Haben Sie »Steffi Briest«? - Tobias Wimbauer - E-Book

Haben Sie »Steffi Briest«? E-Book

Tobias Wimbauer

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Beschreibung

"Wir unterhalten uns über weibliche Zweitvornamen von Männern. Ich: 'Rainer Maria Rilke!' Silvia: 'Rainer Werna Fassbinder!'" "Man leidet mit Wimbauer; aber man freut sich auch mit ihm" (Börsenblatt des Deutschen Buchhandels / Aus dem Antiquariat)

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2019

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| NIMMERTAL 75 / ZEHNTER BANDSCHRIFTENREIHE DES ANTIQUARIATSWIMBAUER BUCHVERSAND|

In dieser Reihe sind bisher erschienen: |1 Tobias Wimbauer: Landschaften im inneren Vorbeifahren: Aus den Traumtagebüchern 1995-2016 (August 2016) | 2 Friedrich Helms: Tagebuch Wilhelmshorst und Uelzen 1948/1949 (August 2016) |3 Marie Curie: Selbstbiographie (September 2016)| 4 Friedrich Helms: Wilhelmshorst Tagebuch 1945 (November 2016) | 5 Tobias Wimbauer: Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers (März 2017) | 6 Eugénie de Guérin: Tagebuch und Fragmente 1834-1842 (Mai 2017) | 7 Fridtjof Nansen: Unter Robben und Eisbären (Mai 2018) | 8 Roald Amundsen: Mein Leben als Entdecker (Juli 2018) | 9 Stefan Zweig: Amundsen und Scott. Der Kampf um den Südpol (Juli 2018) | 10 Tobias Wimbauer: Haben Sie Steffi Briest? Aus dem Tagebuch eines Antiquars 2008-2011 (Juni 2019) | weitere Bände sind in Vorbereitung

Though this be madness, yet there is method in ’t. Shakespeare, Hamlet

2008

17. März 2008

Der Lagebericht ist erschienen.

17. Juli 2008

Bin von einer Rundum-Sommer-Grippe »angeknockt« und fühle mich wie nach einem Klitschkokampf.

18. Juli 2008

Ich schniefe hier mit Fieber und Co durch den Tag und nehme im Schleich-Modus die Welt durch eine Glasglocke wahr … Die Geschäfte laufen laufen gut, von Sommerloch keine Spur. Aber das kann ja morgen schon plötzlich um die Ecke kommen … (lieber nicht!)

22. Juli 2008

Neues Kapitel im Spiel des Spiels mit der Literatur auf youtube (Jüngerheckenfilm und potentielle weitere Jüngerfilme waren / sind so ein Kapitel) ist die »stille Autorenlesung«, [der Sinn dahinter: den Autoren vom Entertainer weg zurück zum gedruckten und also stillen Wort führen], die ich künftig mit den Schreiberlingen unter unseren Besuchern ausprobieren will: 26 Sekunden lautloser Film, darauf ein Autor, sein Werk lesend. Autorenlesung eben …

Der Autor also, der einfach wortlos auf das gedruckte Wort verweist.– Das Buch sozusagen als Gegenpol zum Gerede vom Buch. Ein Beispiel: immer mehr Zeitungen bringen statt Rezensionen ein Interview mit dem Autor über sein Buch, dazu braucht der Interviewer das Buch nicht einmal gelesen zu haben [brauchen Rezensenten auch nicht, wie wir am Beispiel der JF-Rezension zu meinem Lagebericht ja gesehen haben; oder wie ich’s in der Shortstory Eine Rezension beschrieben habe] usw. usw.

6. August 2008

»Guten Tag, Sie sind schon ein lustiger Mensch. Bestellen, stornieren, bestellen und dann eine negative Bewertung abgeben zu einem Makel, der in der Artikelbeschreibung explizit genannt war (Block angelockert, Broschur). Wofür macht man sich denn die ganze Arbeit mit Rundumservice und einer detaillierten Artikelbeschreibung? Mit frdl. Gruss, Wim«.

3. September 2008

Übrigens ist die Luminar-Reihe nun definitiv eingestellt, da der übernehmende Verlag ziemlich pleite [oder besser gesagt: chronisch klamm]. Sobald ich das Copyright zurück habe, mache ich das Register in überarbeiteter Neuauflage im Eigenverlag, und von der Burgunderszene gibts eine verschärfte Taschenbuchausgabe. Mal gucken.

16. September 2008

»Hey Tobias,

You recently registered for Facebook. Facebook helps you communicate and stay in touch with all of your friends. Once you join Facebook, you’ll be able to share photos, plan events, and more.«

11. Oktober 2008

Trinke einen Teroldego Rotaliano 2005 (von der bewunderungswürdigen Elizabetta Foradori). Lese zur Zeit Mafia von Petra Reski.

29. Oktober 2008

(…) das Leben ist viel zu kurz für schlechten Wein (…).

Sozialisationsfrage. Wie betont der Vorleser den Reim:

Ein Strauch wie Holunder

Verblüht in Downunder.

8. November 2008

Fabelhafter Spiropoulos Porfyros Regional Wine of Peloponnese 2006.

26. November 2008

Woven Hand und Rose Kemp in Düsseldorf.

29. November 2008

Riesling vom Nikolaihof in der Wachau (Demeter): ach der Wolfram Siebeck, der hat ja so recht.

30. November 2008

Riesling von Zwölberich.

Satz des Tages: »Geschichte ist nicht das, was Guido Knopp dafür hält« (Claudius Seidl heute in der Sonntags-F.A.Z., Seite B10).

4. Dezember 2008

Las zuletzt Requiem für einen Hund von Daniel Kehlmann und Sebastian Kleinschmidt.

Marcel Reich-Ranicki äussert sich jüngst am Rande in der Sonntagsausgabe der F.A.Z. zu Ernst Jünger (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.11.2008, Nr. 47 / Seite →). Er behauptet, er »glaube nicht, dass man Brecht mit Jünger vergleichen sollte. Man sollte zunächst einmal den Unterschied zwischen dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus begreifen«

Warum nicht vergleichen? Helmuth Kiesel hat das im November 2002 beim Marburger Jünger-Symposion gemacht, und das mit Gewinn. Ich notierte damals:

»Helmuth Kiesel (Heidelberg) untersuchte in Hinblick auf die gängigen Vorurteile ausgewählte Texte von Bertolt Brecht und Jünger und kam zu dem Ergebnis, daß die Klischees, etwa das der Forderung nach unbedingter Opferbereitschaft und das der Martialität eher bei Brecht denn bei Jünger zu finden sei. Kiesel ging von der ähnlichgelagerten Situation in Jüngers Steg von Masirah (eingegangen in Heliopolis, 1949) und in Brechts Schulopern, Der Jasager und Der Neinsager, aus: In Jüngers Steg von Masirah ging es um die ethische Fundierung einer Entscheidungsfindung in ausweglos erscheinender Situation. Zwei Karawanen begegnen sich in der Mitte eines so schmalen Steges, daß kein Aneinandervorbeikommen möglich ist. Während bei Brecht der Wille zum Opfer bzw. die Rettung durch den ›freiwilligen‹ Tod im Vordergrund steht, bevorzugt Jünger die salomonische, die ökonomische Lösung, wobei, wie Lorenz Jäger (F.A.Z.) in der Diskussion anmerkte, dies auch Ausdruck der Hoffnung Jüngers auf einen Verhandlungsfriede sein könnte, als er 1942/44 den Steg von Masirah konzipierte. Trotz des hohen Stellenwerts, den Jünger dem ›Opfer‹ beimaß, ergab sich für ihn nicht die Brechtsche Verknüpfung des Opfers zur logischen Folgerung aus einer Ausnahmesituation, die zwangsläufig sei. Brechts Schulopern wurden mit Aufführungsverbot belegt, indes Jüngers Steg von Masirah in der frühen Bundesrepublik Thema von Abitursaufsätzen war.«

Der andere – implizite – Vergleich MRRs (Brecht Kommunist, Jünger Nazi, also nicht vergleichbar) ist mir zu doof, da erübrigt sich der Kommentar.

Mäuse sind mutige Tiere. Als ich heute morgen den roten Perserteppich vor der Verandatür zusammengeknuddelt sah und ihn zurechtrückte, sass darin eine putzmuntere und quicklebendige Maus. Ob von den Kätzern dort als Vorrat eingebuddelt, oder ob sie dachte, dort sicher zu sein?

Jedenfalls ist es entweder sehr dumm, oder sehr mutig, als gutgenährte Maus in ein Haus mit acht Katzen darin sich zu wagen. Nun denn, ich nahm den Teppich, ging vor die Türe, stellte die Kamera an und liess sie frei. Ein schneller Sprint und sie war in den Rosen verschwunden.

Sie wird nun wohl die andern Mäuse warnen. Oder daheim mit mutigen Heldentaten gegen die Katzschaft prahlen.

6. Dezember 2008

Hab jetzt einen Blog: wimbauer.wordpress.com.

Axel Hacke hat in seiner wunderbaren SZ-Magazin-Kolumne vor ein paar Jahren Musik-Verhörer gesammelt, die er, nach unerwartet grossem Leserpostecho, als Buch veröffentlichte, liebevoll vom Schweinelampenschöpfer Michael Sowa illustriert (Der weisse Neger Wumbaba. Kleines Handbuch des Verhörens).

Jüngst wurde mir selbst ein solcher Langzeitverhörer klar. Nämlich Titel und Refrain eines Liedes von Visage aus dem Jahr 1980: We Fade to Grey, so so. Und ich war mir immer so sicher, dass Lied und Refrain Reflectory heissen würden …

Babelfish ist unschlagbar. »My mother said to get things done. You‘d better not mess with Major Tom« übersetzt er/sie/es mit »Meine Mutter sagte, Sachen zu erhalten erfolgt. Youd bessere nicht Verwirrung mit Haupttom«.

Ja, Babelfish, Seite die für zu helfen wissen auch Sie!

7. Dezember 2008

Das Denken und das Schnaufen. Was zuerst aussetzt, wenn’s drauf ankommt. Er meide verbohrte Orte, sagt der Ölingenieur. Ich geh mal eben Photonen klonen, sagt der Physiker. Und ich lass derweil Gedanken ranken.

Aus einem Konvolut alter Zeitschriften flatterte mir eine Falttafel entgegen, eine Praktische Merktafel für die Hausfrauen der Abonnenten der Zeitung Häuslicher Ratgeber aus dem Jahr 1911.

Man kann dort die wichtigsten Nummern eintragen, Versicherungen, Telephon der Waschfrau, Flickfrau, Aushülfe usw. und Merktage wie die Steuerzahltermine, Fabrik und Nummer der Taschenuhr, aber auch die Handschuhnummer.

Handschuhnummer war mir neu. Ich dachte schon, im Jahre 1911 hätten Handschuhe eine ID gehabt, doch geht es hier wohl nur um die Handschuhgrösse. Aber kein Feld für Hut- und Kleidergrössen.

Rundherum tolle Tips für den Haushalt. Bei Bissen toller Hunde solle man die Wunde ausbrennen, -schneiden und ätzen. Aua. Besser schon bei Bissen giftiger Schlangen: »Alkohol trinken (Kognak)…«.

»Fremdkörper im Ohr oder in der Nase« gefällt mir auch: »Das Ohr auf den Tisch legen und den Kopf schütteln.« Zum Glück hatte der Verfasser noch nicht von Tackern gehört [Heftklammern].

Bei den Nichtwegwerftips verstehe ich einen Tip nur wörtlich und verstehe ihn also nicht: »Gurkenschalen vertreiben frisch verwandt Russen und Schwaben«.

10. Dezember 2008

Lese jetzt Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten von Christian Kracht.

11. Dezember 2008

Erdbeben: Atlas’ müde Schulter.

Wer die Antwort hat, ist fragwürdig.

Versprecher eines Schülers: X sei »sagenumworben«. Auch nicht übel.

»Ich denke nicht im Traum daran …« – »Gerade dort.«

11. Dezember 2008

Ausblick:

Vielleicht einst jäh

Opfert uns

Nächtens sich die Welt.

Variantfassung:

Vielleicht einst jäh

Opfert sich

Uns nächtens eine Welt.

14. Dezember 2008

Hab mal wieder einen Teroldego Rotaliano der verehrten Elisabetta Foradori aufgemacht.

19. Dezember 2008

Ich werde häufig von Ohrwürmern geplagt, die von irgendwoher kommen und sich in meinem inneren Ohr einnisten. Woher sie sind, das weiss ich nicht. Warum ausgerechnet diese oder jene Melodie, weiss ich auch nicht. Gestern und heute Goodbye Mama von Ireen Sheer.

24. Dezember 2008

»Den Weihnachtsabend verbrachten wir in Stellung und stimmten, im Schlamm stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit Maschinengewehren übertönt wurden.« (Ernst Jünger, In Stahlgewittern)

29. Dezember 2008

»Ich glaube, dass solche Leute auch so schräg geworden wären ohne diese Art von Musik. Ich finde es immer sehr bezeichnend, dass es, wenn irgendwo ein Schulmassaker passiert, sofort heißt: kein Wunder, der Typ hat ja auch Heavy Metal gehört. Hat man jemals bei Josef Fritzl die Plattensammlung durchwühlt? Nee, hat man nicht. Man würde nicht hingehen und sagen, der hat die Kastelruther Spatzen gehört; kann es sein, dass sein Verhalten mit dieser Musik zusammenhängt?« Mille Petrozza in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28. 12. 2008, Nr. 52 / Seite →.

Der Philosoph Walter Patt ist, wie ich erst jetzt erfuhr, im Oktober verstorben. Mit Jünger stand Patt seit 1975 im Austausch. Viele Briefe gingen von Bonn nach Wilflingen und von Wilflingen nach St. Augustin. Patt besuchte Jünger (Jünger spendierte das Zimmer im Löwen), man sah sich bei Jüngers Schwägerin in Bad Godesberg. Die Korrespondenz befasste sich mit Nietzsche, immer wieder Heidegger und Der Arbeiter. Patt war Privatdozent an der Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz.

Ich blättere in den Briefen EJs an Patt und finde diese Zeilen, die ein guter Nachruf sind:

»Agadir, 23.1. 1977. Lieber Walter Patt, (…) Ich lese jetzt die sechs Bände des handschriftlichen Nachlasses von Schopenhauer. (Wenn ein Geist von überlegener Intelligenz auftaucht, werden sich alle Dummköpfe gegen ihn zusammen tun. Das Schicksal steht auch Ihnen bevor, wenn Sie sich nicht zurückhalten.) Herzlich Ihr Ernst Jünger«.

Wir kannten uns nur brieflich und vom Telephon. Das Telephon stand beim Nachbarn im Studentenwohnheim. Vielleicht wusste der gar nicht, dass Patt dort telephonierte. Walter Patt war ein feiner Mensch am Telephon, wir haben uns gut verstanden. 54 ist doch kein Alter. Ich hätte gern noch ein paar Mal mit ihm telephoniert. R.i.p.

30. Dezember 2008

»Bilden Sie einen Satz mit ›Sumpf‹!«

»Gern: ›Oft gerät man in Dinge hinein durch sein persönliche

s Umf

eld›.«

31. Dezember 2008

Viel sinnvoller wäre es doch, Neujahr zum Frühlingsanfang zu feiern. Und nicht mitten im Winter. Geschichtlich ist das so: der gregorianische Kalender wurde für die Finnen eingeführt. Damit die auch mal was zu feiern haben. Schliesslich ist da das halbe Jahr scheissedunkel und der Alkohol fies teuer. Da brauchte es mittendrin noch ein Fest. Also hat man Neujahr mittendrin reindefiniert. Das bringt zwar kein Licht ins Haus und macht auch den Alk nicht billiger, aber für wichtige Feste gibt man das Geld viel leichter aus, also ist’s auch egal, wenn der Stoff soviel kostet … Nun ja: Prost ihr Finnen, frohes neues Jahr. In eckigen Klammern: Hier gabs leckeren Sekt von Zwölberich (Demeter) und Bergdolt. Baumkuchen aus Aachen.

2009

1. Januar 2009

Feuilletonschmunzler des Tages, vorhin im Deutschlandradio: »Martin Walser möchte Kafka sein, aber es reicht ihm immer nur zum Thomas Mann.«

3. Januar 2009

Die Erkenntnis der Woche stammt von Josef Joffe und stand in der Zeit (à propos Unruhen in Griechenland): »Griechen sind Türken, die glauben, dass sie Italiener sind.«

4. Januar 2009

Es schneit!

5. Januar 2009

Mail an die Kunden: »Liebe Kunden, wegen des Schneefalls wurde heute in Hagen weder Post zugestellt, noch wurde Post abgeholt. Und das erst zum vierten Mal in den letzten 39 Jahren in Hagen. Deswegen konnten die Sendungen, die versandfertig hier in einer gelben Postausgangskiste auf das ebenfalls gelbe Postauto warteten, heute nicht ausgeliefert werden. Morgen aber (Dienstag) soll alles wieder ganz normal funktionieren, wie mir ›mein Zusteller‹ eben per Mail vermeldete. Ich bitte um gnädige Nachsicht für die unverschuldete kleine Verzögerung.«

6. Januar 2009

Post war eben da (1330h).

Ich freue mich immer über greifbar Bekanntes. Zum Beispiel sahen wir dieser Tage wieder einmal Jean-Pierre Jeunets Filme, zuletzt Die fabelhafte Welt der Amélie. Michael Sowas Schweinelampe würde sich bei uns auch gut machen, aber bei einem andern Gegenstand dachte ich: den kennste doch. Tatsächlich: Amélie hat das gleiche TV-Gerät wie ich.

Aus aktuellem Anlass (Nachrichten) ein kurzes Nachsinnen über unbeholfen-fatale Sündenaufhebungsversuche. Ohne darüber (Nachrichten) richten zu wollen, denn das steht mir nicht zu.

Das Minus-mal-Minus-gibt-Plus zählt beim Üblen nicht.

Lies: die eine Sünde (Gier) lässt sich nicht durch eine zweite Sünde (Mord, hier: Selbst-Mord) aufheben. Beides sind mit Absicht vollzogene Taten. Die eine merzt die andere nicht aus, sie verschlimmert, sie potenziert.

Ein Trugschluss ist es, die zweite Sünde als Selbstbestrafung für die erste Sünde selbst zu wählen. Das geht nicht auf, das haut nicht hin. Verantwortung sieht anders aus.

7. Januar 2009

1 Jahr Nichtraucher, konsequent, nicht einen Zug mehr seitdem. Davor 14 Jahre lang stark geraucht, zuletzt cirka 20 (oder ein paar mehr) Cigarillos am Tag (auf Lunge, was sonst). Hätte ich nie gedacht, dass ich das schaffen könnte; »téwé ohne kippe« war ein Szenario, das vollkommen ausserhalb der vorstellbaren Wahrscheinlichkeiten lag. [Hätte ich vorher gewusst, welche Geschmacksrevolutionen ich erlebe!]

Der Winter hält uns weiter auf Trab. Zwar kam die Post wieder, und ich bin auch mit Schlitterpartie gestern mittag zu meiner Steuerberaterin gekommen (und auch wieder zurück), aber heute ging’s schon wieder nicht mehr so richtig.

Silvia kam die Kurve am Friedhof nicht hoch mit unserm Auto und hat nach dem dritten Mal Halbhochfahren-und-rückwärts-wieder-Runterrutschen den Wagen am Strassenrand stehengelassen und mich angerufen. Ich ging ihr entgegen.

Wir trafen uns auf halber Strecke zwischen Feld und Wald und stapften dann im Dunkeln über die zugeschneite Strasse durch den dunklen Wald nach Hause. Die Luft war glasklar. Es war zwar lausekalt, aber es hat etwas Archaisch-Schönes, durch den verschneiten Wald zu gehen im Dunkeln, wenn der Schnee das Mondlicht reflektiert.

9. Januar 2009

»Microsoft gibt Vista verloren« schreibt heute Johannes Winkelhage im Kommentar in der F.A.Z.. Ich hab’ Vista jetzt seit etwas mehr als einem Jahr, hatte gedacht, ich gewöhn’ mich lieber frühzeitig daran und mache das lieber frühzeitig, da ich dann noch notfalls zurückwechseln könnte auf Windows.- Alle möglichen Programme und Geräte mussten neu angeschafft werden, etwa ein neuer Scanner, weil mein All-in-one-Gerät (HP) nur noch drucken aber nicht mehr scannen wollte unter Vista. Mein zugegebenermassen ziemlich alter Adobe-Distiller ging auch nicht unter Vista usw.usw. Einige gespeicherte Filme liessen sich auch nicht mehr angucken. Egal, alles irgendwie hingenommen mit nur mittellautem Murren und Pioniergefühl. Aber ich kann nicht verhehlen, dass ich mich nun über die Nachricht freue, dass es ein neues Windows geben wird. Hoffentlich ist dann nicht schon wieder ein neuer Scanner nötig …

Als Jünger eine Breker-Ausstellung besuchen wollte, wurde er von Studenten aufgehalten, die gegen die Ausstellung demonstrierten. O-Ton Jünger: »Wovor wollten die mich warnen, vor entarteter Kunst?«

10. Januar 2009

Es gibt Momente, die ein Gruss aus vergessener Vergangenheit sind, die im Erleben sich anfühlen, als sei man in einen Schwarzweissfilm geraten.

Vor ein paar Tagen klingelte das Telephon, da war ich gerade mit dem Abendessenkochen zugange, und hier zischte die Pfanne und da blubberte es im Topf usw. usw., kurz: ich ging nicht dran, spähte nur auf das Display, sah eine Südbadener Nummer (die so vertrauten 076er) und schon sprang der AB an.

Es sprach eine ehemalige Freundin/Bekannte meines Vaters, die ich gewiss seit 15 Jahren weder gehört noch gesehen habe, mit der mein Vater zerstritten war. Wie sie mir auf den Anruf»beantworter« sprach: das war so ein Moment in Schwarzweiss.

Insgeheim wartete ich auf einen zweiten Anruf gleich hinterher mit einer deutlicheren »Ansage«, denn die Anruferin gehörte für meinen Vater irgendwann zu den »Telephonterroristen«, wie er sie nannte. In meinem Buch über meinen Vater kommt sie auch vor, gekürzt so: »(…) Ingrid war ein burschikoser bis brutaler Typus, auch am Telephon; wenn der Anrufbeantworter, den Papa irgendwann mal hatte, dran ging und nicht Papa selbst, dann legte sie mit üblen Schimpfkanonaden los; einige Male haben wir ziemlich darüber gelacht, weil das immer stärker wurde bis irgendwann der Piep ertönte und das Band sich abschaltete. Und je stärker sie schimpfte und rohrspatzte, desto absurder wurde der Gedanke, ihren nächsten Anruf überhaupt entgegenzunehmen (…)«.

Das Schwarzweissgefühl ist mit der Verblüffung des Farb-Einspenkels (Gegenwart), denn das im Buch (bzw. im Manuskript, ist ja vorerst ungedruckt) beschriebene ist als Vergangenheit begriffen und also abgehakt; und wenn diese abgeschlossenen Dinge plötzlich wieder Leben für sich reklamieren und sich rühren, dann ist das ein ganz unwirkliches Gefühl.

13. Januar 2009

Sowohl in der Süddeutschen Zeitung als auch in der F.A.Z. wurde heute anlässlich des TV-Programms Guido Knopp zitiert, der die »wahre« Stauffenberg-Story erzählen wolle im ZettDeEff.

Das bringt mich zu einer ergänzten Wiedervorlage:

Nicht nur, dass die wahren Wahrheiten immer so inflationär sind. Historische Wahrheit ist sowieso so eine Sache.– Das habe ich ja schon einmal à propos Guido Knopp geschrieben, flankiert vom F.A.Z.-Zitat: »Geschichte ist nicht das, was Guido Knopp dafür hält« (Claudius Seidl). Helmut Krausser schreibt in seinen Tagebüchern (aus dem Gedächtnis zitiert): »Guido Knopp ist für die Geschichtswissenschaft das, was Jürgen Fliege für die Fundamentaltheologie ist.«

Auch wenn das hier vielleicht so aussieht: ich will kein Guido-Knopp-Bashing betreiben, ich kenne ihn schliesslich nicht persönlich, vielleicht ist er ja ein angenehmer Mensch, mit dem sich trefflich Plauderey betreiben liesse bei einer guten Flasche Wein. [Und selbst wenn nicht, so wäre das kein Grund für pauschale Kritik]. Sein Name ist mir nur Chiffre für eine mit ziemlichem Brimborium aufgefahrene Schmalversion von Geschichte, die allenfalls ein schwachbrüstiges Halbwissen generiert. Man mag einwenden, dass es ein Verdienst sei, vielen Ahnungslosen wenigstens ein Halbwissen zu vermitteln, da Halb immer noch mehr als Nix ist. Gegen diesen Einwand weiss ich nichts zu entgegnen. Auch nicht gegen den Einwand, dass das Medium TV zur besten Sendezeit eben keine mehrschichtige Analyse erlaubt. Aber im Fünfteiler Hitlers Fusspfleger muss nicht jeder Einsatz der kleinen Feile à la »Leni Riefenstahl meets High Noon« aufgemacht werden …

15. Januar 2009

Auf manchem Boden kannst du pflanzen wie du willst, da kommt nix durch, da ist nix drin im Boden, das rauskommen könnte. Dauerdämmer, Kopfbrache.

Heute wurde ich (wie oft) nach einem Beleg für ein Jüngerzitat gefragt, das wie folgt laute: »Das Wunder ist die Substanz, von der das Leben zehrt« Ich hab’s zunächst nicht gefunden [es ist aus den Strahlungen, 5. 5. 1943], aber mir fiel aus dem Arbeiter (Kapitel 58) dieses ein: »(…) und wiederum ist der Tod die Nahrung, von der das Leben zehrt.« Für sich genommen ist beides nicht sehr erhellend. In Analogie gesetzt, finde ich’s aber doch interessant.

Ich musste auch unwillkürlich an Carl Schmitts Ballade von Sub-Stanz und Sub-Jekt denken …

Mit »interessant« meinte ich oben übrigens nicht »einleuchtend«. Mir leuchtet weder der eine Satz, noch der andere ein; nur die Analogie, die letztlich auf Tod=Wunder=Leben hinausläuft, ist etwas, über das sich nachsinnen liesse; etwa, ob das dann kyklisch sei.

»Was ich tue, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren« (Johannes, 13,7).

16. Januar 2009

Im Heute Journal hiess es eben mal wieder: nach dem Mörder eines jungen Mädchens werde »fieberhaft« gesucht.

Ich glaube, es war Bastian Sick, der darauf hinwies, dass er hoffe, dass besonnen und klaren Geistes solche Suchen vollzogen werden und eben nicht mit trübem Blick und fieberwirrer Wahrnehmung …

19. Januar 2009

Stapele Bücher und trinke Tee dazu.

Ein Unentschiedener, nach seinem französischen Lieblingsdichter befragt: Rimbaudelaire.

20. Januar 2009

Mmpft-tata in Washington

Mmpft-tata ein Mastodon

Stampft festen Schritts einher

Zum Rosenhag durch’s Blütenmeer.

21. Januar 2009

Im Nachtmagazin wurde Guido Knopp heute anlässlich der Premiere von Thomas Kreuzers Film Walküre befragt. Er nannte den Film Mission Impossible 4, wofür er meine schmunzelnde Zustimmung hat. Als Verdienst des Filmes stellte Knopp heraus, dass so viele, für die Deutschland nur Hitler ist, erfahren, dass es mehr gab als nur Nazis. Wenn das so ist: D’accord.

23. Januar 2009

Auf der Suche nach ein/zwei Daten in alten Tagebüchern festgelesen, die Bände 1998 bis 2001 quergeblättert. Das Gesuchte nicht gefunden, viel aber wiedererkannt und mit einem Frösteln fremd gefunden. Diese merkwürdigen freiburger Zustände, die vielen Fragezeichen, das Blindtasten, die Unruhe. So sehr mein Herz an Freiburg hing, so froh war ich, als ich die Kisten packte und mit einem gemieteten klapperigen LKW mit all den Büchern und Habseln aufbrach.

24. Januar 2009

In einer Wette behauptete ich jüngst, dass Jürgen Dollase in seinen Gourmetkritiken mindestens 5mal das Wort »Texturen« (inklusive Varianten) pro Artikel verwende. Um dies zu belegen, werde ich hier nun mal Buch führen.

F.A.Z. vom 24. Januar 2009, Dollase über Hans-Stefan Steinheuer in Bad Neuenahr. Erste Nennung in Zeile 35: »Die Kohlrabischeiben sind mit Absicht eher weich und nicht bissfest gehalten, weil sich nur so durch Texturähnlichkeit eine Vermischung mit der Taube ergibt«; »Beim ›Hummer und Kaisergranat in Grapefruitgelee mit weißer Pfeffermelange‹ wird die Textur des Kaisergranats zwischen fester Glasigkeit im Kern und einer kräftigen Bratkruste auffallen«; »Die Jakobsmuschel und der Sepia-Reischip sorgen für texturelle Verbreiterungen«; »Die Würze kommt von der prächtigen Stockfischzubereitung, die alle Texturen mild einfasst.«; »Wie bei den herzhaften Gerichten auch gibt es mit einer gebackenen Nougat-Praline, einem Traubensaft mit Rosmarininfusion und den Aprikosen weitere aromatische und texturelle Umspielungen.«

25. Januar 2009

Werbung im TV gesehen. Gutes Gefühl, als Nichtzielgruppe mich auch nicht angesprochen zu fühlen.

27. Januar 2009

In meiner Jünger-Sammlung achte ich nicht nur auf Auflagen, sondern auch auf Varianten innerhalb einer Auflage. Einbandvarianten wie Halbleinen/Ganzleinen/Broschur selbstverständlich, aber auch Varianten wie abweichende Rückentitel usw.

Gestern stellte ich fest, dass es bei einer Ausgabe (In Stahlgewittern, Lizenzausgabe der Deutschen Hausbücherei) in der Halblederausgabe unterschiedlich farbige Lesebändchen gibt. Ich habe ein Exemplar mit blauem und eines mit grauem Lesebändchen.

Habe beschlossen, dass das zu weit geht …: Das eine Exemplar kommt also ins Antiquariat.

28. Januar 2009

Wenn ich mal ganz viel Zeit habe, möcht’ ich eine grossangelegte Studie verfassen über Formen der Lächerlichkeit als Lebenszweck. [damit meine ich gar nicht, dass viele Leute es toll zu finden scheinen, sich zum Affen zu machen, oder sich irgendwie gesellschaftlich oder politisch provokativ zu exponieren, die Phase hat jeder Mal …, wobei es im Politischen besonders viel Anschauungsunterricht gibt zur Fragestellung.]

30. Januar 2009

Jürgen Dollase schreibt morgen in der F.A.Z. über Philippe Gaertner (Hinterweltküche) und hat offenkundig von meinem Texturzähler gehört, denn das Wort Textur kommt nicht vor, nicht einmal. (F.A.Z., 31. 01. 2009, Nr. 26 / Seite →.) »Akkord« aber auch nicht!

31. Januar 2009

Vorhin sah ich dieses Wortungetüm: »Enttäuschungsbefreiungsbewegung«, und ich rätselte, ob es Befreiung von Enttäuschung sein solle oder Befreiung der Enttäuschung. Die Bezüge sind ja auch nicht immer klar. Im TV-Film Das Papstattentat (den ich wegen Gesine Cukrowski anguckte) war das Papstattentat ein Attentat auf den Papst; der Untertitel zum neuen Thomas Kreuzer-Film Walküre heisst Das Stauffenberg-Attentat, meint aber ein von Stauffenberg ausgeführtes Attentat. Hingegen war das Puddingattentat anno 1968 weder ein Attentat eines Puddings noch eines auf einen. Allerdings war es auch nur ein Plan und glückte nicht.

5. Februar 2009

Stiess eben wieder auf ein Exposé zu einem Roman, den ich wohl leider nicht schreiben werde, über das ich mich aber jedesmal freue, wenn ich es sehe. Untertitel: Ein kitschomantisches Erweckungsdramolett.

Den Haupttitel und die Story verrate ich jetzt nicht, denn vielleicht schreib ich’s ja doch mal irgendwann und dann wär’s schad, wenn die schöne Idee von einem andern schon verwurstet wäre.

7. Februar 2009

Was gewesen – ist vorbei

Was noch kommt – ist einerlei

Was jetzt geschieht ist echt

Vielleicht, vielleicht, zurecht.

10. Februar 2009

Am Freitagabend war ich kurz mal Leichenträger zwischen zwei Gängen im Schloss. Der Bart des Verschiedenen war nicht echt. Der Abend war amüsant und das Essen ganz ordentlich. So ein Abend steht und fällt mit den Tischnachbarn. Unser Tisch war angenehm.

11. Februar 2009

Lese zur Zeit Die Vermessung der Welt von Kehlmann.

12. Februar 2009

Neu im Kino! Nach dem grossen Erfolg von Tom Cruise in Operation Walküre ist nun ein zweiter berühmter Schauspieler in einer grossen Rolle aus dem Nazireich zu sehen:

Arnold Schwarzenegger ist Der Vergessinator. In 88 packend-spannenden Filmminuten wird das umfassende Vergessen eines tumben Tors dargestellt, der post festum sich intellektualisierte.

Das Drehbuch schrieb Günter GraSS nach einer Idee von Walter JeNS.

Wie heute erst bekannt wurde: der Soundtrack ist von HaNS Werner Henze.

Stadtmagazin München: Der »patriarchalische Gastwirt Helmut Wimbauer sitzt wegen einer Kunstausstellung vor Gericht«. Vorsorgliche Klarstellung: das bin nicht ich (Tobias Wimbauer), das ist nicht mein Vater (Herbert Wimbauer). Ich nutze die Anregung zur Richtigstellung eines Familienmärchens, die Herkunft meines Nachnamens betreffend:

Papa hatte mir mal gesagt, der Name Wimbauer wäre die im Laufe der Jahrhunderte abgeschliffene Form von Wimmertbauer; also der Weinbauer (Wimmert analog zum badischen Wengert und schwäbischem Wingert oder andersherum, ist der Weinberg). In Wirklichkeit kommt der Name vom Widumbauer bzw. Wittumbauer. Das Widum ist als Mitgift gegebenes Land/Hof. Von wegen Winzer.

13. Februar 2009

Jürgen Dollase schreibt morgen in der F.A.Z. über das Tschifflik in Zweibrücken. Die textur- und akkordlose Zeit hat ein Ende, er beglückt uns mit beidem, und das auch noch in einem Satz: »Es ist nur Textur und dennoch ein wesentlicher Bestandteil, der die Wahrnehmung der Pulpo-Stückchen deutlich beeinflusst und gleichzeitig im Akkord mit der Velouté einen zarten Mittelgrund bildet.« Akkord kommt noch einmal: »Sowohl den expressiven Schafskäse mit seinen vielen Kräutern als auch die stark gewürzte Wurst muss man verdünnen, um sie akkordfähig zu machen« (F.A.Z., 14. 02. 2009, Nr. 38 / Seite →).

Seit neuem gibt es eine Vereinigung der Gourmets für straffreien Verkauf und Verzehr von Schlümpfen, die es sich zum Ziel gemacht hat, den diskriminierenden Verboten des Schlumpfverzehrs durch Aufklärungsarbeit und der Herstellung von Kampagnenfähigkeit entgegenzuwirken. Ich bin der Organisation beigetreten, nachdem ich durch eigene Anschauung auf das Problem minderwertiger Importware gestossen war. Der Import minderwertiger Ware aus dem Osten ist nämlich ein Problem, das immer häufiger in der »Szene« auftritt. Als ich jüngst meinen Gästen Schlumpfstopfleber à la Siebeck präsentierte, vermochte zwar der Blautrüffel den unidentifizierbaren Beigeschmack zu mildern, aber die Textur war gummiesk und zeitigte einen Missakkord. Ich nehme fürderhin nur noch Bioschlumpfstopfleber aus dem Elsass. Adressen nenne ich hier aus naheliegenden Gründen nicht.

14. Februar 2009

Morgen in der Sonntags-F.A.Z. befasst Jürgen Dollase sich mit dem Bärenkrug (Molfsee bei Kiel): » (…) der Strufbutt, der in der Textur eher an eine Scholle als an einen Steinbutt erinnert (…).«

16. Februar 2009

Starte in den Tag mit einem Earl Grey. Hatte heute stundenlang kein Internet. Sehe es schneien, derweil ein Reh über das Feld gegenüber rennt. Mittagsessen: Trüffelbandnudeln mit Sösschen.

Aus einem Brief meines Vaters vom 1. September 1998: »(…) An Herrn Heinrich Heine hat mein Missvergnügen nie abgenommen. Gewiss, mehrere Gedichte treffen (z. B. die von Schubert vertonten späten) aber, als ich vor 2 Jahren wegen Hegel nochmals Heines Schrift über die deutsche Philosophie damals las, packte mich derselbe Ingrimm wie vor x Jahren bei erster Lektüre. Weshalb er heute so gross gehandelt wird? Das ist mir auch bei Fontane so ein Rätsel. Vielleicht, weil man heute kein Organ für wirkliche Grösse hat. Wer kennt überhaupt noch Schelling?

Heine hat oft etwas intellektuelles und auch amüsant-frivoles, vielleicht trifft dieser Ton die Zeit, der ja auch nichts heilig ist. Je leerer die Seelen, desto lieber amüsieren sie sich. Im 18. Jahrhundert nannte das aufgeklärte Mode-Wesen ja sogar Voltaires Literatengehabe – Philosophie! Roman Herzog bezeichnete Mr. Heine ja wörtlich als ›grossen Dichter und grossen Denker‹. Was ich ihm schwer verübelte, seither ist er bei mir tief gefallen auf der Skala meiner Respekte!

Ach unser Winter! Welch ein schöner milder Winter doch dieser letzte Monat hier war! Nur ein bisschen Schnee fehlte noch, wir standen kurz vor’m ersten Nachtfrost.«

17. Februar 2009

Das in den 1990er Jahren beliebte Computerspiel Wolfenstein 3D erscheint in einer Günter Grass-Edition, die sich durch zwei Sonderwaffen auszeichnet: die Killerpfeife und der Wurf-Butt. Ab dem 20. April erhältlich beim Grass-Merchandise Ihres Vertrauens und bei allen SPD-Geschäftsstellen.

Ich will nun, nachdem 1100 Menschen sich das Video angeschaut haben bei Youtube, doch mal klarstellen, »was Sache ist«, wie man so sagt. Es geht um das Video Ernst Jünger beim Heckenschneiden?, das ich im Juni 2008 bei youtube reinstellte.

Vorweg die Auflösung: gezeigt wird unser Hausnachbar beim Schneiden der Hecke zwischen Haus und Bach. Gedreht habe ich das Video im Juni 2008. Betitelt habe ich es mit Jünger beim Heckeschneiden?. Mit Fragezeichen.

Es gab viele Mails dazu, auch ein paar Kommentare bei youtube, einiges war ziemlich interessant. Die detektivische Bandbreite reichte vom Statement, dass Jünger keine Jeans getragen habe [was nicht stimmt, ich habe mindestens 2 solche Photos in Archiv] bis zur genauen Analyse des Videos mit dem Schluss, dass es nicht Wilflingen sein könne, weil es in Wilflingen keine Rotbuchenhecke geben würde, die der abgefilmte Herr augenscheinlich hier bearbeite.

Ein Freund legte mir das mit der Hecke ausführlich dar, nannte die tatsächlich in Wilflingen vorkommenden Heckenarten usw. usw. und ich klärte ihn auf, dass es sich um Ironie handle, da es ja völlig absurd sei, dass wir uns für eine 26-Sekunden-Aufnahme von Jünger beim Heckenschneiden interessieren könnten. Er schrieb zurück: »Da sieht man mal, wie verbissen man oft an Jünger rangeht.«

Genau das wollte ich aufzeigen.

19. Februar 2009

Übrigens: Mir ist das Licht im Dunkel der Evolution von gezähmten Viren egal.

20. Februar 2009

Hier schneit’s schon wieder. Singe: »frilling, frilling, nimm mis in deines armes.«

22. Februar 2009

Gucke raus und sehe viel Nebel.

23. Februar 2009

Im Jahrbuch Diktynna ist mein Schnee mit Blättern drunter drinnen.

24. Februar 2009

*Sing* mein allereinz’ger Lebenszweck / ist Buchankauf und Buchschnellweg.

26. Februar 2009

Sandstrand ist: auf die Knie fallen ohne dass es weh tut.

27. Februar 2009

Hier regnet’s schon wieder; ziemlich grau draussen.

Machte einen Hommage-à-Konrad Lorenz-Ehrenmarsch (auf allen Vieren mit den Katzen durch die Wohnung) als Auftakt zum Jahrestag.

Jürgen Dollase beglückt uns nach ziemlicher Textur- und Akkordabstinenz morgen in der F.A.Z. gleich mehrfach. Dollase schreibt über Kevin Fehling in Travemünde (Restaurant La Belle Epoque / Columbia-Hotel): »Vom Bulgur und einer Kaffir-Limonencreme ist der Hummer gut eingefasst, wird dezent texturell und mild aromatisch begleitet«; »Bei der Gebratenen Bio-Gänseleber, mit Zitrusfrüchten in Texturen«; »eine erheblich ausgeweitete aromatische und natürlich auch texturelle Breite«; »Der herzhafte Gänsetee funktioniert als würziger Wechselakkord und ermöglicht einen gesteigerten Frischeeindruck für die nächste Portion Foie gras mit Texturen von Zitrusfrüchten«; »in textureller Inszenierung der Aromen«.– Akkord: »Isst man es aber nach dem Hummer als Wechselakkord, schlägt das Gel ein wie der Blitz«; »weil sie nicht mehr oder weniger in einem Gesamtakkord verschwinden«; »Der herzhafte Gänsetee funktioniert als würziger Wechselakkord«; »eben nicht schnell zum Gesamtakkord zusammenfließend« (F.A.Z., 28. 02. 2009, Nr. 50 / Seite →).

1. März 2009

Frisch geduscht, leckerer Cabernet im Glas, schlafende Katze auf dem Monitor. Was will man mehr.

2. März 2009

Zurück von einem Spaziergang durch Feld und Wald. Tut gut.

Neues Buch: Wenn ich es nicht veröffentliche, nehme ich dem potentiellen Leser die Möglichkeit, das Buch zu erkunden …

… wenn doch, wird es da sein. Es existiert. Und es kann gelesen werden.

Das WORT ist doch letztlich alles, hat seine eigene Magie, ganz egal, ob jemand hinguckt, hinhört oder liest. Das Wort ist da. Es ist.

4. März 2009

Nebel draussen, Regen draussen. Wie schön, nicht raus zu müssen.

6. März 2009

Bin durch mit Vermessung der Welt und beginne nun Ruhm (beides von Daniel Kehlmann).

Tagesabschluss:

Was ich geliebt, ist mir geblieben

was ich nicht wollt’,

hab ich gemieden.

7. März 2009

Jürgen Dollase schreibt morgen in der Sonntags-F.A.Z. über das Le Noir in Saarbrücken. Und erfreut uns mit allerlei Texturen: »ein kleines Meisterwerk an millimetergenau aufeinander abgestimmten Aromen und Texturen: perfekt!«; »Apfelstrudel en texture«; »ein breites Spektrum an Texturen und Aromen«.– Kein Akkord im Text. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08. 03. 2009, Nr. 10 / Seite →).

8. März 2009

Je mehr in Köln das Archiv verschüttet und zementiert wird, bekommt der Satz: »Kultur ist unser Fundament« eine praktische Bedeutung.

9. März 2009

Kalauer zur Nacht: was sind beriemte Schulbuchtransportbehälter mit Blechblasmusikbefürworterbekundungen drauf? (Pro-Tuba-Ranzen).

11. März 2009

Am Tresen stand im Zapferkleid

Ein Mann von großer Tapferkeit,

Jedoch nicht eben Tugendhaft,

Daher einst oft in Jugendhaft.

(um 1999/2000)

13. März 2009

Jürgen Dollase schreibt morgen in der F.A.Z. über Filip Claeys im Brügger Restaurant De Jonkman. Der Texturzähler kann gleich mehrfach punkten: »Es beginnt mit einer Gurkenkomposition, die exemplarisch zeigt, wie Textur Aromen inszeniert«; »wie stark die Gleichzeitigkeit mehrerer Texturen und Temperaturen wirkt«; »eine hochfeine Binnendifferenzierung in einem aromatisch milden und texturell engen Spektrum«; »Davor liegen einige texturelle Ergänzungen und Kontraste«.– Akkord: negativ.

14. März 2009

Um das Hugenottenfeuer

flogen Hugemotten heuer.

18. März 2009

Auch die alte Leier sang schöne Lieder mir.

25. März 2009

… das glühend loch auf meinem stuhl, das ist mein rücken wohl gewesen …

Bin gut gelaunt trotz Schneematschregenbähwetter.

als ich heut früh erwachte

dachte ich ans eingemachte

shit, ich umnachte

geistig, sachte.

Freue mich über gute Rez zu meinem Buch Lagebericht.

Zu freiburger Zeiten hatte ich ein Gedicht von Charles Bukowski an die Türe geheftet, das hatte ich mit meiner Reiseschreibmaschine abgetippt. Das schien mir passender zu sein als eine Kopie oder ein Scan. Das Gedicht handelte vom trinkbaren Freund. Mit den Monaten bekam das Blatt Knicke vom Dranvorbeilaufen, Ranschrammen, Ranstolpern, und Risse und irgendwann war das Blatt weg.

Auf Bukowski kam ich dann später wieder, in Hagen. Ich las seine Erinnerungen/Romane, die Tagebücher, die Briefe [die Briefe! wer Buk nie mochte: die Briefe sind toll! → perfekter Einstieg]. Und dann wollte ich dieses eine Gedicht wieder lesen, wiederfinde, das mir in den letzten Freiburger Monaten so viel gesagt hatte.

Ich habe hier im Regal eigentlich alles Gängige von Buk. Auch ein paar seltenere deutsche Ausgaben. Leider nix Signiertes (kommt noch). Aber ich müsste eigentlich ziemlich komplett sein. Gelesen habe ich nicht alles, quergelesen aber schon. Wäre das Gedicht dabei gewesen, hätte ich es gewiss entdeckt.

Vielleicht war es auch dabei und ich habe es nicht mehr erkannt. Vielleicht nicht, weil es ein anderes Gedicht geworden ist, sondern weil ich die Magie nicht wiederfand. Bei dem ein und andern dachte ich: das ists. Aber ich fand dann die zwei, drei Verse nicht darin, die ich im Kopf hatte. Nicht mehr wörtlich, nurmehr als Melodie, wenn überhaupt, als Gefühl, als Stimmung, als eine Mischung von Licht und irgendwas Nichtgreifbarem.

Von 2001 kam vor ein paar Tagen der neue Taschenbuchband 439 Gedichte. Ich hatte zu spät gemerkt, dass ich die Texte eigentlich schon alle habe, schliesslich gab’s ja auch mal den ähnlich bezifferten Leinenband von auch 2001 (?). Egal, jetzt liegt er hier auf meinem Schreibtisch und immer wieder zwischendurch greife ich danach und schlage ihn irgendwo auf.

Die Verse von meiner freiburger Türe finde ich wohl nicht mehr wieder. Zu fremd ist mir diese Zeit geworden, zu weit weg, die Magie der Verse und bestimmter Momente ist als Gefühl nicht mehr greifbar. Im Rückblick verfärbt sich all das wie ein Polaroid, das zu lang an einer Pinnwand hing.

27. März 2009

Ich holte den Leinenband der 439 Gedichte aus dem Regal und sah, dass er gänzlich identisch ist mit der eben erworbenen Taschenbuchausgabe. Egal. Meine Leinenausgabe erwarb ich gebraucht bei eBay. Vorn ist eine Widmung an den Vorbesitzer drin: »In der Hoffnung, dass du mir noch an vielen Abenden hieraus vorlesen wirst! von Birgit am 22. 2. 2003«. Ich bekam das Buch im März 2006. Hat also nicht so lang’ gehalten, das mit dem Vorbesitzer und dieser Birgit. Sie hätten sich vielleicht erstmal anderes vorlesen sollen.

Jürgen Dollase ist wieder geneigt, unseren Texturzähler foppen zu wollen. Auf die von mir favorisierten »Texturen« verzichtet er in seinem Beitrag in der morgen erscheinenden F.A.Z. gänzlich, dafür bringt er den von Wall of Time ins Spiel gebrachten »Akkord« gleich zwiefach: »… Schon früh hat er sich mit dem Akkord von Wein und Essen beschäftigt …«; »Selbst ein kleiner Bissen davon zerstört jeden mögliche Akkord«. Fürs Protokoll: Dollase schreibt über den ehemaligen Dreisternekoch Alain Sederens in Paris (F.A.Z., 28. 03. 2009, Nr. 74, Seite →, Abgespeckte Meisterküche).

28. März 2009

Bildunterschriften sind stets so zu formulieren, dass sie das auf dem Bild Gezeigte benennen und mit zusätzlichen Informationen spiegeln. Hier ein Beispiel aus der Badischen Zeitung (Freiburg) vom 27. März 2009:

29. März 2009

Derzeit wird in Zeitungen und im Internet mehr oder weniger informiert und mehr oder weniger ernsthaft bis aufgeregt über Fragen des »Open Access« (bei manchen aka »Open Enteignung«) diskutiert, darein mengt sich die Diskussion über das Vorgehen von Google: ganze Bibliotheksbestände werden gescannt und online gestellt.

Als Autor, Rechercheur, Informationsjunkie und Dauersurfer bin ich in jede Richtung befangen. Beim Versuch zu sagen, was ich nun von Google Buchscan / Open Access halte, kam ich zu dem Schluss, dass ich die Buchscans befürworte, wenn sie nicht so durchgeführt werden, wie von Nicholson Baker in Der Eckenknick geschildert, nämlich mit ersatzloser Vernichtung des Originals nach dem Scan. Die erzürnt Baker zurecht.

1. Als Autor. Als Autor bin ich natürlich an der Verbreitung meiner Texte interessiert. Nicht zuletzt aus pekuniären Gründen. Denn nur ein verkauftes Buch bringt etwas ein.

2. Als Rechercheur. Als Rechercheur für beispielsweise mein Buch Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers (Freiburg 1999: Rombach; 2. Aufl.: Schnellroda 2003: Edition Antaios, derzeit vergriffen1) bin ich auf gute Quellen angewiesen für Lebensdaten, Zitatverifikation usw. Und da führte früher kein Weg an gedruckten Quellen vorbei, da Onlinequellen oft widersprüchlich waren. Durchsuchbare, gescannte Bücher lösen da allerhand Probleme im Handumdrehen. Es werden mit einem Klick Quellen verfügbar, nach denen ich mir vor 10-12 Jahren bei meinen Recherchen fürs Jüngerregister noch die Füsse wundlief.

3. Als Leser und Autor. Schon mehrfach habe ich über Googlebuchdings in Bücher hineingesehen, ebenso mit der SearchInside-Funktion von Amazon. Und einige der Bücher habe ich nach 1-2 angesehenen Probeseiten dann gekauft und gelesen, oder zur Lektüre irgendwann in die Regale gestellt. Manches Buch allerdings habe ich nach Durchsicht einiger gescannter Seiten ganz bewusst nicht gekauft.

4. Als Autor. Von mir sind im Moment zwei Bücher komplett verfügbar bei Googlebuch: Mein Jüngerregister in der 2., überarbeiteten und erweiterten Auflage von 2003, und Anarch im Widerspruch. Neue Beiträge zu Werk und Leben der Gebrüder Jünger von 2004.

Wenn man nun in diesen beiden Büchern sucht, bekommt man 5-Zeilen-Schnippsel angezeigt und mehr nicht. Man kann also nicht einmal ganze Seiten oder mehr lesen. Kurz: Wenn jemand etwas sucht, etwa einen Namen, dann findet er rasch, ob er im durchsuchten Buch fündig wird – oder nicht. Aber sich durch ein ganzes Kapitel mit diesen Schnippseln durchzusuchen, das dürfte jedem zu aufwendig sein, und wenn das Buch nicht absolut verschollen ist, wird man eher das Buch leihen oder kaufen, als da sich die Finger wund zu frickeln. Und auch die recht comfortable Search-Inside-Funktion von Amazon, die zwar ganze Seiten anzeigt, aber eben nicht mehr, führt nicht dazu, dass das Buch dadurch unkaufwürdig wird.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jemand, der regelmässig mein Jüngerregister nutzen will, oder jemand, der den Anarchen im Widerspruch lesen will, dass dem ein PDF o. ä. nicht genügt. Über 300 Seiten liest man nicht am Bildschirm. Die druckt man sich auch nicht aus. Die will man als Buch.

Und wenn doch: jemand der das tut, würde das Buch auch nicht kaufen, wenn es nicht online im Volltext verfügbar wäre. Der würde warten, bis jemand die Datei irgendwo hinstellt. Oder eben auf die Lektüre verzichten.

Oder er würde in die nächste Bibliothek gehen und sich das Buch ausleihen oder per Fernleihe kommen lassen. Im Gegensatz zur Online-»Fernleihe« via Buchscan, regt sich darüber niemand auf. Weil das ja zum Bildungsauftrag des Landes gehört usw. Die Onlinebibliothek ist aber vielleicht die adäquate Ausformung des Bildungsauftrags für das 21. Jahrhundert? Nicht? Doch!