Guardian 2. Gesandter der Unterwelt - Priest - E-Book

Guardian 2. Gesandter der Unterwelt E-Book

Priest

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Beschreibung

Erstmals auf Deutsch, von priest, einer der erfolgreichsten Autorinnen Chinas: Band 2 der Danmei-Light-Novel-Sensation Guardian – hochwertig ausgestattet mit beigelegter Charakterkarte und wunderschönen Innenillustrationen! Die letzten Tage des Mond-Neujahr brechen über die Drachenstadt herein und der Schnee verwandelt alles in eine stille Winterlandschaft verwandelt. Doch der Schein trügt. Menschen strömen in Massen in das Krankenhaus der Stadt, geplagt von unerklärlichen Schmerzen, die die behandelnden Ärzte vor ein Rätsel stellen. Ein Fall für den jungen Ermittler Zhao Yunlan und sein Team aus der Abteilung für Sonderermittlungen, das sich mit allem Übernatürlichem befasst. Als sich der mysteriöse Fall entfaltet, stoßen Shen Wei und Zhao Yunlan auf eine atemberaubende Entdeckung: Eines der vier Heiligtümer ist in die Welt der Sterblichen zurückgekehrt. In den falschen Händen kann das Artefakt das Gleichgewicht zwischen den Welten zerstören. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt! Doch jeder Schritt führt den jungen Ermittler Zhao Yunlan unweigerlich zu seinem neuen Begleiter, den mysteriösen Professor Shen Wei. Schon bald stellt Zhao Yunlan fest, dass er dem Rätsel um Shen Wei unausweichlich näherrückt – und damit tiefer als jemals zuvor in die Geheimnisse der Unterwelt abtaucht. Band 2 der Contemporary Urban-Fantasy-Trilogie um eine übernatürliche Mordserie und eine unsterbliche Liebe in einem Dark Academia-Setting Ein absolutes Must-Have für alle Fans von Mo Xiang Tong Xius The Grandmaster of Demonic Cultivation und Heaven Officials Blessing sowie alle Leser*innen, deren Herzen bei Boys Love-Geschichten höher schlagen! Diese Tropes erwarten dich: - Forbidden Love - Second Chances - Grumpy x Sunshine - Slow Burn Romance - Boys Love - Dark Academia - Mysteriöse Morde - Dunkle Geheimnisse Actionreich, emotional und voller unerwarteter Wendungen. Die Danmei-Trilogie erscheint in folgender Reihenfolge: - Guardian 1. Seelenwächter - Guardian 2. Gesandter der Unterwelt - Guardian 3. Das große Siegel

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Priest

Guardian 2. Gesandter der Unterwelt

Aus dem Chinesischen von Monika Li und Sarah Ozolnieks

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Die letzten Tage des Mond-Neujahr brechen über die Drachenstadt herein und der Schnee verwandelt alles in eine stille Winterlandschaft verwandelt. Doch der Schein trügt. Menschen strömen in Massen in das Krankenhaus der Stadt, geplagt von unerklärlichen Schmerzen, die die behandelnden Ärzte vor ein Rätsel stellen. Ein Fall für den jungen Ermittler Zhao Yunlan und sein Team aus der Abteilung für Sonderermittlungen, das sich mit allem Übernatürlichem befasst.

Als sich der mysteriöse Fall entfaltet, stoßen Shen Wei und Zhao Yunlan auf eine atemberaubende Entdeckung: Eines der vier Heiligtümer ist in die Welt der Sterblichen zurückgekehrt. In den falschen Händen kann das Artefakt das Gleichgewicht zwischen den Welten zerstören. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt!

Doch jeder Schritt führt den jungen Ermittler Zhao Yunlan unweigerlich zu seinem neuen Begleiter, den mysteriösen Professor Shen Wei. Schon bald stellt Zhao Yunlan fest, dass er dem Rätsel um Shen Wei unausweichlich näherrückt – und damit tiefer als jemals zuvor in die Geheimnisse der Unterwelt abtaucht.

Band 2 der Contemporary Urban-Fantasy-Trilogie um eine übernatürliche Mordserie und eine unsterbliche Liebe in einem Dark Academia-Setting

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de und www.bramblebooks.de

Inhaltsübersicht

Teil 3: Verdienstpinsel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

priest

HILFE ZUR AUSSPRACHE

Die Welt von Guardian

CHARAKTERE UND NAMEN

ABTEILUNG FÜR SONDERERMITTLUNGEN (AFS)

SEELENSCHUTZORDEN

DRACHENSTADT-UNIVERSITÄT

UNTERWELT

WEITERE

ORTE

GUARDIAN-VOKABULAR

WESEN

GLOSSAR

GENRES

NAMEN IM CHINESISCHEN

VOLKSKUNDE, MYTHOLOGIE UND RELIGION

ALLGEMEINES ZUR CHINESISCHEN KULTUR

Leseprobe

GUARDIAN 3: Das Große Siegel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Teil 3: Verdienstpinsel

1

Es war bereits dunkel, als Guo Changcheng das Zentrum für autistische Kinder verließ und Drachenstadt in eine frische Schneedecke eingehüllt vorfand. Durch die glatten Straßen kam er in seiner Klapperkiste von Auto zwar nur im Schneckentempo voran, doch hoffte er dennoch, es vor Ladenschluss zur Postfiliale zu schaffen. Sein Wagen war voller Übungshefte, Schul- und Kinderbücher, die er in Kraftpapier oder Plastik eingepackt hatte und noch vor Jahresende an seine Paten-Grundschule schicken wollte.

Guo Changcheng war kein herausragender Fahrer, und so manövrierte er das Auto mit äußerster Vorsicht über die rutschige Straße. Doch der Tag schien unter keinem guten Stern zu stehen, denn obwohl er langsam wie eine Schildkröte vorankroch, schaffte er es trotzdem, einen Fußgänger fast umzufahren. Eine in Grau gekleidete Gestalt war plötzlich auf die Straße gesprungen und Guo Changcheng direkt vors Auto gefallen. Bevor sie auch noch unter den Rädern landete, bremste Guo Changcheng eilig. Die Autos hinter ihm taten es ihm gleich, und es war allein ihrem ebenso gedrosselten Tempo zu verdanken, dass kein größeres Chaos entstand.

Einer der Fahrer kurbelte wutentbrannt sein Fenster herunter und brüllte der Person am Boden entgegen: »Hast du sie noch alle? Wenn du wen mit dieser Betrügermasche abzocken willst, dann mach’s da, wo weniger Verkehr is’!«

Guo Changcheng stieg hastig aus seinem Wagen. »A-alles in Ordnung? Tut mir leid, es tut mir wirklich ausgesprochen leid …«

Die Gestalt vor seinem Auto war nur noch Haut und Knochen, und das eingefallene, wachsgelbe Gesicht wurde zum Großteil von einem Hut verborgen. Für einen flüchtigen Moment war Guo Changcheng, als umgebe die Gestalt eine dunkle Aura.

Der Motzkopf hinter ihm richtete sich nun an ihn: »Du hättest ihn einfach umbrettern sollen, was kümmerst du dich noch um den?«

Mit einem kurzen Handzeichen bat Guo Changcheng den Fahrer um Geduld und streckte seine Hand danach dem Mann auf dem Boden entgegen. »Können Sie aufstehen? Vielleicht … bringe ich Sie besser ins Krankenhaus.«

Die Person mit der ungesund gelben Haut schlug die helfende Hand einfach weg, richtete sich auf und marschierte von dannen. Dabei trafen sich ihre Blicke, und Guo Changcheng schaute in erschreckend leblose Augen, die so unbeschreiblich düster waren, dass ihm ein Schauer über den Rücken fuhr. Als der dürre Mann an ihm vorbeiging, bemerkte Guo Changcheng ein kleines Mal unterhalb seines Ohrs, das wie ein rabenschwarzer Fingerabdruck aussah.

»Ist wirklich alles in Ordnung?«, rief er dem Mann hinterher. »Ich kann Ihnen meine Kontaktdaten geben, mein Name lautet …«

Guo Changcheng verstummte, als die Person in einer Seitengasse verschwand. Auch der ungeduldige Fahrer manövrierte sein Auto aus der Schlange an ihm vorbei und konnte sich einen letzten Kommentar nicht verkneifen: »Kumpel, du bist echt ein kompletter Vollpfosten!«

Der besagte Vollpfosten seufzte und stapfte durch die eisige Kälte zurück zur Fahrertür seines Autos. Als er sie öffnete, sah er jemanden in der Reflexion der Scheibe. Es war der mysteriöse Mann von eben.

Er lungerte an einer Straßenecke herum, und obwohl Guo Changcheng durch den Hut gerade mal die Hälfte seines Profils ausmachen konnte, hatte er ein schlechtes Gefühl. Da näherten sich zwei Frauen, die Hand in Hand über den rutschigen Gehweg staksten. Als sie ihn passierten, öffnete der Mann seinen Mund und präsentierte eine knapp fünfzehn Zentimeter lange Zunge. Er folgte den Frauen mit dem Blick und atmete tief ein. Mit einem Mal taumelte eine der beiden Frauen und sank wie in einer plötzlichen Unterzuckerung fast zu Boden; ihre Begleitung konnte sie gerade noch halten. Guo Changcheng sah, wie irgendetwas aus dem Körper der Frau stieg und geradewegs im Mund des Mannes verschwand.

Blitzschnell fuhr Guo Changcheng herum, doch sah er nichts außer der verschneiten Straße und emsige Fußgänger.

Mit wild klopfendem Herzen kletterte er zurück in sein Auto und kramte den kleinen Elektroschocker heraus, den Zhao Yunlan ihm geschenkt hatte. Er steckte ihn in die innere Brusttasche seiner Jacke und klopfte noch einmal beherzt darauf, ehe er den Motor startete und langsam weiterfuhr.

 

Als Guo Changcheng am nächsten Tag das Büro betrat, flog ihm sogleich Zhu Hongs Essenmarke entgegen. »Xiao-Guo, ich hätte heute gern den frittierten Rinder-Pfannkuchen, diesen superknusprigen! Und dazu einen Joghurt.«

Bereits gewohnt, herumkommandiert zu werden, setzte der Jüngste im Team seine Tasche ab, nickte und machte sich sofort auf den Weg in die Cafeteria. Am Eingang kam ihm Chu Shuzhi entgegen, der einen halben Jianbing im Mund hatte. Sofort stand Guo Changcheng kerzengerade. »Guten Morgen, Chu-Ge!«

Chu Shuzhi hob desinteressiert den Blick und musterte ihn im Gehen nur flüchtig.

»Mh.«

Doch plötzlich, nach nur wenigen Schritten, fuhr er herum, krallte sich Guo Changchengs Kragen und zog ihn an sich heran. »Warte. Wo hast du dich rumgetrieben?«

Mit großen Augen starrte der Jüngere ihn nur verwirrt an.

Mit seinen nach herzhafter Teigware duftenden Händen griff er nach irgendetwas an Guo Changchengs Schultern und drehte den jungen Mann danach um, ehe er seinen Rücken und seine Seiten abklopfte. Danach schnappte er sich eine Serviette, wischte seine Finger damit ab und gab ihm einen finalen sachten Schubser. »So, bist sauber, jetzt kannst du gehen. An dir klebte lauter Unglück.«

Mit hochrotem Kopf und kleinen Schritten setzte sich Guo Changcheng schnell wieder in Bewegung. Chu Shuzhi hingegen biss lautstark in sein knuspriges Crêpe-ähnliches Gebäck und wandte sich an Zhu Hong: »Wofür muss der Bengel kultivieren? Das gute Karma trieft ihm jetzt schon wie Fett aus den Poren.«

Zhu Hong, die noch nicht gefrühstückt hatte, sah zu ihrem wild krümelnden Kollegen auf und dachte bei seiner Beschreibung an ein fettes Schwein, das kurz vor der Schlachtung stand. Prompt lief ihr das Wasser im Munde zusammen.

»Hat wer was zu essen?«, fragte Zhao Yunlan, der gerade durch die Eingangstür der Kriminalabteilung gestürmt kam. Kaum hatte er Chu Shuzhi erblickt, stand er bereits vor ihm und durchsuchte seinen Untergebenen nach etwas Essbarem. In seiner Jackentasche wurde der Chef fündig: ein hart gekochtes Ei, das er seinem Mitarbeiter ohne Weiteres abnahm. Letzterer konnte seine Wut nur mit Mühe hinunterschlucken.

Als Nächstes machte sich Zhao Yunlan über den Kühlschrank her. Er schnappte sich eine kleine Packung Milch, riss sie auf und kippte sich den Inhalt in den Mund.

»Die gehört mir!«, jammerte Daqing. »Jetzt beklaust du auch noch die Katze?! Bist du so tief gesunken?«

»Warum gehst du nicht in die Cafeteria?«, fragte Zhu Hong.

»Ich hab’s eilig«, erklärte Zhao Yunlan und stopfte sich noch das Ei in den Mund, ehe er schnellen Schrittes die Wand ansteuerte. In diesem Augenblick kam Guo Changcheng mit dem Frühstück zurück und sah erschrocken zu, wie sein Chef in ebendieser Wand verschwand.

»Mund zu, sonst kommen Fliegen rein«, riet Zhu Hong und nahm ihm das Frühstück ab. »Da vorne ist eine unsichtbare Wand, die zu unserer Bibliothek führt. Als Normalsterblicher ohne nennenswerten Kultivierungsgrad könntest du nichts darin verstehen, da ist es kein Wunder, dass du nicht einmal die Tür sehen kannst.«

Chu Shuzhi, der sich ohne das gekochte Ei nicht vollends gesättigt fühlte, riss sich als Nachschlag blitzschnell etwas von Zhu Hongs Pfannkuchen ab. »Ich kann die Tür zwar sehen, aber der Zutritt bleibt mir verwehrt.«

»W-warum das?«, fragte Guo Changcheng.

Chu Shuzhi verzog den Mund zu einem unheimlichen Lächeln. »Weil ich vorbestraft bin.«

Guo Changcheng blinzelte ihn nur wortlos an. Die Furcht vor seinem Kollegen war nach wie vor ungebrochen.

Fünf Minuten später stürmte Zhao Yunlan mit einem alten, zerfledderten Buch in der Hand wieder aus der Wand. Die Eierschalen und den Milchkarton entsorgte er in Guo Changchengs Mülleimer, ehe er sich eine Serviette von Zhu Hong schnappte. Ohne ein Wort eilte er wie ein geölter Blitz aus dem Büro und ließ sich den restlichen Tag nicht mehr blicken.

 

Ihre Rückkehr aus dem Gebirge war schon zwei Wochen her, und der Dezember verstrich wie im Fluge. Im neuen Jahr kam es zu einem erneuten Kälteeinbruch und einem Windsturm, der sowohl Menschen als auch Nicht-Menschen geradewegs in Richtung Frühlingsfest pustete. Vor dem Mond-Neujahr füllte sich Zhao Yunlans Terminkalender ins Unermessliche; er war so verplant mit menschlichen und übernatürlichen Verpflichtungen, dass er fast seinen eigenen Namen vergaß. Passend dazu klingelte sein Arbeitstelefon tagtäglich wie eine gefragte Hotline. Schließlich wurden die Kalender im Büro ausgetauscht, aber Drachenstadt steckte noch immer tief im Winter. Es wurde früh dunkel, und so erschienen die Mitarbeiter der Nachtschicht schon meist vor der offiziellen Feierabendzeit, an der ihre Schicht begann.

An diesem Tag schwebte Sangzan in die Abteilung für Sonderermittlungen.

Der gute Sangzan hatte es nicht leicht. Zu Lebzeiten hatte er sich als skrupelloser Intrigant bewiesen, nur um nach seinem Tod für rund tausend Jahre in der Gebirgsflussahle eingesperrt zu werden. Nach seiner »Umerziehung« wollte er als neuer Mensch … oder eher als neuer Geist durchstarten, doch hatte sich die Welt gewandelt. Er war nicht mehr der gewiefte Verschwörer von damals, sondern ein Trottel, der die Leute um sich herum nicht verstand.

Wang Zheng war die einzige Person auf der Welt, mit der er noch kommunizieren konnte. Doch auch wenn die Hanga-Sprache ihre Muttersprache war, hatte Wang Zheng sie nur bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr gesprochen. Die dreihundert Jahre darauf war sie allein von Hochchinesisch umgeben gewesen, und somit musste Sangzan feststellen, dass ihre Gespräche mit den anderen wesentlich flüssiger waren als die mit ihm. Für ihn gab es nur eine Lösung: Er musste Chinesisch lernen.

Sangzan war ein rücksichtsloser Mann, jemand, der einst Frau und Kind vergiftet hatte. Wenn er sich etwas vornahm, hielt er eisern daran fest, egal, was es kostete. Seit zwei Wochen musste Wang Zheng also sein endloses, unverständliches Nachgebrabbel ertragen, das sie fast in den Wahnsinn trieb. Doch die Mühe zahlte sich allmählich aus, und Sangzans chinesische Aussprache verbesserte sich. Inzwischen konnte er Sätze halbwegs sicher wiederholen und sogar einfache Konversationen halten.

Die auswendig gelernte Ankündigung brachte er nun aber nur stockend, Silbe um Silbe und mit größter Mühe hervor: »Gelan sagt, neben dem Jahr… Jahresendnuss gibt es noch Sommerzufluss. Be… Beschneidet alle Quit… Quitten.«

Sangzan hatte nur die Hälfte der Worte selbst verstanden, entsprechend schwer fiel es ihm, sie sich zu merken und sauber auszusprechen.

»Amitabha«, murmelte Lin Jing. »Geht es um das Essen beim Frühlingsfest? Oder wofür sollen wir Quitten schneiden?«

»Nicht Fest, Quitten. Messer sind Barkosten…«

»Direktor Zhao hat gesagt, dass wir dieses Jahr neben dem Jahresendbonus noch einen Sonderzuschuss von fünftausend Yuan erhalten, den ihr bis zum Wochenende bei mir abholen könnt. Bringt mir nächste Woche außerdem alle eure Rechnungen, vor allem die für eure Fahrtkosten, die für die Arbeitsschutzversicherung auch gerne«, erklärte Wang Zheng, die eilig die Treppe heruntergeschwebt kam. Sangzan bestrafte sie mit einem bösen Blick. »Nicht mal nachsprechen kannst du.«

Sein sonst so grimmiger Gesichtsausdruck wurde bei Wang Zhengs Anblick sanft. Mit einem dümmlichen Grinsen griff Sangzan behutsam nach ihrer Hand.

»Komm mir nicht so, ich bin beschäftigt«, mahnte Wang Zheng mit leiser Stimme und richtete sich dann an ihre Kollegen: »Bei wem treibt sich der Chef gerade rum? Ich brauche dringend eine Unterschrift von ihm.«

»Ich … ich bring …«, begann Sangzan eilig.

»Du?« Wang Zheng zog ihre Hand weg. »Du jagst seinen Saufkumpeln nur einen Riesenschrecken ein.«

Die Ablehnung verärgerte Sangzan nicht. Wie ein großer Hund trottete er Wang Zheng hinterher und sah zu, wie sie emsig durch die dunklen Flure schritt und ihrer Arbeit nachging. Manchmal hielt sie an und hauchte ihm Worte zu, die außer den beiden niemand verstand, und Sangzan schenkte ihr daraufhin ein ruhiges, zufriedenes Lächeln.

»Ich hasse Leute, die ihre Liebe so zur Schau stellen! Und dann auch noch in einer Fremdsprache! Der Geisterschreck hat endlich eine Flirt-Pause eingelegt, aber dafür legen die zwei jetzt los!«

»Möge Buddha deiner alleinstehenden Seele gnädig sein und dir deinen flammenden Neid verzeihen«, sagte Lin Jing. Zhu Hong, die ihm für den Spruch gern eine verpasst hätte, hob bereits die Hand, doch das klingelnde Telefon unterbrach sie. Schnell nahm sie ab. »Ja, hallo? … oh, wo denn?«

Zhu Hong gestikulierte ihren Kollegen zu, die sich bereits auf den Heimweg begeben wollten. Brav blieben sie stehen und sahen zu, wie Zhu Hong sich ein Post-it schnappte und zu schreiben begann. »Okay, jetzt. Gelbfelsstraße … 26. Das Krankenhaus am Gelbfelstempel, richtig? Alles klar, gebe ich so weiter … ach ja, kannst du heute Abend noch einmal ins Büro kommen? Wang Zheng braucht Unterschriften von dir.«

Jeder wusste, wer am anderen Hörer war. Zhu Hong legte auf und sagte: »So, gemäß der Tradition unserer Abteilung, ›tagsüber ruhen, nachts Überstunden tun‹, hat unser gewissenloser Chef uns fünf Minuten nach Feierabend einen Batzen Arbeit aufgedrückt.«

Nach der Ankündigung machte Lin Jing auf dem Absatz kehrt. »Ich habe nichts gehört. Nichts, rein gar nichts!«, sagte er und stolperte in Windeseile aus dem Büro, bevor noch jemand protestieren konnte.

Zhu Hong stand auf, klebte das Post-it an die Wand und wickelte sich ihren Schal um, bevor sie selbst den Heimweg antrat. »Ein Kaltblüter wie ich sollte im Warmen bleiben. Bis dann!«

»Und ich habe immer noch kein Winterfell!«, sagte Daqing und sprang schnell durch den Spalt, bevor Zhu Hong die Tür hinter sich schloss.

Zurück blieben nur Chu Shuzhi, der nicht schnell genug reagiert hatte, und Einfaltspinsel Guo Changcheng.

»Scheiße«, grummelte Chu Shuzhi.

Zehn Minuten später saßen beide in Guo Changchengs Auto auf dem Weg zum Gelbfelstempel-Krankenhaus.

2

Chu Shuzhi war die ungeschlagene Nummer eins der Leute, vor denen sich Guo Changcheng fürchtete. Nicht einmal Zhao Yunlan machte ihm Konkurrenz. Der Direktor war zwar nicht ohne, doch hatte er für gewöhnlich eine lebendige, freundliche Art und riss gern Witze, wodurch er höchstens als gelegentlich launischer Vater oder mürrischer Bruder durchgehen konnte. Chu Shuzhi war anders. Dank seiner kalten, mysteriösen Aura wirkte er auf Guo Changcheng wie ein unnahbarer Heiliger, den man am besten nur aus der Ferne betrachtete.

Mit seinem kleinen Notizbuch ausgerüstet, folgte Guo Changcheng seinem älteren Kollegen aus dem Auto in Richtung Krankenhaus, bedacht darauf, kein überflüssiges Wort zu verlieren.

Am Eingang erwartete sie ein Polizeibeamter namens Wang, der sie, nachdem beide Seiten ihre Dienstausweise präsentiert hatten, zum Zimmer des Patienten führte. »Mein Vorgesetzter ist auch anwesend, er hat soeben mit Herrn Direktor Zhao gesprochen. Der Fall ist ziemlich übel. Irgendjemand hat dem Patienten vergiftete Lebensmittel verkauft, offenbar aus Bosheit. Um was für ein Gift es sich genau handelt, konnte noch nicht festgestellt werden.«

»Vergiftete Lebensmittel?«, hakte Chu Shuzhi nach. »Was denn genau?«

»Obst«, antwortete Herr Wang. »Laut einer Angehörigen des Patienten hat er sich eine Orange gekauft, sie gegessen und ist direkt danach umgekippt. Die Angehörige hat ihn sofort ins Krankenhaus gebracht und die Polizei verständigt.«

Während er sprach, stieß der Polizist die Tür zum Patientenzimmer auf. Sofort wurden die drei von einem markerschütternden Schrei begrüßt. Erschrocken stellte sich Guo Changcheng auf die Zehenspitzen und lugte über Chu Shuzhis Schulter. Im Bett sah er einen Mann um die vierzig, der sich wild umherwälzte und nur mit Mühe von mehreren Ärzten und Krankenpflegern im Zaum gehalten wurde. Abseits stand eine schluchzende Frau, womöglich die besagte Angehörige.

Der Patient hatte die Hand eines Arztes fest umklammert und jammerte schmerzerfüllt: »Mein Bein! Es ist gebrochen … Ah, mein Bein! Mein Bein! Ah!«

»Sein Bein?«, fragte Chu Shuzhi und sah zu Herrn Wang. »Sagten Sie nicht, er sei vergiftet worden?«

»Genau, seinem Bein fehlt auch nichts«, erklärte der Polizist. »Nicht mal einen Bluterguss hat er, und beim Röntgen hat man auch nichts gefunden – das ist ja das Merkwürdige.«

Chu Shuzhi näherte sich dem Bett und klopfte einer der Krankenpflegerinnen auf die Schulter, damit sie ihm Platz machte. Danach beugte er sich vor, klappte die Augenlider des Patienten kurz um und überprüfte dessen Pupillen. Schließlich sah er hinter den Ohren nach und murmelte irgendetwas Unverständliches. Über dem Körper des Patienten machte er eine Greifbewegung und drückte die geschlossene Faust fest auf seine Brust.

Dieser beruhigte sich augenblicklich.

»Tut es jetzt noch weh?«, fragte Chu Shuzhi.

Der Mann atmete tief durch, warf ihm einen dankbaren Blick zu und schüttelte den Kopf.

Die Ärzte und Krankenpfleger glaubten wahrscheinlich, Zeuge eines Kultrituals geworden zu sein, und musterten Chu Shuzhi argwöhnisch. Letzterer nahm derweil seine Hand weg, woraufhin der Patient sein Herumgerolle jammernd fortsetzte. Desinteressiert wandte sich Chu Shuzhi ab und schnipste Guo Changcheng zu. »Wir sind hier fertig. Los, wir müssen zurück und den Bericht schreiben.«

Guo Changcheng war sprachlos. Wo sind wir, bitte, fertig? Und was zur Hölle war das gerade?

 

Nach der Vorlesung wartete Shen Wei, bis alle Studierenden den Saal verlassen hatten, ehe er die Sachen zusammenpackte und zu seinem Zuhause in der Welt der Sterblichen zurückkehrte. Unterwegs sah er immer wieder auf das Handy, dabei hatte sein Modell nur genau drei Funktionen: Anrufen, Nachrichten versenden und die Zeit anzeigen.

Shen Wei war alles andere als technikaffin. Er war ein gemächlicher, altmodischer Mensch, der Briefe bevorzugte. Bei dringenden Angelegenheiten reichten kleine Notizen, hatte man hingegen genug Zeit, konnte man seine Nachricht in aller Ruhe und auch gern etwas länger verfassen. Bei Telefonaten, die nach Zeit abgerechnet wurden, fühlte Shen Wei sich hingegen gehetzt, als würde ihm jemand mit strengem Blick zuhören. Zudem erfüllte das Aufreißen eines Briefs ihn mit Vorfreude, und das erst recht, wenn der Absender ihm viel bedeutete. Jedes Wort in einem Brief steckte voller Leben und konnte auf ewig verwahrt werden.

Leider hatte Zhao Yunlan ihm noch nie einen Brief geschickt. Der Direktor war sogar zu faul, bei einer Paketannahme vernünftig zu unterschreiben, und kritzelte statt seines Namens immer nur einen Kreis hin.

Shen Wei blieben also nur die Textnachrichten auf seinem Handy, von denen er keine gelöscht hatte. Seit ihrer Rückkehr aus dem Gebirge waren keine neuen hinzugekommen, Zhao Yunlan hatte sich nicht wieder gemeldet. Vielleicht nahm er ihm die ganze Sache übel? Es wäre wenig verwunderlich, wurde der unheilvolle Seelenvollstrecker doch überall geächtet.

Das ist schon in Ordnung, dachte Shen Wei. So ein Menschenleben dauerte nur wenige Jahrzehnte, kaum länger als ein Wimpernschlag. Und wenn dieses Leben eines Tages wie eine Kerze erlischt, würden alle Erlebnisse darin ihre Bedeutung verlieren. Zhao Yunlan würde ihn wieder vergessen, ihn und diese peinliche Episode.

Die Tür zu Shen Weis Schlafzimmer war stets verschlossen. Er öffnete sie und trat hinein, das Licht ging automatisch an und offenbarte einen Raum, in dem weder Tisch noch Stühle standen und vor allem kein Bett. Einzig die Wände waren voller Porträts, deren Rahmen ihr stattliches Alter verrieten. All die Bilder waren von ein und demselben Mann: mal vorne, mal sein Profil und manchmal auch die Rückansicht. Allein seine Kleidung unterschied sich je nach Epoche, doch der Mann selbst wirkte bis aufs kleinste Detail, bis auf die feinste Mimik unverändert. Unverändert in jedem seiner Leben. Weiter hinten hingen unzählige Fotos, mal war der Mann im Kindesalter, mal erwachsen. Auf manchen Fotos lächelte er, auf anderen runzelte er die Stirn, war in ein Gespräch vertieft oder alberte herum. Auf einem Foto war ihm sogar eine Katze auf den Kopf gesprungen.

Jedes dieser Bilder zeigte Zhao Yunlan.

Es reicht, wenn ich es weiß. Wenn ich der Einzige bin, der sich erinnert, dachte Shen Wei. Auch er sollte schließlich eines Tages verschwinden, und niemand würde es bemerken.

Jemand wie er sollte eigentlich nicht einmal existieren.

Bis dieser Tag kam, erlaubte Shen Wei sich nur ein paar heimliche Blicke. Manchmal nutzte er die Nachtstunden aus, um sich in Zhao Yunlans Wohnung zu schleichen, doch war Letzterer zu wachsam, als dass Shen Wei lange bleiben konnte. Ihm kamen die vielen Geschäftsessen des Direktors mehr als gelegen, denn nur wenn Zhao Yunlan ordentlich angetrunken nach Hause kam, traute Shen Wei sich ein wenig näher an ihn heran.

Shen Wei hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um diesen Mann zu beschützen, den Mann, den er nie anfassen durfte. Wie können diese Leute es trotzdem wagen …

Wut huschte über Shen Weis Gesicht, ehe er sich umdrehte und in einer schwarzen Nebelschwade verschwand.

 

Der Seelenvollstrecker eilte über die Huangquan-Straße und alarmierte damit die gesamte Unterwelt. Am Fuße der Naihe-Brücke wurde er vom Magistrat empfangen, der von einer Gruppe Geisterbeamten und der Schwarzen und Weißen Vergänglichkeit begleitet wurde, deren Aufgabe es war, Seelen in die Unterwelt zu führen. Der Magistrat zitterte, begrüßte ihn jedoch mit größtem Respekt: »Eure Exzellenz, wir haben nicht mit Eurem Besuch gerechnet …«

Der Seelenvollstrecker zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Die Gebirgsflussahle ist aufgetaucht. Sie befindet sich nun in meiner Hand. Der Verdienstpinsel kann nicht weit sein.«

Aufmerksam studierte der Magistrat die Miene seines Gegenübers und kam zu dem Schluss, dass dieser nicht in bester Stimmung war. Er zwang sich ein kleines Lächeln ab und wählte seine Worte mit Vorsicht: »Die Methoden Eurer Exzellenz sind wirklich außer…«

»Ich bin hier, um euch allen etwas mitzuteilen«, unterbrach der Seelenvollstrecker ihn mit eisigem Blick. »Mir ist gleich, ob ihr mir Glauben schenkt oder nicht, ich bin der Hüter des Großen Siegels. Ich werde jedes der vier Heiligtümer finden und meiner Pflicht nachgehen. Sollte ich meinen Schwur brechen wollen, wird mich nichts aufhalten können, weder das Erwachen des Großen Kunlun noch die Wiederauferstehung der Urkaiser. Ich rate euch, niederträchtige Machenschaften zu unterlassen – ihr wollt meinen Zorn nicht auf euch ziehen.«

Mit tief gesenktem Kopf erwiderte der Magistrat: »Eure Exzellenz, mir scheint, als gäbe es hier ein Missverständnis: Das Buch von Leben und Tod mit dem Verdienstverzeichnis zu verbinden, war eine Idee des Seelenwächters. Nur seinetwegen haben wir derart schnell reagiert und ihm das Buch übergeben. Uns war nicht bewusst, dass dadurch die Identität Eurer Exzellenz preisgegeben werden würde. Dies zeugt von unserer fehlenden Weitsicht und erfüllt uns mit größter Scham, wir …«

Ein kleines, spöttisches Lachen glitt über die Lippen des Seelenvollstreckers. »Das will ich auch hoffen. Wählt eure Taten mit Bedacht. Ich verabschiede mich.«

Während er sprach, verschwand er bereits in schwarzem Nebel. Es dauerte ein wenig, bis die kalte, unheilvolle Aura, die an ihm haftete, sich ebenfalls auflöste und die zurückgelassenen Beamten aufatmen konnten.

»Euer Ehren.« Ein Geisterbote näherte sich dem Magistrat, der sich gerade mit dem Ärmel den Angstschweiß von der Stirn wischte. »Der Seelenvollstrecker hat nicht unrecht«, flüsterte er. »Die vier Heiligtümer sind zwischen ihm und dem Geisterkönig des Urchaos aufgeteilt. Zudem ist er der Hüter des Siegels, und auch wenn wir den Großen Kunlun auferwecken, ändert das nichts an der Tatsache, dass dieser in unserer heutigen Zeit lediglich ein Mensch ist. Er wird machtlos sein. Wir sollten Ruhe bewahren und dem Seelenvollstrecker unser Vertrauen schenken …«

»Ist dir bewusst, welches Opfer der Schutz des Großen Siegels erfordert?«, fragte der Magistrat mit gedämpfter Stimme. »Die Urgötter haben allesamt ihr Leben gelassen, und er ist lediglich ein Halbgott. Es hat Zehntausende Jahre gedauert, bis er aus seiner unheilvollen Energie seinen jetzigen Körper formen konnte. Würde er solch langwierige, mühevolle Kultivierung wirklich zum Schutze des Großen Siegels aufopfern?«

Bei den Worten erschauderte der Geisterbote, und neue Angst erfüllte sein Herz. Der Magistrat fuhr flüsternd fort: »Es war der Gebirgsgott Kunlun persönlich, der den Seelenvollstrecker zum Hüter des Großen Siegels ernannte, und somit sollte er ihn auch wieder aus diesem Amt entlassen. Und dafür bleibt uns keine andere Wahl, als ihn zu erwecken.«

»Aber die göttliche Seele des Großen Kunlun steckt seit Tausenden Jahren im Kreis der Wiedergeburt. Er ist inzwischen ein einfacher Mensch, der fast all seine Göttlichkeit verloren hat …«

»Sehr richtig, fast.«

Der Magistrat hob den Blick. »Hast du schon einmal von dem Himmlischen Auge gehört?«

3

Nach jedem Außendienst müssen wir einen Routinebericht schreiben. Ich bin langsam im Tippen, also übernimmst du das«, sagte Chu Shuzhi, als er sich eine Tasse Tee eingoss und es sich auf dem Stuhl bequem machte. »Ich diktiere.«

Guo Changcheng saß kerzengerade vor dem Computer. Die Kriminalabteilung war der einzige noch beleuchtete Ort in der Abteilung für Sonderermittlungen. Zu dieser Zeit waren normalerweise keine Menschen mehr im Büro, nur vereinzelte Geister schwebten noch herum.

Kaum hatten die beiden sich gesetzt, klopfte es an der Tür. »Herein«, rief Chu Shuzhi, ehe kurz darauf ein dampfendes Tablett hineingeflogen kam. Auf diesem waren vier verschiedene Gerichte zu finden, dazu zwei große Schüsseln Reis und Besteck. Ein kopfloser Geist trug alles zu ihnen herüber. Sanft schwebte er über dem Boden, und sanft stellte er das Tablett auch auf dem Tisch ab. Danach holte er eine Packung Katzenfutter heraus und füllte damit Daqings Napf.

Der Kater nickte ihm selbstgefällig zu. »Hab vielen Dank. Sei so gütig und bringe mir noch etwas Milch.«

Guo Changcheng hatte sich an seinen Arbeitsplatz an der Straße des Ruhms Nummer 4 bereits gewöhnt. Mit der Zeit begriff er, dass Menschen und Geister gar nicht so verschieden waren, wie er geglaubt hatte. Manche der Geister waren besonders zuvorkommend, so wie der kopflose Kamerad hier. Jedes Mal, wenn einer seiner Kollegen Überstunden schieben musste, um einen Bericht zu schreiben, brachte er ihm ein wohlig duftendes Abendessen. Guo Changcheng, der nach seinem Besuch bei der Post gerade mal zwanzig Yuan in der Tasche hatte, fühlte sich durch die Geste äußerst geborgen.

»Ja, so in etwa sollte es passen. Schau für die Formatierung in alte Berichte rein und pass alles an. Formulier den Text schön klar und kompakt«, wies Chu Shuzhi an, während er sich über die Mahlzeit hermachte. »Das Opfer wurde nicht vergiftet, sondern von einem rachsüchtigen Todesgeist verflucht. Da das Opfer sich über starke Beinschmerzen beklagte, ist davon auszugehen, dass der verantwortliche Todesgeist einst durch äußere Verletzungen verstorben ist. Die Stirn des Opfers war aschfahl, die Augen blutunterlaufen, und unter dem Augenlid war eine Karmalinie schwach erkennbar … Hinter dem Ohr des Opfers gab es ein schwarzes Verdienstmal. Es war nicht stark ausgeprägt, womit man eine direkte Verbindung zwischen Todesgeist und Opfer ausschließen kann. Die Strafe ist demnach nicht zu ermessen. Erste Einschätzung: Der verantwortliche Todesgeist hat eine schwere Straftat …«

Guo Changchengs Hände ruhten auf der Tastatur. Er verstand nichts von dem, was sein Kollege da erzählte, und blickte nur verwirrt drein.

»Wo genau hakt es?«, fragte Chu Shuzhi seufzend.

»Was ist denn eine ›Karmalinie‹?«

Daqing, der gerade noch genüsslich sein Abendessen geschlabbert hatte, sah auf und präsentierte einen weißen Milchbart. »Geht’s Zhao Yunlan noch ganz gut?«, fauchte er fuchsteufelswild. »Dieser vermaledeite Lustmolch kommt nur noch betrunken ins Büro, aber arbeitet der überhaupt noch? Hat er unseren neuen Mitarbeiter bis jetzt noch nicht vernünftig eingewiesen?! Der arme Bengel weiß ja rein gar nichts!«

Chu Shuzhi konnte seinen Chef nicht einfach so von einer Katze beleidigen lassen und erklärte ein wenig widerwillig: »Unser Bürogebäude soll abgerissen werden. Direktor Zhao kümmert sich derzeit um unseren Umzug. Wenn alles klappt, können wir nächstes Jahr in ein neues Gebäude mit großem Garten ziehen. Dort könnten wir dir ein kleines Baumhaus bauen, von dem aus du Vogelnester beobachten kannst.«

Als der entrüstete Kater das hörte, verpuffte seine Wut. Nach kurzer Überlegung beschloss Daqing, Zhao Yunlan für die Aussicht aus einem eigenen Baumhäuschen zu verzeihen.

Genervt zuckte er mit den Schnurrhaaren, ehe er die Mitarbeitereinweisung begann: »Bei der Karmalinie geht es um Ursache und Wirkung. Mal angenommen, du gehst eine Straße entlang, und plötzlich springt ein Räuber aus einer Seitengasse und bringt dich grundlos um: In diesem Fall spricht man nicht von Karma, sondern von einer unverschuldeten Tragödie. Springt der Räuber aber aus der Gasse, und du stehst ihm im Weg, woraufhin er dich absticht, ist dein Tod die Folge einer Ursache. Es ist eine Mischung aus schlechtem Timing und ungünstigem Schicksal, aber es kann als Karma gewertet werten, auch wenn die Karmalinie so schwach sein wird, dass man sie mit der Hand abwischen kann. Nächstes Szenario: Der Räuber kommt aus der Seitengasse geschossen, sieht dich und erkennt sofort, dass du der Mistkerl bist, mit dem seine Frau ihn betrogen hat. Vor lauter Wut bringt er dich um. Die daraus resultierende Karmalinie kann man nicht einfach wegwischen, aber sie ist auch nicht allzu ausgeprägt, denn es mag eine direkte Verbindung geben, doch wiegt die Schuld den Mord nicht auf. Ursache und Wirkung stehen im Ungleichgewicht. Kommt der Räuber aber nun aus der Gasse gelaufen …«

Guo Changcheng, der in all diesen Beispielen bereits unzählige Male erstochen wurde, klinkte sich ein: »… und sieht mich, seinen Erzfeind, den er schon lange töten will, und rammt mir prompt das Messer in die Brust … dann würde die Karmalinie wohl tiefer sein, richtig?«

Daqing nickte. »Mit dir kann man arbeiten.«

»Und was ist dann ein Verdienstmal?«

»Wer Gutes tut oder Sünden begeht, hat ein kleines Mal hinter dem Ohr«, erklärte Chu Shuzhi. »Du könntest jemanden still und heimlich umbringen, doch auch wenn niemand von deiner Tat weiß, würde ein schwarzes Mal hinter deinem Ohr erscheinen. Das ist gemeint, wenn man vom ›schlechten Karma‹ spricht. Natürlich können normale, unkultivierte Menschen diese Male nicht sehen.«

Chu Shuzhi betrachtete Guo Changcheng, hinter dessen Ohr ein weißes Mal sanft hervorstrahlte. Das Leuchten konnte nicht von jedem gesehen werden, selbst mit einem geöffneten dritten Auge musste man sich sehr konzentrieren.

Guo Changcheng, der den Blick seines Kollegen nicht bemerkte, runzelte nachdenklich die Stirn. »Sieht das schwarze Mal aus wie ein rußiger Fingerabdruck?«

»Du hast es gesehen?«, fragte Chu Shuzhi überrascht.

Guo Changcheng nickte und erzählte den beiden von der mysteriösen Gestalt, die ihm am Vortag vors Auto gelaufen war. Daqing schnaubte nur verächtlich. »Wenn ein Normalsterblicher das Mal im Vorbeigehen sehen konnte, wird dieser Typ sicher jeden Moment vom Blitz getroffen.«

»Das Verdienstmal eines Menschen kann man mit dem bloßen Auge nicht sofort erkennen. Es ist also naheliegend, dass der Typ, den du gesehen hast, kein Mensch war. Kultivierende Yao-Wesen trauen sich in der Regel nicht, Menschen anzugreifen. Ihr Verhalten wird quasi von dem Verdienstmal gesteuert. Denn wird dieses zu dunkel, erwartet sie himmlische Vergeltung in Form eines Blitzschlags. Und so ein elektrisierender Peitschenschlag ist keine lustige Angelegenheit. Darüber hinaus trifft es nicht nur das Yao selbst, sondern alle niederrangigen Yao in der Umgebung. Aus Furcht, die Strafe eines anderen abzubekommen, gehen die Yao rigoros gegen potenzielle schwarze Schafe in ihren Reihen vor. Sie kommen immer zum Jahresende zusammen, um gegenseitig ihre Verdienste und Vergehen zu kontrollieren. Tanzt jemand zu sehr aus der Reihe, kümmert man sich intern um ihn.«

Über Guo Changchengs Kopf schwebte noch immer ein Fragezeichen. »Und was ist mit gewöhnlichen Menschen? Werden die auch vom Blitz getroffen, wenn sie zu viel böses Karma ansammeln?«

»Nein«, antwortete Daqing und sprang mit erhobenem Schwanz vom Tisch, um sich neben dem Lüfter des Computers einzurollen und den warmen Luftstrom auszunutzen. »In der Welt der Sterblichen herrschen andere Regeln. ›Wer Gutes tut, dem wird Gutes widerfahren‹ zieht bei ihnen also nicht, dafür ist ihre Zeit auf der Erde zu kurz. Ihre Lebensspanne ist so kurz, dass das Karma gar nicht wirksam werden kann. Um solche Ameisen kümmert sich das Himmelreich nicht. Dementsprechend wenig bringt es einem Menschen, sich um seine Kultivierung zu kümmern … Wer viele gute Taten ansammelt, hat vielleicht hier und da mehr Glück, aber auch das ist nicht garantiert. Ich meine, sieh dich selbst an: Du hast eine ewig lange Liste an Verdiensten, bist aber trotzdem ein kümmerlicher Pechvogel.«

Guo Changcheng hatte seine Eltern früh verloren und war als Waise ohne besondere Talente, aber mit einem besonders weichen Herzen aufgewachsen. Auch wenn Zhao Yunlan ihn scherzend als Maskottchen und Glücksbringer der Abteilung bezeichnete, war das Schicksal dem jungen Mann keinesfalls gnädig, im Gegenteil.

»Wirklich? Hab ich so ein gutes Karma?«, fragte Guo Changcheng geschockt nach. »Aber wieso Pechvogel? Ich finde, ich bin eher ein Glückspilz! Nur leider kein sonderlich ehrgeiziger.«

Guo Changcheng hielt sich stets für talentfrei, und auch seine Onkel und Tanten bemitleideten ihn so sehr, dass sie lieber ihren eigenen Kindern weniger gaben, als Guo Changcheng etwas vorzuenthalten. Und so war er in guten Familienverhältnissen zu einem Nichtsnutz herangewachsen, der selbst seine Arbeitsstelle einer ordentlichen Dosis Vitamin B zu verdanken hatte. Doch weder seine Kollegen noch sein Chef sahen deswegen auf ihn herab und kümmerten sich gut um ihn – wie konnte Guo Changcheng da ein Pechvogel sein?

Daqing, der gerade die Augen schließen wollte, öffnete sie bei den Worten noch einmal und betrachtete den Büronachwuchs. Die jadegrünen Katzenaugen schimmerten golden auf, und gerade, als Daqing etwas erwidern wollte, stürmte Zhao Yunlan ins Büro. Mit ihm kam eine eisige Brise und der Geruch von Alkohol hereingeweht. »Wie weit ist der Bericht?«, fragte er heiser.

»Oh, ähm …« Bevor Guo Changcheng Auskunft geben konnte, stoppte sein Chef ihn mit einer Geste und taumelte eilig auf die Toilette, um sich zu übergeben. Sofort sprangen Chu Shuzhi und Guo Changcheng auf und folgten ihm, während Daqing nur genervt mit der Zunge schnalzte. Gemächlich streckte er die Vorderpfoten aus. »Menschen, nichts als hirnverbrannte Idioten«, kommentierte er und dackelte seinen Kollegen hinterher.

Der besagte Idiot kauerte mit kreidebleichem Gesicht in der Ecke der Toilette und umklammerte seinen Bauch.

»Warum hast du dich so abgeschossen?«, fragte Chu Shuzhi und klopfte Zhao Yunlan auf den Rücken. »Xiao-Guo, hol ihm ein Glas warmes Wasser.«

Wenig später nahm der Direktor das Glas Wasser entgegen, spülte sich den Mund aus und versuchte danach, aufzustehen. »Das war ’ne Verschwörung! Die Mistkerle wollten mich unbedingt abfüllen, da konnt ich nix tun.«

»So ein Quatsch, du würdest dich doch nie zum Trinken zwingen lassen.«

Zhao Yunlan stützte sich an der Wand ab und schleppte sich auf wackligen Beinen an seinen Kollegen vorbei, den Blick beschämt zu Boden gerichtet. »Ich hab Liebeskummer, okay?«, murmelte er. »Darf ich meine Sorgen nicht in Alkohol ertränken?«

»Ach, Professor Shen hat dich schon wieder abserviert? Der werte Herr ist also doch nicht komplett verblendet, wie außerordentlich erfreulich«, bemerkte Daqing hämisch und strich sich an Zhao Yunlans Beinen vorbei zurück ins Büro. »Ich hoffe aber, dass du in diesem Zustand nicht gefahren bist? Zum Jahresende wird besonders streng kontrolliert, wenn die dich erwischen, landest du direkt auf der Wache.«

»Verpiss dich!«, fauchte Zhao Yunlan und ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Xiao-Guo, hol Wang Zheng, sie soll alles mitbringen, was ich unterschreiben muss«, säuselte er kraftlos und schaffte es kaum noch, die Augen offen zu halten. »Und du, Lao-Chu, erzählst mir, was im Krankenhaus passiert ist.«

Die Angelegenheit war eindeutig genug, damit Chu Shuzhi sie in wenigen Sätzen zusammenfassen konnte. Zhao Yunlan hörte mit halbem Ohr und gesenktem Blick zu, wodurch von außen nicht erkennbar war, ob der Direktor seinen Kopf überhaupt noch angeschaltet hatte. »Sicher, dass der Fall in unseren Aufgabenbereich fällt?«, fragte er schließlich, noch immer ein wenig lallend. »Nun, dann machen wir’s so: Ihr schreibt den Bericht zu Ende, und ich setze direkt meinen Stempel drunter, scanne ihn ein und schicke ihn los. So kann er morgen direkt bearbeitet werden, und wir müssen nicht einen weiteren Tag auf eine Rückmeldung warten.«

Chu Shuzhi war das recht, immerhin war er nicht derjenige, der sich gerade von seinem gesamten Mageninhalt verabschiedet hatte. Kurz darauf schwebte Wang Zheng mit einer Tasse warmem Honigwasser ins Büro, gefolgt von ihrem Schatten Sangzan. Sie stellte das Wasser ab und breitete verschiedenste Dokumente vor ihrem Chef aus, von denen dieser nicht genauer Notiz nahm. Mit liebloser Sauklaue kritzelte Zhao Yunlan auf jedes Dokument seine Unterschrift und bedeutete den beiden dann, zu verschwinden. »Verzieht euch, ihr Turteltauben! Mir armem Single-Mann brennen schon die Augen!«

Als Chu Shuzhi und Guo Changcheng den Routinebericht mit einer ersten Einschätzung vollendet hatten, lag Zhao Yunlan halb auf der Tischplatte und schlief. Daqing begann sofort, mit seinen Pfoten auf dessen Rücken herumzutrommeln. »Hey, ich hab da noch eine Frage: Wie steht’s um meine Baumvilla?«

Zhao Yunlan grummelte nur schlaftrunken: »… Mistvieh, dich murks ich ab, dich fress ich auf …«

Härtere Geschütze auffahrend, sprang der Kater auf seine Schulter und jaulte ihm direkt ins Ohr: »Miau! Was ist mit meinem superluxuriösen Baumhaus?«

Zhao Yunlan schnappte sich das Glas Honigwasser und kippte den inzwischen abgekühlten Inhalt hinunter. Danach krallte er sich Daqings Nacken und warf den Kater achtlos zur Seite. »Es ist so gut wie in trockenen Tüchern. Wenn alles zügig abläuft, können wir im nächsten Herbst schon umziehen.«

Diese Antwort stimmte Daqing äußerst gnädig. Zufrieden schmiegte sich der Kater an die Hand seines Chefs. »Wie schön, unser werter Herr Direktor beweist erneut seine Kompetenz. Nun, ein Baumhaus mit Ausblick auf ein Vogelnest mit Eiern käme mir besonders gelegen …«

»Dreckskater«, sprach Zhao Yunlan frostig und schnippte gegen Daqings Stirn, ehe er sich die Hand an der Tischplatte abwischte. »Haarst mich komplett zu.«

Bevor der schwarze Kater erneut einen Wutanfall bekommen konnte, unterschrieb Zhao Yunlan schnell den Bericht. »So, das hätten wir. Gute Arbeit. Ich geh dann mal.«

»Hey, Moment, wie bist du eigentlich hierhergekommen?«

»Mit dem Taxi. Und mit dem Taxi fahr ich jetzt auch zurück.«

Gutmütig, wie er war, schaltete Guo Changcheng sich ein: »So spät kriegt man in dieser Gegend doch kaum mehr ein Taxi. Ich könnte dich doch … autsch!«

Bevor er sein Angebot aussprechen konnte, trat Chu Shuzhi ihm mit voller Wucht auf den Fuß. Dann stand der Unruhestifter auf, näherte sich dem Direktor und drückte ihn zurück auf den Stuhl, ehe er sich blitzschnell Zhao Yunlans Handy schnappte. »Gerade sind doch Semesterferien. Bleib schön sitzen, ich sag Professor Shen, dass er dich abholen soll.«

Zhao Yunlan war komplett sprachlos und versuchte, Chu Shuzhi das Handy abzunehmen, doch der wich geschickt aus. »Haltet diese Schnapsdrossel fest!«, befahl er seinen Kollegen und wandte sich wieder an Zhao Yunlan: »Und du hörst mir jetzt mal zu: Ich habe genau gesehen, wie der Professor dich ansieht. Mir kann keiner erzählen, dass er nichts für dich empfindet. Aber sicher hat er sich seine Gefühle selbst noch nicht eingestanden oder will nicht wahrhaben, dass er auf Männer steht! Als Kollege tue ich dir jetzt einen Gefallen und helfe dem Ganzen auf die Sprünge.«

Mit vereinten Kräften hielten Guo Changcheng und der schwarze Kater den Direktor fest. Daqing, der das Drama mehr als begrüßte, hatte sich extra auf Zhao Yunlans Bauch niedergelassen und raubte ihm damit fast den Atem. »Bitte nicht!«, jammerte Zhao Yunlan. »Es ist so schon verzwickt genug!«

Da ertönte bereits eine vertraute Stimme aus dem Handy. »Was ist los?«

Chu Shuzhi wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. Shen Wei hatte nach dem ersten Klingeln direkt abgenommen – nicht mal eine besorgte Mutter wäre so schnell gewesen. Wie konnte Direktor Zhao da von Liebeskummer sprechen?

»Ah, Professor Shen, richtig? Ich bin ein Kollege von Direktor Zhao. Unser Chef hat etwas zu tief ins Glas geguckt und belästigt das Team gerade mit überschwänglichen Umarmungsattacken, es ist das reinste Chaos. Ich habe in seinem Handy durch die Kontakte geguckt und war unschlüssig, wem ich Bescheid sagen sollte. Meine Wahl fiel letztendlich auf Sie. Verzeihen Sie vielmals, aber … könnten Sie vielleicht herkommen und ihn abholen?«

Zhao Yunlan bekam einen Stiftehalter zu packen und feuerte ihn auf Chu Shuzhis Gesicht, doch der wich gekonnt aus und setzte den Anruf unbekümmert fort: »Nein, nein, unser Trunkenbold hier sorgt nur gerade für Radau … ja … okay. Sehr gut, wir kümmern uns solange um ihn, beeilen Sie sich bitte. Straße des Ruhms Nummer 4, die Kriminalabteilung im ersten Stock. Bis gleich!«

Chu Shuzhi legte auf, nahm eine kokette Pose ein und hauchte Zhao Yunlan einen Luftkuss zu. »Er ist schon unterwegs. Krall ihn dir, Tiger! Und vergiss nicht, dich später für diese meisterhafte Verkupplungsaktion zu bedanken.«

Zhao Yunlan zeigte mit zitterndem Finger auf ihn. »Du … du verdammtes Arschloch!«

 

Wie erwartet hatte Shen Wei das Büro in Windeseile erreicht. Kaum hatte er an der Eingangstür der Kriminalabteilung geklopft, öffnete sie sich bereits. Der Direktor wurde schwungvoll aus dem Büro geschubst und landete direkt in Shen Weis Armen. Obwohl er kaum noch gerade stehen konnte, war seine Kampfbereitschaft ungebrochen. »Du Arsch!«, rief er und zeigte auf Chu Shuzhi. »Das zahl ich dir heim!«

Chu Shuzhi, der sonst aussah, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen, schenkte seinem Chef ein zuckersüßes Lächeln. »Och Mensch, jetzt hab ich aber Angst.«

Shen Wei wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Sanft drückte er Zhao Yunlans zitternde Hand hinunter. »Das reicht jetzt.«

»Lao-Chu! Wenn ich dich heut nicht ordentlich zusammenfalte, tanzt du mir doch nur weiter auf der Nase rum!«, protestierte der Direktor und riss sich los, bereit, sich auf den aufmüpfigen Kollegen zu stürzen. Seufzend schlang Shen Wei einen Arm um seine Taille und ergriff mit der freien Hand sein Handgelenk, um so den wild gewordenen Tiger ruhigzustellen. Den Mitarbeitern im Büro nickte er kurz zu. »Verzeiht die Störung. Ich werde mich um ihn kümmern«, sagte er und zog Zhao Yunlan mit sich.

4

Zhao Yunlan hatte definitiv zu viel getrunken und konnte tatsächlich nicht mehr gerade laufen, doch nachdem er die Toilette ausgiebig umarmt und ein Nickerchen gemacht hatte, fühlte er sich viel klarer im Kopf. Aber allein mit Shen Wei – dem Seelenvollstrecker – zu sein, war zermürbend peinlich. Zudem hatte Chu Shuzhi betont, wie sehr sich der Direktor doch abgeschossen hatte, somit beschloss er einfach, mitzumachen und trotz fortgeschrittener Ernüchterung die Schnapsleiche zu spielen.

Shen Wei hatte den Motor laufen lassen, um das Auto warm zu halten. Warm wurde es auch um Zhao Yunlans Herz, als er sich auf den Beifahrersitz plumpsen ließ und die Geste bemerkte. Als wolle er der Situation entfliehen, schloss er schnell die Augen und tat so, als würde er schlafen.

»Schlafen kannst du zu Hause, draußen erkältest du dich sonst noch«, mahnte Shen Wei und stupste ihn sanft an, doch Zhao Yunlan reagierte nicht.

Shen Wei gab auf und lehnte sich vor, um seinen Beifahrer anzuschnallen. Aus dieser Nähe konnte Zhao Yunlan seinen Geruch wahrnehmen. Doch statt der frostigen Kälte des Seelenvollstreckers stieg ihm ein zarter Duft in die Nase, der Geruch von Seife, der an frisch gewaschener Wäsche haftete. Unter der pechschwarzen Robe des Seelenvollstreckers, ein Symbol des Schreckens für Menschen und Geister, verbarg sich eine reine, sanfte Seele.

Zhao Yunlan hörte ein Rascheln neben sich. Shen Wei hatte eine Flasche herausgeholt und goss das Mineralwasser in einen Becher, den er zweimal schwenkte, bevor das Wasser darin zu dampfen begann. Vorsichtig setzte er den Becher an Zhao Yunlans Lippen. »Trink etwas.«

Die Augen des Direktors öffneten sich einen kleinen Spalt. Im dunklen Auto schienen allein Shen Weis Augen zu strahlen; ein zartes, angenehmes Licht, das Zhao Yunlans Herz schneller schlagen ließ. Mit Shen Weis Hilfe trank er das Wasser aus und sah zu, wie der danach eine Decke hervorkramte und über ihm ausbreitete. Schließlich drehte er die Heizung auf und fuhr langsam los, eine Hand am Lenkrad, die andere die Decke zurechtzupfend. »Wie kann man nur so unfähig sein, auf sich selbst achtzugeben?«, fragte er leise und seufzte.

Zhao Yunlan entspannte mit geschlossenen Augen und lauschte dem tosenden Wind draußen. Wann hatte er sich das letzte Mal in einer solch eiskalten Nacht so warm und geborgen gefühlt? Er konnte nicht anders, als sich tiefer in die Decke zu schmiegen.

Seit dem Vorfall im Gebirge vor zwei Wochen hatte er sich nicht einmal bei Shen Wei gemeldet.

Die Menschen an Zhao Yunlans Seite blieben nie lang. Um sein Ego zu schützen, drückte er seinen Beziehungen ungern ein Label auf und ließ die Dinge lieber offen und unklar. Er hatte Shen Wei auf die gleiche Art zu erobern versucht wie all seine Partner zuvor auch. Das Merkwürdige war nur, dass diese undurchsichtige Nebelschwade an Zuneigung nicht einfach spurlos verpufft war, sondern Zhao Yunlan jegliches Jagdfieber genommen hatte. Niemand anderes interessierte ihn mehr, er war quasi von einem Tag auf den anderen zu einem zölibatären Mönch geworden. Erwachte er nun in tiefer Nacht orientierungslos aus einem Traum, wanderten seine Gedanken zu jenem Abend, an dem sein Magen verrücktgespielt hatte und er Shen Wei schamlos dazu gebracht hatte, bei ihm zu bleiben. Zhao Yunlan dachte daran, wie er zu dem Anblick von Shen Wei auf seinem Sofa aufgewacht war. Shen Wei, der in ein Buch vertieft über ihn gewacht hatte, während der köstliche Duft einer warmen Mahlzeit aus der Küche herübergeweht war.

Das war der Moment gewesen, in dem Shen Weis Pfeil sein Herz mit makelloser Präzision getroffen hatte.

Zhao Yunlan hatte sich stets nach ungezwungener Zweisamkeit gesehnt. Zwei Menschen, die sich Gesellschaft leisteten, ohne sich an der Stille des anderen zu stören. Keiner bedrängte den anderen oder fing unnötiges Drama an, stattdessen gaben sie sich Freiraum, der keineswegs von Gleichgültigkeit oder Kälte erfüllt war. Ein Zusammenleben, so selbstverständlich, als hätte es schon immer nur sie beide gegeben, in ihrer eigenen kleinen Welt.

Plötzlich kam Zhao Yunlan jener Moment in der kleinen Holzhütte in den Sinn, als er in tiefster Nacht plötzlich die Augen geöffnet und Shen Weis sehnsüchtigen Blick auf sich ruhen gesehen hatte …

Man will immer das, was man nicht haben kann. Zhao Yunlan sank tiefer in die Decke, ein bittersüßes Lächeln huschte über seine Lippen. Ich muss ein Masochist sein, dachte er spöttisch. Aber ich kann einfach nicht loslassen …

 

Von der Straße des Ruhms Nummer 4 bis zu Zhao Yunlans Wohnung war es nicht weit. Der Seelenwächter hatte kaum Gelegenheit, sich aus seinem Gedankenkarussell zu befreien, da kam das Auto schon zum Stehen. Shen Wei half ihm aus dem Auto und stützte ihn bis in seine Wohnung. Drinnen zog der Professor ihm den Mantel aus, hängte ihn ordentlich auf und half Zhao Yunlan aufs Bett, ehe er im Bad verschwand, um ein Handtuch mit Wasser zu befeuchten.

Auch wenn Zhao Yunlan allem Anschein nach sturzbetrunken war, nutzte Shen Wei die Situation nicht aus. Mit dem feuchten Tuch wischte er über Zhao Yunlans Gesicht, seine Hände und Füße, berührte ihn jedoch nirgendwo sonst. Nachdem er die Schnapsleiche zugedeckt hatte, räumte Shen Wei aus Gewohnheit das Zimmer auf. Selbst das Wasserglas auf dem Nachttisch stellte er weg, aus Sorge, Zhao Yunlan könnte es im Schlaf umstoßen.

Zhao Yunlan spürte, dass Shen Wei ihn ins Herz geschlossen hatte. Zuvor gab es in seinem Leben mit Ausnahme seiner Eltern und seiner Katze nur solche, die etwas von ihm brauchten oder von ihm abhängig waren, doch fand er nie einen besonderen Platz in ihren Herzen. Zu hören, wie Shen Wei bemüht vorsichtig auf leisen Sohlen durch das Zimmer schlich, um ihn ja nicht zu wecken, stürzte Zhao Yunlan in ein immer tieferes Gefühlschaos.

Als Shen Wei fertig war, sah er zum regungslosen Mann auf dem Bett. Er lag so ruhig dort, dass Shen Wei zögerte. Er schaffte es nicht, das Zimmer zu verlassen, sondern gab nach und näherte sich dem Bett, den gierigen Blick auf die vermeintlich schlafende Gestalt gerichtet.

Um Himmels willen, sieh mich nicht an, flehte Zhao Yunlan in Gedanken. Auch wenn man ihm von außen nichts anmerken konnte, drohte er innerlich zu zerbrechen. Wenn du gehen willst, dann geh auch. Ich werde bald wahnsinnig!

Doch sein Wunsch wurde nicht erhört. Im Gegenteil, Shen Wei war wie verhext und lehnte sich plötzlich zu ihm herunter, so nah, dass er Zhao Yunlans Atem spüren konnte. Es kostete Zhao Yunlan nicht viel mehr als seine geballte Willenskraft, um nicht aus der Rolle zu fallen. Die Schnapsleiche drohte bald wirklich zu verenden.

Auch Shen Wei hielt es nicht mehr aus. Die Hände jeweils seitlich abgestützt, hauchte er Zhao Yunlan einen Kuss auf die Lippen. Der Kuss war unwahrscheinlich zart, kaum stärker als die flüchtige Berührung einer Libelle auf der Wasseroberfläche. Trotzdem schlossen sich Shen Weis Augen, so als hätte dieser kurze Moment ihm Unmengen an Trost geschenkt. Sein Herz hämmerte wild gegen seine Brust. Für einen winzigen Augenblick fühlte Shen Wei sich menschlich. Hier, im schwachen Licht, stahl er einen Kuss von dem Mann, den er liebte. Er war so erfüllt von süßem Glück, dass er in genau diesem Augenblick hätte sterben können, und kein klagendes Wort wäre über seine Lippen gekommen.

Zhao Yunlans Kopf hingegen war leer. Ihm war, als hätte ein hauchdünner Faden in seinem Herzen eine tausend Pfund schwere Last getragen. Ein überstrapazierter Faden, der in diesem Moment lautlos riss.

Shen Wei hatte geglaubt, unbemerkt verschwinden zu können, doch bevor er sich zurücklehnen konnte, erwachte die Schnapsleiche wieder zum Leben, packte ihn und zog ihn aufs Bett. Vor lauter Schock wusste Shen Wei gar nicht, wie ihm geschah. In Windeseile hatte Zhao Yunlan sich schwungvoll auf ihn gesetzt und hielt ihn fest.

Sein Atem roch noch schwach nach Alkohol, doch sein Blick war klar. Er sah Shen Wei tief in die Augen und fragte mit kehliger Stimme: »Was wird das, Eure Exzellenz?«

Shen Wei öffnete den Mund, doch Panik schnürte ihm die Kehle zu. Zhao Yunlan betrachtete ihn, eine Vielzahl an Emotionen schwamm in seinem Blick. Plötzlich schnellte seine Hand zu Shen Weis Kinn und hielt es vorsichtig fest. »Ich habe Euch immer für einen Gentleman gehalten. Doch seht Euch an, wie Ihr Euch in dunkelster Nacht einfach einen Kuss stehlt! Einen derart amateurhaften noch dazu.«

»I-ich …«, stammelte Shen Wei. Als Zhao Yunlan ihn schließlich küsste, war er noch immer wie benommen und fühlte sich wie in einem absurden und doch wunderschönen Traum. Wie ferngesteuert schlangen sich seine Arme um Zhao Yunlan, der ihn so meisterhaft und verführerisch küsste, dass Shen Wei fürchtete, seine Schutzmauern könnten jeden Moment einstürzen und ihn wehrlos zurücklassen, dem Mann über ihm vollkommen verfallen.

Nach dem Kuss blieben sie sich nahe. Ihre Nasenspitzen berührten einander fast, als Zhao Yunlan die Stille mit Flüstern füllte: »So küsst man richtig.«

Das weiche, warme Bett umschlang Shen Wei wie ein unentrinnbares Netz. Die zwei obersten Knöpfe von Zhao Yunlans Kragen waren offen und stellten so die schlanken, anmutigen Schlüsselbeine darunter zur Schau. Ein schwacher Duft von Eau de Cologne stieg Shen Wei in die Nase, der seine Lippen versiegelte. Sein Atem stockte, und Shen Wei wusste nicht mehr, wer von ihnen eigentlich betrunken war.

Zhao Yunlan strich eine Strähne aus Shen Weis Gesicht und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich verstehe es nicht. Die ganze Zeit bist du mir aus dem Weg gegangen, aber bliebst doch in der Nähe. Hast du mir irgendwann mal etwas angetan, oder … hast du Angst, mir zu verfallen? Was macht dir Angst? Dass wir aus unterschiedlichen Welten stammen?«

Shen Wei zuckte zusammen, und sämtliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Seine Hände, die an Zhao Yunlans Taille lagen, ballten sich zu Fäusten. Als Shen Wei schließlich eine Faust hob, um ihn wegzudrücken, schnappte Zhao Yunlan sie sich und versuchte, sie Finger um Finger aufzumachen. »Hör auf, gegen mich und auch gegen dich selbst anzukämpfen. Shen Wei, egal, was du bist, Seelenvollstrecker oder sonst was, ich habe keine Angst, zuzugeben, dass ich Gefühle für dich habe. Was ist mit dir? Traust du dich?«

»Lass mich los!«, zischte Shen Wei.

»Nein«, sagte Zhao Yunlan stur und zwang seine Finger zwischen Shen Weis. Wie in einem stillen Wettstreit verhakten sich ihre Finger so fest miteinander, dass ihre Knöchel fast blau anliefen. »Ich bin ein Sterblicher. Mein Leben ist kurz wie das einer Ameise, ein paar Jahreszeiten verfliegen, und schon ist es wieder vorbei. Der Tod ist unser vorbestimmtes, unausweichliches Ende. Aber ich habe keine Angst vor diesem Schicksal. Ich habe keine Angst vor einer himmlischen Strafe, und ich habe auch keine Angst vor dir … ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, wer weiß, vielleicht ist morgen schon mein letzter Tag, aber ich will ni…«

Bevor Zhao Yunlan diesen unheilvollen Satz beenden konnte, legte er die freie Hand auf seinen Mund.