Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Hambacher Fest von 1832 stand im Zeichen des Kampfes für nationale Einheit und bürgerliche Freiheit. Dagegen war das Neue Hambacher Fest von 2018 der Verteidigung dieser Werte gegen neuartige Bedrohungen gewidmet. Ein Vergleich beider Feste wirft ein interessantes Licht auf Vergangenheit und Gegenwart.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Einleitung
Die politische Lage im Vorfeld des ersten Festes
Erwartungen an Einheit und Freiheit
Demagogenverfolgung statt Volksbeteiligung
Politisches Aufbegehren im Umfeld
Das Hambacher Fest von 1832
Der äußere Ablauf
Die Idee des Festes: nationale Einheit und politische Freiheit
Metapolitik und revolutionäre Tendenzen
Nachspiel
Die Regierungen rüsten zum Gegenschlag
Demagogenverfolgung
Trauerspiel der deutschen Demokratie
Die allgemeine Lage im Vorfeld des „Neuen Festes“
Äußere Wiedervereinigung, innere Spaltung
Das Staatsschiff gerät ins Schlingern
Das Hambacher Fest von 2018
Der äußere Ablauf
Kritik der kulturellen Überfremdung
Abbau des Rechtsstaats und Verlust bürgerlicher Freiheiten
Verfehlte Wirtschaftspolitik
Grenzen der Wirksamkeit des Staates
Was bleibt?
Demokratie und Nationalität
Moralisierung des Rechtsstaats
Endnoten
Bei dem Namen „Hambacher Fest“ denkt man zunächst an das Treffen national-liberaler Bürger und Burschenschafter, die sich am 27. Mai 1832 rund um die Burgruine Hambach bei Neustadt an der Haardt versammelten, um politische Änderungen einzufordern. Es war nicht das einzige Volksfest dieser Art, das in den Jahren des Vormärz gefeiert wurde, wohl aber das größte und das bedeutendste. In der Sache ging es den Beteiligten um zweierlei: um die politische Einigung Deutschlands, das damals in fast 40 selbständige Territorien aufgesplittert war, die im Deutschen Bund nur auf völkerrechtlicher Basis miteinander verknüpft waren, und um eine Umgestaltung der Regierungsform, die den Bürgern mehr politische Freiheit verschaffen sollte. Nationale Einheit und Freiheit waren die Ziele, die etwa 20 000 bis 30 000 Teilnehmer in Bewegung setzten und bei der Hambacher „Käschteburg“1 zu einer für die damalige Zeit erstaunlichen Kundgebung zusammen brachten. Einheit und Freiheit sind auch heute noch die Leitbegriffe, die – ergänzt um den Begriff des Rechts – in der deutschen Nationalhymne als bleibende Ideale genannt werden: „Einigkeit und Recht und Freiheit/ für das deutsche Vaterland ... Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand.“
Die Initiatoren und Redner des Hambacher Festes, die den etablierten Mächten ihrer Zeit die Stirn boten, waren in der Folge zahlreichen Verfolgungen und Drangsalierungen ausgesetzt. Ihre Ziele wurden erst Jahrzehnte später auf einem ganz anderen Weg doch verwirklicht. Erst in der verklärenden Rückschau erlangte das Hambacher Fest die Bedeutung eines nationalen Großereignisses, dessen Jahrestage feierlich begangen wurden. Wie in solchen Fällen üblich, wurde es dabei für unterschiedliche Zwecke vereinnahmt.2 Nachdem die Hambacher Burgruine in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts restauriert worden war, stand sie auch selbst wieder für politische Veranstaltungen zur Verfügung, u.a. für Gedenkfeiern zur Erinnerung an das Fest von 1832. Nie gab es dabei jedoch ähnlich aufrüttelnde Ziele, mit denen man die amtierende Obrigkeit herausgefordert hätte, wie damals. Im Grunde feierte man sich selbst und wünschte sich dabei nichts weniger als Widerspruch.
Im Mai 2018 indessen fand in Hambach ein Treffen anderen Zuschnitts statt. Dabei ging es zwar ebenfalls um die Einheit und Freiheit Deutschlands und außerdem um den Rechtsstaat, dieses Mal jedoch nicht, um sich zu beglückwünschen, daß man dies alles längst habe, sondern um gegen den Zerfall und die Preisgabe des Erreichten aufzubegehren. Denn viele, die sich nach wie vor als Patrioten verstanden, sahen mit Sorge, daß das, was 1832 erkämpft werden sollte und auf mancherlei Umwegen endlich Wirklichkeit geworden war, im neuen Jahrtausend auf eine von niemand vorausgesehene Weise gefährdet war. Nur aus diesem Grund kam man 2018 erneut zusammen. Ähnlich wie 1832 wollte man auch jetzt wieder ein Aufbruchssignal setzen, dieses Mal jedoch nicht mit dem Ziel der Erringung, sondern der Erhaltung von nationaler Einheit und politischer Freiheit.
Diese beiden Feste, die im Zeichen derselben Leitbegriffe standen, aber unter gänzlich veränderten Verhältnissen stattfanden, fordern eine vergleichende Betrachtung geradezu heraus. Über die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts – das „philosophische Jahrzehnt unter besonderer Aufsicht der Polizei“,3 wie man spöttisch gesagt hat – wird man dabei wenig Neues erfahren; denn diese Epoche ist bereits vielfach erörtert worden. Anders verhält es sich mit der Gegenwart, auf die ein solcher Vergleich ein eher ungewohntes Licht wirft.
Die Frage nach Deutschland offenbarte schon im Alten Reich vor 1806 ein Problem. „Deutschland? aber wo liegt es?“, fragten Goethe und Schiller in ihren Zahmen Xenien. „Ich weiß das Land nicht zu finden, wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“ Immerhin hatte das Land einen Kaiser, ein Reichskammergericht und eine Organisation, welche die widerstrebenden Kräfte und Religionen einigermaßen zusammenhielt. Dem jungen Hegel war dies zu wenig. „Deutschland ist kein Staat mehr“, urteilte er 1802 lakonisch.4 Und er behielt recht. Unter dem Druck Napoleons, der sich anschickte, ganz Europa unter französische Herrschaft zu bringen, sank das alte deutsche Reich in sich zusammen. Der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. folgte die Niederlage des preußischen Heeres auf dem Fuß.
Der Zusammenbruch der Reste dessen, was einmal das deutsche Reich ausgemacht hatte, löste indessen eine Gegenbewegung aus. Die Geschlagenen gaben sich nicht für immer geschlagen, sondern besannen sich auf sich selbst und ihr Eigenstes. Fichte hielt seine Reden an die deutsche Nation. Und wie er, nahmen auch andere sich vor, an inneren Kräften zu gewinnen, was man an äußeren verloren hatte. Eine so nie dagewesene Reformwelle schloß sich an, welche die Staatsverwaltung, eine Agrar- und Gemeindereform, das Universitäts- und Schulwesen, das Militär und die Emanzipation der Juden umfaßte. Ein Ruck ging durch die Gesellschaft. 1813, knapp sieben Jahre nach der desaströsen Niederlage, war man in anderer Verfassung. In einem Aufruf „An mein Volk“ rief der preußische König, die Gunst der Stunde nutzend, sein Volk erneut zu den Waffen.
Die jungen Leute, die dem Aufruf folgten, taten dies in der Erwartung weiterer Reformen, insbesondere einer politischen Beteiligung des Volkes an den Staatsgeschäften und nicht zuletzt in der Hoffnung, damit zugleich eine Einigung Deutschlands zu befördern. Von ähnlichen Erwartungen waren viele erfüllt, die im Zuge der Befreiungskriege in anderen deutschen Staaten zu den Waffen eilten.
Was tatsächlich geschah, sah anders aus. Nachdem Napoleon besiegt war und der Boden für eine politische Neuordnung frei gewesen wäre, stellten sich die meisten deutschen Fürsten taub und versuchten weiterzumachen wie bisher. Zwar kam es in Baden, Bayern und Württemberg zum Erlaß von Verfassungen; aber namentlich in Preußen und Österreich, den beiden größten Staaten, wollte man von einer Einschränkung der monarchischen Gewalt nichts wissen. In der 1815 zwischen Preußen, Österreich und Rußland beschlossenen Heiligen Allianz wurde vielmehr das Prinzip des fürstlichen Gottesgnadentums bekräftigt und allen bürgerlichen und nationalen Bestrebungen eine Absage erteilt. Dagegen regte sich erwartungsgemäß Protest, der mit straf- und polizeirechtlichen Mitteln unterdrückt wurde. Im Gefolge der 1819 gefaßten Karlsbader Beschlüsse wurde die Zensur verschärft, öffentliche Aufzüge und Versammlungen wurden grundsätzlich verboten, die Burschenschaften wurden überwacht. Wer seine Stimme für nationale Einheit und politische Freiheit erhob, galt als „Demagoge“ und war einer strikten Verfolgung ausgesetzt. Die verordnete Friedhofsruhe sorgte verbreitet für Unwillen, der sich gegen die etablierten Mächte richtete.
Aber es rumorte nicht nur in den Staaten des Deutschen Bundes, sondern in weiten Teilen Europas. Zum Teil ging es auch hier um die Erringung der nationalen Einheit. Das Aufbegehren gegen die nicht nationalstaatlich, sondern dynastisch und machtpolitisch orientierten Monarchen richtete sich fast notwendig gegen die willkürlichen Grenzziehungen, zu denen deren Herrschaft geführt hatte. Vor allem erscholl überall der Ruf nach politischer Freiheit. Man wollte das „monarchische Prinzip“ durch moderne Verfassungen ersetzt sehen und plädierte für die politische Beteiligung weiter Teile des Volkes, die bis dahin kaum Mitspracherechte hatten.
Das Zeichen zum Aufbruch gab die sogenannte Julirevolution von 1830. Veranlaßt durch repressive Zensurgesetze stürzten in Frankreich die Bürger den absolutistisch regierenden Bourbonenkönig und brachten Louis Philippe als sogenannten Bürgerkönig auf den Thron. Dieser war kein König von Gottes Gnaden mehr, sondern von Volkes Gnaden und an eine Verfassung gebunden, die auf dem Prinzip der Volkssouveränität beruhte. Nach einer Bemerkung Metternichs wirkte die Julirevolution auf Europa „wie der Durchbruch eines Dammes“.5 Von Frankreich aus griff die Flamme nach Norden über, wo sich Belgien von den Niederlanden trennte und zu einem eigenen Königreich konstituierte, dessen Verfassung der französischen nachgebildet war. In Polen kam es Ende 1830 zu einem Aufstand gegen die Herrschaft des russischen Zaren. Dieser schlug zwar fehl, aber die aus Polen nach Westen fliehenden Aufständischen wurden überschwenglich gefeiert. In Deutschland entstand eine regelrechte Polenbegeisterung, die unter anderem in den Polenliedern August von Platens Ausdruck fand. Wer für die Polen Partei ergriff, ihren Freiheitswillen lobte und ihr Schicksal beklagte, wandte sich damit unausgesprochen zugleich gegen die Herrschaft der Heiligen Allianz, die politische Veränderungen mit allen Mitteln zu verhindern suchte. In England kam es immerhin zu einer Wahlrechtsreform, die zu einer Erhöhung der Zahl der Wahlberechtigten führte und damit Bewegung in das politische System brachte. Zwar wurde die Reformbill erst 1832 beschlossen; aber die 1831 geführte Diskussion darüber wurde auch außerhalb Englands mit Spannung verfolgt. Ihr war unter anderem Hegels letzte größere Schrift gewidmet. Das Hambacher Fest fügt sich in diese Linie ein. Mit ihm setzte sich die Welle der Erhebungen in Deutschland fort.
Warum man sich gerade in dem abgelegenen Nest Hambach versammelte, ist leicht nachvollziehbar.6
