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Die blonde Privatdetektivin Hella Häm-Börger, in Hamburgs Osten angesiedelt, begegnet bei einer Flusskreuzfahrt dem schwäbisch-knitzen Kriminaldirektor Stefan Baumann vom Landeskriminalamt Stuttgart. Dieser zieht sie in sein Boot, indem er sie dazu überredet, doch in einem gemeinsamen Buch ihre haarsträubenden Berufserfahrungen preiszugeben. HUMOR, SATIRE, FANTASIE und kleine FRIVOLE FRECHHEITEN werden in diesem Band von Hella Häm-Börger und Fabio Marotti ganz groß geschrieben. Egal, wann man diese kriminellen Seiten auch verschlingt – im Urlaub, auf der Fahrt zur Arbeit, in der Badewanne, vor dem Einschlafen: Ein Mords-Spaß ist angesagt!
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Romane langweilen mich zu Tode.
Ich würde meine Romane nie lesen,
wenn ich sie nicht selbst geschrieben hätte.
Friedrich Dürrenmatt
Fabio Marotti genießt sein zweites Leben als (Un-)ruheständler und smartphone-frei in der Drei-Flüsse-Stadt Bad Friedrichshall.
Neben seinem Hauptberuf eine jahrzehntelange künstlerische Karriere als Aquarellmaler, Promi-Karikaturist, Fotograf skurriler Schnappschüsse, Songtexter und Autor von dreizehn Büchern. Fünfundsiebzig Ausstellungen – unter anderem gemeinsam mit Udo Lindenbergs Likörellen.
Er verfügt über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Humor und Satire. Bereits in Jugendjahren Mitglied des Kabaretts „Die Mittelreifen“. Mitwirkung bei den „Strudelliteraten“, einer Vereinigung von Literaturschaffenden. Nebenberuflich jahrelang Inhaber einer Gastspieldirektion.
Auch ohne Aufzählung seiner weiteren breit gefächerten Hobbys zweifelt man nicht an seiner Aussage, dass man sein rundum erfülltes Leben problemlos mindestens auf drei bis vier Normalbürger aufteilen könnte.
Hella Häm-Börger, als Helga Eggers im Dorf auf- und in die Stadt Hamburg-Bergedorf hineingewachsen, lernte bei einer Flusskreuzfahrt den Multi-Künstler Rudi Hans Böhret kennen.
Von seinen vielfältigen Talenten beeindruckt, ließ sie sich dazu hinreißen, ein gemeinsames Buch zu erarbeiten.
Bisher der plattdeutschen Sprache verpflichtet, begab sie sich hierbei weiblich-neugierig auf neues Terrain. Zu Hilfe kam ihr dabei der ererbte feine Humor, den sie nun etwas derber ausbaute. In geschliffenen und manchmal auch frechen Formulierungen trifft sie mitten ins Herz. Dem Stil des Co-Autors angepasst, freundete sie sich zudem voller Leidenschaft mit der zartseidenen Erotik an.
Eine Kombination aus Spannung und Satire rundet das Spektakel ab.
Beruflich ehemals als Käsefachfrau eines Feinkosthauses gefragt, hat sie sich damit jetzt auf leicht Verdauliches spezialisiert.
Wohl bekomm`s!
Wir verzichten auf ein Vorwort. Gruseln und schmunzeln Sie sich doch stattdessen gleich durch diese mörderischen Stories:
Hella Häm-Börger
Ein Hellseher sieht rot
Fabio Marotti
Nur der Maulwurf war Zeuge
Fabio Marotti
Soko „Sarg“
Fabio Marotti
Auf der Alm, da gibt´s koi Sünd
Hella Häm-Börger
Sei gesalbt, Bruder!
Fabio Marotti
Sterbe mit mir in den Morgen
Fabio Marotti
Enkel August hat Migräne
Hella Häm-Börger
Ein kapitaler Fisch am Haken oder: Keine Blüten im Dezember
Fabio Marotti
Hallo Taxi!
Fabio Marotti
Eine Kreuzfahrt, die ist lustig…
Hella Häm-Börger
Ein halbes Mädchen vom Grill
Fabio Marotti
Sport ist beileibe kein Mord
Hella Häm-Börger
Gestrandet
Fabio Marotti
Das fünfte Ass
Fabio Marotti
Gut abgehangen
Hella Häm-Börger
Feinstaubfrei gemäß EURO 5
Fabio Marotti
Scheidung auf mexikanisch
Fabio Marotti
Eine Bomben-Stimmung
Hella Häm-Börger
Fremdgehen für Quereinsteiger
Fabio Marotti
Von wegen alter Knacker
Fabio Marotti
Helmut in Öl
Hella Häm-Börger
Der Tod fuhr auf platten Reifen
Fabio Marotti
Haben Sie noch einen letzten Wunsch?
Hella Häm-Börger
Leich hinterm Deich
Fabio Marotti
Würgst du mich – würg ich dich!
Hella Häm-Börger
Sau(na)blöd
Fabio Marotti
Picasso der Jüngere
Fabio Marotti
Immer wieder samstags
Hella Häm-Börger
Fragen Sie Ihren Bauern: BIO-Tote sterben gesünder
Fabio Marotti
Killen ist doch voll cool, ey!
Fabio Marotti
It was all for the cat
…und bitte beachten Sie, dass fast alle der erwähnten Personen der Fantasie der Autoren entsprungen sind. Sollten sich wider Erwarten Ähnlichkeiten mit lebenden oder dahingemeuchelten Lebewesen ergeben, ist dies eher zufällig als beabsichtigt.
Und sollte es heute auch noch so heftig an meiner Bürotüre mit dem Schild Private Ermittlungen aller Art klingeln – ich werde nicht vor 10 Uhr öffnen. Punkt 10 Uhr und keine Sekunde früher. Punktum!
Verdammt, wo habe ich nur wieder die Kopfschmerztabletten vergraben? In der Hausapotheke nur Lutschbonbons und Nasenspray, in der Gefriertruhe nur Jod und Pflästerchen und in der Nachttischschublade die obligatorische Hunderterpackung Fromms gefühlsaktiv feucht mit Reservoir. Aber nirgendwo ein Pülverchen gegen den hämmernden Salsa-Rhythmus in meinem blonden Hornissenschädel. Okay, dann eben einen Espresso, so kräftig, dass die Tasse einen Sprung abbekommt.
Dazu ein Schuss Zitronensaft. Eklig, aber wirksam!
09.59 Uhr und es klingelt. Wenn es nun doch ein zahlungskräftiger Kunde ist? Ich schlurfe im Edel-Negligé, bei dessen Anblick sogar der Kloster-Prior unheilbaren Schluckauf bekäme, zur Türe: Nobody! Oder war`s vielleicht doch eher das Telefon? Bingo!
„Bin ich richtig verbunden mit Frau Hella Häm-Börger?“ säuselt mir eine ziemlich schwulenhaltige Stimme entgegen. „Mein Name ist Valentino der Dritte, der Herr über alle Gedanken. Der Hohepriester, der die Zukunft kennt wie seine eigene Unterhose.“
„Meister, in Ihrer Unterhose möchte ich nicht stecken. Ich denke, Sie sind Hellseher. Also müssten Sie doch wissen, dass Sie bei mir richtig sind. Ich zum Beispiel merke Ihnen an, dass Sie richtig Schiss haben. Auch ohne Hella die Erste zu sein. Also, schießen Sie los, falls es Ihnen nichts ausmacht, dass meine Zähne noch nicht poliert sind.“
„Ich werde bedroht, aber ich weiß nicht von wem.“
„Wer ist denn nun der vom Geist des Übersinnlichen erleuchtete Meister? Sie oder ich?“ konnte ich mir nicht verkneifen. „Okay, kommen Sie vorbei. Ab 11 Uhr kann ich gerade noch ein paar Minütchen für Sie abzwacken.“
„Mir wäre es lieber, wenn Sie zu mir kommen“, schlotterte mir seine Stimme geradezu händeringend entgegen. Ich traue mich vor nackter Angst nicht auf die Straße.“
„Also gut, wenn Sie mir das Taxi zahlen. Milchstraße 23 b, wenn ich mich nicht irre?“
„Woher kennen Sie meine Adresse, Frau Detektivin?“ fragte Valentino der Dritte vollkommen perplex.
„Ich kann zwar nicht die Zukunft lesen, dafür aber das Telefonbuch, edler Fernseher“, erklärte ich ihm mit trockener Stimme, denn mein Espresso harrte ungeduldig meiner. „So long. Ich bringe dann gleich meine Tarifliste mit oder können Sie diese etwa auch im Universum erforschen?“
Geradezu zärtlich streichelte ich den Hörer auf die Gabel zurück. So früh am Morgen schon ein potentieller Kunde. Der Tag fing gut an – auch ohne Kopfschmerztabletten.
Natürlich nahm ich keinen Mietwagen mit Driver, sondern bestieg meinen aufgetunten Smart, den ich günstig aus einer Geisterbahn-Insolvenz erworben hatte. Eine Blanko-Taxirechnung hatte ich für solche Einsätze immer parat.
Milchstraße 23 b. Ich orientierte mich an den Briefkästen. Da war`s. Valentino III., der Meister, der in Ihrer Zukunft liest: Aus den Augen, aus der Hand und im Kaffeesatz. Hinterhof, 3. Stock.
Ich klingelte atemlos. Denn drei Stockwerke mit Kopfschmerzen und Stöckelschuhen sind für eine 42 ½-Jährige kein Pappenstiel. Und wenn der Mini noch so kurz und die Löckchen noch so lang sind. Immer noch nach Luft schnappend wie ein weißer Hai am Sandstrand von Rimini öffnete ich erst mal als Zugabe zwei weitere Knöpfe an meiner Bluse, um meinen halterlosen Dingdongs mehr Hubraum zu geben.
Aber kein dritter Valentino, der sich abmühte, mir die Tür zu öffnen. Sollte der Meister etwa genauso schwerhörig wie kurzsichtig sein? Doch da sah ich, dass die Türe nur angelehnt war. Da roch doch etwas oberfaul! So faul wie silierter Mais im dritten Sterbejahr. Und auf meine ausgeprägten weiblichen Gefühle kann ich mich verlassen – bei Tag und Nacht.
Schnell nahm ich mein stets bereites grün-violettes Taschentüchlein mit den weißen Klöppelspitzen Original Erzgebirge zur Hand und schob damit fingerabdruckvermeidend behutsam die Hellseher-Türe auf.
Ich musste mich gar nicht auf meinen Instinkt verlassen, denn der Herr alles Übersinnlichen lag als Schadstoffverursacher unübersehbar mitten in der Diele. Sein FDP-gestreiftes Oberhemd war farblich total unsensibel durch einen roten Fleck zwischen achter Rippe und Milz verunreinigt. Kaliber 9 mm magnum funkte sofort mein erfahrenes Auge von Kleinhirn an Großhirn. Zweifellos eine Beretta mit Schalldämpfer, Baujahr 1993.
Aber das ist wieder typisch: Da hat man endlich wieder einen Kunden am Häkchen, und dann nippelt er einfach so ab. Ohne dass ich ihm vorher meine Preisliste unterjubeln konnte. Und wer bezahlt nun meine Parkgebühren? Beruflich konnte der wirklich nichts getaugt haben. Kann noch nicht mal seine eigene - zeitlich sehr eingeschränkte - Zukunft vorhersagen. Sieht plötzlich rot, jagt mich in der späten Nacht aus den flauschigen Federn und legt sich danach gemütlich zum Schlafen nieder. So geht das nicht. Nicht mit mir. Nicht mit Hella Häm-Börger!
Doch jetzt ganz schnell die Fliege, bevor mir die Zivil-Bullen noch womöglich peinliche Fragen stellen und meine Lizenz samt Haltbarkeitsdatum der Pfefferspray-Dose überprüfen wollen.
Man kann nicht behaupten, dass ihn irgendein menschliches Wesen besonders in sein Herz geschlossen hätte. Weder an seinem Schreibtisch beim Finanzamt, wo er für die Veranlagung der Bierschaumsteuer der Buchstaben V bis Y zuständig war. Noch beim Gesangverein „Hohes E“, wo er zwar nie zu den Übungsstunden erschien, dafür aber stets bei Veranstaltungen das erste Freibier erbettelte. Nicht bei seinen an einem Finger abzählbaren Freunden. Zumindest seit er Karl-Hubert anzeigte, nachdem dieser bei Dunkelheit mit dem unbeleuchteten Bollerwagen auf dem Gehweg zum Glascontainer gerollt war. Und schon gar nicht in der Nachbarschaft, die mit ihm sogar in tiefstem Hass verbunden war.
So war es auch in keiner Weise verwunderlich, dass Egon Sprüngli erst vermisst wurde, als sein Rasen im Vorgarten das auf Golfplätzen übliche Gardemaß von achtundzwanzig Zoll überstieg und der Postbote beim besten Willen nichts mehr in den Briefkasten pressen konnte. Eigentlich wurde er ja gar nicht vermisst; vielmehr befand sich seine direkte Nachbarin Marie-Jaqueline Scheifele in absoluter Hochstimmung, weil sie den notorischen Bruddler, Nörgler & Griesgram nicht obszön fluchen hörte, wenn sie sich nackt auf ihrer Liege sonnte. Dabei wusste sie genau, dass dieser perverse Spanner mit dem Fernglas hinter der Gardine auf ihren heißen Körper glupte. Pedantisch hatte er auch jedes Zweiglein des Kirschbaumes abgesägt, das auf ihr Grundstück ragte, damit sie ja nicht auch nur eine einzige dieser süßen Früchte ernten konnte. Ja, sogar den Maulwurf, der ein paar dezente Erdhäufchen auf seiner Wiese hinterlassen hatte, versuchte er mit allerlei Tricks in ihren Garten zu lotsen. Sie hoffte tatsächlich zu ihren Gunsten, dass Sprüngli in Urlaub geflogen und vielleicht auf dem Rückweg sein Flieger abgestürzt sei. Aber weder in der Zeitung noch in den Nachrichten wurde entsprechend Erfreuliches berichtet.
Auch sein Nachbar zur Rechten, der fast völlig Erblindete Emanuel Hörgut war nicht mehr gut auf ihn zu sprechen, seit Sprüngli - wie ihm andere Anwohner berichtet hatten - mehrmals über seinen Gartenweg ein Seil gespannt hatte und der Sehbehinderte dadurch zu Fall kam. Außerdem würde ihm Sprüngli immer verhöhnend die Zunge herausstrecken. Und Antonio Baldecome, der nette Italiener von der anderen Straßenseite hatte ihm als makabren Höhepunkt gar geschildert, wie dieser notorische Kotzbrocken Sprüngli seinen Blindenstock auf die Hälfte abgesägt hatte.
Richtig stutzig wurde Marie-Jaqueline Scheifele erst, als nach zirka drei Wochen wohltuender Abwesenheit sein direkter Schreibtisch-Vorgesetzter – zuständig für die wichtigen Buchstaben A bis C – bei ihr klingelte und sich nach dem lieben Kollegen Sprüngli erkundigte. Sie äußerte ihr tiefstes Bedauern darüber, keine Auskunft geben zu können. Anscheinend hatte er auch beim Sommerkonzert zum größten Erstaunen der Gesangvereinsmitglieder nicht zum Freibier in der ersten Reihe angestanden.
So wimmelte es am nächsten Vormittag auf Sprünglis Grundstück von Uniformierten und Zivilisierten. Selbst ein vierbeiniger Schnüffler war mit von der Partie. Kriminalhauptkommissar Holdermüller teilte seine Leute ein. Wie dressierte Raubtiere in der Manege wussten sie genau, was zu tun war. Sibel Baumann und Klaus Wegner befragten die Nachbarn und Müller 2 alias Schimanski sowie KK Blaumann suchten zusammen mit den Beamten in Blau Sprünglis Garten ab. Die Kollegen der Spurensicherung stellten derweil das Wohnhaus auf den Kopf.
„Chef, können Sie bitte mal hier schauen?“, bat Schimanski den Dezernatsleiter herbei. „Hier ist doch offensichtlich vor kurzem die Erde umgegraben worden.“
Tatsächlich befand sich mitten auf dem Rasen eine grasfreie Stelle von etwa 80 x 200 Zentimeter. „Der Vermisste soll doch angeblich gebürtiger Schweizer sein. Vielleicht hat er hier als Kurier ein paar der Hoeneß-Millionen vergraben. Sehr interessant ist auch, dass sich etwa in der Mitte der Fläche eine Art Maulwurfhügel befindet.“
„Fragt doch mal bei der Nachbarin nach, ob sie euch einen Spaten ausleihen kann. Und dann geht mal schön auf Schatzsuche“, grinste Sepp Holdermüller seine Mitarbeiter liebevoll an.
Schon nach etwa einem halben Meter wurden sie fündig. Der Spaten stieß auf etwas Weiches. Behutsam legten sie die gut erhaltene Leiche eines Mannes frei, dem eine Einkaufstüte von Lidl über den Kopf gestülpt war. Als sie die Tüte abzogen, fiel ein Werbe-Flyer heraus mit der Aufschrift „Fleisch bester Qualität direkt von Ihrer Frische-Theke!“
„Bingo!“ dröhnte KHK Holdermüller. „Holt doch mal die flotte Nachbarin her. Falls es der Sprüngli ist, darf sie ihn gleich an Ort und Stelle identifizieren.“
„Ja, das ist der Herr Sprüngli“, hauchte Marie-Jaqueline Scheifele mit hochgradig geheucheltem Entsetzen. „Der Arme. Wer tut denn nur sowas?“
„Nun, zumindest einen Feind muss der Tote ja gehabt haben“, mischte sich der Gerichtsmediziner Doc Pfotenhauer ein. „Ohne der Obduktion vorgreifen zu wollen, wurde der Mann zuerst mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen, dann gefesselt und danach – um völlig sicher zu gehen – auch noch mittels der Tüte erstickt.“
Natürlich musste Witzbold Klaus Wegner wieder seinen Kommentar loswerden. „Ist euch vorhin auch der kleine separate Erdhaufen über der Leiche aufgefallen? Wenn das die sogenannte Totenstarre ist, dann möchte ich dies bittschön später auch mal haben. Ich bin mir jedenfalls zu neunundneunzig Promille sicher, dass dies nicht der liebe Maulwurf war. Wäre auch zu schön gewesen, wenn wir ihn als Täter hätten überführen können. Aber zumindest als Zeuge sollten wir ihn vernehmen.“
Doch der Maulwurf war inzwischen mit unbekanntem Ziel verzogen. Und da es weder konkrete Spuren noch Tatverdächtige gab, ging leider dieses Tötungsdelikt nach einem ergebnislosen Jahr unter der Rubrik „Unaufgeklärt“ in die Kriminalitäts-Statistik ein. Nur eines war nachweisbar gewesen: An der Grablegung hatten drei Totengräber mitgewirkt, denn es waren drei verschiedene Spaten benutzt worden, die im Nachhinein jedoch nicht mehr auffindbar waren.
Angehörige des Verstorbenen konnten nicht ermittelt werden; so wurde das Haus versteigert. Die Nachbarn Scheifele, Hörgut und Comebalde erwarben es zu einem Spottpreis und sie bezahlten voller Dankbarkeit sogar gemeinsam den Sarg für den Verblichenen. Auch bei der Sterbewäsche sparten sie nicht, indem sie sich für die teure bügelfreie Variante entschieden.
„So liebe Nachbarn findet man selten“, waren die Bewohner der August-Häfele-Straße einhellig voll des Lobes. Diese lieben Nachbarn trafen sich denn auch fast jeden Abend auf ihrem gemeinsamen Grundstück zu einer schadenfrohen Gedenkminute an bewusster Stelle im Rasen und zu überaus fröhlichen Poker-Partien. Da es auch Spielkarten mit Blindenschrift gibt, war selbstverständlich Emanuel Hörgut voller Begeisterung mit dabei.
Josef „Sepp“ Holdermüller, seines Zeichens Dezernatsleiter für Mord & Totschlag bei der Kripo-Direktion Heilbronn, hatte man bisher äußerst selten sprachlos erlebt. Deshalb registrierten seine Kollegen auch ziemlich verblüfft, wie er am Telefon nach Luft japste. „Was, euch kommen die Leichen abhanden?“, schrie er brüllend vor Begeisterung und klopfte sich dabei auf seine Oberschenkel, deren Umfang die Maße einer Model-Hüfte bei weitem überstiegen. „Das sollte uns auch mal passieren! Hört mal zu, Leute“, grinste er schadenfroh in die Runde. „Beim hiesigen Krematorium kommen seit einer Woche in schöner Regelmäßigkeit leere Särge zum Verheizen an. Also keine edlen, handgeschnitzten Mahagonioder Antik-Eichen-Behältnisse, sondern Kisten aus ordinärem astübersätem Kiefernholz, aus dem man im Normalfall vielleicht gerade noch einen Hasenstall basteln würde.
Nun stellen sich dem General-Heizer die folgenden berechtigten Fragen: Wer klaut auf dem Weg vom Beerdigungsinstitut bis zu ihm die Leichen aus den Särgen und wo werden diese womöglich nicht artgerecht entsorgt? Zweitens: Wer tauscht Premiumsarg gegen Hasenstall? Und jetzt meint dieser Oberabfackler doch tatsächlich, solcherlei Merkwürdigkeiten fielen in unser Ressort. Schließlich seien wir ja für Leichen aller Art zuständig. Vielleicht würde ihn – der auf den wohlklingenden Namen Dietbert Aschenbrödel hört – womöglich noch die Brennerei-Aufsichtsbehörde dafür belangen, weil er unvollständige Arbeiten ausführe. Und in seiner Buchhaltung werde nun mal ordnungsgemäß vermerkt: Sarg inklusive Inhalt am ….. den Flammen übergeben. Aufgefallen sei aber seinem Mitarbeiter Mustafa Özdutürk, dass plötzlich die Aschehäufchen immer kleiner wurden. Voller Misstrauen öffnete dieser einen Sarg und kippte fast aus den feuerfesten Latschen, als der mausetote Inhalt fehlte. Jetzt könnten wir es uns ja einfach machen und sagen: Keine Leiche, keine Zuständigkeit! Aber es gab ja ursprünglich mal eine Leiche. Nur, wo hat sich diese aus dem Staub gemacht und wohin? Sie wird sich kaum als Anhalter an das Weinsberger Kreuz gestellt haben. Wir müssen wohl oder übel bei dem betreffenden Lieferanten, dem Bestattungsinstitut `Sanftruh´ ansetzen und undercover ermitteln.“
Dabei schaute Chief Holdermüller den Kollegen Klaus Wegner so intensiv an, dass diesem sofort Böses schwante. Völlig zu Recht, wie sich gleich herausstellen sollte.
„Lieber Klaus, obwohl du das jüngste Mitglied in unserem Verein bist, soll dir die hohe Ehre zuteil werden, dich als vermeintliche Leiche bei dem Einsarger einzuschleichen. Fast könnten wir alle neidisch auf dich werden, denn du kannst es dir in der Holzkiste so richtig gemütlich machen und dich ausschlafen, während wir uns hier alle die Hacken ablaufen. Sollte dich dann irgendjemand umquartieren und auf Nimmerwiedersehen beseitigen wollen - sei es auf einer Bio-Müllhalde, im Breitenauer See oder in einer abgelegenen Jagdhütte - musst du dich nur ein bisschen tot stellen und uns anfunken, damit wir den Last-Minute-Laden ausheben können. Ein Minijob als Sarg-Tester - jeder von uns würde auf der Stelle mit dir tauschen. Und da der Sarg ja in leerem Zustand dem Feuer übergeben wird, musst du auch keine Angst haben, dass es dir zu warm unterm Hintern wird. Außerdem stelle ich dir die Beförderung zum Kriminalhauptmeister in Aussicht, wobei ich allerdings erst vom Personalamt überprüfen lassen muss, ob man Leichen überhaupt befördern kann.“
Holdermüllers berühmtes Grinsen reichte dabei wieder vom linken bis zum rechten Ohr.
Dem zum offiziellen Witzbold der Polizeidirektion erkorenen Kriminalmeister war jedoch gar nicht mehr zumLachen. „Mensch, Chef, wenn die merken, dass noch Leben in meiner Leiche ist, pusten die mir womöglich die Kerze aus. Von wegen Ausschlaf-Job. Ich finde, dass dieses Vorrecht eigentlich Ihnen gebührt und wenn ich Sie mir im schmucken weißen Sterbekleid mit Spitzen und Rüschen vorstelle….“
„Und ich würde Sie auch persönlich am ganzen Körper waschen, einkleiden und schminken“, gluckste Kriminalhauptmeisterin Sibel Baumann, geborene Ökücü, und hatte alle Mühe, nicht am eigenen Lachen zu ersticken.
„Schluss jetzt! Du machst das, Klaus. Aber Sibel kann dann ja gerne überprüfen, ob an irgendeiner Körperstelle noch Leben in dir ist, bevor wir den Deckel der Ewigkeit über dir schließen. Keine Sorge, wir passen schon auf. Und sei es auch nur aus dem Grund, dass wir hier sowieso notorisch unterbesetzt sind.“
Gesagt, getan. Kollege Klaus Wegner wurde leichengerecht eingekleidet und in den von der Firma `Sanftruh´ angelieferten Sarg gelegt. Als Verbindung zur Außenwelt durfte er sein Dienst-Handy samt Dienstwaffe plus Handschellen mitnehmen. Außerdem drückte ihm Sepp Holdermüller als Wegzehrung liebevoll noch zwei Flaschen Distelhäuser Frühlingsbock, eine Schachtel Marlboro sowie einen Big Mac von McDonald´s in die Hand. Alle Kollegen des Dezernats verabschiedeten sich von ihm mit Leichenbittermiene, wobei die dabei vergossenen Tränen wohl kaum einem traurigen Anlass geschuldet waren.
Anselm O. Holzwurmer, der Inhaber des 3-Mann-Bestattungsunternehmens mit dem trostreichen Werbeslogan „Bei uns sind Sie bestens versargt“
