H. G. Wells – Gesammelte Werke - Herbert George Wells - E-Book

H. G. Wells – Gesammelte Werke E-Book

Herbert George Wells

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Beschreibung

Die wichtigsten Romane von H.G. Wells: - Der Krieg der Welten - Der Unsichtbare - Die ersten Menschen auf dem Mond - Die Insel des Dr. Moreau - Die Riesen kommen! - Die Zeitmaschine - Im Jahre des Kometen - Jenseits des Sirius - Der Traum - Wenn der Schläfer erwacht Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 3316

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Herbert George Wells

Gesammelte Werke

Romane

Herbert George Wells

Gesammelte Werke

Romane

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019 2. Auflage, ISBN 978-3-962813-62-8

null-papier.de/582

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Der Krieg der Wel­ten

Der Un­sicht­ba­re

Die ers­ten Men­schen auf dem Mond

Die In­sel des Dr. Mo­reau

Die Rie­sen kom­men!

Die Zeit­ma­schi­ne

Im Jah­re des Ko­me­ten

Jen­seits des Si­ri­us

Der Traum

Wenn der Schlä­fer er­wacht

In­dex

Dan­ke

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Die Bän­de »Der Krieg der Wel­ten« und »Wenn der Schlä­fer er­wacht« gibt es in mei­nem Ver­lag auch in il­lus­tier­ten Fas­sun­gen.

Der Krieg der Wel­ten

E­pub: ISBN 978-3-95418-904-5

PDF: ISBN 978-3-95418-906-9

Kind­le: ISBN 978-3-95418-905-2

Wenn der Schlä­fer er­wacht

E­pub: ISBN 978-3-96281-014-6

PDF: ISBN 978-3-96281-016-0

Kind­le: ISBN 978-3-96281-015-3

Der Krieg der Welten

Buch

Ent­ste­hung

Das Buch wur­de 1898 ver­öf­fent­licht, also noch weit vor der Er­fin­dung des Flug­zeugs, und 70 Jah­re, be­vor der Mensch erst­mals sei­nen Fuß auf den Mond setz­te. Die tech­ni­sche Fan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft, die Wells auf Grund­la­ge der da­ma­li­gen Er­kennt­nis­se über das Wel­tall, Pla­ne­ten und Tech­nik an den Tag leg­te, ist auch heu­te noch ab­so­lut be­ste­chend.

Be­deu­tung

Auf dem Hö­he­punkt des Bri­ti­schen Em­pi­res führ­te Wells sei­nen Le­sern vor, was mit Kul­tu­ren pas­siert, die von aus­län­di­schen, tech­nisch weit über­le­ge­nen In­va­so­ren an­ge­grif­fen wer­den: Sie wer­den aus­ge­rot­tet. Die Kehr­sei­te des tech­ni­schen Fort­schritts fin­det sich im Text wie­der – wenn der Schre­cken auch von au­ßer­halb, vom Mars kommt.

Spä­te­re Be­ar­bei­tun­gen

Der Ro­man be­grün­de­te H. G. Wells’ Ruhm als Science-Fic­ti­on-Au­tor und war Vor­la­ge für zahl­rei­che an­de­re li­te­ra­ri­sche Wer­ke und Ver­fil­mun­gen.

Berühmt wur­de „Krieg der Wel­ten“ auch als Hör­spiel von 1938. Der da­mals noch weit­ge­hend un­be­kann­te Or­son Wel­les in­sze­nier­te im ame­ri­ka­ni­schen Ra­dio am Vora­bend von Hal­lo­ween ein als Li­ver­epor­ta­ge ge­tarn­tes Hör­spiel, das über die In­va­si­on der USA durch Mar­sia­ner be­rich­te­te. Ob es da­mals al­ler­dings wirk­lich zu der ger­ne kol­por­tie­ren Mas­sen­pa­nik durch hys­te­ri­sche Hö­rer kam, wird heu­te le­dig­lich als ge­lun­ge­nes Mar­ke­ting be­zeich­net und ent­spricht nicht den Tat­sa­chen.

1978 er­schi­en das Mu­si­k­al­bum „Jeff Way­ne’s Mu­si­cal Ver­si­on of the War of the Worlds“. Als Er­zäh­ler fun­gier­te in der Ori­gi­nal­fas­sung Richard Bur­ton, in der 1980 er­schie­ne­nen deutsch­spra­chi­gen Ver­si­on Curd Jür­gens.

Eine sa­ti­ri­sche Ad­ap­ti­on war der Film „Mars At­tacks!“ von 1996 des Re­gis­seurs Tim Bur­ton, der sämt­li­che Gen­re­kli­schees per­si­flier­te. Hier bringt ein Coun­try-Song schließ­lich die un­ter Glas­hel­men sicht­ba­ren Hir­ne der In­va­so­ren zum Plat­zen.

Au­tor

Her­bert Ge­or­ge Wells (1866-1946) gilt, ne­ben Ju­les Ver­ne, als »Va­ter der Science-Fic­ti­on«. Ihm ver­dan­ken wir die grund­le­gen­de Aus­ar­bei­tung zahl­rei­cher Mo­ti­ve, die das Gen­re bis heu­te maß­geb­lich prä­gen: Zeit­rei­se, Un­sicht­bar­keit, au­ßer­ir­di­sche In­va­si­on und vie­le mehr. Dar­über hin­aus hat er sich als His­to­ri­ker und Ver­fas­ser ge­sell­schafts­kri­ti­scher Wer­ke einen Na­men ge­macht.

Zeich­ner

Die Il­lus­tra­tio­nen stam­men aus dem im Jah­re 2015 ver­stei­ger­ten Ori­gi­nal-Kon­vo­lut des Zeich­ners Hen­ri­que Al­vim Corrêa. Die­se wur­den für die Ver­öf­fent­li­chung auf­wen­dig di­gi­tal vom Gilb und Schmutz­fle­cken be­freit.

Zur Er­st­über­set­zung

Die ers­te, 1901 im Wie­ner Per­les Ver­lag er­schie­ne­ne Über­set­zung, stamm­te von Gott­lieb Au­gust Crüwell. Die­se war, selbst für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se, sper­rig zu le­sen. Nicht nur war der Text durch­setzt von ös­ter­rei­chi­schen Be­grif­fen, die nörd­lich der Al­pen eher un­be­kannt sein dürf­ten, schlim­mer noch, war der Text oft­mals nicht nach­be­ar­bei­tet wor­den, son­dern, wie so vie­le Ver­öf­fent­li­chun­gen der da­ma­li­gen Zeit, eine in der Satz­stel­lung nicht an­ge­pass­te Eins-zu-Eins-Über­set­zung des eng­li­schen Ori­gi­nals. Dies führ­te häu­fig zu Sät­zen, die ab­so­lut un­ver­ständ­lich wa­ren. Hier ein Bei­spiel für solch eine Pas­sa­ge:

„Jetzt, da das hef­ti­ge Aus­fah­ren bei sei­ner Auss­trö­mung vor­über war, haf­te­te der schwar­ze Rauch so fest auf dem Bo­den, dass, selbst vor sei­nem Ab­flie­ßen, in ei­ner Höhe von fünf­zig Fuß in der Luft, auf Dä­chern und obe­ren Stock­wer­ken ho­her Häu­ser und auf großen Bäu­men, es eine Mög­lich­keit gab, sei­ner gif­ti­gen Wir­kung sich völ­lig zu ent­zie­hen; das be­währ­te sich noch in je­ner Nacht in Street Cob­ham und Dit­ton.“

Die Auf­fri­schung liest sich schon viel flüs­si­ger und ver­liert den­noch nichts von ih­rem mehr als 100 Jah­re al­ten Ch­ar­me:

„Jetzt, da nach der De­to­na­ti­on der hef­ti­ge Schwall ver­flo­gen war, haf­te­te der schwar­ze Rauch so fest auf dem Bo­den, dass es selbst vor sei­nem Ab­flie­ßen, in ei­ner Höhe von fünf­zig Fuß, auf Dä­chern und obe­ren Stock­wer­ken ho­her Häu­ser und auf großen Bäu­men, eine Mög­lich­keit gab, sich sei­ner gif­ti­gen Wir­kung völ­lig zu ent­zie­hen; das be­währ­te sich noch in je­ner Nacht in Street Cob­ham und Dit­ton.“ Wer sich für die Be­ar­bei­tung al­ter Text bei Null Pa­pier in­ter­es­siert, dem emp­feh­le ich den Auf­satz „Was macht ein E-Book-Ver­le­ger so den gan­zen Tag? E-Books!“ (http://null-pa­pier.de/sto­ry)

Vorwort der Übersetzerin

Lie­be Le­se­rin, lie­ber Le­ser,

Sie sind im Be­griff, sich den Text ein­zu­ver­lei­ben, der als der Ur-Text der Science-Fic­ti­on-Li­te­ra­tur gilt.

Fol­gen Sie dem Ich-Er­zäh­ler durch das Lon­don und sei­ne Um­ge­bung An­fang des 20. Jahr­hun­derts.

Spü­ren Sie ei­ner­seits die Fas­zi­na­ti­on des Au­tors für die Ver­spre­chun­gen des sich an­bah­nen­den tech­ni­schen Zeit­al­ters. Ah­nen Sie gleich­zei­tig die Be­droh­lich­keit die­ser neu­en Welt, die den da­ma­li­gen Zeit­ge­nos­sen ver­ständ­li­cher­wei­se nicht ganz ge­heu­er schi­en. Die ers­te Fahrt ei­ner dampf­be­trie­be­nen Ei­sen­bahn war noch nicht all­zu lan­ge her.

Be­den­ken Sie da­bei, dass da­mals eine schnel­le In­for­ma­ti­on über Ri­si­ken und de­ren Ver­mei­dung eben­falls noch ein wei­te­res Jahr­hun­dert auf sich war­ten ließ.

Wen wun­dert es da, dass die fremd­ar­ti­gen Ma­schi­nen li­te­ra­risch gleich als die Ap­pa­ra­tu­ren ei­ner frem­den Zi­vi­li­sa­ti­on ver­ar­bei­tet wer­den? Und kei­ner fried­li­chen, wie der Ti­tel des Bu­ches be­reits ver­heißt.

Las­sen Sie sich mit­neh­men, durch­aus auch in die Schre­cken, die eine un­ter­le­ge­ne Zi­vi­li­sa­ti­on durch eine wei­ter­ent­wi­ckel­te er­fah­ren kann.

Aber sei­en Sie von An­fang an ge­trös­tet, da der Au­tor dem Grund­satz treu bleibt, dass der Ich-Er­zäh­ler über­lebt.

Und freu­en Sie sich dar­auf, wer oder was sich schließ­lich als Ret­ter der Mensch­heit ent­pup­pen wird.

Ich wün­sche Ih­nen span­nen­de Le­se­stun­den.

Herz­lichst Ihre Ga­brie­le Bla­che

Erstes Buch – Das Kommen der Marsmänner

I. Am Vorabend des Krieges

Nie­mand hät­te in den letz­ten Jah­ren des XIX. Jahr­hun­derts ge­glaubt, dass die Mensch­heit ge­nau und scharf von in­tel­li­gen­ten Mäch­ten be­ob­ach­tet wür­de, grö­ßer als die Men­schen selbst und doch eben­so sterb­lich. Nie­mand hät­te ge­glaubt, dass, wäh­rend die Men­schen ih­rem Ta­ge­werk nach­gin­gen, sie be­lauscht und er­forscht wür­den, fast eben­so ein­dring­lich, wie ein Mann mit sei­nem Mi­kro­skop jene ver­gäng­li­chen Le­be­we­sen er­forscht, die in ei­nem Was­ser­trop­fen ihr We­sen trei­ben und sich dar­in ver­meh­ren. Mit un­end­li­chem Be­ha­gen schlen­der­te die Mensch­heit, mit ih­ren klei­nen Sor­gen be­schäf­tigt, kreuz und quer auf dem Erd­ball um­her, in ge­las­se­nem Ver­trau­en auf ihre Herr­schaft über die Ma­te­rie. Es ist mög­lich, dass die In­fu­so­ri­en1 un­ter der Lupe das­sel­be tun. Nie­mand quäl­te sich mit dem Ge­dan­ken, dass äl­te­ren Welt­kör­pern Ge­fah­ren für die Mensch­heit ent­sprin­gen könn­ten. Jede Vor­stel­lung, dass sie be­wohnt sein könn­ten, wur­de als un­wahr­schein­lich oder un­mög­lich auf­ge­ge­ben. Es ist selt­sam, sich heu­te der geis­ti­gen Ver­fas­sung je­ner ver­gan­ge­nen Tage zu ent­sin­nen. Es kam höchs­tens vor, dass Er­den­be­woh­ner sich ein­bil­de­ten, es könn­ten We­sen auf dem Mars le­ben, min­der­wer­ti­ge viel­leicht, je­den­falls aber sol­che, die eine ir­di­sche For­schungs­rei­se freu­dig be­grü­ßen wür­den. Aber jen­seits des gäh­nen­den Wel­ten­raums blick­ten Geis­ter, den un­se­ren über­le­gen wie un­se­re de­nen rei­ßen­der Tie­re, blick­ten In­tel­lek­te, un­ge­heu­er und kalt und un­heim­lich, mit nei­di­schen Au­gen auf un­se­re Erde. Be­däch­tig und ge­zielt schmie­de­ten sie ihre Plä­ne ge­gen uns. Und am Be­ginn des XX. Jahr­hun­derts kam die große Er­nüch­te­rung.

Der Pla­net Mars, ich brau­che den Le­ser kaum dar­an zu er­in­nern, dreht sich in ei­ner mitt­le­ren Ent­fer­nung von 140.000.000 Mei­len2 um die Son­ne. Und das Aus­maß von Licht und Wär­me, das er von der Son­ne emp­fängt, ent­spricht kaum der Hälf­te un­se­res An­teils. Wenn die Ne­bu­larhy­po­the­se3 nur im Ge­rings­ten rich­tig ist, muss er äl­ter sein als un­se­re Erde, und lan­ge, ehe un­ser Pla­net zu schmel­zen auf­ge­hört hat­te, muss das Le­ben auf sei­ner Ober­flä­che be­reits be­gon­nen ha­ben. Die Tat­sa­che, dass er kaum den sie­ben­ten Teil des Vo­lu­mens un­se­rer Erde er­reicht, muss sei­ne Ab­küh­lung bis zu der Tem­pe­ra­tur, bei der Le­ben be­gin­nen konn­te, be­schleu­nigt ha­ben. Er be­sitzt Luft und Was­ser und al­les Nö­ti­ge zur Er­hal­tung ani­ma­li­scher Exis­tenz.

Doch so ei­tel ist der Mensch und so ver­blen­det durch sei­ne Ei­tel­keit, dass bis zum Schluss des XIX. Jahr­hun­derts nicht ein ein­zi­ger Schrift­stel­ler je­mals dem Ge­dan­ken nä­her trat, dass dort geis­ti­ges Le­ben über­haupt oder gar weit über das ir­di­sche Maß hin­aus ent­ste­hen konn­te. Auch wur­de aus den Tat­sa­chen, dass der Mars äl­ter ist als un­se­re Erde, dass er nur den vier­ten Teil ih­rer Ober­flä­che be­sitzt, dass er wei­ter von der Son­ne ent­fernt ist, nie der zwin­gen­de Schluss ge­zo­gen, dass er nicht nur von den An­fän­gen des Le­bens ent­fern­ter, son­dern des­sen Ende auch nä­her ist.

Die zeit­li­che Ab­küh­lung, die einst auch un­se­ren Pla­ne­ten be­vor­steht, hat bei un­se­rem Nach­bars­tern schon große Fort­schrit­te ge­macht. Sei­ne phy­si­sche Be­schaf­fen­heit ist im Gan­zen noch ein Ge­heim­nis. Doch wis­sen wir jetzt, dass selbst in sei­nen äqua­to­ria­len Re­gio­nen die Mit­tags­tem­pe­ra­tur kaum jene un­se­res käl­tes­ten Win­ters er­reicht. Sei­ne Luft ist viel dün­ner als die un­se­re, sei­ne Mee­re sind so­weit zu­rück­ge­tre­ten, dass sie kaum mehr ein Drit­tel sei­ner Ober­flä­che be­de­cken, und wäh­rend des lang­sa­men Wech­sels sei­ner Jah­res­zei­ten bil­den sich un­ge­heu­re Schnee­gip­fel, die an je­dem Pole schmel­zen und sei­ne ge­mä­ßig­ten Zo­nen pe­ri­odisch über­flu­ten. Je­nes letz­te Sta­di­um der Er­schöp­fung, für uns noch so un­glaub­lich ent­fernt, ist für die Mars­be­woh­ner eine Ta­ges­fra­ge ge­wor­den. Der un­mit­tel­ba­re Druck der Not hat ih­ren Ver­stand ge­schärft, ihre Kräf­te er­höht, ihre Her­zen ver­här­tet. Und in­dem sie den Wel­traum über­blick­ten, sa­hen sie, aus­ge­rüs­tet mit Werk­zeu­gen und Geis­tes­ga­ben, die wir uns kaum träu­men lie­ßen, in nächs­ter Ent­fer­nung, nur 35.000.000 Mei­len son­nen­wärts, einen Mor­gens­tern der Hoff­nung, un­se­ren ei­ge­nen wär­me­ren Pla­ne­ten, grün mit sei­ner Ve­ge­ta­ti­on, grau mit sei­nem Was­ser, mit ei­ner wol­ki­gen At­mo­sphä­re, die von Frucht­bar­keit be­rich­tet, einen Stern, der durch sei­ne trei­ben­den Wol­ken­ge­bil­de sie Bli­cke tun lässt auf brei­te Stre­cken be­völ­ker­ten Lan­des und schma­le flot­ten­er­füll­ter Seen.

Und wir Men­schen, die die­sen Stern be­woh­nen, müs­sen wir je­nen nicht zum Min­des­ten so fremd­ar­tig und nied­rig er­schei­nen, wie uns Af­fen und Le­mu­ren? Der in­tel­lek­tu­el­le Teil der Mensch­heit gibt be­reits zu, dass das Le­ben ein un­auf­hör­li­cher Kampf ums Da­sein ist. Und es scheint, dass die­ser Glau­be auch von den Mars­be­woh­nern ge­teilt wird. Auf ih­rem Stern ist die Ab­küh­lung schon weit vor­ge­schrit­ten! Die­se Welt ist noch voll blü­hen­den Le­bens, aber be­völ­kert von ei­ner Men­ge, die jene als min­der­wer­ti­ge Le­be­we­sen be­trach­ten. In Wahr­heit, den Krieg son­nen­wärts zu tra­gen, ist ihre ein­zi­ge Ret­tung vor der Ver­nich­tung, die von Ge­schlecht zu Ge­schlecht im­mer nä­her an sie her­an­schleicht.

Und be­vor wir sie zu hart be­ur­tei­len, müs­sen wir uns er­in­nern, mit wel­cher scho­nungs­lo­sen und grau­sa­men Ver­nich­tung un­se­re ei­ge­ne Gat­tung nicht nur ge­gen Tie­re, wie den ver­schwun­de­nen Bi­son und den Walg­vo­gel, son­dern ge­gen un­se­re ei­ge­nen in­fe­rio­ren Ras­sen ge­wü­tet hat. Die Tas­ma­nier wur­den trotz ih­rer Men­schen­ähn­lich­keit, in ei­nem von eu­ro­päi­schen Ein­wan­de­rern ge­führ­ten Ver­nich­tungs­krie­ge bin­nen fünf­zig Jah­ren völ­lig aus­ge­rot­tet. Sind wir sol­che Apos­tel der Gna­de, dass wir uns be­kla­gen dür­fen, wenn die Mars­leu­te in dem­sel­ben Geist uns be­krie­gen?

Die Mars­leu­te schei­nen ih­ren Ab­sturz mit er­staun­li­cher Ge­nau­ig­keit be­rech­net zu ha­ben — ihre ma­the­ma­ti­schen Kennt­nis­se sind den uns­ri­gen of­fen­bar weit über­le­gen — und ihre Vor­be­rei­tun­gen tra­fen sie mit fast voll­kom­me­ner Ein­mü­tig­keit. Hät­ten un­se­re In­stru­men­te es er­laubt, so hät­ten wir die dro­hen­de Ge­fahr weit zu­rück im XIX. Jahr­hun­dert se­hen kön­nen. Män­ner wie Schia­pa­rel­li4 be­ob­ach­te­ten den Ro­ten Pla­ne­ten — bei­läu­fig be­merkt, ist es nicht selt­sam, dass seit un­ge­zähl­ten Jahr­hun­der­ten Mars der Stern des Krie­ges ge­we­sen ist? — aber sie wa­ren au­ßer­stan­de, die schwan­ken­den Er­schei­nun­gen zu er­klä­ren, die sie auf ih­ren Kar­ten so ge­nau ver­zeich­ne­ten. Wäh­rend die­ser gan­zen Zeit muss­ten die Mars­leu­te sich vor­be­rei­tet ha­ben.

Im Ver­lau­fe der Op­po­si­ti­on von 1894 wur­de auf dem er­hell­ten Teil der Schei­be ein großes Licht wahr­ge­nom­men, zu­erst im Lick-Ob­ser­va­to­ri­um,5 dann von Per­ro­tin6 in Niz­za, spä­ter auch von an­de­ren Beo­b­ach­tern. Eng­li­sche Le­ser hör­ten zu­erst da­von in ei­ner Num­mer der »Na­ture« vom 2. Au­gust. Ich bin der An­sicht, dass die Er­schei­nung der Re­flex des in ei­ner un­ge­heu­ren Ver­tie­fung ih­res Pla­ne­ten an­ge­brach­ten Ge­schüt­zes war, aus dem ihre Ge­schos­se auf uns ge­feu­ert wur­den. Son­der­ba­re noch un­auf­ge­klär­te Zei­chen wur­den in der Nähe je­nes Aus­bruchs wäh­rend der nächs­ten zwei Op­po­si­tio­nen be­ob­ach­tet.

Der Sturm brach vor sechs Jah­ren über uns los. Als der Mars sich der Op­po­si­ti­on nä­her­te, setz­te La­vel­le in Java die Dräh­te der astro­no­mi­schen Mit­tei­lungs­sta­ti­on in Be­we­gung, um in äu­ßers­ter Er­re­gung die ver­blüf­fen­de Nach­richt von ei­nem un­ge­heu­ren Aus­bruch weiß­glü­hen­den Ga­ses auf dem Pla­ne­ten zu über­mit­teln. Das hat­te am 12. ge­gen Mit­ter­nacht statt­ge­fun­den. Das Spek­tro­skop, zu dem er sich so­fort be­gab, zeig­te eine Mas­se flam­men­den Ga­ses an, haupt­säch­lich Was­ser­stoff, das sich mit enor­mer Schnel­lig­keit ge­gen die Erde zu be­weg­te. Die­ser Feu­er­strahl war un­ge­fähr ein Vier­tel nach zwölf un­sicht­bar ge­wor­den. Er ver­glich ihn mit ei­nem un­ge­heue­ren flam­men­den Ge­blä­se, das plötz­lich und ge­walt­sam aus dem Pla­ne­ten her­vor­schoss »wie flam­men­des Gas aus ei­ner Ka­no­ne«.

Das er­wies sich als ein sel­ten zu­tref­fen­der Aus­druck. Doch am nächs­ten Tage las man kein Wort da­von in den Zei­tun­gen, nur eine klei­ne No­tiz im »Dai­ly Te­le­graph«. Die Welt ver­harr­te in Un­ge­wiss­heit über eine der größ­ten Ge­fah­ren, die je­mals das mensch­li­che Ge­schlecht be­droht hat­ten. Ich hät­te über die Erup­ti­on über­haupt nichts ge­hört, wäre mir nicht der be­kann­te Astro­nom Ogil­vy in Ot­ters­haw be­geg­net. Er war von der Nach­richt über­aus be­wegt und im Über­maß sei­ner Ge­füh­le lud er mich ein, jene Nacht mit ihm zu­sam­men eine Prü­fung des Ro­ten Pla­ne­ten vor­zu­neh­men.

Trotz al­lem, was ich seit­her er­lebt habe, er­in­ne­re ich mich noch sehr ge­nau je­ner Nacht­wa­che: Das schwar­ze, stil­le Ob­ser­va­to­ri­um, die be­schat­te­te La­ter­ne, die einen schwa­chen Schim­mer auf den Bo­den in der Ecke warf, das un­aus­ge­setz­te Ti­cken des Uhr­werks am Te­le­skop, den klei­nen Spalt im Da­che — eine recht­e­cki­ge Ver­tie­fung, über die der Dunst der Ster­ne strich. Ogil­vy schritt auf und nie­der, un­ge­se­hen aber hör­bar. Blick­te man durch das Te­le­skop, dann ge­wahr­te man einen tief­blau­en Kreis und den klei­nen run­den Pla­ne­ten, wie er am Him­mel da­hin­schwamm.

Dicht ne­ben ihm im Ge­sichts­feld, er­in­ne­re ich mich, wa­ren drei klei­ne Licht­punk­te, drei te­le­sko­pi­sche Ster­ne, un­end­lich fern, und um sie her­um brü­te­te die un­er­gründ­li­che Fins­ter­nis des lee­ren Wel­traums. Man weiß, wie die Dun­kel­heit bei ei­ner fros­ti­gen stern­hel­len Nacht aus­sieht. Durch das Te­le­skop be­trach­tet scheint sie noch weit tiefer. Und un­sicht­bar für mich, weil es so fern und klein war, über je­nem un­glaub­li­chen Raum schnell und ste­tig auf mich zu flie­gend, jede Mi­nu­te umso vie­le tau­sen­de von Mei­len nä­her­kom­mend — saus­te je­nes Ding, das sie uns schick­ten, das Ding, das so viel Kampf und Un­heil und Tod über un­se­re Erde brin­gen soll­te. Als ich so späh­te, träum­te ich nicht ein­mal da­von; kein Mensch auf Er­den träum­te da­mals von je­nem un­fehl­ba­ren Ge­schoss.

In die­ser Nacht aber er­folg­te ein zwei­ter Aus­bruch von Gas auf dem fer­nen Pla­ne­ten. Ich sah ihn. Ein röt­li­cher Blitz an der Kan­te, die Um­ris­se nur sehr schwach kennt­lich, ge­ra­de, als das Chro­no­me­ter Mit­ter­nacht schlug. Ich mel­de­te es Ogil­vy, und er nahm mei­nen Platz ein. Die Nacht war wär­mer ge­wor­den und ich durs­tig. Mit un­ge­schickt aus­ge­streck­ten Bei­nen, mei­nen Weg in der Dun­kel­heit tas­tend ging ich zu dem klei­nen Tisch, auf dem die Si­phon­fla­sche stand. Ogil­vy ge­riet un­ter­des­sen über die Gas­aus­strö­mun­gen, die auf uns zu­ka­men, in un­ge­heu­re Er­re­gung.

In die­ser Nacht nahm ein zwei­tes un­sicht­ba­res Ge­schoss sei­nen Weg vom Mars aus ge­gen die Erde, ge­nau eine oder zwei Se­kun­den we­ni­ger als vier­und­zwan­zig Stun­den nach dem ers­ten. Ich er­in­ne­re mich, wie ich dort an dem Ti­sche saß; grü­ne und rote Krei­se flim­mer­ten vor mei­nen Au­gen. Ich är­ger­te mich, dass ich kei­ne Streich­hölz­chen hat­te, um rau­chen zu kön­nen. Ich dach­te we­nig über die Be­deu­tung des win­zi­gen Lich­tes nach, das ich ge­se­hen hat­te, und we­nig ver­mu­te­te ich, was es mir so bald brin­gen soll­te. Ogil­vy blieb bis ein Uhr auf der War­te, dann gab er es auf. Wir zün­de­ten die La­ter­ne an und gin­gen zu sei­nem Haus hin­über. Un­ten la­gen Ot­ters­haw und Chert­sey in der Dun­kel­heit, mit al­len ih­ren Hun­der­ten in Frie­den schlum­mern­den Men­schen.

Ogil­vy war jene Nacht er­füllt von Mut­ma­ßun­gen über die Be­schaf­fen­heit des Mars und mach­te sich über die land­läu­fi­ge An­sicht lus­tig, dass er Ein­woh­ner habe, die uns Zei­chen ge­ben. Sei­ne An­sich­ten fass­te er da­hin zu­sam­men, dass ein hef­ti­ger Me­teo­ri­ten­schau­er über dem Pla­ne­ten nie­der­ge­he, oder dass ein un­ge­heu­rer vul­ka­ni­scher Aus­bruch im Zuge sei. Er mach­te mich auch dar­auf auf­merk­sam, wie un­wahr­schein­lich es sei, dass auf zwei be­nach­bar­ten Pla­ne­ten die or­ga­ni­sche Ent­wick­lung sich in der­sel­ben Rich­tung be­wegt habe.

»Die Chan­cen ge­gen ir­gen­det­was Men­schen­ähn­li­ches auf dem Mars sind eine Mil­li­on zu eins«, sag­te er.

Hun­der­te von Beo­b­ach­tern sa­hen die Flam­me in je­ner Nacht, und in der Nacht dar­auf, um Mit­ter­nacht, und wie­der in der Nacht dar­auf, und so fort zehn Näch­te, eine Flam­me jede Nacht. Wa­rum die Schüs­se nach der zehn­ten Nacht auf­hör­ten, hat nie­mand auf Er­den zu er­klä­ren ver­sucht. Mag sein, dass die Gase, die sich beim Ab­feu­ern bil­de­ten, den Mars­leu­ten Un­ge­le­gen­hei­ten ver­ur­sach­ten. Dich­te Wol­ken von Rauch oder Dunst, durch ein mäch­ti­ges Te­le­skop für die Erde als klei­ne graue fluk­tu­ie­ren­de Fle­cken sicht­bar, brei­te­ten sich durch die Klar­heit der At­mo­sphä­re des Pla­ne­ten aus, und ver­dun­kel­ten sei­ne be­kann­te­ren Li­ni­en.

Selbst die Ta­ges­zei­tun­gen nah­men schließ­lich von die­sen Stö­run­gen No­tiz. Po­pu­lä­re Auf­sät­ze, die sich mit den Vul­ka­nen des Mars be­schäf­tig­ten, tauch­ten hie und da auf und wur­den über­all nach­ge­druckt. Ich er­in­ne­re mich, wie die halb­ko­mi­sche Zeit­schrift »Punch« in ei­ner po­li­ti­schen Zeich­nung einen glück­li­chen Ge­brauch von ih­nen mach­te. Und, al­len un­merk­lich, zo­gen jene Ge­schos­se, wel­che die Mars­leu­te auf uns ab­feu­er­ten, erd­wärts, und saus­ten jetzt mit ei­ner Schnel­lig­keit von vie­len Mei­len durch den lee­ren Wel­traum, Stun­de um Stun­de und Tag für Tag, nä­her und nä­her. Es scheint mir heu­te fast un­glaub­lich selt­sam, dass die Leu­te, wäh­rend die­ses rei­ßen­de Schick­sal über ih­nen hing, ih­ren win­zi­gen Ge­schäf­ten nach­ge­hen konn­ten, wie sie es da­mals ta­ten. Ich ent­sin­ne mich noch, wie Mark­ham ju­bel­te, als er sich für das il­lus­trier­te Blatt, das er in je­nen Ta­gen her­aus­gab, eine neue Fo­to­gra­fie des Pla­ne­ten ge­si­chert hat­te. Men­schen von heut­zu­ta­ge kön­nen sich kaum das Über­maß und die Un­ter­neh­mungs­lust vor­stel­len, die im Zei­tungs­we­sen des XIX. Jahr­hun­derts herrsch­te. Was mich be­traf, so war ich da­mals sehr da­mit be­schäf­tigt, Rad­fah­ren zu ler­nen; über­dies war ich für eine An­zahl Zeit­schrif­ten tä­tig, in de­nen ich Un­ter­su­chun­gen über die wahr­schein­li­chen Ent­wick­lungs­for­men mo­ra­li­scher Ide­en bei fort­schrei­ten­der Zi­vi­li­sa­ti­on ver­öf­fent­lich­te.

Ei­nes Nachts (das ers­te Ge­schoss kann da­mals kaum 10.000.000 Mei­len ent­fernt ge­we­sen sein) mach­te ich mit mei­ner Frau einen Spa­zier­gang. Es war ster­nen­hell und ich er­klär­te ihr die Zei­chen des Tier­krei­ses; ich zeig­te ihr den Mars, einen klei­nen Licht­punkt, der sich him­mel­wärts be­weg­te, und auf den so vie­le Te­le­sko­pe ge­rich­tet wa­ren.

Es war eine war­me Nacht. Auf un­se­rem Heim­weg zog eine Ge­sell­schaft Aus­flüg­ler aus Chert­sey oder Is­le­worth sin­gend und mu­si­zie­rend an uns vor­über. Aus den Fens­tern der obe­ren Stock­wer­ke der Häu­ser schim­mer­ten Lich­ter und die Leu­te gin­gen zu Bett. Vom Bahn­hof in der Fer­ne schol­len Töne sich ver­schie­ben­der Züge her­über, ein Klir­ren und Pol­tern von der Ent­fer­nung fast zur Me­lo­die ge­sänf­tigt. Mei­ne Frau mach­te mich auf den Glanz der ro­ten, grü­nen und gel­ben Si­gnal­lich­ter auf­merk­sam, die wie in ei­nem Netz­werk ge­gen den Ho­ri­zont hin­gen. So si­cher schi­en al­les, so ru­hig.

Als In­fu­so­ri­en (la­tei­nisch In­fu­so­ria), In­fu­si­ons­tier­chen oder Auf­guss­tier­chen be­zeich­net man klei­ne, sich z.B. im Auf­guss von pflanz­li­chem Ma­te­ri­al ent­wi­ckeln­de Tier­chen (z.B. Fla­gel­la­ten, Wim­per­tier­chen, Amö­ben).  <<<

Ge­meint sind eng­li­sche Mei­len, de­ren eine 1,61 km gleich­kommt.  <<<

Theo­rie des 18. Jahr­hun­derts zur Ent­ste­hung des Son­nen­sys­tems aus ei­nem Son­nen­ne­bel.  <<<

Gio­van­ni Vir­gi­nio Schia­pa­rel­li (1835-1910 in Mai­land) war ein ita­lie­ni­scher Astro­nom. Nach ihm wur­de ein Mars-Lan­der der Eu­ro­päi­schen Wel­trau­m­or­ga­ni­sa­ti­on (ESA) be­nannt, der 2016 al­ler­dings bei der Lan­dung auf dem Mars zer­schell­te.  <<<

Das Lick-Ob­ser­va­to­ri­um ist ein astro­no­mi­sches Ob­ser­va­to­ri­um, das von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia be­trie­ben wird. Es be­fin­det sich in ei­ner Höhe von 1300 Me­tern auf dem Gip­fel des Mount Ha­mil­ton, nahe der Stadt San Jose, Ka­li­for­ni­en.  <<<

Hen­ri Jo­seph Ana­sta­se Per­ro­tin (19.12.1845–29.02.1904) war ein fran­zö­si­scher Astro­nom.  <<<

II. Der fallende Stern

Dann kam die Nacht des ers­ten fal­len­den Sterns. Er war früh am Mor­gen ge­se­hen wor­den, wie er über Win­che­s­ter hin ost­wärts schoss, eine Flam­men­li­nie, hoch in der At­mo­sphä­re. Hun­der­te müs­sen ihn ge­se­hen und für eine ge­wöhn­li­che Stern­schnup­pe ge­hal­ten ha­ben. Al­bin be­schrieb ihn und er­wähn­te, wie er einen grün­li­chen Strich hin­ter sich ließ, der ei­ni­ge Se­kun­den noch glüh­te. Den­ning, un­se­re größ­te Au­to­ri­tät für Me­teo­ri­ten, stell­te fest, dass die Höhe sei­ner ers­ten Er­schei­nung un­ge­fähr 90 oder 100 Mei­len be­trug. Er glaub­te, dass er un­ge­fähr 100 Mei­len öst­lich von ihm zur Erde ge­fal­len sei.

Ich be­fand mich da­mals ge­ra­de zu Hau­se, und schrieb in mei­nem Stu­dier­zim­mer. Und ob­wohl mei­ne Flü­gel­fens­ter ge­gen Ot­ters­haw blick­ten und die Vor­hän­ge auf­ge­zo­gen wa­ren (in je­nen Ta­gen lieb­te ich es, den nächt­li­chen Him­mel zu be­trach­ten), sah ich doch nichts da­von. Und doch muss die­ses selt­sams­te al­ler Din­ge, das je aus frem­den Sphä­ren auf die Erde fiel, ge­ra­de nie­der­ge­gan­gen sein, wäh­rend ich dort saß. Und hät­te ich auf­ge­blickt, wäh­rend es vor­beiflog, hät­te es mir nicht ent­ge­hen kön­nen. Man­che von den Leu­ten, die es sa­hen, be­haup­ten, dass sein Flug von ei­nem zi­schen­den Geräusch be­glei­tet war. Ich selbst ver­nahm nichts. Vie­le Leu­te in Berks­hi­re, Sur­rey und Midd­le­sex müs­sen es fal­len ge­se­hen ha­ben, dach­ten aber höchs­tens, dass wie­der ein Me­teo­rit ge­fal­len sei. Nie­mand scheint sich in je­ner Nacht die Mühe ge­nom­men zu ha­ben, nach der ge­fal­le­nen Mas­se zu su­chen.

Sehr früh am Mor­gen des nächs­ten Ta­ges er­hob sich der arme Ogil­vy, der die Stern­schnup­pe ge­se­hen hat­te. Er war über­zeugt, dass ir­gend­wo auf der Ge­mein­de­wei­de zwi­schen Hor­sell, Ot­ters­haw und Wo­king ein Me­teo­rit lie­gen muss­te, und ging fort in der Ab­sicht, ihn zu su­chen. Wirk­lich fand er ihn, bald nach der Däm­me­rung, und nicht weit von den Sand­gru­ben. Durch den Ein­bruch des Pro­jek­tils war eine un­ge­heu­re Höh­lung ent­stan­den. Sand und Kie­sel wa­ren mit großer Wucht in je­der Rich­tung der Hei­de zer­sto­ben und hat­ten Hau­fen ge­bil­det, die an­dert­halb Mei­len weit sicht­bar wa­ren. Öst­lich stand das Hei­de­kraut in Feu­er, und ein dün­ner, blau­er Rauch stieg in der Däm­me­rung auf.

Das Ding selbst lag fast ganz in Sand be­gra­ben, zwi­schen den ver­streu­ten Sp­lit­tern eine Kie­fer, die es im Nie­der­sau­sen zer­schmet­tert hat­te. Der frei­lie­gen­de Teil hat­te das Aus­se­hen ei­nes rie­si­gen Zy­lin­ders, der voll­stän­dig von ei­ner di­cken, schup­pi­gen, dun­kel­brau­nen Krus­te be­deckt war, die sei­ne Li­ni­en ver­wisch­te. Er hat­te einen Durch­mes­ser von un­ge­fähr drei­ßig Yard.1 Ogil­vy trat an die Mas­se her­an, aufs Höchs­te über­rascht von ih­rer Grö­ße und mehr noch von ih­rer Ge­stal­tung, da die meis­ten Me­teo­ri­ten mehr oder we­ni­ger ab­ge­run­det sind. Von sei­nem Flu­ge durch die Luft war der Kör­per aber noch so heiß, dass es ihm un­mög­lich war, nä­her her­an­zu­kom­men. Ein sur­ren­des Geräusch im In­nern des Zy­lin­ders schrieb er der un­gleich­mä­ßi­gen Ab­küh­lung sei­ner Ober­flä­che zu; denn es war ihm da­mals noch nicht der Ge­dan­ke ge­kom­men, dass der Zy­lin­der hohl sein kön­ne.

Er blieb am Ran­de der Höh­le ste­hen, die der Kör­per sich selbst ge­gra­ben hat­te, und starr­te die selt­sa­me Er­schei­nung an, vor al­lem ver­blüfft über das Un­ge­wöhn­li­che der Ge­stalt und Far­be. Der Ge­dan­ke an et­was wie eine Ab­sicht in sei­nem Er­schei­nen däm­mer­te schon da­mals lei­se in ihm auf. Der frü­he Mor­gen war wun­der­bar still, und die Son­ne, die ge­ra­de auf die Fich­ten ge­gen Wey­bridge zu schi­en, war schon warm. Er er­in­ner­te sich nicht, an je­nem Mor­gen Vö­gel ge­hört zu ha­ben, kein Lüft­chen reg­te sich. Der ein­zi­ge Laut wa­ren die schwa­chen Be­we­gun­gen aus dem In­nern des glim­men­den Zy­lin­ders.

Ganz al­lein war er auf der Hei­de. Da be­merk­te er, un­will­kür­lich zu­rück­schre­ckend, plötz­lich, wie ein Stück der grau­en Schla­cke, der aschen­ar­ti­gen Krus­te, die den Me­teo­rit be­deck­te, sich von der kreis­run­den Kan­te des En­des los­lös­te. Sie fiel in Flo­cken ab und er­goss sich auf den Sand. Ein großes Stück sprang so plötz­lich ab und fiel mit ei­nem so schar­fen Klang zur Erde, dass sein Herz fast still­stand.

Eine Mi­nu­te lang konn­te er es kaum fas­sen, was das zu be­deu­ten hat­te. Und ob­wohl die Hit­ze über­mä­ßig groß war, klet­ter­te er in die Höh­le hin­ab dicht an den Klum­pen her­an, um ihn nä­her zu be­trach­ten. Selbst dann noch glaub­te er, dass die­se Ab­schä­lung sich durch die Ab­küh­lung des Kör­pers er­klä­ren las­se. Was aber mit die­ser An­nah­me sich nicht ver­ei­nen ließ, war die Tat­sa­che, dass die Asche nur von dem Ende des Zy­lin­ders ab­fiel.

Da be­merk­te er, dass der kreis­för­mi­ge Schluss­teil des Zy­lin­ders sich sehr lang­sam um sei­ne Ach­se dreh­te. Es war eine so all­mäh­li­che Be­we­gung, dass er sie nur dar­an er­kann­te, dass ein schwar­zer Strich, der noch vor fünf Mi­nu­ten in sei­ner Nähe sicht­bar war, jetzt auf der an­de­ren Sei­te der Schei­be sich fand. Selbst jetzt ver­stand er kaum, was das zu be­deu­ten hat­te, als er einen ge­dämpf­ten krat­zen­den Laut hör­te und zu­gleich sah, wie der schwar­ze Strich sich um etwa einen Zoll vor­wärts be­weg­te. Da kam es über ihn wie ein Blitz. Der Zy­lin­der war künst­lich — hohl — mit ei­nem Ende, das sich ab­schraub­te! Et­was im In­nern des Zy­lin­ders schraub­te den Schluss­teil ab!

»Gro­ßer Gott!«, rief Ogil­vy, »da ist ein Mensch drin­nen — Men­schen sind drin­nen! Halb zu Tode ge­rös­tet! Die zu ent­rin­nen su­chen!«

Und auf ein­mal, mit ei­nem ra­schen Ge­dan­ken­sprung, ver­band er die Er­schei­nung mit dem Licht­blitz auf dem Mars. Der Ge­dan­ke an das ein­ge­schlos­se­ne Ge­schöpf war ihm so furcht­bar, dass er die Hit­ze ver­gaß und an den Zy­lin­der her­ab­stürz­te, um die Dre­hung zu be­schleu­ni­gen. Zum Glück aber hielt ihn die lang­sa­me Auss­trah­lung zu­rück, sich an dem noch glü­hen­den Me­tall die Hän­de zu ver­bren­nen. Ei­nen Au­gen­blick stand er un­schlüs­sig da, dann wand­te er sich um, klet­ter­te aus der Höh­le her­aus, und lief Hals über Kopf nach Wo­king. Es moch­te da­mals etwa sechs Uhr ge­we­sen sein. Er be­geg­ne­te ei­nem Fuhr­mann und ver­such­te, ihm sein Er­leb­nis be­greif­lich zu ma­chen. Aber was er be­rich­te­te, dazu sein Auf­zug, das war al­les so wüst — sei­nen Hut hat­te er in der Höh­le ver­lo­ren — dass der Mann ein­fach wei­ter­fuhr. Ganz den­sel­ben Mis­ser­folg hat­te er bei ei­nem Wirt in der Nähe der Hor­sell-Brücke, der eben die Türe sei­ner Schen­ke auf­schloss. Der Mann hielt ihn für einen ent­sprun­ge­nen Irr­sin­ni­gen und mach­te einen er­folg­lo­sen Ver­such, ihn in der Schank­stu­be ein­zu­schlie­ßen. Das er­nüch­ter­te ihn ein we­nig, und als er Hen­der­son, den Lon­do­ner Jour­na­lis­ten, in sei­nem Gar­ten sah, rief er ihn an den Gar­ten­zaun her­an und ver­such­te nun, sich ver­ständ­lich zu ma­chen.

»Hen­der­son«, rief er, »Sie ha­ben wohl die Stern­schnup­pe vo­ri­ge Nacht ge­se­hen?«

»Nun?«, sag­te Hen­der­son.

»Sie liegt jetzt drau­ßen aus der Hor­sell-Wei­de.«

»Don­ner­wet­ter!«, rief Hen­der­son, »ein ge­fal­le­ner Me­teor­stein! Nicht übel!«

»Aber es ist et­was mehr als ein Me­teor­stein. Es ist ein Zy­lin­der – ein künst­li­cher Zy­lin­der, Mann! Und es ist et­was drin­nen im Zy­lin­der.«

Hen­der­son, den Spa­ten in der Hand, neig­te sich et­was vor.

»Was sa­gen Sie da?«, frag­te er. Er ist auf ei­nem Ohr taub.

Ogil­vy teil­te ihm nun al­les, was er ge­se­hen hat­te, mit. Hen­der­son be­durf­te etwa ei­ner Mi­nu­te, um es zu er­fas­sen. Dann ließ er sei­nen Spa­ten fal­len, griff nach sei­nem Rock und kam auf die Stra­ße hin­aus. Bei­de eil­ten nun so­fort auf die Wei­de zu­rück und fan­den den Zy­lin­der noch in der­sel­ben Lage. Das Geräusch in sei­nem In­nern aber hat­te auf­ge­hört, und ein schma­ler Reif glän­zen­den Me­talls zeig­te sich zwi­schen dem Schluss­teil und dem Kör­per des Zy­lin­ders. An die­ser Stel­le drang die Luft mit ei­nem schwa­chen zi­schen­den Laut ent­we­der hin­ein oder her­aus.

Die Män­ner lausch­ten, dann schlu­gen sie mit dem Stock auf den Schup­pen­pan­zer. Da kei­ne Ant­wort kam, schlos­sen sie bei­de, dass der Mensch oder die Leu­te im In­nern be­wusst­los oder tot sei­en.

Bei­de wa­ren na­tür­lich au­ßer­stan­de, et­was zu tun. Sie schri­en den Ein­ge­schlos­se­nen ei­ni­ge trös­ten­de Wor­te und Ver­spre­chun­gen zu und kehr­ten zur Stadt zu­rück, um Hil­fe zu ho­len. Es lässt sich den­ken, wie sie aus­sa­hen, be­deckt mit Staub, ver­stört und un­or­dent­lich, wie sie im hel­len Son­nen­licht die klei­ne Stra­ße ent­lang eil­ten, ge­ra­de als die La­den­be­sit­zer ihre Tü­ren auf­schlos­sen, und die Leu­te ihre Schlaf­zim­mer­fens­ter öff­ne­ten. Hen­der­son eil­te so­fort ins Sta­ti­ons­ge­bäu­de, um die Nach­richt nach Lon­don zu te­le­gra­fie­ren. Die Zei­tungs­ar­ti­kel hat­ten die Leu­te schon vor­be­rei­tet und sie für die­se Nach­richt emp­fäng­lich ge­macht.

Um acht Uhr war schon eine An­zahl Kna­ben und un­be­schäf­tig­ter Leu­te nach der Wei­de auf­ge­bro­chen, um »die to­ten Män­ner des Mars« zu be­sich­ti­gen. Das war die Form, in der die Nach­richt sich ver­brei­te­te. Ich hör­te zu­erst da­von durch mei­nen Zei­tungs­jun­gen, als ich aus­ging, um mir mei­nen »Dai­ly Chro­nic­le« zu ho­len. Ich war na­tür­lich aufs Äu­ßers­te über­rascht und ver­lor kei­nen Au­gen­blick, fort­zu­ei­len, um mich über die Brücke von Ot­ters­haw nach dem Sand­hü­gel zu be­ge­ben.

1 engl. Yard -- 91 Zen­ti­me­ter.  <<<

III. Auf der Horsell-Weide

Ich fand eine klei­ne An­samm­lung von etwa zwan­zig Per­so­nen, die sich um die Höh­le schar­ten, in der der Zy­lin­der lag. Die Ge­stalt des un­ge­heu­ren in der Erde ge­bet­te­ten Kör­pers habe ich be­reits be­schrie­ben. Die auf­ge­wor­fe­ne Erde und die Sand­mas­sen schie­nen wie durch einen Zünd­schlag an­ge­häuft zu sein. Ohne Zwei­fel hat­te das Ein­schla­gen des Kör­pers eine Flam­men­bil­dung ver­ur­sacht. Hen­der­son und Ogil­vy wa­ren nicht dort. Ich ver­mu­te, dass sie nicht wuss­ten, was sie für den Au­gen­blick be­gin­nen soll­ten, und dass sie sich zu Hen­der­son be­ga­ben, um zu früh­stücken.

Vier oder fünf Kna­ben hat­ten sich an den Rand der Höh­le ge­setzt, schlen­ker­ten mit den Bei­nen und un­ter­hiel­ten sich da­mit, den rie­si­gen Bau mit Stei­nen zu be­wer­fen, bis ich ih­nen das Hand­werk leg­te. Nach­dem ich mit ih­nen dar­über ge­spro­chen hat­te, be­gan­nen sie um die Grup­pe der Um­ste­hen­den her­um ein Fang­spiel.

Un­ter den Leu­ten be­merk­te ich zwei Rad­fah­rer, einen Gar­ten­ar­bei­ter, den ich zu­wei­len be­schäf­tig­te, den Flei­scher Gregg und sei­nen klei­nen Sohn, ein Mäd­chen, das ein Kind trug, und zwei oder drei Mü­ßig­gän­ger und Ecken­ste­her, die ge­wöhn­lich in der Nähe des Bahn­hofs um­her­lun­ger­ten. Es wur­de sehr we­nig ge­spro­chen. In den nie­de­ren Stän­den Eng­lands hat­ten nur we­ni­ge Men­schen in je­nen Ta­gen mehr als sehr schwa­che astro­no­mi­sche Vor­stel­lun­gen. Die Meis­ten starr­ten nur schwei­gend das große tischar­ti­ge Ende des Zy­lin­ders an, das noch ge­nau so war, wie es Hen­der­son und Ogil­vy ver­las­sen hat­ten. Ich glau­be, dass die all­ge­mei­ne Er­war­tung der Leu­te, einen Hau­fen ver­kohl­ter Lei­chen zu fin­den, beim An­blick die­ser un­be­leb­ten Mas­se et­was ent­täuscht wur­de. Ei­ni­ge Per­so­nen gin­gen fort, wäh­rend ich dort war. An­de­re ka­men. Ich klet­ter­te in die Gru­be und es war mir, als hör­te ich un­ter mei­nen Fü­ßen eine schwa­che Be­we­gung. Der Ver­schluss hat­te of­fen­bar auf­ge­hört sich zu dre­hen.

Erst als ich ganz nahe an den Kör­per her­an­ge­tre­ten war, sprang mir die Fremd­ar­tig­keit sei­ner Er­schei­nung in die Au­gen. Auf den ers­ten Blick hat­te er wirk­lich nichts Auf­fal­len­de­res an sich, als ein um­ge­wor­fe­ner Wa­gen oder ein ge­fäll­ter Baum, der den Weg ver­sperrt. Al­ler­dings nicht ganz so. Mehr als ir­gen­det­was an­de­rem glich er ei­nem ros­ti­gen halb­ver­gra­be­nen Gas­rohr. Es be­durf­te ei­ner ge­wis­sen Sum­me wis­sen­schaft­li­cher Bil­dung, um zu be­mer­ken, dass die graue Krus­te auf dem Kör­per kein ge­wöhn­li­ches Oxid war, dass das gelb­lich-wei­ße Me­tall, das auf der Spal­te zwi­schen dem De­ckel und dem Zy­lin­der glänz­te, einen fremd­ar­ti­gen Far­ben­ton be­saß. Der Be­griff »Au­ßer­ir­disch« hat­te für die meis­ten Zuschau­er kei­ne Be­deu­tung.

Da­mals war ich schon fest da­von über­zeugt, dass der Ge­gen­stand vom Pla­ne­ten Mars ge­kom­men war. Aber ich hielt es für un­wahr­schein­lich, dass er le­ben­de We­sen ent­hal­ten wür­de. Ich ver­mu­te­te in der Schrau­ben­be­we­gung eine au­to­ma­ti­sche Tä­tig­keit. Trotz Ogil­vys An­sicht hielt ich an dem Glau­ben fest, dass es Le­be­we­sen auf dem Mars gebe. Von fan­tas­ti­schen Vor­stel­lun­gen er­füllt, be­schäf­tig­te ich mich mit der Mög­lich­keit, dass der Kör­per Hand­schrif­ten ent­hal­ten kön­ne, mal­te ich mir die Schwie­rig­kei­ten aus, die sich bei ih­rer Über­set­zung er­ge­ben wür­de, ob wir Mün­zen und Mo­del­le in ihm fin­den soll­ten, und so fort. Aber das Ding war doch ein we­nig zu groß, um mir die Rich­tig­keit mei­ner Vor­stel­lun­gen zu ver­bür­gen. Ich emp­fand eine leb­haf­te Un­ge­duld, es ge­öff­net zu se­hen. Um elf Uhr etwa, als sich nichts wei­ter er­eig­ne­te, kehr­te ich, voll von sol­chen Ge­dan­ken, nach mei­nem Haus in May­bu­ry zu­rück. Aber es fiel mir schwer, mit mei­ner Ar­beit über ab­strak­te For­de­run­gen wei­ter­zu­kom­men.

Am Nach­mit­tag hat­te sich das Aus­se­hen der Wei­de sehr ver­än­dert. Die frü­hen Aus­ga­ben der Abend­blät­ter hat­ten mit rie­si­gen Auf­schrif­ten:

»Eine Bot­schaft vom Mars.«

»Merk­wür­di­ger Be­richt aus Wo­king.«

und so wei­ter, ganz Lon­don auf­ge­schreckt. Dazu noch Ogil­vys Te­le­gram­me an die astro­no­mi­sche Mit­tei­lungs­sta­ti­on, die alle Stern­war­ten in den drei Kö­nig­rei­chen in Auf­re­gung ver­setzt hat­ten.

Ein hal­b­es Dut­zend oder mehr Flies1 vom Bahn­hof Wo­king stan­den auf der Stra­ße bei den Sand­hü­geln, dazu ein Korb­wa­gen2 von Chob­ham und eine ziem­lich vor­nehm aus­se­hen­de Pri­vat­kut­sche. Au­ßer­dem sah man eine Un­zahl von Fahr­rä­dern. Eine große Men­ge von Men­schen muss­te über­dies trotz der Hit­ze je­nes Ta­ges von Wo­king und Chert­sey zu Fuß her­ge­wan­dert sein. Al­les in al­lem eine be­trächt­li­che Men­schen­an­samm­lung — auch ei­ni­ge hell­ge­klei­de­te Da­men.

Es war glü­hend heiß, nicht ein Wölk­chen am Him­mel, kein Lüft­chen weh­te, ei­ni­ge ver­ein­zelt ste­hen­de Fich­ten spen­de­ten den ein­zi­gen Schat­ten. Das bren­nen­de Hei­de­kraut war end­lich er­lo­schen, aber die Ebe­ne ge­gen Ot­ters­haw zu war ge­schwärzt, so­weit das Auge reich­te, und senk­rech­te Rauch­säu­len stie­gen im­mer noch auf. Ein Obst­händ­ler in der Chob­ham Road hat­te sei­nen Sohn mit ei­ner Wa­gen­la­dung grü­ner Äp­fel und Ing­wer­bier her­auf­ge­schickt.

Als ich zum Ran­de der Gru­be kam, fand ich sie von ei­ner Grup­pe von Män­nern, etwa ei­nem hal­b­en Dut­zend, be­setzt — Hen­der­son, Ogil­vy und ei­nem großen blond­haa­ri­gen Mann (wie ich spä­ter hör­te, war es Mr. Stent von der kö­nig­li­chen astro­no­mi­schen Ge­sell­schaft) mit ei­ni­gen Ar­bei­tern, die Spa­ten und Bei­le schwan­gen. Stent gab sei­ne Be­feh­le in ei­ner kla­ren, ho­hen Stim­me. Er stand auf dem Zy­lin­der, der jetzt of­fen­bar viel küh­ler war. Sein Ge­sicht war dun­kel­rot und der Schweiß floss ihm in Strö­men her­ab. Es schi­en ihn et­was ir­ri­tiert zu ha­ben.

Ein großer Teil des Zy­lin­ders war nun bloß­ge­legt, ob­wohl das un­te­re Ende noch ein­ge­bet­tet lag. So­bald Ogil­vy mich un­ter dem gaf­fen­den Hau­fen am Ran­de der Gru­be be­merk­te, rief er mir zu hin­ab­zu­kom­men und frag­te mich, ob ich zum Guts­herrn Lord Hil­ton hin­über­ge­hen wol­le.

Die wach­sen­de Men­schen­men­ge, sag­te er, sei ein ernst­li­ches Hin­der­nis, das sich ih­ren Aus­gra­bun­gen ent­ge­gen­stel­le, be­son­ders die Kna­ben. Es müs­se ein leich­tes Ge­län­der auf­ge­stellt wer­den, um die Leu­te zu­rück­zu­drän­gen. Er er­zähl­te mir, dass im In­nern des Kör­pers ge­le­gent­lich noch eine lei­se Be­we­gung wahr­nehm­bar sei, dass es aber den Ar­bei­tern nicht ge­lun­gen wäre, den Schluss­teil ab­zu­schrau­ben, da er ih­nen kei­ne Hand­ha­be bot. Der Kör­per schi­en un­ge­heu­er dick zu sein, und es war mög­lich, dass die schwa­chen Lau­te, die wir ver­nah­men, von ei­nem lär­men­den Tu­mult im In­nern her­rühr­ten.

Ich war mit Freu­den be­reit, sei­nen Wunsch zu er­fül­len, und da­durch ei­ner der be­vor­zug­ten Zuschau­er in­ner­halb der ge­plan­ten Um­zäu­nung zu wer­den. Lei­der traf ich Lord Hil­ton nicht zu Hau­se an, man teil­te mir aber mit, dass er mit dem Sechs-Uhr­zug aus Lon­don er­war­tet wer­de. Da es da­mals un­ge­fähr ein Vier­tel auf sechs war, ging ich noch nach Hau­se, trank Tee, und ging dann zum Bahn­hof, um ihn un­ter­wegs auf­zu­hal­ten.

klei­ne ein­spän­ni­ge Miet-Eil­wa­gen  <<<

ein­ach­si­ge Kut­sche; Sul­ky  <<<

IV. Das Öffnen des Zylinders

Als ich auf die Wei­de zu­rück­kehr­te, war die Son­ne im Sin­ken. Zer­streu­te Grup­pen Neu­gie­ri­ger eil­ten aus der Rich­tung von Wo­king her­an, und ei­ni­ge Leu­te kehr­ten zu­rück. Die Men­ge um die Gru­be war an­ge­wach­sen und hob sich schwarz von dem Zitro­nen­gelb des Him­mels ab. Es moch­ten etwa zwei­hun­dert Per­so­nen ge­we­sen sein. Ei­ni­ge lau­te Stim­men wa­ren ver­nehm­bar und eine Art Kampf schi­en sich bei der Gru­be ent­s­pon­nen zu ha­ben. Die selt­sams­ten Vor­stel­lun­gen kreuz­ten sich in mei­nem Kopf. Als ich nä­her­kam, hör­te ich Stents Stim­me.

»Zu­rück! Zu­rück!«

Ein Kna­be kam auf mich zu ge­lau­fen.

»Es be­wegt sich!«, rief er mir im Vor­über­ei­len zu — »es dreht sich, und dreht sich auf. Das ge­fällt mir nicht. Da gehe ich lie­ber nach Hau­se!«

Ich kam nä­her zur Men­ge her­an. Es moch­ten in Wirk­lich­keit zwei- bis drei­hun­dert Leu­te ge­we­sen sein, die sich ge­gen­sei­tig puff­ten und stie­ßen. Je­der such­te, sich vor­zu­schie­ben und die an­de­ren zu­rück­zu­drän­gen. Die paar Da­men, die zu­ge­gen wa­ren, blie­ben da­bei nicht am we­nigs­ten zu­rück.

»Er ist in die Gru­be ge­fal­len!«, rief ei­ner.

»Zu­rück!«, schri­en an­de­re.

Der Hau­fe schwank­te ein we­nig, und ich ar­bei­te­te mich mit den Ell­bo­gen durch. Alle schie­nen in höchs­ter Auf­re­gung zu sein. Aus der Gru­be her­aus scholl ein ei­gen­tüm­li­ches sum­men­des Geräusch.

»Ich bit­te Sie!«,rief Ogil­vy, »hel­fen Sie mir, die­se Nar­ren zu­rück­zu­drän­gen. Wir wis­sen ja noch nicht, was in die­sem ver­wünsch­ten Ding steckt!«

Ich sah einen jun­gen Mann (ich glau­be, es war ein Kom­mis aus Wo­king), auf dem Zy­lin­der ste­hen und sich be­mü­hen, wie­der aus der Höh­le her­aus­zu­krie­chen. Die Men­ge hat­te ihn hin­ein­ge­sto­ßen.

Der Schluss­teil des Zy­lin­ders war von in­nen her­aus auf­ge­schraubt wor­den. Schon wa­ren na­he­zu zwei Fuß der glän­zen­den Schrau­be sicht­bar. Je­mand stieß mich un­ver­se­hens von rück­wärts, und ich ent­ging nur mit knap­per Not der Ge­fahr, auf das Schrau­be­nen­de zu stür­zen. Ich wand­te mich um, und in die­sem Au­gen­blick muss die Schrau­be her­aus­ge­kom­men sein. Der De­ckel des Zy­lin­ders schlug in hef­ti­ger Er­schüt­te­rung auf den Kie­sel­bo­den auf. Ich stieß mei­ne Ell­bo­gen ge­gen die mich von hin­ten drän­gen­de Men­ge und wand­te mich neu­er­dings dem Ko­loss zu. Ei­nen Au­gen­blick lang schi­en die kreis­run­de Öff­nung völ­lig schwarz. Der Glanz der sin­ken­den Son­ne blen­de­te mei­ne Au­gen.

Ich glau­be, je­der­mann er­war­te­te, einen Men­schen auf­tau­chen zu se­hen — wahr­schein­lich ein Ge­schöpf, das sich ein we­nig von uns ir­di­schen Men­schen un­ter­schei­den wür­de, aber im We­sent­li­chen doch einen Men­schen. Ich we­nigs­tens er­war­te­te es. Aber als ich ge­nau­er hin­sah, be­merk­te ich plötz­lich, wie sich im Schat­ten et­was rühr­te, grau, in wel­len­för­mi­gen Be­we­gun­gen, ei­nes über dem an­de­ren. Und dann ge­wahr­te ich zwei glü­hen­de Schei­ben wie Au­gen. Dann lös­te sich et­was, das ei­ner klei­nen grau­en Schlan­ge glich, etwa in der Stär­ke ei­nes Spa­zier­stockes, aus der sich win­den­den Mas­se los und schlän­gel­te sich in der Luft ge­gen mich — und dann ein zwei­tes.

Mich durch­frös­tel­te es plötz­lich. Hin­ter mir hör­te ich eine Frau laut krei­schen. Ich dreh­te mich halb um, mei­ne Bli­cke un­ver­wandt auf den Zy­lin­der ge­hef­tet, aus dem im­mer neue Fühl­hör­ner sich her­aus­wan­den. Dann be­gann ich mir mei­nen Weg vom Ran­de der Gru­be zu­rück­zu­bah­nen. Ich sah, wie sich das Er­stau­nen in den Ge­sich­tern der Leu­te in Ent­set­zen ver­wan­del­te. Von al­len Sei­ten hör­te ich wil­de Schreie und Aus­ru­fe. Ein all­ge­mei­nes Zu­rück­drän­gen be­gann. Ich sah, wie der Kom­mis noch im­mer sich ab­müh­te, aus der Gru­be her­aus­zu­kom­men. Ich sah mich al­lein, und be­merk­te, wie die Leu­te auf der an­de­ren Sei­te der Gru­be flüch­te­ten, Mr. Stent un­ter ih­nen. Ich wand­te mei­ne Au­gen wie­der dem Zy­lin­der zu, und ein un­bän­di­ger Schre­cken er­griff mich. Wie ver­stei­nert stand ich da und starr­te.

Ein großer grau­er, ge­drun­ge­ner Kör­per, un­ge­fähr von der Grö­ße ei­nes Bä­ren, er­hob sich lang­sam und schwer­fäl­lig aus dem Zy­lin­der. Als er sich auf­rich­te­te und vom Licht be­schie­nen wur­de, glit­zer­te er wie nas­ses Le­der. Mit sei­nen zwei großen dun­kel­ge­färb­ten Au­gen blick­te das Ge­schöpf mich un­ver­wandt an. Es hat­te un­ter den Au­gen einen Mund, des­sen lip­pen­lo­ser Rand un­aus­ge­setzt zit­ter­te und von Spei­chel troff. Der Rumpf hob und senk­te sich un­ter hef­ti­gem Keu­chen. Ein schlan­kes fühl­horn­ar­ti­ges An­häng­sel hielt den Rand des Zy­lin­ders um­klam­mert, ein an­de­res schlän­gel­te sich in der Luft.

Wer nie einen le­ben­den Mars­be­woh­ner ge­se­hen hat, wird sich die grau­en­vol­le Häss­lich­keit sei­ner Er­schei­nung kaum vor­stel­len kön­nen. Der selt­sa­me V-för­mi­ge Mund mit sei­nem zu­ge­spitz­ten obe­ren Rand, der Man­gel an Au­gen­brau­en, die Ab­we­sen­heit ei­nes Kin­nes un­ter dem keil­för­mi­gen, un­te­ren Mun­d­rand, das un­auf­hör­li­che Zit­tern des Mun­des, die gor­go­nen­ar­ti­ge Grup­pe der Fühl­hör­ner, das ge­räusch­vol­le At­men der Lun­gen in ei­ner ih­nen frem­den At­mo­sphä­re, die au­gen­fäl­li­ge Schwer­fäl­lig­keit und Müh­se­lig­keit der Be­we­gun­gen — ohne Zwei­fel eine Fol­ge der grö­ße­ren An­zie­hungs­kraft der Erde — vor al­lem aber die au­ßer­ge­wöhn­li­che In­ten­si­tät ih­rer un­ge­heue­ren Au­gen. Al­les das gip­fel­te für den Be­schau­er in ei­ner Wir­kung, die von der See­krank­heit nicht sehr ver­schie­den war. Es war et­was Schwam­mi­ges in ih­rer öli­gen brau­nen Haut, und in der plum­pen Be­däch­tig­keit ih­rer schwer­fäl­li­gen Be­we­gun­gen lag et­was un­be­schreib­lich Er­schre­cken­des. Schon bei die­ser ers­ten Be­geg­nung, bei die­sem ers­ten An­blick wur­de ich von Ab­scheu und Grau­en über­wäl­tigt.

Plötz­lich ver­schwand das Un­ge­tüm. Es war über den Rand des Zy­lin­ders ge­tau­melt und in die Gru­be ge­fal­len, wo es auf­schlug, als fie­le eine große Men­ge Le­ders zur Erde. Ich hör­te es einen selt­sa­men, dump­fen Schrei aus­sto­ßen, und in dem­sel­ben Au­gen­blick er­schi­en ein zwei­tes die­ser Ge­schöp­fe düs­ter in dem tie­fen Schat­ten der Öff­nung.

Bei die­sem An­blick ver­ließ mich die Er­star­rung, die der ers­te Schre­cken her­vor­ge­ru­fen hat­te. Ich kehr­te mich um und rann­te wie be­ses­sen nach der nächs­ten Baum­grup­pe, die etwa hun­dert Yard ent­fernt war. Aber ich lief kreuz und quer und stol­per­te alle Au­gen­bli­cke, denn ich brach­te es nicht über mich, mei­ne Au­gen von je­nen Vor­gän­gen ab­zu­wen­den.

Dort, un­ter ei­ni­gen jun­gen Fich­ten und hin­ter Gins­ter­bü­schen mach­te ich keu­chend Halt, um die wei­te­re Ent­wick­lung der Din­ge ab­zu­war­ten. Die Wei­de rings um die Sand­hü­gel war mit Leu­ten be­sä­et, die wie ich, halb ent­setzt, halb be­zau­bert da­stan­den und auf jene Ge­schöp­fe oder viel­mehr auf die Stein­hau­fen am Ran­de der Gru­be, in der sie la­gen, starr­ten. Dann sah ich, mit er­neu­tem Ent­set­zen, einen run­den, schwar­zen Ge­gen­stand, der am Ran­de der Höh­le bald auf­tauch­te, bald ver­schwand. Es war der Kopf je­nes Kom­mis, der in die Gru­be ge­fal­len war; er hob sich wie ein klei­ner schwar­zer Ge­gen­stand vom west­li­chen Him­mel ab. Jetzt brach­te er Schul­tern und Knie her­auf und wie­der schi­en, er zu­rück­zuglei­ten, bis nur sein Kopf sicht­bar war. Plötz­lich ver­schwand auch die­ser, und mir war, als hät­te ein schwa­cher Schrei mich er­reicht. Ich hat­te einen Au­gen­blick den Im­puls, zu­rück­zu­ge­hen und ihm zu hel­fen. Aber mei­ne Furcht be­hielt die Ober­hand.

Jetzt war nichts mehr zu se­hen, da al­les von der tie­fen Gru­be und den Sand­hau­fen, die der Zy­lin­der beim Aus­fal­len ge­bil­det hat­te, ver­deckt war. Wer jetzt die Stra­ße ent­lang von Chob­ham oder Wo­king ge­kom­men wäre, den hät­te das Schau­spiel, das sich ihm bot, in Er­stau­nen ge­setzt: Eine ver­streu­te Men­ge von etwa hun­dert oder et­was mehr Leu­ten, in ei­nem großen un­re­gel­mä­ßi­gen Kreis in Gru­ben, hin­ter Bü­schen, hin­ter Zäu­nen und He­cken ste­hend kaum zu ein­an­der re­dend, und dann nur in kur­z­en er­reg­ten Ru­fen, und un­abläs­sig auf ei­ni­ge Sand­hau­fen star­rend. Der Kar­ren mit dem Ing­wer­bier hob sich, ein selt­sa­mes Über­bleib­sel, schwarz von dem glü­hen­den Abend­him­mel ab. Bei den Sand­gru­ben stand eine Rei­he ver­las­se­ner Fuhr­wer­ke, de­ren Pfer­de aus Ha­fer­sä­cken fra­ßen oder un­ge­dul­dig den Bo­den auf­scharr­ten.

V. Der Hitzestrahl

Nach dem Blick auf die Mars­leu­te, wie sie aus dem Zy­lin­der, in dem sie von ih­rem Pla­ne­ten auf die Erde ge­kom­men wa­ren, her­vor­kro­chen, lähm­te eine Art Zau­ber mei­ne Fä­hig­keit zu han­deln. Ich ver­harr­te knie­tief im Hei­de­kraut ste­hend, und starr­te auf die Sand­hü­gel, die sie ver­bar­gen. Mei­ne See­le war eine Wahl­statt von Angst und Neu­gier­de.

Ich wag­te nicht, zur Gru­be zu­rück­zu­ge­hen; aber ich hat­te ein lei­den­schaft­li­ches Ver­lan­gen, einen Blick hin­ein­zu­wer­fen. Ich be­gann da­her, in ei­nem wei­ten Bo­gen her­um­zu­ge­hen, um einen ge­eig­ne­ten Aus­sichts­punkt zu fin­den; da­bei aber be­hielt ich fort­wäh­rend die Sand­hau­fen im Auge, die jene merk­wür­di­gen An­kömm­lin­ge mei­nen Bli­cken ent­zo­gen. Auf ein­mal blitz­te ein Ge­wir­re dün­ner schwar­zer Peit­schen, wie Arme ei­nes Po­ly­pen, ge­gen Son­nen­un­ter­gang auf, um so­fort wie­der zu ver­schwin­den. Dann er­hob sich Glied um Glied ein dün­ner Stab, der an sei­ner Spit­ze eine kreis­run­de Schei­be trug, die sich in schwer­fäl­li­ger Be­we­gung dreh­te. Was konn­te dort vor­ge­hen?

Die meis­ten Zu­se­her hat­ten sich in zwei Grup­pen ge­sam­melt — die eine, ein klei­ner Men­schen­hau­fen auf Wo­king zu, die an­de­re, ein Knäu­el von Leu­ten in Rich­tung nach Chob­ham. Of­fen­bar mach­ten die Leu­te den­sel­ben see­li­schen Zwie­spalt durch wie ich. Ei­ni­ge wa­ren ganz in mei­ner Nähe. In ei­nem Mann er­kann­te ich einen mei­ner Nach­barn, ob­wohl ich sei­nen Na­men nicht wuss­te. Ich trat auf ihn zu und re­de­te ihn an. Es war aber kaum ein güns­ti­ger Au­gen­blick für eine ver­nünf­ti­ge Un­ter­hal­tung.

»Was für scheuß­li­che Tie­re!«,sag­te er. »Herr Gott! Was für scheuß­li­che Tie­re!« Er wie­der­hol­te das im­mer wie­der.

»Ha­ben Sie einen Men­schen in der Gru­be ge­se­hen?«, frag­te ich ihn; aber er gab mir kei­ne Ant­wort. Wir schwie­gen und stan­den eine Zeit lang be­ob­ach­tend ne­ben ein­an­der und emp­fin­gen, glau­be ich, einen ge­wis­sen Trost aus un­se­rer ge­gen­sei­ti­gen Ge­sell­schaft. Dann ver­leg­te ich mei­nen Aus­sichts­punkt auf einen klei­nen Erd­hü­gel, der nur den Vor­teil ei­ni­ger Fuß Er­hö­hung ge­währ­te. Als ich mich nach mei­nem Nach­bar um­wand­te, sah ich ihn schon nach Wo­king zu­rück­keh­ren.

Der Son­nen­un­ter­gang ver­blich all­mäh­lich zum Zwie­licht, und es er­eig­ne­te sich nichts wei­ter. Die Men­ge in der Fer­ne links ge­gen Wo­king schi­en zu wach­sen und ich ver­nahm ein schwa­ches Ge­mur­mel. Der klei­ne Men­schen­knäu­el ge­gen Chob­ham zu zer­streu­te sich. Bei der Gru­be war kaum ein An­zei­chen ei­ner Be­we­gung wahr­zu­neh­men.

Mehr als al­les an­de­re, gab das den Leu­ten ih­ren Mut zu­rück. Und ich den­ke, dass auch die Neu­an­kömm­lin­ge aus Wo­king dazu bei­tru­gen, wie­der eine zu­ver­sicht­li­che­re Stim­mung zu we­cken. Je­den­falls mach­te sich, als die Dun­kel­heit her­ein­brach, eine lang­sa­me, bis­wei­len un­ter­bro­che­ne Be­we­gung ge­gen den Sand­hau­fen zu be­merk­bar, die umso mehr an Kraft zu ge­win­nen schi­en, als die Stil­le des Abends rings um den Zy­lin­der un­ge­bro­chen blieb. Auf­rech­te schwar­ze Ge­stal­ten in Grup­pen zu zwei­en und drei­en wag­ten sich vor, mach­ten Halt, späh­ten vor­sich­tig aus, und scho­ben sich wie­der vor. In ei­nem sehr ge­lich­te­ten, un­re­gel­mä­ßi­gen Halb­kreis such­ten die Leu­te, die Gru­be zu um­zin­geln. Auch ich be­gann, ge­gen die Gru­be zu lang­sam vor­zu­schrei­ten.

Dann sah ich, wie ei­ni­ge Fuhr­leu­te und an­de­re keck in die Sand­gru­ben hin­ab­stie­gen. Ich hör­te das Klap­pern der Hufe und das Knir­schen der Rä­der. Ich sah, wie ein jun­ger Bur­sche den Kar­ren mit Äp­feln fort­zog. Und dann be­merk­te ich etwa drei­ßig Yard von der Gru­be aus der Rich­tung von Hor­sell kom­mend, eine klei­ne schwar­ze Grup­pe von Män­nern, de­ren vor­ders­ter eine wei­ße Fah­ne schwang.

Das war die De­pu­ta­ti­on. Es hat­te eine hef­ti­ge Be­ra­tung statt­ge­fun­den, und da die Mars­leu­te trotz ih­rer ab­sto­ßen­den Ge­stalt in­tel­li­gen­te Ge­schöp­fe zu sein schie­nen, war be­schlos­sen wor­den, durch Zei­chen, mit de­nen man sich ih­nen nä­her­te, ih­nen zu zei­gen, dass auch wir in­tel­li­gent sei­en.

Ich sah die Fah­ne hin- und her­flat­tern, erst rechts dann links. Ich stand zu weit ent­fernt, um einen zu er­ken­nen. Doch spä­ter er­fuhr ich, dass Ogil­vy, Stent und Hen­der­son un­ter an­de­ren es wa­ren, die die­sen Ver­stän­di­gungs­ver­such un­ter­neh­men woll­ten. Die­se klei­ne Grup­pe hat­te bei ih­rem Her­an­na­hen den nun fast voll­stän­di­gen Kreis von Leu­ten in eine so­zu­sa­gen schlei­fen­ar­ti­ge Li­nie ver­wan­delt. Eine An­zahl dün­ner schwar­zer Ge­stal­ten folg­te ihr in an­ge­mes­se­ner Ent­fer­nung.

Plötz­lich flamm­te ein Licht­strahl ans, und eine Men­ge leuch­ten­den grün­li­chen Rau­ches schoss in drei deut­lich sicht­ba­ren Stö­ßen aus der Gru­be; eine Rauch­säu­le nach der an­de­ren fuhr ker­zen­ge­ra­de in die wind­stil­le Luft em­por.

Die­ser Rauch — Flam­me wäre viel­leicht die zu­tref­fen­de­re Be­zeich­nung — war so strah­lend hell, dass der tief­blaue Him­mel und die un­deut­li­chen Stre­cken brau­nen Hei­de­lan­des Rich­tung Chert­sey, die mit schwar­zen Fich­ten be­pflanzt wa­ren, sich plötz­lich zu ver­düs­tern schie­nen, als die Stö­ße sich er­ho­ben, und nach der Ver­tei­lung des Rau­ches nur noch düs­te­rer wur­den. Gleich­zei­tig hör­te man einen schwa­chen zi­schen­den Laut.

Jen­seits der Gru­be stand der klei­ne Men­schen­hau­fen, mit der wei­ßen Fah­ne an der Spit­ze, von die­sen Er­schei­nun­gen auf­ge­hal­ten, ein klei­ner Knäu­el win­zi­ger schwar­zer Ge­stal­ten auf dem schwar­zen Bo­den. Als der grü­ne Rauch auf­stieg, flamm­ten ihre Ge­sich­ter in ei­nem fah­len Grün, das erb­lass­te, so­bald je­ner ver­schwand.

Da ging das Zi­schen all­mäh­lich in ein Sum­men über, in ein lan­ges, lau­tes, sur­ren­des Geräusch. Lang­sam er­hob sich eine un­för­mi­ge Ge­stalt aus der Gru­be, und ein win­zi­ger Licht­strahl schi­en aus ihr her­vor­zu­fla­ckern.

Plötz­lich fuh­ren Blit­ze wirk­li­cher Flam­men aus der zer­spreng­ten Men­schen­grup­pe her­vor. In glän­zen­den Schwa­den sprang es von ei­nem zum an­de­ren. Es war, wie wenn ein un­sicht­ba­rer Feu­er­strahl in sie ge­fah­ren sei und nun in ei­ner wei­ßen Flam­me aus­brä­che. Es war, als ob je­der Ein­zel­ne un­ver­mu­tet und plötz­lich in Feu­er ver­wan­delt wor­den wäre.

Dann sah ich beim Lich­te ih­rer ei­ge­nen Ver­nich­tung, wie sie tau­mel­ten und fie­len, und wie die, wel­che sie stütz­ten, sich zur Flucht wand­ten.

Ich stand da und starr­te und fass­te es noch nicht, dass das der Tod war, der in je­ner fer­nen klei­nen Men­schen­men­ge von Mann zu Mann ras­te. Nur dass dort et­was Selt­sa­mes vor­ging, war al­les, was ich emp­fand. Ein fast laut­lo­ser und blen­den­der Blitz — und ein Mann stürz­te der Län­ge nach hin und blieb re­gungs­los lie­gen. Wie das un­sicht­ba­re Hit­ze­ge­schoss über sie fuhr, gin­gen Fich­ten in Flam­men auf, und je­der dür­re Gins­ter­busch ver­wan­del­te sich mit dump­fen Kra­chen in einen Feu­er­herd. In wei­ter Fer­ne ge­gen Kna­phill zu sah ich Bäu­me und He­cken in Flam­men, und be­merk­te wie die Holz­bau­ten plötz­lich lich­ter­loh brann­ten.

Er fuhr pfeil­schnell und ste­tig rings her­um, je­ner flam­men­de Tod, je­nes un­sicht­ba­re und un­er­bitt­li­che Feu­er­schwert. An den glü­hen­den Bü­schen sah ich ihn auch an mich her­an­kom­men; aber ich war zu ver­wirrt und zu be­täubt, um mich von der Stel­le zu rüh­ren. Ich hör­te das Knis­tern des Feu­ers in den Sand­gru­ben und den plötz­li­chen Schrei ei­nes Pfer­des, der aber eben­so plötz­lich ver­stumm­te. Dann war es mir, als ob eine un­sicht­ba­re aber glü­hend hei­ße Hand auf der Hei­de zwi­schen mir und den Mars­leu­ten eine Li­nie zöge; über­all in ge­krümm­ter Li­nie um die Sand­gru­ben her­um dampf­te und knis­ter­te der tief­schwar­ze Bo­den. In wei­ter Fer­ne, dort wo die Stra­ße von der Sta­ti­on Wo­king links ins Hei­de­land führt, stürz­te et­was mit lau­tem Schall zu­sam­men. So­fort ver­stumm­te das Zi­schen und Sum­men, und der schwar­ze, kes­sel­för­mi­ge Ge­gen­stand fiel, den Bli­cken ent­schwin­dend, lang­sam in die Gru­be.

Al­les das war mit ei­ner sol­chen Schnel­lig­keit vor sich ge­gan­gen, dass ich re­gungs­los ste­hen blieb, er­starrt und ge­blen­det von den Flam­men­blit­zen. Hät­te der Tod in vol­lem Um­kreis die Run­de ge­macht, ich wäre ret­tungs­los mit­ten in mei­ner Be­täu­bung ge­tö­tet wor­den. Aber er ging vor­über und schon­te mich und ließ mich plötz­lich in der dunklen und un­heim­li­chen Nacht zu­rück.

Die wel­len­för­mi­ge Wei­de schi­en nun düs­ter in fast un­kennt­li­cher Schwär­ze, au­ßer dort, wo ihre Stra­ßen grau und bleich un­ter dem tief­blau­en Him­mel der frü­hen Nacht sich hin­zo­gen. Es war dun­kel und auf ein­mal völ­lig men­schen­leer. Über mir tauch­ten nach und nach die Ster­ne auf, und am west­li­chen Him­mel stand noch ein blas­ser, schim­mern­der, fast grün­lich blau­er Strei­fen. Die Wip­fel der Fich­ten und die Dä­cher von Hor­sell ka­men scharf und schwarz im west­li­chen Wi­der­schein her­aus. Die Mars­leu­te und ihre Gerät­schaf­ten wa­ren voll­kom­men un­sicht­bar. Nur die dün­ne Stan­ge, an de­ren Spit­ze die rast­lo­se Spie­gel­schei­be sich dreh­te, blieb ste­hen. Ei­ni­ges Busch­werk und ein­zeln ste­hen­de Bäu­me glüh­ten und rauch­ten noch im­mer. Und von den Häu­sern ge­gen die Sta­ti­on von Wo­king stie­gen noch Feu­er­säu­len in die Stil­le der Abend­luft auf.

Sonst hat­te sich nichts ge­än­dert. Nur die­se furcht­ba­re Er­schüt­te­rung! Die klei­ne Grup­pe schwar­zer Punk­te mit der wei­ßen Flag­ge war wie vom Erd­bo­den weg­ge­fegt, und die Stil­le des Abends, so schi­en es mir, war kaum ge­bro­chen wor­den.

Da über­kam es mich, dass ich auf die­ser düs­te­ren Hei­de hilf­los, un­be­schützt und al­lein da­stand. Und plötz­lich, wie ein We­sen, das von au­ßen her mich über­fiel, kam — die Angst.

Mit An­stren­gung wand­te ich mich um und be­gann, stol­pernd durch das Hei­de­kraut zu lau­fen.

Die Angst, die mich be­schlich, war kei­ne ver­nünf­ti­ge Angst, son­dern ein pa­ni­scher Schre­cken, nicht nur vor den Mars­leu­ten, son­dern vor dem Dun­kel und der Stil­le rings um mich. Das übte eine so un­ge­wöhn­lich ent­man­nen­de Wir­kung auf mich aus, dass ich lei­se wei­nend wie ein Kind da­her­lief. Und jetzt, nach­dem ich mich um­ge­kehrt hat­te, wag­te ich nicht mehr zu­rück­zu­bli­cken.

Ich er­in­ne­re mich, dass ich die selt­sa­me Über­zeu­gung hat­te, dass man mit mir spie­le, dass je­den Au­gen­blick, schon als ich im Be­rei­che der Si­cher­heit war, die­ser ge­heim­nis­vol­le Tod — schnell wie der Weg des Lichts — aus der Höh­le, aus dem Zy­lin­der her­aus mir nachra­sen und mich nie­der­schla­gen wer­de.

VI. Der Hitzestrahl in der Chobham-Straße

Es ist noch im­mer ein un­ge­lös­tes Rät­sel, wie die Mars­leu­te im­stan­de sind, Men­schen so rasch und laut­los zu tö­ten. Vie­le mei­nen, dass sie fä­hig sind, eine un­ge­heu­re Hit­ze in ei­nem Be­häl­ter an­zu­sam­meln, bei dem jede Lei­tungs­mög­lich­keit voll­kom­men aus­ge­schlos­sen ist. Die­se un­ge­heu­re Hit­ze über­tra­gen sie in par­al­le­len Strah­len auf je­des be­lie­bi­ge Ob­jekt ver­mit­tels ei­nes ge­glät­te­ten pa­ra­bo­li­schen Spie­gels von un­be­kann­ter Zu­sam­men­set­zung — ähn­lich dem Licht­strahl, den der pa­ra­bo­li­sche Spie­gel ei­nes Leucht­turms ver­sen­det. Aber nie­mand ver­moch­te, noch die Ein­zel­hei­ten die­ser An­nah­men zu be­wei­sen. Wie im­mer es sich ver­hal­ten mag, das ist ge­wiss, dass an dem Vor­gang ein star­ker Wär­me­strahl am we­sent­lichs­ten be­tei­ligt ist. Hit­ze und un­sicht­ba­res statt sicht­ba­ren Lich­tes. Al­les ir­gend­wie Brenn­ba­re geht bei der Berüh­rung die­ses Strah­les in Flam­men auf; Blei zer­fließt wie Was­ser; er er­weicht Ei­sen, bricht und schmelzt Glas; wenn er auf Was­ser fällt, ent­zün­det es sich un­ver­züg­lich zu Dampf.

In je­ner Nacht la­gen wohl vier­zig Men­schen un­ter dem Ster­nen­licht um die Gru­be her­um, ver­kohlt und bis zur Un­kennt­lich­keit ent­stellt. Die gan­ze Nacht war das Wei­de­land von Hor­sell bis May­bu­ry ver­ödet. Nur all­mäh­lich brann­ten die Feu­er nie­der.

Die Nach­richt von dem Ge­met­zel er­reich­te Chob­ham, Wo­king und Ot­ters­haw wahr­schein­lich zur sel­ben Zeit. In Wo­king wa­ren die Lä­den schon ge­schlos­sen, als das Un­glück sich er­eig­ne­te, und eine An­zahl von Men­schen, Ge­schäfts­leu­te usw., von den Ge­schich­ten, die sie ge­hört hat­ten, er­regt, gin­gen über die Hor­sell Bridge die Stra­ße ent­lang zwi­schen den He­cken, die zur Wei­de führ­ten. Man kann es sich vor­stel­len, wie das jun­ge Volk nach der Ar­beit des Ta­ges zu­sam­men­ström­te, wie es jene Nach­richt, so wie jede an­de­re, zum Vor­wand für ge­mein­sa­me Spa­zier­gän­ge und für land­läu­fi­ges Lie­bes­ge­plän­kel be­nütz­te. Ich höre es fast noch heu­te, je­nes fröh­li­che Sum­men von Stim­men die Stra­ße ent­lang an je­nem Abend.

Bis jetzt wuss­ten es frei­lich nur we­nig Leu­te in Wo­king, dass der Zy­lin­der be­reits ge­öff­net war, ob­wohl der arme Hen­der­son einen Bo­ten auf dem Fahr­rad nach dem Post­amt ge­schickt hat­te, um einen be­son­de­ren Be­richt an ein Abend­blatt zu sen­den.

Als jene Leu­te in Grup­pen zu zwei­en und drei­en aufs of­fe­ne Feld ka­men, fan­den sie klei­ne Men­schen­an­samm­lun­gen, in er­reg­ter Un­ter­hal­tung be­grif­fen. Al­les blick­te nach dem wir­beln­den Spie­gel über den Sand­gru­ben. Und bald hat­te sich der Neu­an­ge­kom­me­nen die­sel­be Er­re­gung be­mäch­tigt.

Um halb neun Uhr, als die De­pu­ta­ti­on ver­nich­tet wur­de, mag sich etwa eine Men­ge von drei­hun­dert Leu­ten an je­ner Stel­le be­fun­den ha­ben, au­ßer je­nen, wel­che die Stra­ße ver­las­sen hat­ten, um sich nä­her an die Mars­leu­te her­an­zu­schlei­chen. Auch drei Schutz­leu­te, dar­un­ter ein Be­rit­te­ner, wa­ren zu­ge­gen, die, Mr. Stents Wei­sun­gen fol­gend, ihr Mög­lichs­tes ta­ten, die Leu­te zu­rück­zu­drän­gen und sie ab­zu­hal­ten, sich dem Zy­lin­der zu nä­hern. Pfif­fe und Hohn­ge­läch­ter wur­den ge­hört. Sie ka­men von je­nen ge­dan­ken­lo­sen und über­mä­ßig auf­ge­reg­ten Ele­men­ten, de­nen ein Ge­drän­ge stets An­lass zu Lärm und ro­hen Scher­zen bil­det.

Stent und Ogil­vy, wel­che die Mög­lich­keit ei­nes Zu­sam­men­sto­ßes ins Auge fass­ten, hat­ten von Hor­sell nach der Ka­ser­ne te­le­gra­fiert, als die Mars­leu­te auf­tauch­ten. Sie hat­ten um die Un­ter­stüt­zung ei­ner Kom­pa­nie Sol­da­ten ge­be­ten, wel­che jene fremd­ar­ti­gen Ge­schöp­fe vor Ge­walt­tä­tig­kei­ten schüt­zen soll­ten. Dann wa­ren sie so­fort wie­der zu­rück­ge­kehrt, um je­nen un­glück­se­li­gen An­nä­he­rungs­ver­such ins Werk zu set­zen. Die Be­schrei­bung ih­rer Er­mor­dung, wie sie von der Men­ge be­ob­ach­tet wur­de, deck­te sich ge­nau mit mei­nen ei­ge­nen Ein­drücken: die drei Stö­ße grü­nen Rau­ches, das tie­fe sum­men­de Geräusch und die auf­flam­men­den Blit­ze.

Aber die Ge­fahr, in der jene Volks­men­ge schweb­te, war noch grö­ßer als die mei­ne. Nur der Um­stand, dass ein Hü­gel Hei­des­an­des den un­te­ren Teil des Hit­ze­strahls auf­hielt, ret­te­te sie. Wäre die Stan­ge mit dem pa­ra­bo­li­schen Spie­gel nur ei­ni­ge Yard hö­her ge­we­sen, es wäre nie­mand üb­rig ge­blie­ben, um den Vor­gang zu be­rich­ten. Sie sa­hen die Blit­ze, be­ob­ach­te­ten, wie die Män­ner hin­stürz­ten, wie gleich­sam eine un­sicht­ba­re Hand das Ge­büsch in Brand steck­te, wie die Flam­me im Zwie­licht auf sie zu­ras­te. Dann saus­te, mit ei­nem pfei­fen­den Laut, der das Sur­ren in der Gru­be über­tön­te, der Strahl dicht über ihre Köp­fe hin­weg, ent­zün­de­te die Wip­fel der Bu­chen, wel­che die Stra­ße säum­ten, zer­split­ter­te die Zie­gel, zer­schmet­ter­te die Fens­ter, ver­brann­te die Fens­ter­rah­men, und zer­trüm­mer­te einen Teil des Gie­bels ei­nes Eck­hau­ses.

Bei die­sem plötz­li­chen Auf­schlag, dem Zi­schen und dem blen­den­den Licht­schein der bren­nen­den Bäu­me schi­en die Men­ge ei­ni­ge Au­gen­bli­cke zö­gernd hin- und her­zu­schwan­ken.

Fun­ken und bren­nen­de Zwei­ge und ein­zel­ne Blät­ter fie­len wie flam­men­de Ge­schos­se auf die Stra­ße. Hüte und Klei­der fin­gen Feu­er. Von der Wei­de her hör­te man er­schreck­te Rufe.

Krei­schen­de Schreie gell­ten von al­len Sei­ten. Plötz­lich kam ein be­rit­te­ner Schutz­mann ge­gen die Men­ge her­an­ge­sprengt. Er schlug die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men und schrie aus Lei­bes­kräf­ten.

»Sie kom­men!«, kreisch­te ein Weib, und so­fort kehr­ten sich alle um und dräng­ten die Rück­wärts­ste­hen­den vor­wärts, um den Rück­gang nach Wo­king frei zu ma­chen. Wie eine Her­de er­schreck­ter Scha­fe stob die Men­ge blind­lings aus­ein­an­der. Da, wo die Stra­ße eng und dun­kel wur­de, zwi­schen den ho­hen Ufern, stau­te sich die Mas­se, und ein ver­zwei­fel­ter Kampf be­gann. Nicht alle konn­ten sich ret­ten; drei Per­so­nen, zwei Frau­en und ein klei­ner Kna­be, wur­den er­drückt und nie­der­ge­tre­ten. Sie wur­den lie­gen­ge­las­sen, um in dem Schre­cken der Fins­ter­nis zu ster­ben.

VII. Wie ich nach Hause kam

Was mich be­traf, so ent­sin­ne ich mich nicht mehr der Ein­zel­hei­ten mei­ner Flucht au­ßer der Wucht, mit der ich an Baum­stäm­me stieß und wie ich im Hei­de­kraut strau­chel­te. Al­les um mich her­um nahm die un­sicht­ba­ren Schre­cken der Mars­leu­te an; je­nes er­bar­mungs­lo­se Feu­er­schwert schi­en auf und nie­der zu sau­sen, im­mer über mir zu fun­keln, be­vor es nie­der­fuhr, mir das Le­ben zu neh­men. Ich er­reich­te die Stra­ße zwi­schen Hor­sell und den Kreuz­we­gen, und ich lief durch den Ort wie­der zu den Kreuz­we­gen zu­rück.

End­lich konn­te ich nicht wei­ter; ich war von der Hef­tig­keit mei­ner Er­re­gung und mei­ner Flucht er­schöpft. Ich tau­mel­te und stürz­te nie­der. Das war nahe der Brücke, wel­che bei den Gas­wer­ken den Kanal über­setzt. Ich fiel und blieb still lie­gen.

Ich muss eine gan­ze Wei­le dort ge­le­gen sein.

In ei­ner selt­sa­men Ver­wir­rung be­fan­gen rich­te­te ich mich end­lich auf. Ei­nen Au­gen­blick viel­leicht konn­te ich es nicht klar fas­sen, wie ich hier­her­ge­kom­men war. Wie ein Klei­dungs­stück war mein Schre­cken von mir ge­fal­len. Mein Hut war ver­schwun­den, und mein Kra­gen war vom Hemd­knopf ge­ris­sen. Ei­ni­ge Mi­nu­ten vor­her stan­den nur drei Din­ge greif­bar vor mir — die Uner­mess­lich­keit der Nacht, des Rau­mes und der Na­tur, mei­ne ei­ge­ne Schwä­che und Angst, und das Na­hen des To­des. Nun aber war es mir, als hät­te sich al­les ge­wen­det, und so­fort ver­schob sich mein Ge­sichts­punkt. Ich konn­te kei­nen merk­li­chen Über­gang von ei­nem Ge­müts­zu­stand in den an­de­ren wahr­neh­men. Ganz un­ver­mit­telt war ich wie­der mein ei­ge­nes all­täg­li­ches Selbst, ein ge­wöhn­li­cher ehr­ba­rer Bür­ger. Die schwei­gen­de Hei­de, mein Trieb zur Flucht, die auf­schie­ßen­den Flam­men, al­les er­schi­en mir jetzt wie ein Traum. Ich frag­te mich, ob sich alle die­se Din­ge wirk­lich zu­ge­tra­gen hät­ten. Ich konn­te es nicht glau­ben.

Ich er­hob mich und stieg un­si­che­ren Schrit­tes die steil an­stei­gen­de Brücke hin­auf. Mein In­ne­res war nichts als eine große Ver­blüf­fung. Mei­ne Mus­keln und mei­ne Ner­ven schie­nen alle Kraft ver­lo­ren zu ha­ben. Ich kann sa­gen, dass ich wie ein Be­trun­ke­ner tau­mel­te. Über dem Brücken­bo­gen tauch­te ein Kopf auf und die Ge­stalt ei­nes Ar­bei­ters, der einen Korb trug, er­schi­en. Ein klei­ner Kna­be lief ne­ben ihm her. Er ging an mir vor­über und wünsch­te mir »Gute Nacht«. Es war mei­ne Ab­sicht, mit ihm zu spre­chen, ich konn­te es aber nicht. Ich er­wi­der­te sei­nen Gruß mit ei­nem un­ver­ständ­li­chen Lal­len und ging wei­ter.

Über den May­bu­ry-Via­dukt braus­te süd­wärts ein Zug, ein wo­gen­des Wal­len wei­ßen, feu­ri­gen Rau­ches, eine lan­ge Rau­pe er­leuch­te­ter Fens­ter: ein Pol­tern und Ras­seln und Klir­ren, und fort war er. Eine spär­li­che Grup­pe von Leu­ten stand plau­dernd im Flur ei­nes der hüb­schen Gie­bel­häu­ser, de­ren Rei­hen die »Ori­en­tal Ter­race« bil­de­ten. Das al­les schi­en mir so wirk­lich und so ver­traut. Und al­les, das hin­ter mir lag, war un­sin­nig und fan­tas­tisch! Sol­che Din­ge, sag­te ich mir, kön­ne es ja gar nicht ge­ben.

Ich bin viel­leicht ein Mann von ganz be­son­de­ren Stim­mun­gen. Ich weiß nicht, wie weit mei­ne Er­fah­run­gen all­ge­mei­ner Na­tur sind. Ich habe Zei­ten, in de­nen ich von den selt­sams­ten Emp­fin­dun­gen heim­ge­sucht wer­de, als sei ich gleich­sam von mir selbst und mei­ner Um­ge­bung los­ge­löst. Mir ist, als be­ob­ach­te­te ich al­les von au­ßen her, aus ei­ner un­fass­lich großen Ent­fer­nung, au­ßer­halb der Zeit, au­ßer­halb des Rau­mes, jen­seits von al­lem, was be­drückt und trau­rig macht. Die­se Emp­fin­dung war in je­ner Nacht sehr stark. Das war ein an­de­rer Teil mei­nes Trau­mes.

Aber was mich ver­wirr­te, war der schrei­en­de Wi­der­spruch zwi­schen der Hei­ter­keit, die mei­ne Au­gen sa­hen und dem pfeil­schnel­len Tod, der dort drü­ben, nicht zwei Mei­len ent­fernt, um­her­ras­te. Von den Gas­wer­ken her scholl ge­schäf­ti­ger Lärm, und die elek­tri­schen Lam­pen strahl­ten hell. Als ich zu der plau­dern­den Men­schen­grup­pe kam, mach­te ich Halt.

»Was gibts Neu­es auf der Wei­de?«, frag­te ich.

Zwei Män­ner und eine Frau stan­den beim Tor.

»Was?«, rief ei­ner der Män­ner, sich mir zu­wen­dend.

»Was es Neu­es auf der Wei­de gibt?«, wie­der­hol­te ich.

»Ja, sind Sie denn nicht ge­ra­de dort ge­we­sen?«, frag­ten die Män­ner.

»Die Leu­te schei­nen ja ganz ver­rückt zu sein we­gen der Wei­de«, ließ sich jetzt die Frau vom Flur her ver­neh­men. »Was ist denn ei­gent­lich los?«

»Ha­ben Sie denn nichts von den Mars­leu­ten ge­hört?«, frag­te ich. »Von den Ge­schöp­fen vom Stern Mars?«

»Mehr als ge­nug«, sag­te die Frau. »Dan­ke«, und alle drei lach­ten.

Ich fühl­te mich be­schämt und ver­är­gert. Ich ver­such­te, ih­nen mit­zu­tei­len, was ich ge­se­hen hat­te und konn­te es nicht. Sie lach­ten im­mer nur über mei­ne ge­bro­che­nen Sät­ze.

»Ihr wer­det noch mehr da­von hö­ren«, sag­te ich und ging fort, mei­nem Haus zu.

Schon im Haus­flur er­schreck­te ich mei­ne Frau durch mei­ne ein­ge­fal­le­nen Züge. Ich ging in das Spei­se­zim­mer, setz­te mich, trank et­was Wein, und so wie ich mich et­was ge­sam­melt hat­te, er­zähl­te ich ihr von den Din­gen, die ich ge­se­hen hat­te. Das Es­sen, das aus kal­ten Ge­rich­ten be­stand, war schon auf­ge­tra­gen, blieb aber un­be­rührt auf dem Ti­sche, wäh­rend ich al­les er­zähl­te.

»In ei­nem kann ich Dich be­ru­hi­gen«, sag­te ich, um die Furcht, die ich ge­weckt hat­te, wie­der ab­zu­schwä­chen. »Es sind die plumps­ten Ge­schöp­fe, die ich je krie­chen sah. Sie mö­gen die Gru­be be­setzt hal­ten und alle Leu­te, die ih­nen nahe kom­men, um­brin­gen; aber sie kön­nen nicht aus ihr her­aus … Aber scheuß­lich sind sie!«

»Bit­te, nicht!«,sag­te mei­ne Frau. Sie zog ihre Brau­en zu­sam­men und leg­te ihre Hand auf die mei­ne.

»Der arme Ogil­vy!«,sag­te ich. »Zu den­ken, dass er da drau­ßen tot liegt!«