Gute Freundin, schlechte Freundin - Tiffany Watt Smith - E-Book

Gute Freundin, schlechte Freundin E-Book

Tiffany Watt Smith

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Beschreibung

Jenseits von Klischee, Konkurrenz und Kitsch blickt Tiffany Watt Smith mit frischem feministischem Blick auf ein Jahrhundert weiblicher Freundschaft und Solidarität. Frauen sind in ihren Freundschaften entweder unzertrennliche Besties oder fiese Intrigantinnen, so wird es in Filmen und Serien zumindest suggeriert. Bedeutende, tiefe Bindungen traute man lange Zeit nur Männern zu. Diesem Zerrbild sagt die Emotionshistorikerin Tiffany Watt Smith den Kampf an. Dafür befragt sie Archive, die Literatur und immer wieder sich selbst. Aufrichtig berichtet sie von der Enttäuschung über Freundschaften, die sang- und klanglos enden, zeigt aber auch Gemeinschaften, in denen Freundinnen verlässlich und solidarisch füreinander da sind. Sie zeigt eindrücklich, wie komplex und vielgestaltig Freundschaften von Frauen schon waren, lange bevor sie bürgerliche Rechte besaßen. Dieses Buch erzählt auf unterhaltsame Weise davon, dass zwischen Aristoteles und den Spice Girls tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat.

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Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das ist das Cover des Buches »Gute Freundin, schlechte Freundin« von Tiffany Watt Smith

Über das Buch

Frauen sind in ihren Freundschaften entweder unzertrennliche Besties oder fiese Intrigantinnen: ein Klischee, das sich so hartnäckig hält, weil kaum eine Beziehungsform so unterschätzt wird. Bedeutende, tiefe Bindungen traute man lange Zeit nur Männern zu, über die Geschichten weiblicher Kollektive ist wenig bekannt.Tiffany Watt Smith geht diesen Geschichten nach. Dafür befragt sie Archive, die Literatur und konfrontiert ihre Erkenntnisse mit unserem heutigen Verständnis von Freundschaft. Sie erzählt von Gemeinschaften, in denen Freundinnen verlässlich und solidarisch füreinander da sind und zeigt eindrücklich, wie komplex und vielgestaltig Freundschaften von Frauen schon waren, lange bevor sie bürgerliche Rechte besaßen. Dieses Buch erzählt auf unterhaltsame Weise davon, dass zwischen Aristoteles und den Spice Girls tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat.

Tiffany Watt Smith

Gute Freundin, schlechte Freundin

Ein Jahrhundert weiblicher Freundschaft

Aus dem Englischen von Kristin Lohmann

Hanser Berlin

Jeder Traum von Freundschaft verdient zerbrochen zu werden … Freundschaft kann nicht gesucht, nicht erträumt, nicht begehrt werden; sie wird ausgeübt …

Simone Weil, Schwerkraft und Gnade

Für Alice

Anmerkung der Autorin

Alle hier geschilderten Ereignisse und Erfahrungen sind wahr. Gespräche, die als formelle Interviews stattfanden, habe ich als solche gekennzeichnet und wahrheitsgetreu wiedergegeben. Andere Gespräche entstammen meiner Erinnerung und stellen keine wortgetreue Wiedergabe dar. Ich habe sie nach bestem Wissen und Gewissen so nacherzählt, wie ich sie im Gedächtnis behalten habe.

Die Namen und personenbezogenen Angaben meiner eigenen Freund:innen und anderer hier beschriebener Personen wurden geändert. Ich danke ihnen allen sehr.

Prolog

Als ich dreißig wurde, lebte ich in einer Wohnung, die nach hinten an eine Bahnlinie grenzte. Man würde sich an die Züge gewöhnen, hatte die Maklerin gesagt, und sie hatte recht. Es gab aber auch Tage, an denen keine Züge fuhren. Erst fiel es mir nicht auf, ich hatte nur das Gefühl, dass irgendetwas komisch war, verschoben, dass etwas fehlte. Irgendwann dann gelangte die Stille in mein Bewusstsein und mit ihr der Grund dafür. Ich blickte durchs Fenster und sah die kahl und still daliegenden Gleise.

So, stellte ich mir vor, würde es sich für Sofia anfühlen, wenn ich aus ihrem Leben verschwände. Erst würde sie gar nicht merken, dass ich nicht mehr da war. Nur dass es etwas kühler war, ein kaum wahrnehmbares Flattern in der Atmosphäre. Dann irgendwann würde sie es bemerken. Die Züge fuhren nicht mehr, die Freundschaft war vorbei.

Wir hatten uns zehn Jahre zuvor über ihren Freund kennengelernt. Wenn ich an sie denke, sehe ich sie zur Tür ihrer Einzimmerwohnung hereinkommen, das Gesicht noch gerötet vom Radfahren in der Kälte. Ich sehe sie vor mir, wie sie ihren Rucksack auf den Boden schleudert. Wie sie im Schneidersitz auf meinem Bett sitzt. Wie sie aufspringt und den peinlichen Kommentar nachmacht, der ihr dem Jungen gegenüber herausgerutscht war, den sie damals toll fand. Wie sie auf dem Boden ihres Zimmers liegt, im flackernden Schein der Kerzen, mit Ella Fitzgerald im Hintergrund. Ich sehe sie in einem Klub tanzen, mit geschlossenen Augen, ihren langen Körper hin- und herwiegend, während wir anderen wie aufgezogene Duracell-Häschen auf und ab hüpfen. Ich sehe sie in ihrem italienischen Lieblingscafé, wie sie sich vorbeugt und mir ihre Geheimnisse anvertraut, während der Kakao auf ihrem Cappuccino dunkel und klebrig wird. Ich nehme sie in mich auf.

Am nächsten waren wir uns mit Mitte zwanzig, als wir uns eine Wohnung teilten und unter Hochspannung durch London zogen, kaum Geld in den Taschen und voller Ambitionen. Sie wollte die Welt retten, ich wollte darüber schreiben. Schon damals war schwer zu fassen, was ihren Zauber ausmachte. Die Männer verknallten sich reihenweise in sie. Ich auch. Von all meinen Freund:innen war sie diejenige, die mir am stärksten das Gefühl gab, dass ich wichtig war und alles erreichen konnte, was ich wollte. Und so verzieh ich ihr, wenn sie wieder mal wochenlang abtauchte, weil sie einen neuen Freund hatte, und beim Heimkommen auf mich einredete, von irgendeinem superaufregenden Auftrag, den sie an Land gezogen hatte, und nicht ein einziges Mal Luft holte, um zu fragen, wie es mir eigentlich ging. Aber was machte das schon? War nicht ihr Leben auch meines? Waren nicht ihre Dramen auch meine? Wir beide zusammen, das war etwas wirklich Großes. Eine High Society aus zwei Personen. Ich war der wichtigste Mensch überhaupt für sie, glaubte ich. Und sie natürlich für mich.

Vielleicht ist es unvermeidbar, dass man jemanden, den man einmal vergöttert hat, irgendwann nicht mehr erträgt, dass man es leid ist, sich wie eine Touristin am Fuße der Statue zu fühlen, zu der dieser Mensch geworden ist. Vielleicht liegt es in der Natur der Dinge, dass eine so glühende Freundschaft irgendwann erlischt. Vielleicht hatte sie mir aber auch einfach nur das Herz gebrochen, nicht mehr als das. Aber auch nicht weniger.

Schwer zu sagen, wann das Ende seinen Anfang nahm. Da war dieser Abend in dem Fusion-Restaurant, dessen Wände wie eine Felshöhle gestaltet waren. Zwei Jahre zuvor war Sofia bei ihrem Freund eingezogen und es war immer schwieriger geworden, sich mit ihr zu verabreden. Ich hatte mich den ganzen Tag auf sie gefreut. Aber dann bestellte sie uns Cocktails, die ich mir nicht leisten konnte, und ich war zu stolz, es zuzugeben. Sie setzte an zu einem endlosen Monolog über ihr jüngstes Drama bei der Arbeit und mir wurde ganz komisch. Ich schrumpfte zusammen. »Und bei dir so?«, fragte sie endlich. Ich zuckte mit den Schultern. »Nichts Besonderes«, murmelte ich und lenkte das Gespräch wieder auf ihre Themen: ihre Neuigkeiten, ihre Erfolge. Ich hasste es, so stocksteif dazusitzen und zu merken, wie sich mir der Hals zuschnürte. So wollte ich nicht sein. Ich ging aufs Klo und herrschte mich selbst an: Mach’s dir doch nicht so schwer! Ich überlegte fieberhaft, was ich über mein Leben berichten konnte, irgendetwas, das wir analysieren und besprechen konnten, das wir teilen konnten. Als ich mich wieder setzte, schlug sie vor, mit ihr und ihrem Freund und ein paar anderen zum Konzert einer Band zu gehen, von der ich noch nie gehört hatte. Ich weiß noch genau, wie ich mich immer kleiner und kleiner fühlte, bis ich schließlich, pffft, über den Horizont kippte und verschwand.

Dann gab es einen weiteren Abend wie diesen und noch einen. Im Bus nach Hause wischte ich mir mit dem Ärmel die Tränen vom Kinn und tadelte mich innerlich: Wer bitte heult im Bus, weil sie sich ihrer Freundin gegenüber komisch verhält und einfach nicht versteht, was los ist?? Dabei habe ich wirklich alles versucht, um eine Erklärung zu finden. Aber keine hatte Bestand. Schließlich hatte keine von uns der anderen den Freund ausgespannt, sie bei ihrem Chef angeschwärzt oder sonst ein Hollywood-Klischee erfüllt. Es war eher wie ein schleichendes, lautloses Versickern der Leichtigkeit. Als wäre sie verdunstet und hätte eine Kruste aus Misstrauen hinterlassen.

War ich neidisch? Sofias Leben hatte einen ziemlichen Satz nach vorn gemacht: Power-Karriere, eine Menge Geld, inzwischen lebte sie in einem echten Erwachsenenhaus, zusammen mit ihrem aktuellen Freund, der sie heiraten wollte. Diesmal schien es ernst zu sein, jedenfalls dachte sie darüber nach, Ja zu sagen, und von einem Baby war auch die Rede. Und ich? Ich hangelte mich nach wie vor von einem schlecht bezahlten Kunstjob zum nächsten und war mal wieder mit einem irgendwie interessanten Typen zusammen, der null Interesse daran hatte, sich häuslich niederzulassen. Gemessen an ihr kauerte ich noch immer auf der Startlinie und fummelte an meinen Schnürsenkeln. Aber Neid war doch unter meinem Niveau! Unter unserem Niveau.

Hatte sie sich verändert? Es stimmte schon, ihr Leben war inzwischen voll mit Leuten, die ich nicht kannte, und spielte sich an Orten ab, die mich nicht interessierten. Aber stand unsere Freundschaft nicht über solchen Oberflächlichkeiten? Wir waren doch Seelenverwandte. Wir trafen uns doch auf einer ganz anderen, höheren Ebene.

Auf keinen Fall wollte ich zugeben, wie sehr ich mich im Stich gelassen fühlte. Früher hatte ich gedacht, sie würde immer da sein. Aber dann, nachdem sie ausgezogen war, war die Distanz zwischen uns größer geworden. Sie brauchte immer länger, um auf Nachrichten zu reagieren, aber das zu erwähnen wäre kleinlich gewesen. Ich wusste ja, wie beschäftigt sie war. Außerdem wollte ich auf keinen Fall bedürftig erscheinen. Andererseits kam ich mir so kümmerlich vor: Immer war ich es, die ein Treffen vorschlug und ihr hinterhertelefonierte. Irgendwann beschlich mich das Gefühl, sie wäre mir wichtiger als ich ihr. Manchmal fragte ich mich sogar, ob ich nicht einen Riesenfehler gemacht und mich getäuscht hatte und wir die ganze Zeit gar nicht das füreinander gewesen waren, was ich gedacht hatte.

Meine anderen Freund:innen wussten natürlich von Sofia, meiner großen Romanze, meiner stolzesten Errungenschaft (oh, wie ich mich aalte im Abglanz ihres Ruhmes! Und dass sie ausgerechnet mich gewählt hatte!). Aber jetzt … Was sollte ich ihnen sagen? Es war alles so unangenehm; ich kam mir so kindisch vor. Dass die romantische Liebe im Zweifelsfall dramatisch war und schmerzhaft endete, wusste ich aus Popsongs, Romanen und Filmen; aber Freundschaften — zumindest die guten — sollten doch eigentlich unkomplizierter, widerstandsfähiger und beständiger sein, oder nicht? Ich war achtzehn, als die Spice Girls ihre Single Wannabe herausbrachten. In meinem überwiegend weißen Londoner Mittelklassevorort schallte der Song überall aus den Autofenstern, den blechernen Miniradios der Zeitschriftenkioske und den Walkmans der Passant:innen. Der Text prägte sich einem ein, ob man wollte oder nicht: Make it last forever, friendship never ends. Und wenn man dann immer noch nicht von der Sehnsucht nach einer lebenslangen besten Freundin durchdrungen war, erledigte das spätestens der Titelsong von Friends. Oder die auf den Taxis abgebildeten vorbeirauschenden Hochglanzgesichter des Sex and the City-Vierergespanns. Oder die Werbung: Freundinnen, die sich auf dem Sofa aneinanderkuscheln mit dampfenden Teetassen in den Händen; Freundinnen beim Kleidertausch und beim Schminken; Freundinnen, die in ihren höchsten High Heels die Straße entlangstolzieren; Freundinnen bei der Urlaubsplanung, wie sie sich zuprosten, lachend die Köpfe zurückwerfen. Ich wusste haargenau, wie eine Freundschaft zwischen Frauen auszusehen hatte und wie sie sich anfühlen musste. Mach’s dir doch nicht so schwer!

Allmählich schlich sich der Gedanke ein, sie wäre vielleicht dankbar, wenn ich mich nach und nach aus ihrem Leben zurückzog. Und ich vielleicht auch. Der Gedanke nahm immer mehr Raum ein. Ich wusste, ich musste mit ihr reden — nur was sollte ich sagen, ohne mich kleinzumachen und sie in eine unangenehme Lage zu bringen? Würde sie überhaupt merken, wenn ich mich einfach nicht mehr meldete? Ich dachte an die Züge. An die Stille. Manchmal stellte ich mir ihren Schmerz vor, und dann freute sich der Teil in mir, der auf sie sauer war. Aber noch schlimmer war die Vorstellung dessen, was der Wahrheit vermutlich näher kam: dass sie erleichtert wäre, wenn ich weg wäre.

Etwa zur selben Zeit fing ich an, mir auch über die anderen Freundschaften Gedanken zu machen, die mir abhandengekommen waren. Die ich hatte wegdriften lassen, die in die Brüche gegangen oder erstarrt waren wie eine Leiche. Eine Schulfreundin, eine Mitbewohnerin aus meiner Studienzeit. Leute, mit denen ich zusammengearbeitet hatte, bis ich weitergezogen war. Es kamen schon eine ganze Menge gescheiterter Freundschaften zusammen. Vielleicht mehr als üblich.

Fehlte es mir am Mut oder an der Verbindlichkeit, die eine Freundschaft erfordert? Allmählich beschlich mich das Gefühl, die Pflege von Freundschaften würde auf immer meine private Herausforderung bleiben, meine Schwäche, meine Achillesferse. Dass ich in diesem entscheidenden Aspekt des weiblichen und feministischen Lebens versagt hatte.

Dass ich schlecht darin war. Eine schlechte Freundin.

Beschämt verdrängte ich den Gedanken, packte ihn in eine Kiste und schloss doppelt ab.

*

Wir nehmen Gefühle häufig als den unmittelbarsten Bereich unseres Lebens wahr, als Spiegelbild unserer Psyche und persönlichen Geschichte. Ich bin Gefühlshistorikerin, Emotionsforscherin. Dabei interessieren mich vor allem die Geschichten, die öffentlich über Gefühle erzählt werden, und auf welche Weise diese Narrative ihre Spuren hinterlassen. Seit beinahe zwanzig Jahren lehre, denke und schreibe ich über die verborgenen kulturellen und politischen Kräfte, die auf unsere Gefühlswelten einwirken und die Art und Weise prägen, wie wir fühlen.

Um hinter die jeweiligen Regeln zu kommen, die zu bestimmten Zeiten vorgaben, wie man sich zu fühlen hatte, seziere ich tagelang Ratgeber aus dem 17. Jahrhundert und grüble über edwardianischen Liebesbriefen. Ich stöbere nach obskuren theologischen Predigten und medizinischen Texten, um herauszufinden, warum man ein bestimmtes Gefühl — wie zum Beispiel Kummer — zu bestimmten Zeiten hochhielt, ein paar Jahrhunderte später aber als Problem ansah, das es zu lösen galt. Ich verbringe mehr Zeit, als mir lieb ist, in Archiven und beuge mich über kaum zu entziffernde Handschriften, im Bemühen, aus den Texten die kulturellen Mythen abzulesen, die uns alle prägen, und die Geschichten, die nicht wir geschrieben haben, sondern die uns schreiben. Genau deswegen bin ich Historikerin geworden. Diese Narrative herauszuschälen, mit all ihren unrealistischen Erwartungen, ihren Gesetzmäßigkeiten und ihrer Macht, Schamgefühle zu erzeugen, ist in meinen Augen die einzige Möglichkeit, sie wieder loszulassen.

Aber eine Geschichte der Freundschaft? Ehrlich gesagt war ich nicht mal sicher, ob ich überhaupt den Mut aufbringen würde, damit anzufangen.

Als meine Tochter vier oder fünf Jahre alt war, tauchten in ihrem Schmutzwäschebeutel regelmäßig T-Shirts mit Best Friends Forever!- oder Girlfriends!-Aufschriften auf, in pinkfarbener Glitzerschrift und von Herzchen umrandet. Ich hatte immer ein ungutes Gefühl bei ihrem Anblick und packte sie ganz nach unten in ihren Kleiderstapel. Ich redete mir ein, dass ich es schwierig fände, dass Mädchen völlig überhöhte Erwartungen an Freundschaft verkauft wurden, an denen sie zwangsläufig scheitern mussten. Aber dann wurde ich stutzig: Warum sollte Freundschaft eigentlich nicht mit rosa Glitzerlettern gefeiert werden? Manchmal hatte ich auch Schuldgefühle. Dass mir die Slogans einen solchen Stich versetzten, lag vermutlich auch an meinen eigenen unverarbeiteten Freundschaftsgeschichten — und das wollte ich nicht an meine Tochter weitergeben. Es spielte aber sowieso keine Rolle: Sie zog die Shirts verlässlich aus dem Stapel und stolzierte triumphierend damit in ihr Zimmer. Sie hatte längst begriffen, dass es einen entscheidenden Teil ihrer weiblichen Identität ausmachen würde, eine beste Freundin zu sein und eine zu haben, so wie auch ich es einmal gelernt hatte.

Durch die Wäschebeutel wurde mir klar, dass ich schon viel zu lange gewartet hatte. Ich fing an, die Art von Fragen zu stellen, in denen ich geschult war. Woher kamen eigentlich meine Erwartungen? Wer hatte die Regeln aufgestellt und wozu? Und was ist Freundschaft überhaupt?

Historiker:innen stehen selten dazu, wenn persönliche Erfahrungen hinter ihren Forschungsthemen stecken. Denn natürlich treibt uns die Sorge um, anachronistisch zu wirken oder nicht »objektiv« zu sein. In diesem Fall aber lag mein persönlicher Bezug zum Thema von Beginn an auf der Hand: Ich hatte mich verrannt in meinen Freundschaften und suchte jetzt nach einem Weg, der mich wieder auf Kurs bringen würde. Ich sammelte also meine ganz persönlichen Fragen zum Thema Freundschaft — Fragen zu Identität und Bedürfnissen, zu Intimität und Macht, zu Verletzlichkeit und Vertrauen — und machte mich damit auf den Weg in die Archive. Die Dilemmata, die ich in diesem Buch beschreibe, entstammen der chaotischen Realität unser aller Leben — daher werden sich verschiedenste Menschen darin wiederfinden, Menschen, die sich mit welchem Geschlecht auch immer identifizieren oder mit gar keinem. Wobei ich den Verdacht habe, dass an Frauen immer schon besonders hohe Ansprüche gestellt wurden und dass uns diese Ansprüche ein ganzes Paket an sehr speziellen, mit »Weiblichkeit« konnotierten Idealen und Ängsten beschert haben, das sich auch mir tief eingeprägt hat. Immer wieder durchforstete ich also die historischen Aufzeichnungen nach der Sorte schlechter Freundin, die ich selbst zu sein fürchtete. Und ich fand sie. Ich stieß überall auf sie, immer wieder aufs Neue.

Kein Wunder. Schließlich galten Frauen in den traditionellen philosophischen und religiösen Vorstellungen hinter dem westlichen Freundschaftsverständnis beinahe zweitausend Jahre lang nicht nur als »schlechte Freunde«, sondern wurden vielmehr generell für unfähig befunden, tiefere Bindungen einzugehen. Die echten Experten in Sachen Freundschaft waren Männer — Frauen hingegen mangelte es an der nötigen Intelligenz oder moralischen Stärke, um sich einander so eingehend zu widmen. Man hielt sie allenfalls zu der Art Freundschaft fähig, die Aristoteles vierhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung abschätzig als »um des Nutzens willen« oder »um der Lust willen« bezeichnet hatte und die sich auf gegenseitiges Rückenkratzen oder einen flüchtigen Zeitvertreib beschränkten.1 Und weil Frauen zudem als anfällig für Konkurrenzdenken, Neid und Boshaftigkeit galten, waren natürlich auch diese niederen Freundschaften äußerst instabil. Die Geister dieser Vorstellungen lassen sich im Übrigen auch heute noch unschwer ausmachen — nämlich in den stereotypen Vorstellungen von Cliquentum, Stutenbissigkeit und Hinterhältigkeit »schlechter Freundinnen« der Gegenwart.

Aber mir sind auch ganz andere Geschichten über Frauenfreundschaften begegnet. Zwischen Aristoteles und den Spice Girls hat nämlich eine Revolution stattgefunden. So änderten sich Anfang des 18. Jahrhunderts allmählich die Rahmenbedingungen für Diskussionen über Geschlechter und Freundschaft. Freundschaften zwischen Frauen waren nun höher angesehen und wurden sogar bewundert. Im 19. Jahrhundert galten Frauen dann plötzlich als zu den ganz großen Gefühlen fähig, zu den hingebungsvollsten und innigsten Bindungen, während Männer zunehmend als zugeknöpfte, verklemmte Freundschaftsnieten dargestellt wurden. Stereotype Geschlechtszuweisungen aber helfen niemandem, und das gilt gewiss auch für die von uns selbst gewählten Narrative, die wir über Freundschaft verbreiten. Der Kult über Frauenfreundschaften heizte letztlich nur neue Vorstellungen darüber an, wie Freundschaft generell aussehen sollte — mit den Überbleibseln dieser Vorstellungen leben wir noch heute.

Meine eigene Vorstellung von Freundschaft wurde im Wesentlichen durch das 20. Jahrhundert geprägt, als Freundschaft erkennbar modern wurde; Freundschaft bedeutete, sich selbst neu zu erfinden, bedeutete Freiheit, Wahlmöglichkeit und Rebellion. Als ich mich auf Spurensuche machte, um die Geschichte der Freundschaft vom frühen 20. Jahrhundert bis heute und von frühen Mädchentagen bis ins hohe Frauenalter zu rekonstruieren, gelangte ich an mir fremde, aber auch an zutiefst vertraute Orte. Ich besuchte Internate und Gefängnisse, war in Fabriken und an Filmsets, in Vorortstraßen und an urbanen Brennpunkten, bei Protesten und auf Krankenstationen, in Communities, in denen Frauen gemeinsam alt werden, und in Internet-Chatrooms. Und überall stieß ich auf deutlich wiedererkennbare Schwierigkeiten — sei es in den Berichten über die emotionalen Verstrickungen jüngerer Freundschaften, in Erzählungen über Verhandlungen und Trennungen in der Lebensmitte oder auch über Bündnisse und Versprechungen zwischen gemeinsam alternden Freundinnen. Diese Frauen, denen ich in den Archiven und manchmal auch im echten Leben begegnete, haben die moderne Freundschaft miterfunden und die Narrative geprägt, in denen wir heute denken.

In der Geschichte, die mir begegnete, ging es aber nicht nur um Freiheit. Es ging auch um Angst und Kontrolle. Je mehr Frauenfreundschaften gefeiert und je sichtbarer sie wurden, desto größer wurde nämlich auch die Angst davor. Ja, im 20. Jahrhundert wurde Freundschaft erkennbar modern und weiblich — es war aber auch die Geburtsstunde vieler heutiger Vorstellungen darüber, was eine schlechte Freundin ausmacht.

*

Meine Maus schwebt über den Clickbait-Artikeln: »Zehn Anzeichen dafür, dass du einen Frenemy, einen Freundfeind, hast«; »Fünf Wege, wie du einen toxischen Freund erkennst«. Seit Jahrhunderten beschäftigt sich der Mensch mit diesen Themen. Im Jahr 1205 listete der italienische Lehrer und Schriftsteller Boncompagno da Signa 23 »falsche Freunde« auf, um unsicheren Zeitgenossen durch dieses schwierige Terrain zu helfen: Da war der »sich zurückziehende Freund«, dessen anfängliche Begeisterung schnell wieder verebbt, der »wortreiche Freund«, der eloquent über seine Zuneigung spricht, ohne je Taten folgen zu lassen, der »imaginäre Freund«, dem man zwar nie persönlich begegnet, der in der Vorstellung aber der treueste Gefährte ist, und eine ganze Reihe weiterer schlechter Freunde, die uns schmeicheln, über uns lästern, uns benutzen und betrügen.2 In den 1970er-Jahren kritzelten Lastwagenfahrer in Ghana Warnungen auf ihre Fahrzeuge: »Hüte dich vor Freunden /​ manche sind Schlangen im Gras /​ manche sind Wölfe im Schafspelz /​ manche sind Eifersucht hinter der Fassade voll Lob /​ Hüte dich vor Freunden.«3 Die Angst vor schlechten Freunden scheint so allgegenwärtig, es sieht fast so aus, als wäre sie so alt wie die Freundschaft selbst.

Doch bei näherem Hinsehen erweisen sich unsere Vorstellungen über schlechte Freund:innen als durchaus komplex. In den Neunzigern stellten zwei Sozialwissenschaftler — ein Holländer und ein Engländer — 30.000 Personen aus der ganzen Welt eine Frage. Die Frage des als Passagier-Dilemma bekannten Experiments lautete wie folgt:

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Auto eines Ihnen nahestehenden Freundes und dieser Freund fährt eine Fußgängerin an. Ihnen ist bewusst, dass Ihr Freund mit mindestens 50 km/h in einer 30er-Zone gefahren ist. Es gibt keine Zeugen. Der Anwalt Ihres Freundes meint, Sie würden ihn vor ernsthaften Konsequenzen bewahren, wenn Sie unter Eid aussagen, dass er nicht schneller als 30 km/h gefahren ist. Was würden Sie tun?4

Die Antworten wichen erheblich voneinander ab. In der Schweiz gaben weniger als 3 Prozent der Befragten an, dass sie für ihren Freund lügen würden. In den USA waren es etwa 7 Prozent, in Großbritannien 9. In diesen Ländern gingen die meisten Menschen offenbar davon aus, dass auch eine enge Freundschaft nicht zum Meineid verpflichtet. In anderen Teilen der Welt sah die Sache anders aus: In Indien gaben annähernd 50 Prozent der Befragten an, dass sie für ihren Freund lügen würden — die dadurch erwiesene Loyalität war für sie ein klares Zeichen wahrer Freundschaft. In Russland lag die Zahl bei 66 Prozent, in Korea und Venezuela fanden es je rund 70 Prozent der Befragten moralisch richtig zu lügen, wenn man damit einen engen Freund unterstützte. Natürlich birgt es Risiken, aus Studien wie dieser kulturelle Verallgemeinerungen abzuleiten, denn es kann ja sehr viele Gründe für diese starken Abweichungen geben. Beispielsweise könnten Menschen in politisch instabileren Ländern dazu neigen, eher ihren Mitmenschen zu trauen als den Institutionen. Dennoch steckt in den Studienergebnissen eine tiefere Botschaft. Bislang war ich davon ausgegangen, dass die meisten Menschen in den meisten Fällen mehr oder weniger dieselben Annahmen und Erwartungen darüber haben, wie sich gute beziehungsweise schlechte Freund:innen verhalten sollten. Damit lag ich offensichtlich falsch.

In Großbritannien und den USA entwickelte sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein neuer Sprachgebrauch hinsichtlich »schlechter Freundinnen«. Je mehr Freiheiten Frauen erlangten, desto drängender wurde das Bedürfnis, ihre Freundschaften einzuhegen und zu kontrollieren, und desto stärker wuchs der Eindruck, Frauen befänden sich in einer »Freundschaftskrise«. Schulleiterinnen und Psychologen warnten vor gefährlichen Schwärmereien, Moralapostel und Kummertanten vor den Risiken, sich in Städten Fremden anzuvertrauen und Freundschaften am Arbeitsplatz zu pflegen, Intellektuelle diagnostizierten Frauenfreundschaften als zunehmend selbstbezogen und oberflächlich. Ich hatte mich schon länger gefragt, woher meine Vorstellungen von guten und schlechten Freundinnen eigentlich rührten. Die Antwort fand ich schließlich in den Predigten und Gruppierungen genau dieser Leute, in Zeitschriftenkolumnen und Selbsthilfebüchern, in Filmen, Romanen und wissenschaftlichen Artikeln. Ja, das 20. Jahrhundert war die Ära moderner Frauenfreundschaften, aber es war auch das Jahrhundert der »schlechten Freundin«: der Freundin, die entweder zu viel oder nicht genug empfand, die sich entweder zu sehr einmischte oder zu distanziert war, die intrigierte oder sich ausnutzen ließ, die Cliquenwirtschaft betrieb oder Verrat beging. In der ermüdend vorhersehbaren Logik des Patriarchats gab es schlicht keinen irdisch möglichen Weg für Frauen, eine »richtige« Freundschaft zu pflegen.

Wir leben auch heute noch mit diesen Geistern der unerreichbaren Ideale von Frauenfreundschaften. Aber auch in Form der vielen »schlechten« Freundinnen, als die Frauen zunehmend häufiger angesehen wurden, wurde uns ein beträchtliches Vermächtnis aufgebürdet. Genau diese Geschichten sind mitverantwortlich für viele weitverbreitete Annahmen über Freundschaft, Annahmen darüber, wie Freundschaft auszusehen und nicht auszusehen hat, wie sie sich anfühlen sollte und wie nicht. Genau diese Geschichten will ich offenlegen — damit wir uns davon befreien können.

*

Es ist gar nicht so einfach, die Geschichte der Freundschaft zwischen Frauen zu erforschen. Weibliche Biografien lassen sich generell schwer rekonstruieren, schließlich wird Geschichte im Wesentlichen von Männern geschrieben. Und Freundschaften sind rückblickend besonders schwer zu begreifen, weil sie einen so flüchtigen Raum im Leben einnehmen und kaum Spuren hinterlassen. Wie Frauenfreundschaften verurteilt wurden, lässt sich relativ gut rekonstruieren; viel schwieriger wird es, wenn es um die Stimmen der Frauen selbst geht, also um diejenigen, die die Regeln gebrochen haben. Außerdem war es vielen Freundinnen, Kolleginnen und auch Unbekannten, die ich zu ihren Freundschaften befragt habe, unangenehm, über ihre Probleme zu sprechen; sie hatten Angst, als unzulänglich angesehen zu werden — sowohl in ihren Freundschaften, als auch in ihrer Weiblichkeit. Dennoch lohnt es sich, die Geschichte der »schlechten Freundin« aufzuschreiben und zu lesen, davon bin ich überzeugt. Denn sie kann uns eine Menge über die beklemmenden Ideale und Erwartungen erzählen, die an Frauenfreundschaften gestellt werden; und sie kann uns eine andere Version an die Hand geben, eine wohlwollendere und nachsichtigere.

Es ist heute wichtiger denn je zu verstehen, woher unsere Vorstellungen über Freundschaft kommen. Wir befinden uns fest im Griff einer Einsamkeitsepidemie — zweifellos noch verschärft durch die Coronapandemie —, wodurch noch einmal deutlicher geworden ist, wie wichtig Freundschaften sind. Soziolog:innen gehen davon aus, dass wir angesichts rückgängiger Heiratsraten und steigender Lebenshaltungskosten in den kommenden Jahrzehnten ganz neue Wege finden müssen, verstärkt auf unsere Freundschaften zu bauen; für einige werden Freund:innen selbst in Notfällen die Familie als primäre Anlaufstelle ersetzen.5 Die Verbindungen und Bündnisse, die wir heute eingehen — vor Ort oder auf Distanz, emotional oder zweckgebunden —, sind im Hinblick auf eine Zukunft, die von multipel ineinandergreifenden Krisen bestimmt wird, von entscheidender Bedeutung. Nie zuvor stand so viel auf dem Spiel in Sachen Freundschaft und nie zuvor war die Sorge größer, daran zu scheitern. Und trotzdem steckt die Debatte darüber, was Freundschaft eigentlich ist und sein kann, noch immer in der Vergangenheit fest.

»Was macht eine Freundin aus?« Auf diese Frage möchte ich eine Antwort geben, ein für das Leben im 21. Jahrhundert adäquates Paradigma anbieten. All die Frauen, auf die ich in den Archiven, in den literarischen Arbeiten und Briefen gestoßen bin und die ich selbst interviewt habe, haben mir gezeigt, dass Freundschaft viel umfassender, chaotischer und fehlerhafter ist, als unsere gegenwärtige Kultur uns oft glauben machen will. Vielleicht ist es ja an der Zeit, die Möglichkeit wiederzuentdecken, dass man auch eine schlechte Freundin sein kann. Die Essayistin und Feministin Roxane Gay schreibt: »Ich bin eine schlechte Feministin, weil ich nicht auf einen feministischen Sockel gestellt werden will. Von Menschen, die man auf Sockel stellt, wird erwartet, dass sie etwas darstellen, und zwar perfekt. Und wenn sie es versauen, stürzt man sie. Ich versaue es regelmäßig. Betrachten Sie mich also als bereits gestürzt.«6 Als ich anfing, über Freundschaft zu schreiben, gingen mir diese Worte nicht mehr aus dem Kopf. Unsere gegenwärtige Kultur verherrlicht Frauenfreundschaften auf so vielfältige Weise. Da ist von bedingungsloser Loyalität die Rede, von tiefer (und manchmal qualvoller) Verbundenheit, von Befreiung und umfassender, sich gegenseitig inspirierender Selbstentfaltung. Diese Bilder bergen ein hohes Risiko für ein Phänomen, das die Soziologin Judith Taylor als Kreislauf aus »sehr hohem Einsatz und sehr großer Enttäuschung« in Frauenfreundschaften beschreibt.7 Wenn es uns gelänge, unsere Erwartungen ein Stück weit herunterzuschrauben, wären wir möglicherweise alle glücklicher und zufriedener.

Dieses Buch versteht sich als eine ungewöhnliche Liebeserklärung an die Freundschaft. Ich habe so viel über die wundersamen Mysterien der Freundschaft gelesen, dass ich mich inzwischen als regelrecht entfremdet und unzulänglich empfinde. Ich will von ganz normalen, imperfekten Freundinnen lesen. Nicht von großen Gesten, sondern von kümmerlichen Rückschlägen. Ich will von Versuchen lesen, nicht von Erfolgen. Von zarten Annäherungen statt von hochglanzverpackten, unerschütterlichen Bildern der Perfektion. Dieses Buch erzählt von den kribbligen Romanzen ganz junger Freundschaften bis hin zu den realistischeren Erwartungen, die ältere Frauen an ihre Freundschaften stellen. Es nimmt uns mit von Freundschaftsfantasien und -idealen mitsamt den damit einhergehenden Verstrickungen über Trennungen und andere zu akzeptierende Realitäten bis hin zu den gegenseitigen Vereinbarungen, die uns zusammenschweißen. Es spielt an uns vertrauten Orten — Klassenzimmer, Nachtklubs, Büros — und an weniger vertrauten — Gefängnisse, Protestcamps, Hausgemeinschaften. Es spürt unterschiedlichen kulturellen Mythen nach, die Frauen über vermeintlich erstrebenswerte Freundschaften beigebracht wurden, und deckt verborgene Geschichten auf, in denen Frauen Freundschaftsregeln gebrochen haben, die gar nicht ihre eigenen waren. Ich wollte ein offeneres und umfassenderes Verständnis von Freundschaft und ihrer Bedeutung. Und ich habe es gefunden: in den Paradoxien und Widersprüchen eines Jahrhunderts voller gelebter weiblicher Erfahrung.

Freundschaft ist unter unseren engen zwischenmenschlichen Beziehungen etwas ganz und gar Einzigartiges. Heirat und Familie sind institutionell geregelt und untermauert von Schwüren und Verpflichtungen, Geld und Gesetz. Andere Beziehungen, beispielsweise zwischen Studierenden und Lehrenden oder zwischen Vorgesetzten und Angestellten, unterliegen gewissen kulturellen Normen und Regeln. Freundschaft aber ist anders. Es gibt keine klaren Verpflichtungen, keine klar definierte Verantwortlichkeit. Weder ist es selbstverständlich, dass unsere Freund:innen in der Nähe wohnen, noch, dass sie uns in Krisenzeiten brauchen oder dass sie in unseren eigenen Krisen für uns da sind. Ich kann nicht wirklich wissen, ob die Menschen, die ich als meine Freund:innen bezeichne, dasselbe auch von mir denken. Es gibt keine Vorgaben für Freundschaft oder dafür, wie sie beginnen, sich entwickeln oder enden sollte. Jede Freundschaft ist einzigartig, jede Freundschaft muss neu erfunden werden.

Und dennoch lernen wir unsere Freund:innen zu lieben, wir verändern uns mit ihnen, wir machen uns von ihnen abhängig, wir kümmern uns um sie und erlauben ihnen, sich auch um uns zu kümmern. Freundschaft erfordert so viel Vertrauen — es ist ein Wunder, dass wir uns überhaupt darauf einlassen.

Teil 1

Verstrickungen

1900—1940

1.  Schwärmereien

Ich erinnere mich noch gut an den Abend, an dem ich Liza das erste Mal sah. Ich war 22, es war ein Montag, und es regnete. In meiner Hand ein Zettel, auf dem ich ihre Adresse notiert hatte. Er war feucht und fiel schon halb auseinander, so oft hatte ich ihn auseinander- und wieder zusammengefaltet, um den Straßennamen und die Nummer des Apartments zu kontrollieren.

»Das ist die Küche«, sagte sie mit ausladender theatralischer Geste. Auf einen ramponierten Kühlschrank deutend erklärte sie, jede von uns würde ihr eigenes Fach bekommen. Ich weiß noch, dass mir die Tattoos auffielen, die unter ihren Ärmeln hervorlugten, und die knallpinke Haarsträhne. Sie war älter als ich, Ende zwanzig, und schien in einer Welt zu leben, in die ich bisher immer nur von außen geblickt hatte. Wenn sie mir in die Augen sah, fühlte ich mich irgendwie entlarvt, und wenn sie sprach, hatte es etwas Eindringliches, als hätte sie etwas zu verbergen. Auf dem Rundgang durch die hellblau, lila und pink gestrichenen Zimmer bestaunte ich die Muschel- und Kristallglassammlung auf den Kaminsimsen und die an die Wände gepinnten Fotos und wusste, dass ich in dieser Welt auch zu Hause sein wollte. Als ich hinter ihr die Treppe hochging, sah ich durch die an den Fersen abgewetzte Strumpfhose ihre Haut schimmern. Stecknadelkopfgroße Einstiche der Verletzlichkeit. Diese Nacktheit zwischen uns ließ mich beinahe erröten.

Jahrelang habe ich immer wieder an diesen Moment zurückgedacht. Ihre Haare, die Muscheln, die Strumpfhose. Wie aufgeregt ich war, als ich ihr auf der Treppe nach oben folgte. Wie hundertprozentig richtig es sich anfühlte, in ihrer Nähe zu sein, als wäre ich endlich nach Hause gekommen. Erst kürzlich dachte ich wieder daran, als ich eine Zeitungskolumne las, in der die Liebe auf den ersten Blick als »sich in eine Fantasie verlieben« beschrieben wurde. »Und mit der Zeit erweist sich die Realität dann als etwas ganz anderes.«1 Eine sehr verbreitete, vernünftige Ansicht. Die Liebe auf den ersten Blick als Projektion, als Flucht, als Verknalltheit eher in eine Vorstellung als in eine gewöhnliche Sterbliche mit all ihren Schwächen. Erst mal tief durchatmen, lautet der Rat. Was ich nicht tat. Ich hatte mich auf der Stelle in Liza verliebt. Oder vielleicht eher in den Menschen, dem ich nahe sein wollte.

Mir war nicht klar, dass auch andere Frauen solche elektrisierenden Momente erleben. Ich hatte immer gedacht, nur ich wäre so dusselig. Oder vielleicht doch nicht so ausschließlich hetero, wie ich bisher gedacht hatte, weil so ein coup de foudre normalerweise nur in der romantischen Liebe vorkommt und bislang kaum in anderen Kontexten untersucht wurde. Aber dann las ich kürzlich die Autobiografie der Philosophin Gillian Rose, in der sie beschreibt, wie sie zum ersten Mal ihre sehr enge Freundin Yvette gesehen hat. Die beiden begegneten sich in den Achtzigerjahren am Bahnhof von Brighton, Rose war in ihren Vierzigern, Yvette 65. Yvette lief in grünen Strumpfhosen auf dem Bahnsteig auf und ab und grinste in sich hinein, weil sie an irgendetwas Witziges dachte. »Ich wusste sofort«, sagt Rose, dass »ich es hier mit einem außergewöhnlichen Wesen zu tun hatte.«2

Solche Augenblicke sind überwältigend. »Ich weiß nur noch, dass ich einfach sehr, sehr — wie soll ich sagen — verliebt in sie war, ich fand sie einfach wunderbar«, sagt Stella Dadzie über ihre Begegnung mit Olive Morris, der radikalen Schwarzen Aktivistin, die sie 1977, mit Anfang zwanzig, bei einem Treffen der African Students Union in London kennenlernte.3 Aminatou Sow und Ann Friedman begegneten sich erstmals 2009 in Washington, D. C., bei der Gossip Girl-Party einer gemeinsamen Freundin, wo sie nebeneinander auf einem durchgesessenen Sofa saßen. Beide nahmen sofort dieses »PÄNG-Gefühl« wahr. Sie waren überwältigt von der berauschenden Mischung aus Begehren und Betörung. In ihrem gemeinsamen Buch Big Friendship interviewen sie die Kommunikationsfachfrau Emily Langan. »Untersuchungen zur Anziehungskraft lassen sich in der Regel auch auf Freundschaften übertragen … Attraktivität in Sachen Stil, Ästhetik oder auch Ausstrahlung«, so Langan.4 Solange sich unser Hirn nicht einschaltet und uns hilft zu deuten, was da gerade passiert, solange also das PÄNG-Gefühl nicht über ausgetretene Nervenbahnen den Weg zu einem besser erkennbaren Narrativ findet, so lange ist Begehren einfach nur Begehren. In diesem allerersten Moment sind wir hauptsächlich verwirrt und überwältigt und von einer unbezwingbaren Anziehungskraft niedergestreckt. »Was will ich denn von diesem Menschen? Will ich ihre Liebhaberin sein? Ihre beste Freundin? Ihre Ehefrau? Ihre kreative Kooperationspartnerin?«

Manchmal frage ich mich, ob ich je über diesen ersten Augenblick hinweggekommen bin oder ob mich die Faszination von Liza letztlich nie losgelassen hat. Unsere Freundschaft dauerte ein knappes Jahr. Wir waren Feuer und Flamme füreinander, bis unsere Freundschaft wie ein sterbender Stern explodierte. Nach dem Studium hatte ich bei meinen Eltern gewohnt, von dort war ich zu ihr gezogen. Ich fühlte mich neu in London und im Leben überhaupt. Ich hatte zwar Freunde aus Schulzeiten und aus dem Studium, aber diese wohlbehüteten Welten wollte ich hinter mir lassen. Ich wollte Abenteuer, wollte mich ausleben. In ihr hatte ich etwas sehr Aufregendes gefunden, sie war völlig anders als alle anderen Menschen, mit denen ich bis dahin zu tun gehabt hatte.

Wir saßen auf dem Bett in ihrem rot gestrichenen Zimmer, aßen Baguette mit Avocado, schauten Star Trek und tranken Weißwein aus geeisten pinken Cocktailgläsern, die sie im Charity Shop aufgestöbert hatte. Stundenlang tauschten wir uns darüber aus, wo wir schon überall gewesen waren und noch hinwollten, wen wir liebten und wer wir gerne wären. Sie arbeitete als Hellseherin bei einer Premium-Hotline, die in Frauenzeitschriften Werbeanzeigen schaltete — damals der übliche Weg, um eine:n Hellseher:in zu finden. Nicht lange, und sie legte auch mir die Karten und zeigte mir, wie ich ihre deuten konnte; in dieser Stimmung, mit dem gedämmten Licht und den glühenden Räucherstäbchen, fühlte es sich an, als hätte sich eine magische Verbindung zwischen uns aufgetan. In ihrem Roman Zum Leuchtturm beschreibt Virginia Woolf, wie Lily Briscoe, den Arm um Mrs. Ramsays Knie gelegt, sich ausmalt, wie die beiden untrennbar miteinander verschmolzen, »wie in ein einziges Gefäß gegossenes Wasser, unentwirrbar gleich«.5 Einen Moment lang fühlte es sich an, als hätten Liza und ich genau diese Verschmelzung erreicht, diese vollständige faszinierende Verbundenheit.

Einmal stand ich an ihrem Schminktisch, als sie nicht da war. Ich erinnere mich so lebhaft daran, in so leuchtenden Farben, dass mir wohl bewusst gewesen sein muss, etwas Übergriffiges zu tun, auch wenn sie immer wieder beteuert hatte, ich könne jederzeit in ihr Zimmer gehen, mir ihre Klamotten ausleihen und in ihrem Bett schlafen, das deutlich bequemer war als meines. Ich stand also an ihrem Schminktisch und betrachtete die bröckeligen Glitzerlidschatten und offenen Lippenstifte, die Fotoautomatenbilder, die halb abgebrannten Räucherstäbchen, die Blister mit der Antibabypille und die kaputten Ohrringe. Zeugnisse eines wahrhaft erwachsenen Frauenlebens. Zu der Zeit trug ich ihre Klamotten, hörte die CDs, die sie mir lieh, und hatte meinen Geschmack an ihre Lieblingsdinge angepasst: düstere Elektronikmusik, Alan Rickman, billige Wotsits-Knabbereien, Federboas. Ich sah in den Spiegel und dachte: Genau so will ich auch sein. War das Freundschaft oder Fetischisierung? Waren meine Fantasien über sie extrem und unrealistisch? Rückblickend frage ich mich, warum ich mich ihr so unbedingt vollkommen hingeben wollte. Nicht, dass ich an der Notwendigkeit zweifle — ich habe sehr viel aus dieser Zeit gelernt. Aber als der unvermeidbare Augenblick der Trennung und Individualisierung dann da war, war es so schmerzhaft und aufwühlend, wie es jede:r erwartet hätte. Jede:r außer mir.

*

In dem Sommer, als ich den Mut aufbrachte, mein Buch über Freundschaft zu beginnen, besuchte ich ein Denkmal aus dem 17. Jahrhundert im Christ’s College in Cambridge. Es ist von Marmorblumen umrankt und von fetten Cherubim bewacht und stellt zwei Steinporträts dar, die durch ein geknotetes Tuch miteinander verbunden sind — üblicherweise das Symbol für ein Ehepaar. Aber ich wusste schon, dass dieses Denkmal nicht einem verheirateten Paar gewidmet ist, sondern an eine Freundschaft erinnern soll. An eine »wunderbare, unerschütterliche Seelenverwandtschaft, eine 36 Jahre währende Gefährtschaft« zwischen zwei Männern, Sir John Finch und Sir Thomas Baines, beide virtuose Ärzte aus der Renaissance, die im 17. Jahrhundert zusammen wohnten, arbeiteten, reisten und auch zusammen begraben wurden. Auf ihrem Grabstein steht: »Damit diejenigen, die zu Lebzeiten ihre Interessen, ihr Vermögen, ihre Empfehlungen, gar ihre Seelen vereint hatten, auf dieselbe Weise nun auch im Tod zumindest ihre heilige Asche vereinen können.«

Viele Historiker:innen pflegen ein Ritual, mit dem sie sich von der selbstgefälligen Perspektive des 21. Jahrhunderts befreien. Wenn meine Freundin Jo sich an ihren Schreibtisch setzt, um über das Amerika des 19. Jahrhunderts zu schreiben, ruft sie sich zum Beispiel erst einmal das Bild der Schweine ins Gedächtnis, die zu jener Zeit durch die New Yorker Straßen streiften. Mein Ritual bestand im Besuch dieses Denkmals. Denn egal, was ich mir heute unter Freundschaft vorstelle — sie ist jedenfalls nicht mehr, was sie früher war.

Wer waren Finch und Baines? Freunde, Geliebte, Ehepartner? Sie lebten am Ende einer Ära bemerkenswerter intellektueller Umwälzungen, die später als Renaissance bezeichnet wurde. Über Gelehrte und Künstler der mittelalterlichen islamischen Welt hatten Künstler, Politiker, Wissenschaftler und Philosophen die großen Werke der klassischen Antike wiederentdeckt und wollten sich nun deren Ideale zu eigen machen. Zu diesen Idealen zählten auch Theorien über die platonische Liebe, woraus ein regelrechter Kult romantischer Männerfreundschaften erwuchs, wie es ihn im Westen nie zuvor gegeben hatte und auch seither nie mehr gab.

In Aristoteles’ hochgeistiger Abhandlung aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., Über die Freundschaft, fanden Männer wie Baines und Finch ein starkes Ideal. Darin teilt Aristoteles Freundschaft in drei Stufen ein. Bei den beiden unteren Stufen handelt es sich um gewöhnliche Freundschaften; Aristoteles bezeichnet sie als nützlich oder angenehm — dies seien im Übrigen die einzigen Arten von Freundschaft, zu denen vermeintlich auch Frauen in der Lage sind. Dem Nutzen dienende Freundschaften spielen sich auf dem Marktplatz ab und basieren auf gegenseitiger Unterstützung und Gegenleistung. Freundschaften um der Lust willen dagegen beruhten auf Zerstreuung und Unterhaltung; man sucht die Nähe von eines Menschen, weil er einen zum Lachen bringt, oder setzt sich bei Wettkämpfen neben jemanden, der denselben Sportler favorisiert. Wahre Freundschaft aber ist Aristoteles zufolge etwas völlig anderes. »Vollkommen« sei »die Freundschaft der Tugendhaften und an Tugend Ähnlichen«, schrieb er.6 Sie beruhe auf einer umfassenden, tiefen Wertschätzung der inneren Wesenszüge des anderen und gehe mit einer vollständigen Verschmelzung und Verbindung des Geistes einher. Es sei, schrieb er, als wäre ein und dieselbe Seele in zwei Körpern zu Hause, als schlüge ein und dasselbe Herz in zwei Brüsten. Freundschaft, schrieb Cicero rund dreihundert Jahre später, sei nämlich »nichts anderes als die Übereinstimmung in allen irdischen und überirdischen Dingen, verbunden mit Zuneigung und Liebe; im Vergleich zu ihr dürfte — abgesehen von der Weisheit — dem Menschen von den unsterblichen Göttern wohl kaum ein schöneres Geschenk zuteil geworden sein«.7

Genau so sahen sich Baines und Finch, und so wurden sie auch von außen gesehen. Als Anhänger ebenjenes Freundschaftskultes. Dabei ist es gut möglich, dass die beiden sich auch körperlich liebten, wer weiß. Denn während überschwängliche, hingebungsvolle, romantische Männerfreundschaften öffentlich gefeiert wurden, stand Homosexualität damals unter Strafe. Die beiden strebten also nach der von Aristoteles’ Definition vorgegebenen »vollkommenen« Freundschaft. Und allem Anschein nach waren sie mit ihrem Streben erfolgreich. Auch der französische Essayist Michel de Montaigne hielt sich für einen »vollkommenen« Freund. Sein Essay Über die Freundschaft ist bis heute ein Meilenstein der einschlägigen westlichen Literatur zum Thema. Er glaubte gefunden zu haben, was nur eine Handvoll Männer einer Generation erreichen können: die perfekte Freundschaft. Sein Essay über seine innige Freundschaft mit dem Anwalt und Autor Étienne de la Boétie ist eine überbordende Beschreibung einer Verbindung, die so kraftvoll und überweltlich gewesen sein muss, dass sie kaum zu definieren oder zu beschreiben war. In einer der meistzitierten Zeilen westlicher Freundschaftsliteratur schreibt er: »Wenn man in mich dringt zu sagen, warum ich Étienne de la Boétie liebte, fühle ich, daß nur eine Antwort dies ausdrücken kann: ›Weil er er war, weil ich ich war.‹«8

Weiter behauptete Montaigne, »daß in Wahrheit das geistige Vermögen der Frauen gewöhnlich den Anforderungen des engen Gedankenaustauschs und Umgangs nicht gewachsen ist, aus denen der heilige Bund der Freundschaft hervorgeht; auch scheint ihre Seele nicht stark genug, den Druck eines so fest geknüpften und dauerhaften Bandes zu tragen«.9 Um eine derart bedeutsame Beziehung einzugehen, seien sie einfach zu oberflächlich, zu streitsüchtig, zu dumm. (An dieser Stelle fühle ich mich moralisch verpflichtet zu erwähnen, dass die angeblich epochale Freundschaft zwischen Montaigne und La Boétie gerade einmal vier Jahre andauerte, nämlich bis zu La Boéties frühem Tod, und dass sie sich beinahe ausschließlich auf einen Briefwechsel beschränkte. Nie wurde sie durch das ganz reale Zusammenleben oder -arbeiten oder durch einen ausgewachsenen Streit über Politik oder Liebe auf die Probe gestellt. Vielleicht waren sie also gar nicht die vollkommenen Freunde, die sie — und viele Generationen von Schriftstellern nach ihnen — zu sein glaubten.)

Für Montaigne jedenfalls waren Frauen zweifellos »schlechte Freunde«, und mit dieser Ansicht war er nicht allein. Margaret Cavendish beispielsweise, eine Wissenschaftlerin und Dichterin aus dem 17. Jahrhundert, war da ganz seiner Meinung. Weibliche Gehirne seien einfach zu schwach, um die komplexen emotionalen Anforderungen einer Freundschaft zu bewältigen.10 Auch in Theaterstücken und Gedichten der misogynen Kultur jener Zeit wurden Frauen als zu unbeständig, zu rivalisierend und zu launisch dargestellt, um echte Bindungen einzugehen. Und dann war da ja auch noch der Sex. »Der Grund, aus dem die wenigsten Frauen von Freundschaft wirklich berührt sind«, witzelte der französische Adlige La Rochefoucauld, »ist, dass Freundschaft so fade schmeckt, hat man erst die Liebe gekostet.«11

Waren diese Männer und Frauen aus Ignoranz blind für die Freundschaften zwischen Frauen, die doch so offensichtlich überall um sie herum existierten? Frauenfreundschaften wurden zwar weder Denkmäler gesetzt noch wurden sie in hochtrabenden Gedichten verherrlicht — aber natürlich gab es sie. Ich stoße überall auf ihre Spuren und Fragmente. Ich finde sie in geflüsterten Botschaften und in hingebungsvollen Liebesgeschichten, die so schön sind, dass sie zu Tränen rühren. Es sind nur sehr flüchtige Einblicke, und doch überkommt mich beim Lesen ein vertrauter Schauer, ein Gefühl der gemeinsamen Erfahrung, das die Historikerin Carolyn Dinshaw als »Berührung über die Zeit hinweg« bezeichnet.12

In der Schule hatte ich von Achilles gehört, dem Helden, der in der Ilias auf dem Schlachtfeld seinen toten Freund Patroklos beweint. Aber von Sama, einer der ersten buddhistischen Nonnen, deren Leben in dem Gedichtzyklus Therigata festgehalten ist, der ältesten Sammlung von Geschichten über Frauen überhaupt, war nie die Rede gewesen. Als Königin Samavati, ihre geliebte Freundin, in einem von ihrer Rivalin gelegten Feuer ums Leben kam, wurde Sama von so verzweifelter Trauer überwältigt, dass sie der Welt entsagte und zwanzig Jahre lang durch die dichten Wälder wanderte.13

Ich erinnerte mich vage an eine berühmte Freundschaft zwischen einem römischen Kaiser und seinem Lieblingsgeneral (ich habe es nachgeschlagen: Es ging um Augustus und den römischen Feldherrn Agrippa im 1. Jahrhundert v. Chr.). Aber da war nicht der leiseste Schimmer einer Erinnerung an Claudia Severa, die in etwa zur gleichen Zeit in einer römischen Festung südlich des Hadrianswalls in Britannien lebte und mit einer anderen Frau befreundet war, Sulpicia Lepidina. Das einzige erhaltene Zeugnis dieser Freundschaft ist eine Einladung zu Claudia Severas Geburtstagsfest: »Ich erwarte dich, Schwester, lebe wohl, Schwester, meine liebste Seele«, schrieb sie.14 Verglichen mit dem umfangreichen und leicht zugänglichen Material über Männerfreundschaften sind von diesen Geschichten nur Bruchstücke erhalten. Aber immerhin zeugen sie gewissermaßen vom Beginn einer Tradition.

Es gab eine Handvoll hochgebildeter Frauen aus der Oberschicht, die über Freundschaft schrieben. Im Buch von der Stadt der Frauen, das um 1405 publiziert wurde, sammelte die in Italien geborene französische Hofdichterin Christine de Pizan aus Ärger darüber, wie ihr Geschlecht von den männlichen Schriftstellern ihrer Zeit behandelt wurde, Geschichten über inspirierende Frauen aus der Vergangenheit. Sie stellte sich ihr Buch als eine Art Zitadelle vor, wo Frauen in Harmonie und Freundschaft zusammenlebten.

Ohne Zweifel war de Pizans Buch ein bedeutender Akt der Auflehnung, aber Freundschaft interessiert mich nicht als abstraktes Ideal. Mich interessieren die echten Freundschaften zwischen Frauen, die sich in geschäftigen Straßen und auf Marktplätzen abspielen, die sich zwischen Pfannen und Töpfen in der Küche entwickeln und am Krankenbett von Arbeiter:innen oder anderen Patient:innen. Freundschaften sind ein so flüchtiger und so wenig dokumentierter Teil des Lebens, dass kaum Berichte darüber erhalten sind. Ein paar gibt es aber doch. Zum Beispiel diesen: Im Jahr 1272, beinahe 150 Jahre bevor de Pizan ihre Abhandlung schrieb, lebten Contesse und Nicole in Paris, zwei Frauen über vierzig, was zur damaligen Zeit als »alt« galt, die sich ein Zimmer im ärmsten Viertel der Stadt teilten. Beide waren verwitwet, beide arbeiteten als Wäscherinnen und vermutlich auch als Sexarbeiterinnen (der Name Contesse lässt darauf schließen, außerdem standen Wäscherinnen im Ruf, ihr mageres Gehalt auf diese Weise aufzubessern). Eines Tages wurde Nicole schwer krank; ihr Körper versteifte sich, der Hals war verdreht, sie verlor den Geschmacks- und den Tastsinn und konnte ohne Hilfe weder sprechen noch essen. Zwei Monate lang fütterte Contesse, die »Nicole sehr liebte«, ihre Freundin, kleidete sie an und brachte sie ins öffentliche Bad, in der Hoffnung, die Wärme würde sie wiederbeleben. Dann schritt eine andere Frau aus ihrem Netzwerk ein, Peronelle the Smith, der der Hof gehörte, in dem Nicole ihre Wäsche aufhängte, und gab den beiden Geld für einen Karren, mit dem Contesse Nicole zum Grab von Ludwig IX. bringen konnte, um dort für ein Wunder zu beten. Der einzige Grund, warum wir überhaupt etwas über diese verarmten Frauen am Rande der Gesellschaft wissen, ist der, dass das ersehnte Wunder tatsächlich eintrat und Nicoles Geschichte gewissenhaft aufgezeichnet wurde. Natürlich ist die Geschichte ihrer Genesung bemerkenswert, doch der Bericht zeigt vor allem, dass solche Freundschaften unter alleinstehenden älteren Frauen, die nichts als einander hatten, im mittelalterlichen Europa ein alltäglicher Anblick gewesen sein müssen.15

Männer wussten um die Kraft solcher Verbindungen. Freundschaften verhalfen Frauen zu Unabhängigkeit und Autonomie. Durch sie konnten sie sich gegenseitig beschützen und Einfluss gewinnen in einer Welt, die nicht für sie gemacht war, weswegen es kein Wunder ist, dass sie verspottet und abgetan wurden. Bei der akribischen Durchforstung verstaubter Steuerunterlagen und Gerichtsprotokolle aus der Frühen Neuzeit fanden Historiker:innen in den Stadtarchiven Hinweise auf Freundinnen, die in Wohngemeinschaften lebten, ihren Besitz zusammenwarfen und sich gegenseitig versorgten und unterstützten. Sie führten gemeinsam Geschäfte, arbeiteten als Geldverleiherinnen, Stickerinnen, Tabakverkäuferinnen und Seidenhändlerinnen. Und sie kämpften füreinander. Im London des 16. Jahrhunderts wurde die Hebamme Mary Freeman der Untreue beschuldigt, als ihr Ehemann sich mit Pocken, einer sexuell übertragbaren Krankheit, ansteckte und ihr die Schuld dafür gab. Daraufhin mobilisierte Mary ihr Netzwerk aus Freundinnen, Nachbarinnen und Frauen, »die sie im Kindbett betreut hatte«, vor Gericht ihren guten Charakter zu bezeugen. Ganze zwanzig Frauen erschienen vor Gericht, eine bemerkenswerte Anzahl, und verteidigten sie, womit sie ihren Ruf retteten und den ihres Mannes ruinierten.16

Andere Frauen — meist aus der gebildeten Oberschicht — führten einen so leidenschaftlichen Briefwechsel mit ihren Freundinnen, wie es normalerweise Männer zu tun pflegten. 1651 gründete die zwanzigjährige walisische Dichterin Katherine Philips (ihr Pseudonym war Orinda) die Society of Friendship. Die Mitglieder der Gesellschaft, im Wesentlichen Philips’ engste Freundinnen, widmeten einander schwülstige und hochromantische Gedichte. Damit wollte Philips zeigen, dass Frauen genauso freundschaftstauglich seien wie Männer, und dass es »unhöflich und anmaßend« sei, etwas anderes zu behaupten. Teilweise vermittelt Philips’ Society of Friendship aber auch den Eindruck, sie wolle das eben errichtete Haus gleich wieder niederreißen: »Unsere Liebe hat etwas Religiöses«, verkündete sie in demselben exklusiven Tonfall, in dem Männer über ihre großen Romanzen sprachen.17

Im echten Leben sind Freundschaften natürlich deutlich interessanter und vielschichtiger, als es Philips’ Träumereien vermuten lassen. 1773 schickte die Dichterin, Abolitionistin und Sklavin Phillis Wheatley einen Brief an ihre ebenfalls versklavte Freundin Obour Tanner nach Rhode Island. Beide Frauen hatten lesen und schreiben gelernt, was damals ungewöhnlich war, und in den 1770er-Jahren brachte es Wheatley durch ihre Gedichte und ihre Rolle in der Antisklavereibewegung zu einiger Berühmtheit. Wheatley schrieb ihren Brief von London aus, wohin sie mit ihrer Herrin gereist war. Auf wenigen Seiten klagt sie über eine Erkältung, greift eine theologische Debatte auf, die zwischen den beiden bestand, diskutiert die Politik der Antisklavereibewegung, spielt auf die seit vierzehn Wochen andauernde Krankheit ihrer Herrin an, lobt die englischen Aristokraten, die sich für ihre Gedichte interessierten, macht eine neckische Bemerkung über den Mann, der den Brief überbringen wird (er sei »sehr zuvorkommend und angenehm«), und schließt mit einem Vorschlag für ihren neuen Gedichtband, den Tanner doch bitte unter Freunden in Boston verbreiten solle, um Geld für die Veröffentlichung zu sammeln. »Immer dein, meine liebe Freundin, mit wärmsten Grüßen«, schließt sie.18 Dieser Brief, der so nahtlos zwischen dem Praktischen und dem Hingebungsvollen, dem Verspielten und dem Ernsten, dem Gewichtigen und dem Koketten wechselt, scheint mir der passende Anfang zu sein für die Geschichte der Frauenfreundschaften.

Die Geschichte, mit der ich aufgewachsen bin, war allerdings eine ganz andere. Sie war festgehalten auf den T-Shirts im Wäschebeutel meiner Tochter, mit ihren glitzernden Slogans und den paillettenbesetzten Herzchen, die ihren religiösen Glauben an die ewige Liebe und an Girl Power versprühten.

*

Ehrlich gesagt waren wir ziemlich eingebildet. Woraus bitte bestanden Männerfreundschaften, außer dass sie sich Seite an Seite sitzend mit Computerspielen die Zeit vertrieben? Während unsereins durch die Straßen zog und die verborgenen Abgründe, Höhlen und Felsvorsprünge unserer Herzen erkundete, hockten die Männer im Pub, schlürften ihr Bier, gaben sich Oberflächlichem hin und redeten über Fußball. Was Freundschaft und die damit einhergehende Vertrautheit betraf, hatten Sofia und ich als junge Frauen unserem Empfinden nach eine explizit weibliche und weitaus überlegenere Kompetenz. Wir waren uns unserer Freundschaft und deren Bedeutsamkeit nicht weniger bewusst, als Montaigne es gewesen war. Nur dass wir das, was er als männliche Tugend angesehen hatte, als explizit weibliche Stärke betrachteten. Wie hatten sich die Ansichten über Geschlechterrollen und vollkommene Freundschaft im Laufe weniger Jahrhunderte in der westlichen Welt so radikal ändern können?

Wenn Historiker:innen, die sich mit Emotionen auseinandersetzen, ergründen wollen, wie sich die Werte und Vorstellungen rund um ein bestimmtes Gefühl verändert haben, sprechen sie häufig von »emotionalen Gemeinschaften«.19 Wir sehen uns Verhaltensratgeber an, führen uns Literatur, Kunstwerke, spirituelle, medizinische und sogar juristische Texte zu Gemüte, um zu begreifen, wie bestimmte Gefühlsregeln begünstigt wurden und sich schließlich durchsetzten. Solche »emotionalen Gemeinschaften« teilen bestimmte Regeln und Erwartungen darüber, welche Gefühle man haben sollte, welche man zeigen kann und welche besser nicht. Diese Regeln werden von mehreren Aspekten geprägt: beispielsweise von einem Wandel gesellschaftlicher und politischer Vorstellungen oder von neuen medizinischen Überzeugungen, und selbst wirtschaftliche Zwänge können Menschen dazu bringen, andere Moden und Trends im Umgang mit ihren Gefühlen anzunehmen. Und natürlich halten auch Freundschaftsregeln die Angehörigen einer emotionalen Gemeinschaft zusammen.

Wie sehr kulturelle und politische Kräfte auf uns als Individuen wirken und unsere ganz persönlichen Welten prägen, wird deutlich, wenn wir uns die feinen Unterschiede in den Erwartungen und Traditionen in Bezug auf Freundschaft in verschiedenen Teilen der Welt ansehen. So haben psychologische Untersuchungen gezeigt, dass Freundschaft kein universell einheitliches Phänomen ist, sondern sich in unterschiedlichen Kulturen im »Stil« durchaus voneinander unterscheidet. Der Psychologe Roger Baumgarte etwa identifizierte anhand von mehreren interkulturellen Studien sechs unterschiedliche »Stile«.20 So wird in manchen Kulturen ein eher »unabhängiger« Freundschaftsstil gepflegt, in dem die Autonomie des anderen besonders hoch geachtet wird und Grenzüberschreitungen oder ein zu starkes Einmischen in das Leben des anderen Gefühle von Unwohlsein auslösen. Die Untersuchungen von Baumgarte suggerieren, dass Menschen in den USA und Großbritannien in diese Kategorie fallen. In anderen Kulturen dagegen wird von Freunden sogar erwartet, dass sie sich einmischen — andernfalls fühlen die Betroffenen sich womöglich vor den Kopf gestoßen. Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass Menschen aus »kollektivistischen« Ländern wie Kuba oder Südafrika eher den »einmischenden« Stil bevorzugen. Neben den Typen der »Unabhängigen« und der »Einmischenden« beschreibt Baumgarte noch die »Einbeziehenden«, die Freund:innen gegenüber eine sehr offene Haltung an den Tag legen, die »Abgrenzenden«, die »Idealisten«, für die Freundschaft über allem steht, und die »Realisten«. Solche Studien führen zwar schnell zu vereinfachenden Stereotypen, können aber auch sehr aufschlussreich sein: Letztlich möchte Baumgarte aufzeigen, welche erheblichen Hürden der Freundschaft zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichem kulturellen Hintergrund im Weg stehen können. Tatsächlich kann es für uns alle nützlich sein, das Wissen über solch potenziell konfliktbehaftete »Freundschaftsstile« im Hinterkopf zu haben, denn häufig entstehen Alltagsschwierigkeiten in Freundschaften aus unbewussten und nur selten zum Ausdruck gebrachten, einander widersprechenden Vorstellungen darüber, wie sich ein »wahrer« Freund verhalten sollte. Als Historikerin interessiert mich diese Forschungsarbeit vor allem deshalb, weil sie uns daran erinnert, dass sich Freundschaftsstile nicht nur über geografische Grenzen hinweg, sondern auch im Laufe der Zeit verändern können.

Als die Dichterin Wheatley ihrer Freundin Obour Tanner schrieb, stand die Geschichte der Gefühle in der westlichen Welt an der Schwelle zu dramatischen Veränderungen, hinter der sich ganz neue Vorstellungen über Geschlechter und Freundschaft entwickeln sollten. Im Zeitraum von etwa siebzig Jahren entfaltete sich die sogenannte Ära der Empfindsamkeit, in der Dichter:innen, Künstler:innen und Philosoph:innen zunehmend stärker die vermeintlich höhere Sensibilität des weiblichen Geistes und die Empathiefähigkeit von Frauen verehrten (beziehungsweise die Fähigkeit zum Mitgefühl, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß). Frauen wurden als soziale Reformerinnen gepriesen, die sich für die Not der Entrechteten einsetzten; man bewunderte sie für ihren liebevollen mütterlichen Instinkt und lobte ihre Freundschaftskompetenz. Die radikale Romantikerin und frühe Feministin Mary Wollstonecraft begegnete auf einem Familienausflug im Jahr 1775 als Sechzehnjährige der zwei Jahre älteren, weltgewandten und kultivierten Fanny Blood. Sie war hingerissen von Fanny und bezeichnete sie als den Menschen, »den ich mehr als alles andere auf der Welt liebe … mit dieser Freundin zu leben ist der Gipfel meiner Ambitionen«.21 Bald lebten die beiden tatsächlich unabhängig zusammen in einer Schule, die sie zusammen gegründet hatten und leiteten. Ihre Freundschaft war »von solcher Leidenschaft, dass sie über Jahre die beherrschende Triebkraft in Marys Leben war«, wie ihr Ehemann William Godwin später schrieb.22 Selbst nach Fannys Tod hielt Mary an der Erinnerung an ihre Freundin fest und trug für den Rest des Lebens einen Trauerring aus deren Haar. Eine derart leidenschaftliche Verbindung mag gut zum Image der Gruppe von Aufrührer:innen, Denker:innen und Dichter:innen jener Zeit passen. Doch solche intensiven, leidenschaftlichen Freundschaften verbreiteten sich während der nächsten hundert Jahre generell immer stärker unter Frauen.

»Meine liebste Sarah! Wie sehr ich dich liebe & wie glücklich ich bin! Du bist die Freude meines Lebens«, schrieb Jeannie, eine alleinstehende Frau Mitte dreißig, die Ende der 1860er-Jahre in New York lebte. 1849 hatten die beiden Frauen sich während ihrer Familienurlaube kennengelernt, als Sarah vierzehn war und Jeannie zwei Jahre älter. Ihre innige Freundschaft festigte sich in der gemeinsamen Internatszeit und hielt bis zum Ende ihres Lebens. Auch nach Sarahs Hochzeit im Jahr 1859 schrieben die beiden sich weiterhin ganz ungeniert romantische Briefe: »Ich werde [diese Woche] ganz allein sein. Ich kann dir gar nicht sagen, wie schrecklich ich dich vermissen werde«, schrieb Sarah 1864, als sie bereits verheiratet war und sich mit ihrer Familie in Germantown, Philadelphia, niedergelassen hatte. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich du mich gemacht hast und wie fest all das in meinen Gedanken verankert ist … Meine Liebste, wie sehne ich mich doch schon jetzt danach, dich wiederzusehen«, schrieb Jeannie nach einem Besuch bei Sarah.23 Heute lesen sich diese Briefe, als würden sie zu einer geheimen gleichgeschlechtlichen Liebesgeschichte gehören, tatsächlich aber waren solche romantischen Freundschaften unter ganz gewöhnlichen Mittelschichtsfrauen wie Jeannie und Sarah alles andere als ungewöhnlich. Im Gegenteil, die Frauen wurden sogar dazu ermutigt.

Von klein auf wurden Mädchen zu »Engeln des Hauses« erzogen, dazu gemacht, sich in unerschütterlicher Selbstaufopferung und grenzenloser Liebe hinzugeben. Freundschaften galten als Übungsfeld, auf dem sie die für eine erfolgreiche Ehe und Mutterschaft unabdingbare Herzensgüte und das nötige Mitgefühl erlernen sollten. Solche romantischen Freundschaften wurden explizit durch Geschichten für Mädchen gefördert. Beatrice und Alice »liebten einander von ganzem Herzen«, begann eine solche rührselige Geschichte, »eng umschlungen saßen sie im Schatten der Bäume und lauschten dem Rufe des Kuckucks«.24 Diesen Punkt machten Romanautor:innen ein für alle Mal klar: In den Romanen des Viktorianischen Zeitalters angeln sich diejenigen, die schon in der Kindheit innige und liebevolle Freundschaften pflegen — man denke nur an Jane Eyre und Helen Burns —, später den Hauptpreis in Form von Heirat und Mutterschaft, während die »schwierigen« Einzelgängerinnen und eher unbeholfenen Mädchen, wie Lucy Snowe in Villette, falls überhaupt, in einer unglücklichen Ehe landen.25

Auf diese Weise erlernten Frauen wie Jeannie und Sarah also ihren ganz eigenen zärtlichen Freundschaftsstil. Dennoch finden sich in den Geschichten über Frauenfreundschaften immer wieder Paradoxien und Widersprüche, das wird mir mit der Zeit immer deutlicher. Während Schriftsteller:innen des 19. Jahrhunderts solche lieblichen Romanzen zwischen Freundinnen anregten und idealisierten, wurden diese Zärtlichkeiten zugleich gefürchtet und verharmlost. Der Wissenschaftler Grant Allen beispielsweise behauptete, dass sich die »amouröse Leidenschaft« eines Mädchens, bis sie sich ernsthaft in einen Mann verliebt, »auf idealisierte Helden, Haustiere oder sogar Pflanzen beschränkt … nur deshalb werden die sentimentalen Freundschaften der Mädchen geduldet«.26 Und die Romanautorin Dinah Craik schrieb in ihrem 1858 erschienenen Leitfaden A Woman’s Thoughts About Women zum selben Thema: Freundschaften unter Mädchen seien »so erlesen und beinahe so leidenschaftlich wie die erste Liebe« und könnten dennoch kaum als »echte« Freundschaft gelten. Erst wenn die Mädchen erwachsen würden und einander (paradoxerweise) nicht mehr träfen, könne man ihre Freundschaft als wahr bezeichnen. »Sollten Laura und Mathilda, die nun einen Haushalt zu führen und einen Ehemann zu umsorgen haben, nun tatsächlich ihre Babys küssen anstatt einander — und es schaffen, sich trotz ihrer anhaltenden Zuneigung ein ganzes Jahr lang nicht zu sehen oder einander einen ganzen Monat lang nicht zu schreiben —, dann hat ihre Verbundenheit ihre wahre Freundschaftsform angenommen.«27 Einerseits wurden Mädchen also ermutigt, ihre Zuneigung auf romantische Weise auszudrücken, andererseits wurde ihnen aber auch vermittelt, dass ihre starken Gefühle übertrieben seien, nicht echt, reine Einbildung. Wie sollten sie mit diesem unlösbaren Dilemma umgehen?

Die Haltung gegenüber diesen rauschhaften, hingebungsvollen Frauenfreundschaften sollte sich bald erneut ändern. 1862 veröffentlichte die englische feministische Aktivistin Frances Power Cobbe in dem weitverbreiteten Fraser’s Magazine einen Essay mit dem Titel Ehe versus Zölibat. Darin wiederholt sie zunächst das inzwischen übliche Narrativ über weibliche Freundschaften: »Die segensreiche Fähigkeit einer Frau, wahre und liebevolle Freundschaften zu schließen«, schreibt sie, »ist von solcher Kraft, dass nicht mal einer von hundert Männern sich auch nur ein Bild davon machen kann.« Während Frauen in ihren Freundschaften »eine der reinsten Freuden und selbstlose Zuneigung« erführen, würden Männer lediglich »Bekanntschaften« machen in ihren Klubs. Und genau diese liebevolle, reine Freundschaft, fuhr sie fort, könne die Frauen von ihrem Schicksal als Ehefrauen und Mütter befreien. Denn würden sie sich gegen das Heiraten entscheiden, müssten sie, »anders als ein Junggeselle, keine Alterseinsamkeit fürchten. Auch wenn es nicht leicht wird — sie wird sicher eine Frau finden, die das Leben mit ihr teilt.«28 Damit waren romantische Frauenfreundschaften nicht länger nur ein Symbol weiblicher Häuslichkeit, sondern auch der Schlüssel zur Befreiung der Frau.