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Satiren, Geschichten und Essays, von Mann, Kind und Kegel
Das E-Book Hamburger, 4. Stock wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Satire,Humor,Familie,Essays,Kind und Kegel
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Alle Beteiligten habe ich unkenntlich gemacht. Also die menschlichen. Manche Orte und Produkte aus meiner Zeit als Auffüller im Supermarkt stehen im Original. Schleichwerbung ist das aber nicht, eher das Gegenteil. Aber die Satire darf das.
Für alle, die mich und meine Familie kennen: nicht jede Situation ist genau so geschehen, manchmal habe ich eine Geschichte aus mehreren Ereignissen zusammenfabuliert oder sie einer anderen Person zugeschrieben. Auch die Protagonisten sind oft eine Kompilation mehrerer Personen. Ein bisschen dramaturgische Freiheit habe ich mir also erlaubt.
Vorwort
1. Schreiber-Line
2.Warum die Mama gerne schreibt
3. Hamburger, 4. Stock
4. Öko-Stress
5. Danebengegangen
6. Männerschnupfen
7. Verflixte Technik
8. Spintisieren im stillen Kämmerlein Frauen und die Technik
9. Es gibt Tage...
10. Miss-Verständnis
11. Liebesmüh’
12. Die Apfelplage
13. Wespengift und Spinnenbein
14. Von O-Maschinen und Spitzmädchen – ein Jahr mit Mia
15. Teufelszähne
16. Reizende Reizwäsche
17. Klein, aber oho!
18. Regentanz
19. Aus dem Leben einer Auffüllerin
20. Seufzertag
21. Armer Mann, bist arm dran
22. Braver Bub
23. Raserei
24. Das Aschermittwochskreuz
25. Spintisieren während einer Familienkrise Ich will die Haare schön
26. Nikolaus und Zahnfee im Stress
27. Weihnachtsstress
28. Manager gesucht
29. Der Ein-Satz-Onkel
Nachwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
es gibt zwei Wege, am besten durchs Leben zu kommen. Den einen macht aus, dass man sich nicht allzu sehr von seinen Mitmenschen unterscheidet und gut im Strom mitschwimmt. Beim anderen ist das Gegenteil der Fall. Je ausgeflippter, desto besser. Und dabei kräftig gegen den Strom schwimmen und ordentlich Medienpräsenz zeigen.
Wen das Schicksal aber launischerweise nur ein kleines bisschen anders gestrickt und dazu noch tückisch mit der Friede-Freude-Eierkuchen-Neigung der Waage versehen hat, der hat’s nicht leicht. Für den hat das Leben an jeder Ecke Stolpersteine parat und Fettnäpfchen aufgestellt. Und sorgt auf geradezu magische Weise dafür, dass man auch ganz bestimmt hineintritt. Da kann man sich jetzt grämen und sich in eine Hütte im Wald in die Eremitage begeben. Oder man versucht es eben, so gut es geht. Einen Beruf zu lernen und eine Familie zu gründen. Und gibt dem Leben dadurch die Gelegenheit für noch mehr Stolpersteine. Das führt dann manchmal in das Haus mit den vielen Beruhigungsmitteln und den Türen ohne Schlösser. Doch man kann auch die Not zur Tugend machen. Zum Beispiel die Unbilden des Lebens aufschreiben und sich dabei der Satire und sonstiger Formen des Humors bedienen. Was ich hiermit tue. Das mit der Hütte hebe ich mir fürs Alter auf.
Ich wünsche dir also viel Spaß bei meinen kauzigen Erlebnissen, mit Familie, Arbeit und meinem ganz alltäglichen Wahnsinn. Ich verübele es auch nicht, Unmut oder Kopfschütteln hervorzurufen bei denjenigen, die ihre ganze Lebens- und Familienchose vieeel besser im Griff haben...
Es grüßt dich herzlich,
Sylvi Amthor
Wen das Schicksal als dritte fiese Komponente mit einer unbändigen Leidenschaft zur meist brotlosen Schreibkunst ausgestattet hat, dessen Weg führt ihn meist nicht schön gerade durchs Leben hindurch. Das wäre auch völlig unpassend. Wer nicht viel erlebt, hat auch nicht viel zu sagen. Nach dem Motto: Eine ruhige See hat noch nie einen guten Seemann hervorgebracht. Also bitte nicht wundern, dass ich in den Geschichten, die sich über einen Zeitraum von fast dreißig Jahren erstrecken, mal mit Kindern arbeite und mal mit behinderten Menschen. Die Geschichten über diese Zeit befinden sich aber erst im zweiten Band. In einem Betreuungsteam für betagte Senioren war ich auch einmal. Und habe im Supermarkt Joghurts und Käse eingeräumt. Einem Bürojob bin ich auch mal nachgegangen. Heimarbeit habe ich auch eine Weile betrieben, wobei mich die stundenlange Zusammenstöpselei zweier Plastikteile jeden Tag fast in den Wahnsinn getrieben hat.
All den Widrigkeiten da draußen zu entkommen, einfach zuhause zu bleiben und meinen Lebensunterhalt irgendwie virtuell zu verdienen, hat mir das Schicksal bisher noch nicht gegönnt. Doch ich gebe das nicht auf! Vielleicht klappt es ja später, in der Hütte. Oder ich mache was mit Telefonieren. Wenn Stimme und Phantasie noch mitmachen, merkt die Person mit körperlichen Bedürftigkeiten am anderen Ende ja nicht, dass da statt der angekündigten zwanzigjährigen Blondine im roten Negligé eine grauhaarige, betagte Dame in Schlabberhose nebenbei Häkelblumen und Handstulpen fertigt. Und falls meine Klause im Wald jenseits der virtuellen Welt liegt, kann ich ja immer noch Stulpen und Häkelblumen verkaufen.
Noch ein übrigens: Ich bin Jahrgang 1963, lebte also dreißig Jahre ohne Internet und Handy. Zum Verständnis mancher Geschichten. Wie wir das überlebt haben, ist mir heute ein Rätsel, aber irgendwie ging’s.
Dieses Buch und seinen zweiten Band widme ich meiner Familie, meinen Freunden und meinen ehemaligen Arbeitskollegen. Ohne eure Persönlichkeit, eure Liebenswürdigkeiten und Marotten wäre mir der Stoff zum Schmunzeln oder Ärgern schnell ausgegangen. Wie schön, dass es euch gibt!
Sobald man von Schule, Ausbildung oder Studium entlassen ist und beruflich nichts schriftlich niederlegen muss, beschränkt sich das Schreiben im Allgemeinen erheblich. Meist auf Notizzettel, heutzutage sind sie sogar virtuell, um wichtige Dinge nicht zu verschwitzen. Oder auf die Einkaufsliste, um ja nicht die Jelly Beans zu vergessen, auf die der Göttergatte unverständlicherweise so steht. Oder um der Herzensdame, die sich seit drei Wochen nicht meldet, mit Liebesbekundungen virtuell auf den Leib zu rücken, gespickt mit Herzchen, Bärchen und Blümchen. Oder, im fortgeschrittenen Beziehungsstatus, mit der Aubergine.
Da wäre dann noch das gesellschaftlich übliche Beschriften von Hochzeits-, Geburtstags-, Jubiläums- und diversen anderen Karten, vor denen man merkwürdigerweise oft länger sitzt, als vor einem Aufsatz in der Schule.
Längere Texte sind eher selten und meist von unangenehmer Art. Etwa, wenn man der reichen Tante in Amerika aufs Inbrünstigste versichern möchte, dass ein Motorrad unerlässlich sei für die seelische Gesundheit des pubertierenden Sohnes. Oder dem Edeka-Chef glaubhaft machen will, dass man sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Kühlregale mit Joghurts, Quarks und Käse hübsch zu bestücken und dass das der Traumjob schlechthin sei. Oder etwa der Versicherung versichern muss, dass man das neue teure Smartphone des reichen, schnöseligen Nachbarn um Gottes Willen nicht mit Absicht neben die Steaks auf den Grill gelegt hat.
Wer sich in seiner Freizeit freiwillig mit Block und Stift in eine Ecke verzieht, gilt im Allgemeinen als ein suspektes Subjekt. Als Träumerin, Eigenbrötler, Spinner-Heini oder als Psycho-Tante. Oder schlimmer noch, als Möchte-gern-Schriftsteller, lächerlich!
Als meine Tochter Mia noch klein war, hat ihr wohl irgendein besorgter Mensch in unserem Leben einmal so etwas Ähnliches gesteckt. Weil sie mich eine Weile ängstlich beäugte, wenn ich meinen Block zückte und, in mein Werk versunken, erst auf mehrmaliges Ansprechen reagierte. Und dann vorsichtig nachfragte, was ich da so trieb. Also erklärte ich ihr, warum ich gerne schrieb. Ein paar Tage später kam ihre Cousine Elena zum Spielen und die beiden zogen sich in Mias Zimmer zurück. Aus der offenen Tür hörte ich durch Zufall, wie Mia ihrer Cousine berichtet, dass ihre Mama überhaupt nicht spinne und Mia genau wüsste, warum sie gerne schrieb. Dann erklärte sie Elena, was ich ihr erzählt hatte, mit den Worten einer gut Dreijährigen. Ich biss mir auf dem Flur in die Fingerknöchel, um mir das Lachen zu verkneifen. Aber ist doch klar, dass ich mir meinen Block schnappte und eine Geschichte daraus machte!
„ Also, ich heiß’ Mia. Ich spiel’ am liebsten mit meinen Puppen. Und meinen Puzzles und mit dem Kaufladen. Und mit Elena, aber manchmal nicht, nämlich, wenn sie mich ärgert. Mein Papa spielt am liebsten Computer und Levels. Das ist dann in so ’nem Fernseher mit so ’nem Drücker, da rennen Männchen ’rum und die sind böse, die muss er dann totmachen.
Und die Mama tut am liebsten schreiben. Das hat sie schon immer, immer gemacht. Ich weiß das, obwohl ich erst fast drei Jahre alt bin. Ich geh’ nämlich schon bald in den Kindergarten! Ich weiß das, weil manchmal liest mir die Mama Geschichten und Gedichte vor und dann sagt sie, das hat sie geschrieben, als ich noch in Abrahams Wurschtkessel war. Ich glaub’ aber, das sagt man nur so. Ich war bestimmt nicht in ’nem Wurschtkessel, weil ich nämlich noch nicht schwimmen kann, nur mit Schwimmflügelchen. Die Mama hat mir auch ein Foto gezeigt, gleich als ich aus ihrem Bauch raus gekommen bin und da waren keine Schwimmflügelchen dabei.
Meine Mama hat gesagt, ihre Cousins und Cousinen – ich hab’ auch eine Cousine, die heißt Elena und eine, die heißt Vanessa und die hab’ ich total lieb alle beide – also, die Mama hat gesagt, dass ihre Cousins und Cousinen alle so... Sachen machen. Die Mama sagt, sie sind alle ‚musisch‘. Aber das kann nicht stimmen, weil ‚musisch‘ kommt doch von ‚Musik‘ und das machen nur der Harry und der Gerd. Der Harry spielt Gitarre, meine Mama auch, aber nicht so gut und der Gerd spielt Ziehmonika. Das ist aber kein Mädchen, sondern damit macht man Musik. Er spielt auch Keyboard, das kann meine Mama auch, aber auch nicht so gut. Und die Kathrin, die malt. Das muss aber dann nicht ‚musisch‘ heißen, sondern eigentlich ‚malisch‘. Und meine Mama schreibt am liebsten, das muss ja dann ‚schreibisch‘ heißen.
Die Mama hat immer so ’nen kleinen Block dabei und manchmal, auch wenn gaaar niemand was sagt, fängt sie einfach so zu Schreiben an. Dann darf man auch gar nix mehr sagen. Der Papa auch nicht, sonst macht sie ‚Pschsch‘ wie eine Schlange und dann wird sie ganz grantig. Aber wenn sie ausgeschrieben hat, dann ist sie wieder gut gelaunt und manchmal krieg’ ich dann ein Eis. Sogar, wenn im Winter!
Die Mama schreibt aaalles auf. In der Küche, da hängt eine Pin-Wand und die ist voller Zettel, was die Mama geschrieben hat. Man darf auch nicht einen einzigen nehmen, nur leere, da muss man aber vorne und hinten gucken.
Am Sonntag, da müssen der Papa und ich zu Oma Gitte und Opa Herbert fahren, weil die Mama da mit dem Computer schreibt. Aber wir haben sowieso immer Lust, zu Oma Gitte zu gehen, weil da gibt’s immer Pommes und Sauerbraten und manchmal Klöße. Und manchmal Eis mit heißen Himbeeren! Die sind aber mit viel Zucker, sagt die Mama, aber das macht mir nix. Der Papa steht auch auf Zuckerzeug, der nascht immer, ich auch, aber meine Mama nicht, aber die raucht. Also. Wo war ich jetzt? Also, am Sonntag, da schreibt die Mama mit dem Computer, aber sonst schreibt sie mit dem Stift. Da krieg‘ ich dann manchmal viele Malblätter, wenn der Drucker spinnt. Da druckt er nicht, was die Mama geschrieben hat, sondern so ganz kleine Smilies und Herzchen und Häuschen, die kann man aber gar nicht ausmalen, weil sie zu klein sind, aber hintendrauf kann man malen. Dann schimpft der Papa immer, weil die Farbe so teuer ist und die Mama sagt, ‚du kannst mich mal‘, aber das sagt man eigentlich nicht.
Meine Mama sagt, alles, was sie ärgert oder über was sie nachdenken muss, schreibt sie auf und macht eine Geschichte draus. Wenn sie die dann aufgeschrieben hat, dann geht’s ihr viel besser. Weil, dann hat sie es verdaut. Nicht so, wie die Sesamkörner im Müsliriegel, die kommen nämlich unten wieder raus, so wie man sie oben reinsteckt. Andere Sachen nicht, die sind ganz klein gemacht und im Häufchen versteckt, da kann man nicht mehr sehen, was man gegessen hat. Höchstens, wenn man zu wenig getrunken hat, dann macht man nämlich kein Häufchen, sondern kleine Hasenköttelchen und das tut auch weh. Aber wenn man ein Häufchen macht, das wie eine Wurscht aussieht, dann hat man richtig gegessen und getrunken und alles gut verdaut.
Die Mama sagt, wenn sie immer an was denken muss, dann zwickt und zwackt das in ihrem Bauch, und wenn sie es dann aufgeschrieben hat, dann hat sie es verdaut. Aber ich hab auch schon mal was geschrieben, ich kann nämlich schon das ‚M‘ wie Mia und Mama und das ‚P‘ wie Papa und das ‚O‘ wie Oma und Opa. Aber als ich dann mal gemusst hab, hab ich keine Buchstaben in meinem Häufchen gesehen. Komisch. Aber bei mir haben die Buchstaben auch nicht im Bauch gezwackt.
Na ja. Also, jetzt weißt du, dass meine Mama nicht spinnt, wenn sie immer so gerne schreibt. Sie macht das nämlich, damit sie immer gut schöne Häufchen machen kann.“
Zum Verständnis: Die Sache ereignete sich noch vor dem Millennium. Da waren Papier und Druckertinte noch richtig teuer.
„Mama, darf ich nur EINEN Muffin essen?“
Mias Blick schräg von unten herauf, ihre traurige Stimme und der gedehnte Wortfall verrieten ihre Befürchtung, dass ihre Frage meinerseits höchstwahrscheinlich mit einem entrüsteten „Nein!“ beantwortet werden würde.
Ich freute mich. Darüber, dass das Kind nicht dumm war und wusste, dass so eine Anfrage von einer am heißen Herd schwitzenden und Hamburger bratenden Mutter schlichtweg abgelehnt werden musste.
Meine Freude währte nur kurz, denn Mia zog alle Register. Angefangen damit, dass sich ihre Finger langsam und unauffällig den Muffins näherten, ganz aus Versehen ein wenig darin herum popelten und rein zufällig dabei ein Krümel in ihrem Mund landete. Dann ging sie über in ein verzweifeltes, bühnenreifes Ach-Mama-Stöhnen und endete mit gekonnt eingesetztem Öffnen der Tränenschleusen.
Ich ließ mich nicht erweichen. Unser kleiner Kostverächter hatte gestern erst wegen einer Geburtstagsfeier mit viel Süßkram nichts Ordentliches gegessen. Wobei man hätte einwenden können, dass Hamburger auch nicht viel gescheiter waren als Muffins. Aber immerhin waren die Brötchen, wenn auch vereinzelt, mit Sesamkörnern gespickt, auf der unteren Brötchenhälfte lagen zwei große Salatblätter und in der Frikadelle, zwischen dem Hackfleisch geschickt getarnt, befanden sich Würfel von gelber und roter Paprika. Ferner verbargen sich unter der oberen Brötchenhälfte jeweils drei Scheiben Tomaten und Gurken. Mittlerweile war ich ziemlich findig geworden im Verstecken von Gemüse in dem, was meine junkfood-liebende Familie gerne aß.
„Markus!“, brüllte ich nach meinem Angetrauten. Markus eilte herbei, um Mia zu beruhigen und die Muffins aus ihren Augen und damit hoffentlich auch aus ihrem Sinn zu entfernen.
Ich beeilte mich, belegte die Brötchen und vergaß dabei, dass Mia kein Ketchup wollte. Zum Ausgleich dafür steckte ich ihr ein Namensfähnchen oben drauf.
„Tadaa!“, präsentierte ich die mindestens vierstöckigen Hamburger, auf denen sich außer den bereits genannten Zutaten Senf, Gewürzgurken, Mayonnaise und Zwiebelringe befanden.
„Iss!“, sagte ich zu meinem Kind, das sich mehr mit ihrem Fähnchen als mit dem Hamburger beschäftigte. Ich drückte den Hamburger zusammen, damit er etwas weniger monströs aussah. Prompt quetschte sich das hinterhältige Ketchup heraus.
„Ich hab doch gesagt, dass ich kein Ketchup will!“, rief Mia denn auch prompt empört. „Und da guckt Salat raus, den mag ich auch nicht.“
Mia war ansonsten wirklich ein liebes Kind. Beim Essen machte sich das allerdings nicht bemerkbar. Ich versuchte es auf die bewährte Tour. Mein recht kopfgesteuertes Kind war oft zufriedenzustellen, wenn man sich bemühte, ihm etwas zu erklären. „Also“, begann ich bei Adam und Eva, „man sollte alles erst einmal probieren, bevor man es ablehnt. Warst du zum Beispiel schon einmal beim Chinesen?“
„Nein.“ Mia hörte mir aufmerksam zu.
„Also hast du auch bestimmt noch niemals Chop Suey gegessen, oder?“
„Nein.“
„Und weißt du dann, wie so etwas schmeckt?“
Mia verneinte zum dritten Mal.
„Also, und solche Hamburger kennst du auch nicht. Du kennst nur die von McDonald’s und die sind ganz anders. Ketchup und Salat schmecken bei meinen ganz toll drauf! Probier doch erst mal. Wenn es dir nicht schmeckt, können wir immer noch etwas dagegen tun.“
Mia gab sich mit der zugegeben recht fadenscheinigen Erklärung zufrieden und versuchte, das Hamburgermonster in ihre kleinen Hände zu nehmen. Es gelang ihr nicht und sie wandte sich hilfesuchend an Markus, der wie immer schon halb fertig war, während Mia und ich noch nicht einmal angefangen hatten. Mias Augen wurden groß, als sie ihren gelbweiß-rot-verschmierten Vater erblickte. Und seinen Teller, der garniert war mit farblich hübsch zusammengestellten Senfklecksen mit Gurken, Ketchupflecken mit Zwiebeln und Mayonnaisehäufchen mit Tomaten. Unsere Hamburger konnte man nicht anders essen. Wir setzten sie – fies, wie wir sein konnten – gerne pingeligen Gästen vor und weideten uns dann an deren lächerlichen Bemühungen mit dem Einsatz von Messern, Gabeln und einem Dutzend Servietten.
„Komm, ich helf dir“, bot ich Mia an. Zögernd biss sie ab. Und erwischte nur Brötchen.
„Schmeckt gut!“, verkündete sie.
Ich lächelte etwas gequält. Jetzt wurde mein Kind mutiger und als ich ihr den Hamburger erneut hinhielt, ergriff sie meine Handgelenke und schob verlangend nach.
„Sehr gut!“, war undeutlich zu vernehmen.
Ich seufzte erleichtert und widmete mich nun meinem eigenen Doppeldecker.
„Den esse ich ganz auf!“, prahlte Mia jetzt.
Markus lachte. „Wenn du das schaffst, verputz ich einen Schuhkarton.“
Mia war jetzt nicht mehr zu bremsen. „Hast du noch einen für mich?“
Also, das war ja wohl die Höhe! Essen wie ein Spatz, mäkeln wie eine Diva, aber angeben wie ein Windbeutel!
„Klar doch“, log ich, mit der Gewissheit, dass sie einen zweiten sowieso niemals schaffen würde.
Markus blickte mich vielsagend an. „Wenn du da mal keine Probleme kriegst“, raunte er und deutete auf Mia, deren Backen denen eines fetten Hamsters in nichts nachstanden.
„Still“, sagte ich. „Kümmere du dich lieber mal um einen Schuhkarton.“
Bedenklich betrachtete Markus seine Tochter, die, wie alle Kinder, die linke und rechte Seite ignorierte und sich in die Mitte des Hamburgers hineinarbeitete. Markus und ich kringelten uns vor Lachen, denn Mias Kopf verschwand förmlich in ihrem Hamburger.
„Achtung, Achtung!“, frotzelte ich. „Eine wichtige Durchsage! Die kleine Mia begab sich vor kurzem in einen Hamburger. Zuletzt wurde sie zwischen dem Salatblatt und einer Tomatenscheibe gesehen. Seitdem ist sie verschollen. Wer hat Mia gesehen? Bitte verständigen Sie die armen Eltern.“
Wir hielten uns den Bauch vor Vergnügen, während Mia mittlerweile so gekonnt in ihr Tellermonster hineinbiss, dass sich das Gemüse nach hinten verschob und sie nur noch Frikadelle mit Brötchen erwischte.
Was soll’s, dachte ich und wischte mir die Lachtränen aus den Augenwinkeln. Wenigstens die Paprika in der Frikadelle hast du intus.
Ein wenig später blickte ich beim Aufräumen auf den bekleckerten Tisch und auf meine verschmierte, aber zufriedene Familie. Während Markus nun nach einem Schuhkarton suchte, kletterte Mia mit der Geschicklichkeit eines Affen auf einen wackeligen Hocker. Mit dem Spürsinn eines Hundes hatte sie die Muffins oben auf dem Schrank entdeckt und angelte jetzt nach ihnen. Ich überlegte, ob ich morgen eine Calzone machen sollte. Da konnte man nämlich auch jede Menge Gemüse drin verstecken.
Übrigens hätte ich mich auch nicht gegeißelt, wenn Mia einen Muffin vor dem Essen erwischt hätte. Ist doch klar, dass das Zucchini-Möhren-Muffins waren. Mit Dinkel-Vollkornmehl.
Als Naturfreund und pflichtbewusster Mensch beschäftige ich mich immer mal wieder mit der Öko-Bilanz meines Lebensstils. Man möchte ja für Kind und eventuelle Enkelkinder keine Zukunft in unterirdischen Bunkern schaffen, mit künstlichem Licht, Tubennahrung und chemischem Tannenduft aus der Dose. Weil wir unser Wasser verseucht, die Luft verpestet und die Erde vergiftete haben. Doch wie in allem gibt es auch da ein gesundes Maß. Das hatte ich einmal eine Zeitlang gehörig überschritten.
Das Unglück hatte seinen Anfang genommen, als ich mit Mia schwanger gewesen war. Ich hatte damals auf der Kopfhaut immer wieder ein Ekzem, das ich nur mit einem cortisonhaltigen Shampoo wegbekam. Nun riet mir mein Arzt, davon Abstand zu nehmen.
Ich machte mich also auf die Suche nach einer Alternative. Nach einigen Fehlversuchen mit käuflichen Produkten fand ich ein Rezept zum Shampoo-Selbermachen auf der Basis von Schmierseife, gemischt mit Pottasche und Kamillensud. Das erste Mal versaute ich mir meine Küche damit, da das Zeug beim Köcheln derart überschäumte, dass mir der heiße Brei von Anderssons Märchen dagegen lächerlich vorkam. Das zweite Mal jedoch gelang das Gebräu und siehe da, es half! Schuppen und Ekzeme waren bereits nach kurzer Zeit verschwunden. Ich war begeistert!
Nun war ich hellhörig geworden und dachte: Sooo, was gibst du denn sonst noch so für chemisches Zeug an deine Haut? Ich fand heraus, dass Cremes jede Menge Erdöl enthielten, außerdem künstliche Duftstoffe und Parabene zum Haltbarmachen, die sehr schädlich waren. Also mixte ich mir meine eigene Creme aus Orangenblütenwasser, Bienenwachs, Mandelöl und echtem Rosenduft. Die erste gerann wie eine Buttercreme, die zweite schimmelte nach einer Woche, bei der dritten trennten sich Wasser und Fett. Die vierte glückte schließlich. Und sie war ein Traum, seidig, duftend, einfach klasse! Nun war ich vollends eingenommen von der Öko-Welt.
Sooo, dachte ich, was stopfst du denn bislang an Mist IN deinen Körper hinein? Der noch dazu gerade dein Baby mitversorgt?
Ich machte mich schnell kundig und erfuhr, dass unser Wasser zu viel Nitrit enthielt, von Quecksilber und Blei ganz zu schweigen. Auch enthalten in konventionell angebautem Salat, Gemüse und Obst; darin befanden sich außerdem Massen von Pestiziden. Also trank ich nur noch Mineralwasser, selbstverständlich eins mit ‚Sehr gut‘-Bewertung von Ökotest, kaufte ab jetzt nur noch im Öko-Laden ein und strich wegen Massentierhaltung und Antibiotika Fleisch und Wurst vom Speiseplan. Da die Bios viel zu teuer für uns waren. Ab diesem Zeitpunkt hegte Markus die Hoffnung, dass mein Öko-Trip hormonell bedingt und damit zeitlich begrenzt war.
Meine Freizeit war jetzt ausgefüllt mit dem Aufspüren einwandfreier Lebensmittel, mit Creme- und Shampooherstellung und der Zubereitung von frischem Essen. Es versteht sich von selbst, dass ich uns nichts Eingefrorenes und Aufgewärmtes oder gar Dosenprodukte mehr vorsetzte. Da waren ja kaum noch Vitamine drin! Meine Ledersachen entsorgte ich, war ja alles total mit Schwermetallen belastet, meine Kleider kaufte ich secondhand und ganz selten gönnte ich mir etwas aus dem Öko-Kleiderladen. Dies aber dann doch mit schlechtem Gewissen, denn mein neues Faible überstieg mittlerweile unsere bescheidenen finanziellen Verhältnisse bei weitem. Aber musste mir das nicht egal sein? Für unsere Gesundheit und die unserer Erde durfte einem doch nichts zu teuer sein, oder?
Langsam geriet ich in Stress. Überall waren wir von chemischem Zeugs umgeben! Bei Putzmitteln etwa, oder im Supermarkt war alles in Plastik eingepackt und sogar unser Klopapier war mit Chlor gebleicht. Langsam ließen sich bei mir die ersten grauen Haare blicken. Ich nahm Haarfärbemittel unter die Lupe und bekam fast einen Schock beim Studieren der Inhaltsstoffe. Alles das reinste Gift, das Zeug! Ich recherchierte nach Alternativen; für meine aschblonden, angegrauten Haare kamen nur getrocknete Rhabarberwurzelstücke in Frage. Die mussten zunächst gemahlen werden. Gut, dass ich mir vor kurzem eine Kaffeemühle gekauft hatte, wegen dem Schimmel und den Verunreinigungen im gemahlenen Päckchen-Kaffee. Feinster Rhabarberwurzelstaub färbte meine halbe Küche gelb, die Rhabarberwurzelpampe, die ich kreiert hatte, versah die Badewanne mit einem gelbem Schimmer, inklusive zweier Handtücher und einem Pullover. Ich hatte statt aschblondgrauer Haare nun grau-gelbe. Krampfhaft, jedoch vergeblich, versuchte ich, diese hübscher zu finden.
Ich nahm ab, trotz Schwangerschaft. Und kriegte tiefe Falten, trotz Mandelcreme. Mein Frauenarzt fragte besorgt, ob ich mich denn vernünftig und gesund ernährte, worauf ich ihm vernichtende Blicke zuwarf.
Schließlich wurde Mia geboren. Als ob sie meine Öko-Nöte spürte, weigerte sie sich von Anfang an, sich so zu ernähren, wie die Natur es vorgesehen hatte. Nach einigen sehr anstrengenden Wochen, ausgefüllt mit Babyprotestgeschrei, versagenden Milchpumpen und Brustdrüsenentzündungen, gab ich das Stillen demoralisiert auf. Und fütterte mein Kind widerwillig mit Fertignahrung, wobei mich das schlechte Gewissen fast umbrachte.
Na warte, grollte ich, wenn du alt genug bist für Brei!
