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Im Kontext Schule gibt es eine große Bandbreite herausfordernder Situationen für Schülerinnen und Schüler. Sie reichen von nachlassender Leistung und Schwierigkeiten in der Lern- und Arbeitsorganisation über Unkonzentriertheit und Unwohlsein bis hin zur Schulverweigerung. Wird die schulische Problematik als personale Eigenschaft des Schülers/der Schülerin gesehen, entsteht neben einem Teufelskreis bei den Betroffenen das Gefühl, im Hamsterrad gefangen zu sein. Eine ressourcen- und lösungsorientierte Sichtweise auf Schulprobleme, die die sozialen Kontexte der beteiligten Personen (Eltern, Schüler/-in, Lehrkraft) und deren Beziehungsebenen untereinander berücksichtigt, verteilt die Verantwortung auf mehrere Schultern und eröffnet neue Wege bei der Lösungsfindung. Wie systemisch Beratende die Kommunikation und Kooperation des Dreiecks aus Eltern, Schüler/-in und Lehrkraft durch das Bereitstellen eines sicheren Rahmens stärken und alle Beteiligten auf dem Weg zu gemeinsamen Lösungen begleiten kann, zeigt Benedikt Joos anschaulich und praxisnah.
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Leben.Lieben.Arbeiten SYSTEMISCH BERATEN
Herausgegeben vonJochen Schweitzer undArist von Schlippe
Benedikt Joos
Lösungen im Beratungsdreieck Eltern – Schüler – Lehrkraft
Mit 5 Abbildungen
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,
Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: DDCoral/shutterstock.com
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISSN 2625-6096
ISBN 978-3-647-99943-2
Zu dieser Buchreihe
Vorwort von Jochen Schweitzer
Vorbemerkung
I Der Kontext – Schulprobleme sind Inter-System-Probleme
1Herausforderungen im Kontext Schule
Fallbeispiel 1: Christiane – Verweigerung in der Schule und zu Hause
2Diagnose »Problemschüler*in«: Der Fokus auf Defizite und Mängel
3Die systemische Sichtweise auf Schulprobleme
3.1Ressourcen- und Lösungsorientierung
3.2Die Suche nach dem Sinn von auffälligen Verhaltensweisen
3.3Kontextberücksichtigung – Einflussbereiche bei Schulproblemen
Fallbeispiel 1: Christiane – Vom Problemfokus zum Lösungsfokus
4Das Dreieck Eltern – Schüler*in – Lehrkraft
4.1Beziehungsebene: Eltern – Lehrkraft
4.2Beziehungsebene: Eltern – Schüler*in
4.3Beziehungsebene: Schüler*in – Lehrkraft
Fallbeispiel 1: Christiane – Lösungen im Dreieck Eltern – Schüler*in – Lehrkraft
II Die systemische Beratung
5Die systemische Haltung im Dreieck Eltern – Schüler*in – Lehrkraft
5.1Empathie und Wertschätzung
5.2Die neugierige Haltung des Nichtwissens
Fallbeispiel 2: Samuel – »Wenn du so weitermachst, fliegst du von der Schule!«
5.3Allparteilichkeit und Neutralität in der Beratung
Fallbeispiel 2: Samuel – Erste Schritte auf dem Weg zu einem kooperativen Miteinander
5.4Eigenverantwortung stärken
6Allgemeines Vorgehen bei der Beratung im Dreieck Eltern – Schüler*in – Lehrkraft
6.1Die Arbeit mit der Familie
6.2Die Arbeit mit Lehrkräften im Rahmen von Einzelfallberatungen
6.3Die gemeinsame Arbeit mit allen Beteiligten am Runden Tisch
Fallbeispiel 3: Luisa – »Ich will nicht mehr in die Schule gehen!«
7Vernetzung mit Kooperationspartnern und Grenzen der Beratung im Dreieck Eltern – Schüler*in – Lehrkraft
Fallbeispiel 3: Luisa − Keine Lösung in Sicht
8Supervision und Coaching für Lehrkräfte zur Stärkung des Dreiecks Eltern – Schüler*in – Lehrkraft
9Ausblick: Systemische Pädagogik und Herausforderungen der Schulpsychologie
III Am Ende
10Literatur
11Literaturempfehlungen
12Der Autor
13Dank
Die Reihe »Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten« befasst sich mit Herausforderungen menschlicher Existenz und deren Bewältigung. In ihr geht es um Themen, an denen Menschen wachsen oder zerbrechen, zueinanderfinden oder sich entzweien und bei denen Menschen sich gegenseitig unterstützen oder einander das Leben schwermachen können. Manche dieser Herausforderungen (Leben.) haben mit unserer biologischen Existenz, unserem gelebten Leben zu tun, mit Geburt und Tod, Krankheit und Gesundheit, Schicksal und Lebensführung. Andere (Lieben.) betreffen unsere intimen Beziehungen, deren Anfang und deren Ende, Liebe und Hass, Fürsorge und Vernachlässigung, Bindung und Freiheit. Wiederum andere Herausforderungen (Arbeiten.) behandeln planvolle Tätigkeiten, zumeist in Organisationen, wo es um Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit geht, um Struktur und Chaos, um Aufstieg und Abstieg, um Freud und Leid menschlicher Zusammenarbeit in ihren vielen Facetten.
Die Bände dieser Reihe beleuchten anschaulich und kompakt derartige ausgewählte Kontexte, in denen systemische Praxis hilfreich ist. Sie richten sich an Personen, die in ihrer Beratungstätigkeit mit jeweils spezifischen Herausforderungen konfrontiert sind, können aber auch für Betroffene hilfreich sein. Sie bieten Mittel zum Verständnis von Kontexten und geben Werkzeuge zu deren Bearbeitung an die Hand. Sie sind knapp, klar und gut verständlich geschrieben, allgemeine Überlegungen werden mit konkreten Fallbeispielen veranschaulicht und mögliche Wege »vom Problem zu Lösungen« werden skizziert. Auf unter 100 Buchseiten, mit etwas Glück an einem langen Abend oder einem kurzen Wochenende zu lesen, bieten sie zu dem jeweiligen lebensweltlichen Thema einen schnellen Überblick.
Die Buchreihe schließt an unsere Lehrbücher der systemischen Therapie und Beratung an. Unsere Bücher zum systemischen Grundlagenwissen (1996/2012) und zum störungsspezifischen Wissen (2006) fanden und finden weiterhin einen großen Leserkreis. Die aktuelle Reihe erkundet nun das kontextspezifische Wissen der systemischen Beratung. Es passt zu der unendlichen Vielfalt möglicher Kontexte, in denen sich »Leben. Lieben. Arbeiten« vollzieht, dass hier praxisbezogene kritische Analysen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ebenso willkommen sind wie Anregungen für individuelle und für kollektive Lösungswege. Um klinisch relevante Störungen, um systemische Theoriekonzepte und um spezifische beraterische Techniken geht es in diesen Bänden (nur) insoweit, als sie zum Verständnis und zur Bearbeitung der jeweiligen Herausforderungen bedeutsam sind.
Wir laden Sie als Leserin und Leser ein, uns bei diesen Exkursionen zu begleiten.
Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe
Als meine Großmutter während des Deutschen Kaiserreichs in die Volksschule ging, saßen alle sechzig Schüler*innen der Klasse, nach Mädchen und Jungen getrennt, in einer Rangfolge in den Bänken, die sich vor allem nach ihrer Schönschrift und ihrer Bravheit im Unterricht richtete – die Guten vorn, die Schlechten hinten. Meine Großmutter war sehr stolz, oft auf den vorderen Plätzen eins bis sechs gesessen zu haben.
Als meine Mutter während der Nazizeit in die Schule ging, bekam sie wegen kleiner disziplinarischer Verstöße in der Schule, die ihrem Vater zugetragen wurden, von diesem – er war selbst Lehrer – kräftig und durchaus planvoll »den Hosenboden versohlt«.
Als ich in den 1960er Jahren in die Schule ging, nahm meine Mutter sich regelmäßig vor, für mich und meine Schwester bei Lehrergesprächen »gut Wetter zu machen«, denn: »mit denen muss man sich gut stellen«.
Als meine Söhne um die Millenniumswende in die Schule gingen, zitterten nicht wenige Lehrkräfte in Sorge davor, unter welchen Beschuss der Eltern sie wohl bei den nächsten Elternabenden und Elterngesprächen kommen könnten.
Diese vier Beispiele aus knapp einhundert Jahren deutscher Schul- und Familiengeschichte sind nicht repräsentativ. Aber sie illustrieren einige charakteristische Veränderungen im Beziehungsdreieck von Lehrkräften, Eltern und Schüler*innen. Es scheint, als seien Lehrkräfte innerhalb eines Jahrhunderts von respekt- und oft auch furchteinflößenden Autoritäten zu leicht kritisierbaren Dienstleistern geworden, Schüler*innen von formungsbedürftigem menschlichen Rohmaterial zu schutzbedürftigen zarten Seelen, Eltern von Verbündeten der Lehrer*innen gegenüber ihren Kindern zu Verbündeten ihrer Kinder gegen deren Lehrkräfte.
Erst seitdem Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern infolge der gesellschaftlichen Demokratisierungsbewegungen zunehmend miteinander auf Augenhöhe gekommen sind, erst seitdem nicht mehr von vornherein klar ist, wer in diesem Dreieck zu bestimmen und wer sich zu fügen hat, wird in diesem Feld Beratung notwendig und sinnvoll. Es gilt nun, zwischen diesen mindestens drei Parteien Verständnis für deren unterschiedliche Sichtweisen und Anliegen zu entwickeln und neue Übereinkünfte in schulischen Konfliktlagen zu schließen.
Einer der dies besonders engagiert und vertrauenserweckend macht, ist der Schulpsychologe Benedikt Joos. In diesem Buch beschreibt er, wie er als unabhängiger Vermittler für die drei Parteien Gesprächsangebote schafft, die diesen helfen, aus dem Hamsterrad schulischer Konfliktlagen und Notsituationen herauszukommen. Er schildert in seinen Fallbeispielen anschaulich die Aspekte der systemischen Haltung, die ihn dabei tragen und die er ausstrahlt und die Gesprächspraktiken, die er wählt. Die Grenzen, an die die schulpsychologische Beratung stoßen kann, verschweigt er dabei nicht, er macht vielmehr deutlich, dass viele Schulprobleme durch den schulpsychologischen Dienst allein – ohne benachbarte und quantitativ umfänglicher verbreitete Unterstützungsangebote wie die der Beratungslehrer*innen und der Schulsozialarbeit – nicht lösbar sind. Dass künftige Lehrkräftefortbildungen von einem Mehr an systemischer Pädagogik sehr profitieren würden, wie Joos verspricht, davon kann sich die Leserschaft bei der Lektüre überzeugen.
Wenngleich dieses Buch aus der Perspektive eines Schulpsychologen geschrieben ist, so kann es doch auch Lehrer*innen und Eltern, im Extremfall sogar leseaffinen Schüler*innen, Hoffnung vermitteln, dass belastender Schulstress auflösbar und dass dramatische Schulausschlüsse verhinderbar sind. Wie das in Zusammenarbeit gelingen kann, dafür zeigt das Buch gangbare Wege auf.
Jochen Schweitzer
In meiner Arbeit als Schulpsychologe durfte ich in den letzten Jahren eine Vielzahl von Schüler*innen1 mit ihren Familien begleiten, die sich Unterstützung im schulischen Kontext wünschten. Dabei wurde mir bewusst, dass bei aller Vielfältigkeit der Anliegen und Herausforderungen vor allem meine Haltung als Berater ein entscheidender Faktor für das Gelingen von Beratungsprozessen ist. Meine »beraterische Heimat« fand ich durch die Einarbeitung in eine systemisch geprägte Schulpsychologie und die Weiterbildung zum Systemischen Therapeuten am Helm Stierlin Institut in Heidelberg. Die intensive Auseinandersetzung mit den Grundsätzen und Methoden des systemischen Ansatzes half mir dabei, meine eigene Haltung im Beratungskontext Schule auszubilden und zu festigen. Der im Schulalltag oft defizitäre Blick auf Kinder und Jugendliche mit einer eindeutigen Problemverortung in der Person des »störenden« bzw. »nicht leistungsfähigen« Schülers führte mir allzu oft vor Augen, wie Ressourcen und Potenzial der Schüler*innen vergeudet werden. Die Folgen sind oftmals ein enormer Leidensdruck, verbunden mit dem Gefühl, nicht in Ordnung bzw. nicht am richtigen Ort zu sein. In vielen Fällen leiden nicht nur die betroffenen Schüler*innen selbst unter dieser Problematik, sondern auch ihre Eltern oder sogar die ganze Familie.
Es war faszinierend zu sehen, wie ein ressourcenorientierter, wertschätzender und lösungsorientierter Blick dazu ermutigt, dass Ratsuchende selbst aktiv Ideen zur Lösung ihrer Probleme entwickeln und auch in die Tat umsetzen. Für mich folgte daraus die Erkenntnis, dass ich in meiner Rolle als Berater neben der schulpsychologischen Expertise (z. B. dem Wissen über Verfahrensabläufe im Kultussystem oder einem verantwortungsvollen Einsatz von Testdiagnostik) vor allem durch eine wertschätzende und neugierige Haltung einen positiven Einfluss auf den Beratungsprozess nehmen kann. Neben der Arbeit mit den Familienmitgliedern gehört – mit dem Einverständnis der Erziehungsberechtigten – auch die Kommunikation mit beteiligten Lehrkräften oder auch Schulleitungen zur schulpsychologischen Beratung dazu. Meiner Erfahrung nach war es oftmals ein gemeinsames Gespräch mit Eltern, Lehrkräften und dem betroffenen Schüler (»Runder Tisch«), das dazu beitrug, dass eine für alle Beteiligten herausfordernde Situation gut gemeistert werden konnte. Generell wurde mir während meiner Tätigkeit bewusst, dass sich Lösungen für schulische Herausforderungen am besten im Dreieck Eltern – Schüler*in – Lehrkraft finden lassen und dass das Zusammenspiel dieses Trios – auf allen seinen Beziehungsebenen – daher eine entscheidende Komponente für den Erfolg von Beratungsprozessen darstellt.
