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Kann ein performatives Kunstverständnis mittels Philosophie, Anthropologie und Ästhetik zum Fundament der therapeutischen Praxis werden? Peter Sinapius und Mona Behfeld formulieren einen Paradigmenwechsel in den Künstlerischen Therapien und stoßen einen wegweisenden Diskurs an. Der erste Teil des Handbuchs zur Kritik der therapeutischen Praxis setzt sich mit Kausalität, Sprache, Selbsterfahrungspraktiken und dem Verhältnis von künstlerischer und therapeutischer Praxis auseinander. Der zweite Teil behandelt die Philosophie der therapeutischen Praxis und betrachtet die Schnittstellen von Kunst- und Lebensräumen, sozialer Interaktion und Medien, Wahrnehmung und Darstellung.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Mona Behfeld/Peter Sinapius
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 GöttingenAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99448-2
Teil 1
Kritik der therapeutischen PraxisDiskurse 01– 06
Diskurs 01 – Therapie
Diskurs 02 – Motiv
Diskurs 03 – Erblicken & Erblinden
Diskurs 04 – Sprache
Diskurs 05 – Krank oder Gesund
Diskurs 06 – Design
Teil 2
Philosophie der therapeutischen PraxisDiskurse 07–13
Diskurs 07 – Kunst
Diskurs 08 – Revolution
Diskurs 09 – Meins & Deins
Diskurs 10 – Scham
Diskurs 11 – Gut & Schlecht
Diskurs 12 – Reflexion
Diskurs 13 – Bühne
Register
Teil 1
Kritik der therapeutischen Praxis
Diskurse 01–06
Wenn wir uns mit der Praxis der Künstlerischen Therapien beschäftigen, stoßen wir auf eine Reihe in der Regel unhinterfragter Prämissen darüber, was Therapie ist und was eine therapeutische Praxis auszeichnet. Dazu gehört vor allem die Annahme, eine Therapie diene der Heilung von physischen und psychischen Krankheiten. Ihre Aufgabe sei es folglich, spezifisch auf Krankheitssymptome einzuwirken, und dazu könne sie auf ein Inventar von diagnostischen und therapeutischen Methoden zurückgreifen. Dabei sei sie in der Lage, Krankheitsphänomene und therapeutische Themen sprachlich abzubilden (vgl. z. B. Laireiter, 2001).
Wir werden uns in den folgenden sechs Diskursen mit diesen Prämissen kritisch auseinandersetzen, indem wir fragen: Ist vor dem Hintergrund handlungstheoretischer Überlegungen eine kausale Verknüpfung von Therapieziel und therapeutischer Intervention möglich (Diskurs 02: Motiv)? Was ist einem diagnostischen Blick überhaupt zugänglich und wie verändert der Blick seinen Gegenstand (Diskurs 03: Erblicken & Erblinden)? Wie funktioniert Sprache in der Therapie und welchen Einfluss hat sie auf das therapeutische Geschehen (Diskurs 04: Sprache)? Welche Rolle spielen Selbsterfahrungspraktiken in der Therapie und mit welchem Verständnis von Gesundheit und Krankheit gehen sie einher (Diskurs 05: Krank oder Gesund)? Und vor allem: Wie verhalten sich künstlerische Praktiken zu therapeutischen Praktiken und wie lässt sich ihr Zusammenhang begründen (Diskurs 06: Design)?
Bevor wir uns mit diesen Fragestellungen in den folgenden Diskursen beschäftigen, wollen wir die erkenntnistheoretischen Perspektiven explizit machen, die ihnen zugrunde liegen (Diskurs 01: Therapie).
Diskurs 01
Therapie
Die Ökonomisierung therapeutischer Praktiken // Die Psychotherapeuten James Hillman und Michael Ventura veröffentlichten 1992 ein Buch mit dem aussagekräftigen Titel: »We’ve Had a Hundred Years of Psychotherapy – And the World’s Getting Worse« (1992). In diesem Buch stellten sie fest, dass die Psychotherapie infolge des ausschließlichen und eingeschränkten Blicks auf innerseelische Phänomene den Blick auf die Welt verloren hat: »Indem sie die Seele aus der Welt herausnimmt und nicht erkennt, dass die Seele auch in der Welt ist, kann die Psychotherapie nicht mehr funktionieren« (Hillman u. Ventura 1999, S. 13). Und dann schreibt Michael Ventura in einem Brief, den er an James Hillman richtet und der in diesem Buch abgedruckt ist: »Seltsam kommt mir nur vor, dass die Heiler bei ihrer Suche [nach einer Alternative für das Wort Patient*in; Anm. d. Verf.] sich zielstrebig des Wortschatzes der Kaufleute bedienten [nämlich das Wort Klient*in; Anm. d. Verf.]. Ich habe in meinem Merriam-Webster unter dem Stichwort Klient nachgeschlagen und ich glaube, den Schlüssel gefunden zu haben. Die zweite Definition lautet: Jemand, der die beruflichen Dienste eines anderen in Anspruch nimmt; auch Kunde. Aber nun höre die erste Definition: Abhängiger« (S. 121). Ventura bezieht die letzte Definition auf die beiderseitige Abhängigkeit zwischen Therapeut*in und Patient*in: Die Therapeut*innen, die von den Klient*innen finanziell abhängig sind, weil sie Geld für ihre Leistungen verlangen, und die Patient*innen, die mit der Erwartung auf Hilfe in die Therapie kommen und in gewisser Weise psychisch und emotional von dem abhängig sind, was sie in der Therapie an Hilfe erhalten. Betrachtet man dieses Verhältnis genauer, gelangt das Ärzte*innen-Patient*innen-Verhältnis in einen begrifflichen Zusammenhang, der aus der Ökonomie stammt und der die ganze therapeutische Praxis zu erfassen und der Logik des Marktes zu unterwerfen imstande ist.
Tatsächlich werden in unserer freien Marktwirtschaft therapeutische Angebote wie Waren behandelt (vgl. Maio, 2011a). Im Alltag betrifft der Begriff Ware Konsumgüter, die ver- und gebraucht werden. Therapie wird, wenn sie gebraucht wird, als Dienst an Kunden – den Patient*innen oder Klient*innen –, also als eine Art Kundendienst, verstanden (vgl. Maio, 2011b) und nach ökonomischen Kategorien bewertet. Dazu zählen auch Wirtschaftlichkeit und Qualitätssicherung (vgl. z. B. Laireiter, 1995). Auf eine Ware haben Kunden einen gesetzlichen Gewährleistungsanspruch, also einen Anspruch darauf, dass eine Ware frei von Sach- und Rechtsmängeln ist (BGB, § 433, Absatz 1). Therapien werden aus dieser Blickrichtung folgerichtig als Verfahren aufgefasst, die steuerbar, planbar und berechenbar sein müssen, um diesen (Rechts-)Anspruch zu erfüllen. Ihr Gegenstand sind Krankheiten, die als behandelbar gelten, wenn wirksame Therapien auf dem Markt sind. Therapien müssen also wirksam sein und ihre Evidenz unter Beweis stellen.
Dieses Denken, das nahezu das gesamte Gesundheitssystem erfasst hat, geht mit einem evidenzbasierten Forschungsparadigma in der Medizin einher, das im Gesundheitswesen als sogenannter Goldstandard bezeichnet wird. So gelten randomisierte kontrollierte Studien (RCT von randomized controlled trial) als das beste Verfahren, um zu eindeutigen Aussagen über die Wirksamkeit einer Therapie zu gelangen (vgl. z. B. Petrak et al., 1999). Dabei sind Faktoren wie Objektivität und Reproduzierbarkeit leitend, wie sie in der Pharmakologie gelten.
Mit der Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung geht so auch die Medikalisierung sämtlicher Therapien einher (vgl. z. B. Schmeling-Kludas, 2008). Eine Therapie gilt als Medikament, das störungsspezifisch und zielgerichtet auf ein Symptom einwirkt. Selbst Psychotherapien und Künstlerische Therapien sind davon nicht ausgenommen und erlangen nur eine Anerkennung im Gesundheitssystem, wenn sie in die Forschung Maßstäbe einführen, die in diesem Sinne ökonomischen Ursprungs sind. Diese Maßstäbe werden aber den Psychotherapien und Künstlerischen Therapien nicht gerecht, da diese Therapien nicht störungsspezifisch und zielgerichtet funktionieren (vgl. Tüpker, 2017).
Sowohl in Amerika als auch in Deutschland gibt es seit mehr als 20 Jahren eine wissenschaftliche Kontroverse darüber, ob es vertretbar ist, Therapien, die individuelle Entwicklungsprozesse zu ihrem Gegenstand haben, an ökonomischen Maßstäben der Warenproduktion und wissenschaftlichen Paradigmen der Pharmakologie zu messen. Als prominente Beteiligte dieser Kontroverse, die sich gegen Medikalisierung und Ökonomisierung psychotherapeutischer Verfahren gewandt haben, gelten in Amerika Psychotherapeuten wie Seligman (vgl. 1997) oder Woolfolk (vgl. 1998). Statt Wirkfaktoren in störungsspezifischen Therapieverfahren (vgl. American Psychological Association, 2006) zu sehen, suchten sie nach allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie, die sie gerade von pharmakologischen Therapien unterscheidet. Diese allgemeinen Wirkfaktoren sahen sie vor allem in der therapeutischen Beziehung.
In Deutschland hat es im Rahmen der Anerkennung der Psychotherapieverfahren ähnliche Debatten gegeben (vgl. Kiene, 2001; Kriz, 1996; Tüpker, 2002), ohne allerdings die wissenschaftlichen Entscheidungsgrundlagen in diesem Verfahren wesentlich erschüttern zu können. Aber »es besteht eben kein Konsens dahingehend, was Effektivität von Therapie bedeutet – und mit einem Konsens ist auch nicht zu rechnen, weil die Heterogenität hinsichtlich der Vorgehensweisen und Maße nur die Heterogenität der Menschenbilder, Lebensziele, Erfahrungen, subkulturellen Gewohnheiten und Vorlieben in der Bevölkerung widerspiegelt« (Kriz 2007, S. 48). Zudem stellen »neuere Psychotherapieforschungen […] die Bedeutung spezifischer Wirkfaktoren in der Psychotherapie infrage und zeigen, dass es allgemeine, nicht methodenspezifische Faktoren sind, die über das Gelingen und Misslingen therapeutischer Prozesse entscheiden« (Tüpker, 2017, S. 21).
Die Medikalisierung kunsttherapeutischer Praktiken // Im Zusammenhang mit der Kontroverse um die Medikalisierung der therapeutischen Praxis formulierte der Psychotherapeut Woolfolk: »Auch wenn ich als Verhaltenstherapeut tätig bin und die Wissenschaft für eine mustergültige Untersuchungsmethode halte, verstören mich die Bemühungen um eine ›Medikalisierung‹ der Psychotherapie, ihre Reduzierung auf ein nach der somatischen Medizin gestaltetes Heilverfahren. Nach Untersuchung der psychosozialen Funktionen der Psychotherapie, ihres Werte-affinen Charakters, ihrer Rolle in der westlichen Tradition der Selbstbetrachtung und ihres Zusammenhangs mit der praktischen Alltagsexistenz des Menschen bin ich der Ansicht, dass sich die Psychotherapie durch eine unausweichliche Dimension auszeichnet, eine, die sämtlichen Bemühungen, sie abzuschaffen, widersteht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wissenschaftliche Denkweisen eine entscheidende und aussagekräftige Rolle im psychosozialen Gesundheitswesen spielen, betrachte die Wissenschaft jedoch nur als eine Dimension in der Konstellation sozialer Praktiken, die die Psychotherapie umfasst« (zit. nach Sulz, 2015, S. 61).
Wir gehen davon aus, dass sich die Prämissen, unter denen heute Künstlerische Therapeut*innen tätig sind, seit der Gründerzeit der Künstlerischen Therapien grundlegend geändert haben. Gegenüber einem medizinisch orientierten Verständnis der Künstlerischen Therapien ist es inzwischen möglich, ihre Praxis in den Entwicklungen der Kunst der Postmoderne und den entsprechenden philosophischen Theorien zu verankern (vgl. Teil 2 dieses Buches: Philosophie der therapeutischen Praxis). Die hiermit verbundenen Überlegungen sind in den letzten Jahren theoretisch ausgiebig erörtert worden und haben ihren Niederschlag in einer Fülle von wissenschaftlichen Darlegungen gefunden (vgl. z. B. Niederreiter et al., 2015; Sinapius, 2018). Der theoretisch geführte Diskurs blieb aber oft unverbunden neben einer künstlerisch-therapeutischen Praxis bestehen, die sich auf ein von Alltagstheorien geprägtes Kunst- und Therapieverständnis stützte, das sie als medizinisches Handwerk verstand. Eine solche fest in den Glaubenssätzen der Künstlerischen Therapien verankerte Alltagstheorie ist beispielsweise die Annahme, Bilder aus der Kunsttherapie seien »Ausdruck der Seele« und könnten eine heilende Wirkung entfalten, »wenn die emporgehobenen und gestalteten Inhalte auch mit dem verstehenden Bewußtsein aufgenommen werden« (Jacobi, 1997, S. 44). Im Mittelpunkt steht dabei ein Bildverständnis, das Bilder mit symbolischen Bedeutungen auflädt und sie zum Gegenstand einer spekulativen Ausdeutung macht. Es folgt einem Therapieverständnis, bei dem Bilder als Symptome für psychische Krankheiten gelesen werden, die sich analog zu körperlichen Krankheiten behandeln lassen.
Wenn von Kunsttherapie die Rede ist, werden zwei Begriffe in eine Verbindung miteinander gebracht, die vordergründig betrachtet nichts miteinander zu tun haben, weil sie unterschiedlichen Systemen entstammen: Auf der einen Seite steht der Begriff Kunst, der aus dem Kunstsystem stammt und sowohl das singuläre Kunstwerk als auch die Gesamtheit dessen, was Kunst ist, bezeichnen kann und dabei meist mit den klassischen künstlerischen Disziplinen wie Bildender Kunst, Musik, Literatur oder Darstellender Kunst in Verbindung gebracht wird, den sogenannten Schönen Künsten. Auf der anderen Seite befindet sich der Begriff Therapie, der aus dem Gesundheitssystem stammt und für Verfahren steht, die auf die Behandlung und Heilung von körperlichen und seelischen Krankheiten zielen. Nun sind Kunsttherapeut*innen im Gesundheitssystem tätig und ihre künstlerische Praxis vollzieht sich nicht im Kunstsystem. Sie arbeiten also in einem kunstfernen Kontext mit dem Instrumentarium einer Künstler*in. Anders als Ärzte*innen arbeiten sie nicht mit genuin medizinisch-therapeutischen Mitteln im Sinne der naturwissenschaftlich orientierten Medizin. Daraus folgt die Frage: Können sie mit künstlerischen Mitteln zur Behandlung oder gar Heilung von Krankheiten beitragen?
Vor dem Hintergrund der beiden zur Rede stehenden Begriffe Kunst und Therapie lässt sich diese Frage auf den ersten Blick nicht beantworten. Der Begriff Therapie betrifft – naturwissenschaftlich verstanden – die symptomatische Behandlung von Krankheiten. Der Begriff Kunst bezieht sich auf die Schönen Künste und die mit ihnen verbundenen klassischen künstlerischen Disziplinen. Zwischen den beiden Begriffen, die hier zur Diskussion stehen, ist vor diesem Hintergrund ohne Weiteres kein Zusammenhang sichtbar.
Es gibt allerdings Begriffsbildungen, die einen Zusammenhang zwischen Kunst und Therapie behaupten oder zumindest in den Horizont rücken, wie beispielsweise: Heilkunst (ars medicina) oder Lebenskunst (ars vivendi). Tatsächlich betrifft das Wort Kunst in beiden Begriffsbildungen nicht das, was man sich unter Kunst vorstellt, etwas wie die klassischen Schönen Künste. Der Begriff Heilkunst verbindet sich mit alten oder alternativen Formen der Heilbehandlung und berührt spirituelle und ganzheitliche Zugänge zur Krankheit, die über die Behandlung der Krankheitssymptome hinausgehen. Erkenntnisgeschichtlich gründet er u. a. in der antiken griechischen Philosophie. Das Wort Lebenskunst adressiert das Vermögen, das eigene Leben erfolgreich zu gestalten. Es hat auch in der antiken griechischen Philosophie seinen Ursprung und findet in jüngeren philosophischen Konzepten eine Erneuerung (vgl. Schmid, 1998).
Wissenschaftsgeschichtlich wird damit neben einem naturwissenschaftlich begründeten Zugang zur Therapie eine weitere Strömung sichtbar, in deren Tradition die Medizin steht: die Philosophie und hier insbesondere die Ethik, die Anthropologie und die Ästhetik. Therapie findet aus dieser Blickrichtung ihre Begründung nicht in jenem Denken, das verbunden ist mit ökonomischen oder pharmakologischen Konzepten, das unserer Marktwirtschaft zugrunde liegt, sondern in einer anthropologisch-philosophischen Tradition, aus der heraus nicht die Krankheit, sondern das Leben in den Vordergrund rückt. Aus dieser Perspektive kann man Kunst als eine von mehreren Möglichkeiten auffassen, zu leben oder Dinge und Ereignisse, die unser Leben betreffen, wahrzunehmen und in sie einzugreifen. Aus einer philosophisch-anthropologischen Perspektive ergibt sich folglich dann ein Zusammenhang zwischen therapeutischen und künstlerischen Praktiken, wenn ihr Gegenstand und Material menschliche Lebensfragen sind, die mit künstlerischen Mitteln thematisch werden können.
»Irren ist menschlich« war der Titel eines Handbuchs für Psychiatrie, das in den 1980er Jahren einen Paradigmenwechsel in der psychiatrischen Praxis ausgelöst hatte (vgl. Dörner u. Plog, 1978). Kern dieses Paradigmenwechsels war der Fokus auf die Beziehung zwischen Betroffenen und professionellen Helfer*innen, die Einbeziehung ihrer Eigenwahrnehmung und die Hinwendung zu einer philosophisch-anthropologischen Perspektive auf psychische Erkrankungen: »Die Frage ›Was ist ein psychisch Kranker?‹ ist fast so allgemein wie die Frage ›Was ist ein Mensch?‹. Das weist darauf hin, dass Psychiatrie zwar auch zur Medizin, aber genauso zur philosophischen Anthropologie gehört, psychische Beeinträchtigungen zwar oft auch Krankheiten, aber immer mehr als Krankheit sind. Die Seele ist nicht in Analogie zu einem weiteren Körperorgan zu sehen« (S. 10).
Mit dem vorliegenden Handbuch machen wir uns diese Perspektive zu eigen. Wir sprechen über die Künstlerischen Therapien nicht aus einer medizinischen, sondern aus einer philosophisch-anthropologischen Perspektive. Aus dieser Blickrichtung werden auch Begriffe wie Selbstbestimmung und Autonomie als anthropologische und ethische Kriterien greifbar.
Stellvertretend für zahlreiche Berichte aus der Praxis der Psychotherapie, die die individuelle therapeutische Beziehung in den Vordergrund rücken, zitieren wir hier eine Passage des systemischen Psychiaters und Psychotherapeuten Fritz B. Simon: »Wer immer aufgrund seiner Rolle vor der Aufgabe steht, das Verhalten anderer Menschen oder soziale Prozesse zielgerichtet beeinflussen zu sollen (also Eltern, Lehrer, Therapeuten, Berater, Manager, Politiker usw.), muß mit dem Widerspruch leben, die Verantwortung für das Verhalten von Systemen zu tragen, die ganz offensichtlich nur in sehr begrenztem Maße steuerbar sind.
Als Psychiater verfügte ich über eine beachtliche Menge an Machtmitteln: Ich konnte meine Patienten zwangsweise in eine geschlossene Anstalt einweisen, sie mit Lederriemen am Bett fixieren und ihnen gegen ihren Willen – unterstützt von großen, dicken Pflegern – Spritzen verabreichen (lassen). Mir waren, staatlich legitimiert, Gewaltmaßnahmen erlaubt, welche die körperliche Integrität meiner Patienten verletzten. Allerdings konnte ich all die mit meiner institutionellen Rolle verbundene Macht nur dort einigermaßen zuverlässig nutzen, wo es darum ging, Patienten (vorübergehend) an unerwünschten Verhaltensweisen zu hindern: daß sie die Klinik verließen, mehr Geld ausgaben, als sie besaßen, sich oder andere verletzten usw. Kurz gesagt: Ich konnte sie daran hindern zu tun, was sie wollten. Ich konnte aber trotz all meiner Macht nicht in voraussagbarer Weise sicherstellen, daß sie taten, was ich wollte, und sich z. B. arbeits- und liebesfähig zeigten, froh, glücklich und erfolgreich wurden. […] Es nützte mir recht wenig, Hypothesen über den vermeintlichen ›Gegenstand‹ meiner Erkenntnis, die Psyche meiner Patienten, erstellen zu können, was ich brauchte, waren Anleitungen für die alltägliche Kommunikation mit ihnen. Und die war offensichtlich nicht allein vom jeweiligen Patienten oder seiner Psyche bestimmt und auch nicht von mir oder meiner Psyche, nicht einmal von den Besonderheiten unserer Zweierbeziehung, sondern vom kulturellen, gesellschaftlichen, institutionellen und organisatorischen Rahmen unseres Zusammentreffens. Was ich für mein Alltagshandeln brauchte, war eine Theorie, in der ich selbst vorkam und die mir erklärte, welche Folgen meine eigenen Handlungen für mich selbst hatten« (Simon, 2014, S. 9).
Die Pathologisierung künstlerisch-therapeutischer Praktiken // Wenn es um die Begründung der künstlerisch-therapeutischen Praxis geht, wird häufig aus einer medizinisch-naturwissenschaftlichen Perspektive argumentiert oder es werden Begriffe gewählt, die aus der Medizin stammen, wie beispielsweise Diagnostik, Indikation oder Intervention. Damit werden Vorgehensweisen für die künstlerische Praxis reklamiert, die zu ihr in einem grundsätzlichen Widerspruch stehen. Dazu gehört vor allen Dingen das Paradigma, dass eine Therapie dem Dreischritt Diagnostik, Indikation und Intervention folgt und damit grundsätzlich ein methodisch gesichertes Vorgehen ist. Der Stellenwert einer Therapie leitet sich so aus statistischen Nachweisen ab, bestenfalls in Gestalt von randomisierten, prospektiven, placebokontrollierten Doppelblindstudien.
Die im Gesundheitssystem herrschenden wissenschaftlichen Standards, die einer ökonomischen und pharmakologischen Perspektive folgen, sind aber für die künstlerisch-therapeutische Praxis ungeeignet und ihrem Gegenstand, der Kunst, nicht angemessen. Sie zielen vielmehr auf sozial- oder kassenrechtliche Bedingungen der Anerkennung therapeutischer Verfahren und orientieren sich an Standards wie Objektivität oder Reproduzierbarkeit, die für individuelle Prozesse nicht gelten können (vgl. Duncker, 2007; Tüpker, 2011).
Naturwissenschaftlich begründete Therapien gehen davon aus, dass ein therapeutischer Verlauf seinen Ausgangspunkt in einer Art Bestandsaufnahme hat: das anamnestische und diagnostische Erfassen einer Krankheit, die Klärung des Anliegens der Patient*innen und die daraus von Therapeut*innen abgeleitete Indikation, aus der sich das spezifische Vorgehen in der Therapie ergibt. Dieses Vorgehen setzt voraus, dass Krankheit als isoliertes Phänomen betrachtet werden kann, das sich von individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen trennen lässt. Es setzt voraus, dass sich eine Verbindung herstellen lässt zwischen der Diagnose oder dem spezifischen Anliegen und einem entsprechenden therapeutischen Verfahren. Es führt zu der Annahme, dass Wirkung und Ursache des therapeutischen Mittels in einen unmittelbaren und kausalen Zusammenhang gebracht werden können. Aus dieser Perspektive könnten künstlerische Praktiken als Verfahren zur Behandlung von Krankheiten verstanden werden.
In manchen Handbüchern zur Kunsttherapie finden sich Anleitungen, die einem Therapieverständnis folgen, das an der Behandlung von Symptomen orientiert ist (z. B. Baer, 2014; Rickert, 2009). Sie beinhalten Übungen zum Malen von Gefühlen, von Bäumen, von Häusern, von Tieren, von Selbst- und Körperbildern, Fantasie- und Körperreisen, von Wünschen, die sich in Rucksäcken befinden oder hineingepackt werden sollen. Diese Übungen sollen der Verarbeitung von Gefühlen oder biografischen Erfahrungen, der Mobilisierung von Ressourcen oder der Ausbildung von Kompetenzen dienen und so auf die Krankheitssymptome Einfluss nehmen. Die Verknüpfung von Krankheitssymptomen und künstlerischen Praktiken ist grundsätzlich problematisch, wie wir im Folgenden zeigen wollen.
Wenn man eine Künstlerische Therapie als störungsspezifisches Verfahren betrachtet, müssten die künstlerischen Medien die Eigenschaft haben, die Störung in Erscheinung zu bringen oder in spezifischer Weise auf sie einzuwirken. Die mit dieser Vorstellung verbundene Logik, nach der eine ganze Reihe von künstlerisch-therapeutischen Herangehensweisen verfahren, beruht auf Kurzschlüssen.
Eine besondere Konjunktur haben neurowissenschaftliche Begründungen künstlerisch-therapeutischer Verfahren, die den Geltungsbereich der Neurobiologie auf kunstphilosophische und geisteswissenschaftliche Fragestellungen ausdehnen. Es werden Gehirnströme von Musiker*innen beim Zusammenspiel gemessen (vgl. Sänger et al., 2012) und erstaunliche Synchronisierungen festgestellt, es wird die Wirkung von Musik auf Patient*innen mit Depressionen, Parkinson oder Schlaganfällen untersucht und behauptet, dass die richtige Musik heilend wirken kann (vgl. Cheung et al., 2019), oder es wird über die erstaunliche Wirkung innerer Bilder auf unser Gehirn nachgedacht (vgl. Hüther, 2004). Produktive oder rezeptive künstlerische Verfahren werden so in einen direkten Zusammenhang mit körperlichen Reaktionen gebracht und daraus ihre therapeutische Wirkkraft abgeleitet. Der Hirnforscher Kölsch antwortet in einem Zeitungsinterview auf die Frage, welche Musik Menschen mit Depressionen hören: »Es reicht nicht, zu fragen, welche Musik jemand mag. Menschen, die an einer Depression leiden, hören oft traurig klingende Musik, weil sie sich dann verstanden fühlen. Das kann sie in einer Negativspirale weiter nach unten ziehen« (Kölsch, 2020).
Wenn Musik krank machen kann, ist es kein großer Schritt bis zu einer Pathologisierung künstlerischer Praktiken. Es müssen nur noch die richtigen Bilder gemalt und die richtige Musik gehört werden, damit sie ihre therapeutische Wirksamkeit entfalten können. Umgekehrt lassen sich dann künstlerische Darstellungen als Symptome physischer und psychischer Erkrankungen lesen und damit einem deterministischen Denken unterwerfen, das selbst die künstlerische Praxis in biologischen und physikalischen Vorgängen verankert. So wie eine falsche Musik krank machen kann, kann sie auch als Disposition oder gar Symptom für bestimmte Krankheiten gelesen werden.
Es gibt weder wissenschaftliche Hinweise darauf, dass künstlerische Darstellungen mit bestimmten Krankheiten in Verbindung stehen, noch, dass sie seelische oder körperliche Zustände gezielt beeinflussen können (vgl. Martius, 2017). Es ist darüber hinaus ethisch bedenklich, künstlerische Äußerungen als Ausdruck von Krankheit oder gar als krank anzusehen und sie damit an ein medizinisch-naturwissenschaftliches Denken anzuschließen, das in einem ganz anderen Gegenstandsbereich seine Berechtigung hat. Es ist problematisch, künstlerische Äußerungen als Material für die medizinische Diagnostik zu verwenden und sie damit zu pathologisieren. Es ist dann nur noch eine Frage der Wortwahl, wann bestimmte künstlerische Ausdrucksweisen als entartet gelten oder »auf den Müll oder bestenfalls in den Keller oder auf den Dachboden unserer Seinsbehausung« (Cheng 2019, S. 72) gehören.
In den folgenden Diskursen wollen wir daher aus einer philosophischen und soziologischen Perspektive einen kritischen Blick auf die therapeutische Praxis richten und die Schnittstelle zwischen Kunst und Therapie in den Blick nehmen.
Literatur
American Psychological Association (Hg.) (2006): Report of the 2005 Presidential Task Force on Evidence Based Practice. Washington: Author.
Baer, U. (2014): Gefühlssterne, Angstfresser, Verwandlungsbilder: Kunst- und Gestaltungstherapeutische Methoden und Modelle. Berlin: Semnos.
Cheng, F. (2019): Über die Schönheit der Seele. Sieben Briefe an eine wiedergefundene Freundin. München: C. H. Beck.
Cheung, V., Harrison, P., Meyer, L., Pearce M., Haynes, J.-D., Koelsch, S. (2019): Uncertainty and Surprise Jointly Predict Musical Pleasure and Amygdala, Hippocampus, and Auditory CortexActivity. In: Current Biology 29 (23), S. 4084–4092. https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.09.067 (Zugriff am 03.03.2021).
Dörner, K.; Plog, U. (1978): Irren ist menschlich. Wunstorf: Psychiatrie-Verlag.
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Hüther, G. (2004): Die Macht der inneren Bilder – Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Jacobi, J. (1997): Vom Bilderreich der Seele. Olten: Walter.
Kiene, H. (2001): Komplementäre Methodenlehre der klinischen Forschung. Cognition-based Medicine. Berlin, Heidelberg: Springer.
Kölsch, S. (2020): »Musik beeinflusst den Körper auf vielfache Weise«. Interview. In: Die Zeit 33, 06.08.2020, S. 29.
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Maio, G. (2011a): Mensch. Ethik in der Medizin. Ein Lehrbuch. Mit 39 kommentierten Patientengeschichten. Stuttgart: Schattauer.
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Schmeling-Kludas, C. (2008): Gesellschaftliche Einflüsse auf die Wirklichkeitskonstruktionen von psychisch erkrankten Patienten und Psychotherapeuten. In: Psychotherapeut 53 (5), S. 349–359.
Schmid, W. (1998): Philosophie der Lebenskunst. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Seligman, M. P. (1997): Die Effektivität von Psychotherapie. Die Consumer Reports-Studie. In: Integrative Therapie 22 (4), S. 264–288.
Simon, F. B. (2014): Die Kunst, nicht zu lernen. Heidelberg: Carl-Auer.
Tüpker, R. (2002): Auf der Suche nach angemessenen Formen wissenschaftlichen Vorgehens in kunsttherapeutischer Forschung. In: Petersen, P. (Hg.): Forschungsmethoden Künstlerischer Therapien. Stuttgart: Mayer. S. 95–109.
Sinapius, P. (Hg.) (2018): Intermedialität und Performativität in den Künstlerischen Therapien. Hamburg, Potsdam, Berlin: HPB University Press.
Sulz, S. (2015): Psychotherapie ist mehr als Wissenschaft oder: von der Wissenschaft zur Kunst. In: Psychotherapie-Wissenschaft 5 (1), S. 61–76.
Tüpker, R. (2011): Forschen oder Heilen. Kritische Betrachtungen zum herrschenden Forschungsparadigma. In: Petersen, P.; Gruber, H.; Tüpker, R. (Hg.): Forschungsmethoden Künstlerischer Therapien. Wiesbaden: Reichert, S. 29–62.
Tüpker, R. (2017): Das Unspezifische ist das Spezifische – Zur Erforschung der Besonderheiten Künstlerischer Therapien. In: Tüpker, R.; Gruber, H. (Hg.): Spezifisches und Unspezifisches in den Künstlerischen Therapien. Hamburg, Potsdam, Berlin: HPB University Press, S. 13–36.
Woolfolk, R. L. (1998): The Cure of Souls. Science, Values, and Psychotherapy. San Francisco: Jossey-Bass.
Diskurs 02
Motiv
Künstlerisch-therapeutische Konzepte gehen häufig davon aus, dass der Ausgangspunkt einer Therapie eine »Störung mit Krankheitswert« (vgl. PsychThG § 1 [2] von 2019) oder zumindest eine Mangelsituation, ein Problem oder eine Krise ist, für die in der Therapie eine Lösung gefunden werden soll. Am Anfang der Therapie steht daher eine Diagnose, eine Indikation oder eine Anliegenklärung, aus denen ein Therapieziel und therapeutische Interventionen abgeleitet werden sollen. Sie folgen damit einem naturwissenschaftlich orientierten Therapieverständnis, das auf der Annahme beruht, dass Patient*innen und Therapeut*innen mehr oder minder gezielt agieren können, um einer Lösung näherzukommen. Dabei wird das Ziel der Therapie mit dem, was in der Therapie passiert, kausal verknüpft. Entwicklung und Veränderung werden aus diesem Blickwinkel als etwas aufgefasst, das einer im Voraus bekannten Methodik oder einem im Voraus bekannten Ziel folgt. Philosophiegeschichtlich entsprechen sie damit dem cartesianischen »Cogito, ergo sum«, bei dem das Handeln dem Denken folgt.
Die Verknüpfung von Zielsetzung und Intervention mag für jene Bereiche des Lebens sinnvoll sein, die vorhersagbar und planbar sind. Es gibt aber Bereiche des Lebens, die sich einer solchen Verfügbarkeit entziehen (vgl. Rosa, 2018). Das betrifft vor allem individuelle Schicksale sowie sämtliche soziale Interaktionen, bei denen die beteiligten Akteure das Ergebnis ihrer aufeinander bezogenen Handlungen nicht alleine in der Hand haben. Konzepte, die Ziel und Weg kausal miteinander verknüpfen, greifen in solchen Fällen nicht.
Wir wählen hier einen philosophischen Zugang, indem wir uns mit dem Begriff Motiv auseinandersetzen, der – anders als die aus der Medizin stammenden Begriffe Diagnose oder Intervention – nicht an der Expertise des Therapeuten orientiert ist, sondern an den motivationalen Bedingungen einer Situation. Mit ihm lassen sich sowohl Situationen erfassen, bei denen Ziel und Weg sich vorhersagen lassen, als auch solche, bei denen das nicht möglich ist.
Was Motivationen sind und wie sie zustande kommen, wird durch eine Fülle von psychologischen Theorien und Konzepten beschrieben, die je nach Schule unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Entweder wird Motivation aus einer behavioristischen Perspektive als vornehmlich triebgesteuert verstanden oder aus einer kognitivistischen Perspektive als dem Bewusstsein zugänglich aufgefasst. Daneben gibt es zahllose Varianten, die aus verschiedenen Perspektiven versuchen, unterschiedliche Motivationen voneinander zu differenzieren (vgl. Rheinberg, 2010). Die damit verbundenen Theorien kümmern sich vornehmlich um das Verhältnis von Zielsetzung und Zielrealisation und favorisieren entweder triebgesteuerte oder kognitive Definitionen von Motivation, die sich auf ganz unterschiedliche Bereiche beziehen können. Diese Bereiche betreffen sowohl Alltagsverrichtungen wie Essen, Schlafen oder Einkaufen als auch das Streben nach Selbstverwirklichung oder nach Sinnerfüllung. Damit gelangen komplementäre Positionen oder Weltbilder in den Blick, die Motivation entweder mehr mit der Notwendigkeit der Triebbefriedigung (vgl. z. B. Schneider et al., 2017), dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (vgl. Ferrucci, 1986; Maslow, 1981) oder nach Sinnerfüllung (vgl. Frankl, 1972; Rogers, 1973) in Verbindung bringen.
Wir wollen im Folgenden eine andere Perspektive einnehmen, die philosophischen sowie soziologischen Überlegungen folgt und die Motivation nicht nur mit einem zu erreichenden Ziel – sei es der Trieb- oder Bedürfnisbefriedigung, der Selbstverwirklichung oder der Sinnerfüllung – verknüpft, sondern sie in den Handlungen selbst aufsucht, durch die Menschen wechselseitig aufeinander oder auf ihre Umwelt bezogen sind. Wir widersprechen damit auch therapeutischen Heilsversprechen, die mit Achtsamkeitsübungen, Meditations- oder Selbsterfahrungstechniken den Menschen in Einklang mit sich selbst bringen wollen, als seien seine Motive und der richtige Weg zu ihrer Erfüllung immer in Reichweite. Solche Versprechungen sind oft nicht in der Lage, kritisch auf ihre eigenen Voraussetzungen zu reflektieren, insofern sie auf weltanschaulichen und esoterischen Prämissen oder Glaubenssätzen beruhen, in denen sie auch ihre Bestätigung finden.
Es ist sinnvoll, die motivationalen Voraussetzungen unseres Handelns auch da aufzusuchen, wo es sich nicht methodisch verfügbar machen und aus dem Verhältnis von Zielsetzung und Zielrealisation ableiten lässt und sich folglich nicht auf Programme zur Selbsterfahrung oder Handlungsregulierung stützen kann. Uns interessieren jene individuellen und sozialen Prozesse, in denen es darum geht, sich handelnd und verantwortlich in seine Lebenswirklichkeit zu stellen. Wir wollen damit keine neue Motivationstheorie entwerfen, sondern aus einem philosophischen und soziologischen Blickwinkel die vorhandenen Motivationskonzepte unter der Fragestellung untersuchen, wie die Handlungen der Beteiligten performativ so aufeinander bezogen sind, dass sie nicht nur Wirklichkeit abbilden, sondern Wirklichkeit in actu hervorbringen können. Kurz: Uns interessieren hier motivationale Handlungen nicht als Ausdruck, Abbild oder Verbesserung von innerseelischen Zuständen, sondern als intentionale Akte, die Wirklichkeit erzeugen.
Motivation // Motivationstheorien charakterisieren Motivationen entweder als intrinsisch, wenn sie zu Handlungen führen, die um ihrer selbst willen erfolgen oder als extrinsisch, wenn sie von äußeren Anreizen wie Lob, Geld oder Anerkennung ausgehen. Entweder – so die Theorie – dreht sich die Handlung um sich selbst, d. h., sie erfolgt um ihrer selbst willen, insofern sie als befriedigend erlebt wird oder die Handlung ist Mittel zum Zweck, d. h. sie ist darauf ausgerichtet, einen bestimmten Bonus in Form einer Belohnung zu erzielen (vgl. Hennecke et al., 2016). In beiden Fällen richten sich die Handlungen auf das subjektive Wohlbefinden der handelnden Person, also entweder auf die Freude an der Sache oder die Aussicht auf eine Belohnung als leitende Motive.
Nun hat sich die Motivationsforschung vor diesem Hintergrund ausführlich mit der Handlungsregulation auseinandergesetzt, die sie mit Strategien der Annäherung an Vergnügen und der Vermeidung von Leid beschreibt (vgl. z. B. die Regulationsfokustheorie von Higgins, 1997). Darüber hinaus hat sie sie noch ausgestattet mit dem Streben nach Selbstbestimmung oder Autonomie (vgl. z. B. Ryan u. Deci, 2000), durch die der Dualismus von intrinsischer und extrinsischer Motivation relativiert worden ist.
Eine besondere Konjunktur hat – auch in der künstlerisch-therapeutischen Praxis – die intrinsische Motivation. Sie erfüllt sich im Hier und Jetzt oder dem Flow-Erleben, mit dem künstlerische Handlungen in Verbindung gebracht werden. Dabei wird eine Handlung als selbstreflexionsfreies, gänzliches Aufgehen in einer Tätigkeit verstanden (vgl. Csikszentmihalyi, 2008). Künstlerischtherapeutische Konzepte, die darauf Bezug nehmen, erblicken den Sinn therapeutischer oder künstlerischer Handlungen häufig in diesem Zustand, nicht aber in den Handlungen selbst (vgl. z. B. Groddeck, 2011). Die künstlerische Praxis wird dabei als Vehikel verstanden, um dieses Flow-Erleben zu erreichen.
Immer aber – und das ist erkenntnistheoretisch ein Problem – erfüllt sich aus diesen Blickrichtungen eine Motivation lediglich in der emotionalen Befriedigung oder dem persönlichen Gewinn, die ein Subjekt aus seinen Handlungen zieht.
Rekurs 1 // Eine Motivation, die sich einem Motiv verdankt, das außerhalb des Subjektes liegt und Gegenstand seines Interesses ist, wird Hin-zu-Motivation genannt (vgl. Bordt, 2012), ohne allerdings dabei zu berücksichtigen, dass sie sich einer wechselseitigen Bezugnahme verdankt: Mich zieht nicht nur etwas an (Zug oder pull), mich treibt auch etwas an.
Die Hin-zu-Motivation steht jener Motivation gegenüber, von der die meisten behavioristischen Motivationstheorien ausgehen, die durch einen Mangel begründet ist, von dem man sich befreien will: der Weg-von-Motivation. Eine Handlung erfolgt dabei nicht aus freien Stücken, man wird stattdessen zu einer Handlung angetrieben (Schub oder push). Motivation ist dann vorzugsweise durch einen Wunsch oder Trieb bestimmt: Jemand tut etwas, weil er einen Mangel verspürt, wie beispielsweise jemand, der isst, weil er Hunger hat. Im Unterschied zur Hin-zu-Motivation erlischt die Weg-von-Motivation, sobald der Mangel nicht mehr besteht.
Der Unterschied zwischen beiden Motivationen ist augenfällig: Das Weg-von-Motiv wird nicht von einem übergeordneten Interesse geleitet, das Hin-zu-Motiv trifft auf ein Interesse, das mit ihm korrespondiert. Zielsetzung und Zielrealisation sind bei dem einen vorgegeben, bei dem anderen Ergebnis einer Suchbewegung, die das Motiv zwischen Interesse und Gegenstand erst hervorbringt. Ohne dieses Interesse kann bei einer Hin-zu-Motivation, beispielsweise im fotografischen Akt, ein Gegenstand, den jemand fotografiert, nicht zum Motiv werden. Wenn er es allerdings richtig anstellt und den Gegenstand seines Interesses so abbilden kann, das hervortritt, was ihn in seinen Augen ausmacht, kann das Motiv explizit werden. Diese Motivation zielt nicht auf ein Motiv, auf das das Handeln ausgerichtet ist, dem das Subjekt handelnd folgt, sondern das Subjekt geht von einem Interesse aus und findet durch die Auseinandersetzung mit einem Gegenstand sein Motiv.
Die Handlungen oder die Sache selbst, auf die sich Handlungen richten können, bleiben aus dieser Perspektive im Nebel oder sind zumindest unwichtig oder zweitrangig. Ein großer Bereich von Motivationen, die sich auf Gegenstände oder Situationen beziehen und sich nicht allein aus dem subjektiven Befinden der handelnden Person begründen lassen, werden so nicht ausreichend erfasst.
Das lässt sich schon an einfachen, individuell motivierten Handlungen demonstrieren. Jemand, der an einer Herausforderung interessiert ist und sie zu meistern versucht, macht das, weil er möchte, dass ihm das gelingt. Natürlich ist es für ihn befriedigend, sich als kompetent zu erleben, wenn er Erfolg hat. Eine Argumentation aber, die das emotionale Wohlbefinden oder die Selbstbestimmung zum Dreh- und Angelpunkt von motivationalem Handeln macht, muss ins Leere gehen, wenn sie nicht erklären kann, wie sich spezifische Handlungen begründen lassen, die an einer Situation oder einem Gegenstand interessiert sind. Wenn jemand einer Herausforderung gerecht werden will, muss er sich der Herausforderung stellen. Er wird damit keinen Erfolg haben, wenn er lediglich untersucht, wie hoch seine anschließende Befriedigung oder Belohnung ausfällt, sondern er wird dann erfolgreich sein, wenn er sich mit der Sache selbst beschäftigt und herauszufinden versucht, wie er sie gut oder möglicherweise besser machen kann.
Damit kommen Bewertungen ins Spiel, die nicht an dem subjektiven Befinden oder einer extrinsischen Bewertung orientiert sind, sondern an der Sache selbst: Etwas ist gut, weniger gut oder schlecht gelungen. Etwas, das nicht gelungen ist, ist dann Ausgangspunkt dafür, es besser zu machen. Diese Sichtweise stellt nicht Motivationstheorien infrage, verankert aber den Handlungsimpuls nicht allein im handelnden Subjekt und seinem Befinden, sondern nimmt den Gegenstand der Handlung – das Motiv – in den Blick. Ein Motiv kann damit auch von der Sache ausgehen, auf die sich eine Handlung bezieht.
So wird in einer Fotografie das Sujet eines Bildes als Motiv bezeichnet, wird also mit dem Gegenstand identifiziert. Das Motiv wird aber erst sichtbar im Auge des Betrachters, der an dem Motiv interessiert ist. Damit wird Motivation als relationales Verhältnis zwischen einem Gegenstand, dem Foto, und einer Person, die das Foto interessiert ansieht, verständlich. Das Motiv ist folglich weder einfach einem Gegenstand eingeschrieben, noch ist es in dem subjektiven Streben nach Befriedigung oder Selbstbestimmung selbst zu finden. Ein Gegenstand wird erst dann zum Motiv, wenn er mit einem Interesse korrespondiert, das ihm entgegengebracht wird.
Jetzt stellt sich die Frage, wodurch ein Interesse an einer Sache ausgelöst wird. Es liegt nahe, an dieser Stelle einen weiteren Begriff ins Spiel zu bringen, der in Motivationstheorien vor allem unter einer humanistischen oder philosophischen Blickrichtung Verwendung findet (vgl. Adler, 1933/2018; Frankl, 1972) und Handlungen nicht nur ein Motiv, sondern auch einen darüber hinausgehenden Aspekt zuschreibt: den Sinn einer Handlung.
Sinn // Wenn es um Sinn, insbesondere um den Sinn des Lebens geht, mit denen beispielsweise Selbstverwirklichungs- oder Selbsterfahrungspraktiken einhergehen, sind große philosophische Gesten nicht weit, die bis in die Künstlerischen Therapien ihre Schatten werfen. Wenn Hannah Arendt schreibt (vgl. 1987), dass Wirklichkeit nicht das ist, was objektiv darüber zu sagen ist, sondern das, was handelnde Subjekte daraus machen, heißt das nicht, dass sich die Wirklichkeit einfach nur in eine Erzählung oder ein Bild überführen lässt, durch die sie einen Sinn gewinnt: »Denn was wir unter Wirklichkeit verstehen, ist niemals mit der Summe aller uns zugänglichen Fakten und Ereignisse identisch und wäre es auch nicht, wenn es uns je gelänge, aller objektiven Daten habhaft zu werden. Wer es unternimmt, zu sagen, was ist, kann nicht umhin, eine Geschichte zu erzählen, und in dieser Geschichte verlieren die Fakten bereits ihre ursprüngliche Beliebigkeit und erlangen eine Bedeutung, die menschlich sinnvoll ist« (Arendt 1987, S. 58). Dass wir als Subjekte über unsere Geschichte verfügen können, heißt, dass wir die Autor*innen unseres Lebens sind. Es heißt aber nicht, dass wir einfach die Erzähler*innen unseres Lebens sind, die es aus der Dritte-Person-Perspektive heraus verändern können. Unser Leben ist weder ein Roman noch eine Sinfonie. Unser Leben ändert sich nicht einfach, indem wir es anders erzählen.
