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1983 wurde das weltweit erste kommerzielle Mobiltelefon vorgestellt. Mittlerweile besitzen in Deutschland fast jeder Jugendliche und die meisten Erwachsenen ein Handy. Was führte zum Erfolg dieses weltweit genutzten Kommunikationsmittels und worin liegt seine Faszination?
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2007
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Burkart, Günter
Handymania
Wie das Mobiltelefon unser Leben verändert hat
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E-Book ISBN: 978-3-593-40351-9
Nach den Terroranschlägen vom 7. Juli 2005 in London meldete die Presse, dass Bilder von Katastrophen immer häufiger von Passanten mit Foto-Handys gemacht würden. Handys mit Kamerafunktion waren bis zu diesem Zeitpunkt noch etwas Besonderes, doch inzwischen gehört bei neu gekauften Geräten die eingebaute Kamera zum Standard. Bereits 2003 waren mehr Fotohandys als Digitalkameras verkauft worden. Wir leben in einer Welt, in der fast jede Person ein Handy mit sich führt und jederzeit fotobereit sein kann: Eine eklatante Umwälzung unserer Dokumentationskultur deutet sich an! Zwar hat schon die Durchsetzung der digitalen Knipsgeräte (Kameras ohne Telefon) dazu geführt, dass immer mehr fotografiert wird, aber es hat keineswegs jeder zu jeder Zeit eine Kamera bei sich. Das Handy aber ist in Bereitschaft, und so sind bei vielen Ereignissen die ersten (und oft auch die einzigen) Dokumente, die es davon gibt, Handy-Bilder, die ohne Zeitverzögerung sofort im Internet publik gemacht werden – wie etwa bei jenem Lehrer in Singapur, der einen Schüler drangsalierte und unmittelbar darauf am virtuellen Pranger stand.1
Wer den Film Fahrenheit 451 gesehen hat, wird sich an die »sprechenden Bücher« erinnern, die am Ende des Films in einer zeitlos wirkenden Natur-Landschaft auf und ab gehen und monologisierend vor sich hin murmeln. Es sind Rebellen, die sich dem totalitären System, das alle Bücher verbrannt hatte, durch Flucht entziehen konnten. Sie sind nun selbst lebende Bücher, weil jeder von ihnen ein Buch auswendig gelernt hatte, das er oder sie nun unentwegt rezitiert, um es vor dem Vergessen zu bewahren.
Dieser Film ist Science Fiction.2 Doch seit dem Beginn des Handy-Zeitalters kann man auf öffentlichen Plätzen immer häufiger Menschen beobachten, die vor sich hin sprechen und Worte von sich geben, die |8|scheinbar an niemanden gerichtet sind. Die Assoziation mit den sprechenden Büchern mag weit hergeholt sein – allein schon deshalb, weil die gesprochenen Texte der Handy-Menschen im Allgemeinen wohl eher mit Comic-Strips und Trivialliteratur vergleichbar sind. Aber zumindest für Menschen, die im 20. Jahrhundert groß geworden sind, ist es befremdlich, dass andere Menschen dicht neben einem stehen und vor sich hin sprechen, meist viel zu laut, mit einem entrückten Gesichtsausdruck oder seltsamen Handbewegungen vor dem Gesicht, als ob sie das nicht mehr sichtbare Mikrofon andeuten wollten. Die Rede ist von jener Version des mobilen Telefons, das als solches nicht mehr zu sehen ist – lediglich ein Draht hängt irgendwo zwischen Ohr und Kragen. Auch der wird bald verschwunden sein.
Und so kommt es immer häufiger zu Szenen wie jener, dass ein Mann allein vor einem Fahrkartenautomaten in der U-Bahn-Station steht und sagt: »Und wohin muss ich jetzt fahren?« – »Okay, Rüdesheimer Platz. Die Berliner haben ja ein hochmodernes Automatensystem.« Bald stellt sich heraus: Nur scheinbar führt er ein Selbstgespräch, er ist kein Autist, sondern jemand, der sich per Handy (bzw. Ohrstöpsel-Verbindung) die Gebrauchsanweisung für den Fahrkartenautomaten von einem Bekannten geben lässt. Eine kluge Idee! Auch im Supermarkt oder Möbelgeschäft stehen immer häufiger diese scheinbaren Autisten vor einem Regal und sinnieren laut darüber, welche der angebotenen Waren sie mitnehmen möchten. Noch merkwürdiger wirken Menschen, die einfach weiter telefonieren, wenn sie beim Bahnhofsbäcker einkaufen – sie erledigen das auf Wortfetzen reduzierte Gespräch mit der Verkäuferin und ihr Ferngespräch gleichzeitig. Schon fast alltäglich ist auch der Geschäftsreisende, der an der Kontrollschranke am Flughafen nicht aufhört zu telefonieren, während er seine Jacke leert, sie auszieht und mitsamt seinem Handgepäck in den Korb befördert. Schließlich legt er dort auch das Handy hinein – ohne »aufzulegen« –, um sofort, als es aus der Röntgenanlage zum Vorschein kommt, das Gespräch fortzusetzen, während er seine Jacke anzieht, seine Geldbörse verstaut und weitergeht. Hier wird die Kommunikation mit Anwesenden in extremer Weise auf minimale Körpersignale reduziert.
Oder stellen wir uns zwei junge Menschen vor, Mann und Frau, die an einer Gebäude-Ecke von zwei Seiten aufeinander zugehen, ohne sich gegenseitig sehen zu können. Beide schreiten voran, schauen dabei aber |9|nur auf die Displays ihrer Mobiltelefone.3 Werden sie zusammenstoßen; und sich dann gleich ineinander verlieben? Dann wäre das Mobiltelefon eine Art Wünschelrute; ein Seismograph der Liebe. Ein Partnersuchgerät. Aber vielleicht stoßen sie auch einfach nur zusammen. Und demonstrieren, dass man mit dem Handy ein Hans-guck-in-die-Luft ist. »The mobile connection«: Man trifft sich, aber man ist auch schnell wieder weg. Eine kurze Irritation, dass man einem Menschen begegnet ist, dann ist man wieder für sich…
Eines der beliebtesten Party-Gesprächsthemen der letzten Jahre sind die Geräusche, die vom Mobiltelefon erzeugt werden. War in den ersten Jahren noch missbilligendes Naserümpfen zu registrieren, wenn es klingelte oder wenn zu laut gesprochen wurde, so hat man inzwischen eher resigniert. Überall zirpt und piepst es unentwegt, aber das wird geduldet und ertragen. Zwar stellt sich immer noch ein wenig Unruhe ein, die Körper der Menschen rutschen etwa im Zug nervös auf ihren Sitzen hin und her, es bilden sich da und dort vorwurfsvolle Falten auf den Gesichtern, besonders wenn das Zirpen oder Scheppern immer lauter wird, weil ausgerechnet der Betroffene nichts merkt, während andere nach dem eigenen Handy suchen, da sie ihren derzeitigen Klingelton vielleicht nicht kennen – aber niemand beschwert sich.
Ein österreichischer Künstler, der sich ILA nennt (»immens langer Atem«), hat einmal irgendwo im steirischen Hügelland ein Handy installiert, das man anwählen konnte, wenn man das Bedürfnis verspürte, die Stille des Waldes zu hören. Andere Künstler haben bereits ganze Handy-Sinfonien komponiert, die unter Beteiligung des Publikums zur Aufführung gebracht werden (siehe Kapitel 15). Als sportliche Disziplin gibt es auch schon das Handy-Weitwerfen, sogar als Weltmeisterschaft, bei der allerdings überwiegend Finnen teilnehmen.
Das Handy ist vielleicht auch das erste technische Gerät, das Menschen unserer Zivilisation mit ins Grab nehmen, wie früher Kultgegenstände. Anfang 2005 meldeten Zeitungen, dass ein Osnabrücker Handy-Bastler einen »Telefon-Engel« erfunden habe: Mit einem sehr starken Akku ausgerüstet, das heißt mit einer Stand-By-Zeit von einem Jahr, könne man das Telefon ins Grab eines Verstorbenen legen und dort anrufen. Schon zu den Ursprungsmythen des Handys gehört jene Geschichte von dem Mann, der unbedingt sein Gerät – eingeschaltet – |10|mit ins Grab nehmen wollte, und tatsächlich: Es klingelte während der Beerdigung, aus dem Sarg heraus!
Ebenso wenig fehlen Anekdoten zum Handy für den Anfang des Lebens: Eine Zeitung meldete die Geburt des »kleinsten Babys der Welt«, das nur 243 Gramm gewogen hatte. Der Vater soll gesagt haben: »Sie war so klein, da kamen mir viele Fragen in den Sinn.« Wahrscheinlich nicht jene Frage, die dem Journalisten in den Sinn kam. Er schrieb nämlich in seinem Bericht: »Das Mädchen, das bei seiner vorzeitigen Geburt nicht viel größer als ein Mobiltelefon war, …«4 »Nicht viel größer als ein Mobiltelefon«! Darauf muss man erst einmal kommen.
Nicht zuletzt solch kuriose Auswüchse geben einen Eindruck davon, wie sehr das Handy bereits unseren Alltag verändert hat und wie groß die Faszination ist, die von ihm ausgeht. Es ist, als habe eine Handymania unsere Kultur erfasst. Mania ist das englische Wort für das alte griechische Manie, das für »Raserei« oder »Besessenheit« stand. In manchen lexikalischen Einträgen ist von einer psychischen Erkrankung mit ständiger Geschäftigkeit ohne nennenswerten Nutzeffekt die Rede. Handymania steht für die ungeahnten Wirkungen, die von dem kleinen Gerät ausgehen können: für die Begeisterung, die es oft auslöst; für die innere Getriebenheit, rastlose Aktivität und Unruhe, die Menschen zu befallen scheint, wenn sie überall, wo sie auftauchen, sofort zum Handy greifen müssen, um nachzusehen, ob eine neue Nachricht angekommen ist; für die Nervosität, wenn sich der andere nicht gleich meldet, obwohl er sein Handy doch immer bei sich trägt.
In diesem Buch geht es um die Auswirkungen dieses kleinen faszinierenden Objekts auf unser Leben. Das Handy ist weit mehr als eine technische Innovation. Es kann dazu beitragen, soziale Beziehungen zu erleichtern, es kann aber auch zu neuen Problemen führen, an die vorher niemand gedacht hatte. Am Beispiel des Mobiltelefons lassen sich daher nicht nur Veränderungen der Praxis des Telefonierens aufzeigen, sondern auch Aspekte des kulturellen Wandels im Allgemeinen. Dabei stellen sich Fragen folgender Art: Welche Lebensweise wird durch das Handy begünstigt und welche Wertvorstellungen werden damit gefördert? Welche Einflüsse auf soziale Beziehungen lassen sich feststellen, wie verändert sich die Gesprächskultur? Wie wird überhaupt ein technisches Produkt in seinem gesellschaftlichen Gebrauch zu einem kulturellen Objekt? Dabei sind die Nutzungsmöglichkeiten des Gerätes vielfältig, |11|und sie hängen nicht nur von der technischen Entwicklung ab, sondern genauso oder vielleicht noch mehr von den kulturellen Bedeutungszuschreibungen. Des weiteren geht es um die Frage neuer Kontrollmöglichkeiten, die sich mit dem Mobiltelefon eröffnet haben. Die zunehmende Verlagerung der Kommunikation in die Öffentlichkeit, verbunden mit einer größeren Flexibilität der sozialen Beziehungen, führt nach Ansicht mancher Beobachter zu größerer Freiheit oder Unverbindlichkeit. Es könnte aber auch sein, dass die Kontrolle zunimmt, auch in Form einer Intensivierung der Selbstkontrolle.
Das Buch gliedert sich in vier Hauptteile. Im ersten Teil wird zunächst eine kultursoziologische Sichtweise von Technik skizziert, die als allgemeiner theoretischer Rahmen dient. Außerdem umfasst der erste Teil eine Darstellung der historischen Entwicklung sowie der wirtschaftlichen Bedeutung der Telekommunikation. Im zweiten Teil geht es um die Auswirkungen des Handy-Gebrauchs auf soziale Beziehungen, Störungen der Kommunikation und Kontrollmöglichkeiten. Im dritten Teil wird der Schwerpunkt auf die Entwicklung der Funktionen gelegt, die aus dem Handy »mehr als ein Telefon« gemacht haben. Schließlich geht es im letzten Teil um die möglichen Auswirkungen dieser Veränderungen auf die gesellschaftliche Entwicklung, um die Frage, ob das Handy ein postmodernes Kulturobjekt ist und wie sich das Leben mit ihm in der Zukunft gestalten könnte.
In den letzten Jahren ist die Forschung zum Mobiltelefon vor allem international angewachsen. Im deutschen Sprachraum fehlt es bisher an einer zusammenfassenden Darstellung der zahlreichen Einzelergebnisse. Auch fehlt es an Versuchen einer theoretischen Integration diverser Einzelergebnisse. Das vorliegende Buch will diese Lücke schließen. Eine kultursoziologisch angeleitete theoretische Bilanz scheint auch deshalb notwendig, weil auf diesem Gebiet zwei Arten von Publikationen dominieren: auf der einen Seite zeitdiagnostische Interpretationen, gelegentlich mit wilden Spekulationen und häufig mit gewagten Schlussfolgerungen. Die empirische Basis solcher Überlegungen ist oft sehr dünn, wie besonders im IV. Teil deutlich wird. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe empirischer Studien darüber, wie lange, wann, wo und wozu mit dem Handy telefoniert wird – aber man weiß nicht immer so recht, ob man dadurch etwas Interessantes erfährt.
|12|Abgesehen von der kritischen Sichtung der Forschungsliteratur und von Materialien wie Werbeanzeigen und Zeitungsartikel, stützt sich das Buch auf Erkenntnisse einer Untersuchung an der Universität Lüneburg, die ich von 1999 bis 2005 durchgeführt habe. Dabei wurden von studentischen Mitarbeitern und mir selbst insgesamt 60 Interviews mit Einzelpersonen im Raum Lüneburg/Hamburg und in Berlin durchgeführt. Dazu kamen Befragungen in einigen Schulklassen sowie einige kleinere Experimente und systematische Beobachtungen. Es handelt sich hierbei nicht um eine repräsentative Befragung mit statistischen Methoden, sondern um eine Studie im Sinne der qualitativen Sozialforschung. Das heißt, es ging uns nicht um Fragen nach der zahlenmäßigen Verbreitung des Geräts, sondern um seine Bedeutung für die Veränderung des Alltagslebens. Bei den Interviews kam es außerdem weniger darauf an, Meinungen zum Handy zu erfragen, sondern darauf, etwas über seine tatsächliche und typische Verwendung im Alltag zu erfahren. Deshalb haben wir die Interviewpartner aufgefordert, Geschichten zu erzählen, in denen das Handy eine Rolle spielte. Diese Methode wird in der Sozialforschung als narratives Interview bezeichnet. In den folgenden Kapiteln, besonders im II. und III. Teil, wird immer wieder auf diese Studie Bezug genommen (»Lüneburger Studie«).
Hierzulande sagt bekanntlich kaum jemand »Mobiltelefon«. Auf der anderen Seite ist jedoch der Englisch klingende Ausdruck »Handy« im angloamerikanischen Sprachraum nicht geläufig. Das Wort wurde in Deutschland erfunden, wobei es mehrere Erfinder-Ansprüche gibt. Gerhard Stickel, der Direktor des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim, schrieb es »Werbeagenturen aus Düsseldorf« zu.5 Andere meinen, es sei eine Erfindung der Marketing-Abteilung bei Philips, als ein Name für den kleineren Nachfolger des tragbaren Autotelefons Porty gesucht wurde.6 Ansprüche meldete auch ein ehemaliger Ingenieur der Deutschen Post, Josef Kedaj, an.7 1988 gab es in Deutschland nur Autotelefone und große, portable Koffergeräte – also portables, wie man im Englischen sagte. Es gab noch keine handhelds, wie sie bereits in den USA und in Großbritannien zu sehen waren. Die Firma SEL baute dann ein solches Gerät, das SEM 340. Es wog etwa ein Kilogramm und »sah aus wie ein Brikett«. Die Bundespost, wie die Telekom damals noch hieß, kaufte dieses Gerät und suchte nun einen (deutschen) Namen für |13|dieses handheld. Angeblich fiel der Sekretärin von Kedaj das Wort »Handy« ein, das die Post dann übernahm.
»Handy« ist insofern durchaus treffend, als der Ausdruck nicht so eng aufs Telefonieren bezogen ist wie die in Amerika und England üblichen Bezeichnungen. Mobile phone hat sich in Europa durchgesetzt, während viele Amerikaner lieber cell phone sagen, oder einfach my cell.8 Im Französischen sind mehrere Bezeichnungen üblich: le mobile, le portable, le téléphone portatif. Im Italienischen spricht man offiziell vom cellulare, umgangssprachlich auch vom telefonino. Und im Finnischen wird das Wort Kännykkä benutzt, was etwa »Ausweitung der Hand« oder »verlängerter Arm« bedeutet. In internationalen Publikationen findet sich das Wort Handy also nicht als Bezeichnung für das Gerät – und der handyman in englischen Texten bedeutet etwas ganz anderes, nämlich: »Mädchen für alles, Faktotum«. Als eine Eigenschaft des Geräts finden sich gelegentlich handiness und das entsprechende Adjektiv handy, das soviel bedeutet wie »zur Hand, greifbar, leicht erreichbar, handlich, praktisch, bequem«.9 In Südostasien (Südkorea, Singapur, Malaysia, Indonesien) spricht man auch vom hand phone10 , und vielleicht setzt sich dieses Wort noch durch (oder gar doch »Handy«). In Japan gab es eine Technik mit Schnurlostelefonen, die, ins Englische übersetzt, personal handyphone system hieß.11 In China benutzt man das Wort Shouji (etwa: Handmaschine). In Australien wird besonders der persönliche Charakter betont, wenn man zunehmend von my phone spricht, im Unterschied zu my home phone.12
Noch ein Wort zum Sprachgebrauch. Als ein Problem erwies sich die Frage, in welcher Form von den Menschen die Rede sein soll, die etwas mit ihrem Handy anstellen. In der internationalen Literatur und vor allem in der technisch-ökonomischen Sprache ist meist von »Nutzern« die Rede. Abgesehen davon, dass das Wort eine wenig glückliche Übersetzung aus der englischen Marketing- und Internetsprache ist (user), ist es zu eindimensional und zu rationalistisch, weil es einen »Nutzen« unterstellt, der dem Phänomen nicht gerecht wird, bei dem doch auch – oder sogar in erster Linie – Faszination und Leidenschaft im Spiel sind. Vergleichbares gilt für die entsprechenden Praktiken der »Nutzung« oder des »Gebrauchs« sowie für andere häufig verwendete Begriffe wie »Anwender«, »Besitzer«, »Konsumenten« und »Kunden«. Sie alle schränken die Sichtweise allzu sehr auf wirtschaftliche Interessen oder technische Praktiken ein. Leider gibt es keinen eleganten Begriff, |14|der meinen Intentionen voll entspricht. Ich werde manchmal von »Handy-Akteuren« sprechen, notgedrungen aber doch immer wieder einmal auf Begriffe wie Handy-Benutzer zurückgreifen. Wenn von »Nutzung« die Rede ist, ist aber in der Regel mehr gemeint als die Anwendung einer technischen Funktion.
Danken möchte ich allen, die beim Entstehen dieses Buches geholfen haben. Mein Dank gilt zunächst allen studentischen Mitarbeitern sowie den Interviewpartnern, die sich bereit erklärten, an der Studie teilzunehmen. Marlene Heidel und Brigitte Schwarz im Sekretariat der Universität Lüneburg danke ich für die Unterstützung bei Recherchen und Korrekturen. Schließlich gilt mein Dank dem Lektorat des Campus Verlages, das mir sehr geholfen hat, einige Umständlichkeiten der akademischen Schreibweise zu tilgen, aber auch wertvolle inhaltliche Hinweise gegeben hat.
Das Handy ist sowohl ein technisches als auch ein kulturelles Objekt. Wenn im Folgenden von seiner Kulturbedeutung die Rede ist, sind Ideale und Vorstellungen, Werte und Normen gemeint, die beim Umgang mit dem Gerät ins Spiel kommen. Deshalb ist zunächst ein kurzes theoretisches Kapitel zur Kulturbedeutung von Technik im Allgemeinen angebracht. Dabei wird sich zeigen, dass man nur dann zu einem angemessenen Verständnis kommt, wenn man sich von der Vorstellung frei macht, die Anwendungsmöglichkeiten eines Geräts seien bereits durch die Technik festgelegt. Anders gesagt: Der Technikdeterminismus muss durch eine kultursoziologische Auffassung von Technik ersetzt werden.
Das darauf folgende Kapitel befasst sich mit der Geschichte der mobilen Telefonie, von den ersten Visionen einer schrankenlosen globalen Kommunikation über die verschiedenen Etappen der technischen Versuche, diese Visionen umzusetzen, bis hin zur digitalen Revolution und der blitzartigen Durchsetzung des Geräts um die Jahrtausendwende. Des weiteren folgt eine Darstellung der aktuellen Situation in verschiedenen Ländern. Im Kapitel 4 wird die Bedeutung des Mobiltelefons als Wirtschaftsfaktor beleuchtet.
Technik und Kultur werden, gerade in Deutschland, oft als Gegensatz gesehen, und Kulturkritik ist oftmals Kritik an der technischen Entwicklung. Immer wieder – in jüngerer Zeit etwa bei Gentechnologie, Implantationsdiagnostik oder embryonaler Stammzellenforschung – richtet sie sich gegen die naive Glorifizierung des Prinzips der technischen |16|Machbarkeit. Sie befürchtet eine Eigendynamik der Technik, wie sie auch im Zauberlehrlingsmotiv zum Ausdruck kommt: Die Technik, vom Menschen geschaffen, macht sich selbständig und beherrscht schließlich ihren Erfinder. Auf der anderen Seite spricht vieles dafür, dass es die Wünsche und Visionen des Menschen sind, die bestimmte technische Innovationen erst hervorbringen. Technik war, seit der Antike, immer auch mit dem Mythos der Überwindung der menschlichen Natur verknüpft: Technik als Wunschmaschine.1
In der Techniksoziologie spiegelt sich dieser Gegensatz in zwei unterschiedlichen Antworten auf die Frage, wie eine neue Technik angenommen wird. Die erste lautet: Die Art und Weise, wie eine Erfindung im Alltag Anwendung findet, ergibt sich aus den technischen Möglichkeiten, die in ihr stecken. Man kann daher diese Position als Technikdeterminismus bezeichnen: Ihm zufolge verändert sich unser Leben nach Maßgabe der Technik, die in einem neuen Gerät oder einer Maschine untergebracht ist. Bestimmte technische Verbesserungen verändern die Nutzungspraxis.2 Dies gilt nicht nur für die eigentliche Technik, sondern auch für das Design. Eine Drehtür ist eben anders zu benutzen als eine Pendeltüre mit waagrechter Querstange und diese wiederum anders als eine gewöhnliche Türklinken-Tür und diese wiederum anders als eine Fahrstuhltür. In einem Haus in Philadelphia, in dem ich eine Zeitlang wohnte, hing am – sehr altertümlichen – Fahrstuhl der Zettel: »Please, slam the door!« Was ich zunächst als ironisch formulierte Aufforderung verstand, nicht zu viel Lärm zu machen, entpuppte sich als technische Notwendigkeit: Der Fahrstuhl setzte sich erst in Bewegung, wenn die Tür mit Nachdruck geschlossen worden war. Ein anderes Beispiel ist die Computer-»Maus«. Seit es sie gibt, geht man anders mit dem PC um als in den Zeiten, in denen die Benutzung noch analog zur Schreibmaschine funktionierte. Und für das Mobiltelefon würde gelten: Die Vorgaben der sogenannten Menü-Führung und die Anordnung der Knöpfe bestimmen die Umgangsweise mit dem Gerät.
Diese Position erscheint zunächst einleuchtend und selbstverständlich. Aus kultursoziologischer Sicht wurde sie allerdings immer wieder in Frage gestellt.3 Am Technikdeterminismus wurde kritisiert, dass er die kreativen Fähigkeiten der Akteure ignoriere, anders mit der Technik umzugehen als von den Erfindern vorgesehen. Außerdem werde die Kraft der Kultur unterschätzt, technische Dinge mit symbolischen Bedeutungen |17|aufzuladen, an die kein Designer oder Techniker gedacht hatte. Die kulturtheoretische Perspektive der Techniksoziologie dreht deshalb die Kausalrichtung um und betont, dass die sozialen Gebrauchsweisen einer Technik anfangs noch keineswegs festgelegt sind, sondern sich erst durch kulturelle Ideen über ihre Nutzung ergeben. Darüber hinaus entstünden Techniken häufig erst, nachdem sie durch kulturelle Visionen angeregt wurden. So gesehen, ist die Technik ein Produkt der Kultur.
Man mag hier einwenden: Ein Hammer sei ja wohl ein Hammer und könne kaum als Kopfkissen benutzt werden. Das ist natürlich richtig, verfehlt aber eine subtilere Ebene der Argumentation: Auch ein Hammer kann vielfältig verwendet werden – als Briefbeschwerer oder Mordwaffe, als Türstopper oder Messlatte! Dies zeigt sich noch deutlicher bei komplexeren Techniken und Apparaturen, wo sich immer wieder neue Nutzungsmöglichkeiten ergeben. So verschwanden im Jahr 1996 plötzlich Tausende von Telefongeräten aus den öffentlichen Telefonzellen auf Borneo. Wie sich herausstellte, hatten die einheimischen Fischer herausgefunden, dass sich Telefone gut als Köder für den Fischfang eigneten – angeschlossen an eine leistungsstarke Batterie und unter Wasser platziert, lockten sie mit ihren Tönen Fische an.4
Telefon und Automobil
An zwei Beispielen aus der Technikgeschichte lässt sich der kultursoziologische Ansatz noch genauer beschreiben, bevor wir wieder zurück zum Mobiltelefon kommen. Die Durchsetzung des klassischen Telefons war keineswegs so selbstverständlich, wie uns das heute erscheinen mag. Es war anfangs unklar, wozu dieser neue Apparat überhaupt dienen sollte. Deshalb ist auch umstritten, wer »das Telefon erfunden« hat. Keiner der allgemein als »Erfinder« Gehandelten (Johann Philipp Reis, Alexander Graham Bell, Elisha Gray oder Antonio Meucci) hatte zunächst ein Telefon im Sinn, wie wir es heute kennen.5 Bell zum Beispiel ging es ursprünglich darum, einen Apparat für Gehörbehinderte zu bauen. Mehrere »Nutzungsvisionen« standen in Konkurrenz miteinander.6 Zunächst dachten viele nur an eine Erweiterung des »Transportkonzeptes«, wie es dem damals schon ausgebauten Telegrafiesystem |18|zugrunde lag, das heißt des Prinzips einer einseitigen Übermittlung von Informationen. Eine andere Nutzungsvision war das »Radiokonzept«, demzufolge das Telefon vor allem zur Verbreitung von Informationen von einem Sender an viele Empfänger dienen sollte. So gab es zum Beispiel 1881 in Frankreich ein »Operntelefon« oder, ein paar Jahre später, in Budapest einen »Telefon-Hírmondó«, eine Art »Telefon-Zeitung«.7 In München wurden noch Ende der 1920er Jahre Aufführungen der Staatsoper über das Telefon übertragen.8 Erst nach einer längeren Zeit der Unsicherheit setzte sich dann schließlich das »Verständigungskonzept« durch, die Idee des technisch vermittelten Wechselgesprächs.9
Das Beispiel macht deutlich, dass zum Verständnis einer technischen Entwicklung seine Definition als Kulturobjekt gehört, die wiederum die weitere technische Entwicklung maßgeblich beeinflussen kann. Ähnliches lässt sich auch für das Automobil zeigen.10 Als es im Jahr 1888 zum ersten Mal auf den Straßen zu sehen war – damals fand die erste längere Fahrt statt, mit einer Frau am Steuer, nämlich Frau Benz, die angeblich ohne Wissen ihres Mannes mit dem von ihm konstruierten motorisierten Dreiradfahrzeug von Mannheim nach Pforzheim fuhr –, war mit der Eisenbahn die Möglichkeit der schnellen, technisch unterstützten Fortbewegung schon lange gegeben. Auch für die autonome, individuelle Mobilität gab es bereits Transportmittel, etwa Pferd und Kutsche. Selbst die Idee eines motorgetriebenen Straßenfahrzeugs war schon seit langem entwickelt; schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in England eine Art Dampfmaschinen-Omnibus im Linienverkehr. Die sozialen Nutzungsmöglichkeiten des Autos scheinen somit bereits lange vor seiner Markt-Einführung klar gewesen zu sein: Schnellere und flexiblere Transport- und Fortbewegungsmöglichkeiten, für die auch Bedarf vorhanden war. Doch die kulturelle Bedeutungszuschreibung für das Auto ging zunächst in eine etwas andere Richtung – und diese bestimmte in der Anfangsphase seinen Erfolg.
Die Stichworte dafür sind das Fahrrad und der Rennsport. Im Sinne kultureller Nutzungsvisionen war das Fahrrad, das in den 1880er Jahren einen Boom erlebte, ein wichtiger Wegbereiter für das Auto: Mit ihm war die Erfahrung individueller und flexibler Fortbewegung verknüpft; außerdem die Idee, die Straße zum Vergnügen zu benutzen. Größere öffentliche Aufmerksamkeit gewann das Auto dann als Sport-Maschine, als Abenteuerspielzeug für Aristokraten und Technik-Enthusiasten aus |19|dem Bürgertum. Besonders beim ersten Autorennen – es ging 1895 von Paris nach Bordeaux und zurück – bewies es seine Ausdauer und Zuverlässigkeit. Durch den Rennsport, insbesondere nach der Jahrhundertwende, wurde das Auto mit den kulturellen Werten Tempo, Rekord und Fortschritt verknüpft, mit Folgen für seine weitere technische Entwicklung. Dazu entstand ein Leitbild des Autofahrers als wagemutiger, geschickter Siegertyp.11 Das Eindrucksvollste am Auto waren deshalb in der Anfangsphase die Verknüpfung von Technik und sportlicher Körpererfahrung und die Erweiterung kultureller Entfaltungsmöglichkeiten. Bald wurde deutlich, dass das Auto fast alle Vorteile der bisherigen Transportmittel bündeln und die jeweiligen Nachteile ausgleichen konnte: Schneller als das Fahrrad, zuverlässiger und ausdauernder als das Pferd, flexibler und individualistischer als die Eisenbahn. Das Auto brachte die Individualität zurück und verschaffte einen zusätzlichen Zeit- und Mobilitätsgewinn. Es war das erste Verkehrsmittel, das die Individualität der Fortbewegung mit maschinell erzeugter Schnelligkeit verband und dadurch neue Erlebnisdimensionen eröffnete. Dass dies zunächst nur für abenteuerlustige Aristokraten und neureiche Industriebürger galt, tut der Sache keinen Abbruch – die kulturellen Vorstellungen begannen sich zu wandeln.
Wie jedes neu eingeführte technische System traf also auch das Automobil auf bereits existierende kulturelle Werte, Bedürfnisse und soziale Praktiken, an die seine Verwendung angepasst werden konnte. Die Technik wurde genutzt zur Verstärkung kultureller Werte, in diesem Fall Individualität und Mobilität. Es erhöhte die räumliche Flexibilität, die zeitliche Autonomie und die soziale Unabhängigkeit seiner Besitzer. Ein neues Wertmuster entstand, das man Automobilismus nennen kann, und dem eine Lebensform entsprach, die durch soziale Beweglichkeit und individual-motorisierte Fortbewegungsmöglichkeit gekennzeichnet war.
Telefon und Automobil mussten also ihren Weg in die Kultur erst finden, in Auseinandersetzung mit Wertvorstellungen und Idealen. Ähnliches gilt für die Durchsetzung des Computers, des Internets und des Mobiltelefons. Nicht deren technische Möglichkeiten sind entscheidend, sondern die kulturellen Vorstellungen, Wünsche und Visionen, die man mit Hilfe dieser Apparate und Systeme verfolgen kann – die aber auch dazu führen, die Technik in bestimmte kulturell erwünschte Richtungen |20|weiterzuentwickeln. Mit jeder Technik werden auch neue kulturelle Nutzungsmöglichkeiten entdeckt und erfunden.
Jenseits von Technik- und Kulturdeterminismus
Ein extremer Kulturdeterminismus, für den der praktische Umgang mit einem technischen Apparat allein von kulturellen Vorgaben abhinge, wäre allerdings ebenso wenig geeignet, sozio-technische Entwicklungen verständlich zu machen, wie ein radikaler Technikdeterminismus. Beide Perspektiven nehmen – in reiner Form – eine allzu scharfe Gegenüberstellung von Kultur und Technik vor. Es ist demgegenüber sinnvoll, von einer engen Durchdringung der beiden Sphären auszugehen, das heißt Technik als integralen Bestandteil des sozialen Handelns anzusehen, als eine Form der Vergesellschaftung des Menschen. Unter sozialem Handeln verstand die klassische Soziologie in erster Linie ein Verhalten, das auf andere Personen und auf Werte und Normen bezogen ist. Aber das reicht heute nicht mehr. Handeln findet immer auch im Kontext einer technisierten Lebenswelt statt. Technik und Handeln sind so eng aufeinander bezogen, dass man von sozio-technischem Handeln sprechen müsste.12 In dieser Sichtweise wäre es ein Fehler, Mensch und Technik als zwei getrennte Welten anzusehen. Man kann nicht so tun, als bleibe der Mensch der gleiche, nachdem das Automobil in die Welt gekommen ist; als habe der Mensch die selben Kommunikationsbedürfnisse vor und nach der Einführung des Telefons. Falsch wäre aber auch so zu tun, als bliebe das Telefon immer dasselbe technische Gerät, egal, wie die Menschen damit umgehen.
Besonders deutlich kommt diese Perspektive bei dem französischen Wissenschaftsforscher Bruno Latour zum Ausdruck. Er macht einen radikalen und scharfsinnigen Vorschlag zur Aufhebung der Dichotomie von Technik und Kultur, mehr noch: von Maschinen und Menschen, oder einfach: von Nichtmenschen und Menschen. Man dürfe, so meint er, nicht davon ausgehen, dass auf der einen Seite »der Mensch« als fertiges Wesen da sei, auf der anderen Seite eine neue »Technik« fertig erfunden werde, und dann der Mensch diese Technik anwende, um bestimmte Handlungsziele zu erreichen. Vielmehr stecke in jeder Technik immer schon eine Fülle von Geschichte, von Normierungen, Werten |21|und Ideen, und sie verändere sich im Gebrauch durch den Menschen. Und umgekehrt sei »der Mensch« immer schon das Produkt vergangener Kultur und Technik, und er veränderte sich durch deren Entwicklung.
Ein einfaches Beispiel, an dem Latour seine Überlegungen verdeutlicht, ist die Straßenschwelle in städtischen Wohngebieten, die für Autofahrer genauso wirkt wie ein Polizist, der die Geschwindigkeit kontrolliert. In beiden »Kulturobjekten« – der Straßenschwelle und dem Polizisten – steckt die selbe Normierung eines Tempolimits. Ein anderes Beispiel ist ein spezieller Schlüssel, den Latour anlässlich eines Forschungsaufenthalts am Wissenschaftszentrum Berlin kennenlernte. Dieser Berliner Schlüssel war mit einer einfachen technischen Vorrichtung ausgestattet, die die Bewohner dazu zwang, abends beim Verlassen des Hauses die Tür abzuschließen. Ein Teil des Schlüssels blieb nämlich von innen im Schloss stecken und wurde erst wieder freigegeben, wenn man von außen abgeschlossen hatte. Auf diese Weise übernahm der Schlüssel die Funktion des Hausmeisters, der die Einhaltung der Hausordnung überwachte.13
Mit einem dritten Beispiel, der Schusswaffe, macht Latour deutlich, dass auch die moralische Ordnung einer Kultur nicht bloß eines Sache des Menschen ist und die Technik davon völlig unabhängig wäre. Deshalb sei es falsch, wenn man sage – wie es Vertreter der Waffen-Lobby gern tun: »Die Waffe ist neutral, es ist der Mensch, der tötet.« Aber auch die Haltung von Pazifisten, die mit dem Hinweis auf das Tötungspotential ein Verbot von Schusswaffen durchsetzen wollten, sei falsch. Vielmehr müsse man die Verantwortung für das, was passiert, auf die Einheit Mensch-Schusswaffe verlagern. Mensch und Schusswaffe gingen eine so intensive Verbindung ein, dass man geradezu von einem »Hybrid-Akteur« oder einem »Aktanten« Mensch-Waffe sprechen müsse.14 Es wäre demnach irreführend zu sagen, dass der Mensch bestimmte Ziele verfolge und dazu technische Mittel benutze; denn mit neuen Mitteln verändern sich auch die Ziele. Latour gibt deshalb die strikte Gegenüberstellung von Technik und Kultur ebenso auf wie jene zwischen Mensch und Werkzeug, aber auch jene zwischen Ziel und Mittel.
Man mag diese Position als zu radikal empfinden. Es kommt hier auch nicht darauf an, Latour in jeder Hinsicht zu folgen. Doch seine Perspektive der Integration von Mensch und Technik ist hilfreich, um |22|deren wechselseitige Verzahnung besser zu verstehen. Gerade für die Untersuchung der Technisierung des Alltagslebens ist sie von Bedeutung.15 Man sieht dann besser, dass in das alltägliche Handeln technische Artefakte – das heißt von Menschen geschaffene, also künstliche Objekte – genauso selbstverständlich eingelassen sind wie Verhaltensnormen oder Handlungsziele, und dass sie sich gegenseitig steigern können. Man denke an das Beispiel des Staubsaugers.16 Seit es ihn gibt, sind die Wohnungen sauberer, und die Standards an Reinheit wurden immer strenger. Doch es wäre unsinnig, Werte wie Sauberkeit und häusliche Ordnung direkt aus den technischen Möglichkeiten des Staubsaugers abzuleiten. Technische Artefakte im Alltag werden oft kaum noch als solche wahrgenommen. Der Strom aus der Steckdose ist einfach da, er gehört zur selbstverständlich gewordenen Lebenswelt.17 Technik ist zur »zweiten Natur« geworden – zum integralen Bestandteil einer Lebensform, um einen Begriff des Philosophen Ludwig Wittgenstein zu zitieren. In einem Prozess der Naturalisierung des Sozialen und der Sozialisierung der Technik ist beides zur Natur der Gesellschaft geworden.
Dagegen erscheint manche technische Innovation, wenn wir sie zum ersten Mal erleben, wie Zauberei. Die Älteren unter uns staunten früher über Glastüren, die sich an öffentlichen Gebäuden »von selbst« öffneten, wenn man sich näherte. Auch das mobile Telefon erschien manchen als ein »Wunder der Technik«. In Israel schlug sich das direkt in der Benennung nieder, 1987 tauchte dort das Wort Pele-Phone auf. Pele heißt im Hebräischen »Wunder«.18
Kommunikationsmedien
Das Telefon ist ein technisches Medium der Kommunikation, telefonieren ist technisch vermittelte, also mediatisierte Kommunikation. Im Hinblick auf die Entwicklung von Medien der Kommunikation lassen sich vier Epochen der Menschheitsgeschichte unterscheiden: Mündliche Kommunikation – schriftliche Kommunikation – Buchdruck – elektronisch vermittelte Kommunikation. Die »Verbreitungsmedien«19 der ersten drei Epochen sind die mündliche Sprache, die Schrift und das Buch. In der vierten Phase wird es unübersichtlicher. Sie begann mit dem Telegrafen und dem Telefon, gefolgt von Radio und Fernsehen, |23|schließlich Computer und Internet. Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan sah in der Epoche der schriftlichen Kommunikation, vor allem aber in der Epoche des Buchs, einen Aufschwung des abstrakt-rationalen Denkens und entsprechender Kommunikationsformen. Mit dem Aufkommen der elektronischen Medien erwartete er eine – wenn auch globalisierte – Renaissance der mündlichen Kommunikation, der Oralität. Er sprach deshalb vom Global Village mit einer tribalen Kommunikation, das heißt, einer für Stammesgesellschaften typischen Form des Miteinanderredens.20 Vielleicht ist dafür das Mobiltelefon das ideale Kommunikationsmedium.
Auch medientheoretisch lassen sich zwei Sichtweisen unterscheiden, analog zu Technik- bzw. Kulturdeterminismus. Vertreter der ersten Richtung würden sagen, dass Medien aufgrund ihrer jeweiligen Eigenheiten das Verhalten prägen; dass neue Medien unsere kommunikativen Praktiken grundlegend verändern. Sie zwingen uns, neue kommunikative Praktiken zu lernen: Mit dem alten Telefon mussten wir erst lernen, wie es geht, mit jemandem zu sprechen, den man nicht sieht; mit der E-Mail mussten wir lernen, unsere geschriebene Sprache der mündlichen Sprache anzunähern und gleichzeitig die Antwort zu beschleunigen; und mit dem Mobiltelefon mussten wir unter anderem lernen wie es geht, vor Publikum zu telefonieren.21 Vertreter der zweiten Sichtweise gehen dagegen von mündigen und sogar subversiven Akteuren aus, die sich den technisch-medialen Innovationen nicht unterwerfen, sondern umgekehrt versuchen, sie an ihre jeweilige Kommunikationskultur anzupassen und neue Umgangsformen mit technischen Medien zu finden, die von deren Erfindern nicht vorgesehen waren.22
In einer Phase der Implementierung neuer Medien haben beide Sichtweisen ihre Stärken, weil hier die kulturellen Bedeutungen und sozialen Verwendungsmöglichkeiten noch nicht endgültig festgelegt sind. Man kann dem Prozess der Aufladung einer Technik durch Kultur gewissermaßen zusehen. Im Anschluss an Bruno Latours Überlegungen möchte ich daher eine integrierte Sichtweise verfolgen und die vielfältigen Verzahnungen von Technik und Kultur am Beispiel des Mobiltelefons untersuchen.
Obwohl heute schon fast selbstverständlich und »natürlich« – das moderne »Handy«, das miniaturisierte Mobiltelefon, ist, gemessen in historischen Zeiträumen, noch recht jung. Noch in den 1980er Jahren wurde das Mobilfunknetz als Randbereich des Telekommunikationsnetzes eingestuft,23 und in einer 1994 veröffentlichten Studie wurde dem Bildtelefon eine gewisse (wenn auch nur kleine) Chance eingeräumt, sich als Ergänzung zum Haustelefon durchzusetzen, nicht aber dem Mobiltelefon!24 Auch in den Neuen Bundesländern stand anfangs eher das mobile Bildtelefon im Mittelpunkt von Zukunftsvisionen der Befragten.25
Die Idee mobiler Telekommunikation ist jedoch wesentlich älter, und die Möglichkeiten ihrer Realisierung werden schon lange diskutiert. Das Leitbild Universal Personal Telecommunications, das heißt die Vorstellung, dass jedes Individuum von jedem Ort der Welt jedes andere Individuum erreichen kann, ist schon mindestens achtzig Jahre alt. Ende der 1920er Jahre war diese Vision bereits klar formuliert durch den damaligen Präsidenten der amerikanischen Telefongesellschaft AT&T: »Common use of telephone communication between land and aeroplanes, moving trains, ships at sea or between two moving objects.«26 Ein Comic-Strip, in dem der Detektiv »Dick Tracy« ein kleines Armbandtelefon benutzte, inspirierte angeblich den Ingenieur Harald S. Osborne von AT&T im Jahre 1952 zu der Vorstellung, dass in Zukunft jedes Neugeborene eine feste Telefonnummer (im Sinne einer Identitätsnummer) haben und eine Art Armbanduhr-Bildtelefon tragen würde.27
Vom Autotelefon zum Handy
Die Idee ist also schon alt, und auch technisch hat mobile Telekommunikation, verstanden als ein System der Telefonie »ohne Draht«, auf der Basis von Funksignalen, bereits eine lange Geschichte. Drahtlose Kommunikation gab es zwar schon früher – von den Rauchzeichen bis zum optischen Telegrafen mittels Lichtsignalen28 –, aber erst mit der Entdeckung elektromagnetischer Wellen kam ihr Durchbruch. Im Lauf des 19. Jahrhunderts machte ihre Nutzbarmachung für Funkkommunikation große Fortschritte. Heinrich Hertz war 1886 der erste, »der die |25|Übertragung elektromagnetischer Wellen durch den freien Raum praktisch demonstrierte und damit die Maxwell’schen Gleichungen nachwies«.29 Wichtig war die Entdeckung, dass bestimmte Funksignale nicht nur den Londoner Nebel, sondern sogar dicke Mauern durchdringen konnten.30 In den skandinavischen Ländern gab es schon in den 1890er Jahren erste Versuche, per Funk zu telefonieren, noch nicht für den Privatgebrauch, und zunächst nur für den Schiffsverkehr.
Am engsten mit dem Erfolg der drahtlosen Kommunikation verknüpft ist der Name Guglielmo Marconi (1874–1937). 1895 demonstrierte der italienische Physiker »die erste drahtlose Telegrafieübertragung mit Hilfe von Langwellen und einer recht hohen Sendeleistung von über 200 kW«.31 Kurz vor der Jahrhundertwende war er in der Lage, mittels Funkverkehr zwischen Schiffen die interessierte Weltöffentlichkeit über den Stand des Admiral’s Cup zu informieren, und später entwickelte er die Kurzwellenübertragung, was die Funkkommunikation deutlich verbesserte.32 Die Titanic-Katastrophe (1912) führte dazu, dass nun jedes Schiff rund um die Uhr in Funkkontakt stehen musste.33 In Deutschland begann 1918 die Deutsche Reichsbahn mit ersten Tests, und 1926 war es erstmals möglich, im Zug auf der Strecke Berlin-Hamburg aus dem fahrenden Zug heraus mobil zu telefonieren – wenn auch nur in der ersten Klasse.34 Eines der ersten Mobilfunk-Netze entstand 1946 in einem kleinen Ort in Colorado, USA. Mit »Handy« hatte das zwar noch nichts zu tun, doch das Prinzip der drahtlosen (Funk-)Verbindung zwischen individuellen Telefonbesitzern war damit eingeführt.35 Schon seit den späten 1940er Jahren gab es erste Bemühungen, die Funk- und die Festnetz-Telefonie zu integrieren.
Das Autotelefon spielte eine wichtige Rolle bei der weiteren Ausbreitung. So wird zum Beispiel berichtet, dass die amerikanischen Lkw-Fahrer mit der Einführung der Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen im Jahr 1973 angefangen hätten, sich gegenseitig vor der Polizei zu warnen, zunächst mit Funkgeräten, dann – seit der Einführung des ersten kommerziellen Mobiltelefonsystems im Jahre 1983 – mit dem Autotelefon.36 Das erste brauchbare Telefon dieser Art, DynaTAC 8000X von Motorola, kostete fast 4.000 Dollar und wurde im ersten Jahr dennoch 300.000 mal verkauft. Es wog 800 Gramm! Zum Vergleich: Für das Siemens ST55 wurde 2003 mit dem Spruch geworben: |26|»Tonnenweise Ideen. Jetzt wiegen sie zusammen 87 Gramm. Small space. High-tech.«
Entscheidend für die weitere Entwicklung war also die Verkleinerung der Geräte, die schließlich ein Träger-Fahrzeug überflüssig machte. Von einem mobilen Telefon im engeren Sinn kann ja erst die Rede sein, seit es von Personen ohne größeren Aufwand genauso getragen und mitgenommen werden kann wie Taschenkalender oder Geldbörse.
Für die Übergangsphase zum Miniaturtelefon, die sozusagen prähistorische Phase der mobilen Telefonie, lassen sich vier Entwicklungsstufen unterscheiden: Zunächst gab es den pager, den »Piepser«, mit dem beispielsweise Ärzte einen unspezifischen Hinweis bekamen, dass sie jemanden anrufen sollten.37 Dann das private mobile radio (PMR), wie beim Taxi-Funk. Drittens gab es cellular telephones – ziemlich schwere Kästen, die man nicht auf der Straße benutzen konnte. Als vierte Stufe war damals (in den 1980er Jahren) ein telepoint service im Gespräch, eine Art öffentlicher Telefonzelle für das Mobiltelefonnetz. Das moderne »Handy« war noch nicht marktreif, aber seine Einführung absehbar: »The most recent development of personal communication networks (PCN) is an attempt to integrate these various capabilities into a hand-held wireless device that will be cheaper than the cellular telephones currently in use.«38
Ein hand-held wireless device – ein Gerät für drahtlose Funkverbindungen, das gut in der Hand liegt: Die entscheidenden technischen Entwicklungen zu diesem Ziel vollzogen sich in den nächsten zehn Jahren nach der Markteinführung des DynaTAC 8000X. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde innerhalb weniger Jahre aus einem exotischen Statussymbol ein Massenprodukt, das »aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist«. In technischer Hinsicht war der digitale GSM-Standard39 entscheidend, der in den 1980er Jahren in Europa entwickelt und Anfang der 1990er Jahre eingeführt wurde. Die Digitalisierung ermöglichte eine deutliche Verkleinerung und verbesserte darüber hinaus die Gesprächsqualität wesentlich. In Europa brachte das GSM-System die Integration und Kompatibilität der regionalen Netze (was in den USA so nicht gelang). Das GSM-System wurde auch weltweit ein großer Erfolg. Im Jahr 2005 war es die technische Basis für mehr als drei Viertel aller Mobiltelefon-Nutzer auf dem Globus.
|27|Methodische Probleme
Wie verbreitet ist das Handy? Bevor wir diese Frage beantworten können, ist eine methodische Bemerkung angebracht. Es ist nämlich keineswegs leicht, genaue Zahlen über Besitz und Verfügbarkeit von Mobiltelefonen bzw. Verträgen zu bekommen. Im internationalen Vergleich und in Zeitreihen werden häufig sogenannte Penetrationsraten angegeben. Damit wird der Verbreitungsgrad einer technischen Innovation zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen – bezogen auf die Einwohnerzahl. Wenn also zum Beispiel gesagt wird, die Verbreitung des Handys in einem Land liege bei 105, dann ist damit die Zahl der Verträge bzw. der aktiven SIM-Karten pro 100 Einwohner gemeint. Die meisten verfügbaren Statistiken weisen diese Quoten (oder Raten) aus – nicht den Anteil der Personen, die ein Handy besitzen. Da aber eine wachsende Zahl von Personen mehr als einen Vertrag hat, wird damit der Anteil jener, die tatsächlich über ein Mobiltelefon ständig verfügen können, überschätzt. So wird verständlich, warum in einigen Ländern die Quote deutlich über 100 liegt, wie zum Beispiel in Luxemburg, wo sie schon 2004 auf 143 anstieg.40
