Halo: Der zerbrochene Kreis - John Shirley - E-Book

Halo: Der zerbrochene Kreis E-Book

John Shirley

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Beschreibung

Der neue Roman aus dem HALO-Universum! Jahrhunderte bevor die Allianz sich einen erbarmungslosen Krieg mit der Menschheit lieferte, brach ein ähnlich zermürbender Schlagabtausch zwischen den Propheten und den Sangheili aus. Die beiden mächtigen Völker stritten sich um die geheiligten Artefakte der mysteriösen Blutsväter. Auswirkungen dieses legendären Krieges sind bis in die Gegenwart der HALO-Saga spürbar ...

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ISBN 978-3-8332-2125-5

Weitere Infos und Titel unter:

www.paninicomics.de

der zerbrochene kreis

Roman

John Shirley

Ins Deutsche übertragen

von Andreas Kasprzak

Deutsche Ausgabe: Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87, 70178 Stuttgart. Translation copyright © 2015 by Microsoft Corporation. All Rights Reserved.

Amerikanische Originalausgabe: „HALO: Broken Circle“ by John Shirley published by Gallery Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., New York, November 2014.

Copyright © 2015 by Microsoft Corporation. All Rights Reserved. Microsoft, 343 Industries, the 343 Industries logo, Halo, and the Halo logo are trademarks of the Microsoft group of companies.

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.

No similarity between any of the names, characters, persons and/or institutions in this publication and those of any pre-existing person or institution is intended and any similarity which may exist is purely coincidental. No portion of this publication may be reproduced, by any means, without the express written permission of the copyright holder(s).

Übersetzung: Tobias Toneguzzo & Andreas Kasprzak

Lektorat: Thomas Gießl für Grinning Cat Productions

Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest

Chefredaktion: Jo Löffler

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-8332-3126-1

Gedruckte Ausgabe

ISBN 978-3-8332-3009-7

www.paninicomics.de

Für alle Fans des Halo-Universums,

ob in diesem Sonnensystem

oder an einem anderen Ort in der Galaxis.

PROLOG

San ’Shyuum-Sangheili-Krieg

Schlacht um den Planeten von Blau und Rot

Ca. 860 Jahre vor unserer Zeitrechnung

Das Erste Zeitalter des Konflikts

Mken ’Scre’ah’ben, ein Hoher Meister der Heiligen Relikte unter den San ’Shyuum, schwebte auf die offene Schleuse zu. An der Tür hielt er seinen Antigravsessel an und lauschte fasziniert dem dissonanten Gesang einer fremden Welt: dem Heulen der Winde, die endlos über den Planeten fegten.

„Der Feind ist direkt hinter diesem Bergzug, Hoher Lord“, warnte ihn der Vogt, sein militärischer Berater und – theoretisch – sein Leibwächter. „Es gibt keinen Grund, die Kapsel zu verlassen. Es wäre weiser, Ihr beobachtetet das Geschehen mithilfe des Auges aus dem Orbit. Die Sangheili sind wilde und listige Krieger.“

Der Hohe Meister Mken machte eine abfällige Handbewegung. „Ich bin noch nie hier gewesen, und ich will diese Welt mit meinen eigenen Augen sehen. Außerdem ist es nicht so, als wäre dies meine erste Schlacht. Aber falls Ihr besorgt seid, Vogt, will ich mich in Vorsicht üben. Mein Sessel verfügt über Waffen – und Ihr seid ja auch noch da. Bleibt in meiner Nähe, aber stört mich nicht.“

„Es ist eine Freude, Euren Befehle nachzukommen.“ Der Vogt hielt sich zurück, während er seinen Antigravgürtel justierte und geräuschvoll sein Impulsgewehr überprüfte. Er schien ein wenig verärgert darüber, dass man ihn in die Schranken gewiesen hatte. Doch zweifelsohne war auch ihm klar, dass Mkens Sessel einen deutlich besseren Schutz bot als seine Waffe; tatsächlich wäre der Hohe Meister in einer besseren Position den Vogt zu beschützen als anders herum.

Dennoch, und trotz seines sorglosen Benehmens, hatte Mken durchaus Respekt vor dieser Welt. Er hatte nicht allzu viel Vertrauen in die Kraftfeldgeneratoren, die in der Nähe der Kapsel aufgestellt worden waren – sie konnten den Wind abhalten, aber würden sie ihn auch vor einem Angriff bewahren? Er suchte den Himmel nach Sangheili-Kampffliegern ab, während er mit seinem Sessel durch die Schleuse der Landekapsel glitt, dann hielt er inne. Über dem von Brandflecken gezeichneten Boden schwebend, neigte er seinen langen, goldenen Hals mit geschmeidiger Selbstsicherheit hin und her und sog die scharfen Farbkontraste der windgepeitschten Dünen und Felsvorsprünge in sich auf, welche den Hauptkontinent des Planeten dominierten.

Die heulenden Böen, die ständig ihre Richtung änderten, waren teils auf die Himmelskörper zurückzuführen, welche dieser Welt auch ihre zwiegespaltene Farbpalette verdankte: der blaue Zwerg, der links von Mken am Himmel hing, und der ungleich größere rote Riese rechter Hand, welche beide nur fünfundvierzig Grad über den gegenüberliegenden Horizonten kauerten. Auf Befehl des Hohen Meisters hin hatte die Kapsel genau auf der Violetten Linie aufgesetzt, damit er die blaue Landschaft auf der einen Seite und die rote Landschaft auf der anderen genießen konnte. Hierarch J’nellin hatte nicht übertrieben, als sie den farblichen Kontrast diesseits und jenseits der Violetten Linie in ihren Schriften als eines der Wunder der Galaxis bezeichnete. Die Vorsprünge und Dünen links von Mken waren in verschiedenste Blautöne getaucht, der Sand heller, die Felsen dunkler; und zu seiner Rechten war das gezackte Land ganz und gar rot, mal gedämpft, mal strahlend, bis zum fernen Horizont. Allein auf der relativ schmalen Violetten Linie vermengten sich die Farben. Die beiden Sonnen in diesem binären Solarsystem, von denen eine etwas näher war als die andere, standen immer im selben Winkel zu dieser reglosen Welt, weswegen es auf dieser Seite keine Nacht gab; die widerstreitenden Gravitationsfelder der zwei Sterne verhinderten, dass der Planet sich um die eigene Achse drehte. Es war ein endloses Tauziehen, und irgendwann würde es die Welt auseinanderreißen. Doch dieser Tag lag noch Jahrtausende in der Zukunft, und bis dahin machte seine Position in der Galaxis den Planeten zu einem strategisch bedeutsamen Ort für diesen Krieg; wichtiger war jedoch, dass sich hier Relikte der Blutsväter befanden, die meisten von ihnen begraben in anderen Teilen der Welt – der Lichtkörper hatte es bestätigt. Die Notwendigkeit, die Relikte der Blutsväter zu erforschen, war der einzige Grund, warum die San ’Shyuum aus dem Orbit auf die Oberfläche dieses Planeten herabgekommen waren, auch, wenn sie dadurch eine Konfrontation mit den bewaffneten und gefährlichen Sangheili riskierten.

Die abgerundeten Steine, die in der Nähe der Kapsel aus dem Sand ragten, waren die Überreste einer uralten Stadt, errichtet von einer ausgestorbenen Spezies, unbekannten Zweibeinern … Doch die Bildhauereien auf den Steinen deuteten darauf hin, dass diese Wesen von den Blutsvätern gewusst hatten, welche lange vor ihnen auf diesem Planeten gelebt hatten.

Die kleine blaue Sonne befand sich im Osten, ihre größere, weniger grelle rote Schwester im Westen; die Winde des Planeten wurden von den widerstreitenden Gravitationsfeldern hin- und hergescheucht, peitschten erst in die eine Richtung, dann in die andere. Mit diesem beständigen Bürsten rieben sie die Steine ab, verwandelten sie Stück für Stück in Dünen, von denen geisterhafte Staubfahnen aufstiegen und sich in den wechselhaften Böen wiegten, als führten sie einen primitiven Tanz auf. Auf der einen Seite krümmten sich die roten Tänzer, auf der anderen Seite die blauen.

„Es ist wahrlich ein Wunder“, seufzte Mken, während er abwesend seine Kleider glattstrich. Die mit Stickereien verzierten Roben eines Kommandanten mochten beeindruckend sein, praktisch waren sie aber nicht; im Gegensatz zu dem eng anliegenden Körperpanzer, den er darunter trug. „Das ist jedes Risiko wert.“

Sein Vogt brummte abgelenkt, dann erinnerte er sich wieder seiner Position und murmelte: „Eure Weisheit leuchtet wie das Zentrum der Galaxis, Hoher Meister.“

Seine Neigung zu überflüssigen, ehrfurchtsvollen Höflichkeiten war für Mken ein Quell leiser Verärgerung. Da schien sich stets ein Hauch von Hohn in diesen altmodischen Formulierungen zu verbergen, und er war sicher, dass er sich das nicht nur einbildete. Der Vogt war älter als Mken, aber weil er in eine niedere Kaste hineingeboren war, musste er ihm für alle Zeit als Untergebener dienen.

Während er seinen Blick über die unheimliche, wunderschöne Landschaft schweifen ließ, wurde Mken bewusst, dass er seiner Forscherleidenschaft zu viel Spielraum gewährte. Einst hatte er sogar davon geträumt, ein einfacher Relikthistoriker zu werden und viele wundervolle Zyklen mit den Details der Blutsväterarchitektur und den uralten holografischen Darstellungen auf Janjur Qom zu verbringen – der Heimatwelt der San ’Shyuum.

Der Gedanke an seine Welt, allein der Anblick von Holografien, erfüllte ihn stets mit Melancholie. Mken gehörte zu jenen San ’Shyuum, die nach dem großen Konflikt zwischen Stoikern und Reformatoren gezwungen gewesen waren, die Wiege ihrer Zivilisation zu verlassen, den Planeten ihrer Geburt. Die Reformatoren, zu denen Mken gehörte, waren an Bord des großen Blutsväter-Schlachtschiffes von der Heimatwelt geflohen, um dessen Besitz während des Bürgerkriegs zwischen den beiden Fraktionen gerungen wurde, und hatten sich aufgemacht, in der Galaxis nach weiteren Blutsväterrelikten zu suchen … bis sie vor knapp achtzig Zyklen im Schatten zahlreicher Artefakte auf die Sangheili stießen. Diese kriegsbesessene Echsenrasse hatte die Überbleibsel der Blutsväterzivilisation verehrt, ohne irgendetwas über ihren wahren Nutzen zu wissen oder sich darum zu scheren. Schlimmer noch, sie hatten den San ’Shyuum den Zugang zu diesen Relikten verwehrt, und es erfüllte sie mit Schrecken, dass die San ’Shyuum Blutsväterartefakte für praktische Zwecke benutzten. Für die Sangheili stellte das eine Schändung dar, eine Entweihung – Ketzerei.

Mkens Volk hatte versucht, die Sangheili zu beschwichtigen und eine Delegation entsandt, um zu erklären, dass die San ’Shyuum unter der Führung ihrer Propheten die alte Rasse ebenfalls verehrten … doch es war zwecklos gewesen. Die Abgesandten waren abgeschlachtet worden und ein gnadenloser Krieg hatte begonnen – der bis zu diesem Tage anhielt.

„Nun gut“, sagte Mken und krümmte die drei langen Finger seiner rechten Hand in einer uralten Geste des Bedauerns – eine Bewegung, die ausdrückte: Alles rinnt hinfort. „Machen wir uns an die Arbeit. Ruft den Feldaufsichtsoffizier. Ich werde die Augen konsultieren.“

Er tippte auf die Kontrollen an der Armlehne, um Auge Sieben herbeizuzitieren, dann kletterte er aus seinem Sessel und streckte sich – aufgrund seiner hohen Stellung erwartete man von ihm, dass er einen Antigravstuhl benutzte, aber in dieser Situation war sein schwerkraftmodifizierender Gürtel vollkommen ausreichend, ungeachtet der heftigen, exzentrischen Gravitation des Planeten von Blau und Rot.

„Hoher Meister“, bemerkte der Vogt angespannt, „Ihr macht Euch zu einem leichten Ziel, indem Ihr Euren Sessel verlasst.“

„Wir sind hier gut geschützt“, entgegnete Mken, dann sah er zu, wie Auge Sieben heranflog, den Blick auf die Landschaft im Westen gerichtet.

Das glasartige, grob diamantförmige Objekt glitt näher heran und verharrte dann abwartend in der Luft, bis der Hohe Meister ihm befahl: „Melde Feindbewegungen.“

„Die feindliche Hauptstreitmacht ist im Nordosten versammelt“, meldete das Auge. „Sie hat ihr Lager nahe Berg Fünfzehn in Zone Zwei aufgeschlagen. Obwohl sie einen schweren Verteidigungskordon errichtet hat, deuten Wahrscheinlichkeitsberechnungen darauf hin, dass sie einen Angriff auf unsere Ausgrabungsstätte für Blutsväterrelikte in Zone Eins planen.“

„Damit war zu rechnen“, kommentierte Mken nachdenklich. „Zeig mir die feindlichen Schlüsselpositionen.“

Das Auge projizierte einen wirbelnden Strahl aus buntem Licht, der sich rasch in ein dreidimensionales Bild der Frontlinie verwandelte, eine isometrische Darstellung aus westlichem Blickwinkel, so, wie die Langstreckensysteme des Auges sie aufgezeichnet hatte. Mken trat näher an das Hologramm heran und musterte es kritisch, während der Vogt sich zwischen ihn und die Wildnis aus Stein und Sand stellte und immer wieder nervös zu den Felsformationen hinüberblickte, die in verschiedenen Winkeln aus dem Boden ragten.

In der Darstellung hatten sich die Truppen der Sangheili schützend um einen halb im Sand begrabenen, schiefen Turm zusammengezogen – das gewaltige Blutsväterbauwerk in Zone Zwei, eine Art Transmitter, schlank und scheinbar unangetastet von Wind und Wetter. Der Großteil der gewaltigen Konstruktion befand sich unter der Erde, dennoch bildeten seine scharfen Kanten und die polierte Oberfläche einen deutlichen Kontrast zum stumpfen Fels ringsum. Die gesamte Szenerie war in den länger werdenden Schatten in rotes und rötlich braunes Licht getaucht.

Die Sangheili hatten sich in mehreren geschwungenen Verteidigungslinien um das Relikt versammelt, den Blick nach außen gerichtet, auf die zurückhaltenden Reihen der San ’Shyuum – zurückhaltend, weil sie weder die Absicht noch die nötigen Truppen hatten, einen groß angelegten Bodenangriff zu starten. Die San ’Shyuum waren zahlenmäßig klar unterlegen und körperlich nicht in der Lage, sich im Nahkampf mit den Sangheili zu messen, darum konzentrierten sie sich einzig und allein auf den Schutz der Reliktjäger und Rekonstruktionsexperten. Sie zu unterschätzen, wäre dennoch ein Fehler gewesen, denn sie hatten die Wächter: fliegende, selbstständig agierende Kampfkonstrukte, geformt wie gedrungene, grau-weiße, einäugige Insekten, ausgestattet mit kleinen Greifarmen und einem Antigravitationsmechanismus – und bei ihrem „Auge“ handelte es sich um einen Hitzestrahlemitter. Obwohl sie noch immer viele Rätsel bargen, schienen die Wächter von den Blutsvätern erbaut worden zu sein, um bestimmte Installationen und Einrichtungen zu beschützen. Doch inzwischen hatten die San ’Shyuum gelernt, sie für ihre eigenen Absichten einzusetzen, und heute gaben ihnen die Wächter und andere, noch tödlichere Beispiele der Blutsvätertechnologie einen entscheidenden Vorteil. Das hieß … Mken hoffte zumindest, dass dem so war.

Er beäugte das Hologramm eingehender und entdeckte nun auch die Bunker in Zone Zwei – die ersten Berichte über sie hatte er erhalten, noch ehe er zur Oberfläche aufgebrochen war. Unterhalb dieser Bunker befanden sich unterirdische Unterkünfte, groß genug, um etlichen Sangheili Zuflucht zu bieten, sollten die San ’Shyuum das Schlachtschiff der Blutsväter, die Dreadnought, ins Spiel bringen – dort unten wären sie in Sicherheit, denn die ganze Macht des Schiffes konnte nicht eingesetzt werden, ohne dabei auch die Artefakte in Mitleidenschaft zu ziehen. Die ganze Feuerkraft der Dreadnought wurde ohnehin nur im All eingesetzt, um hart gegen die Sangheili-Flotten zuzuschlagen und dann zu verschwinden. Dabei hatte sie ihr zerstörerisches Potenzial schon mehr als einmal unter Beweis gestellt.

Doch bevor sie einen chirurgischen, abgeschwächten Schlag mit dem Schlachtschiff durchführten, mussten sie zunächst einmal die San ’Shyuum aus Zone Eins evakuieren – sobald der richtige Moment gekommen war.

Die San ’Shyuum hatten schon seit einiger Zeit an den Ausgrabungen auf dieser Seite des Gebirgszuges, in Zone Eins, gearbeitet und bereits Pläne für Zone Zwei geschmiedet, doch dann war die Streitmacht der Sangheili dort eingefallen und hatte sich um den halb vergrabenen Turm geschart.

Wie dem auch sei. Die San-’Shyuum-Wissenschaftler und jene, die sie beschützten, waren bereit, die Kampfzone sofort zu verlassen, sobald sie den Befehl erhielten; ihre Landekapseln pulsierten vor Energie, als brannten sie darauf, sie durch einen schnellen Sprung zurück in den Orbit zu bringen. Doch fürs Erste war es sinnvoller, den Sangheili ein Ziel zu geben, auf das sie sich konzentrieren konnten.

Mken fielen die feindlichen Plasmakanonen auf, die an vorgelagerten Positionen entlang ihrer Linien aufgestellt waren und hoch zu dem Gebirgsrücken zwischen Zone Eins und Zwei zielten. Nahe der zentralen Kanone stand ein beeindruckender Sangheili-Offizier in silberner Rüstung und gestikulierte ausholend, während er einer Gruppe von Untergebenen Befehle erteilte. Eine Aura der Autorität und Aufmerksamkeit umgab ihn, welche ihn für Mken sofort interessant und gefährlich machte.

Er deutete auf die Gestalt in dem silbernen Körperpanzer, und das Auge hob den Offizier aus seinem Hologramm hervor. „Kannst du diesen Sangheili identifizieren? Haben wir Informationen über ihn?“

„Der Sangheili wurde als Ussa ’Xellus identifiziert, eingestuft als wichtiger Feldmeister. Er ist relativ jung, stark, schnell und erfahren. Seit seiner Ankunft auf dieser Kolonie hat er ihre Verteidigung komplett neu organisiert. Unsere Überwachung zeigt, dass er praktisch ständig aktiv ist. Er scheint ein äußerst einfallsreiches Individuum zu sein.“

Mken strich über die pelzigen Hautausstülpungen, die von seinem Kinn herabhingen und neigte nachdenklich den Kopf. „Merke ihn zur Terminierung vor, sobald die Schlacht beginnt. Setze eine Einheit Wächter auf ihn an.“

„Er wurde zur Terminierung vorgemerkt“, bestätigte das Auge dienstbeflissen.

Es mochte ein notwendiger Befehl sein, aber Mken bedauerte ihn dennoch. Ihm wäre es lieber gewesen, er hätte den Offizier gefangen nehmen und verhören können. Nur zu gern wollte er mehr über die Sangheili lernen, und dieser Krieger könnte ihm sicher viele Antworten liefern. Mehr noch, vielleicht würde er sich sogar bekehren lassen und als Kontaktperson dabei helfen, den San ’Shyuum die gesamte Rasse der Sangheili untertan zu machen. Mken wusste, dass sie früher oder später Bodentruppen brauchen würden – sie konnten die Dreadnought nicht überall einsetzen, und schon gar nicht überall gleichzeitig, außerdem würden sie auf ihrer Großen Reise sicherlich noch weiteren feindlich gesonnenen Spezies begegnen. Die kriegerischen, furchtlosen Sangheili wären ein perfekter Verbündeter, falls sie sich den San ’Shyuum nur unterordnen würden. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste man ihnen eine Lektion erteilen … ihnen zeigen, dass die San ’Shyuum ihre Meister waren. Und indem sie einen Feldmeister der Sangheili auf ihre Seite ziehen könnten …

„Vergiss den Tötungsbefehl“, sagte er, nachdem er einen Moment lang nachgedacht hatte. „Vielleicht kann uns dieser einfallsreiche Sangheili noch nützlich sein … zum gegebenen Zeitpunkt.“

„Hoher Meister, ich habe gerade einen Bericht erhalten“, erklärte das Auge mit blinkendem Vorderlicht. „Auge Dreizehn teilt uns mit, dass sich ein Stoßtrupp der Sangheili auf unsere Linien zubewegt.“

„Ihr solltet besser wieder in die Kapsel steigen und Euch dieser Sache aus dem Orbit aus annehmen, Hoher Meister“, schlug der Vogt mit besorgter Stimme vor.

„Alles zu seiner Zeit“, erwiderte Mken. Es war langweilig an Bord des Schiffes. Hier, am Rand des Schlachtfelds, fühlte er sich viel lebendiger. Obwohl es diesmal nur eine kurze Schlacht sein würde – ihre Verteidigung war im Grunde nur eine Finte, um dafür zu sorgen, dass der Feind seine Truppen konzentrierte. Wenn sie sich verteilten, wurde es schwierig, die Sangheili auszulöschen; sie hatten ein Talent dafür, sich zu effektiven Widerstandsgruppen zu organisieren.

Das Auge projizierte die Aufnahmen von Dreizehn in die Luft vor dem Hohen Meister. Nun konnte er ungefähr zweihundert Sangheili sehen, die sich zu Fuß dem Berggrat und der dahinter liegenden Zone Eins näherten; flankiert wurden sie dabei von gewaltigen, gepanzerten Fahrzeugen, die unbeholfen auf Magnetfeldern dahinschwebten und dabei, vor dem roten Hintergrund deutlich zu erkennen, blaue Funken spien. Der Großteil der Armee blieb jedoch zurück, um die Blutsväterruinen in Zone Zwei zu bewachen.

Was würden wohl die Blutsväter davon halten, wenn sie wüssten, dass zwei Rassen, die ihre Hinterlassenschaften verehrten, sich bis aufs Blut bekämpften, um die Kontrolle über ihre Relikte zu erhalten? Vermutlich, überlegte Mken, wären sie angewidert.

Nichtsdestotrotz musste er seine Pflicht erfüllen.

„Entsende die Wächter“, wies er das Auge an. „Achte darauf, dass sie nicht zu effektiv sind. Falls sie den Feind zu stark dezimieren, könnte er sich zu früh zurückziehen – dazu darf es nicht kommen. Wir müssen ihn in eine bessere Feuerposition locken.“ Möglichst wenige Sangheili sollten Gelegenheit bekommen, sich in die Bunker unter Zone Zwei zu flüchten; je mehr im Freien festsaßen, desto besser.

„Nach allem, was ich gehört habe“, warf der Vogt leise ein, „ziehen sich die Sangheili nur selten zurück. Aber der Hohe Meister weiß es in seiner erleuchteten Weisheit sicher besser …“

Mken ignorierte ihn und beobachtete weiter den Vormarsch der feindlichen Kämpfer – wobei er feststellte, dass sie sich in drei Gruppen aufgeteilt hatten: Die größere von ihnen marschierte geradeaus über den Bergrücken, begleitet von zweien der panzerähnlichen Fahrzeuge. Die beiden anderen Fahrzeuge schwebten hinter einer kleineren Abteilung her.

Beide Gruppen näherten sie sich dieser Position – Mkens Landekapsel.

Die dritte Phalanx hatte sich hinter den beiden anderen zurückfallen lassen; auch sie war auf dem Vormarsch, bewegte sich aber langsamer, und der Hohe Meister vermutete, dass sie ein anderes Ziel verfolgte. In ihrer Mitte entdeckte er nämlich Ussa, der, ein zielsuchendes Energiegewehr in der Hand, den steilen Hang hinaufkletterte.

Vier Wächter stiegen von Zone Eins in den Himmel auf und trieben beinahe gleichgültig in einer horizontalen Linie auf den Gebirgsrücken zu. Die ersten Sangheili tauchten gerade über dem Bergkamm auf, und ihre Waffen glänzten schwach im roten Licht. Sie eröffneten sofort das Feuer, als sie die Wächter entdeckten, und die Schutzfelder um die fliegenden Maschinen flackerten unter den Treffern. Doch dann erwiderten die Blutsväterkonstrukte den Beschuss, und laserartige, orange-gelbe Strahlen tödlicher Energie brannten rauchende Schneisen in die Reihen der Sangheili. Mehrere der Angreifer gingen tot und verkohlt zu Boden – aber die Wächter blieben ihren Befehlen entsprechend auf Distanz und feuerten nur sporadisch auf den Bergkamm hinab.

Wo war der Kommandant der Sangheili? Wo war Ussa ’Xellus?

Mken wies das Auge an, seinen Blickwinkel zu ändern, und einen Moment später konnte er Ussa und seinen kleinen Stoßtrupp wieder sehen. Sie waren in eine schmale Schlucht geklettert, die sich quer durch den Bergrücken zog, und näherten sich Zone Eins nun schnell von der Seite, während die San ’Shyuum sich auf die Hauptgruppe konzentrierte.

„Wir müssen diesen Flankenangriff unterbinden, bevor …“

Mken beendete den Befehl nicht. Ein Blitz gelben Lichts blendete ihn, und der Boden unter ihm bäumte sich auf.

„Sie haben die Kraftfelder zerstört!“, rief der Vogt, wobei er hastig zur Landekapsel zurückwich und auf etwas feuerte, das der Hohe Meister nicht sehen konnte. „Sie greifen von unten an! Sie müssen Tunnel unter den …“

Eine Lanze gelber Energie schoss aus dem Sand empor, dann tat sich dort ein künstlicher Krater auf – und einen Moment später kletterten die Sangheili-Krieger hervor, die die Tunnel unter den Kraftfeldgeneratoren gesprengt hatten.

Der Vogt kreischte, als ihn ein zischender Energiestrahl traf und ihm die Augen aus dem Kopf schmolz. Der Geruch seines verbrannten Fleisches ließ Mken würgen.

„Raffiniert“, murmelte der Hohe Meister noch bewundernd, bevor er zurück zur Luftschleuse trippelte. Zwei weitere Schüsse zuckten aus dem Krater und ließen das Auge in einer funkensprühenden Explosion vergehen, ein dritter Strahl schnitt dort durch die Luft, wo eben noch Mken gestanden hatte.

Doch der San ’Shyuum war bereits in der Schleuse und befahl einen Notstart. Allein der Schwerkraftmodifikator in seinem Gürtel sorgte dafür, dass er nicht das Gleichgewicht verlor, als die Schleuse zuglitt und das Gefährt in die Höhe sauste.

„Angriffstruppen, hört meine Anweisungen!“, rief Mken, während er zum Kommandosessel der Kapsel schwebte.

„Zieht Euch aus Zone Eins zurück! Startet und fliegt außer Reichweite, bevor das Bombardement der Dreadnought beginnt!“

„Er ist entkommen“, bemerkte Ussa ’Xellus, den Kopf in den Nacken gelegt, um der Kapsel auf ihrem Flug in Richtung Orbit nachzublicken. „Sicher gibt er bereits seine nächsten Befehle.“ Seine Krieger gaben ein paar Schüsse auf das kleine Landungsschiff ab, aber es war bereits außer Reichweite.

Ussas Stellvertreter, ein hochgewachsener Sangheili, Ernicka der Narbenmacher, feuerte auch auf die anderen Kapseln, als sie von der Ausgrabungsstätte aufstiegen, welche die San ’Shyuum Zone Eins nannten. Einer der Energieblitze aus seinem Gewehr traf sogar sein Ziel, zeigte aber wenig Wirkung. Die viergeteilten, verkniffenen Kiefer der Krieger zuckten vor Wut und Frustration, und ihre Zahnreihen klickten aufeinander.

„Sie waren abflugbereit und wären ohnehin verschwunden. Die fliegenden Angriffsmaschinen schienen sich zurückzuhalten. Ich fürchte, sie werden ihre Waffe in der Umlaufbahn einsetzen.“, sagte Ussa.

„Sie können nicht auf die Ruinen feuern, ohne die geheiligte Kuppel zu zerstören“, warf Ernicka ein. „Nicht einmal sie würden derartige Blasphemie wagen!“

„Das dachte ich auch“, erwiderte Ussa. „Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Die Kuppel besteht aus der verhärteten Energie und den heiligen Metallen der Blutsväter – es käme also ganz auf die Stärke des Angriffs … ja!“ Seine vierfingrige Hand schloss sich zu einer Faust und schlug gegen seine silberglänzende Brustplatte, als wollte er sich selbst für seine Dummheit kasteien. „Ich war ein Narr. Schnell – zurück in die Tunnel!“

„Aber wenn wir wieder hinabsteigen, können wir nicht zurück zur …“

„Ich sagte, schnell! Melde der Armee, sie soll sich zurückziehen, und der Stoßtrupp, der mit uns in das feindliche Gebiet vorgedrungen ist … Befiehl ihnen, ebenfalls in die Tunnel zu steigen! Sofort! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Nunmehr auf einem neuen Sessel sitzend, schwebte Mken in den Kontrollraum der Fähre, die über dem Planeten im Orbit kauerte, und rief dem Kommunikationsoffizier zu: „Kontaktiert die Dreadnought! Sie soll den modulierten Strahl der Reinheit auf Zone Eins richten! Schnell!“

„Verehrter Hoher Meister“, begann der Angesprochene, „es ist ein Privileg, Eure Worte …“

„Haltet einfach den Mund und tut es!“

Es dauerte einen Moment, bis der Kommunikationsoffizier den Befehl an die Dreadnought übermittelt hatte, und einen weiteren, bis die Waffenbänke des Schlachtschiffes – welche die San ’Shyuum nachträglich in das einstige Schlüsselschiff der Blutsväter integriert hatten – hochgefahren waren. Dabei saugten sie Energien in sich auf, welche die Blutsväter eigentlich für andere Zwecke vorgesehen hatten; Zwecke, von denen einige den San ’Shyuum selbst heute noch ein Rätsel waren.

„Modulierter Strahl fokussiert und feuerbereit, Hoher Meister.“

„Feuer!“

Mken konnte die Dreadnought auf einem der Bildschirme sehen, wie sie über der Violetten Linie im Orbit hing, in sicherer Entfernung zur brodelnden Atmosphäre des Planeten von Blau und Rot. Die Waffenbänke des Blutsväterschiffes pulsierten vor heller, blauer Energie, und dann stach diese Energie plötzlich wie eine Klinge aus Feuer auf die Oberfläche hinab. Die Darstellung auf dem Bildschirm teilte sich, sodass Mken auch den Einschlag in Zone Eins mitverfolgen konnte.

Er sandte ein stummes Gebet zu den Propheten, dass der Strahl der Reinheit richtig moduliert war – die Computersysteme hatten ihm versichert, dass das gehärtete Metall der durch die Ausgrabung halb freigelegten Kuppel nicht beschädigen werden würde. Doch jedes lebende Wesen in diesem Bereich würde verdampft werden.

Die Oberfläche glühte unter der zerstörerischen Macht der Dreadnought auf – und als das Leuchten nachließ, stellte Mken erleichtert fest, dass die geheiligte Kuppel tatsächlich unbeschädigt schien.

„Die Indikatoren melden mehrere verbrannte organische Formen“, informierte ihn der Kommunikationsoffizier.

„Wie viele?“, wollte der Hohe Meister wissen.

„Fünf, sechs, sieben … sieben. Das ist alles.“

Mken seufzte. „Feuert auf Zone Zwei! Zerstört die feindlichen Truppen in dem Gebiet!“

„Einige von ihnen ziehen sich bereits in die Bunker zurück …“

„Dann zerstört zumindest so viele, wie Ihr könnt! Rasch!“

„Es ist mir eine Ehre, Eurem Befehl zu gehorchen.“

Mken berührte die Kontrollen auf der Armlehne seines schwebenden Sessels. „Kucknoi, habt Ihr schon angedockt?“

„Wir sind an Bord der Fähre, Hoher Meister“, bestätigte der Forschungsleiter von Zone Eins. Ein vorwurfsvoller Unterton schwang in seiner Stimme mit, als er fortfuhr: „Verstehe ich das richtig, dass Ihr die Ausgrabungsstätten angreift?“

„Wir werden sie nicht beschädigen, lediglich den Feind verdampfen, vertraut mir. Der Strahl ist entsprechend moduliert. Kucknoi, da waren Tunnel unter meiner Kapsel. Wusstet Ihr davon?“

„Nicht, bis sie einstürzten. Es gibt vieles unter der Oberfläche, was wir noch nicht kartografiert haben, Hoher Meister.“

„Und unter Zone Eins?“

„Dort befindet sich eine unterirdische Kammer. Unser Resonator hat sie erfasst, und wir vermuten, dass es sich dabei um einen großen Reliquienschrein handeln könnte. Wir hatten gerade einen Eingang gefunden und wollten ihn öffnen, als wir in unserer Arbeit unterbrochen und zurück in den Orbit befohlen wurden …“

„Hätten wir Eure Arbeit nicht unterbrochen, dann hätten die Sangheili es getan, das kann ich Euch versichern. Sie hätten Euch alle in Stücke geschnitten. Kann der Feind ohne weitere Ausgrabungen von oben in diese Kammer vorstoßen?“

„Nun, es gibt Luftschächte. Wenn sie sich einer nach dem anderen hindurchzwängen, könnten sie vermutlich hinein. Wir haben uns dagegen entschieden, sie zu benutzen … Sie sind nicht für unsere Sessel oder Antigravgürtel geeignet.“

Mken brummte. „Das bezweifle ich nicht. Ebenso wenig bezweifle ich, dass Ussa ’Xellus von diesen Schächten wusste. Sie sind gelenkige Kreaturen, diese Sangheili. Sie können dorthin vorstoßen, wo uns der Weg versperrt bleibt. Wir werden Wächter entsenden müssen, um die Krieger aus der Kammer herauszutreiben.“

Doch bis die Wächter ihr Ziel erreicht hätten, das war dem Hohen Meister klar, wären Ussa und seine Kämpfer vermutlich längst von dort verschwunden. Sie hätten das uralte Blutsväterkonstrukt hinter sich gelassen und wären schon dabei, ihren nächsten Schlag gegen die San ’Shyuum zu planen.

Überrascht stellte Mken fest, dass er sich innerlich über Ussas Überleben freute. Natürlich wäre es besser gewesen, den Sangheili zu vernichten, denn nun würde der echsenartige Stratege ihre Ausgrabungsarbeiten weiter stören, aber trotzdem …

Ja, er hatte Potenzial, dieser Ussa ’Xellus. Mken wusste, dass die Sangheili für viele andere San ’Shyuum nur ein Hindernis waren – aber der Hohe Meister hatte mehr Weitsicht als die meisten.

Falls sie die Sangheili nicht vollständig ausrotten mussten, dann könnten sie vielleicht eines fernen Tages Verbündete werden …

Und was diesen Feldmeister anging, der Ussa genannt wurde …

Falls er überlebt, werden wir uns wiedertreffen.

Ich kann es fühlen …

1. TEIL

Ein Hort der Zuflucht

1. Kapitel

Dreadnought-Schlüsselschiff

Konferenzdeck

Das Zeitalter der Versöhnung

Trotz seines derzeitigen Status als Minister für Reliktschutz fühlte sich der Hohe Meister Mken ’Scre’ah’ben – der Prophet der Inneren Überzeugung – immer ein wenig eingeschüchtert, wenn er den Saal der Entscheidung betrat, denn jene, die er verehrte, hatten angeblich einst hier gesessen, an diesem langen, geschwungenen, durchsichtigen Tisch im Herzen der Dreadnought. Die San ’Shyuum benutzten ihre eigenen Sessel, aber der Rest des Raumes war genau so belassen worden, wie die Blutsväter ihn zurückgelassen hatten. Der Tisch selbst schien von Fraktalen durchzogen zu sein, die sich wie lebendig drehten und aus größeren Gebilden herauslösten, mal dreidimensional, dann flach und dann wieder plastisch. Die Wand dahinter war nicht wirklich mit einem Fenster versehen; sie war einfach transparent und gab den Blick auf den fernen, spiralförmigen Kern der Galaxis frei, der in einem hellen Blau leuchtete, hie und da mit scharlachroten und violetten Sternennebeln besprenkelt. Er wirkte völlig reglos, obgleich er doch in gewaltiger, unbeschreiblicher Bewegung war und sich beständig veränderte – eine kosmische Reflexion der Fraktale im Tisch.

Wer waren die San ’Shyuum, dass sie sich anmaßten, Anspruch auf dieses Schiff zu erheben, fragte sich Mken. Wer waren die San ’Shyuum, dass sie sich hier niederließen wie ein Schwarm knochiger Rakscraja, die in den lianenumschlungenen Bäumen des alten Janjur Qom nisteten?

Doch sie waren hier, sie beanspruchten die Dreadnought für sich, und sie waren von selbstgefälligem Stolz erfüllt, während sie auf die Gesandtschaft der Sangheili warteten.

Außer Mken befanden sich noch Qurlom, der San-’Shyuum-Minister für Verhältnismäßige Versöhnung, und GuJo’n, der Minister der Friedlichen Unterwerfung, am Tisch. GuJo’n war außerdem der oberste Diplomat der San ’Shyuum, aber bis vor Kurzem hatte er in diesem Krieg nur wenig zu tun gehabt; seine Aufgabe war rein theoretischer Natur gewesen. Doch nun, als er mit den Fingern durch die Barteln an seinem Kinn fuhr, war seine Brust vor neu gewonnenem Selbstbewusstsein aufgeplustert. Er trug eine scharlachrote Robe, bestickt mit goldenen Fäden, die ineinander übergehende Sternsysteme darstellten – eine übertrieben prahlerische Kleidung, wie Mken fand. Dennoch neigte er seine dreifingrige Hand in der traditionellen Geste für Verehrte Kollegen, lasst uns beginnen, und GuJo’n erwiderte die Bewegung mit schulmeisterlicher Genauigkeit.

Qurlom, der frühere Hierarch, der älter und pragmatischer war als der Minister der Friedlichen Unterwerfung, hielt sich nicht mit Gesten auf. „Die Tinte auf dem Bündnisvertrag ist noch nicht trocken, und bereits jetzt werden die ersten Zweifler, Neinsager und Ketzer laut.“ Es war typisch für Qurlom, dass er gleich zur Sache kam. Er nahm die Große Reise äußerst ernst; sein Glaube war so stark, dass er sich allen Ritualen verschloss, die nicht religiöser Natur waren, und das galt auch für soziale Konventionen. „Etwas muss unternommen werden.“ Der Minister der Verhältnismäßigen Versöhnung trug eine weiße Robe mit einem platinfarbenen, fünfzackigen Kragen, verziert mit einem schlichten Muster: sieben ineinander verschlungene Kreise – die Sieben Heiligen Ringe.

„Ich habe von solch aufwieglerischen Gerüchten gehört“, räumte Mken ein. „Es gibt Sangheili, die sich gegen unsere neue Allianz verwehren. Aber damit war zu rechnen – ein wenig Widerstand hie und da. Diese Stimmen werden sicherlich bald verstummen … wenn wir erst ein paar Exempel statuiert haben.“

„Nein!“ Qurlom unterstrich seine Worte, indem er seinen langen, faltigen Hals vehement von einer Seite auf die andere neigte. Die Kinnbarteln wackelten wütend, und sein ganzer Sessel neigte sich leicht hin und her. „Nehmt diese Ketzerei nicht auf die leichte Schulter, Innere Überzeugung.“

„Ich würde Ketzerei nie auf die leichte Schulter nehmen“, erwiderte Mken ruhig.

„Vielleicht ist dieser Widerstand unter den Sangheili nicht religiös motiviert, sondern kulturell“, gab GuJo’n zu bedenken, begleitet von einer geschmeidigen Geste, die sagte: Ich möchte Euch nicht widersprechen.

Qurlom schnaubte. „Ah, aber Ihr widersprecht mir, GuJo’n. Es steht außer Frage, dass wir es mit Ketzern zu tun haben.“

„So, wie ich die Lage sehe“, begann der Minister für Friedliche Unterwerfung, „widerstrebt den Sangheili jegliche Form von Kapitulation – es läuft ihrem Ethos zuwider, sich mit jenen zu verbünden, die sie besiegt haben. Sie wollen sich nicht unterordnen … aber sie werden es lernen, wenn wir ihnen genug Zeit geben.“

„Und das glaubt Ihr wirklich? Mir liegen Beweise vor, wonach der Anführer dieser Ketzer, Ussa ’Xellus, nicht nur Reden schwingt. Er handelt!“

Obwohl er bereits mehrere Sonnenzyklen zurücklag, erinnerte Mken sich noch gut an jenen Tag auf dem Planeten von Blau und Rot, als er nur ein simpler Hoher Meister gewesen war und Ussa ’Xellus ihm entkommen war. Der Sangheili hatte den Planeten verlassen und seinen Kampf gegen die San ’Shyuum mit all seinem strategischen Geschick fortgesetzt, in vielen Schlachten und auf vielen Welten.

Qurlom fuhr fort, seine Stimme kaum mehr als ein Knurren: „Dieser Ussa ’Xellus hat erklärt, und ich zitiere …“ Er berührte die Armlehne seines Sessels, um einen Holoschirm in die Luft über dem Tisch zu zaubern, dann las er laut den Text vor, der über diesen Schirm wanderte. „Diese Große Reise – was soll das sein? So wie ich das sehe, handelt es sich dabei nur um eine weitere Form der Unterwerfung! Wollten die Blutsväter wirklich, dass wir mit gebeugtem Haupt durchs Leben schreiten, im Schatten dieser Ringe? Oder ist es nur ein Vorwand für die San ’Shyuum, um uns auszulöschen? Ihr Glaube ist ein schlammiger Tümpel, in dem kein Sangheili sich waschen würde.“

„Das ist in der Tat äußerst aufrührerisch“, räumte GuJo’n ein. „Von wem habt Ihr dieses Zitat? Vielleicht jemand, der von einem Fortgang des Krieges profitieren würde?“

„Und wieder wollt Ihr mich zurechtweisen“, schnappte Qurlom. „Ihr behauptet, meine Informationen seien falsch.“

„Ich bin nur neugierig, aus welcher Quelle sie stammen.“

„Und ich würde es ebenfalls gerne wissen, Qurlom“, warf Mken leise ein.

„Meine Quelle sind die Sangheili selbst“, antwortete der Minister der Verhältnismäßigen Versöhnung. „Jene, die sich dem Bündnisvertrag verpflichtet haben, wollen nicht in Verruf gebracht werden – darum lassen sie mir im Geheimen Informationen über alle Aufrührer zukommen.“

Mken machte eine wohlwollende Handbewegung. „Ihr seid äußerst gründlich, Qurlom – es freut mich, das zu sehen.“

„Nun denn, Prophet der Inneren Überzeugung“ – aus Qurloms Mund hatte Mkens Titel einen ironischen Beiklang – „was sollen wir deswegen unternehmen?“

„Idealerweise sollten die Sangheili diese Angelegenheit allein aus der Welt schaffen“, meinte GuJo’n.

„Ja“, stimmte Mken ihm zu. „Aber ich sehe, dass die Gesandtschaft der Sangheili gerade eingetroffen ist. Besprechen wir die Sache doch mit ihnen.“

Als die Abgesandten den Raum betraten, hatte sich das Schlüsselschiff ein Stück weit gedreht – seine gewaltige Masse rotierte langsam um die eigene Achse, während es auf ihrem Orbit dahinschwebte – so, dass man jenseits der durchsichtigen Wand nun das Skelett der jüngsten Anbauten sehen konnte. Dereinst sollte daraus eine Art Hülle um die eigentliche Dreadnought werden, um die Verwandlung zur mobilen Hauptstadt der San ’Shyuum abzuschließen. High Charity, so hieß diese Stadt, und erbaut wurde sie von Maschinen und Arbeitern der Allianz, ausgehend von der felsigen Basis, welche vor langer Zeit aus der Kruste der alten Heimatwelt, Janjur Qom, gerissen worden war. Ein Kraftfeld sperrte die Leere und Kälte des Alls aus und hielt die Atmosphäre im Inneren stabil, sodass die Arbeiter darin atmen konnten. In gewisser Weise war es also bereits jetzt ein Lebensraum. Doch bald schon würde dieser auserwählte, besondere und strategisch so bedeutsame Ort noch viel mehr sein.

Bald würde High Charity selbst ein reisender Planet sein, das neue Zentrum der Macht der San ’Shyuum. Im Moment war sie nur eine lebendige Skizze ihres Potenzials, eine halbkugelförmige Masse, auf der sich das Sternenlicht spiegelte, während sie sich langsam im Vakuum drehte. Nachdem der Waffenabbau auf der Dreadnought abgeschlossen war, so wie im Bündnisvertrag festgelegt, würde man einen heiligen Altar für das Schiff errichten, der dann das Herz der fliegenden Stadt bilden würde. Das Ganze entbehrte nicht einer gewissen Ironie, fand Mken: Was einst die gefürchtetste Waffe in der bekannten Galaxis gewesen war, stellte nun ein Symbol der Abrüstung dar – zumindest unter den Mitgliedern der Allianz.

Was aber nicht heißen sollte, dass die Allianz keine Zähne mehr hätte.

Mken richtete den Blick auf die Gesandtschaft; sie bestand aus zwei Sangheili, den Kommandanten Viyo ’Griot und Loro ’Onkiyo, gefolgt von zwei Ehrenwachen. Die San ’Shyuum nannten die Sangheili „Eliten“, teils, um ihren unbändigen Hunger nach Ehrentiteln zu befriedigen, teils aber auch, weil es eine passende Beschreibung für die herausragenden Kampffähigkeiten dieser Spezies darstellte. Die Eliten bezeichneten die San ’Shyuum im Gegenzug als „Propheten“, auch, wenn nur sehr wenige von ihnen tatsächlich diesen hohen Titel trugen.

Die Ehrenwache hielt sich im Hintergrund, die Köpfe ehrerbietig geneigt, und auch die beiden Abgesandten blieben stehen – nicht, dass irgendjemand vorhätte, ihnen einen Sitzplatz anzubieten, denn das würde bedeuten, dass man sie als Gleichgestellte betrachtete. Nein, sie würden stehen bleiben, stundenlang, wenn es sein musste, wie Bittsteller. Mken hatte Schwierigkeiten, sie auseinanderzuhalten; beide hatten sie mandibelartige, viergeteilte Kiefer, die zu arthropodischen Mündern mit mehreren Reihen scharfer Zähne zusammengekniffen waren; dazu die graue, echsenartige Haut, die Schlangenaugen und die kampfgestählten Muskeln an den mächtigen Armen und Schenkeln. Gekleidet waren die beiden in einen glänzenden, silbernen Kürass und einen Helm, welche sie noch hünenhafter aussehen ließen – doch sofern Mken das richtig verstanden hatte, waren die beiden keine großen Krieger, sondern für ihre Spezies typische Vertreter des diplomatischen Korps. Ihm fiel auf, dass Viyo, der Rechte der beiden, ein wenig größer war, außerdem prangten blaue Felder auf seinem silbernen Helm, der in drei Streifen auslief, wie um die Kiefer darunter zu imitieren.

Viyos klauenbewehrte, vierfingrige Hände zuckten, als sehnten sie sich nach einer Waffe, und er blickte sich nervös um. Mken bezweifelte, dass es überhaupt Diplomaten unter den Sangheili gegeben hatte, bevor sie den Bündnisvertrag anerkannt hatten, und es war nur allzu offensichtlich, dass sich diese beiden alles andere als wohl in ihrer neuen Rolle fühlten.

Nachdem der Formalitäten Genüge getan war, fragte Mken: „Gesandter Viyo – was ist mit euren Truppen? Sind sie unterwegs?“

Er hoffte, dass das Übersetzungsgerät in seinem Sessel auf dem neuesten Stand war; die San ’Shyuum hatten im Verlauf der Zeit ein ziemlich gutes Verständnis der Sangheili-Sprache entwickelt, aber das meiste hatten sie durch Gefangenenverhöre gelernt, und die extreme Folter, die ihrer Zusammenarbeit vorangegangen war, war womöglich nicht die beste Art, eine neue Sprache zu erlernen.

„Die Truppen sind unterwegs, Großer Prophet“, antwortete Viyo. „Die Schiffe sind doppelt besetzt mit Kriegern aller Spezialisierungen. Bald werden sie alle San-’Shyuum-Expeditionen begleiten – und alle Blutsväterrelikte, die wir entdecken, werden von nun an den besten Schutz genießen.“

„So, wie es sein sollte“, nickte Mken.

„Verzeih bitte“, schaltete sich Qurlom ein, „aber du sprichst so freimütig von Blutsväterrelikten. Diese Truppen, die ihr habt – sind sie wirklich bereit, die Relikte zu beschützen? Wir brauchen Gewissheit; sind sie wirklich ganz und gar der Großen Reise verpflichtet?“

„Das sind sie, Minister!“, erklärte Loro ’Onkiyo in einem Tonfall, der vom enthusiastischen Eifer eines kürzlich Bekehrten kündete.

„Bei der großen Reise geht es nicht nur um militärische Bereitschaft“, fuhr Qurlom unheilvoll fort, „wenngleich sie natürlich ein wichtiger Bestandteil ist. Aber wer das Licht der Sieben Ringe auf seinem Antlitz spüren will, der darf weder an der Wahrheit in den Worten der Propheten noch an ihren Befehlen zweifeln, und er muss bereit sein, ohne Zögern für die Sache zu sterben.“

„Das wissen wir, Minister. Wir sind alle bereit, für die Große Reise zu sterben. Die Sangheili haben die Blutsväter schon seit jeher verehrt – und jetzt wissen wir endlich auch, wie wir das Wort der Blutsväter verstehen und es befolgen können. Das Licht der Ringe hat uns gereinigt!“

Es verging kein Tag, an dem Mken sich nicht fragte, ob er innerlich gereinigt war, ob er ohne jegliche Vorbehalte glaubte. Einst hatte er die innere Reinigung gepredigt, deswegen war er heute der Prophet der Inneren Überzeugung, und manchmal hörte er noch immer das Echo seiner früheren Predigten. Doch je länger er sich mit den Maschinen und Aufzeichnungen der Blutsväter befasste, desto größer wurden seine Zweifel daran, dass der Zweck der Halos darin bestand, die Allianz auf eine höhere Ebene der Existenz zu heben – sie ins Paradies zu bringen, welches die Propheten am Ende der Großen Reise gesehen hatten. Es stimmte natürlich, dass die Ringe mit einer Art Reinigungsprozess zu tun hatten – doch was genau reinigten sie, und wie reinigten sie es?

Entschlossen verdrängte er diese ketzerischen Gedanken. Blasphemie. Und das vom Propheten der Inneren Überzeugung – welch Ironie. Ich sollte besser meine eigene Innere Überzeugung finden.

GuJo’n brachte derweil mit einer Handbewegung seine Zufriedenheit über die Truppenbewegungen der Sangheili zum Ausdruck, auch wenn die Abgesandten den Sinn hinter der Geste vermutlich nicht verstehen konnten. Anschließend fügte er hinzu: „Sehr gut – aber was ist mit den Gerüchten über Aufwiegler, die uns erreichen? Ich spreche von einem eurer Art, der Ussa ’Xellus genannt wird. Unsere Spione haben bestätigt, dass er und seine Anhänger sich in ketzerischem Aufbegehren gegen die Allianz stellen.“

„Ussa ’Xellus? Dieser kriechende Ungläubige ist kein echter Sangheili!“, erwiderte Viyo ’Griot.

„Aber er ist ein äußerst fähiger Militärstratege“, warf Mken ein. „Jemanden wie ihn darf man nicht unterschätzen. Ich habe ihn vor langer Zeit selbst in Aktion erlebt, auf dem Planeten von Blau und Rot.“

„Es stimmt, einst diente er Sanghelios“, räumte Viyo ein. „Aber jetzt nicht mehr. Er lehnt den Bündnisvertrag ab – behauptet, dass es eine Schande sei, unsere Macht mit Eurer zu vereinen! Selbst mit den San ’Shyuum über einen Frieden zu verhandeln ist in seinen Augen gleichbedeutend mit Kapitulation. Als wir zum ersten Mal von seinen aufwieglerischen Vorstellungen hörten, haben wir versucht, ihn und seine Leute zur Vernunft zu bringen, immerhin war er einst ein Krieger wie wir. Aber er weigerte sich, unseren Worten Gehör zu schenken und brachte Krieg nach Sanghelios. Unsere eigenen Türme reagierten darauf mit … weniger subtilen Mitteln und deckten ’Xellus’ gesamtes Land mit dem Feuer unserer Schlachtschiffe ein. Wir wollten das Unkraut des Widerstands an der Wurzel ausreißen, aber offenbar haben zahlreiche seiner Gefolgsleute überlebt. Wir vermuten, dass er sich inzwischen irgendwo in den Ödlanden nahe dem Südpol von Sanghelios versteckt hält, in einer kaum erforschten Region namens Nwari. Unsere eigenen Spione haben sich schon seit mehreren Tagen nicht mehr gemeldet – es könnte sein, dass sie enttarnt wurden. Aber mehrere Einheiten von Attentätern sind auf der Suche nach Ussa ’Xellus, und seid versichert, sobald sie ihn finden, werden sie die richtige Gelegenheit abwarten … und ihn töten. Es sind seine Worte, die seine Anhänger verblenden, darum glauben wir, dass sein Kult sich auflösen wird, sobald er tot ist.“

„Das glaubt ihr wirklich?“, fragte Mken laut. „Habt ihr noch nie vom Märtyrertum gehört?“

Sangheili-Bergbaukolonie auf dem Planeten Creck

Das Zeitalter der Versöhnung

Die Mission war ein Fehlschlag.

Ussa ’Xellus und seine Partnerin, Sooln, waren auf die Kolonie Creck gereist, um neue Anhänger für den Widerstand zu rekrutieren. Der Planet, benannt nach ’Crecka, dem Sangheili, der ihn vor einer Generation entdeckt hatte, befand sich im Baelion-System und war die sechsundsiebzigste von den Sangheili erforschte Welt. Nicht, dass das heute noch von Bedeutung wäre. Heute war es lediglich eine Bergbaukolonie der Allianz, die von den Sangheili im Namen ihrer neuen Meister betrieben wurde. Der Großteil der Kolonie war unterirdisch; die Handvoll transparenter, von Meteoriten vernarbter Kuppeln, die sich an der zerklüfteten, methangewürgten Oberfläche des Planeten erhoben, waren lediglich die Spitze des kolonialen Eisbergs. Auf der anderen Seite des Gebirges, welches über den Kuppeln aufragte, befand sich ein gewaltiges Meer aus halb gefrorenem Wasserstoffcyanid; angeblich sollte es in seinen Tiefen primitive Lebensformen geben – gewaltige, schwimmende Würmer, die von Zeit zu Zeit an die Oberfläche des trüben, giftigen Ozeans kamen.

Doch die Sangheili waren nur wegen der Minerale und Metalle hier – Minerale, mit denen sie ihre Schiffe antrieben, und Metalle, aus welchen sie die Rümpfe neuer Schiffe herstellten. Sie hatten sich tief in die Kruste von Creck hinabgegraben, immer den titanischen, kristallinen Erzadern nach. Einige Schächte führten auch zu Magmareservoirs, deren Hitze die Kolonie mit Energie versorgte.

Ussa und Sooln fuhren gerade mit einem Aufzug von einem dieser Thermalkraftwerke nach oben. Sie hatten einige Zeit dort verbracht, getarnt als Techniker, und so getan, als würden sie die Wände auf hitzebedingte Strukturschwächen untersuchen, während sie sich im Geheimen mit den Arbeitern unterhielten, die sich zwischen den Generatoren plagten. Ein Deserteur, der zu Ussa übergelaufen war, hatte ihm berichtet, dass es auf Creck große Unzufriedenheit gab. Und wer wäre nicht unzufrieden, wenn er in einem geothermalen Kraftwerk arbeiten müsste, dessen Temperatur sich nicht effektiv kontrollieren ließ – die Hitze dort unten war unerträglich.

Doch Ussas primäre Kontaktperson, Muskem, war einen Tag vor seiner Ankunft gestorben; aus ungeklärten Gründen war er in eine Grube brodelnden Magmas gestürzt und binnen Sekunden zu Asche verbrannt. Eine Unterhaltung mit dem Vorarbeiter hatte ’Xellus in seinem Verdacht bekräftigt, dass jemand bei diesem unglücklichen Unfall nachgeholfen hatte.

Beinahe wäre er gar nicht nach Creck gekommen; es war ihm töricht und riskant erschienen. Doch dann hatte ihn noch ein weiterer Sangheili von der Kolonie kontaktiert. Er nannte sich ’Quillick, was in der alten Sprache von Sanghelios „Kleiner Jäger“ bedeutete, außerdem hießen so die Tiere, welche Jäger und Farmer benutzten, um kleinere Beute zu fangen. Es war also augenscheinlich ein Codename. ’Quillicks Nachricht hatte ihn kurz nach Muskems Botschaft erreicht: Es gibt einen Ort, wo viel Hilfreiches gefunden werden kann, auf einer Welt, die niemand kennt. Außer mir … Ich habe bei Tarjak, unter den steinernen Bäumen, an der Seite deines Onkels gekämpft …

Was konnte das bedeuten? War es das Hirngespinst eines Exzentrikers? Doch die Bemerkung über Tarjak und die steinernen Bäume stimmte mit einer Geschichte überein, die Ussas Onkel ihm einst erzählt hatte – eine Geschichte, die er nicht mit jedem geteilt hätte. Ussa bezweifelte jedenfalls, dass die Agenten der Allianz von Tarjak und den Bäumen wussten – jener Galerie aus versteinertem Gehölz, jenem lange toten Wald. Dort hatte sich einst eine verbissene Schlacht zugetragen, ein Klan gegen den anderen, in einem Konflikt, der mehrere blutgetränkte Zyklen angedauert hatte.

In der Nachricht war außerdem von einem Ort die Rede, an dem etwas Hilfreiches gefunden werden konnte. Das hatte Ussa neugierig genug gemacht, um ihn seine Entscheidung noch einmal überdenken und doch nach Creck reisen zu lassen.

Jetzt hegte er aber keine große Hoffnung mehr, ’Quillick zu finden, und er wusste nicht, wem sonst er hier trauen konnte. Kein Sangheili, der noch ganz bei Verstand war, würde öffentlich darüber sprechen, sich dem Widerstand gegen die Allianz anzuschließen – und nur wenige wagten es, auch nur im Verborgenen davon zu reden. Der Bündnisvertrag ist geschrieben war ein Satz, den Ussa während der letzten Tage so oft gehört hatte, dass er jedes Mal schreien wollte, wenn jemand Neues ihn aussprach. Er kann nicht rückgängig gemacht werden.

Nun wiederholte er selbst diese verhasste Phrase vor seiner Partnerin, einen verbitterten Unterton in der Stimme. „Der Bündnisvertrag ist geschrieben – er kann nicht rückgängig gemacht werden. Wieder und wieder sagen sie es. Irgendjemand hat sie manipuliert.“

„Wie kannst du dir da so sicher sein?“

„Weil sie es alle sagen, derselbe Wortlaut – man hat es ihnen eingetrichtert. Außerdem machte jeder Sangheili, mit dem ich gesprochen habe, einen elenden Eindruck. Sie wissen, dass sie ehrlose Feiglinge sind.“

Sooln tippte nachdenklich mit dem Finger gegen eine ihrer Mandibeln. „Was sollen sie sonst auch tun? Es ist nicht so, als gäbe es noch einen eindeutigen Feind, gegen den die Sangheili kämpften könnten. Wäre dem so, würden sie sich sofort furchtlos in die Schlacht stürzen. Aber es ist der Rat der Stadtstaaten – mehr noch, Sanghelios selbst, das sie bedroht. Sie wollen sich nicht gegen ihre eigene Welt wenden, auch, wenn sie wissen, dass es ein Fehler ist, sich den San ’Shyuum zu ergeben.“

„Und Muskem war unsere einzige Chance, diesen ’Quillick zu finden. Die Reise hierher war reine Zeitverschwendung.“

Der Aufzug summte noch ein paar Sekunden vor sich hin, und es schien mit jedem Herzschlag kühler zu werden, als sie die vulkanisch aktive Zone unter sich ließen. Ussa warf Sooln einen liebevollen Blick zu – sie war kräftig, für ein Weibchen vielleicht ein wenig zu dreist und kühn, aber auch scharfsinnig und zärtlich … jedenfalls erschien sie ihm so. Ihr Verstand war schneller und analytischer als seiner, das wusste er; sie hatte ein wissenschaftliches Gespür, das ihm vollkommen fehlte. „Sooln, manchmal glaube ich, dass du nur gegen den Bündnisvertrag aufbegehrst, um mir einen Gefallen zu tun. Dass es dir vielleicht lieber wäre, wenn ich um unser beider Leben und unserer Beziehung willen die Allianz anerkenne und …“

Amüsiert kniff sie die Kiefer zusammen. „Ich denke so wie du. Ich traue den San ’Shyuum nicht. Ihre Vision von der Großen Reise ist ein Hirngespinst.“

„Ich fürchte, es war ein Fehler, dich hierher mitzunehmen. Glaubst du, jemand hat uns erkannt? Der Tod unserer Kontaktperson macht mir zu schaffen …“

„Mir ist zumindest nicht aufgefallen, dass uns Drohnen verfolgen, falls du das meinst, und ich habe auch keine Spione gesehen, die uns aus den Schatten beobachten. Da war zwar dieser ältere Sangheili gestern, aber er hat nicht einmal versucht, mit uns zu sprechen …“

„Was für ein älterer Sangheili?“

„Ist er dir gar nicht aufgefallen? Er folgte uns von den Minen bis zurück zum Raumhafen. Aber er war langsam, müde, sein Körper voller Narben … Er konnte nicht mit uns mithalten. Ich dachte, dass er sich uns womöglich anschließen wollte, aber als ich wieder zurückblickte, war er verschwunden. Er schien mir zu gebrechlich, um ein Spitzel der Allianz zu sein.“

Ussa knurrte leise vor sich hin. „Wir werden es wohl bald herausfinden, auf die ein oder andere Weise. Wenn …“

Doch dann hatten sie den Wohnbereich der Kolonie erreicht, und er verstummte. Nachdem sich die Lifttüren geöffnet hatten, traten die beiden hinaus auf die düstere Straße, welche von flachen, zweckmäßigen Gebäuden eingefasst wurde, und schritten nebeneinander zum Raumhafen, wo ihr Schiff auf sie wartete. Ussa achtete darauf, nicht zu schnell zu gehen, als sie zwei scharfäugige Wachen auf ihrem Patrouillengang passierten, obwohl er nichts lieber gewollt hätte, als seine Schritte zu beschleunigen. Er fragte sich, ob Ernicka der Narbenmacher zu Hause in den Höhlen auf Sanghelios die Ordnung wahrte. Vielleicht waren sie schon entdeckt und zusammengetrieben worden. Nein, hätte es einen Angriff gegeben, hätte man ihn sicher informiert. Oder …

Eine weitere Frage, die ihn beschäftigte, war die, ob er und Sooln hier sicher waren. Er hatte seine Partnerin wegen ihres technischen Wissens mitgebracht – allein durch sie wurde ihre Deckidentität glaubwürdig, kannte sie doch die Ausrüstung, die man in Minen und Kraftwerken antrat. Aber was, wenn ihre Tarnung dennoch aufgeflogen war? Gut möglich, dass er sie geradewegs in einen tragischen Tod geführt hatte.

Sie überquerten den Platz, ohne dass etwas geschah, vorbei an den zwei Reihen mürrisch dreinblickener, staubiger Sangheili, deren Schicht gerade geendet hatte, und dann weiter zwischen den Verarbeitungshallen hindurch zu ihrem Schiff.

Die Klanklinge war ein blau-rotes, pfeilförmiges Schiff, gerade groß genug, um einer Handvoll Passagiere Platz zu bieten. Ihre Tanks waren voll, alles zum Start bereit, wie ’Xellus mittels des Kontrollschirms an seinem Handgelenk überprüfte, als sie noch mehrere Meter entfernt waren. Doch während sie auf die Schleuse zugingen, sah er plötzlich eine Gestalt aus den Schatten treten.

Es war ein uralter Sangheili, gekleidet in die an zahlreichen Stellen geflickte Uniform eines Unterkommandanten. Die meisten der Zähne an seinen Kiefern fehlten, und wo sich einmal eines seiner Augen befunden hatte, zog sich nur noch eine Narbe über sein Gesicht.

„Du … Das ist der Alte, der uns gestern schon gefolgt ist!“, stieß Sooln hervor.

Ussa griff nach seiner Pistole, dann sah er, wie der greise Krieger den Arm hob. Seine linke Hand fehlte.

„Lass mich erst sagen, was ich zu sagen habe, bevor du mich erschießt, Bruder“, krächzte er. „Ich bin unbewaffnet.“

Im Vergleich zu ihm sieht selbst Ernicka jung aus, fuhr es Ussa durch den Kopf.

„Wer bist du, alter Krieger?“

„Ich bin ’Crecka“, erklärte der alte Sangheili ohne Umschweife.

’Xellus schnaubte. „Unsinn.“

„Ich bin ’Crecka. Du kennst mich vielleicht auch unter einem anderen Namen: ’Quillick.“

„Du willst Quillick sein?“

„Ja, und ich muss mit dir sprechen. Allein. An Bord deines Schiffes.“

„Woher soll ich wissen, dass du nicht einfach nur ein gerissener, alter Meuchelmörder bist?“

„Wüssten sie hier von deiner wahren Identität, würden sie dich festnehmen – nicht einen Attentäter auf dich ansetzen. Du bist zu wichtig, als dass man dich einfach ermorden würde, Ussa ’Xellus. Bitte, du kannst mich nach Waffen durchsuchen, bevor du mich auf dein Schiff lässt, falls es dir beliebt. Dann werde ich dir erzählen, warum ich hier bin.“

Ussa knurrte, aber nach kurzem Zögern durchsuchte er den Alten dann doch. Es überraschte ihn nicht, dass er keine Waffen fand. Da war etwas an diesem Sangheili, etwas, das ihn auf unerklärliche Weise vertrauenswürdig machte. „Komm an Bord, wenn es denn sein muss. Aber wir werden den Planeten in Kürze verlassen. Es wird nicht lange dauern, eine Starterlaubnis zu erhalten. Du hast also nur ein paar Augenblicke.“

Kurz darauf betraten die drei die Brücke des Schiffes, wo Ussa sich in den Pilotensessel fallen ließ, während Sooln neben ihm Platz nahm und die Systeme überprüfte. Der alte Krieger blieb hinter den Instrumentenpulten stehen, seine verstümmelten Arme vor der Brust verschränkt, und Ussa drehte seinen Sessel zu ihm herum.

„Mach es kurz“, wies er den Greis an, und seine Hand war nicht weit von seiner Pistole entfernt, während er sprach.

„Ich bin der, als der ich mich vorstellte. Ich habe auf euch gewartet – Muskem und ich haben beide auf euch gewartet. Aber ich war mir nicht sicher, ob ihr beobachtet werdet, darum wollte ich euch nicht gleich ansprechen.“

„Jetzt kannst du sprechen. Wir sind allein.“

Der alte Krieger rieb sich nachdenklich die vernarbte Augenhöhle. „Vor vielen Zyklen war ich der letzte Überlebende eines Schiffes, das von Feinden angegriffen wurde – ich weiß bis heute nicht, um welche Rasse es sich handelte. Sie bedienten sich keiner zivilisierten Sprache. Es war auf der anderen Seite der Galaxis, im System der Gasriesen. Ich konnte entkommen, indem ich das Schiff durch den Slipspace in ein anderes System navigierte. Welches, war mir egal gewesen, ich hatte einfach das am weitesten entfernte gewählt. Und dort sah ich etwas … eine Welt aus Metall, mit nichts vergleichbar, was ich je zuvor gesehen hatte.“

„Du meinst wohl eine Art Raumstation.“

„Nein. Ein kleiner Planet. Aber er war vollständig in Metall eingehüllt. Wie gesagt, ich hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Ein Artefakt von solcher Größe – ich konnte es kaum glauben.“

„Mir fällt es ebenfalls schwer, das zu glauben.“

„Natürlich“, sagte ’Crecka. „Mir ginge es ebenso, hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich landete auf der Außenhülle, an einem Ort, der aussah wie ein Zugangspunkt, und dort entdeckte ich ein Portal. Also stieg ich unter die metallene Haut hinab – und als ich das untere Deck erreichte, kam eine Maschine herbeigeflogen, um mich zu begrüßen. Eine intelligente Maschine, erbaut von den alten Vätern! Sie hatte bereits mit einer Art Scanner im Computer meines Schiffes gelesen und so unsere Sprache erlernt. Diese Maschine erzählte mir viele Dinge, aber ihren Ursprung wollte sie nicht preisgeben. Sie hatte einen Namen, Dauerhafte Tendenz, und sie war an jenem Ort zurückgelassen worden, um über den Planeten zu wachen – über die ‚Schildwelt‘, wie sie es nannte –, bis ihre Erbauer zurückkehrten. Sie befahl mir, ihr Informationen über die Sangheili zu geben und mich von ihr untersuchen zu lassen, aber ich floh. Diese Maschine, sie war … verwirrt. Viele ihrer Systeme funktionierten nicht mehr, und so fiel es mir nicht schwer, ihr zu entkommen. Ich schaffte es, in den Slipspace zu springen … und endete hier, in der Nähe der Welt, die man heute Creck nennt. Ein Scan verriet mir, dass es wertvolle Minerale unter der Oberfläche gab, also meldete ich sie – aber von dem anderen Planeten erzählte ich nichts. Obwohl er voller Relikte war, voller Maschinen der alten Väter. Der Blutsväter. Ich fürchtete, Dauerhafte Tendenz würde jeden töten, der auf meinen Bericht hin zur Schildwelt reiste. Denn genau damit hatte er mir gedroht. Und noch eine Drohung hatte er ausgesprochen, dass, falls ich fliehen sollte …“

„Und du hast bis heute Stillschweigen über diesen Ort gewahrt … trotz all der Relikte?“

„Das habe ich. Ich war ein Krieger, kein Forscher. Ich kämpfte und erlitt Narben in sechzehn der großen Klanschlachten von Sanghelios. Mein Auge habe ich verloren, als ich an der Seite deines Onkels unter den steinernen Bäumen focht!“

Ussa nickte. „Er erwähnte jemanden, der ’Quillick genannt wurde – weil er den Feind aufspüren konnte, so, wie ein Quillick seine Beute aufspürt, unbemerkt und aus dem Schatten heraus.“

„Ja, er sprach von mir! Doch es ist nicht die Freundschaft zu deinem Onkel, wegen der ich hier bin. Ich weiß, für welche Sache zu kämpfst. Das ist auch meine Sache. Diese Welt aus Metall kann eine Zuflucht und eine Basis für deine Leute sein – für unsere Leute. Fernab der Allianz.“

Ussa dachte über diese Worte nach. Falls man dem alten Krieger – der Seite an Seite mit seinem Onkel gekämpft hatte – trauen konnte, dann war dieses Angebot vielleicht der Schlüssel, um die Rebellion gegen die Allianz auf eine völlig neue Ebene zu heben. Einmal mehr fragte er sich, ob es eine Art Trick oder eine Falle sein könnte –, doch warum dann all diese Mühen und Umstände? Der alte ’Crecka hatte recht: Man hätte ’Xellus einfach festnehmen können. Außerdem konnten nur wenige die Geschichte von ’Quillick und den steinernen Bäumen kennen.

Ussas Herz schlug schneller, beflügelt von den Möglichkeiten, die sich nun doch noch aus dieser Reise ergeben könnten, aber er rief sich zur Ordnung. Schließlich könnte es trotzdem eine Falle sein – nur eben eine Falle, von der ’Crecka nichts wusste. Falls, ja, falls die Allianz von dem Planetoiden wusste.

„Versuch, dich zu erinnern. Irgendjemandem, irgendwo wirst du doch bestimmt von dieser metallenen Welt erzählt haben.“

„Nein! Ich hatte Angst, man würde mich hinrichten, falls ich von den Dingen sprach, die ich dort gesehen hatte. Was ich auf der Schildwelt entdeckte … ah, allein dafür, dass ich den Planeten betreten und mit der Maschine gesprochen habe, hätte man mich hingerichtet, denn damals war Interaktion mit den Relikten der Blutsväter noch Ketzerei. Und für einen Krieger ist eine Exekution kein ehrenwerter Tod. Aber dann … suchte mein Sohn mich auf, kurz, nachdem ihr hier eingetroffen wart. Er ist einer der Techniker, und er hatte euch belauscht, als ihr die Allianz verfluchtet. Ich habe natürlich schon von Ussa ’Xellus und seiner furchtlosen Partnerin gehört, und da die Beschreibung auf euch zutraf, kam ich her, um meine Hilfe anzubieten. Weil ich auf jene Welt zurückkehren möchte. Und weil ich glaube, dass sie dir und deinen Anhängern ein guter Stützpunkt wäre. Du und ich … wir teilen dieselben Ansichten. Wir hätten niemals vor den San ’Shyuum die Waffen strecken dürfen.“

Der alte Veteran hielt inne, um in seine heile Hand zu husten, und Ussa nutzte die Pause, um noch einmal das Gehörte Revue passieren zu lassen. War ’Crecka vielleicht einfach nur senil, vom Krieg verwirrt? ’Xellus wäre versucht gewesen, seine Geschichte als Hirngespinst abzutun – wäre da nicht diese tiefe Überzeugung in den Zügen des Sangheili, so ehern und unnachgiebig wie das Metall eines auf Qikost geschmiedeten Schwertes. Davon abgesehen hatte er wirklich an der Seite seines Onkels gekämpft. Ussa erkannte, dass er die Geschichte glaubte, so fantastisch sie auch klingen mochte.

Sooln ergriff nun das Wort. „Eine Welt, die im Grunde ein einziges, riesiges Blutsväterrelikt darstellt … So ein Ort darf nicht in die Hände der Allianz fallen. Wir sollten zumindest überprüfen, ob es sie wirklich gibt, Ussa. Was haben wir schon zu verlieren? Der Alte hat Recht – das könnte unsere Chance sein! Denk nur an die Möglichkeiten, wenn wir die Kontrolle über einen solchen Ort hätten!“

„Dann glaubst du ihm also?“

„Genug, um mir selbst ein Bild machen zu wollen. Wir müssen dieses Risiko eingehen. Es gibt so wenig Hoffnung für unsere Sache …“

Ussa ging ein paar Sekunden in der Beengtheit der Brücke auf und ab, dann sagte er schließlich: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Spione von Sanghelios eine so verrückte Geschichte einfallen lassen würden.“ Er drehte sich zu ’Crecka um. „Kannst du uns diese in Metall gehüllte Welt zeigen – jetzt gleich?“

„Ich habe mir die Koordinaten gemerkt, und ich bin bereit, euch dorthin zu bringen. Je früher, desto besser. Vermutlich wird es meine letzte Reise sein. Ich sterbe, müsst ihr wissen. Aber bevor es mit mir zu Ende geht, möchte ich noch einmal dieses Wunder sehen. Und ich möchte euch helfen. Ihr habt recht: Die Allianz ist falsch. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Ihre Tarnung ließ sie nicht im Stich, und man erteilte ihnen ohne Weiteres Starterlaubnis. Ein paar Minuten später waren sie bereits im Orbit und zogen eine brennende Schneise durch die Leere, auf das Slipspaceportal zu, jene glühende Wunde in Raum und Zeit.