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Das Finale der Danmei-Light-Novel-Sensation Guardian von priest, einer der erfolgreichsten Autorinnen Chinas: Erstmals auf Deutsch in einer hochwertigen Ausstattung mit beigelegter Charakterkarte und wunderschönen Innenillustrationen! Der junge Ermittler Zhao Yunlan leitet eine verdeckte Abteilung des Ministeriums für öffentliche Sicherheit, die sich mit dem Übernatürlichen befasst. Gemeinsam mit seinem Team und seiner sprechenden Katze Daqing muss Yunlan die Grenzen zwischen der Welt der Sterblichen und der Unterwelt häufig überschreiten. Hinter Yunlans großspuriger, lässiger Art verbergen sich ein scharfer Verstand und ein Arsenal an arkanem Wissen, die er einsetzt, um seine Fälle zu lösen. Doch nun wird Zhao Yunlan von einer geheimnisvollen Krankheit heimgesucht. Shen Wei, unerwarteter Begleiter und ein Mann voller Geheimnisse und einer Fürsorge, die den hartgesottenen Zhao Yunlan in die Knie zwingt, weicht nicht von seiner Seite. Bis ihre Bindung auf eine harte Probe gestellt wird, als Zhao Yunlan ein dunkles Geheimnis enthüllt. Doch die Gefahr, die bevorsteht, ist weit größer. Das Große Siegel, Symbol der Ordnung zwischen den Welten, zeigt Risse und droht, alles zu vernichten. Ihre einzige Hoffnung: das letzte Artefakt der vier Heiligtümer. Zhao Yunlan und Shen Wei müssen es finden, ehe es zu spät ist und die Welt in Chaos versinkt. Und Zhao Yunlan ist fest entschlossen, einen Weg zu finden, die Welt zu retten und Shen Wei an seiner Seite zu haben – koste es, was es wolle. Band 3 der Contemporary Fantasy-Romance-Trilogie um eine übernatürliche Mordserie und eine unsterbliche Liebe in einem Dark Academia-Setting Ein absolutes Must-Have für alle Fans von Mo Xiang Tong Xius The Grandmaster of Demonic Cultivation und Heaven Officials Blessing sowie alle Leser*innen, deren Herzen bei Boys Love-Geschichten höher schlagen! Diese Tropes erwarten dich: - Forbidden Love - Second Chances - Grumpy x Sunshine - Slow Burn Romance - Boys Love - Dark Academia - Mysteriöse Morde - Dunkle Geheimnisse Actionreich, emotional und voller unerwarteter Wendungen. Die Danmei-Trilogie erscheint in folgender Reihenfolge: - Guardian 1. Seelenwächter - Guardian 2. Gesandter der Unterwelt - Guardian 3. Das große Siegel
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2026
Priest
Aus dem Chinesischen von Monika Li und Sarah Ozolnieks
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Der junge Ermittler Zhao Yunlan leitet eine verdeckte Abteilung des Ministeriums für öffentliche Sicherheit, die sich mit dem Übernatürlichen befasst. Gemeinsam mit seinem Team und seiner sprechenden Katze Daqing muss Yunlan die Grenzen zwischen der Welt der Sterblichen und der Unterwelt häufig überschreiten. Hinter Yunlans großspuriger, lässiger Art verbergen sich ein scharfer Verstand und ein Arsenal an arkanem Wissen, die er einsetzt, um seine Fälle zu lösen.
Doch nun wird Zhao Yunlan von einer geheimnisvollen Krankheit heimgesucht. Shen Wei, unerwarteter Begleiter und ein Mann voller Geheimnisse und einer Fürsorge, die den hartgesottenen Zhao Yunlan in die Knie zwingt, weicht nicht von seiner Seite. Bis ihre Bindung auf eine harte Probe gestellt wird, als Zhao Yunlan ein dunkles Geheimnis enthüllt.
Doch die Gefahr, die bevorsteht, ist weit größer. Das Große Siegel, Symbol der Ordnung zwischen den Welten, zeigt Risse und droht, alles zu vernichten. Ihre einzige Hoffnung: das letzte Artefakt der vier Heiligtümer. Zhao Yunlan und Shen Wei müssen es finden, ehe es zu spät ist und die Welt in Chaos versinkt.
Und Zhao Yunlan ist fest entschlossen, einen Weg zu finden, die Welt zu retten und Shen Wei an seiner Seite zu haben – koste es, was es wolle.
Band 3 der Contemporary Fantasy-Romance-Trilogie um eine übernatürliche Mordserie und eine unsterbliche Liebe in einem Dark Academia-Setting
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de und www.bramblebooks.de
Teil 4: Seelenwächterlampe
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Epilog
Bonus-Geschichten
Der Weise 1
Der Weise 2
Der Berggeist
Die Taschendimensionen
priest
HILFE ZUR AUSSPRACHE
Die Welt von Guardian
CHARAKTERE UND NAMEN
ABTEILUNG FÜR SONDERERMITTLUNGEN (AFS)
SEELENSCHUTZORDEN
UNTERWELT
WEITERE
ORTE
GUARDIAN-VOKABULAR
WESEN
GLOSSAR
GENRES
NAMEN IM CHINESISCHEN
VOLKSKUNDE, MYTHOLOGIE UND RELIGION
ALLGEMEINES ZUR CHINESISCHEN KULTUR
Das Erste, was Guo Changcheng nach seiner Ankunft zu Hause tat, war, todmüde ins Bett zu fallen und einzuschlafen. Nach einer bitter nötigen Mütze Schlaf machte er sich zurecht, um halbwegs ansehnlich Geschenke kaufen zu gehen und diese anschließend nach und nach bei seinen Verwandten abzugeben.
Sein erster Halt war das Haus des Onkels, der ihm zu seinem jetzigen Job verholfen hatte. Nachdem Guo Changcheng eingetreten war und alle begrüßt hatte, holte er den Hongbao von Zhao Yunlan in zeremonieller Manier hervor. Fast schon ehrfürchtig überreichte er seinem Onkel den mit Geschenkkarten gefüllten roten Umschlag. »Der ist von meinem Chef, damit ihr euch etwas Schönes zum Anziehen kaufen könnt.«
Guo Changchengs Cousine wusste nur, wie man das Geld anderer ausgab, und nicht, wie man es verdiente. Somit war es das erste Mal, dass ihr Vater selbst etwas zurückbekam. Ein wenig gerührt, aber vor allem überaus überrascht warf der Mann einen Blick in den Umschlag, den er daraufhin sofort wieder zurückgab. »Ein ganz hübsches Sümmchen. Das behältst du schön selbst, sieh es als Neujahrsgeschenk von mir. Aber sag mal, ist euer Herr Yang nicht eigentlich ein geiziger Kauz? Warum ist er dieses Jahr so großzügig?«
Verwirrt runzelte Guo Changcheng die Stirn. »Wer ist Herr Yang?«
»Na, euer Chef von der Einwohnermeldebehörde. Der heißt doch Yang, oder? Yang schlag mich tot«, murmelte der Onkel und nahm einen Teller Jiaozi entgegen.
»Herr Zhao ist mein Chef«, gab Guo Changcheng nur noch verblüffter von sich.
Sein Onkel verteilte derweil die Essstäbchen und hörte zwar zu, nahm das Gesagte aber nicht richtig auf. »Dann eben Herr Zhao, auch gut. Ich habe nur gehört, dass er recht knauserig sein soll und sich jeden noch so kleinen Rest einpacken lässt, wenn er auswärts essen geht. Aber verübeln kann man’s ihm nicht, immerhin muss er ’ne Familie ernähren. Wenn er nett zu dir ist, dann streng dich auch ordentlich an, ja? Du bist erwachsen, also hau dein frisch verdientes Geld nicht gleich auf den Kopf, sondern spar etwas. Nur so kommt man über die Runden.«
Immer mehr Fragezeichen erschienen über Guo Changchengs Kopf. »Ähm, unser Chef ist gar nicht verheiratet.«
»Unmöglich, seine Tochter kommt bald auf die Uni. Hab erst letzten Monat mit wem darüber gesprochen, wie schwer er’s hat und dass man etwas Nachsicht mit ihm haben sollte …«, erzählte der Onkel, bis er stutzte. Irgendwas stimmte hier nicht.
»Warte, wie heißt dein Chef noch mal?«
»Direktor Zhao.«
»Direktor Zhao? Welcher Zhao?«
»Direktor Zhao Yunlan von der Abteilung für Sonderermittlungen.«
»Der Abteilung für Sonderermittlungen?«, wiederholte der Onkel entsetzt. »Die in der Straße des Ruhms Nummer 4? Zhao … Zhao Yunlan?!«
Sein Onkel starrte ihn an, völlig perplex.
»Welche Abteilung?«, fragte die Tante, die sich gerade an den Tisch setzte. »Du arbeitest doch bei der Einwohnermeldebehörde, oder nicht?«
»Ich bin in der Kriminalabteilung der AFS«, sagte Guo Changcheng.
»Kriminalab… was?« Die Tante erstarrte. Sie hatte ihn aufwachsen sehen und wusste nur zu gut, wie sensibel der Pechvogel war. Empört wandte sie sich an ihren Mann: »Was hast du dir dabei gedacht? Hast du dir den Kopf dusselig gefuttert? Warum schickst du unseren Jungen in die Kriminalabteilung? Das ist hochgefährlich! Wenn ich mir nur vorstelle, mit was für Fällen er sich befassen muss, herrje!«
»Ich hab damit nichts zu tun!«, protestierte der Onkel entrüstet. »Diese Abteilung ist eine gesonderte Institution, ich hab doch gar nicht die Befugnis, da jemanden reinzuschleusen!«
Die Tante war vor Sorge vollkommen außer sich.
»Und was genau untersucht diese Abteilung? Doch hoffentlich keine heiklen Fälle?«
Guo Changcheng wollte gerade antworten, als sein Onkel mit den Stäbchen an seine Schüssel klopfte.
»So was kannst du nicht fragen. Alles, was die AFS macht, ist streng geheim. Bedräng ihn nicht, sonst verplappert er sich noch. Aber seltsam ist das schon … Wie bist du da überhaupt gelandet?«
Erst jetzt dämmerte Guo Changcheng, was das alles bedeutete: Seine Aufnahme in die Abteilung für Sonderermittlungen war also tatsächlich ein Irrtum gewesen. Bei seiner langen Leitung und unterdurchschnittlichem EQ hätte ihn niemand in seiner Familie guten Gewissens für eine solche prestigeträchtige Stelle vorgeschlagen.
Introvertiert und passiv, wie Guo Changcheng war, hatte er seiner Familie bei Telefonaten nur mit einem kurzen »Alles gut« ein Update zu seinem neuen Job gegeben, ohne jemals auf die schlechten Seiten einzugehen. So war ein halbes Jahr lang niemandem aufgefallen, dass er an einer ganz anderen Stelle gelandet war.
Neffe und Onkel blickten sich schweigend an. Je länger der Onkel darüber nachdachte, desto unbegreiflicher wurde ihm die ganze Geschichte.
»Und euer Direktor Zhao hat nie etwas gesagt? Er hat dich einfach dabehalten und dir eine Festanstellung gegeben?«
Guo Changchengs Brust hob sich ein Stück vor Stolz. Sein ganzes Leben lang hatte er nie so recht irgendwo dazugehört und war in der Schule stets gemobbt worden. Von klein auf war Angst sein ständiger Begleiter gewesen, ebenso wie das Gefühl, auf dünnem Eis zu laufen. Doch jetzt fühlte er sich das erste Mal als Teil einer Gruppe – auch wenn diese Gruppe nicht ganz der Norm entsprach.
Das Team in der Straße des Ruhms Nummer 4 bestand aus einem treuen schwarzen Kater, der sanftmütigen Wang Zheng, der energischen und kompetenten Zhu Hong, dem Witzbold Lin Jing, dem immerzu geduldigen Chu Shuzhi, der ihm alles erklärte, und natürlich Direktor Zhao, der über sie alle wachte. Ihre Fälle mochten gefährlich und bizarr sein, und auch Überstunden gab es, doch dafür hatte er Kollegen, die ihm allesamt ans Herz gewachsen waren.
Wächter Zhao Yunlan wurde an diesem Tag vom Handyklingeln geweckt. Anstatt erholt fühlte er sich nur noch müder als zuvor, gerade so, als würde ihm jemand zwei Nägel in die Schläfen bohren. Wie lange er geschlafen hatte, wusste er nicht, und auf seine wirren Träume konnte er sich keinen Reim machen. Immer wieder sah er sich selbst, wie er dem göttlichen Drachen in die Augen stach und den Buzhou-Berg zu Fall brachte. Ein Bild, das ihn nicht losließ.
Schlaftrunken tastete er auf dem Nachttisch herum, bis ihm das Handy in die Hand gedrückt wurde. Die Augen noch geschlossen, nahm er den Anruf entgegen und tauschte mit irgendwem ein paar höfliche Floskeln aus. Nachdem er im Halbschlaf ein paar Neujahrsglückwünsche heruntergerattert hatte, legte er erschöpft auf und vergrub das Gesicht grummelnd im Kissen. »Mein Kopf tut weh …«
Shen Wei war sofort an seiner Seite, zog ihn in seine Arme und tastete vorsichtig seine Stirn ab. »Du bist ganz warm. Warum kriegst du plötzlich Fieber?«
»Sag du es mir«, sagte Zhao Yunlan kraftlos. »Los, hol mir Entzündungshemmer. Und was gegen Fieber.«
Shen Wei errötete und gehorchte wortlos.
Nachdem er die Handvoll kleiner Pillen mit Mühe geschluckt hatte, krempelte Zhao Yunlan plötzlich die Ärmel seines Pyjamas hoch und warf Shen Wei rücklings aufs Bett. Er drückte ihn in die Matratze und fragte mit funkelndem Blick: »Konnte ich den Herrn mit meinen Diensten vergangene Nacht zufriedenstellen?«
Shen Wei legte blitzschnell eine Hand an seine Hüfte und zog den verrutschten Pyjama zurecht. »Warum wirfst du die Decke weg? Die ganze Wärme entweicht, so holst du dir noch eine Erkältung.«
»Scheiß auf die Erkältung.« Zhao Yunlan stützte sich mit einer Hand auf Shen Weis Schulter, während er mit der anderen nach dessen Kragen griff. »Wenn mein Herr sich amüsiert hat, sollte er sich erkenntlich zeigen, oder nicht?« Sein Tonfall wurde dunkel.
Shen Wei ließ all das mit sich machen und sah nur still zu ihm auf. Für Zhao Yunlan glich dies einer Aufforderung, über den Mann unter ihm herzufallen. Sein Frust gab ihm den nötigen Mut, sich breitbeinig auf Shen Wei zu setzen und ihn aus seiner Kleidung zu schälen.
»Wenn ich dich heute nicht nehme, dann eben morgen deinen Nachna… ah! Scheiße!«
Sofort schlang Shen Wei die Arme um ihn. »Was ist los?«
»Argh … ich hab’n Krampf.«
Zhao Yunlan hatte vielleicht ohnehin Kalziummangel, und nach dem ausufernden Abendprogramm vom Vortag bekam er wohl endlich die Quittung. Der Krampf wanderte vom Oberschenkel in die Wade und dann bis in den Fuß. Shen Wei konnte nichts tun, außer ihm helfen, das Bein zu strecken und die verkrampfte Muskulatur langsam zu massieren, während Zhao Yunlan wild vor sich hinfluchte.
Zuerst war es so schlimm, dass er mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Bettdecke biss, doch nach einer Weile ebbte der Krampf ab. Als Shen Wei zufällig einen Blick unter Zhao Yunlans Schlafanzug erhaschte und die unzähligen blauen Flecken entdeckte, überkam ihn das schlechte Gewissen, und seine Massage wurde noch sanfter. Zhao Yunlan hörte schließlich auf zu jammern und ließ es sich gefallen. Sein Blick wanderte zum Handy auf dem Nachttisch. Nach einer Weile sagte er: »Das war Guo Changchengs Onkel, der da eben angerufen hat.«
Shen Wei brummte nur leise.
»Ich hatte noch nie viel mit ihm zu tun, aber wir arbeiten beide in demselben System, also habe ich schon einiges über ihn gehört. Der soll ein cleverer Mann sein, der weiß, wie er mit Menschen umzugehen hat«, murmelte Zhao Yunlan. »Sein Neffe arbeitet jetzt schon über ein halbes Jahr bei mir, aber dieser Onkel hat sich die ganze Zeit über nie gemeldet. Und plötzlich ruft er an und lädt mich zum Essen ein. Ist das normal?«
Shen Wei hatte mit den ungeschriebenen Regeln und Gepflogenheiten hoher Tiere so seine Schwierigkeiten. »Was ist daran komisch?«, fragte er nur.
»So verhält man sich nicht«, sagte Zhao Yunlan. »Ich wette, er hat erst jetzt erfahren, dass Guo Changcheng beim AFS gelandet ist …« Er verstummte, sah Shen Wei an – und wechselte abrupt das Thema: »Sag mal … war ich wirklich derjenige, der den Buzhou-Berg zum Einsturz gebracht hat?«
Shen Wei erstarrte und mied plötzlich den Augenkontakt.
»Laut Legende war der Wassergott Gonggong dafür verantwortlich.«
»Ach so.« Zhao Yunlan senkte den Blick. Shen Wei war als Mitglied des Geisterstamms erst nach dem Fall des Bergs befreit worden. Es war somit nur wahrscheinlich, dass Shen Wei nicht wusste, was wirklich geschehen war.
Nach kurzem Zögern fragte Shen Wei: »Was hast du im Innern des Götterbaums gesehen?«
»Uralte Dinge«, murmelte Zhao Yunlan und drehte den Kopf, der auf dem Kissen ruhte, zur Seite.
»Zum Beispiel, wie du bei unserem ersten Treffen von einem Felsen ins Wasser gefallen bist. Damals dachte ich, meine schillernde Schönheit muss dich geblendet und so erschüttert haben, dass du … autsch!«
Shen Wei, die Hand noch immer auf der Taille seines Partners ruhend, hatte bei dessen Worten unbewusst etwas zu fest zugedrückt.
»Argh, willst du deinen Ehemann umbringen?«, fauchte Zhao Yunlan.
Shen Wei rieb sanft über die betroffene Stelle und sprach überraschend offen, als hätte der erklommene Gipfel körperlicher Nähe ihm die Zunge gelöst: »Es stimmt. Als ich dich das erste Mal erblickt habe, hast du mich bereits in deinen Bann gezogen, und es war um mich geschehen. Seither konnte ich dich nie mehr vergessen.«
»Liebe auf den ersten Blick also?« Zhao Yunlan grinste schamlos und höchst zufrieden.
»Solltest du nicht eigentlich lange Haare haben? Nimm dieses unansehnliche Nasenfahrrad ab und zeig dich deinem Ehemann mal richtig.«
Shen Wei gehorchte wortlos. Kaum hatte er die Brille abgenommen, verwandelte er sich in seine wahre Gestalt; dunkles Haar floss wie pechschwarze Tinte über das Bett.
Einige Männer besaßen eine seltsame Schwäche für langes Haar. Auch Zhao Yunlan traf der Anblick vor ihm wie ein Pfeil direkt ins Herz, und er konnte nur starren. Dann streckte der Lustmolch langsam eine Hand aus und strich vorsichtig über eine der seidigen Strähnen. Hach, was für ein schönes Leben mir doch vergönnt ist, dachte er nur.
Shen Weis Finger legten sich auf Zhao Yunlans Schultern, um dort die Massage fortzusetzen, während Letzterer sich an das lange Haar schmiegte und in Fantasien verlor.
Fantasien, die das Wasser in Zhao Yunlans Hirn verdampfen ließen und so genug Raum für klare Gedanken schafften. Er vergrub die Finger tiefer in Shen Weis Haar und grübelte: Wenn Chiyou mir seine Nachfahren anvertraut hat und ich über Generationen hinweg Drachen von winzigen Würmern zu gewaltigen, göttlichen Biestern hab heranwachsen sehen, wie konnte ich es dann übers Herz bringen, einem von ihnen das Augenlicht zu nehmen und in einer Kollision sterben zu lassen? Das wäre ja, als würde ich Daqing erblinden lassen und ihn als Mittel zum Zweck benutzen …
Durch alle Wiedergeburten hindurch war seine Seele doch dieselbe geblieben. War es wirklich möglich, dass er ein völlig anderer Mensch geworden war? Dieser rasende Zorn, den er im Götterbaum gesehen hatte, er passte einfach nicht zu ihm.
Hatte der Baum ihm wirklich die Wahrheit gezeigt? Wie viel davon war wirklich real? Und wie viel bloß Illusion? Und wer wollte, dass er all das sieht?
»Erzähl mir mehr von dem, was nach unserem Treffen im Hain passiert ist«, bat Zhao Yunlan leise
Shen Wei zögerte kurz.
»Damals hatte ich keine Ahnung von der Welt«, antwortete er leise. »Ich wusste nur, dass du gut zu mir warst. Wir sind gemeinsam viel gereist; du hast mir alle großen Berge und Flüsse gezeigt. Aber du hast immer gesagt, wie schade es sei, dass Nüwa den Himmel noch nicht geflickt hatte. Dass der endlose Regen selbst den imposantesten Orten ihre Schönheit geraubt hätte. Ich habe das anders gesehen. Für mich waren all diese Orte die wundervollsten, die ich je gesehen hatte.«
Zhao Yunlan runzelte die Stirn. »War ich wirklich gut zu dir? Ich war es doch, der dich gewaltsam zu einer Gottheit aufsteigen ließ.«
Shen Wei lachte leise.
»Zwischen Himmel und Erde ist kein Platz für Wesen wie mich. Du aber hast mich aus dem ehrfurchtslosen Kerker geholt, um mich zu beschützen – nicht, um mich in Ungerechtigkeit versinken zu lassen. Dafür bin ich dir sehr dankbar. Die Zeit, die wir miteinander verbracht haben … war wie ein ganzes, glückliches Leben für mich. Ein Leben, nachdem ich bereit gewesen wäre, zu sterben.«
»Pah, laber nicht so einen Mist«, grummelte Zhao Yunlan.
Shen Wei beugte sich vor, hauchte ihm einen Kuss auf die Schläfe und nahm seine Hand.
»Nachdem Nüwa den Himmel repariert hatte, habe ich die Himmelssäulen mit den vier Heiligtümern versiegelt. War das auch die Zeit, in der ich dich allein gelassen habe … und verstarb?«
Shen Wei versteifte sich. Sein Handdruck wurde plötzlich unangenehm stark.
»Aber warum?«, murmelte Zhao Yunlan. »Wenn ich die Himmelssäulen zerstört habe, warum habe ich sie anschließend wieder versiegelt? Hab ich es für Nüwa getan …?«
Ein Schatten huschte über Shen Weis Gesicht. Zhao Yunlan bemerkte diesen kurzen, nahezu düsteren Blick und ließ das Thema mitsamt all seiner Fragen kurzerhand fallen. Er hob die Hand, legte einen Finger auf Shen Weis Kinn und drehte sein Gesicht zu ihm. »Sei nicht sauer, ich habe nur laut nachgedacht. Für mich bist du sowieso viel schöner als Nüwa … So, mein kleiner Augenschmaus, erzähl du deinem Gemahl lieber, wie du ihn damals mit deinem jugendlichen Körper und deinem Engelsgesicht verführt hast.«
Shen Wei sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Wortlos griff er nach der Decke, warf sie über Zhao Yunlan und bedachte ihn mit einem strengen Blick. Doch bevor er seine Empörung ausformulieren konnte, fiel sein Blick auf Zhao Yunlans mit Knutschflecken übersäten Hals. Sofort liefen Shen Weis Ohren tiefrot an. Schließlich brachte er nur ein »Ich … gehe runter« über die Lippen.
Stocksteif stand er auf, schnappte sich den Zahlungsbeleg vom Tisch und eilte zur Reinigung.
Zhao Yunlan blieb zurück, mit einer noch immer schmerzenden Taille und einem Sammelsurium an Gefühlen, das er nicht in Worte fassen konnte.
Der Magistrat eilte in den Gerichtssaal, wo König Qinguang, einer der zehn Yanluo-Könige, ihn bereits erwartete. Noch bevor der Magistrat sich überhaupt zu einer Begrüßung vorbeugen konnte, unterbrach der König ihn mit einem ungeduldigen Schwung seines Ärmels.
»Wie ist es verlaufen?«
Der Richter im roten Gewand erzählte hastig von den Geschehnissen am Kunlun-Berg und rundete seinen Bericht mit einem Lächeln ab.
»Nachdem er den Geisterkönig des Urchaos verjagt hatte, betrat der Große Kunlun allein den Götterbaum. Es schien gerade so, als hätte der Seelenvollstrecker nicht viel mit ihm gesprochen. Eure Majestät, der Gebirgsgott der Großen Wildnis ist erwacht, gewiss wird das Große Siegel nun …«
»Die Seele des Großen Kunluns ist womöglich noch nicht erwacht«, unterbrach König Qinguang ihn mit ernster Miene.
Der Magistrat erstarrte. »Wie kann das sein?«
»Zhao Yunlan ist unbeschreiblich gerissen«, brummte der König. »Es wäre nicht das erste Mal, dass er dich getäuscht hat. Vielleicht hat er einfach nur gerade genug Punkte verbunden, um dem Geisterkönig einen Schrecken einzujagen.«
»Aber …«
»Die Seelenwächterlampe ist noch immer erloschen«, sagte der Yanluo-König ruhig.
Dem Magistrat fiel schlagartig alles aus dem Gesicht, während der König fortfuhr: »Urkaiser Shennong persönlich hat die göttliche Seele des Großen Kunluns im Kreislauf der Wiedergeburt versiegelt. Solange der Kreislauf nicht durchbrochen wird, bleibt seine Seele darin gefangen. Die Legenden hatten demnach recht: Unsere kleinen Tricks reichen nicht aus, um ihn zu erwecken.«
Ein leises Seufzen glitt über die Lippen von König Qinguang.
»Mir scheint, als gäbe es nur diesen einen Weg – wir müssen den sterblichen Körper des Gebirgsgottes opfern.«
Der Magistrat sackte geräuschvoll auf die Knie.
»Was wir tun, tun wir allein zum Wohle allen Lebens auf der Erde.«
Am Tag nach seiner Rückkehr nach Drachenstadt war Zhao Yunlan seinem Vater begegnet. Daraufhin hatte er sich kurzerhand dazu entschlossen, gleich ein Treffen auszumachen, bei dem er Shen Wei seinen Eltern offiziell vorstellen konnte. Doch als das Paar zum vereinbarten Termin erschien, war Herr Zhao wieder nicht zu Hause und hatte es seiner Frau überlassen, ihn überschwänglich zu entschuldigen.
Shen Wei, ausgeglichen wie immer, nahm dies kommentarlos hin, und auch sein Partner sagte diesmal nichts. Beide aßen ein schnelles Abendessen in Zhao Yunlans Elternhaus, nach dem sie sich direkt wieder auf den Weg machen wollten.
Gerade frisch in Drachenstadt angekommen, rumorten die Erinnerungen, die ihm der Götterbaum gezeigt hatte, noch immer wirr in seinem Kopf. Ihm war dementsprechend gar nicht aufgefallen, wie merkwürdig sein Vater sich verhalten hatte. Welcher Vater würde, wohl wissend, dass der Partner seines schwulen Sohns in der Wohnung über ihnen wartete, plötzlich mit hochmütiger Kälte behaupten, dieser sei »nicht vorbereitet« und »man sollte das Treffen auf einen anderen Tag verschieben«? Das Ganze sollte kein Blind Date oder Verhör werden, auf was sollte man sich da groß vorbereiten?
Es war offensichtlich, dass sein Vater Shen Wei schlichtweg nicht sehen wollte.
Aber warum? Wollte er Shen Wei nicht kennenlernen? Oder traute er sich nicht?
Bevor sich beide auf den Rückweg machten, betrat Zhao Yunlan sein altes Zimmer und kramte unter den neugierigen Blicken seiner Mutter eine kleine Holzschachtel hervor.
»Damit hast du doch früher immer gespielt? Warum hast du das alles behalten? Und was willst du jetzt damit?«
Zhao Yunlan winkte ab. »Ich teile nur ein paar Kindheitserinnerungen mit meinem Liebsten. Du und Papa seid ein altes Ehepaar, das sich längst nichts mehr zu sagen hat, ihr versteht das nicht.«
Dank seines losen Mundwerks schmiss seine Mutter ihn prompt im hohen Bogen aus dem Haus.
Passenderweise war Valentinstag. War die Stadt während des Frühlingsfests ungewohnt still gewesen, herrschte nun wieder Leben auf den Straßen. Eine junge Blumenverkäuferin nahm Zhao Yunlan und Shen Wei in den Blick und bemerkte sofort, wie sich die Schultern der beiden immer wieder streiften. Mit einem wissenden Lächeln näherte sie sich den beiden.
»Hallo, schöner Mann, wollen Sie dem anderen schönen Mann hier eine Blume kaufen?«
»Wie viele Blumen hast du denn dabei?«, fragte Zhao Yunlan.
Die junge Verkäuferin kicherte. »So viele, wie Sie brauchen. Ich arbeite für ein Blumengeschäft. Wenn meine Blumen ausgehen, kann ich Nachschub holen.«
»Dann nehme ich erst einmal fünftaus…«
Shen Wei presste ihm augenblicklich die Hand auf den Mund.
»Entschuldigung«, sagte er, während er Zhao Yunlan wegzog. »Er macht nur Spaß.«
Der vermeintliche Spaßmacher versuchte sich freizukämpfen und protestierte: »Hallo, ich stecke mitten in einem Kauf! Junge Dame, warte kurz …!«
Shen Wei riss die Autotür auf und drückte Zhao Yunlan ohne ein weiteres Wort auf den Beifahrersitz.
»Du hast echt keine Ahnung von Romantik«, meckerte Zhao Yunlan.
Shen Wei verspürte ein leichtes Ziehen in der Magengrube. »Das stimmt. Dafür hast du zu viel Ahnung.«
»Normalerweise kaufen die Leute 999 Blumen, als Symbol dafür, für ein Leben lang zusammenbleiben zu wollen. Aber wir kamen quasi zusammen, als Pangu gerade erst Himmel und Erde gespalten hatte!«, begann der Meister des Geldverprassens zu argumentieren. »Man sagt ja gern vereinfachend, China habe eine fünftausend Jahre alte Geschichte. Es ist also fast schon sparsam, wenn wir das als Richtwert nehmen und ich dir erst einmal fünftausend Blumen schenke. Damit dekoriere ich dann Motorhaube und Heckklappe, fahr uns nach Hause und trage dich feierlich über die Türschwelle.«
Shen Wei war solchen Sprüchen tagtäglich ausgesetzt. Dass er noch nicht vor Wut explodiert war, konnte nur ein Indiz dafür sein, dass sein klarer Verstand zu leiden hatte.
Er nahm die Brille ab und wischte die beschlagenen Gläser sauber, bedacht darauf, möglichst unbekümmert zu wirken. Er schluckte jedes Widerwort hinunter und sagte mit mühsam gewahrter Ruhe: »Eigentlich sollte ich dich tragen. Immerhin hast du gestern noch gesagt, du würdest meinen Nachnamen annehmen.«
Zhao Yunlan verschlug es kurz die Sprache, doch ein unverbesserlicher Perversling wie er hatte sich rasch wieder gefangen. Prompt tat er so, als wolle er sich die Jacke ausziehen.
»Gut, dann eben so rum, auch gut. Wollen wir es gleich hier im Auto treiben, liebster Ehemann? Du musst auch nichts tun, ich kümmere mich um dich. Lehn dich einfach zurück und genieß es.«
»Zhao Yunlan!«, knurrte Shen Wei.
»Anwesend«, antwortete Zhao Yunlan.
Shen Wei rutschte genervt in seinen Sitz.
»Wie … wie kannst du nur so schamlos sein?«
Breit grinsend legte Zhao Yunlan die Hände links und rechts von Shen Weis Sitzlehne. »Das nennst du schon unanständig? Du hast ja keine Ahnung, zu was ich noch imstande bin.«
Shen Weis Scham schlug in Wut um. Sein Blick verdunkelte sich; er packte Zhao Yunlan am Kragen und stieß ihn zurück.
Zhao Yunlan merkte, dass etwas nicht stimmte, und sackte sofort verunsichert zusammen. »Das war doch nur ein Scherz.«
»Und mit wie vielen anderen hast du solche Scherze gemacht?«
Shen Weis Stimme klang eisig, jedes Wort blieb ihm beinahe im Hals stecken und kam nur gepresst über seine blassen Lippen.
»Weißt du, wie viele Male ich fast … wie oft ich …«
Shen Wei, stets um eine zivilisierte Ausdrucksweise bemüht, zwang sich, den Rest hinunterzuschlucken, und wirkte dabei, als hätte er eine riesige Gräte verschluckt, die sich nun tief zwischen Kehle und Brust verkeilte.
Zhao Yunlan stutzte. Erst jetzt begann er allmählich zu begreifen, dass er Shen Wei zwar nicht einmal ein Jahr kannte, Shen Wei ihn aber schon über eine unvorstellbare Zeit hinweg beobachtete. Dieses Leben mochte nur ein paar Jahrzehnte andauern, doch davor hatte es viele, viele andere gegeben.
Seit uralter Zeit hatte dieser Mann ihn durch zahllose Wiedergeburten begleitet.
Er hatte mit angesehen, wie Zhao Yunlan geboren wurde, alt und krank wurde und schließlich starb – immer und immer wieder. Jede Liebe, jeder Hass, jedes Leben. Shen Wei war Zeuge dieser unzähligen, flüchtigen Existenzen geworden, ohne je Teil davon gewesen zu sein.
Der Gedanke schnitt Zhao Yunlan die Luft ab.
Shen Wei startete wortlos den Motor.
Zhao Yunlan suhlte sich eine Weile lang leidend in der Stille, bis ihm die Finger juckten und er sich Beschäftigung suchte. Er öffnete die kleine Holzschachtel, die er aus seinem Elternhaus mitgenommen hatte, und kramte aus dem Sammelsurium an Kinkerlitzchen ein kleines Gerät heraus, das an ein Radio erinnerte. Dazu griff er in seinen immer im Auto parat liegenden Werkzeugkasten und nahm zwei unterschiedlich große Schraubenzieher, mit denen er sich gleich ans Werk machte.
Seine Finger waren erstaunlich geschickt. Ohne Zweifel war er einer dieser Jungs gewesen, die heimlich an den Stromkabeln der Schule herumhantiert hatten. Wäre er nicht so auf schillernde neue Dinge fixiert und hätte kein Talent im besinnungslosen Geldverprassen, dann hätte man mit einem reparierwütigen Mann wie ihm wohl nie neue Gerätschaften im Haus gebraucht.
Das Feuer in Shen Weis Brust verglomm so schnell, wie es aufgeflammt war, und hinterließ Bedauern. Andere Leute versteckten ihr wahres Gesicht vor Fremden und öffneten sich erst in der Nähe ihrer Liebsten. Bei Shen Wei war es genau umgekehrt: Vor Zhao Yunlan zog er sich aus Gewohnheit besonders stark zurück, aus lauter Angst, auch nur den Hauch seines wahren Selbst preiszugeben.
Sogar jetzt, da sich ihre Beziehung derart vertieft hatte, wusste Shen Wei manchmal nicht, wie er mit Zhao Yunlan sprechen sollte, so sehr zermürbte ihn das Gefühl, unwürdig und schmutzig zu sein.
Sein Beifahrer bastelte still weiter. Schließlich konnte Shen Wei bei einer roten Ampel nicht anders, als ihm einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. Zögerlich fragte er schließlich: »Was machst du da?«
Zhao Yunlan ließ sich sofort auf die versöhnliche Frage ein. Die Auseinandersetzung eben anscheinend vergessend, antworte er mit gespielter Begeisterung: »Das ist ein Peilsender, den ich mal als Kind mit dem Sendeempfänger eines alten Radios gebaut hab. Moment … ich muss nur noch die Kontakte reparieren und eine Batterie einsetzen …«
Es knackte. Ein winziger Bildschirm von kaum fünf Zentimetern Durchmesser flackerte schwach auf. Darauf erschien verschwommen ein kleiner Punkt, und Zhao Yunlan musste das Display mit beiden Händen abschirmen, um etwas zu erkennen. Er justierte die Frequenz, verschob den Punkt und verglich ihn mit der eingeschnitzten Skala neben dem Bildschirm.
»Der alte Mann ist nicht weit. Er scheint sich also tatsächlich vor mir zu verstecken. Wir drehen um.«
Shen Wei wusste zwar nicht, worum es ging, gehorchte aber trotzdem. Er wendete an der nächsten Kreuzung und ließ sich von Zhao Yunlan, der noch immer hoch konzentriert über den Bildschirm gebeugt war, den Weg weisen.
Shen Wei hätte das Konzept »Radio« nicht einmal erklären können, doch er war bemüht, das Gespräch am Laufen zu halten.
»Wen verfolgen wir?«
»Meinen Vater. Ich hab mal einen Peilsender in sein Handy eingebaut. Hätte nicht gedacht, dass er das nach all den Jahren noch nicht gewechselt hat. Damals war ich in der Mittelschule und technisch noch nicht so bewandert, deshalb spinnt das Gerät manchmal. Die Frequenz springt ständig, und man muss sie ewig wieder einstellen, außerdem funktioniert es nur auf kurzer Distanz.«
Shen Wei legte instinktiv die Hand auf seine Hosentasche und dachte an das Handy, das er fast nie benutzte. Manchmal vergaß er sogar, wie man einen Anruf annahm. Wenn jemand ihm da etwas einbauen würde … er würde es niemals bemerken.
Zhao Yunlan bemerkte die Geste und schielte zu ihm hinüber. Die Beine lässig übereinanderschlagend, zündete er sich eine Zigarette an. »Bleib locker. Solange du dir keinen hübschen Jungen zum Fremdgehen suchst, passiert nichts.«
Shen Wei warf ihm einen genervten Blick zu.
»Jetzt links, ja, da vorne, das Teehaus. Da steht auch sein Auto.«
Zhao Yunlans Stimme klang leicht und unbeschwert, was man von seinem Blick nicht behaupten konnte. »So, jetzt schauen wir mal, wer es wagt, sich als meinen Vater auszugeben.«
Noch bevor das Auto ganz zum Stehen kam, hatte Zhao Yunlan sich abgeschnallt und war hinausgesprungen. Anscheinend nicht zum ersten Mal hier, steuerte er zielsicher den ersten Stock an.
Shen Wei schloss den Wagen ab und folgte ihm mit zwei Schritten Abstand. Zhao Yunlan hatte es nicht eilig, im Gegenteil: Als er bei der Treppe an einer Bedienung um die zwanzig vorbeiging, nickte er ihr sogar noch freundlich zu. Doch aus irgendeinem Grund zitterten die Hände der jungen Frau beim Anblick des Gasts vor ihm. Prompt fiel ein Teekännchen zu Boden und zerbrach.
Zhao Yunlans Vater saß ihnen mit dem Rücken zugewandt. Als es hinter ihm schepperte, drehte er sich um. Hinter der Brille blitzte ein ruhiger Blick hervor, der distanziert und zugleich seltsam aus der Zeit entrückt wirkte – das genaue Gegenteil von dem sonst so lebendigen Auftreten des Mannes.
Zhao Yunlan hielt kurz inne, dann ging er mit festem Schritt auf ihn zu und scheuchte die Bedienung fort, die gerade Tee servierte. Er setzte sich seinem vermeintlichen Vater gegenüber und kam direkt zur Sache: »Du bist nicht mein Vater. Wer bist du?«
Der Mann antwortete nicht, sondern sah mit ernster Miene zu Shen Wei, der sich beiden näherte. Als sich ihre Blicke trafen, knisterte die Luft förmlich.
Shen Wei neigte den Kopf mit äußerster Höflichkeit.
»Guten Tag, Herr Zhao.«
Das Gesicht des Mannes verspannte sich, wodurch seine Lachfalten noch tiefer wurden. Mit ruhiger Stimme erwiderte er: »Euer Respekt steht mir nicht zu.«
Der Schatten eines Lächelns huschte über Shen Weis Lippen. Anstatt sich zu den beiden zu setzen, wählte er einen der freien Stühle ein paar Schritte abseits. Mit eleganten Bewegungen und geschmeidig wie fließendes Wasser spülte er sich eine neue Tasse ab und kochte Tee, den er sich wenig später einschenkte. Dabei hielt er den Blick gesenkt, ein Zeichen dafür, dass er nicht vorhatte, sich in die Konversation einzumischen.
»Ich war letztens nicht ganz bei Sinnen«, sagte Zhao Yunlan.
»Sonst wäre mir auf den ersten Blick aufgefallen, dass du ein Hochstapler bist. Mein Vater ist völlig getrieben von Ehrgeiz. Er interessiert sich nur dafür, die Karriereleiter aufzusteigen und Geld zu scheffeln. Ein machtgieriges Biest im schicken Anzug, der sich nur um Erfolg und Ruhm schert. Nie im Leben könnte er mich mit so einer von der irdischen Welt gelösten Gelassenheit ansehen, wie du es tust. Ich bin lang genug auf dich reingefallen. Also, wo ist er?«
Der Mann warf Shen Wei einen Blick zu und nippte leise brummend an seinem Tee.
»Werter Herr, ich will wirklich nicht unfreundlich werden«, sagte Zhao Yunlan ruhig. »Immerhin könntest du mit dem Urkaiser Shennong in Verbindung stehen, da ziehe ich Worte der Gewalt vor.«
Seine Geduld war begrenzt, und seine Worte legten an Tempo zu, als die Seelenwächter-Peitsche warnend in seiner Hand aufblitzte. »Treib es nicht zu weit. Bei meiner Familie verstehe ich keinen Spaß.«
»Euer Vater ist wohlauf«, sagte der Mann schließlich.
»Ich leihe mir seinen Körper gelegentlich aus und sorge dafür, dass er am Ende genug Erinnerungen erhält, damit er nicht in Verzug gerät. Sei unbesorgt.«
»Und was bist du dann? Ja wohl kaum Shennong höchstpersönlich?«
»Nein, nicht doch.« Zhao Yunlans »Vater« lächelte.
»Ich bin nur ein steinerner Mörser, den Shennong einst zurückließ. Während des Kampfs zur Erschaffung der Götter habe ich mich mit einschmuggeln und durch pures Glück ein Bewusstsein erlangen können. Ich habe den Großen Kunlun in der Vergangenheit mehrmals verärgert, doch blieb mir keine Wahl. Es tut mir aufrichtig leid.«
»Und was hast du dann im Körper meines Vaters verloren? Hast du etwa die Erinnerungen im Götterbaum manipuliert?«
»Oh?«, fragte der Mann vor ihm langsam und hob beide Brauen.
»Ich bin weder ein aufsässiger Teenager mit Stimmungsschwankungen, noch will ich wie der Affenkönig einen chaotischen Aufstand gegen die himmlische Ordnung anzetteln«, verkündete Zhao Yunlan und kippte den erlesenen Tee hinunter, als wäre es Wasser.
»Klar, ich habe auch so meine Momente, aber meistens bin ich ziemlich locker drauf. Wenn ich je rebelliert habe, dann nur aus einem Grund, der so groß war wie der Himmel selbst. Etwas, das mich mit der Wut der Erde erfüllt hat. Aber in dem, was der Götterbaum mir gezeigt hat, sehe ich mich nicht. Das war nicht ich. Und Kunlun war doch zuständig für alle Berge und Flüsse zwischen Himmel und Erde, er sollte alle lebenden Wesen in diesen Bergen beschützen. Ich war in meinem früheren und auch in diesem Leben quasi ein Tierschützer. Ich würde niemals grundlos einem Drachen in die Augen stechen.«
Der Mann warf Shen Wei einen Blick zu und nickte zustimmend.
»Das klingt schlüssig.«
Zhao Yunlans Blick wurde eiskalt.
»Ich habe noch nicht gefragt, warum du den Baum benutzt hast, um mich in die Irre zu führen.«
Sein Gegenüber antwortete mit einem leisen Seufzer.
»Vielleicht, wenn der Große Kunlun durch die Zeit sehen könnte, dann …«
»Hör mit dem Scheiß auf«, unterbrach Zhao Yunlan scharf.
»Red lieber vernünftig mit mir, bevor mir die Geduld ausgeht. Wenn du mich nervst, vergesse ich ganz schnell, wessen verdammte Schale du bist.«
»Herrn Zhaos« Blick, eben noch auf seinen Sohn gerichtet, glitt über ihn hinweg und blieb an Shen Wei hängen, der eine Zeitschrift durchblätterte.
Dann zuckte der Körper seines Vaters heftig, die Augen wurden leer … und einen Moment später lag ein vollkommen veränderter Blick auf Zhao Yunlan … nein, ihm saß ein vollkommen anderer Mensch gegenüber. Sein Vater, vollständig zurückgekehrt und sich die Schläfen reibend. Mit gerunzelter Stirn und ein wenig benommen fragte er: »Was hast du gerade gesagt? Tut mir leid, ich bin die letzten Tage etwas müde und war wohl kurz weggetreten.«
Zhao Yunlan erstarrte – und verwandelte sich ebenso. Eben noch das Ebenbild eines Furcht einflößenden Mafiabosses, sackte er jetzt wie ein jugendlicher Kleinverbrecher beim Verhör in sich zusammen.
»Papa …?«, fragte er kleinlaut.
Sein Vater runzelte die Stirn.
»Hm?«
Dieser Ausdruck war ihm nur zu vertraut, und Zhao Yunlan wusste gleich, welche Worte sich in dieser kleinen Geste verbargen: Wenn du was sagen willst, dann spuck’s aus, und wenn du pupsen musst, dann mach’s halt. Du bist mein Sohn, also hast du genau eine Minute Zeit, dich zu erklären, daher komm zum Punkt. Ich bin müde und will keinen Schwachsinn hören.
In dieser aussichtslosen Notlage blieb ihm nur eins: Shen Wei als menschlichen Schutzschild vor sich zu ziehen und als Ausrede herhalten zu lassen.
»Also, wir hatten ja ein Treffen ausgemacht, aber du warst nicht zu Hause. Dann hab ich dein Auto hier gesehen und dachte, ich bring ihn eben mit, damit du ihn mal kennenlernst …«
»Mir war was dazwischengekommen«, murmelte sein Vater. »Ich treffe hier einen Freund.«
Sein Blick wanderte zögerlich zu Shen Wei, den er lange von Kopf bis Fuß musterte, bis er mit Bedauern feststellen musste, dass es nichts zu beanstanden gab. Er presste also nur eine trockene, formelle Begrüßung heraus: »Ich war heute kein besonders guter Gastgeber. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, Professor Shen.«
Da sein Gesprächspartner nicht Zhao Yunlan war, zeigte sich Shen Wei gewohnt souverän und gab eine angemessene, höfliche Antwort.
Zhao Yunlan nutzte den Moment und zog einen götterbannenden Talisman hervor, den er hinter seinem Rücken heimlich zu einem Dreieck faltete.
»Ach ja, ich war neulich im Tempel«, begann er und schob seinem Vater den gefalteten Talisman zu. »Ich habe dir einen Schutz-Talisman segnen lassen und mitgebracht. Öffne ihn nicht und behalte ihn einfach bei dir.«
Ohne Argwohn nahm sein Vater den Talisman entgegen. Nichts passierte.
Zhao Yunlans Stirn legte sich in Falten.
War der blöde Mörser entwischt … oder war er so stark, dass selbst ein so mächtiger Talisman nichts gegen ihn ausrichten konnte?
Am Ende war es Zhao Yunlan nicht gelungen, diesen »göttlichen Mörser« aus dem Körper seines Vaters zu vertreiben. Stattdessen saß er nun seinem echten Vater und dessen geballter Wucht väterlicher Autorität gegenüber.
Wenig überraschend bereitete Shen Weis Anwesenheit Herrn Zhao Unbehagen. Dies konnte er zwar für einen kurzen Augenblick ertragen, doch hielt dieses Unbehagen zu lange an, musste er es früher oder später jemand anderem aufbürden. Als Außenstehender wurde Shen Wei verschont, ganz im Gegensatz zu seinem armen Sohn.
Vor Shen Wei wurde Zhao Yunlan von seinem Vater verbal in Grund und Boden gestampft. Zurück im Auto, vom Gesichtsverlust schwer getroffen, murmelte er missmutig: »Andere Leute werden von betörenden Fuchs-Dämonen besessen, und er lacht sich ausgerechnet so eine bescheuerte Schüssel an. War er in seinem alten Leben ein Bettler, oder was? Und dann muss er mich auch noch so zusammenfalten.«
»Mach dir keine Sorgen«, versuchte Shen Wei, ihn aufzumuntern. »Shennongs Nachkommen hatten schon immer Mitgefühl mit den Menschen, sie würden Sterblichen nichts antun. Außerdem hast du deinem Vater doch so einen Sender verpasst? Ich kann mithelfen, ihn im Auge zu behalten.«
Zhao Yunlan lachte trocken. »Ich will dich da nicht einfach mit reinziehen. Du hast noch nicht mal in diese Familie eingeheiratet, und schon macht dein idiotischer Schwiegervater dir Ärger.«
Zhao Yunlan speicherte Negatives wohl nur im Kurzzeitgedächtnis ab, denn er fing, Shen Weis vorherige Wut augenscheinlich bereits vollkommen vergessen, gleich wieder mit dem Flirten an. Schließlich war Valentinstag, der perfekte Anlass, um mit Shen Wei ins Kino zu gehen, doch seine Müdigkeit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Vielleicht war die Heizung zu hoch eingestellt, sodass er langsam im Auto wegdöste, doch selbst während er dabei war einzuschlafen, grübelte Zhao Yunlan. So beschäftigt war er in letzter Zeit doch gar nicht gewesen. Warum war er bloß so müde?
Wie sagte man noch gleich? »Im Frühling ist man schläfrig, im Herbst erschöpft, im Sommer braucht man ein Nickerchen, und im Winter kann man drei Monate durchschlafen.« An dem alten Spruch war wohl etwas dran.
Nur war der Schlaf, in den er fiel, keinesfalls erholsam, sondern eine wirre Kette zusammenhangloser Träume, in denen ihm jemand immer wieder etwas ins Ohr flüsterte: »Du kannst weder die Zeit durchschauen noch Richtig von Falsch oder das Gute vom Bösen unterscheiden. Auch Leben und Tod verstehst du nicht …«
Die leisen Worte prasselten wieder und wieder auf ihn ein, und schließlich konnte Zhao Yunlan nicht anders, als sich zu fragen: Was sind eigentlich Leben und Tod?
Das Flüstern wurde lauter, verwandelte sich von Gemurmel in ein dröhnendes Getöse. Zhao Yunlan wusste, dass er träumte, aber diese Erkenntnis half ihm nicht. Er blieb gefangen in diesem Traum, der ihn wie ein Moor langsam verschluckte. Je mehr er dagegen ankämpfte, desto weniger Luft bekam er.
Dann spürte er plötzlich, wie ihm eine Schale mit einem seltsam fischigen Geruch gegen die Lippen gedrückt wurde. Jemand zwang seinen Mund auf und wollte ihm, ungeachtet seines Widerstands, Medizin einflößen. Zhao Yunlan versuchte instinktiv, die Flüssigkeit mit der Zunge wieder herauszudrücken, was der anderen Person nur ein Seufzen entlockte, ehe sie seinen Kopf sanft umfasste. Im nächsten Moment lagen weiche Lippen auf seinen.
Der vertraute Duft ließ seine Proteste für einen Moment verstummen, und genau diesen Moment nutzte die Person, um ihm die Medizin in den Mund zu kippen.
Sofort riss Zhao Yunlan hustend die Augen auf und stellte fest, dass er längst zu Hause im Bett lag. Benommen sah er zu, wie Shen Wei die Schale zur Seite stellte und ihm eine angenehm warme Tasse Tee reichte. Dann senkte Shen Wei den Kopf und berührte seine Stirn kurz sachte mit der eigenen.
»Hier«, sagte er leise. »Trink das, um deinen Mund auszuspülen.«
Zhao Yunlan nahm den Tee an. Seine dichten Wimpern senkten sich, und auf der Stirn standen ihm noch Schweißperlen von dem Albtraum. Mit einem Zug leerte er die Tasse, bevor er heiser fragte: »Hab ich mir was eingefangen? Warum werd ich in letzter Zeit so schnell krank?«
Shen Wei zögerte für einen winzigen Moment, ehe er antwortete: »Mach dir keine Gedanken, der Eintritt in den Götterbaum hat dich einfach viel Kraft gekostet.«
»Ach so.«
Zhao Yunlan sah ihn bedeutungsschwanger an, dann zog er jedes Wort absichtlich in die Länge: »Und ich dachte schon …«
Shen Wei erstarrte, nur um im nächsten Moment zu hören, wie der Idiot vor ihm leise jammerte: »… ich trage dein Kind in mir.«
Dem brennenden Bedürfnis haarscharf entkommen, sowohl die Schale als auch die Teetasse auf den Boden zu schmettern, drehte Shen Wei sich auf dem Absatz um und marschierte mit knallrotem Kopf zurück in die Küche.
Zhao Yunlan lachte herzhaft und zückte sein Handy, um auf die Uhr zu schauen, als er eine E-Mail von Wang Zheng bemerkte. Es handelte sich um einen neuen Fall für die AFS.
In einem Vorort, etwa zweihundert Kilometer von Drachenstadt entfernt, lag ein kleines Touristendorf, das sich als perfekter Erholungsort vermarktete und aus einigen Ferienvillen bestand. Einer der Hausbesitzer war morgens zum Frühsport in ein nahe gelegenes Waldstück aufgebrochen, wo er eine Leiche gefunden hatte. Die Leiche hatte ein bläuliches, von Schreck und Panik verzerrtes Gesicht, und ihre Hände umklammerten den Hals eines schwarzen Hunds. Mensch und Tier waren längst kalt.
Wang Zhengs E-Mail endete mit einem Hinweis: »Es ist fast der siebte Tag des ersten Mondmonats.«
Der Legende nach war der siebte Tag des ersten Mondmonats der »Tag des Menschen«, ein Tag, an dem man sich mittels okkulter Methoden Zeit vom Leben eines anderen »ausleihen« konnte. Die so »geborgten« Lebensjahre wurden der eigenen Lebensspanne hinzugefügt.
Ein zentraler Bestandteil dieses Rituals war laut Volksglauben das Blut eines schwarzen Hunds, das die Kommunikation zwischen Yin und Yang herstellen konnte. Man schrieb die Geburtshoroskope beider Parteien mit Hundeblut auf ein Blatt Papier, vermerkte darauf die Anzahl der gewünschten Jahre und beschwerte die vier Blattecken mit Räucherstäbchen. Wenn der Rauch gerade aufstieg, unbewegt vom Wind, galt das als Zeichen, dass ein Geisterbote das Bestechungsgeschenk angenommen hatte und ein Auge zudrücken würde. Danach verbrannte man das Papier und ließ die Asche vom Empfänger der Lebenszeit einnehmen, was das Ritual abrundete.
Früher wurde dieses Ritual durchgeführt, wenn ein älteres Familienmitglied erkrankte und ein pietätvoller Nachkomme freiwillig Lebenszeit opferte. Doch in der heutigen Zeit waren solche Traditionen fast vergessen und von vielen als Aberglaube aus feudaler Vergangenheit abgetan. Wandte man heute solche Methoden an, steckte Todesangst dahinter. Man heuerte laienhafte Schamanen mit einem Halbwissen an dunklen Ritualen an, die ihre eigenen Verdienste für Geld eintauschten und sich in Gefahr begaben. Denn schlug das Ritual fehl, so fielen die Konsequenzen nicht zwingend auf den lebenszeitgierigen Auftraggeber, sondern auf den Schamanen selbst zurück.
Daher war es für die Kriminalabteilung der AFS nichts Ungewöhnliches, wenn am siebten Tag des ersten Mondmonats eine Leiche neben einem schwarzen Hund gefunden wurde. Zhao Yunlan leitete die E-Mail an seine Kollegen weiter und wies an, dass sich jemand darum kümmern solle, wenn er Zeit fand.
Kaum hatte er die Nachricht halb getippt, fielen ihm schon wieder die Augen zu. Mit letzter Kraft drückte er auf »Senden« und sank danach sogleich zurück aufs Bett, als würde ihn die Bewusstlosigkeit überfallen. Noch bevor er ein einziges Schaf zählen konnte, war er eingeschlafen.
Als Zhu Hong die E-Mail ihres Chefs erhielt, meditierte sie gerade auf dem Dach. Ihr langer Schlangenschwanz war ausgerollt, um möglichst gleichmäßig vom fahlen Mondlicht beschienen zu werden. Das war das Problem an Städten im Norden: Im Winter waren klare Nächte selten. Gab es keinen Schnee, dann eben Nebel. Ein Himmel mit strahlendem Mond und funkelnden Sternen war kostbar.
Der Nachrichtenton riss Zhu Hong aus ihrer Meditation. Als sie die Augen öffnete, sah sie einen Mann vor sich, der mit dem Rücken zu ihr stand und das Firmament hinaufblickte. Sogleich erstarrte sie. »Vierter Onkel?«
Der Mann drehte sich um und senkte den Blick. »Als du damals die Prüfung nicht bestanden hast und vom himmlischen Blitz als Strafe für deine Kultivierung verletzt wurdest, habe ich dich in Obhut des Seelenwächters gegeben. Ich hoffte, seine starke Yang-Energie würde dir Schutz bieten. Es scheint, als hätte er sich in der Tat gut um dich gekümmert.«
Während er sprach, ließ er mit einer Geste einen kleinen Pavillon auf dem Dach erscheinen. Darin stand, vom heulenden Nordwestwind abgeschirmt, ein hölzerner Tisch, auf dem ein kleiner Herd eine Kanne mit Wasser erhitzte. In der Teekanne daneben waren die Blätter bereits vorbereitet. Der Schlangenälteste winkte Zhu Hong heran. »Komm her.«
Zhu Hong verwandelte ihren Schwanz zurück in ein Paar Beine. Blitzschnell hob sie ihr Handy und überflog Zhao Yunlans E-Mail, die sie zögern ließ. »Könntest du dich kurzfassen, Vierter Onkel? Der Seelenwächter hat mir gerade einen Fall gemeldet …«
»Nur ein armseliger Dieb, der versucht hat, ein paar Lebensjahre zu stehlen, und dabei gescheitert ist«, entgegnete der Schlangenmann, ohne aufzuschauen. »Setz dich«, sagte er, diesmal bestimmter.
Vierter Onkel war das Oberhaupt des Schlangenstamms. Sein Gesicht strahlte Wärme aus, während sein Herz kalt war. Er war ein facettenreicher, tiefgründiger Mann, dessen Gedanken man nur schwer erahnen konnte.
Zhu Hong wagte keinen Widerspruch. Instinktiv setzte sie sich aufrecht neben ihn.
Vierter Onkel nahm die Kanne und goss das heiße Wasser über die Teeblätter. Vom Dampf umhüllt, sagte er in ruhigem Ton: »Ich bin vor allem gekommen, um etwas mit dir zu besprechen. Drachenstadt ist kein Ort, an dem du deine Kultivierung vorantreiben wirst. Du wirst selbst gemerkt haben, dass du in den letzten zwanzig Jahren kaum Fortschritte gemacht hast.«
Zhu Hong warf ihm einen vorsichtigen Blick zu. Zögernd fragte sie: »Willst du, dass ich aufs Land ziehe …?«
Sie spielte die Ahnungslose, und der Schlangenälteste beschloss, nicht länger um den heißen Brei herumzureden. Mit einem leichten Lächeln kam er direkt zur Sache. »Ich finde, du solltest Drachenstadt verlassen.«
Zhu Hong biss sich auf die Lippe. »Aber der Seelenschutzorden …«
»Ich übergab dich dem Seelenwächter, damit er ein Auge auf dich hat, und zum Dank hast du ihm gedient. Du bist kein Verbrecher, der seinen Befehlen unterliegt«, meinte Vierter Onkel ruhig. »Der Orden hat keinerlei Macht über dich. Du könntest noch heute gehen, und der Wächter würde es wortlos hinnehmen.«
Panik flackerte in Zhu Hongs Augen auf, und ihr Blick irrte hastig umher, als könne sie irgendwo einen Vorwand finden, Drachenstadt nicht verlassen zu müssen.
»Ach, du willst nicht gehen?«, fragte Vierter Onkel mit dem milden Lächeln einer Buddhastatue, während sein Blick die junge Frau vor ihm durchbohrte. »Wenn du mich noch als Stammesältesten anerkennst, hör auf meinen Rat und komm mit mir. Hätte der Seelenwächter wahrhaft Gefühle für dich, würde ich mich niemals als Störenfried zwischen euch stellen. Ist dir etwa noch immer nicht bewusst, was er über dich denkt?«
Zhu Hong bekam kein Wort heraus.
Vierter Onkel trommelte mit den Fingern leicht auf den Tisch. »Du warst schon immer ein kluges Kind. Ich muss nicht jedes Wort buchstabieren, du wirst schon von selbst darauf kommen.«
Angespannt krallte Zhu Hong ihr Handy fest, das dem Griff einer Schlangen-Yao jedoch nicht gewachsen war. Mit einem Knacken sprang die Hülle ab, das Display zierte ein Spinnennetz aus Rissen.
Der Schlangenälteste tat, als merke er nichts, schlürfte gelassen seinen Tee und gab ihr Bedenkzeit.
Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte Zhu Hong leise: »Ich … ich werde mich für ihn um diesen einen letzten Fall kümmern und mich danach verabschieden … einverstanden?«
Vierter Onkel wusste, wie weit er gehen konnte, und gab sich mit dieser Lösung zufrieden. Verständnisvoll nickte er. »Jeder Anfang braucht auch ein Ende. Beende die Sache auf deine Weise.«
Danach zog er eine Schatulle hervor und klappte sie auf: Eine schillernde Perle kam zum Vorschein. »Das ist eine Wasserdrachenperle. Wer sie bei sich trägt, wendet Unglück ab und trotzt Wasser ebenso wie Feuer. Gib sie dem Seelenwächter, wenn du dich verabschiedest. Er hat dich all die Jahre beschützt; unser Stamm schuldet ihm Dank. Dieses Präsent ist nur ein schwaches Zeichen unserer Hochachtung.«
Zhu Hong nahm die Schatulle an sich und wollte sich gerade bedanken, da war der Schlangenmann bereits verschwunden.
Der Mond stand günstig, doch ihr Herz war in Aufruhr. An Meditation war nicht mehr zu denken. Schweigend zerlegte sie ihr kaputtes Handy, zog die SIM‑Karte heraus und glitt lautlos in die Nacht.
Gegen Mitternacht erhielt Zhao Yunlan eine Antwort von Zhu Hong:
Lin Jing und ich brechen auf. Überstunden werden doppelt vergütet, nicht vergessen!
Weil Shen Wei unwahrscheinlich leicht schlief, stellte Zhao Yunlan sein Telefon nachts stets auf Vibration und schob es unters Kopfkissen. Doch heute war er zu schnell eingeschlafen und hatte den letzten Schritt nicht mehr geschafft.
Somit wurde er nun vom vibrierenden Handy in seiner Handfläche lautlos geweckt. Zhao Yunlan sah nicht auf die Nachricht, sondern hielt zunächst den Atem an und drehte sich um, um zu sehen, ob er Shen Wei geweckt hatte. Doch die Betthälfte neben ihm war leer. Er streckte die Hand aus und fühlte, dass die Bettdecke schon kalt war. Er war also schon lange fort.
Vor Schreck setzte er sich auf und sah, dass in der Küche Licht brannte. Er stampfte mit dem Fuß zweimal wild suchend auf den Boden, fand seine Schuhe jedoch nicht und ging somit einfach barfuß hinüber. Shen Wei stand mit dem Rücken zu ihm und hantierte an etwas herum. Auf dem Herd stand ein kleiner Topf, in dem etwas kochte. Ein schwacher, medizinischer Geruch stieg ihm in die Nase, als würde er einen Gewürzsud zubereiten, der die ganze Nacht lang schmoren musste.
Zhao Yunlan rieb sich schlaftrunken die Augen, krempelte die Ärmel hoch und ging hinüber. »Was kochst du da? Ich helfe dir …«
Die wie aus dem Nichts kommende Stimme erschreckte Shen Wei so sehr, dass er das Messer in seiner Hand fallen ließ. Es klirrte, und das Blut auf der Klinge spritzte auf die schneeweißen Küchenschränke. Zhao Yunlan verstummte abrupt, seine Pupillen verengten sich, und seine Müdigkeit war wie weggeblasen.
Diese scharfe Klinge … hatte Shen Wei sich selbst in die Brust gestoßen.
Letzterer war blass wie ein Blatt Papier, und für einige Sekunden war es in der Küche so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Zhao Yunlan packte Shen Wei an den Schultern und riss ihm brutal das Hemd auf. Die Stichwunde auf seiner blassen Brust war bereits verheilt, doch Haut und Schlafanzug waren unweigerlich mit Blut befleckt. Zhao Yunlan war, als hätte man ihm selbst ein Messer in die Brust gestoßen. Jede Bewegung schmerzte. Vorsichtig streckte er einen Finger aus und berührte Shen Weis scheinbar unverletzte Brust. Nach einer langen Pause fragte er mit heiserer Stimme: »Was ist passiert?«
Keine Antwort.
Prompt krallte er sich in Shen Weis Kragen und drückte ihn zurück. »Ich hab dich etwas gefragt! Rede mit mir!«
Shen Weis Rücken krachte gegen das Schneidebrett. Jetzt begriff Zhao Yunlan, wie sein Gegenüber sich damals im Krankenhaus gefühlt haben musste, als er ihm für die Beschwörung der Yin-Armee beinahe eine Ohrfeige verpasst hatte. Die Wut schnürte ihm die Kehle zu.
»Was hast du mir die ganze Zeit eingeflößt? Shen Wei! Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir spreche!«
»Damals … ist das Seelenfeuer auf deiner linken Schulter erloschen, und dein Herzblut wurde zum Docht der Seelenwächterlampe«, erklärte Shen Wei leise. »Dein Geist war von Anfang an schwach, deine drei ätherischen Seelen instabil. Und obwohl du mich gewaltsam zum Gott erhoben hast, bleibe ich ein Wesen des ehrfurchtslosen Kerkers. Das Geistervolk ist unrein und mit Unglück behaftet. Wenn du zu lange in meiner Nähe bleibst, werde ich dir deine Energie aussaugen, dein Qi und dein Blut werden leiden, und am Ende werde ich dich vollkommen ausbrennen.«
Shen Wei senkte den Blick, seine Wimpern, schwarz wie Krähenfedern, warfen Schatten auf die ebenso dunklen Augen. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Shennong sagte damals vor Tausenden von Jahren, dass mir als Geisterkönig nicht nur ein schlechter Anfang, sondern auch ein schlechtes Ende bevorstehe. Wenn du mich weiter beschützt und an deiner Seite hältst, werde ich dich eines Tages umbringen.«
»Also enthält das ›Medikament‹, das ich all die Zeit getrunken habe … dein Blut. Das reinste Blut, direkt aus der Spitze deines Herzens.« Zhao Yunlans Lippen zitterten. »Du hast es als ›Lampenöl‹ benutzt, um mich am Leben zu halten.«
Shen Wei sah ihn mit einem schwachen Lächeln an. »Alles an mir ist dunkel, selbst meine Seele. Nur die oberste Spitze meines Herzens ist noch etwas rein, dort, wo ich dich trage und wo das Blut noch rot fließt. Wenn ich dich damit beschützen kann, opfere ich es gern.«
Zhao Yunlans Blick sank zu Boden. Erst nach einer langen Weile hob er den Kopf und verdeckte das Gesicht mit den Händen.
Wenn Shen Wei ihn schlichtweg nicht mögen und ihm aus dem Weg gehen würde, konnte Zhao Yunlan entscheiden, ob er ihn weiter nerven oder sich taktvoll zurückziehen wollte. Beides wäre vertretbar gewesen.
Wenn Shen Wei ihn belogen, verletzt oder hintergangen hätte, hätte Zhao Yunlan wählen können, ob er ihm vergibt oder für immer Lebwohl sagt. Auch das wären zwei vertretbare Optionen gewesen.
Aber Shen Wei hatte ihn wie eine Spinne in sein Netz gewickelt, und Zhao Yunlan war in einer Ohnmacht gefangen, in der er ihn weder verfluchen noch ihm verzeihen konnte.
Lange Zeit sagte er kein Wort. Dann ging er in den Flur, warf sich seinen Mantel über und ging, ohne ein einziges Mal zurückzublicken.
So fühlte sich also Liebe an, die einen wie ein Messer mitten ins Herz traf.
Zhu Hong und Lin Jing hatten abgemacht, noch vor Sonnenaufgang gemeinsam in der Straße des Ruhms Nummer 4 zu erscheinen und bei Wang Zheng einen Dienstwagen anzufragen. Kaum hatten sie einen Schritt ins Büro gesetzt, entdeckten sie ihren Chef, der alle ihre Nachrichten unbeantwortet gelassen hatte, auf dem Sofa liegen. Er trug noch immer seinen Pyjama und war eingewickelt in einen dicken Wollmantel, den die beiden vorher noch nie an ihm gesehen hatten.
Daqing hockte vor dem Sofa und leckte sich zufrieden die Pfoten. Vor ihm stand ein Teller mit Überresten einer üppigen Trockenfischmahlzeit.
Zhu Hong stellte die Klimaanlage auf höher. »Warum schläft er hier?«, fragte sie leise.
Lin Jing, der sich über die Feiertage kugelrund gefuttert hatte, rieb sich sein mochiweiches Kinn. »Wenn er nicht einmal zum Frühlingsfest nach Hause geht, ist bestimmt was Ernstes passiert. Entweder zwingt man ihn zu einer Hochzeit oder zu ’ner Trennung.«
Zhao Yunlan riss die Augen auf. Sein Haar war ein einziges Durcheinander, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Der Weckdienst schien ihm sehr offensichtlich gegen den Strich zu gehen. »Verzieh dich«, knurrte er und strafte Lin Jing mit messerscharfem Blick.
Letzterer seufzte nur. »O Mann, wer soll bloß mit einem Mann wie unserem Chef klarkommen? Werter Direktor, fahren Sie Ihre eigene Ehefrau auch so an, wenn diese Sie morgens mit selbst gemachtem Frühstück weckt?«
Der Möchtegernmönch musste natürlich genau mit dem Finger in seiner Wunde stochern. Zhao Yunlan griff nach einem kleinen Bonsai auf dem Schrank neben sich und warf ihn Lin Jing entgegen, der Topf zerbrach schellend.
Daqing und Zhu Hong wechselten erschrockene Blicke, selbst Lin Jing erstarrte einen Moment lang. Aber da seine große Klappe das Ganze ausgelöst hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich seufzend einen Besen zu schnappen. »Amitabha«, murmelte er. »Mögen die Scherben uns Glück bringen.«
Daqing sprang auf die Sofalehne. »Hey, alles in Ordnung?«
Zhao Yunlan sank zurück aufs Sofa und vergrub das halbe Gesicht im Mantel. Shen Weis Mantel. Er hatte ihn bei seiner übereilten Flucht gegriffen, ohne es zu merken. Der Stoff trug noch immer den zarten, frischen Duft seines Besitzers.
»Alles in Ordnung«, murmelte Zhao Yunlan betrübt. »Lin Jing, lass gut sein, ich feg das später weg. Ich wollte nicht so ausfahrend werden … Lasst mich einfach liegen und erledigt euren Kram.«
Daqings Schnurrhaare zuckten. Zhao Yunlan streckte eine Hand aus dem Mantel hervor, kraulte Daqing mit ungelenker, grober Hand das Fell und klopfte ihm anschließend halbherzig aufs Hinterteil. »Wenn du Zeit hast, finde bitte heraus, woher diese ›Chronik vergangener Geheimnisse‹ stammt.«
»Du gibst mir altem Herrn Befehle?«, grummelte der Kater. »Wo bleibt mein Hongbao? Wo bleibt mein Neujahrsgeld?«
Zhao Yunlan, die Augen erneut geschlossen, kramte in der Manteltasche herum und zog ein paar Scheine heraus, die er Daqing unter das Halsband schob, ehe er den Kater wie einen Bettler fortwinkte. »Selbst mit einer Gelddruckerei könnte man bei deinem Alter nicht hinterherkommen1. Zieh Leine.«
Daqing fauchte und setzte zum Krallenwetzen auf dem Mantel an, doch Zhao Yunlan konnte seine Hand gerade noch schützend ausstrecken. Als Daqings Krallen die warme Haut seines Chefs berührten, zog er sie schnell ein, hinterließ jedoch nichtsdestotrotz weiße Kratzer auf seinem Arm.
Was für ein schäbiger Mantel, nicht mal zum Kratzen taugt der! Beleidigt zog der schwarze Kater von dannen. Er fühlte sich wie eine Spendendose, in die Zhao Yunlan ein paar Almosen gesteckt hatte.
Das Frühlingsfest lebte von seinen Traditionen und Bräuchen. Da die meisten Mitglieder der AFS keine Menschen waren, hatte jeder seine ganz eigene Art zu feiern. In der Regel dauerten die Betriebsferien bis zum fünfzehnten Tag des neuen Mondjahrs, wodurch es zu dieser Zeit im Büro ungewohnt still war. So still, dass sich Zhao Yunlan erneut seinem Kummer hingab und wieder in einen Traum ziehen ließ.
Es war später Vormittag, als Zhao Yunlan im stillen Büro aufwachte. Ein wenig benommen und sehr schlaftrunken setzte er sich auf und erstarrte, als er nach unten blickte. Bei seiner eiligen Flucht aus der Wohnung hatte er nicht einmal an Socken gedacht. Erst draußen war ihm aufgefallen, dass er barfuß in Lederschuhe geschlüpft und ihm somit etwas kalt war.
Doch nun standen seine liebsten Knöchelstiefel, in denen warme Wollsocken steckten, ordentlich neben dem Sofa. Auf der Lehne lag ein ordentlicher Haufen gebügelter Kleidung, in die diskret frische Unterwäsche gelegt worden war. Handy, Portemonnaie und Schlüssel lagen obendrauf.
Das Einzige, was fehlte, war ein Mantel. Die Schlussfolgerung war, dass der Wohltäter sehr offensichtlich wollte, dass Zhao Yunlan seinen behielt.
»Der Professor hat das alles für dich vorbeigebracht«, sprach eine Stimme plötzlich. »Ich wollte dich wecken, aber das wollte er nicht.«
Zhao Yunlan rieb sich den Nasenrücken und drehte sich zu Zhu Hong, die an ihrem Schreibtisch saß und im Internet Zeit totschlug. »Wo ist er?«, fragte er.
»Weg.«
Zhao Yunlan stutzte kurz; seine Stimme klang heiser. »Und wo? Hat er noch etwas gesagt?«
»Er meinte: ›Draußen ist es kalt, also soll er nach der Arbeit direkt heimgehen. Ich werde bei mir zu Hause sein, er muss also keine Angst haben, mir über den Weg laufen zu können‹«, gab Zhu Hong die Nachricht des Professors wortgetreu wieder. »Danach ist er gegangen. Zu sich nach Hause, nehme ich an. Warum habt ihr euch ausgerechnet zum Frühlingsfest gestritten?«
Zhao Yunlan antwortete nicht. Er wusste genau, was Shen Wei mit »bei sich zu Hause« meinte, und es war nicht die Wohnung, die Zhu Hong im Sinn hatte. Schon allein der Gedanke daran fühlte sich an, als ob ihm jemand ein Messer ins Herz stieße.
Aber das konnte er nicht nach außen tragen, weshalb er nur mit steifer Miene nickte und sich die Socken anzog. Er griff den Kleidungsstapel und verschwand im Bad, um sich umzuziehen.
Er wusch sich hastig das Gesicht und stützte sich mit beiden Händen danach auf das Waschbecken. Eine Weile lang starrte er einfach nur in die blendend weiße Emaille, bevor er das Gesicht in das eiskalte Wasser tauchte. Kurz wagte er nicht, an Shen Wei zu denken. Denn zum ersten Mal gab es jemanden in seinem Leben, an den zu denken ihn bereits schmerzte; ein Schmerz so stark, als würde ihm jemand einen Teil seines Herzens herausreißen.
Sein langer Besuch im Bad machte Zhu Hong nervös, und schließlich klopfte sie an die Tür. »Direktor Zhao? Alles in Ordnung?«
