Gute Zahnmedizin - Jan Hajtó - E-Book

Gute Zahnmedizin E-Book

Jan Hajtó

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Beschreibung

Was ist gute Zahnheilkunde? Was macht einen guten Zahnarzt aus? Die Antworten auf diese Fragen findet man oft erst Jahre nach Abschluss des Studiums durch Fortbildungen oder mithilfe erfahrener Kollegen heraus. Mit seinem Buch präsentiert Jan Hajtó zahlreiche Aspekte einer guten Zahnheilkunde, basierend auf seiner langjährigen Berufserfahrung. Vor allem jungen Kollegen soll die Lektüre die vielfältigen Facetten der zahnärztlichen Tätigkeit aufzeigen, die diesen Beruf so erfüllend und spannend machen. Aber auch dem erfahrenen Praktiker kann das Buch neue Denkanstöße zu Themen liefern, die ihn täglich herausfordern.

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jan Hajtó

Gute Zahnmedizin

Ein Leitfaden

„Zahnmedizin ist Geisteswissenschaft“

Paul Weigl

Jan Hajtó

Gute Zahnmedizin

Ein Leitfaden

Mit Zeichnungen von Harald Falkenhagen

Berlin | Barcelona | Chicago | Istanbul | London | Mailand | Mexiko-Stadt | Moskau | Paris | Prag | Seoul | Tokio | Warschau

Titelbild und alle Abbildungen des Inhalts: © 2018 bei VG Bild-Kunst, Bonn

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Postfach 42 04 52; D–12064 Berlin

Ifenpfad 2–4, D–12107 Berlin

© 2018 Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die im Text genannten Produkte sind zum Teil marken-, patent- und urheberrechtlich geschützt. Aus dem Fehlen eines besonderen Hinweises bzw. des Zeichens ® darf nicht geschlossen werden, dass kein rechtlicher Schutz besteht.

Lektorat, Herstellung und Reproduktionen: Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-86867-768-3

Geleitwort

Dr. Jan Hajto ist ein hervorragender Zahnarzt und ein gefragter Fortbildungsreferent. Mit seinem Leitfaden „Gute Zahnmedizin“ hat er sich einmal vom Tellerrand der täglichen Routine entfernt, indem er der Frage nachgeht, was gute Zahnheilkunde im Allgemeinen bedeutet und was einen guten Zahnarzt und eine gute Zahnärztin im Besonderen ausmacht. In 42 prägnanten, eng gefassten Kapiteln gibt er die Antwort mit Hilfe einer gelungenen Mischung aus philosophischen, ethischen und moralischen Überlegungen und vielen praktischen und praktikablen Ratschlägen. Ziel seiner Überlegungen ist der zufriedene und gut versorgte Patient, der von einem/r charakterstarken, empathischen und gut geschulten Zahnarzt/ärztin betreut wird und sein Leben, zumindest was sein dentales und stomatognathes Wohlergehen angeht, problemarm bestreiten kann.

Jeder Zahnarzt, jede Zahnärztin und auch manche Patienten können durch die Lektüre dieses gelungenen Leitfadens wertvolle neue Erkenntnisse gewinnen, verblasste Maximen wiederbeleben und die Spielregeln, die zu guter Zahnmedizin führen, besser verstehen. Jetzt kommt es nur darauf an, diese Spielregeln in praxi zu befolgen.

Prof. Dr. Alexander Gutowski

Einleitung

Was ist gute Zahnheilkunde? Was macht einen guten Zahnarzt aus?

Dies sind Fragen, die sich sowohl Patienten als auch diejenigen Zahnärzte stellen sollten, denen es nicht gleichgültig ist, wie sie ihren Beruf ausüben. Die meisten Menschen haben eine gewisse Motivation, in ihrem Beruf oder allgemein in dem, was sie tun, auch gut zu sein. Was „gut sein“ bedeutet, findet man für sich selbst häufig erst durch eigene Fehler, learning by doing und jahrelange Erfahrung heraus. Im Zahnmedizinstudium werden zwar die Grundlagen einer Zahnbehandlung vermittelt, worin aber letztendlich eine wirklich gut praktizierte Zahnheilkunde besteht, lernen Studierende nur, wenn sie auch gute und vor allem erfahrene Kollegen als Lehrer erfahren durften. Durch das Studium an der Universität werden ca. 10 % des für den Berufsalltag erforderlichen Wissens und der entsprechenden Fertigkeiten vermittelt. 90 % erwirbt ein Zahnarzt durch Berufserfahrung im Anschluss an sein Studium. Dieses Buch ist daher insbesondere für Berufsanfänger gedacht, die sich orientieren möchten, worauf es im Praxisalltag ankommt.

Erfahreneren Kollegen mag einiges in diesem Buch vielleicht banal und selbstverständlich erscheinen. Das habe ich der Vollständigkeit halber in Kauf genommen und bitte es zu verzeihen in der Hoffnung, dass auch Zahnärzte mit langjähriger Berufserfahrung noch den ein oder anderen Gedankenanstoß finden werden. Die Lehrtätigkeit zeigt außerdem, dass das vermeintlich Selbstverständliche oft als unwichtig abgetan wird. Wie die fertigen Arbeiten und Ergebnisse später aber belegen, haben es nur die Wenigsten wirklich verinnerlicht.

Aber auch Patienten fragen sich, wie sie einen guten Zahnarzt finden oder woran sie diesen erkennen können. Hierbei besteht das Grundproblem, dass ein Patient normalerweise nicht wirklich die Möglichkeit hat, die Qualität der Ausführung sämtlicher Arbeiten im Mund zuverlässig selbst zu beurteilen. Erst nach vielen Jahren stellt sich heraus, ob damals korrekt gearbeitet wurde oder eben nicht. Eine zweite Meinung durch einen anderen Zahnarzt kann Aufschluss über die Qualität geben, aber dabei spielen natürlich die Fähigkeiten, das Qualitätsverständnis und die Ehrlichkeit des Begutachters eine Rolle. In der Regel besitzen Patienten ein hohes Vertrauen zu ihrem Zahnarzt und wechseln diesen sehr selten. Sofern also kein konkreter Verdacht auf einen Behandlungsfehler vorliegt, wird normalerweise keine Beurteilung durch einen anderen Zahnarzt vorgenommen.

Einige Themen dieses Buches könnten auch für Patienten von Nutzen sein, damit sie verstehen, was gute Zahnmedizin ausmacht und welche Umstände es dem Zahnarzt erschweren, vorhersagbar gute Behandlungsergebnisse zu erzielen. Schlussendlich handelt es sich bei der Ausübung von Medizin immer um „ärztliche Bemühungen“, und Ärzte sind auch nur Menschen. Von ihnen darf der Patient aber erwarten, dass sie nach ihren Möglichkeiten das Beste geben.

Im vorliegenden Buch werden allgemeingültige Prinzipien beschrieben, die unabhängig sind von speziellen Methoden, dem medizinischen Fortschritt oder technischen Entwicklungen. Da sie verschiedenste Bereiche menschlicher Psyche und Eigenschaften betreffen sowie unterschiedliche Bedingungen, ist es mir schwergefallen, eine systematische Ordnung zu finden. Daher treten die Inhalte als bunter Reigen auf, und es ist nicht erforderlich, das Buch von Anfang bis Ende durchzuarbeiten. Vielmehr kann es beliebig an irgendeiner Stelle aufgeschlagen und gelesen werden.

Die Frage, was „gute“ Zahnmedizin eigentlich ausmacht, ist sehr schwer, vermutlich auch nicht abschließend und allgemeingültig zu beantworten. Für jeden Patienten und jeden Zahnarzt bedeutet „gute“ Zahnmedizin etwas Anderes, je nachdem, was persönlich als wichtig empfunden wird. Aus diesem Grund können und sollen die beschriebenen Prinzipien im Alltag auch nie in gleichem Maße und vollständig erfüllt werden. Einige widersprechen sich sogar oder stellen den Zahnarzt vor Entscheidungen. Zahnärztliches Handeln und Denken ist von ständiger Abwägung geprägt. Alle Möglichkeiten in der Zahnmedizin haben neben Vorteilen immer auch Nachteile, die bedacht werden müssen.

Einige der Prinzipien sind besser erlernbar als solche, die mehr mit der Persönlichkeit des Einzelnen zu tun haben. Daher kann es auch nicht den „besten“ Zahnarzt geben. Interessanterweise geben Patienten bei Umfragen zum überwiegenden Teil an, ihren eigenen Zahnarzt für einen besonders guten Zahnarzt zu halten. Dabei weiß eigentlich jeder, dass es wie in jedem Beruf sowohl schlechte als auch gute Zahnärzte geben muss und diese entsprechend der Gauß-Kurve normalverteilt sein müssen. Natürlich sind die Patientenansprüche ebenfalls normalverteilt und jeder Patient findet hoffentlich den Zahnarzt, der zu ihm passt und umgekehrt.

Letztendlich ist gute Zahnmedizin ohne Liebe zum Beruf nicht möglich. Dies ist der stärkste Motivator, um jeden Tag sein Bestes zu geben und kontinuierlich nach Verbesserung zu streben. Doch sie alleine reicht eben nicht aus, um wirklich gut zu werden. Zahnheilkunde ist ein besonders erfüllender und schöner Beruf, aber auch ein ausgesprochen anstrengender und belastender. Dieses Buch möchte daher allen Kollegen als Anregung dienen, ihre professionelle Einstellung zu reflektieren. Ich bin mir meiner eigenen Unzulänglichkeiten in vielen der beschriebenen Bereiche bewusst. Aber es hilft zu wissen, in welchem Fall eine Optimierung oder zumindest ein Bemühen darum möglich ist.

Falls dieses Buch sogar dazu beitragen sollte, dass einige Kollegen zum eigenen Wohl und dem der Patienten zu besseren Zahnärzten werden, dann ist das mehr als ich erhoffen darf.

Auf klinische Bilder habe ich in diesem Buch, das vor allem zum Nachdenken anregen soll, bewusst verzichtet. Ich bin daher besonders glücklich, dass sich der Künstler Harald Falkenhagen, dessen Werke ich seit vielen Jahren besonders schätze, bereit erklärt hat, einige seiner Zeichnungen zur Auflockerung, Kommentierung und als Kontrapunkt zur Verfügung zu stellen. Mögen Sie genau so viel Vergnügen daran haben, wie ich.

Anmerkung zur Antidiskriminierung:

Zur besseren Lesbarkeit des Textes wurde in der Regel auf die gleichzeitige Nennung der weiblichen und der männlichen Form verzichtet. „Zahnarzt“, „Patient“, „Student“, „zahnmedizinischer Assistent“ etc. bedeuten selbstverständlich immer „Zahnärztinnen und Zahnärzte“ und „Patientinnen und Patienten“ usw.

Dr. Jan Hajtó

Dr. Jan Hajtó ist niedergelassener Zahnarzt in München mit den Tätigkeitsschwerpunkten Zahn- und implantatgestützte keramische Komplettversorgungen sowie Funktionsdiagnostik und funktionelle Rehabilitationen. Nach dem Studium der Zahnheilkunde an der LMU München war Jan Hajtó in der Gemeinschaftspraxis Hajtó und Cacaci in München tätig und besitzt langjährige klinische Erfahrungen auf dem Gebiet adhäsiv und konventionell befestigter vollkeramischer Restaurationen. Zu den Themenbereichen Ästhetik, Keramik und digitale Zahnheilkunde ist er national und international als Referent tätig, hat zahlreiche Beiträge in Büchern und Fachzeitschriften veröffentlicht und leitet Kurse im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen. Dr. Hajtó ist Lehrbeauftragter der Akademie Praxis und Wissenschaft (APW) innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und seit 2011 als Referent des Curriculums Ästhetische Zahnmedizin der Zahnärztekammern Niedersachsen, Nordrhein und Westfalen-Lippe tätig. Er ist außerdem Gewinner des Forschungspreises Vollkeramik der AG Keramik 2015.

Der Künstler Harald Falkenhagen studierte von 1978 bis 1984 an der Gesamthochschule Kassel bei Harry Kramer. Er ist Preisträger „Forum junger Kunst“ 1983, Stuttgart, und erhielt zahlreiche Stipendien, unter anderem des Kunstfonds e.V., Bonn, und der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart. Seine Werke präsentierte er seit den 1980er Jahren in Buchveröffentlichungen (z. B. Zentralverlag), zahlreichen Einzelausstellungen (u. a. Kunsthalle zu Kiel, Galerie Texbraun, Paris, Kunstverein/Kunsthalle Bremerhaven, Gesellschaft für aktuelle Kunst, Bremen, Zentrum für Künstlerpublikationen in der Weserburg, Bremen) und Gruppenausstellungen (u. a. Pinacoteca di Ravenna, Frankfurter Kunstverein, Museum der bildenden Künste, Budapest, Sprengel Museum, Hannover, Cambridge Darkroom, Arts Center Darlington, Museum für Gegenwartskunst Siegen, Tanya Leighton Gallery, Berlin, Museum für Gestaltung, Zürich).

Weitere Informationen unter www.haraldfalkenhagen.de

Inhalt

Ethos

Wissen

Aufklärung

Zweifel

Routine

Ehrlichkeit

Erfahrung

Konsequenz und Konsistenz

Das richtige Werkzeug

Vergrößerung

Geschwindigkeit

Sympathie

Einfachheit

Irrtümer vermeiden

Sorgfalt

Empathie

Zuhören

Geduld

Leidenschaft

Pünktlichkeit

Eine Rolle spielen

Keine Dogmen

Übersicht bewahren

Gesunder Menschenverstand

Entscheidungskraft

Planvoll handeln

Realistische Selbsteinschätzung

Technisches Verständnis

Voraussicht

Hygiene

Medizin

Psychologisches Gespür

Ruhe

Erholung

Struktur

Qualitätsmanagement

Verantwortung

Charakter

Preis

Ein gutes Team

Gute Zahntechnik

Gute Patienten

Danksagung

Ethos

„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“

Hippokrates, Auszug aus dem Hippokratischen Eid

Kein Arzt in Deutschland legt heute tatsächlich noch den Eid des Hippokrates ab. Dennoch enthält dieser Eid nach wie vor die Grundsätze ärztlicher Ethik. Von jemandem, der in einem ärztlichen Beruf arbeitet, wird an erster Stelle erwartet, dass er eine integre Persönlichkeit ist und zum Wohle der Patienten handelt. Aufrichtigkeit und Patientenorientierung schließen von vornherein aus, dass Entscheidungen von eigenen Interessen geleitet werden.

Ein Arzt mit ausgeprägter ärztlicher Moral bewahrt seine Patienten auch davor, auf eigenen Wunsch oder aus falscher Motivation körperlichen Schaden zu nehmen. Die Auseinandersetzung mit der Autonomie der Patientenentscheidung, dem medizinisch Angezeigten und der eigenen ärztlichen Überzeugung stellt eine permanente Anforderung an einen guten Arzt dar.

Die Prognose, Vorhersagbarkeit und Beständigkeit einer Maßnahme steht in gleichem Maße im Mittelpunkt ethischer ärztlicher Überlegungen wie die damit verbundenen biologischen Risiken. Bei diesen Überlegungen müssen auch die Vorstellungen und Wünsche des Patienten mitberücksichtigt werden.

Ein guter Zahnarzt muss zu allererst über moralisch einwandfreie Grundsätze verfügen. Ist dies der Fall, dann ergeben sich viele der in diesem Band aufgeführten Aspekte guter Zahnheilkunde von selbst.

Wissen

„Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“

Johann Wolfgang von Goethe an Friedrich von Müller, 24. April 1819

Je mehr medizinisches Wissen ein Zahnarzt besitzt, desto mehr wird er erkennen, desto genauer wird er diagnostizieren und desto weniger wird er übersehen oder falsch entscheiden. Ein umfangreiches Wissen ist demnach äußerst wichtig.

Ein guter Zahnarzt muss in der heutigen Zeit, da das verfügbare Wissen in immer kürzeren Abständen an Umfang zunimmt, die Bereitschaft aufbringen, zeitlebens zu lernen. Dies bedeutet nicht nur, sich ständig neues Wissen anzueignen, sondern auch in der Lage zu sein, überholtes Wissen abzulegen bzw. vollständig umzulernen. Ebenso ist es aber auch notwendig, Wichtiges und Richtiges von Unwichtigem und Unrichtigem unterschieden zu können, denn nicht jede Fachinformation ist wahr. Vielmehr kursieren in der Fachwelt viele Halbwahrheiten, unbelegte bzw. übertriebene Werbeaussagen, Fehlinformationen und unkorrekte Ergebnisse. Es gibt hervorragende und weniger gute Veröffentlichungen, und es gibt für das eigene Fachgebiet wertvolle oder eher unwichtige Studien. Aufgrund der zunehmenden Spezialisierung in der Zahnheilkunde können häufig nur Experten auf einem Fachgebiet, die sehr tief ihre Materie eingestiegen sind, die Validität bestimmter Aussagen beurteilen.

Die Selektion des Wissens stellt also aufgrund der großen Menge an heute verfügbaren Informationen eine besondere Herausforderung dar. Aus diesem Grund funktioniert die Wissensvermittlung über sogenannte opinion leader in der Zahnmedizin recht gut. Opinion leader sind auf ihrem Gebiet überdurchschnittlich erfahrene Kollegen, die ihre fundierten theoretischen Kenntnisse und praktischen Fertigkeiten durch Dokumentation, Veröffentlichungen, wissenschaftliche Arbeiten oder Live-Vorführungen hinreichend unter Beweis gestellt haben, sodass sie innerhalb der Kollegenschaft als objektive und integre Persönlichkeiten anerkannt sind.

Für den Praktiker ist es zudem äußerst wichtig, dass er neben der Weiterbildung sein bereits vorhandenes Wissen regelmäßig anwendet und kontinuierlich verifiziert. Wir bleiben bei Goethe, der sagte: „Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden.“

Außerdem kann der Zahnarzt dem Patienten im Falle eines Problems mit theoretischem Wissen allein nicht helfen. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass es einige wenige Zahnärzte gibt, die sich in zu starkem Maße fortbilden. Sie gehen fast jedes Wochenende auf eine Fortbildung und belegen umfangreiche Masterstudiengänge und Curricula. Das Wissen, das an einem Wochenende komprimiert vermittelt wird, stellt aber die Essenz aus vielen Jahren Erfahrung eines im jeweiligen Bereich sehr erfahrenen Zahnarztes (das sind Referenten in der Regel) dar. Wenn man nun das Erlernte aus einem einzigen Fortbildungswochenende in der Praxis erfolgreich implementieren möchte, erfordert das mehrere Wochen intensiver Arbeit. Die Umsetzung umfasst beispielsweise die Einführung neuer Materialien, Geräte und Instrumente, die Schulung des Teams, die Integration modifizierter Organisationsabläufe, die eigentliche Anwendung am Patienten (was zumeist nicht sofort umsetzbar ist), das Sammeln eigener Erfahrungen durch Wiederholungen und die Modifikationen des Erlernten, bis sich letztendlich eine Behandlungsroutine eingestellt hat. Daher sollten Fortbildungen sorgfältig ausgewählt werden und Möglichkeiten für die spätere Umsetzung genau abgewogen werden.

Daneben ist es natürlich auch notwendig, sich rein theoretisches Wissen anzueignen, das nicht unbedingt angewendet wird, sondern dazu dient, genauere Diagnosen durchzuführen und die Patienten kompetenter zu beraten, um diese bei Bedarf an Spezialisten zu überweisen. Zu wissen, was man nicht weiß oder nicht kann, und die Bereitschaft, dem eigenen Patienten einen Kollegen mit mehr Erfahrung zu empfehlen, macht ebenfalls einen guten Zahnarzt aus.

Im Praxisalltag begegnen einem Arzt bei der Diagnostik immer wieder die gleichen, weil häufigen Fälle. Gleichzeitig können sich Anamnese, Symptome oder Krankheitsbild bei gleichen Ursachen erheblich voneinander unterscheiden. Daher spielt die Wahrscheinlichkeit bei der Diagnosestellung eine wichtige Rolle. Ein guter Arzt denkt an das Wahrscheinliche, auch wenn es sich atypisch darstellt, und vergisst dabei nicht das Seltene, also das eher Unwahrscheinliche. Es kann sogar vorkommen, dass ein Arzt ein bestimmtes seltenes Krankheitsbild selbst nie zu Gesicht bekommen hat, weil es im Praxisalltag kaum vorkommt. Dennoch sollte er in der Lage sein, es zu erkennen oder zumindest zu vermuten, um seine Diagnose bei einem Spezialisten abklären zu lassen.