein Muslim ist und nach den Regeln des Islam erzogen wird. Aus vielen Gesprächen mit Muslimen weiß ich, dass sie Menschen, die zum Islam konvertiert sind, zwar willkommen heißen in ihrer Glaubensgemeinschaft, hinter ihrem Rücken aber doch nicht selten über sie reden, sie irgendwie als Muslime zweiter Klasse sehen, sie jedenfalls als »anders« wahrnehmen.
Einer der größten und gefährlichsten Konflikte unserer Zeit, der oft fern der öffentlichen Wahrnehmung in der westlichen Welt viele Todesopfer fordert, ist der zwischen Sunniten und Schiiten. Also ein Konflikt innerhalb des Islam. Um vieles von den Bruchlinien und Auseinandersetzungen, dem Hass und der Gewalt zu verstehen, sollte man ein paar Dinge darüber wissen.
Die Spaltung geht auf die Zeit kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed zurück, der keinen klaren Nachfolger benannt hatte: Nach seinem Ableben ernannten einige Mitstreiter Mohammeds den ihrer Meinung nach rechtschaffensten Muslim aus ihren Reihen und treuesten Begleiter des Propheten zum Ersten Kalifen**: Abu Bakr. Er war einer der ersten Anhänger des Propheten, ein enger Vertrauter und außerdem sein Schwiegervater.
Es folgten als weitere Kalifen Omar, dann Othman.
Entscheidend wird nun der vierte Kalif: Ali Ibn Abu Talib, Cousin Mohammeds und zugleich sein Schwiegersohn. Jener Mann, der Mohammeds Tochter Fatima geheiratet hatte. Von ihm behaupteten einige, seine Herrschaft sei geradezu perfekt. Eine kleinere Gruppe war der Ansicht, er sei von vornherein der rechtmäßige Nachfolger des Propheten gewesen, nicht Abu Bakr, nicht Omar, nicht Othman; für sie war Ali der erste Imam, der erste rechtmäßige religiöse und politische Anführer nach dem Propheten.
