Gruppenbild mit Max Weber - Meike G. Werner - E-Book

Gruppenbild mit Max Weber E-Book

Meike G. Werner

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Beschreibung

Ein vergessenes Kapitel deutscher Intellektuellengeschichte. Das Foto, das Ernst Toller als aufmerksamen Zuhörer von Max Weber zeigt, ist berühmt geworden. Weber war der Initiator von drei Kulturtagungen, die 1917 und 1918 auf der nordfränkischen Burg Lauenstein stattfanden. Hier diskutierte die intellektuelle Elite über nicht weniger als die politische und kulturelle Neuordnung Deutschlands nach der Katastrophe des Weltkriegs. Obwohl die Tagungen als Meilensteine der deutschen Intellektuellengeschichte gelten, ist das Wissen über sie lückenhaft geblieben. Ausgehend von zwei Fotoalben aus dem Nachlass des Verlegers Eugen Diederichs rekonstruiert Meike Werner die Geschichte der Lauenstein-Tagungen auf unerwartete Weise. Sie nimmt die 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihre Absichten, Visionen und Lebenswege in den Blick: Wer waren die Frauen, die durch ihre weißen Kleider sofort auffallen, aber auf keiner Teilnehmerliste zu finden sind? Und wer die jungen, von der Front zurückgekehrten Soldaten? Was waren die Ziele der gestandenen Männer aus Wissenschaft, Politik, Kunst und Kirche? Meike Werner hebt das enorme intellektuelle Potential der Abgebildeten hervor. Max Weber galt als Star unter ihnen – doch die Fokussierung auf ihn hat die Erinnerung an die Tagungen auf Lauenstein unabsichtlich verzerrt.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Meike G. Werner

Gruppenbild mit Max Weber

Gespräche über die Zukunft Deutschlandsnach dem Krieg

Gedruckt mit der Unterstützung der Vanderbilt University (USA)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2023

www.wallstein-verlag.de

Gestaltung: Marion Wiebel, Göttingen

unter Verwendung von Fotos aus dem Nachlass Eugen Diederichs

im DLA Marbach und dem Nachlass Ulf Diederichs in der ThLUB Jena

ISBN (Print) 978-3-8353-3966-8

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4797-7

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4796-0

Inhalt

1. Wendejahr 1917: Gespräche über die Zukunft Deutschlands

2. Gruppenbilder mit und ohne Max Weber

3. Auszug in die Liminalität: Plan einer »Tagung zur Organisation des öffentlichen Geistes«

4. Ausgesetzte Gespräche: Zwei Fotoalben, drei Tagungen

5. Die Gegenspieler: Maurenbrecher, Weber und die neue Ordnung

6. Engagierte Beobachter: Professoren und Journalisten

7. Der Unbeachtete: Otto Neurath

8. Stumme Zuschauer: Schriftsteller, Künstler, Kommentatorinnen

9. Starke Frauen: Gruppenbild mit Gertrud Bäumer

10. Die Tätigen: Schulmänner, Seelsorger und sogenannte Praktiker

11. Die Wartenden: Freideutsche, Studenten, junge Gottsucher

12. Die Menschen von Morgen: Die dritte Tagung Pfingsten 1918

13. Nachwirkungen oder die Rufe des Falkners

Anmerkungen

Dank

Siglen und Abkürzungen

Namenregister

Zweite Tagung Herbst 1917: Max Weber umringt von August Messer (mit Schirmmütze), Paul Blauert, Walter Amelung, Ella Kroner, vermutlich Ruth Diederichs mit Hand an der Stirn, dahinter vermutlich Heinrich Hirt, Lulu von Strauß und Torney-Diederichs, vermutlich Karl Scheffler (mit Hut und Hände in den Taschen), Kurt Kroner (Rückenansicht), vorne links Ferdinand Tönnies

1. Wendejahr 1917: Gespräche über die Zukunft Deutschlands

»Some information about the past can

be provided only by visual images«.[1]

Hayden White

Die Gesprächsrunden 1917 auf Burg Lauenstein bezeichnete gut dreißig Jahre danach Fritz Brühl, der Bonner Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, als den »Beginn der Revolution von 1918«.[2] Anlass zu dieser Einschätzung hatte die Feier zum 70. Geburtstag des deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss im Januar 1954 gegeben. Der Jubilar war 33 Jahre alt, ein ambitionierter Journalist aus der süddeutschen Provinz, als er im Mai und September 1917 an den ersten zwei Kongressen auf der malerisch gelegenen Burg in der Nähe von Ludwigstadt in Oberfranken teilnahm. Zur dritten Zusammenkunft an Pfingsten 1918 kam Heuss dann nicht mehr. Im Januar desselben Jahres war er von Heilbronn nach Berlin gezogen, um dort auf Einladung von Ernst Jäckh in die Redaktion der Wochenzeitschrift Deutsche Politik einzutreten und gleichzeitig in der Geschäftsstelle des Deutschen Werkbundes mitzuarbeiten – eine für Heuss ideale »Vereinigung von ästhetischen und politischen Interessen«.[3] Damit hatte er den Sprung in die politischen Diskussionszirkel der Reichshauptstadt geschafft. Der Weg in die große Politik lag vor ihm.

Als Lauensteiner Kulturtagungen haben diese Treffen einen festen Platz in der deutschen Intellektuellengeschichte. Heuss selbst hat verschiedentlich an diese Zusammenkünfte erinnert, etwa in Nachrufen und Würdigungen des 1920 viel zu früh verstorbenen Max Weber, in Gesprächen mit Walter von Molo (den Heuss einst ohnmächtig aus dem Lauensteiner Turmzimmer getragen hatte) oder auch in seinen Erinnerungen, die 1963 ein halbes Jahr vor seinem Tod erschienen.[4] Für Heuss waren es die persönlichen Begegnungen, die die Treffen auf der alten Ritterburg zu denkwürdigen Ereignissen machten: mit Max Weber, den er aus Heidelberg kannte und mit dem er im Anschluss an die Pfingsttagung »noch einen schönen Abend in Weimar«[5] verbrachte; mit dem Münchner Altphilologen Otto Crusius, »ein ganz prachtvoll frischer Mensch«; dem Berliner Historiker Friedrich Meinecke, der dem jungen Journalisten sein Wohlwollen schenkte; mit dem heute weitgehend vergessenen, damals aber international erfolgreichen Kultautor Richard Dehmel, den Heuss schon lange verehrte; mit Walter von Molo, seinerzeit ein auflagenstarker Erfolgsautor; und mit den jungen Schriftstellern Karl Bröger und Wilhelm Vershofen, die als Dichter-Anwälte der Arbeiterschaft auftraten. Vershofen, nachdem er von der Schriftstellerei hauptberuflich in die Wirtschaftswissenschaften gewechselt war, wurde in späteren Jahren der Lehrer von Ludwig Erhard, der ab 1949 als Wirtschaftsminister in der Regierung Adenauer tätig war. Kein Wunder, dass Lauenstein in Bonn sowie unter den Gebildeten der »Bonner Republik« präsent blieb. Vershofen hatte seinerzeit die Tagungen von Jena aus mitorganisiert.

An Max Webers herausragender Rolle bestand für Heuss von Anfang an kein Zweifel: »sehr frisch, geistreich und rücksichtslos«[6] beherrschte er die Lauensteiner Streitgespräche. Es ging um nichts weniger als den »deutschen Staat« und dessen grundlegende Neuordnung nach dem Krieg. Davon – und von Spaziergängen in schönster Umgebung – berichtete Heuss gleich im Anschluss an die erste Tagung an seinen Schwiegervater Georg Friedrich Knapp in Straßburg. In seinen Erinnerungen hingegen gewannen die Treffen ihre Bedeutung vor allem durch »die Wucht der Anklagen, die Max Weber gegen den Kaiser und seine Umgebung schleuderte«.[7] Es war, so Heuss rückblickend, »eine richtige Explosion, die manche der Hörer einschüchterte«. Einer der Aufgeschreckten soll Ernst Krieck gewesen sein, später einer der führenden nationalsozialistischen Pädagogen, damals jedoch noch im national-linksliberalen Lager des Bürgertums. Er beschwor Heuss, mäßigend auf Weber einzuwirken. Immerhin ging es bei dessen Äußerungen um Majestätsbeleidigung. Doch Heuss winkte ab: »Löschen Sie einen Vulkan mit einem Glas Wasser«. Indes, die befürchtete polizeiliche Aufhebung der Veranstaltung blieb aus. Nur unten im Tal der Loquitz, die am Fuß der Burg vorbeifließt, munkelte man später, »droben auf der Burg habe die Revolution begonnen«.[8] All diese Geschichten und Anekdoten legen nahe, dass Max Webers Präsenz wesentlich dazu beigetragen hat, die Veranstaltungen in Erinnerung zu halten.

Aber auch die überlieferten Fotografien, die die erste und zweite Tagung dokumentieren, bezeugen, dass kein anderer der geladenen Gäste es mit Webers Anziehungskraft aufzunehmen vermochte. Nicht der umschwärmte Richard Dehmel, nicht der wortgewaltige Max Maurenbrecher und nicht der Regisseur des Ganzen, der Jenaer Verleger Eugen Diederichs. Nur Weber wird umringt von Menschen gezeigt, jungen und alten, Männern und Frauen, Gelehrten, Sozialreformern, Studenten, Politikern, Pfarrern, Journalisten, Pädagogen, Publizisten und Künstlern. Eine »etwas wirre Gesellschaft«[9] kommentierte Heuss und trug damit dem einzigartigen Charakter der Tagungen Rechnung, die quer durch die parlamentarische Sitzordnung, Kirchen, Berufs- und Altersgruppen zum Dialog einluden.

Was damals auf dem Spiel stand, ahnten in der Abgeschiedenheit des Frankenwalds vermutlich nur sehr wenige der Anwesenden. Die wohl eindrücklichsten Bilder der aufziehenden Bedrohung, die ihre Schatten auch auf die Lauensteiner Diskussionen über Deutschlands Zukunft warf, schuf William Butler Yeats in seinem Gedicht »Das zweite Kommen« (»The Second Coming«):

Kreisend und kreisend in immer weiterem Bogen / Entschwindet der Falke dem Ruf des Falkeniers. / Alles fällt auseinander, die Mitte hält nicht mehr; / Bare Anarchie bricht aus über die Welt. / Blutgeblendete Strömungen sind losgelassen. Allenthalben / Wird der heilige Vorgang der Unschuld überschwemmt. / Den Besten erlahmt der Glaube, und die Schlimmsten / Sind voll von leidenschaftlicher Heftigkeit.[10]

Als im Herbst 1916 auf Druck der Obersten Heeresleitung (OHL) die öffentliche Diskussion der Kriegsziele (Verständigungsfrieden vs. Siegfrieden) freigegeben wurde, hatte Max Weber im Vorfeld die entscheidende Frage aufgeworfen: »Wofür sterben sie [die Soldaten] aber dann eigentlich?«[11] An der Heimatfront ausgeheckte Ideen konnten es nicht sein. Weber forderte vielmehr dazu auf, die »gewaltigen Lasten und Folgen des Krieges« für die Zukunft präzise zu benennen. Der Vorschlag fand keine Resonanz. Befragt man noch einmal Yeats, verhießen die letzten Zeilen seines Gedichtes nichts Gutes: »Langsam senkt sich die Dunkelheit wieder. / … Welche wüste Bestie, deren Stunde nun gekommen ist, / Schlampt gegen Bethlehem in ihre Geburt?«

In den Geschichtswissenschaften gilt inzwischen das Jahr 1917 als entscheidendes »Wendejahr«[12] – und bestätigt damit die Einschätzung eines so informierten Beobachters wie Harry Graf Kessler. Nach einem erlesenen Silvesteressen im Berliner Kaiserhof notierte dieser – auf das Jahr zurückblickend – am Abend des 31. Dezember, dass es mit der Russischen Revolution, dem russischen Frieden und dem Eintritt der USA in den Krieg »den größten Umschwung in der Weltlage gesehen hat« und damit eines »der denkwürdigsten Jahre der Weltgeschichte« war.[13] Vielleicht mehr noch als das Kriegsende 1918 markiert also bereits 1917 das Ende des langen 19. Jahrhunderts (Blackbourn) und den Aufbruch ins Jahrhundert der Extreme (Hobsbawm), innen- und weltpolitisch, aber auch, wie der Historiker Ulrich Sieg aufgezeigt hat, ideengeschichtlich. Aus historischer Distanz nüchterner (als Yeats’ Visionen einer heraufziehenden Apokalypse) macht Sieg den Verlust liberaler Utopien oder zumindest überzeugender Zukunftsversprechen als Grund dafür aus, dass »die Angriffe auf die universalen Werte der Aufklärung mit rigider Härte und wachsender Zustimmung geführt werden«[14] konnten.

Die Debatten auf dem Lauenstein führen mitten in die Krisen des liberalen Fortschrittdenkens. Wie Ulrich Sieg beruft sich auch Jürgen Reulecke auf Theodor Lessing, der unter dem Eindruck der am eigenen Leib erfahrenen Katastrophe des Krieges bereits 1916/17 jede Geschichtsteleologie in Frage gestellt sah und stattdessen die Deutungsversuche der am Leben Gebliebenen als Sinngebung des Sinnlosen post festum charakterisierte.[15] Im Geflecht von Weltpolitik und Kriegsgeschehen an den Fronten lenkt Reulecke den Blick weg von den luftigen Höhen deutscher Ideenpolitik, weg von Thüringen, dem sogenannten »Herzland« des deutschen Idealismus,[16] ins flache Land industrieller Ballungsgebiete, ins rheinisch-westfälische Ruhrgebiet, nach Wuppertal-Barmen und nach Köln: dort waren in erster Linie Hunger, Massendemonstrationen, Streiks und deren brutale Niederschlagung die folgenschweren Triebkräfte der Politikwende im Inneren.[17] 1917 war der Krieg zu einem totalen, die Zivilbevölkerung in der Heimat einschließenden, Krieg ausgewachsen. Längst gehörte die »Heimatfront« zu den Fronten in Ost und West.

Wir neigen dazu, die Geschichte der Weimarer Republik mit ihrer Verlängerung in den Weltkrieg von hinten her zu lesen, nämlich als die Geschichte des Scheiterns der ersten deutschen Republik. Auf die Unentschiedenheit der Kriegssituation 1917 hebt der häufig zitierte Titel des Buches des französischen Historikers Jean-Jacques Becker ab. Er bezeichnet das Jahr 1917 als »l’année impossible«, das »unmögliche Jahr«.[18] In der Tat, unmöglich geworden war 1917 ein für alle Kriegsparteien gesichtswahrender Kompromissfrieden. In Deutschland herbeigesehnt und möglich hingegen schien das Ende des Krieges – mit angesichts der Kriegsereignisse nicht gänzlich unberechtigten Hoffnung der Obersten Heeresleitung (OHL) auf einen siegreichen Ausgang. An den Grenzen der Belastbarkeit, was die materiellen und menschlichen Ressourcen betraf, befeuerten diese Hoffnungen im Innern eine »zweite Mobilisierung« bzw. »Remobilisierung« der Bevölkerung. An die Ideen von 1914 anknüpfend wurden noch einmal nationale Erneuerungsvisionen zum Tagesgespräch. Die Streitgespräche auf dem Lauenstein waren nichts anderes. Doch statt einigend zu wirken, trieben die damit verbundenen, oft sehr unterschiedlichen Neuordnungsvorstellungen die öffentliche Debatte in die politische, soziale und argumentative Polarisierung. Mit Verweis auf die Arbeiten von Steffen Bruendel identifiziert Roger Chickering zwei Lager, die sich »um die Topoi parlamentarischer ›Volksstaat‹ und um eine exklusive, holistisch definierte ›Volksgemeinschaft‹ bildeten«.[19] Keinem der beiden Lager seien die Lauensteiner Tagungen eindeutig zuzuordnen. Das und die Tatsache, dass ihre Wurzeln in die lebensumformende Kulturkritik der Vorkriegszeit zurückreichen, mache die Tagungen zu einer »Kuriosität«[20] – ohne nennenswerte Resonanz in der breiten deutschen Öffentlichkeit.

Letzteres ist insofern richtig, wenn man bedenkt, dass die Tagungen kein (politisches) Programm, keine Denkschrift, und schon gar nicht die von einem der Veranstalter kühn erhoffte »Vaterlandspartei des deutschen Geistes«[21] hervorgebracht hatten. Dennoch haben sie einen festen Platz in der deutschen Intellektuellengeschichte. Schon allein der Starbesetzung wegen: außer den bereits Genannten beteiligten sich Gertrud Bäumer, Alfred Kurella, Otto Neurath, Gustav Schiefler, Ferdinand Tönnies und Ernst Toller, um nur einige wenige der prominenten Gäste zu nennen. Auch als Symptom einer »gescheiterten Kultursynthese«[22], des Zerfalls eines intellektuellen Burgfriedens, wenn es diesen je gegeben hat, und als Resonanzboden für Max Webers große Reden Wissenschaft als Beruf und Politik als Beruf sowie seiner Streitschriften Wahlrecht und Demokratie und Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland verdienen sie Beachtung.[23]

Gruppenbild mit Max Weber ist kein Buch über Max Weber, sondern eine Studie der »Kontrahenten, an denen er wuchs«.[24] Sie geht weniger vom Wort als vom Bild aus. Die zwei Alben, die mit mehr als 50 Fotos die drei Zusammenkünfte dokumentieren, sind inzwischen erschlossen und laden zu neuen Erzählungen ein. In 13 Kapiteln werden je ein oder zwei Fotos zum Ausgangspunkt genommen, um die Vorgeschichte der Tagungen, den Tagungsort, die Gegenspieler, die Zuschauer, die Frauen, die Sucher, die praktischen Reformer, die Journalisten, die Künstler und die »Menschen von Morgen« in den Blick zu nehmen. Der Zugang ist horizontal, denn Fotos wie Teilnehmerlisten demokratisieren. Sie zeigen die Menschen – als Typen und in Konstellationen – im räumlichen Nebeneinander, in bisweilen unerwarteten Konfigurationen, als Anwesende und Abwesende. Die Frauen, die auf den Teilnehmerlisten weitgehend fehlen, werden als Akteurinnen sichtbar. Atmosphärisch suggerieren die Bilder im schlimmsten Kriegsjahr eine friedliche Welt, abgelegen und eingeschlossen. So betrachtet ist Gruppenbild mit Max Weber eine visuelle Mikrogeschichte.[25] Die Fotos sind Spuren, die tiefer in die Bedeutung der existentiellen Debatten über die Zukunft Deutschlands führen als die bisherigen Interpretationen des Geschehens. Erst in der Verbindung von Bild, Text und Zeitgeschehen entfaltet sich die explosive Kraft, deren Spuren in den Lauensteiner Gesprächen über die Zukunft des krisengeschüttelten Deutschland aufzuspüren sind und die ob ihrer Unvereinbarkeit den Weg in die Revolution zu weisen schienen. In der Tat, den Besten erlahmte der Glaube, und die Schlimmsten waren voll von leidenschaftlicher Heftigkeit.

2. Gruppenbilder mit und ohne Max Weber

Wer kennt es nicht oder hat es nicht schon einmal gesehen? Das Foto, das Ernst Toller als aufmerksamen Zuhörer von Max Weber zeigt? Es fehlt in keiner einschlägigen Publikation, auf keiner Internetseite, wenn diese von Max Weber, Ernst Toller oder Eugen Diederichs handelt. Letzterer war der Regisseur der drei Kulturtagungen, die vom 29. bis 31. Mai (Pfingsten), vom 29. September bis 3. Oktober 1917 und vom 21. bis 25. Mai (Pfingsten) 1918 auf der Burg Lauenstein stattfanden. Allerdings war Toller damals noch nicht, wie nunmehr die neueren Studien von Steven Schouten und Michael Pilz richtigstellen, der vielgerühmte Dramatiker, als den wir ihn heute kennen, sondern ein Student der Rechte und Philosophie an der Universität München. Den Weg in die Literatur hatte er gerade erst beschritten, zögerlich und voller Zweifel. Durch Freunde geriet er Ende September 1917 auf die Burg Lauenstein und lernte dort Max Weber persönlich kennen.[1] Kurt Kroner, von Beruf Bildhauer und 1916 Tollers Nachbar im Münchener Stadtteil Schwabing, Erich Trummler und Robert Wolfgang Wallach hatten bereits an der ersten Pfingsttagung teilgenommen.[2] Schon auf diesem ersten Treffen war Max Weber der unumstrittene Star gewesen. Wallach und Trummler kannte Toller aus dem Seminar des Theaterwissenschaftlers Arthur Kutscher, der Münchens künstlerisch interessierte Studenten in das so bezeichnete »Kutscher-Seminar« zog. Auf der Fotografie links von Weber ist der junge Wallach zu sehen. Er macht Notizen. In der Forschungsliteratur wird er hin und wieder mit Toller verwechselt. Kroner – im Halbprofil – kehrt dem Betrachter den Rücken zu. Auch er hat die Augen auf Weber gerichtet. Dieser spricht – die rechte Hand in der Hosentasche und die linke halb erhoben. Er wirkt konzentriert, zieht Zuhörer und Betrachter in seinen Bann. Das war auf der zweiten Tagung.

Die erste Zusammenkunft Pfingsten 1917 dokumentiert ein ebenso häufig reproduziertes Gruppenfoto. Aber anders als die eher spontan wirkende Aufnahme mit Max Weber im Zentrum wirkt das Gruppenfoto sorgfältig komponiert. Den Platz in der Mitte besetzt nicht Weber, dessen imponierende Gestalt den rechten Bildrand dominiert, sondern dort stehen die Veranstalter Eugen Diederichs und Ferdinand Jakob Schmidt. Dazwischen, oder genauer, hinter den beiden steht der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss. Damals ein junger Chefredakteur – mit Zukunftsaussichten.[3] Schmal und mit fragendem Gesichtsausdruck ist Heuss der eigentliche Fluchtpunkt der Fotografie.

Zu sehen sind lediglich 26 der insgesamt etwa 70 Teilnehmenden. Vor dem mit wildem Wein bewachsenen Gemäuer des Burghofs bilden sie eine lockere Reihe. Die meisten von ihnen stehen, manche sitzen, aber fast alle – bis auf etwa Max Maurenbrecher links, Lulu von Strauß und Torney in der Mitte und Hans Kampffmeyer rechts – richten den Blick auf die Kamera. Sie fixieren den Betrachter. Ganz links sieht man Kurt Kroner leger in Kniebundhose und Schillerkragen und rechts auf dem Boden Trummler und Wallach, elegant, aber konventionell gekleidet, in Anzug und Krawatte. Im Zentrum Rücken an Rücken stehen wie bereits erwähnt Diederichs und Schmidt, beide imposant von Gestalt (und wohlgenährt in Zeiten des Krieges!), der eine in Wanderkleidung, der andere urban professoral in dunklem Dreiteiler mit weißer Weste. Sie vertraten zwei der insgesamt drei Verbände, die eingeladen hatten zur Debatte über »Sinn und Aufgabe unserer Zeit«. Angekündigt war eine – mit Blick auf die Zensur – vertrauliche Besprechung in geschlossener Gesellschaft. Der Jenaer Verleger hatte die Einladung im Namen der von ihm im Vorjahr mitbegründeten Vaterländischen Gesellschaft 1914 in Thüringen gezeichnet, während der Berliner Philosoph Ferdinand Jakob Schmidt, Honorarprofessor für Pädagogik und Direktor des Margareten-Lyzeums, die Comenius-Gesellschaft repräsentierte. Für den Dürerbund stand auf der Einladung zur ersten Tagung der weithin bekannte Kunstwart-Herausgeber Ferdinand Avenarius. Teilgenommen hat er allerdings weder an diesem ersten noch den zwei weiteren Treffen im Herbst 1917 und Pfingsten 1918.

Vielmehr hatte Avenarius bereits im Vorfeld der ersten Tagung seinen alten Bekannten Diederichs gebeten, den Schriftwechsel und die Einladung an seinen Stiefsohn Wolfgang Schumann zu übertragen.[4] Dieser war erster Schriftführer des Dürerbundes, für den er schon seit Jahren den Literarischen Ratgeber und dessen Literarischen Jahresbericht betreute. Den Literaturteil des Kunstwart verantwortete Schumann redaktionell bereits seit 1908, als er noch Student der Kunstgeschichte in Berlin war.[5] Damals gewann er auch Otto Neurath, der dann im Herbst 1917 mit dabei war, als Mitarbeiter und Freund. Für den Fortgang der Lauensteiner Tagungen bedeutete diese Berufung jedenfalls eine folgenreiche Weichenstellung, war doch mit Schumann unversehens ein junger, dynamischer, ebenso kluger wie vielseitig interessierter und exzellent vernetzter Intellektueller ins Team der Organisatoren getreten. Dass er zwischen dem Dichter Paul Ernst und dem Gelehrten Max Weber plaziert ist, ist nicht als Zufall zu werten. Wir kommen noch darauf zurück.

Zweite Tagung: Max Weber mit von l. nach r.: August Messer, Robert Wolfgang Wallach, unbekannt, Ernst Toller, Paul Blauert, Kurt Kroner, nicht identifiziert die Frau in Strickjacke

Von den fünf Frauen, die auf dem Foto zu sehen sind, zieht Lulu von Strauß und Torney die Blicke auf sich, elegant mit Handtasche und weißem Kurzmantel bekleidet. Seit April 1916 war die erfolgreiche Schriftstellerin mit Diederichs verheiratet und ihre Präsenz in seinem Verlagsunternehmen wurde zunehmend spürbar. Zusammen mit dem Burgherrn Ehrhard Messmer war sie die logistische Mastermind hinter dem ambitionierten Projekt, in Zeiten ernsthafter Versorgungsengpässe eine so große Gruppe von prominenten Universitätsprofessoren, Künstlern, Politikern und Praktikern, Frauen und Männer auf einer abgelegenen Burg im Nordfränkischen für mehrere Tage zu beherbergen und – das war die eigentliche Herausforderung – zu verköstigen. Man war großzügig. Lediglich fünf Reichsmark pro Tag wurden für die Verpflegung erhoben. Aber man bat dringend, die eigenen Fleisch- und Brotkarten mitzubringen.

Erste Tagung: Stehend von links nach rechts: Kurt Kroner, Knud und Annali Ahlborn, Eva Schumann, Siegfried Kawerau, Werner Mahrholz, Ernst Krieck, Otto Crusius, Curt Heinke, Eugen Diederichs, Theodor Heuss, Ferdinand Jakob Schmidt, unbekannt, Lulu von Strauß und Torney-Diederichs, Eduard Wechssler, Selma von Lengefeld, Paul Ernst, Wolfgang Schumann, Max Weber, Harald Schultz-Hencke, Arthur Feiler; sitzend von links nach rechts: Erich Trummler, Robert Wolfgang Wallach, Hans Kampffmeyer

Quelle: DLA / NL Diederichs, Lauensteiner Tagungen 1917 und 1918-19

Dritte Tagung: von links nach rechts: drei nicht identifizierte Frauen, davon links vermutlich Marie Feiler, Ehrhard Messmer, Lisa Tetzner, Friedrich Castelle, unbekannt, Lenore Ripke-Kühn

Die dritte Tagung an Pfingsten 1918 konnte nur noch in stark reduzierter Besetzung abgehalten werden. Marianne Weber sagte ihre und ihres Mannes persönliche Teilnahme am 30. April ab.[6] Max Weber hatte inzwischen die Einladung an die Universität Wien angenommen und war deshalb unabkömmlich. Dennoch trug die Tagung seine Handschrift. Im Planungskommittee, dem er noch im Januar 1918 angehörte, hatte er sich für das Thema »sexuelle Frage« und »Jugendbewegung« stark gemacht.[7] In der Tat bestimmten dann auch die jungen Menschen das dritte Treffen, thematisch, praktisch – und, sichtbar auf den überlieferten Bildern, sind es besonders die jungen Frauen, die in Weiß gekleidet die einzelnen Szenen gewissermaßen aufhellen. Nicht von der Trauer um die im Krieg gefallenen Freunde, sondern von Aufbruch, Liebe und Begehren erzählen Bilder und aus der Zeit überlieferte Texte. Und, auch das zeigt die hier abgedruckte Fotografie, auf der Lisa Tetzner, Ehrhard Messmer, Friedrich Castelle und Lenore Ripke-Kühn auszumachen sind. Noch stehen sie beisammen: Sozialisten, Liberale und Völkische.

Offenbar war der Fotograf Alfred Bischoff von Diederichs beauftragt worden, die Tagung im Bild festzuhalten. Das bezeugen zwei Fotomappen mit je handschriftlicher Aufschrift »Lauensteiner Tagung 1917« und »II«. Sie liegen im Nachlass von Eugen Diederichs im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Die hier gezeigten Bilder sind der ersten Mappe entnommen, in der sich auch die sieben Fotos zur dritten Tagung befinden. Bischoff unterhielt nicht weit von Diederichs’ Verlagsdomizil am Carl-Zeiss-Platz in Jena ein »Atelier für moderne künstlerische Photographie«.[8] Zum dortigen Angebot, von dem Diederichs verschiedentlich Gebrauch machte, gehörten des Weiteren, ganz modern und zeitgemäß, »Vergrößerungen, Landschaften, Raumkunst, technische Aufnahmen und andere photographische Liebhaber-Arbeiten«. Lediglich versehen mit dem Firmenstempel Alfred Bischoff-Jena, gibt es zu den einzelnen Fotografien selbst keine näheren Angaben. Allerdings weiß man inzwischen, dass die erste Mappe das Pfingsttreffen 1917 mit 17 Fotografien und das Pfingsttreffen im Jahr darauf mit sieben Fotografien dokumentiert.

Wer der Fotograf oder die Fotografin der letzteren war, ist nicht bekannt. Von eins bis sieben durchnummeriert unterscheiden sich die Bilder der dritten Tagung von den übrigen Fotografien in Format, Papier und Farbtönung. Vieles spricht dafür, dass sie nachträglich hinzugefügt worden sind. Die zweite, lakonisch mit »II« betitelte Mappe hält auf insgesamt 29 Fotografien Momente des Herbsttreffens 1917 fest. Dass die beiden lose gebundenen Alben aus hellbraunem Karton nicht von Diederichs, sondern in Bischoffs Atelier zusammengestellt wurden, verbürgt eine Rechnung von Bischoff für verschiedene Bestellungen von Juni bis Dezember 1917. Hatte Bischoff im Anschluss an die Tagung bereits im Juni 36 Bilder vom Lauenstein geliefert, ist für September ein Posten »1 Mappe mit 17 Bildern I. Kongress«[9] aufgeführt, was darüber hinaus darauf schließen läßt, dass dieses Album im Vorfeld der Herbsttagung angefertigt wurde. Ob als Werbemittel für die neuen oder zur Erinnerung für die wiederkehrenden Besucherinnen und Besucher oder beides, ist nicht zu entscheiden. Als Verleger hatte Diederichs schon sehr früh die Macht von Bildern erkannt und in der Gestaltung und Ausstattung seiner Buchproduktion, seiner Verlagskataloge, Zirkulare und Werbung offensiv eingesetzt.

Doch zurück zur Studie Gruppenbild mit Max Weber, die die Geschichte der Lauensteiner Tagungen noch einmal, aber anders schreibt. Die Voraussetzungen hierfür sind geschaffen durch die Forschungen von Gangolf Hübinger, Irmgard Heidler, Robert Müller-Mateen und neuerdings durch die kommentierte Dokumentation Ein Gipfel für Morgen. Kontroversen 1917/18 um die Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg auf Burg Lauenstein.[10] Als Mitherausgeber sowohl der kritischen Max-Weber- als auch der Ernst-Troeltsch-Gesamtausgabe argumentiert Hübinger in seinen Beiträgen zu den ersten zwei Lauensteiner Tagungen aus der Perspektive der intellectual history. Ihm geht es um die spannungsgeladene Ideenpolitik Webers und seiner Mit- bzw. Gegenspieler, wie z.B. Ferdinand Tönnies, Otto Neurath und Max Maurenbrecher.[11] Die Verlagshistorikerin Irmgard Heidler kontextualisiert in ihrer großen Verlagsgeschichte die Lauensteiner Tagungen aus der Sicht von Eugen Diederichs und seiner verlegerischen Welt, in der die Zusammenkünfte 1917/18 den Auftakt zu einer Serie weiterer, thematisch anders gewichteter Treffen auf der Burg bilden.[12] Während Robert Müller-Mateen, ein Kenner von Lauensteins wechselvoller Geschichte, die drei Tagungen aus mikrohistorischer Perspektive vorstellt. Dass die dritte Tagung zum ersten Mal Kontur gewonnen hat, ist seinen Recherchen zu verdanken.[13]

Eine Art Tryptichon grundsätzlich unterschiedlicher Zugänge zum Thema – »Analysen«, »Bilder« und »Texte« – bietet der interdisziplinär angelegte Band Ein Gipfel für Morgen. Einzelbeiträge von Expertinnen und Experten aus der Geschichte und den Literatur- und Kulturwissenschaften erhellen nicht nur verschiedene Aspekte und Akteure der bunt zusammengewürfelten Tagungs-Gesellschaften, sondern der Band macht der Forschung erstmals zahlreiche, bisher unbekannte Dokumente, Texte und Bilder zugänglich.

Von besonderer Aussagekraft, nicht nur atmosphärisch, sind die bildphilologisch erschlossenen Fotomappen. Nicht alle, aber die meisten der Teilnehmenden konnten identifiziert werden. Namen auf den gedruckten und ungedruckten Teilnehmerlisten erhielten Gesichter. Während Listen sich am Alphabet orientieren, präsentieren die Fotografien der Betrachterin die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Großgruppen, in Zweier-, Dreier- und Vierergesprächen oder aber als Einzelpersonen: so zum Beispiel Otto Crusius (zur Abb.) oder Diederichs im Gespräch mit dem Burgherrn Ehrhard Messmer (zur Abb.) oder dem Nationalökonomen Otto Neurath (zur Abb.); Ernst Toller und der Worpsweder Maler Carl Emil Uphoff (zur Abb.); Max Weber mit Ida Dehmel (zur Abb.) oder dem Wickersdorfer Lehrer Bernhard Hell und Uphoff (zur Abb.); Werner Sombart mit Kurt Kroner und Diedrich Bischoff (zur Abb.).

Max und Marianne Weber, Gertrud Bäumer, Ida Dehmel, Otto Neurath, Werner Sombart und Ferdinand Tönnies. Sie kennt man zumindest dem Namen nach bis heute. Das genauere Hinsehen hält jedoch Überraschungen bereit: Neurath trägt nicht wie alle anderen Zivil, sondern die Uniform eines k.u.k Offiziers. Dadurch wird die völlige Abwesenheit von Frontsoldaten in feldgrauer Uniform erst recht augenfällig. Alfred Jaffé klagte nicht nur darüber scharf, sondern kritisierte auch das Fehlen von »Proletariern« in seinem Bericht für die Europäische Staats- und Wirtschaftszeitung.[14] Die Lehrer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf Rudolf Aeschlimann und Bernhard Hell sind in Begleitung des Diederichs-Sohnes Jürgen. Er fällt auf durch die weiße »Bäckermütze«, wie die Wickersdorfer Schülermützen salopp genannt wurden. Im Aufgebot des Dichterbundes der Werkleute auf Haus Nyland sind eben nicht nur Josef Winckler, der prominenteste von ihnen, und Wilhelm Vershofen, sondern auch der Maler Franz M. Jansen und seine Frau, die Künstlerin Fifi Kreutzer. Wie überhaupt die Frauen, die auf den diversen Teilnehmerlisten, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Berücksichtigung finden,[15] auf den Fotografien zum Blickfang werden: Ella Kroner, Künstlerin wie ihr Ehemann, ist eine von ihnen, die einzige mit Bubikopf. Oder Ida Dehmel im Habit der trauernden Mutter. Ihr junger Sohn Heinz Lux war im Januar 1917 an der Westfront gefallen. Oder Else Ernst, die in ein weites Umschlagtuch gehüllt, einer gotischen Madonna gleicht. Ihr verdanken wir eine besonders lebendige Schilderung der zweiten Lauensteiner Tagung. Auf den Fotografien zur dritten Tagung besticht Lisa Tetzner noch bevor sie zur gesuchten Märchenerzählerin wurde. Den rechten Fuß nach vorne setzend erweckt sie den Eindruck, als ob sie auf den Betrachter zugeht.

Im Umschlag vom studium, wie Roland Barthes das interessierte Betrachten einer Fotografie nennt, zum punctum entfalten die Bilder ihre Dynamik: es ist das Detail, eine Einzelheit, von der das studium »durchkreuzt, gegeißelt, gezackt wird«.[16] Eine halb erhobene Hand, eine Mütze, eine kleine Gruppe in der großen. Diese Einzelheit, zufällig und zwecklos, durch die der Betrachter sich angezogen und herausgefordert fühlt, bezeichnet Barthes als das »punctum (das, was mich besticht)«.[17] Details werden zum Einfallstor für neue, für alternative Erzählungen. Oder wenn diese in Dialog treten mit Geschichtsnarrativen, die Texte privilegieren, zu Korrekturen.

Erste Tagung: Richard Dehmel und Kurt Kroner

Erste Tagung: Ida Dehmel und Max Weber

Erste Tagung: Otto Crusius

Zweite Tagung: Eugen Diederichs und Ehrhard Messmer

Zweite Tagung: Gruppenfoto im Burghof (Umrisszeichung mit Auflösung der Namen im Bildteil G, 428 f.)

Einen ersten Versuch aus medienkritischer Perspektive hat die Bildungshistorikerin Karin Priem vorgelegt. Indem sie die Analyse der Materialität der Lauensteiner Fotoalben sowie der Technologien ihrer Produktion in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellt, macht sie auf deren verdeckten Einfluss bei der logozentrischen Herstellung von Geschichte und Stiftung von Erinnerung aufmerksam.[18] Deren Funktion sei, »den Fotografien und damit auch den Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen gemeinsamen und buchstäblich zusammengehörigen Auftritt« zu verschaffen. Durch die bewusst angeordneten Bildsequenzen, die den Betrachter implizit zum Umblättern auffordern, werde von dem Hersteller der Alben nicht nur »Erinnerung, sondern auch Erfahrung ediert, und zwar aus der beobachtenden fotografischen Distanz.«[19] In ihrer Schilderung der Herbsttagung nehme Marianne Weber zumindest kurz darauf Bezug, wenn diese Jahre später schreibt: »Weber ist während der Lauensteiner Tage geistig sehr bewegt. Es bedarf nur leichter Berührung, damit sein aufgespeichertes Wissen und Erleben hervorbricht. Er redet den ganzen Tag und halbe Nächte. Mehrere kleine photographische Aufnahmen zeigen ihn in lebhaften Gesprächen, umringt von einem Kreis aufmerksam Lauschender«.[20]

Man kann noch weiter gehen. Denn für den Bildteil der 1926 erstmals unter dem Titel Max Weber. Ein Lebensbild erschienenen Biografie ihres 1920 verstorbenen Ehemanns, aus der das Zitat stammt, suchte Marianne Weber aus den Lauensteiner Bildsequenzen die eingangs gezeigte Fotografie heraus. Es gab auch andere. Bilder zirkulieren, werden ediert und umfunktioniert. Wie sich dadurch Geschichte und Erinnerung verändern, kann man an den Eingriffen studieren, die – man weiß es nicht genau – der Verleger, Lektor oder die Autorin selbst vorgenommen haben: das Original der für die Biografie ausgewählten Fotografie wurde an allen vier Seiten beschnitten. Dadurch sind die zwei Frauen am rechten Bildrand verschwunden, die Spuren von Burg und Natur unkenntlich geworden und die verbleibenden meist jungen Männer auf Oberkörper und vor allem ihre Köpfe fokussiert. Beherrscht wird das Bild von Max Webers Profil und dem angespannten Gesichtsausdruck Tollers. Der Intellektuelle und der Dichter. Diese Lesart wird durch die Bildunterschrift ergänzt und verstärkt: »Lauenstein 1917. Rechts neben Weber: Ernst Toller«. 1926 war Toller in der Tat eine Berühmtheit. Ist das Verhältnis von Objekt und Bild in der Lauensteiner Bildsequenz semiologisch gesprochen ein indexikalisches, steht die sorgfältig edierte Fotografie der Weber-Biografie am Anfang ihrer Karriere zur hundertfach reproduzierten Ikone.

Quelle: Marianne Weber, Max Weber. Ein Lebensbild, unverändert nach dem Erstdruck 1926, Tübingen 31984, Bildteil.

Detail, das punctum der Fotografie, bleibt jedoch erhalten und wird durch die Vergrößerung eher potenziert: die halb erhobene linke Hand, die den Betrachter durch ihre Feingliedrigkeit besticht. In den Kontroversen mit seinem Lauensteiner Gegenspieler Max Maurenbrecher wurde Weber eine ungezügelte, geradezu vulkanische Brillianz nachgesagt.[21] Wohingegen hier – ausgelöst durch das punctum – dem Betrachter ein gezügelter Max Weber präsentiert wird, den seine Biografin an anderer Stelle anlässlich einer nächtlichen Diskussion mit revolutionär gestimmten Studierenden folgendermaßen beschreibt: »ausdrucksvoll hebt sich sein Kopf von den Kacheln ab, – sein glattes Haar ist jugendlich dicht und braun, der Bart jedoch von vielen Silberfäden durchzogen: Seine auseinanderstrebenden Spitzen werden öfter von der feingliedrigen Hand zusammengestrichen. Der Blick schaut so gütig und so ganz gewillt, sich in die Jungen einzufühlen.«[22] Geradezu magnetisch zog Weber nicht nur junge Menschen in seinen Bann. Er war, dies bezeugen zahlreiche Erinnerungstexte, auf beiden Tagungen, Pfingsten und Herbst 1917, Zugpferd, Held und Provokateur, ein intellektuelles Schwergewicht. Nur noch Richard Dehmel übte eine besondere, wenn auch nicht vergleichbare Anziehungskraft aus. Im Stillen, denn während der Debatten auf dem Lauenstein blieb Dehmel stumm. Auch darauf kommen wir zurück.

Wichtiger an dieser Stelle ist der bereits bemerkte Ausschluss der Frauen in den textlichen Überlieferungen, die zu korrigieren das studium der Lauensteiner Fotoalben einlädt. Das ist jedoch nur ein Aspekt, den das Barthes’sche studium der Fotoalben aufdeckt. Es gibt andere, sie wurden bereits oben angerissen. Nimmt man darüber hinaus die Aufforderung der Kunst- und Fotohistorikerin Joan M. Schwartz ernst: »Let us stop thinking of photographs as nouns, and start treating them as verbs, transitive verbs. They do things«[23], wird ein radikaler Wechsel der Perspektive notwendig: statt Fotografien lediglich als bewegungslose Objekte mit bestimmbaren Inhalten auszuwerten, fordert Schwartz dazu auf, Fotografien als agents zu betrachten. »We need to ask not only what they are of, and what they are about, but also what they were created to do.« Daraus ergeben sich neue Fragestellungen.

In diese Richtung wies bereits Priem mit ihren Überlegungen zur Entstehungs- und Editionsgeschichte der Lauensteiner Fotoalben. Deren Bedeutung verändert sich – mit Schwartz gesprochen – »across temporal and spatial, discursive and institutional boundaries«, mithin durch den zeitlichen Kontext und die Orte, wo sie entstanden, zirkuliert und umfunktioniert wurden, sowie durch die interpretativen Diskurse, in denen sie über die Jahre verhandelt wurden. Bislang führten die meisten der überlieferten Fotografien ein Schattendasein zunächst im Privatarchiv der Familie und nach der Übergabe des Verlagsarchivs Mitte der 1990er Jahre im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Seit der Publikation einer großen Auswahl aus den Fotoalben in dem Band Ein Gipfel für Morgen wächst das erinnerungsgeschichtliche Interesse. Ein Anfang war gemacht, den die vorliegende Studie fortsetzt, indem die Fotografien zum Ausgangspunkt einer neuen Darstellung der Lauensteiner Kulturtagungen genommen werden.

Was die Treffen zu einem Wendepunkt und die Burg Lauenstein zu einem Erinnerungsort in der deutschen Intellektuellengeschichte machen, ist die generationenübergreifende Repräsentanz des gesamten politischen Spektrums in den dort kontrovers geführten Debatten. Diese handelten in der Hauptsache von der (politischen) Neuordnung Deutschlands im Innern. 1917 ist das an sich nichts Neues. Bereits ein N-Gramm lässt erkennen, dass der Begriff »Neuordnung« seit 1916 Konjunktur hatte. Allerdings – so wollten es die Veranstalter – sollten die Debatten um die politische, soziale und ökonomische Neuorientierung Deutschlands unter dem Primat des Geistes und nicht der Ökonomie oder der Parteipolitik geführt werden. Denn einer der Grundgedanken der vorab formulierten, programmatischen Denkschrift war, »dem Ausland wie dem Inland gegenüber die Eigenart des deutschen Staats- und Wirtschaftslebens aus der Eigenart unserer geschichtlichen Lage und unseres Deutschen Wesens verständlich zu machen«.[24] Dies sollte nicht nur der Selbstbehauptung und Imagepflege Deutschlands in einem globalen Konflikt dienen, sondern auch neue (deutsche) Wertmaßstäbe für die europäische Zukunftsgestaltung setzen. Also, es ging in dem abgelegenen Burghof doch um große Politik. Die Hoffnung einer »mächtigen einheitlichen und nachwirkenden Kundgebung«[25] erfüllte sich jedoch nicht. Im Gegenteil.

Nicht zufällig bildet sich dieser Prozess der Polarisierung in der Planung und dem Verlauf der drei Kongresse ab. Streitbar war man von Anfang an. Das hier vorgestellte Gruppenbild lenkt jedoch den Blick von Max Weber auf die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Studium und Punctum der Fotografien. Aus der Nähe und genauer betrachtet gewinnen die darauf festgehaltenen Personen und Konstellationen an Plastizität, aber nicht nur das. Von einigen weiß man erst jetzt, dass sie überhaupt dabei waren. Etwa die erwachsenen Kinder von Eugen Diederichs: Jürgen, der älteste der drei Söhne, mit seinen Lehrern Bernhard Hell und Rudolf Aeschlimann (zur Abb.); oder die Tochter Ruth, der sich – auch das zeigt eine der Fotografien – Max Weber im Gespräch zuwendet (Ausschnitt zur Abb.); oder Else Ernst, damals eine bekannte Schriftstellerin, und Hulda Maurenbrecher, die in der bürgerlichen Frauenbewegung aktiv war. Andererseits jedoch produziert, wie im Falle Helmuth Plessners, das genaue Studium aber auch Zweifel an dessen bisher als gesichert geltender Teilnahme. Handelt es sich bei dem jungen Mann, der auf einer Fotografie der Herbsttagung neben dem Ehepaar Weber steht, tatsächlich um Plessner? Die Frage muss einstweilen offenbleiben.

3. Der Auszug in die Liminalität: Plan einer »Tagung zur Organisation des öffentlichen Geistes«

Im Anschluss an die erste Tagung bestellte Eugen Diederichs zwei Ansichten der Burg Lauenstein. Für die gerahmten Fotos im Standardformat 24 × 30 berechnete das Atelier 30 Mark. Die Bilder der Tagung im Kartenformat kosteten im Dutzend sechs, Einzelfotos je zwei Mark. Weder im ersten noch im zweiten Album wird eine der Burgansichten platziert. Der Mode der Zeit entsprechend hingen die gerahmten Fotos vermutlich im Arbeitszimmer des Verlegers. Die Alben konzentrieren sich auf die Akteurinnen und Akteure. Dagegen versäumt keine verschriftlichte Rückschau, den Ort der Tagungen in Erinnerung zu rufen. Marianne Weber gelingt es in wenigen Strichen, dem Leser die Burg und ihre Geschichte, das Thema und die Gäste vor Augen zu stellen: »Sie thront einsam über Thüringens ernsten Tannenwäldern auf kahlem Gipfel, ihr graues Gemäuer zeichnet sich gegen den Himmel. Lange hatten dort Proletarierfamilien genistet, dann erwarb sie ein Liebhaber. Nachdem er seine ganze Existenz für ihre stilgerechte Wiederherstellung eingesetzt hatte, öffnete er sie als Gaststätte. Dorthin berief der Jenenser Verlagsbuchhändler Eugen Diederichs einen bunten Kreis: Gelehrte, Künstler, politische Schriftsteller, ›Lebenspraktiker‹, freideutsche Jugend zum Austausch über Sinn und Aufgabe unsrer Zeit.«[1]

Gustav Schiefler, der Hamburger Landgerichtsdirektor und Kulturmäzen, der zusammen mit seiner Frau Luise zur Herbsttagung angereist war, zeigte sich gleichfalls beeindruckt von dem Tagungsort: »Das alte Ritterschloß steht in herrlicher Lage auf der Grenze zwischen Thüringen und Nordfranken und ist – nächst der Wartburg – die besterhaltene Burg Mitteldeutschlands. Ihr gegenwärtiger Besitzer hat sie ausgebaut und mit altem, neu aufgeputztem Hausrat zu einem Pensionsunterkommen für Sommerfrischler ausgestattet«.[2] Also ein kurioses Zwischending zwischen komfortablem Hotel und Museum.

In der achteckigen Turmstube fanden die legendären Trinkgelage statt.Die zwei Postkarten liegen in der ThULB Jena / NL Ulf Diederichs.

Auch Else Ernst berichtet, dass ihr Ehemann, der Schriftsteller Paul Ernst, bereits auf der ersten Tagung »das Entrücktsein auf der hochgelegenen Burg über dem unendlichen Auf und Nieder der maigrünen Wälder«[3] genossen habe. In der Tat störten weder Post noch Zeitungen. Vom »Zauber schöner Maitage« ist die Rede und davon, dass im September die Sonne »noch einmal ihren goldenen Schein und sommerliche Wärme über den der Verfärbung entgegengehenden Herbstwald verschwenderisch ausgegossen«[4] hatte. Offenbar verfehlte die Burg ihre Wirkung nicht. Das Setting unterstrich, woran den Veranstaltern gelegen war: das buchstäbliche »Entrücktsein« durch den Auszug aus der differenzierenden, oft hierarchischen Struktur von beruflichem und privatem Alltag, von Tagespolitik und anderen Verpflichtungen in die Antistruktur. Wo keine Post, keine Zeitung, kein Krieg hingelangte.

Mit Antistruktur oder Communitas bezeichnet der Ethnologe Victor Turner einen Schwellenzustand oder auch liminale Situationen, die sich durch entdifferenzierende Ambiguität und Unbestimmtheit auszeichnen.[5] Rituale, Feste, Karneval, Fiestas, millenarische religiöse Bewegungen oder etwa die Happenings und open-air-Veranstaltungen gegenkultureller Jugendbewegungen sind dieser Antistruktur zuzurechnen. Wenn Diederichs immer wieder gegen einen »reinen Redekongreß«[6] argumentierte und stattdessen nach neuen Formen von Vergemeinschaftung suchte, zielten seine Überlegungen auf die Herstellung von antistruktureller Communitas. Im Gegensatz zur normativen Sozialstruktur und ihrer diversen Rollensysteme zeichnen sich Schwellenzustände aus durch Übergang (vs. Zustand), Totalität (vs. Partialität), Homogenität (vs. Heterogenität), Gleichheit (vs. Ungleichheit), Anonymität (vs. Bezeichnungssysteme), Ranglosigkeit (vs. Rangunterschiede), Sakralität (vs. Säkularität), Simplizität (vs. Komplexität). Das sind nur einige der Charakteristika, die Turner ausgehend von seinen ethnologischen Feldstudien bei den Ndembu im nördlichen Sambia in einer langen Liste zusammenstellte und die man, je mehr liminoide Situationen man untersucht, um ein Vielfaches erweitern könnte.[7]

Besonders relevant in unserem Kontext ist die Beobachtung, dass die Menschen in der Liminalität »spielen«. Mehr noch, Vertrautes wird verfremdet und, fährt Turner fort, aus »den unvorhergesehenen Kombinationen vertrauter Elemente entsteht Neues«.[8] Das so hervorgerufene Unordentlichsein ermögliche Lernen und wird im Idealfall zum »Samenbeet kultureller Kreativität«.[9] Bei Diederichs, dem eigentlichen Impresario von Lauenstein, liest sich das dann so: »Was habe ich gewollt als Makler. Einen Lebensprozeß hervorrufen, der von sich aus zu Form kommt. Darum die Beteiligung der Künstler. Der Sinn des Lebens sind die schöpferischen Menschen.«[10] Die bisweilen forcierte Reduktion des Settings auf den vereinheitlichenden Zustand der Communitas, wo es tendenziell kein differenzierendes mehr oder weniger, kein jünger oder älter, kein oben oder unten gibt, bildet so gesehen die Voraussetzung für die Erzeugung neuer Formen, neuer Ideen und neuer Menschen. Statt von »neuen Menschen« würde man heute vermutlich von neuen Identitäten sprechen. Zudem würden, wie Turner mehrfach darlegt, die in den Schwellenzustand versetzten Menschen »mit zusätzlichen Kräften ausgestattet werden können.«[11] Nicht Revolution war 1917 Programm, sondern die Reform oder buchstäblich Umformung von Mensch und Gesellschaft.

In Diederichs’ Neigung, die auf einem dicht bewaldeten Gipfel thronende Burg zum transformierenden Kraftberg hochzuspielen, spiegelt sich die Erwartung, den Lauensteiner Tagungen das Potential einer innovativen Keimzelle mit allmählich sich ausbreitender Wirkung zuzusprechen. Nicht zufällig mutierte die zum komfortablen Hotel umfunktionierte Burg in Diederichs’ Imagination zur sakralen »Gralsburg«.[12] Richard Dehmel, schenkt man den Erinnerungen des Verlegers Glauben, bezeugte es. Wesentlich nüchterner reagierte der Kunstkritiker Karl Scheffler auf Diederichs’ emphatische Ankündigung: »Zum Vorschein kam dann aber nur eine jener Burgbauten, wie sie in Mitteldeutschland vielfach angetroffen werden.«[13] Zwischen den Organisatoren der Kongresse war dieses antistrukturelle Experiment nicht unumstritten, was, wie wir noch sehen werden, zu anhaltenden Differenzen im Vorfeld und auf den Tagungen selbst führte. Was die Gäste damals, zumindest die meisten von ihnen, nicht wussten: Lauenstein war eigentlich eine Notlösung – eine aus der Not geborene Tugend.

Der ursprüngliche Plan war zunächst ein anderer. Eigentlich sollte die Universitätsstadt Jena die Kulisse abgeben für »Eine Tagung zur Organisation des öffentlichen Geistes« mit Debatten über Deutschlands innere Friedensziele: fünf Tage während der Pfingstwoche mit dichtem Programm, 300 geladene Gäste, zum Auftakt eine große Eröffnungsfeier in der Stadtkirche Sankt Michael und zum Abschluss ein »Jugendfest auf der Wartburg« mit Friedrich Naumann als Festredner. Für die Schlussveranstaltung setzte man auf Prominenz und Charisma des evangelischen Theologen, sozialliberalen Politikers, Herausgebers der Wochenschrift Die Hilfe und Autors der vieldiskutierten Programmschrift Mitteleuropa. Sowohl Diederichs als auch sein Mitorganisator Max Maurenbrecher kannten ihn schon lange persönlich. Als junger Religionslehrer war Maurenbrecher 1899 Naumanns Nationalsozialem Verein beigetreten, stieg dort rasch zum Generalsekretär und dann zum Schriftleiter der Hilfe auf.[14] Wie Diederichs gehörte Naumann 1907 zu den 24 Gründungsmitgliedern des Deutschen Werkbundes, dessen Jahrbuch bis 1914 in Jena erschien. In diesem Kontext verlegte Diederichs 1914 die »Kölner Aussprache« zwischen Naumann und dem Architekten Hermann Muthesius, in der Naumann zum Thema »Werkbund und Weltwirtschaft« Stellung nahm.[15]

Dass auch in diesem anfänglich weiter gesteckten Rahmen Antistruktur intendiert war, das akzentuieren nicht nur die für die Veranstaltung vorgeschlagenen Orte wie die spätgotische Stadtkirche, die Wartburg und Jena, sondern auch der gewählte Zeitpunkt. Pfingsten, obwohl inzwischen zu einem vornehmlich »Reise- oder Ausflugsfest«[16] geworden, ist religionshistorisch das christliche Fest der Geistausgießung, über das in der Lutherbibel geschrieben steht: »Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie [die Apostel] alle beieinander an einem Ort. Und es geschah ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen, und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an zu predigen in andern Zungen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen«.[17] Ohne den Bezug zum religiösen »Pfingstwunder« überstrapazieren zu wollen, drängt sich dieser im Kontext der Erzeugung kreativitätsfördernder Antistruktur gewissermaßen auf.

Für das wachsende Bedürfnis vor allem unter jungen Intellektuellen nach neuen Formen von religiöser Erfahrung außerhalb der bestehenden Amtskirchen hatte Diederichs schon früh ein geradezu seismographisches Gespür bewiesen, als er seinen jungen Verlag zum hochkarätigen Laboratorium moderner religiöser Suchbewegungen ausbaute.[18]