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Erkennen und Lösen von Barrieren und Herausforderungen Deutschland ist ein zentrales Einwanderungsland Europas und eines der wichtigsten weltweit. Migrant*innen sind nicht grundsätzlich gesünder oder kränker, haben aufgrund ihrer Migrationshistorie aber andere Gesundheitschancen und -risiken. Diese entstehen u.?a. durch biografische Expositionen, andere Lebensgewohnheiten, ein anderes Verständnis von Krankheit und Gesundheit oder durch soziale Benachteiligung oder Diskriminierung im Zielland. Dieses Handbuch bietet einen umfassenden Überblick über zukünftige Entwicklungen und Herausforderungen zum Thema Migration: •Forschung und Theorien: Epidemiologische Modelle und Ergebnisse aus empirischen Studien zu Migration und Gesundheit; Othering; Diversitätssensible Forschungsdesigns •Arbeitswelt und Gesundheit: Integration und Belastungen von Pflegekräften und Ärzt*innen mit Migrationshintergrund; Rehabilitative Versorgung •Versorgung und Praxis: Kompetenz in interkulturellen Behandlungssituationen wie Pflege- oder der psychosozialen Versorgung; Diversitätssensibler Umgang mit Suchterkrankungen •Kommunikation und Ethik: Überwindung von Sprach- und Zugangsbarrieren; Intergenerationale Übertragung von Migrationserfahrungen; Unbegleitete minderjährige Geflüchtete; Gesundheitliche Dimensionen von Rassismus und Diskriminierung; Intersektionalität •Prävention und Gesundheitsförderung: Sensible und spezifische Ansätze zur Förderung von Gesundheitskompetenz, Empowerment und Teilhabe; "Mit Migranten für Migranten"-Programme; Lebensweltorientierte Gesundheitsförderung Der Fokus liegt auf dem deutschsprachigen Raum, bezieht aber auch europäische und globale Perspektiven ein.
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Seitenzahl: 1034
Veröffentlichungsjahr: 2021
Jacob Spallek
Hajo Zeeb
(Hrsg.)
Handbuch Migration und Gesundheit
Grundlagen, Perspektiven und Strategien
unter Mitarbeit von
Birgit Babitsch
Anand Bhopal
Louise Biddle
Heidrun Biedermann
Kayvan Bozorgmehr
Tilman Brand
Gracia Braun
David Brinkmann
Patrick Brzoska
Heide Castañeda
Esperanza Diaz
Nico Dragano
Sonja Entringer
Emine Ergin-Akkoyun
Christiane Falge
Johannes Graf
Monika Habermann
Patricia Hänel
Thomas Hegemann
Wiebke Hübner
Ilhan Ilkilic
Heike Jacobi-Wanke
Eva Jansen
Katja Kajikhina
Ahmet Kimil
Ulrike Kluge
Özlem Konar
Silke Kuhn
Bernadette N. Kumar
Thomas Lampert †
Martin Mlinarić
Zahra Mohammadzadeh
Lea-Marie Mohwinkel
Mike Mösko
Yudit Namer
Petra Narimani
Princella Nerlinger
Albert Nienhaus
Jannis Panagiotidis
Simone Penka
Lisa Peppler
Jenny Phillimore
Lisa Rau
Oliver Razum
Anna Reeske-Behrens
Ramazan Salman
Silja Samerski
Florence Samkange-Zeeb
Claudia Santos-Hövener
Mihaela Savin
Anja Schablon
Liane Schenk
Florian Schimböck
Laura Scholaske
Maria Schumann
Marie Tallarek
Hanna-Sophie Ulrich
Nazan Ulusoy
Morten Wahrendorf
Tanja Wirth
Michael T. Wright
Tülan Yildirim
Heike Zurhold
Handbuch Migration und Gesundheit
Jacob Spallek, Hajo Zeeb (Hrsg.)
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Gesundheit
Ansgar Gerhardus, Bremen; Klaus Hurrelmann, Berlin; Petra Kolip, Bielefeld; Milo Puhan, Zürich; Doris Schaeffer, Bielefeld
Univ.-Prof. Dr. Jacob Spallek
FB Gesundheitswissenschaften
Brandenburgische TU Cottbus-Senftenberg
Universitätsplatz 1
01968 Senftenberg
Deutschland
E-Mail: [email protected]
Prof. Dr. med. Hajo Zeeb
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS GmbH
Abt. Prävention und Evaluation
Achterstraße 30
28359 Bremen
Deutschland
E-Mail: [email protected]
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Hogrefe AG
Lektorat Gesundheit
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
Schweiz
Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Susanne Ristea, Sibylle Khoumeri
Bearbeitung: Thomas Koch-Albrecht, Münchwald/Hunsrück
Herstellung: René Tschirren
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Format: EPUB
1. Auflage 2021
© 2021 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95995-5)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75995-1)
ISBN 978-3-456-85995-8
http://doi.org/10.1024/85995-000
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Besonderer Dank gilt den Ko-Editor*innen, die die Kapiteleinleitungen und gemeinsam ein zusammenfassendes Schlusswort für dieses Werk erstellt haben.
Buchteil I: Phänomen Migration – Politik und Geschichte
Zahra Mohammadzadeh, Ahmet Kimil
Buchteil II: Forschung und Theorien
Florence Samkange-Zeeb, Martin Mlinarić
Buchteil III: Arbeitswelt
Martin Mlinarić, Nazan Ulusoy
Buchteil IV: Versorgung und Praxis
Ahmet Kimil, Zahra Mohammadzadeh und Tülan Yildirim
Buchteil V: Themen und Gruppen der Migration
Florence Samkange-Zeeb, Emine Ergin-Akkoyun und Princella Nerlinger
Buchteil VI: Prävention und Gesundheitsförderung
Tülan Yildirim, Marie Tallarek
Schlusswort: Zur partizipativen Entstehung dieses Handbuches – Rückblick und Empfehlungen
Emine Ergin-Akkoyun, Martin Mlinarić, Zahra Mohammadzadeh, Florence Samkange-Zeeb, Marie Tallarek, Nazan Ulusoy, Tülan Yildirim
Dank
Vorwort
Buchteil I: Phänomen Migration – Politik und Geschichte
EinführungZahra Mohammadzadeh, Ahmet Kimil
1 Kritische Betrachtung des Begriffes und der Definitionen eines „Migrationshintergrundes“Ulrike Kluge, Lisa Rau
1.1 Einleitung
1.2 Differenzierung zwischen Migration, Ethnie und Kultur
1.3 Bedeutung für die Praxis in Klinik und Forschung
1.4 Fazit
2 Zur Geschichte der Migration nach und aus Deutschland und Europa seit dem 19. JahrhundertJannis Panagiotidis
2.1 Einleitung
2.2 Europäische Migration vor dem Ersten Weltkrieg
2.3 „Europe on the move“: Das Zeitalter der Weltkriege
2.4 Nachkriegsmigration: Süd-Nord statt Ost-West
2.5 Migration nach dem Kalten Krieg: Süd-Nord und Ost-West
2.6 2015 im Kontext von globaler Fluchtmigration
3 Health policy and systems responses to forced migration: the case of NorwayBernadette N. Kumar, Anand Bhopal, Esperanza Diaz
3.1 Introduction
3.2 Norway
3.2.1 Migration to Norway
3.2.2 Health impacts of migration
3.2.3 Integration policies and attitudes to migration
3.3 Health policy objectives and frameworks
3.3.1 Health system
3.4 Steering mechanisms
3.4.1 Surveillance and complaint mechanisms
3.4.2 A national strategy on immigrant health 2013–2017
3.5 Rights and entitlements to health care
3.5.1 Regular migrants
3.5.2 Asylum seekers
3.5.3 Undocumented migrants
3.6 Forced migration and detention
3.6.1 Barriers to obtaining entitlement
3.7 Implications for public health
3.8 Healthcare for undocumented migrants
3.9 How can these challenges be addressed?
4 Soziodemografie der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und rechtliche Grundlagen des Aufenthalts ausländischer StaatsangehörigerÖzlem Konar, Johannes Graf
4.1 Bevölkerung mit Migrationshintergrund
4.2 Ausländische Bevölkerung
5 Kommunikation und Ethik in interkulturellen BehandlungssituationenIlhan Ilkilic
5.1 Einführung
5.2 Interkulturalität in Behandlungssituationen
5.3 Interkulturelle Kommunikation im Gesundheitswesen
5.3.1 Formen und Charakter der Sprachbarrieren
5.3.2 Erforderliche Kompetenzen von Dolmetscher*innen in interkulturellen Behandlungssituationen
5.3.3 Filtern und Zensur der Informationen durch Patient*innenangehörige als ethisches Problem
5.4 Fazit
Buchteil II: Forschung und Theorien
EinführungFlorence Samkange-Zeeb, Martin Mlinarić
6 Epidemiologische Erklärungsmodelle für den Zusammenhang zwischen Migration und GesundheitJacob Spallek, Oliver Razum
6.1 Einleitung
6.2 Gesundheit von Migrant*innen – Erklärungsmodelle
6.2.1 Paradox des/der gesunden Migrant*in
6.2.2 Modell des gesundheitlichen Übergangs
6.2.3 Lebenslaufmodell zu Migration und Gesundheit
6.2.4 Die zweite und folgende Generationen
6.3 Soziale Determinanten
6.3.1 Migration und die soziale Position
6.3.2 Soziale Kohäsion
6.3.3 Soziales und biologisches Geschlecht
6.4 Fazit
7 Was wissen wir aus empirischen Studien und was nicht?Hajo Zeeb, Tilman Brand
7.1 Einleitung
7.2 Gesundheit, Krankheit und Migration: empirische Studien
7.3 Daten zur Mortalität
7.4 Studien bei Kindern und Jugendlichen
7.5 Ältere Menschen mit Migrationshintergrund
7.6 Empirische Studien zur Versorgung und Rehabilitation
7.7 Fazit
8 Vielfalt planen? Methodische Grundlagen eines diversitätssensiblen ForschungsdesignsLiane Schenk
8.1 Einleitung
8.2 Ansätze zur Teilnehmer*innenauswahl und -gewinnung
8.3 Erreichbarkeit und (Nicht-)Teilnahmemotive
8.4 Repräsentativität und Validität
8.5 Operationalisierung des Migrationsstatus
8.6 Herausforderungen und Ressourcen
8.6.1 Fragebogenübersetzung
9 „Intersektionalität“ als De-Zentrierung und kritischer Perspektivwechsel in der sozialepidemiologischen MigrationsforschungMartin Mlinarić, Hanna-Sophie Ulrich
9.1 Einleitung
9.2 Was ist „Intersektionalität“? Kategorien, Machtverhältnisse und Institutionen
9.3 Das analytische „Brennglas“ einer intersektionalen Methodologie
9.4 Potenziale für eine intersektionale Sozialepidemiologie aus quantitativer Perspektive
9.5 Methodische Barrieren, zukünftige Entwicklungen und Kritik
9.6 Diskussion und Fazit
10 „Categorical fetishism“ and „othering“ in (and through) migration researchYudit Namer
10.1 Categorical fetishism and othering
10.2 Categorical fetishism and othering in migration and health research
10.3 Ethics of the other: Avoiding categorical fetishism and othering in migration and health research
11 Akkulturation und Diskriminierung: Fallstricke und Potenziale zweier Konzepte in der GesundheitsforschungKatja Kajikhina, Maria Schumann
11.1 Einleitung
11.2 Akkulturation
11.3 Anwendung, Operationalisierung und Messung des Konstrukts in der epidemiologischen Forschung
11.4 Bewertung des Konzepts und Einsatz in der epidemiologischen Forschung
11.5 Was ist Diskriminierung?
11.6 Diskriminierung und Gesundheit
11.7 Erhebung von Diskriminierung in der Gesundheitsforschung
11.8 Fazit
12 Migration und Generation(en)Lisa Peppler
12.1 Einleitung
12.2 „Erste“ und „zweite Generation“: Auf- und Niedergang einer Klassifizierung
12.3 Generation als Analysekategorie im Migrationskontext am Beispiel der türkisch-deutschen Medizinermigration seit den 1960er-Jahren
12.3.1 Die migrierte Generation
12.3.2 Die türkisch-deutsche Medizinermigration im generationellen Wandel und die (west-) deutsche Gesundheitsversorgung
Buchteil III: Arbeitswelt
EinführungMartin Mlinarić, Nazan Ulusoy
13 Ergebnisse rehabilitativer Versorgung bei Menschen mit Migrationshintergrund in DeutschlandPatrick Brzoska, Oliver Razum
13.1 Einleitung
13.2 Inanspruchnahme rehabilitativer Versorgung
13.3 Zufriedenheit mit der rehabilitativen Versorgung
13.4 Versorgungsergebnisse
13.5 Barrieren in der Versorgung
13.6 Umsetzung einer diversitätssensiblen Versorgung in der Rehabilitation
14 Arbeit und Gesundheit bei Beschäftigten mit Migrationshintergrund in DeutschlandNico Dragano, Morten Wahrendorf
14.1 Einleitung
14.1.1 Gegenstand: Arbeit und Gesundheit
14.1.2 Beschäftigte mit Migrationshintergrund: Besonderheiten
14.2 Studien zu spezifischen Arbeitsbelastungen
14.3 Studien zu Indikatoren der Arbeitsgesundheit (Beanspruchung)
14.4 Stand der Forschung und offene Fragen
14.5 Eigene Auswertungen des European Working Conditions Survey
14.6 Fazit und Ausblick
15 Interkulturelle Kompetenz in der beruflichen Pflegeausbildung: Herausforderungen und Empfehlungen für die pädagogische PraxisMarie Tallarek, Heike Jacobi-Wanke, Florian Schimböck
15.1 Einleitung
15.2 Rechtliche Regelungen zur Ausbildung in den Pflegeberufen
15.3 Pädagogische Diskurse zum Umgang mit Diversität
15.4 Modelle und Theorien zu trans- bzw. interkultureller Kompetenz in der Pflege (-ausbildung)
15.4.1 Transkulturelle Kompetenz in der Pflege nach Domenig
15.4.2 Das „Heuristische Modell zur Interpretation interkultureller Begegnungen“ nach Auernheimer
15.5 Handlungsempfehlungen
15.6 Fazit
16 Belastungen und Beanspruchungen von Pflegekräften mit und ohne Migrationshintergrund: eine quantitative Analyse in der AltenpflegeNazan Ulusoy, Tanja Wirth, Anja Schablon, Albert Nienhaus
16.1 Einleitung
16.2 Ziele und Methoden
16.3 Ergebnisse
16.3.1 Studienpopulation
16.3.2 Ergebnisse der COPSOQ-Skalen
16.4 Diskussion
17 Integration migrierter Ärzt*innen in die deutsche „Gesundheitsversorgung“ am Beispiel von RehabilitationsklinikenEva Jansen, Patricia Hänel
17.1 Einleitung
17.2 Projekte zur Integration von ÄiM in Rehabilitationseinrichtungen
17.3 Ergebnisse aus der empirischen, qualitativen Studie
17.3.1 Herausforderungen und Chancen von ÄiM in deutschen Rehabilitationseinrichtungen
17.3.2 Soziale Integration von ÄiM in rehabilitativen Einrichtungen
17.3.3 Zusammenarbeit und Führung im interkulturellen Team
17.4 Entwicklung und Evaluation: Maßnahmen der strukturierten Transition
Buchteil IV: Versorgung und Praxis
EinführungAhmet Kimil, Zahra Mohammadzadeh, Tülan Yildirim
18 Health and superdiversity: new ways of thinking about migration and healthJenny Phillimore
18.1 Introduction
18.2 Understanding diversity and healthcare
18.3 The emergence of superdiversity
18.4 Healthcare for the diverse
18.5 Challenges of superdiversity
18.6 Superdiversity and the implications of the diversification of diversity
18.7 Researching the diversification of diversity and fragmentation
18.8 Where next?
19 Mehrsprachigkeit in der GesundheitsversorgungMike Mösko
19.1 Einleitung
19.2 Mehrsprachigkeit
19.3 Sprachbarrieren in der Versorgung aufseiten der Patient*innen
19.4 Sprachbarrieren und Sprachkompetenzen aufseiten der Behandler*innen
19.5 Ansätze zur Überwindung der Sprachbarrieren
19.6 Qualifiziertes Dolmetschen im Gesundheitswesen
19.7 Zugang zu professionellen Dolmetscher*innen
19.8 Qualifikation von Dolmetscher*innen
19.9 Fazit
20 Das Jahr 2015 und die Reaktion des Gesundheitssystems: Bilanz aus einer ResilienzperspektiveKayvan Bozorgmehr, Louise Biddle, Oliver Razum
20.1 Einleitung
20.2 Deutschland – ein Einwanderungsland
20.3 Fluchtmigration nach Deutschland 1990–2010: zwei Dekaden verpasster Chancen
20.4 Das Jahr 2015: von Absorption und Adaption zur Transformation
20.4.1 Bereitschaft des Systems und absorptive Kapazitäten
20.4.2 Adaptive Kapazitäten
20.4.3 Transformative Kapazitäten
20.5 Fazit
21 Auf dem Weg zu einem diversitätssensiblen GesundheitsmonitoringClaudia Santos-Hövener, Thomas Lampert†
21.1 Einleitung
21.2 Bisherige Einbeziehung von Menschen mit Migrationshintergrund im Rahmen des Gesundheitsmonitorings des RKI
21.2.1 Maßnahmen im Rahmen der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS)
21.2.2 Maßnahmen im Rahmen der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) und der Studie Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA)
21.3 Weitere Herausforderungen in der Datenlage zu Migration und Gesundheit
21.4 Entwicklung von Strategien
21.4.1 Erreichbarkeit von Menschen mit Migrationshintergrund in Befragungs- und Untersuchungssurveys
21.4.2 Anpassung und Weiterentwicklung von inhaltlichen Konzepten
21.4.3 Ausbau der Gesundheitsberichterstattung
21.4.4 Gewährleistung von Diversity-Sensibilität
21.4.5 Vernetzung mit Akteur*innen und Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund
21.5 Ausblick auf den nächsten Befragungs- und Untersuchungssurvey am RKI
21.6 Fazit
22 Pflegeversorgung von Menschen mit MigrationshintergrundMonika Habermann, Heidrun Biedermann
22.1 Einleitung
22.2 Pflegebedarf von Menschen mit Migrationshintergrund
22.3 Interkulturelle Öffnung
22.4 Fazit
23 Interkulturelle Kompetenz in der psychosozialen VersorgungThomas Hegemann
23.1 Einführung
23.2 Psychiatrie und Kultur
23.3 Anforderungen an eine kultursensible Psychiatrie
23.4 Persönliche interkulturelle Kompetenz
23.4.1 Gesundheit und Krankheit
23.4.2 Soziale Rollen
23.4.3 Eigene kulturelle Traditionen
23.4.4 Soziale Lebenswirklichkeit
23.5 Institutionelle interkulturelle Kompetenz
23.5.1 Migrationssensible und kulturorientierte Organisationsentwicklung
23.5.2 Auf diverse Patient*innengruppen zugeschnittene Serviceangebote
23.5.3 Pflege des Kontakts zu den Communities und Aufbau von Netzwerken
23.5.4 Kulturorientierte Personalentwicklung
23.6 Fazit
Buchteil V: Themen und Gruppen der Migration
EinführungFlorence Samkange-Zeeb, Emine Ergin-Akkoyun, Princella Nerlinger
24 Migration, Substanzkonsum und andere SuchtproblematikenSilke Kuhn und Heike Zurhold
24.1 Einleitung
24.2 Alkohol
24.3 Illegale Substanzen
24.3.1 Opiate und Opioide
24.3.2 Khat
24.4 Pathologisches Spielen
24.5 Suchthilfe
24.5.1 Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Suchthilfesystem
24.5.2 Kulturspezifisches Suchtverständnis
25 Psychische Gesundheit von Migrantinnen und Migranten in Deutschland Simone Penka, Mihaela Savin
25.1 Einleitung
25.2 Psychische Erkrankungen bei Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland
25.2.1 Die Prävalenz psychischer Störungen insgesamt
25.2.2 Die Prävalenz ausgewählter psychischer Störungsbilder bei Menschen mit Migrationshintergrund
25.3 Schlussfolgerungen
26 Praktische Relevanz des intersektionalen Ansatzes für die Gesundheitsversorgung am Beispiel von unbegleiteten minderjährigen GeflüchtetenHanna-Sophie Ulrich, Martin Mlinarić
26.1 Einleitung
26.2 Makroebene der Förderung intersektionaler Gesundheitsversorgung
26.3 Implementierung eines intersektionalen Ansatzes auf Mikroebene
26.4 Trauma
26.5 Identität
26.6 Diskriminierung
26.7 Praxisrelevanz von Konzepten, Kategorien und Kultur in der Gesundheitsversorgung
26.8 Interaktion und Kommunikation in der Versorgung
26.9 Zusammenfassung
27 Migration und GeschlechtBirgit Babitsch
27.1 Einleitung
27.2 Migration – Eckdaten zu Deutschland
27.3 Gesundheit von Migrant*innen
27.4 Zusammenspiel von Migration und Geschlecht: Konsequenzen für Erklärungsansätze auch gesundheitlicher Unterschiede
27.5 Ungleichheiten im intersektoralen Gewand – Konsequenzen für Forschung und Praxis
28 Intergenerationale Übertragung von Migrationserfahrungen und fetale Programmierung von Krankheit und GesundheitLaura Scholaske, Jacob Spallek, Sonja Entringer
28.1 Einleitung
28.2 Gesundheit im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und frühen Lebensjahren bei Müttern und Kindern mit Migrationshintergrund
28.2.1 Mütterliche Gesundheit in der Schwangerschaft
28.2.2 Geburtsmodus, Frühgeburtlichkeit und Geburtsgewicht
28.2.3 Gesundheit in frühen Lebensjahren
28.3 Mechanismen der intergenerationalen Übertragung von Gesundheitsdisparitäten
28.4 Fazit
29 Migrant*innen ohne DokumenteHeide Castañeda
29.1 Einleitung
29.2 Strukturelle Faktoren, die den Zugang zur Gesundheitsversorgung beeinflussen
29.3 Prekarität und Unsicherheit
29.4 Strategien
29.5 Die Situation in Deutschland
30 Gesundheitliche Situationen von unbegleiteten minderjährigen FlüchtlingenLea-Marie Mohwinkel
30.1 Einleitung
30.2 Aktuelle Forschungsergebnisse zur physischen Gesundheit von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
30.2.1 Infektionen, übertragbare Erkrankungen
30.2.2 Nicht übertragbare Erkrankungen und sonstige Versorgungsbedarfe
30.3 Aktuelle Forschungsergebnisse zur psychischen Gesundheit von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
30.3.1 Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)
30.3.2 Depressionen und Angststörungen
30.3.3 Verhaltensauffälligkeiten, Suizidalität und sonstige Indikatoren der psychischen Gesundheit
30.3.4 Entwicklung der psychischen Gesundheit im Aufnahmeland, Ressourcen und Schutzfaktoren
30.4 Implikationen für die Praxis
31 Gesundheitliche Dimensionen von Rassismus und DiskriminierungGracia Braun, Hajo Zeeb
31.1 Einleitung
31.2 Was bedeutet Rassismus und rassistische Diskriminierung?
31.3 Rassistische Diskriminierung im Gesundheitswesen
31.4 Einfluss rassistischer Diskriminierung auf die Gesundheit
31.5 Fazit
32 Medizinethnologie im Anwendungskontext: theoretische und methodische Orientierungen im Stadtteillabor BochumChristiane Falge
32.1 Einleitung
32.2 Medizinethnologie im Anwendungskontext: theoretische und methodische Orientierungen im Stadtteillabor Bochum-Hustadt
32.3 Ergebnisse aus dem Stadtteillabor Bochum
32.4 Fazit
33 Gesundheitsversorgung von FlüchtlingenZahra Mohammadzadeh
33.1 Der rechtliche Rahmen für die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen
33.2 Das Problem der Kommunikation
33.3 Eine weitergehende Gesundheitsversorgung der Flüchtlinge ist trotzdem möglich
33.4 Das Bremer Modell der Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge
Buchteil VI: Prävention und Gesundheitsförderung
EinführungTülan Yildirim, Marie Tallarek
34 Health Literacy und EmpowermentSilja Samerski
34.1 Einleitung
34.2 Theoretischer Rahmen
34.2.1 Der Begriff „Health Literacy“
34.2.2 Gesundheitskompetenz als soziale Praxis
34.3 Lebensweltorientierte Gesundheitskompetenz
34.3.1 Die soziale Dimension von Health Literacy: Wissen und soziale Beziehungen
34.3.2 Gesundheitswissen hat heterogene Quellen und ist multidimensional
34.3.3 Gesundheitsinformation und somatisches Wissen
34.4 Lebensweltorientierte Gesundheitskompetenz
34.5 Fazit
35 Diversity-Mainstreaming in der kommunalen Gesundheitsförderung: Aspekte der Kultursensibilität in der Ausgestaltung lebensweltorientierter GesundheitsförderungAnna Reeske-Behrens
35.1 Einleitung
35.2 Lebensweltbezogene Gesundheitsförderung zur Stärkung der gesundheitlichen Chancengleichheit
35.3 Aspekte der Umsetzung kultursensibler kommunaler Gesundheitsförderung
35.3.1 Förderung von Kooperation und Vernetzung der lokalen Akteure und Institutionen
35.3.2 Unterstützung von Prozessen des niederschwelligen Zugangs
35.3.3 Förderung der partizipativen Einbindung von Migrant*innen
35.3.4 Kultursensible Gesundheitskommunikation und Angebote
35.3.5 Entwicklung einer gesamtkommunalen Gesundheitsförderungsstrategie
35.4 Fazit
36 Partizipation in der Gesundheitsförderung und Prävention mit Migrant*innenPetra Narimani, Michael T. Wright
36.1 Einleitung
36.2 Die Anwendung des Partizipationsmodells im Bereich Gesundheit und Migration
36.3 Der Mehrwert der Partizipation für die Gesundheitsförderung und Prävention mit Migrant*innen
36.3.1 Die kritische Reflexion von Begrifflichkeiten und Kategorien
36.3.2 Die Neu-Definition von Gruppen und das Erkennen unterschiedlicher Bedarfe
36.3.3 Die Offenlegung von Ungleichbehandlung und Ausgrenzung
36.3.4 Die Entwicklung wirksamer _Präventionskonzepte in unterschiedlichen „Sprachen“
36.4 Schritte in Richtung Partizipation
37 Capacity Building „mit Migrant*innen für Migrant*innen“ – Das MiMi-Programm zur interkulturellen Gesundheitsförderung bei zugewanderten BevölkerungsgruppenAhmet Kimil, David Brinkmann, Ramazan Salman
37.1 Einleitung
37.2 Capacity Building in der Gesundheitsförderung
37.3 „Mit Migranten für Migranten“ – Capacity Building und Empowerment zur Stärkung der Gesundheitskompetenz
37.4 „MiMi“ als bundesweites Capacity-Building- und Präventionsprogramm – die MiMi-Gesundheitsinitiative Deutschland
37.5 Standardisierung, Qualitätssicherung und Evaluation
37.6 Verbreitung, Impact, Forschung und Nachhaltigkeit
37.7 Übertragbarkeit und Weiterentwicklung
37.8 Fazit
38 Sensible und spezifische Ansätze zur Prävention und Gesundheitsförderung bei Menschen mit MigrationshintergrundWiebke Hübner
38.1 Individuelle Gesundheitsprofile, Teilnahme an Prävention und die Notwendigkeit gezielter Gesundheitsförderung
38.2 Migrationssensibilität und -spezifität
38.3 Präventionsprogramme für Menschen mit Migrationshintergrund – eine Bestandsaufnahme
Zur partizipativen Entstehung dieses Handbuchs: Rückblick und EmpfehlungenEmine Ergin-Akkoyun, Martin Mlinarić, Zahra Mohammadzadeh, Florence Samkange-Zeeb, Marie Tallarek, Nazan Ulusoy, Tülan Yildirim
Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Autorenverzeichnis
Sachwortverzeichnis
Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die Zu- und Abwanderung von Menschen gehört seit jeher zur Normalität und Identität Deutschlands. Migration beeinflusst alle Aspekte der Gesellschaft und ist damit auch ein zentrales Thema von Public Health. Das Themenfeld Migration und Gesundheit wurde erstmalig umfassend in einem vom Robert Koch-Institut herausgegebenen Band im Jahr 2008 bearbeitet. Seitdem hat es viel neue Forschung, aber auch Veränderungen und neue Entwicklungen bei Zuwanderung und demografischem Wandel gegeben. Und auch gesundheitliche Versorgung, Prävention und Gesundheitsförderung samt der zugrunde liegenden Strategien haben sich vielfach neuen Aufgaben gestellt und Antworten entwickelt: teils erfolgreich, teils auch noch nicht.
Migration und Gesundheit müssen nicht reflexhaft zusammen gedacht werden: Das grundsätzliche Recht auf Gesundheit wird aber oft durch die volatilen Umstände einer Migration über Grenzen hinweg (manchmal jedoch auch bei Binnenmigration) infrage gestellt, es entstehen Barrieren, Gesundheit wird akut oder dauerhaft gefährdet oder zumindest nicht wie für die nicht migrierten Bevölkerungsgruppen gesichert und gefördert. Gleichzeitig misst sich gerade am Umgang mit vulnerablen Gruppen, wie sie manche Migrant*innenpopulationen darstellen, auch die Qualität und Gerechtigkeit eines Sozial- und Gesundheitswesens.
Das vorliegende Handbuch soll vielschichtige Perspektiven auf das Themenfeld eröffnen, neue Einsichten hervorbringen, aber auch neue Fragen aufwerfen und Nichthaltbares über Bord befördern. Dies kann nur durch eine breite Autor*innenschaft gelingen, die ihre Expertise und Reflexion in das Projekt eines so umfassenden wie lesenswerten Handbuches einbringt. Dabei haben wir als Herausgeber keine engen fachlichen Grenzen gesetzt: Autor*innen verschiedener Disziplinen – und beileibe nicht nur aus den Gesundheitswissenschaften – kommen zu Wort. Für einige Themenfelder schien zudem eine internationale Sichtweise entscheidend, und so haben wir einige englischsprachige Beiträge in das Handbuch aufgenommen. Wir hoffen, dass dies für Interessierte keine allzu hohe Hürde ist: Dass Sprache aber eine solche sein kann, davon weiß man gerade im Kontext Migration und Gesundheit ein mehrstimmiges Lied zu singen.
Sprache, Kultur, Geschichte, Perspektive – um diesen Diversitätsaspekten im vorliegenden Werk von vornherein strukturell Rechnung zu tragen, wurde das Handbuch auf besondere Weise editiert. Jedes Kapitel hat Ko-Editor*innen, die selbst einen Migrationshintergrund haben und zudem auf verschiedene Weise zum Thema Gesundheit, oft auch in Verbindung mit Migration, arbeiten: als Forscher*innen, in der Praxis, als Beratende oder Lehrende usw. Alle Einzelartikel wurden von Ko-Editor*innen gegengelesen und kritisch kommentiert: Dabei stand insbesondere die Frage „werden Migrant*innen in diesem Beitrag angemessen dargestellt, wird ihre Perspektive berücksichtigt?“ im Vordergrund. Doch die Ko-Editor*innen haben im Redaktionsprozess noch viel mehr geleistet: so wurden zum Teil vertiefte in|22|haltliche Diskussionen angestoßen, Querverbindungen herausgearbeitet oder angemerkt, und so nebenbei auch manche sprachliche und fachliche Ungenauigkeit identifiziert, die in Überarbeitungen der Texte dann Berücksichtigung fand.
Als Herausgeber haben wir in der Entstehung des Buches an vielen Stellen Neues gelernt und an manchen unsere Herangehensweise hinterfragen und korrigieren müssen. Durch die Vielzahl an Akteur*innen mit unterschiedlichen Perspektiven entstanden spannende Diskussionen und Aushandlungsprozesse: Wie kann, darf und soll man Migrant*innen überhaupt definieren? Ist es angemessen, Migrant*innen als anders, besonders oder gar hilfsbedürftig darzustellen? Was bedeutet die Zuschreibung von Vulnerabilität und was ist der Unterschied von Verletzlichkeit und Verletzbarkeit? Wie kann man Intersektionalität mit dem epidemiologischen Streben nach Kategorien in Einklang bringen? Müsste das Buch nicht insgesamt eine europäische Perspektive haben? Wie lange wollen wir noch von Migrant*innen reden und wie würde in einer postmigrantischen Gesellschaft an das Thema herangegangen werden? War 2015 eine unerwartete Herausforderung oder sogar Krise für Public Health (und die Gesellschaft) oder nicht vielmehr eine etwas größere Amplitude einer völlig normalen Frequenz, die sich länger angekündigt hatte? Warum wird Migration überhaupt als Krise oder Herausforderung wahrgenommen, auch in Public Health?
Im Buch finden sich diese und viele weitere Fragen wieder. Manchmal gibt es eine eindeutige Antwort, manchmal mehrere, sich vermeintlich widersprechende Antworten, oft zeigt sich der Bedarf nach weiterer Forschung und neuen Ideen. In den Einführungen zu den sechs Buchabschnitten kommen die Ko-Editor*innen zu Wort. Wir legen den Leser*innen diese Einführungen als Einstieg in die Themen des Buches besonders ans Herz. Das Buch zeigt die Vielfalt, die Herausforderungen, aber auch die Normalität des Themas. Dies so eindrucksvoll in einem Buch abbilden zu können, ist die Leistung der Autor*innen und Ko-Editor*innen. Wir möchten uns bei ihnen dafür bedanken, dass sie mit uns zusammen den etwas ungewöhnlichen Weg bei der Entstehung dieses Buches konstruktiv gegangen sind. Namentlich gilt ein besonderer Dank Marie Tallarek, die unermüdlich und unaufgeregt die Fäden zusammengehalten hat.
Das Thema Migration wird ein zentrales Thema Europas wie auch global bleiben. Dauerhafte allgemeingültige Aussagen lassen sich dabei nur schwer formulieren, da Migration wie die Menschen vielfältig ist und steten Änderungen unterworfen bleibt. Eine generelle Aussage kann man aber treffen: Migration ist seit jeher ein grundlegendes Merkmal der Menschheit und wird unsere Gesellschaften – die der Zielländer wie die der Herkunftsländer – auch zukünftig stets begleiten. Diese Tatsache anzuerkennen, sich darauf einzustellen und nicht bei jeder größeren Migrationsbewegung erneut überrascht und unvorbereitet zu sein – wie 2015 und jetzt wieder 2020 –, ist daher eine logische und vernünftige Konsequenz für jede demokratische Gesellschaft.
Kurz vor Erscheinen des Buches ist zu unserer Bestürzung und größtem Bedauern unser geschätzter Freund, Kollege und langjähriger Wegbegleiter Thomas Lampert unerwartet früh verstorben. Mit großer Wertschätzung für seine wissenschaftliche Arbeit sind wir dankbar, dass er sein breites Wissen und seine Expertise in dieses Werk mit einbringen konnte. Dieses Werk soll somit auch dem Andenken an ihn und seinen unermüdlichen Einsatz für gesundheitliche Chancengleichheit dienen.
Jacob Spallek, Hajo Zeeb
Senftenberg und Bremen im Oktober 2020
Zahra Mohammadzadeh, Ahmet Kimil
Oberflächlich betrachtet ist Migration das Resultat eines urwesentlichen Bedürfnisses des Menschen, nämlich der Mobilität, um sich an einem anderen als dem bisherigen Ort niederzulassen, gleich ob dauerhaft oder nur für eine gewisse Zeit. In der menschlichen Geschichte ist von allen Entwicklungen die Herausbildung politischer Strukturen diejenige, die wahrscheinlich am meisten dieses Bedürfnis gefördert und es gleichzeitig behindert hat. Die freie Bewegung von Menschen über nationale Landesgrenzen hinweg betrifft wesentliche Merkmale der von modernen Staaten ausgeübten Herrschaft unmittelbar, und so sind alle politischen Systeme bemüht, Migration einzugrenzen, zu kontrollieren und zu regulieren bzw. gar zu verhindern. Dafür nutzen sie nicht nur eng auf die Wanderungsbewegungen selbst bezogene Gesetze, die auch die Anwendung von physischer Gewalt einschließen können, sondern auch die Gestaltung der Rahmenbedingungen, unter denen sich Menschen innerhalb ihres Herrschaftsbereichs niederlassen können. Aber Migration birgt nicht nur Risiken für den Einzelnen oder die aufnehmende Gesellschaft, sondern bietet gleichzeitig auch vielfältige Chancen. Migrant*innen besitzen viele Potenziale und Ressourcen (z. B. Sprach-, Kultur-, Bildungs- und soziales Kapital). Die daraus resultierenden Chancen rücken aber leider in der gesellschaftlichen Wahrnehmung in krisenhaften Zeiten zugunsten der Risiken in den Hintergrund. Dies hat auch Auswirkungen auf die gesundheitliche Chancengleichheit und die Integration der Migrant*innen in das Sozial- und Gesundheitswesen. Ohne eine Reflexion dieser politischen und historischen Kontexte kann die Entwicklung von nachhaltigen Lösungen und Konzepten für diese gesundheitlichen Herausforderungen erheblich erschwert werden. Die folgenden Artikel beleuchten daher unterschiedliche Aspekte dieses Themas und bieten den Leser*innen wichtige Hintergrundinformationen dahingehend, wie sie aktuelle Entwicklungen und Prozesse differenzierter verstehen und einordnen können.
In ihrer Kritischen Betrachtung des Begriffes und der Definitionen eines „Migrationshintergrundes“ (Kap. 1) geben Ulrike Kluge und Lisa Rau Einblicke in die vielfältige Weise, in der schon die Definition der Betroffenen im gesellschaftlichen und politischen Diskurs zu einer repressiven Gestaltung dieser Rahmenbedingungen beiträgt. Sie richten dabei den Fokus auf den Begriff des Migrationshintergrundes. Dieser Begriff wird in der gegenwärtig in Deutschland etablierten Definition bis in die dritte Generation eingewanderter Familien angewandt. Die Autorinnen erkennen darin eine ethnisch begründete „Differenzmarkierung“, die letztlich eine ausgrenzende Funktion erfüllt. In der englischsprachigen Literatur wird dafür häufig der Begriff des „Othering“ verwendet. Nicht nur sei damit eine wertfreie Differenzierung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft verbunden, sondern eine Wertung per se. Das „Eigene“, befinden Kluge und Rau, werde als positiv und das „Andere“ als negativ konnotiert. Wie in anderen Rassismen auch, beeinflusse eine solche Konnotation der Minderheit durch die Gesellschaft auch die Selbstwahrnehmung der so |26|Markierten. Das wiederum führe, wie die Autorinnen anhand von Beispielen verdeutlichen, zu re-ethnisierenden Gegenreaktionen bis hin zur Tendenz bei Migrant*innen aus dem Nahen und Mittleren Osten der dritten Generation, „die sich stärker mit dem Islam identifizieren als ihre Eltern“. Kluge und Rau hinterfragen den empirischen und praktischen Nutzen der Kategorie des Migrationshintergrundes für die Gesundheitsversorgung und plädieren für eine stärkere Berücksichtigung sozialer und individueller Einflüsse neben den migrations- und kulturbedingten.
Einen Überblick über die Geschichte der Migration nach und aus Deutschland und Europa seit dem 19. Jahrhundert gibt Jannis Panagiotidis (Kap. 2). Darin beschreibt er, wie sich die Bevölkerungsmobilität insbesondere in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten entwickelt hat. In dieser Zeit sei Europa von einem Kontinent der Auswanderung zu einem der Einwanderung geworden. Parallel dazu habe sich in Deutschland die gleiche Entwicklung vollzogen. Gleichzeitig sei eine Richtungsänderung der Bevölkerungsbewegungen feststellbar, von einer primären Ost-West-Migration vor dem Zweiten Weltkrieg hin zu einer vorwiegenden Süd-Nord-Migration in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im späten 20. Jahrhundert habe dann wieder eine Ost-West-Migration Bedeutung gewonnen. Vor dem Hintergrund dieser globalen Bewegungen fragt Jannis Panagiotidis nach der migrationshistorischen Einordnung der sogenannten „Flüchtlingskrise“ von 2015. Er kommt zu dem Schluss, dass die „Flüchtlingskrise“ den bis dahin etablierten Umgang mit dem Thema Migration in Europa ins Wanken gebracht habe und zur Folge hatte, dass die „bereits länger andauernde humanitäre Krisensituation jenseits von Mittelmeer und Ägäis ins europäische Bewusstsein“ gerückt sei.
Özlem Konar und Johannes Grafs Beitrag Soziodemografie der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und rechtliche Grundlagen des Aufenthalts ausländischer Staatsangehöriger (Kap. 4) gibt einen fundierten Überblick über die Bevölkerungsgruppe „mit Migrationshintergrund“ (zur Problematik des Begriffs siehe Kluge und Rau im ersten Beitrag dieses Buchteils). Sachlich und klar stellen die Autor*innen die zentralen demografischen, sozialen und politischen Fakten zusammen, die einen gewichtigen Einfluss auf die Gesundheitsversorgung der Migrant*innen in Deutschland haben. Der Beitrag beschreibt auch die wichtigsten Rechtsgrundlagen, die wesentlicher Teil der Rahmenbedingungen von Zuwanderung nach Deutschland sind.
In ihrem Beitrag Health Policy and Systems Responses to Forced Migration – Influencing policy: the Norwegian Experience (Kap. 3) beschreiben Bernadette N. Kumar, Anand Bhopal und Esperanza Diaz, welchen Einfluss die Migration (insbesondere die erzwungene infolge von Kriegen, Umweltzerstörungen, Genozide etc.) auf die Gesundheitspolitik in Norwegen hat und wie das Gesundheitssystem auf diese Entwicklungen in den letzten Jahren reagiert hat. Die Autor*innen machen deutlich, dass die norwegischen Erfahrungen der letzten Jahre angesichts der jüngsten Entwicklungen (z. B. Krieg in Syrien) einen wichtigen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung und damit auch auf die Politikentwicklung gehabt haben. Sie beschreiben sehr dezidiert, welche Faktoren die Gesundheit von Migrant*innen in Norwegen begünstigen und welche sie behindern. Systematisch analysieren und bewerten sie das norwegische Gesundheitssystem (Politik und Praxis) im Hinblick darauf, wie die Leistungserbringer sich mit der Gesundheit von Migrant*innen befassen und diese versorgen. Gleichzeitig stellen sie wichtige politische Leitlinien und Ziele im Kontext der Migration vor, an denen sich die norwegische Gesundheitspolitik in den letzten Jahren orientiert hat. Der Artikel bietet den Leser*innen aus dem deutschsprachigen Raum eine gute Vergleichsmöglichkeit in Bezug auf den aktuellen Standpunkt deutscher Gesundheitspolitik zum Thema Migration.
Im Kapitel Kommunikation und Ethik in interkulturellen Behandlungssituationen (Kap. 5) erörtert Ilhan Ilkilic die Gegenseitigkeit des |27|Kommunikationsgeschehens zwischen Ärzt*innen einerseits und Patient*innen andererseits. Der Autor legt dar, dass die Verständigung nicht nur über Beschwerden und wie man sie behandeln könnte, sondern auch über Werte und Präferenzen, die den Erfolg einer Behandlung beeinträchtigen können, aus verschiedenen, keineswegs zu vernachlässigenden Gründen beeinträchtigt werden kann. Auswege aus der allgegenwärtigen Sprachbarriere seien häufig nicht professionell, beklagt der Autor, sondern werden mit wenig bis gar nicht qualifizierten Hilfspersonen bewerkstelligt, was oft keine authentische Kommunikation zulasse. Die erforderliche und dem vorhandenen Bedarf entsprechende professionelle Sprach- und Kulturmittlung sei in Deutschland, so Ilkilic, bisher nicht realisiert, trotz guter, auch versorgungsethischer Gründe, sie flächendeckend zu etablieren.
Ulrike Kluge, Lisa Rau
Überblick
Wie haben sich Kategorisierungen von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte in den letzten Jahrzehnten verändert und welche Chancen und Schwierigkeiten ergeben sich daraus für die Gesundheitswissenschaften?
Welche inkludierenden und exkludierenden Prozesse entstehen dadurch und warum könnte auch von einer inkludierenden Exklusion bei der Verwendung des Begriffspaars „Personen mit Migrationshintergrund“ gesprochen werden?
Die 2017 in Kraft getretene Änderung der Definition des Migrationshintergrundes im Mikrozensusgesetz definiert: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Im Einzelnen umfasst diese Definition zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedler sowie die als Deutsche geborenen Nachkommen dieser Gruppen“ (Statistisches Bundesamt, 2018, S. 4). Dabei wird zwischen einem Migrationshintergrund „im engeren“ und „im weiteren Sinne“ (im Folgenden abgekürzt mit i. e. S. und i. w. S.) unterschieden.1 Laut Statistischem Bundesamt lebten im Jahr 2018 rund 20,8 Millionen Personen mit Migrationshintergrund i. w. S. in Deutschland, was zu diesem Zeitpunkt ca. 25,5 % der gesamten deutschen Bevölkerung entsprach (Statistisches Bundesamt, 2018). Abb. 1-1 zeigt die Anteile der verschiedenen Subgruppen der Personen mit Migrationshintergrund und verdeutlicht damit bereits die Heterogenität der hier anhand der zwei Dimensionen Staatsbürgerschaft und Migrationserfahrung definierten Gruppen. Diese Kategorisierung nach dem Schema einer Vierfelder-Tafel wurde in der Fachserie von 2018 nur für den Migrationshintergrund i. e. S. veröffentlicht, wodurch die unterschiedlichen Zahlen (Migrationshintergrund i. e. S. haben 19,6 Millionen, i. w. S. 20,8 Millionen Menschen) im Text und in der Abbildung zustande kommen.
Der Begriff Migrationshintergrund wurde allerdings bereits Ende der 1990er-Jahre in Expert*innendiskussionen im Bereich der Jugendhilfe verwendet (Deutscher Bundestag, 1998). Im Jahr 2000 wurde das Programm zur internationalen Schülerbewertung (PISA: Programme for International Student Assessment) der OECD für den Vergleich schulischer Leis|30|tungen zwischen verschiedenen Gruppen von Schüler*innen ins Leben gerufen. Der englische PISA-Report verwendete erstmals systematisch den Begriff „migration background“ als Vergleichskategorie zu der Gruppe „native“ (übersetzt: einheimisch) (Will, 2019). Mit der Einführung des Begriffes durch den Erlass des Mikrozensusgesetzes 2004 (in Kraft trat das Gesetz 2005) wurde beabsichtigt, Entwicklungen und Auswirkungen von Migration auch in den Folgegenerationen der Migrant*innen ebenso wie Einbürgerungen in der Statistik kenntlich zu machen (Will, 2018).
Abb. 1-1: Anteile Menschen mit Migrationshintergrund i. e. S. (N=19,6 Mio.) (Statistisches Bundesamt, 2018).
Bis dato erfolgte eine derartige Kategorisierung und statistische Erfassung von deutschen Staatbürger*innen und „Ausländer*innen“ entlang der Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Migrationserfahrung. Auch im Gesundheitsbereich wurde bis in die 2000er-Jahre vornehmlich von „ausländischen Patienten“ (Zimmermann, 2000) gesprochen, wenn es um die Betrachtung von kulturellen, ethnischen oder migrationsspezifischen Differenzen und deren Auswirkungen in Gesundheitsverhalten, Compliance, Erklärungsmodellen, epidemiologischen Untersuchungen etc. ging. Zu dieser Gruppe der „Ausländer*innen“ wurden dann auch vielfach Personen, die in Deutschland als Ausländer in der zweiten Migrant*innengeneration geboren wurden subsummiert. Wie Abb. 1-1 zeigt, gehören zu dieser Gruppe der Ausländer*innen aktuell allerdings lediglich 50,4 % (keine deutsche Staatsbürgerschaft). Mit dem Mikrozensusgesetz von 2005 wurde aus dem Vergleich zwischen deutschen Staatsbürger*innen und „Ausländer*innen“ ein Vergleich zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Schauen wir noch einmal in Abb. 1-1: Die Anzahl von Menschen, die einen Migrationshintergrund haben (alle abgebildeten Subgruppen), ist doppelt so hoch wie die Anzahl der Menschen, die als „Ausländer*innen“ kategorisiert werden (Subgruppen mit dem Merkmal „keine deutsche Staatsbürgerschaft“). Dass die Kategorie Migrationshintergrund jedoch immer noch mit der Kategorie „Ausländer*innen“ assoziiert wurde, zeigte ein mittlerweile behobener Fehler auf der Internetseite des Statistischen Bundesamtes zur Fachserie 2016, in der Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur deutschen Bevölkerung analysiert wurden (Will, 2018). Hier wird die Bedeutungsverwebung der Begriffe Migrationshintergrund und „Ausländer*in“ deutlich, die zur Folge hat, dass Menschen mit Migrationshintergrund stärker |31|„ausländisch“ als „deutsch“ im öffentlichen Diskurs wahrgenommen werden.
Wir können uns fragen, was diesen neuen Begriff und seine Definition nötig erscheinen ließ. Man könnte argumentieren, dass mit der veränderten Wahrnehmung und der erstarkenden Anerkennung Deutschlands als Einwanderungs- bzw. Migrationsland in den 2000er-Jahren der Begriff „Ausländer*in“ nicht mehr adäquat war und sukzessive vom Begriff der „Migranten“ abgelöst wurde. Für den Gesundheitsbereich schien das nur allzu überfällig, zeigte doch die Forschung, dass eine Migrationserfahrung und ein diverser kultureller Hintergrund zentrale Einflussfaktoren für die (seelische) Gesundheit sein können, die mit der Staatsbürgerschaft zwar konfundieren können, diese aber allein kein trennscharfes Kriterium ist, weder hinsichtlich der Migrationserfahrung noch hinsichtlich der Auswirkungen des kulturellen Hintergrundes. Transgenerationale Auswirkungen der Migration beispielsweise ließen sich mit einer Einteilung der Gruppen nach Staatsbürgerschaft nicht kategorisieren. So wurde das Inkrafttreten des neuen Mikrozensusgesetzes im Jahr 2005 willkommen geheißen und der Terminus der Personen mit Migrationshintergrund zu Beginn auch im Gesundheitsbereich zumeist unkritisch verwandt.
Bis 2017 wurde im Mikrozensus noch die folgende Definition genutzt: Einen Migrationshintergrund haben „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ (Statistisches Bundesamt, 2015, S. 5).
Zur Gegenüberstellung hier noch einmal die zu Beginn bereits angeführte geänderte, aktuelle Definition: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Im Einzelnen umfasst diese Definition zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedler sowie die als Deutsche geborenen Nachkommen dieser Gruppen“ (Statistisches Bundesamt, 2018, S. 4). Laut Mikrozensus könne mit der neuen Definition besser zwischen den Gruppen Ausländer*innen, Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedler*innen und Asylbewerber*innen unterschieden werden.
Es lohnt sich jedoch noch einmal einen genaueren Blick auf explizite und implizite Ziele der Definition(en) zu werfen. Welche Konzepte, welche Verhältnisse und Zusammenhänge zwischen Staatsbürgerschaft, Migrationserfahrung, Kultur und Ethnie werden suggeriert, konzipiert und festgeschrieben? Kinder deutscher Eltern, die im Ausland geboren wurden, werden z. B. (auch in der geänderten Definition von 2017) nicht als Menschen mit Migrationshintergrund definiert, obgleich zu fragen ist, ob nicht auch bei dieser Personengruppe eine Migrationserfahrung eine identitätsrelevante, für den uns hier interessierenden Bereich, gesundheitsrelevante Komponente ist. Eine weitere zentrale Änderung 2017 war, dass die Definition nicht mehr vom Zeitpunkt der Zuwanderung (ursprüngliche Formulierung: „nach 1949“) abhängt. Versuchen wir zu verstehen, welches Verständnis von Migration im Verhältnis zu Ethnie und Kultur mit der Definition festgeschrieben ist, ist hier besonders interessant, dass diese zeitliche Markierung alle Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges und ihre Nachkommen (eine der größten Gruppen der Migrant*innen auf das deutsche Bundesgebiet nach 1945) bis zur Änderung 2017 in dieser Setzung implizit ausschloss. Seit der Änderung ist dies explizit formuliert: „Die Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges und ihre Nachkommen gehören nicht zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund“ (Statistisches Bundesamt, 2017, S. 4). Die Begründung ist dieselbe wie die oben stehende für Kinder, die von deutschen Eltern außerhalb des Bundesgebietes geboren wurden, und zwar da sie und ihre Eltern „mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren sind“ (ebd.). Der Umstand, dass z. B. ein großer |32|Teil der „Sudetendeutschen“ ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren sind, bleibt dabei unberücksichtigt.
Spätestens an dieser Stelle wird die ethnisierende Komponente der Definition deutlich: Es geht offensichtlich nicht vordergründig darum, das Ereignis der Migration – wie der Begriff suggeriert – zu erfassen, sondern um die vermeintliche ethnische Zugehörigkeit, bzw. eine „Staatsbürgerschaft“ im Sinne des Ius sanguinis (Will, 2018). Neben dem Versuch, dem Ansinnen einen Begriff, eine Definition zu schaffen, die die Personengruppe der Migrant*innen differenziert in Gesellschaft, Forschung und Praxis berücksichtigt, beinhaltet eine solche Differenzmarkierung aber auch (z. T. bis in die dritte Generation) eine Ausweitung eines ethnischen „Otherings“ (Spivak, 1985)2 auf eine immer größer werdende Gruppe.
Wir alle kennen Personen, die sich bis zur Etablierung des Begriffes ihres eigenen Migrationshintergrundes in keiner Weise bewusst waren, weil sie z. B. als Sohn eines deutschen Vaters und einer polnischen Mutter in Deutschland aufwuchsen und sich selbst als Deutsche definieren. Für einige von ihnen war die familiäre Migrationsgeschichte im Alltag und in ihren eigenen Zugehörigkeitskategorien nicht präsent. Konfrontiert mit dem neuen Begriff, stellten sie fest, dass sie einen Migrationshintergrund haben, und das „Deutsch-Sein“ stand erstmals infrage.
Es ist also festzuhalten, dass die Definition des Begriffes Migrationshintergrund über die Staatsbürgerschaft und die Migrationserfahrung einen Migrationshintergrund mit der Zugehörigkeit zu einer vermeintlich differenten Gruppe/Ethnie gleichsetzt oder etwas polemischer formuliert, die Nutzung des Begriffes Migrationshintergrund beinhaltet – trotz u. U. intendierter inkludierender Intentionen – die Gefahr, dass er zur exkludierenden Markierung differenter Gruppen/Ethnien führt. Kijan Espahangizi und Pinto de Magalhães, der schweizer Initiative Second@s Plus Schweiz bezeichneten diesen Vorgang bei einem Vortrag 2015 am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) als inkludierende Exklusion.
Denn er beinhaltet eine ethnisch konnotierte Vorstellung von „Uns“ und den „Andernen“ (Menschen mit Migrationshintergrund). Zugleich beinhaltet die Definition ein Konzept von „deutsch sein“, das weiterhin nur vererbt werden kann. Der Begriff Migrationshintergrund macht es quasi unmöglich „deutsch zu werden“: Entweder man ist es von Geburt oder man wird es nie (Will, 2018). Seit der Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes im Jahr 2000 kann eine Person im staatsbürgerschaftlichen Sinne „deutsch werden“. In der Logik der Definition des Migrationshintergrundes ist dies allerdings erschwert, denn dieser bleibt zuweilen bis in die dritte Generation festgeschrieben. Diese Vorstellung von „deutsch sein“ erinnert stark an einen genetisch gedachten „Rassen“begriff und wirft die Frage auf, ob wir hier nicht mit einer (unbewussten) Wiederkehr vermeintlich abgelegter Weltbilder konfrontiert sind (Kluge & Bostanci, 2012; Bock & Kluge, 2016). Parallel können wir eine Gleichsetzung |33|von einem ethnisierenden Migrationsbegriff (erinnern wir uns an den Ausschluss der Migrationsgeschichten der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg) und Kultur feststellen. Das wird besonders deutlich in einer Vielzahl von (medizinischen und psychologischen) Publikationen, in denen ein Migrationshintergrund mit dem Aufgewachsensein in einem anderen kulturellen Kontext gleichgesetzt und damit implizit mit differenten kulturellen Konzepten, Vorstellungen, Werten assoziiert wird. Dieser Kurzschluss basiert auf einer essenzialisierenden Vorstellung von „Kultur“, die an nationalstaatliche Grenzen gebunden ist. Welche „Kultur“ man „hat“, ist in dieser Vorstellung an ein ethnisch determiniertes Verständnis von Staatsbürgerschaft gebunden und unausweichlich (Kluge, 2016). Vor dem Hintergrund, dass die Migrationserfahrung in der Definition des Migrationshintergrundes an die nationalstaatlichen Grenzen gekoppelt wird, werden Dynamiken und Prozesse und historische Veränderbarkeit sowie Hybridisierungen im Sinne von Kreolisierungen und Mischformen nicht mitkonzipiert (Schlehe, 2006). Zwei Beispiele sollen die Relevanz der Differenzierung zwischen Migration, Ethnie und Kultur im Gesundheitsbereich verdeutlichen.
Beispiel 1. Eine junge Frau wird nach der Mikrozensus-Definition als Person mit Migrationshintergrund erfasst. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter ist Tochter italienischer Migrant*innen, die im Laufe ihres Aufwachsens in Deutschland eingebürgert wurde. Die Mutter hatte also nicht von Geburt an die deutsche Staatsbürgerschaft, weshalb auch ihre Tochter einen Migrationshintergrund hat. Das tatsächliche Migrationsereignis liegt jedoch zwei Generationen zurück, während die Einordnung als „anders“ bzw. Mensch mit Migrationshintergrund quasi dominant vererbt wird. Wenn wir in Routineuntersuchungen oder in Basisdokumentationen die Kategorie „Person mit Migrationshintergrund“ einführten und dies entsprechende Konsequenzen, differente Standardprozedere in Versorgung und Behandlung nach sich zöge, könnte das einerseits zu migrationssensiblen Zugängen beitragen, für die oben beschriebene junge Frau aber andererseits auch zu irritierenden Interaktionen führen, da sie als „anders“ kategorisiert würde und damit einer besonderen Behandlung bedürfe, die sie für sich vermutlich nicht als gegeben sehen würde. Anschließend könnten wir fragen, welche potenziellen gesundheitlichen bzw. psychischen Folgen es hat, wenn Menschen in ihrem Geburtsland immer wieder auch als „fremd“ wahrgenommen werden.
Beispiel 2. Eine Marokkanerin berichtet in ihrer Psychotherapie von Problemen mit ihrem Ehemann. Die Therapeutin behandelt die Patientin vor dem Hintergrund, dass es sich für sie um eine Patientin mit Migrationshintergrund handelt, und führt diese Probleme in einer migrations- und kultursensiblen Behandlungsintension auf die „patriarchalen Strukturen des Islam“, den Herkunftskontext der Patientin und ihres Ehemannes zurück. Die Patientin fühlt sich unverstanden und die Kommunikation zwischen Therapeutin und Patientin ist gestört. Die Patientin erlebt die Therapeutin als stigmatisierend und wenig differenziert, während die Therapeutin ihre Interventionen als migrations- und kultursensibel beschreibt. Dieses kurze Beispiel ist symptomatisch für ein weiteres gesellschaftliches Phänomen, das ebenso in der Gesundheitsversorgungspraxis zu finden ist: Die vielfach stattfindende Konstruktion des Islam als etwas „dem Deutschen“ Gegenteiliges und Negatives, die Umetikettierung von Ausländer*innen/Menschen mit Migrationshintergrund zu Muslimen*Muslimas (Spielhaus, 2006). Denn noch immer herrscht ein gesellschaftlicher Diskurs, bei dem wir, wenn wir von Menschen mit Migrationshintergrund sprechen, weniger an die französischen Student*innen als vielmehr an deutsch-türkische Jugendliche denken.
Das letzte Beispiel verdeutlicht, wie sich die Kategorisierung in „mit“ und „ohne“ Migrationshintergrund trotz der inkludierenden Intention dieses Begriffes im Vergleich zur Kategorie der „Ausländer*innen“ in der klinischen Praxis auswirken kann. Obwohl eine sensible inkludierende Haltung intendiert ist, kann sie dazu führen, dass Symptome, Erklärungsmodelle, Verhalten und Gefühle von Patient*innen mit Migrationshintergrund weiterhin vornehmlich vor dem Hintergrund des Differenten betrachtet und interpretiert werden. Diese „kulturalistische Brille“ stört die Ärzt*in/Therapeut*in-Patient*innen-Kommunikation, weil, wie im zweiten Beispiel, die Therapeutin nicht „hören“ kann, dass ihre Patientin über einen Konflikt über Nähe und Distanz zwischen sich und ihrem Ehemann sprechen möchte, der individuell, beziehungsdynamisch, aber nicht notwendigerweise kultur- oder migrationsdynamisch zu interpretieren ist. Die Zuordnung zu einer bestimmten Vorstellung von dem „Anderen“ beinhaltet die Illusion, damit die Normen und Wertvorstellungen dieses „Anderen“ zu erkennen und somit keine verstehende, explorierende Haltung im klinischen Gespräch einnehmen zu müssen. Die Störung der Kommunikation zwischen Patient*in und Therapeut*in beeinträchtigt den Beziehungsaufbau negativ (Wohlfahrt, Hodzic & Özbek, 2006), was wiederum den Therapieerfolg einschränken kann (Kinnen & Döpfner, 2013).
Das erste Beispiel der Patientin mit einer Mutter mit Eltern italienischer Staatsbürgerschaft sollte deutlich machen, dass eine ethnisierende Vorstellung von Migrationshintergrund in Versorgungskontexten eine Markierung als „anders“ überdeterminieren kann. Menschen mit Migrationshintergrund können eine sehr stabile bikulturelle Identität leben, die vielfach nicht anerkannt wird, wenn in Versorgungskontexten der Migrationshintergrund und damit das „Differente“ als entscheidende Kategorie in den Vordergrund gerückt werden. Im Geburtsland nicht als zugehörig wahrgenommen zu werden und immer wieder stigmatisiert und diskriminiert zu werden, kann zu negativen Affekten, Gefühlen von Ärger und Traurigkeit führen (Ayduk et al., 2000). Im DJI-Übergangspanel 2008 gaben fast 40 % der befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund an, sich als „Deutsche zweiter Klasse“ zu fühlen (Gaupp, Lex, Reißig & Braun, 2008). Es ist bekannt, dass wahrgenommene Diskriminierung positiv mit psychischer Belastung korreliert (Ziegler & Beelmann, 2009). Die Aktualisierung dieser alltäglichen Erfahrung und daraus resultierender Konflikte im therapeutischen Setting trägt potenziell zu einem Kreislauf aus Diskriminierung und negativen Affekten in ärztlichen und therapeutischen Beziehungen bei, im schlimmsten Fall zu einem Verlust des Vertrauens in Ärzt*in/Therapeut*in, aber auch in das Versorgungssystem im Allgemeinen.
Im Jahr 2018 hatten rund 25,5 % der Gesamtbevölkerung einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt, 2018). Diese Zahl stieg seit 2005 kontinuierlich an (Statistisches Bundesamt, 2005, 2013, 2018). In Frankfurt a. M. haben aktuell 70 % der unter 6-Jährigen einen Migrationshintergrund (Stadt Frankfurt am Main, 2019). Welche Information, welche Differenzierungsmöglichkeiten und welchen Zugewinn an Information bietet eine Kategorie, der die Mehrheit angehört, und welche Gefahren liegen darin, eine so heterogene Gruppe mit einem homogenisierenden Begriff zusammenzufassen?
Für die empirische Forschung sind Erhebungseinheiten zentral, die ohne einen Informationsverlust relevante Gruppen so weit als möglich zusammenfassen. Die Kategorie der Personen mit Migrationshintergrund ist sehr heterogen bezüglich entscheidender Faktoren wie Migrationsgeschichte, Aufenthaltstitel, Aufenthaltsdauer, Sprachkenntnissen, Dis|35|kriminierungserfahrungen, etc., sodass sie ohne ergänzende Subkategorien für differenzierte Fragestellungen in der Forschung wenig nützlich ist.
In der empirischen Forschung bedarf es der Differenzmarkierung, Kategorisierung, der Typenbildung. Allerdings müssen wir fragen und reflektieren, welchen empirischen und praktischen Nutzen ein Begriff, eine Kategorie hat. Wenn man der Realität einer Migrationsgesellschaft bzw. einer postmigrantischen Gesellschaft (Foroutan et al., 2014) mit der damit einhergehenden heterogenen und hybriden Normalisierung von Identitäten und Lebensrealitäten auch in den Gesundheitswissenschaften gerecht werden möchte, sollten wir zukünftig nationalstaatliche, migrations- und kulturbedingte Einflussfaktoren von weiteren sozialen und individuellen Einflussfaktoren diskriminieren und je nach Fragestellung und klinischem Setting entscheiden, welchen Mehrwert die Kategorie Migrationshintergrund dafür hat.
Zusammenfassung
Dieses Kapitel diskutiert die Definitionen von „Personen mit Migrationshintergrund“ von 2000 bis 2020 mit Bezug zu Gesundheitswissenschaften.
Wichtige Aspekte dabei sind Prozesse des Otherings und „ethnisierender Inklusion“.
Diskussionsanregungen
Ist eine Kategorisierung von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte für die Gesundheitsversorgung und gesundheitswissenschaftliche Forschung relevant?
Wie wäre eine solche vorzunehmen, welche Kriterien müssten dabei Eingang finden?
Ist die aktuelle Definition für „Personen mit Migrationshintergrund“ dafür hilfreich?
Die Differenz zwischen Migrationshintergrund im engeren und weiteren Sinne besteht darin, dass für ersteren nur die Angaben zu den Eltern genutzt werden, die auch im selben Haushalt leben. Für die Bestimmung eines Migrationshintergrundes im weiteren Sinne werden alle Informationen über die Eltern genutzt.
Was genau verstehen wir unter „Othering“? Es beinhaltet zwei Prozesse: die Versicherung der Zugehörigkeit zum „Eigenen“ und die Betonung der Distanz zum „Anderen“. Das „Eigene“ wird als positiv und das „Andere“ als negativ konnotiert (Spivak, 1985, Bock & Kluge, 2016). Dies führt u. a. auch dazu, dass die als „anders“ Markierten diese negative Konnotation zu einem Teil ihrer Selbstwahrnehmung machen, wenn sie sich als „unterlegen, schlecht gebildet, exotisch, anders, fremd“ (Broden, 2007) beschreiben (Bock & Kluge, 2016). Dieser Prozess beinhaltet, dass die Gruppen durch eine Art selbsterfüllende Prophezeiung zu dem werden, was schon immer von ihnen erwartet wurde (siehe Kap. 10).
Ayduk, O., Mendoza-Denton, R., Mischel, W., Downey, G., Peake, P. K. & Rodriguez, M. (2000). Regulating the interpersonal self: strategic self-regulation for coping with rejection sensitivity. Journal of personality and social psychology, 79(5), 776. Crossref
Bock, T. & Kluge, U. (2016). Der sich und Anderen helfende Mensch. In K.Dörner, U.Plog, T.Bock, P.Breiger, A.Heinz & F.Wendt (Hrsg.), Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie (S. 31–91). Köln: Psychiatrie Verlag.
Broden, A. (2007). Normalität des Rassismus: Messen mit zweierlei Maß. Überblick, 13(2), 9–13.
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Foroutan, N., Canan, C., Arnold, S., Schwarze, B., Beigang, S. & Kalkum, D. (2014). Deutschland postmigrantisch I. Gesellschaft, Religion, Identität. Erste Ergebnisse. Berlin: Humboldt-Universität zu Berlin.
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Jannis Panagiotidis
Überblick
Was ist Migration? Welche Typen von Migration gibt es?
Wie hat sich Migration nach und aus Deutschland und Europa in den letzten ca. 150 Jahren entwickelt?
Wie lässt sich die „Flüchtlingskrise“ von 2015 migrationshistorisch einordnen?
In Texten zur Geschichte der Migration wird Migration häufig als Konstante der Menschheitsgeschichte identifiziert, „als Konstituens der Conditio humana“ (Bade, 2002, S. 21). Diese Aussage ist ein Stück weit irreführend, denn nicht jede menschliche Bewegung wird in der Forschung und/oder in der Öffentlichkeit als Migration klassifiziert (Nieswand & Drotbohm, 2014). In der gegenwärtigen Forschung wird unter Migration üblicherweise die grenzüberschreitende Bewegung von Menschen verstanden, die auf einen längerfristigen Aufenthalt in einem anderen Land abzielt oder darin resultiert. Meistens geht es dabei um die politischen Grenzen von Nationalstaaten. Mobilität innerhalb staatlicher Grenzen (Binnenmigration) wird hingegen in der Regel separat betrachtet. Manche Forscher*innen erweitern diese Definition um die – unter Umständen für die Migrant*innen relevantere – Überschreitung kultureller und sprachlicher Grenzen (Hoerder, Lucassen & Lucassen, 2007). Je nach Ursache, Zweck, Dauer oder rechtlichem Status der Migration kann man dann weitere Differenzierungen vornehmen und es entstehen Kategorien wie (saisonale) Arbeitsmigration, Verbesserungsmigration, Siedlungsmigration, Fluchtmigration, Zwangsmigration, Gewaltmigration, Transmigration, illegale Migration, Heiratsmigration u. v. m. (Hoerder et al., 2007; Oltmer, 2016).
Dieser Beitrag wird einen groben Überblick über verschiedene Typen von Migration im Laufe der letzten ca. 150 Jahre geben. Der Fokus wird dabei auf dem euroatlantischen Raum und auf Deutschland liegen, wobei immer wieder globale Bezüge hergestellt werden. Dies geschieht insbesondere in dem Maße, in dem Europa Ziel von Migration von anderen Kontinenten und vor allem aus den ehemaligen Kolonien des globalen Südens wurde. Daraus sollte nicht gefolgert werden, dass Migration primär ein europäisches Phänomen sei oder dass sich die Mehrzahl globaler Migrant*innen nach Europa orientiere. Dies ist nicht der Fall. Der Fokus auf Deutschland und Europa ist eine Konzession an Platzbeschränkungen und das Eingeständnis der Tatsache, dass es nicht ohne Weiteres möglich ist, die Geschichte der Migration zu schreiben.
Langfristig betrachtet, hat sich Europa von einem Auswanderungs- in einen Einwanderungskontinent verwandelt und parallel dazu Deutschland von einem Auswanderungs- in ein Einwanderungsland. Dies ging einher mit der Änderung der überwiegenden Migrationsrichtung von Europäer*innen innerhalb und außerhalb Europas und von Menschen aus anderen |38|Erdteilen nach Europa. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die innereuropäische Migration und die transkontinentale Migration von Europäer*innen primär Ost-West-Migration (und in geringerem Maße West-Ost-Migration). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Süd-Nord-Migration bedeutsamer, sowohl innerhalb Europas als auch hinsichtlich der außereuropäischen Zuwanderung nach Europa aus dem globalen Süden. Nach dem Ende des Kalten Krieges gewann auch die Ost-West-Migration wieder an Bedeutung, insbesondere im Zuge postsowjetischer Migrationen und der EU-Osterweiterung ab 2004.
Im 19. Jahrhundert war Europa primär ein Abwanderungskontinent (Oltmer, 2016). Schon zuvor hatten Europäer*innen auf dem amerikanischen Kontinent neue Staaten gegründet, die vor allem ab Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ziel massenhafter europäischer Zuwanderung wurden. Nach Berechnungen des Migrationshistorikers Adam McKeown migrierten zwischen 1846 und 1940 55–58 Millionen Europäer*innen nach Nord- und Südamerika, davon gut zwei Drittel in die USA (McKeown, 2004). Bis in die 1870er-Jahre war die Emigration nach Nordamerika vor allem britisch und nordeuropäisch geprägt, einschließlich einer bedeutsamen deutschsprachigen Emigration. Danach wurden auch Ost- und Südosteuropa verstärkt in das euroatlantische Migrationssystem mit einbezogen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren das Habsburger Reich, das Russische Reich sowie Italien die wichtigsten Herkunftsländer von Migrant*innen auf den amerikanischen Kontinent (Oltmer, 2016; Zahra, 2016). Auch Australien und in geringerem Maße Afrika waren Ziel europäischer Siedlungsmigration.
Im Rahmen der östlichen Expansion des Russischen Reiches wanderten während desselben Zeitraums aber auch mehrere Millionen Bewohner*innen des europäischen Russlands nach Sibirien – keine grenzüberschreitende Migration im engeren Sinne, aber doch Teil der europäischen Expansionsgeschichte (Oltmer, 2016; Treadgold, 1957). Im Russischen Reich ging die dominante Migrationsrichtung also von Westen nach Osten. Am euroatlantischen Migrationssystem partizipierten v. a. die jüdischen Untertan*innen des Zaren, die unter dem Eindruck von Antisemitismus und Pogromen, aber auch und ganz entscheidend wegen struktureller Armut massenhaft nach Übersee und nach Westeuropa emigrierten (Klier, 1996; Brinkmann, 2013).
Der Erste Weltkrieg brachte die Massenemigration aus Europa abrupt zum Erliegen. Nach Ende des Konflikts setzte zunächst erneut eine umfangreiche Abwanderung auf den amerikanischen Kontinent ein. Mitte der 1920er-Jahre begannen die USA aber, Immigration gemäß nationaler Herkunft zu quotieren und zahlenmäßig einzuschränken. In gewisser Hinsicht war dies die Fortsetzung eines bereits im Zeitalter der Massenmigration entstandenen Trends zur Migrationskontrolle und Abschottung (Zolberg, 1997). Spätestens mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 wurden Zuwanderungsbeschränkungen in vielen Ländern immer schärfer und die internationale Migration innerhalb Europas und aus Europa hinaus nahm deutlich ab. Zum Vergleich: Während im ersten Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg noch 7 Millionen Europäer*innen nach Übersee emigrierten, waren es im zweiten Jahrzehnt nur noch 1,2 Millionen (Oltmer, 2016). Auch veränderten sich die Migrationsziele: Ein größerer Anteil der Migrant*innen ging nun nach Kanada, Argentinien, Brasilien, Australien und Neuseeland (Oltmer, 2016; Wolff, 2014).
Dies heißt aber nicht, dass in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg keine Migration mehr |39|stattfand, im Gegenteil: ein berühmtes Buch des russisch-jüdisch-amerikanischen Migrationshistorikers Eugene Kulischer (1948), das Migration im Zeitraum von 1917 bis 1947 und damit im „Zeitalter der Weltkriege“ behandelt, trug den Titel „Europa in Bewegung“ (Europe on the Move). Diese Bewegung war zum einen Binnenmigration, z. B. im Zuge der Urbanisierung und forcierten Industrialisierung der Sowjetunion (Kulischer, 1948; Siegelbaum & Page Moch, 2014). Ein zunehmend wichtiger Teil des Migrationsgeschehens war zum anderen aber auch Zwangsmigration. Krieg, Bürgerkrieg und Revolution führten zu bedeutenden Bevölkerungsbewegungen in und aus Russland bzw. der Sowjetunion (Kulischer, 1948; Gatrell, 1999). Die „weiße Emigration“ aus Russland wie auch die Flucht von Überlebenden des türkischen Genozids an den Armenier*innen führten zur Entstehung eines ersten internationalen Flüchtlingsproblems, für das internationale Lösungen gesucht und z. B. in Form des sogenannten Nansen-Passes erprobt wurden (Gatrell, 2013). Antisemitismus und Judenverfolgung verursachten im Laufe der 1920er-Jahre die Abwanderung von Juden und Jüdinnen aus osteuropäischen Staaten sowie ab 1933 auch aus Deutschland und später aus Österreich und der Tschechoslowakei, als diese vom Deutschen Reich annektiert wurden. Während die ersten Flüchtlinge der späten 1920er- und frühen 1930er-Jahre noch in Palästina Zuflucht fanden, blieben für die späteren die meisten Türen innerhalb und außerhalb Europas verschlossen, mit katastrophalen Folgen (Wasserstein, 2012).
Der Zweite Weltkrieg führte zu massiven Bevölkerungsverschiebungen innerhalb des europäischen Kontinents, deren Konsequenzen bis in die Nachkriegszeit zu spüren waren (Ahonen et al., 2008). Hierfür war vor allem die rassistische Expansionspolitik NS-Deutschlands verantwortlich, bekannt unter dem Sammelbegriff „Generalplan Ost“. Die ab 1939 im Rahmen der von Hitler postulierten „neuen Ordnung der ethnografischen Verhältnisse“ stattfindende „Heim ins Reich“-Siedlung von „Volksdeutschen“ setzte ein „Domino“ von Umsiedlungen, Deportationen und Vertreibungen in Gang, das nach Ansicht mancher Autor*innen zum Holocaust beitrug (Aly, 1995). In diesem Kontext kann die Verschleppung von Millionen Jüdinnen und Juden in Ghettos und Konzentrationslager (KZ) als eine Form von Zwangsmigration gelesen werden, als eine sich immer weiter radikalisierende Politik der Abschiebung, die in Massenvernichtung mündete. NS-Deutschland rekrutierte weiterhin Millionen von Zwangsarbeiter*innen aus verschiedenen europäischen Ländern für seine Kriegswirtschaft. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten insgesamt ca. 13,5 Millionen ausländische Zivilarbeiter*innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge im „Großdeutschen Reich“ (Spoerer, 2001).
Nach dem Krieg gehörten die Überlebenden der KZs und die befreiten Zwangsarbeiter*innen zu den 8–10 Millionen sogenannten Displaced Persons (DPs) unter alliierter Obhut (Cohen, 2012). Hinzu kamen Menschen aus Osteuropa, die vor den neuen kommunistischen Machthabern flohen, darunter auch frühere NS-Kollaborateur*innen und Kriegsverbrecher*innen. Die DP-Frage wurde zum Gegenstand internationaler Verhandlungen und stand am Anfang der Schaffung des modernen Flüchtlingsregimes, das mit der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 institutionalisiert wurde (Gatrell, 2013). Diejenigen, die nicht in ihre Heimatländer repatriiert wurden, wurden in den meisten Fällen in Übersee neu angesiedelt, im Fall jüdischer DPs meist im neu gegründeten Staat Israel (Cohen, 2012).
Das Ende des Krieges und die darauffolgende „violent peacetime“ (Gatrell, 2011) sahen aber auch massenhafte Bevölkerungsverschiebungen auf Grundlage nationaler bzw. ethnischer Zugehörigkeit. Diese, in Winston Churchills Worten, „Entwirrung“ (disentanglement) der Bevölkerung war gewissermaßen die Fortsetzung des von NS-Deutschland in Gang gesetzten „Dominos“ (Ther, 2011). Auch |40|Grenzverschiebungen waren in diesem Prozess von Relevanz. Deutsche aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs, die gemäß dem Potsdamer Vertrag zu Polen bzw. der Sowjetunion kamen, wurden vertrieben bzw. nach ihrer Flucht an der Rückkehr gehindert. Gleichzeitig wurde der polnische Staat nach Westen „verschoben“ – die Flüchtlinge und Umsiedler*innen aus den nun zur Sowjetunion gehörenden polnischen Ostgebieten „ersetzten“ die Deutschen in den neuen polnischen Westgebieten (Piskorski, 2013). Die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei wurde fast vollständig zwangsumgesiedelt. Insgesamt nahmen die beiden deutschen Nachkriegsstaaten über 12 Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten und Osteuropa auf. Ihre Eingliederung gehörte sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR zu den großen Herausforderungen der Nachkriegszeit (Beer, 2011; Ther, 1998).
In den Nachkriegsjahrzehnten – der Zeit des sogenannten Kalten Krieges – wurde Süd-Nord-Migration prägend für das Migrationsgeschehen innerhalb und nach Europa. Dies hatte verschiedene Gründe: Zum einen unterband der „Eiserne Vorhang“, den die Staaten des sowjetisch kontrollierten Ostblocks errichteten, die traditionelle Migration von Ost nach West. Ersetzt wurde sie durch Arbeitsmigration aus dem Mittelmeerraum in die Industriestaaten West- und Nordeuropas. Zum anderen kam der Prozess der Dekolonisierung zum Tragen, mit dem signifikante postkoloniale Migration aus Afrika, Asien und der Karibik in die ehemaligen „Mutterländer“, v. a. Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Belgien und Portugal, einherging (Oltmer, 2017).
Am Beispiel Deutschlands lässt sich jener Übergang von Ost-West- zu Süd-Nord-Migration gut zeigen. Traditionell bezog Deutschland Arbeitskräfte aus den benachbarten Staaten Osteuropas bzw. auch den industriell weniger entwickelten deutschen Ostgebieten. So entstand noch während des Kaiserreichs eine größere polnischsprachige migrantische Kolonie in Westdeutschland, die sogenannten „Ruhrpolen“ (Kleßmann, 1978). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der westdeutsche Arbeitsmarkt zunächst durch den Zustrom von Deutschen aus der DDR mit Arbeitskräften versorgt, zusätzlich zu den ca. acht Millionen Heimatvertriebenen. Dieser Zustrom fiel durch den Bau der Berliner Mauer 1961 weg (Herbert, 2001). Parallel dazu hatte die Bundesrepublik aber auch schon 1955 ein erstes Abkommen zur Anwerbung von Arbeitskräften mit Italien geschlossen. Dieses Vorgehen war nicht gänzlich neu, auch NS-Deutschland hatte schon italienische „Fremdarbeiter“ beschäftigt. Die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem erweiterten Mittelmeerraum wurde in den folgenden Jahren immer wichtiger: Es folgten Anwerbeabkommen mit Spanien, Griechenland (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Hinzu kam ein außereuropäisches Abkommen für Pflegekräfte aus Südkorea im Jahr 1963, das den damals schon bestehenden Pflegenotstand im bundesdeutschen Gesundheitswesen beheben sollte (Herbert, 2001; Friedrich-Ebert-Stiftung, 2016).
Diese nun oft „Gastarbeiter*innen“ genannten Arbeitskräfte sollten sich nicht auf Dauer im Land ansiedeln, sondern absehbar in ihre Heimatländer zurückkehren. Dies entsprach auch den Migrationsprojekten vieler dieser Migrant*innen, von denen die meisten tatsächlich nach einigen Jahren der Arbeit zurück gingen. Dennoch etablierte sich in Westdeutschland nach dem Anwerbestopp von 1973 eine ausländische Wohnbevölkerung (Herbert, 2001). Da sie rechtlich kaum die Möglichkeit zur Einbürgerung hatten, blieben sie und ihre – oft später durch Familienzusammenführung nachgeholten – Kinder auch über längere Zeit Ausländer*innen im rechtlichen |41|Sinne und konnten entsprechend an ihrem Wohnort nicht politisch partizipieren. Zugleich wurde die Frage ihrer „Integration“ zunehmend kontrovers diskutiert. Ursprünglich war eine Integration gar nicht vorgesehen gewesen, eben weil die „Gastarbeiter*innen“ Gäste auf Zeit bleiben sollten. Nun wurde sie dafür umso vehementer gefordert – der Beginn einer Debatte, die in unterschiedlichen Variationen bis heute immer wiederkehrt. Die Einbürgerung von Ausländer*innen wurde erst durch das reformierte Staatsangehörigkeitsgesetz im Jahr 2000 erleichtert (Herbert, 2001; Klusmeyer & Papademetriou, 2009).
