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In seinem autobiografischen Roman schildert Jakob Senn mit umwerfendem Charme das Heranwachsen des Hans Grünauer, eines Bauernsohns, der früh an den Webstuhl gesetzt wird, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Seine Leidenschaft aber gilt den Textgeweben: Süchtig liest er jedes gedruckte Wort, das er auftreiben kann, und bald beginnt er, selbst zu schreiben, mangels Papier auf jede erdenkliche Unterlage, von der Hemdmanschette bis zum Webstuhlrahmen.
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2016
In seinem autobiografischen Roman schildert Jakob Senn mit umwerfendem Charme das Heranwachsen des Hans Grünauer, eines Bauernsohns, der früh an den Webstuhl gesetzt wird, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Seine Leidenschaft aber gilt den Textgeweben: Süchtig liest er jedes gedruckte Wort, das er auftreiben kann, und bald beginnt er selbst zu schreiben, mangels Papier auf jede erdenkliche Unterlage, von der Hemdmanschette bis zum Webstuhlrahmen. Der Roman endet mit dem Entschluss zum Leben als freier Schriftsteller.
Das Buch erschien erstmals 1888, postum herausgegeben von Otto Sutermeister, der es allerdings umtaufte in «Ein Kind des Volkes – Schweizerisches Lebensbild». Entgangen sind ihm die Gestaltung des Lebensberichtes als Bildungsroman nach dem Vorbild des «Grünen Heinrich» von Gottfried Keller – auf den der Originaltitel anspielt – und der freie Umgang mit den Fakten zu Gunsten der motivischen Geschlossenheit.
jakob-senn-200.ch
Alle Informationen zu Jakob Senn und zum Erzähltheaterstück «Hans Grünauer».
Jakob Senn (1824–1879), geboren in Fischenthal, Kanton Zürich. Nach dem Besuch der Primarschule Arbeit auf dem väterlichen Hof und als Weber. Erste literarische Versuche mit zwanzig Jahren, Bekanntschaft mit dem Volksschriftsteller Jakob Stutz. 1856 angestellt im Antiquariat von Johann Jakob Siegfried in Zürich, ab 1862 freier Schriftsteller, 1864 Heirat und Übersiedlung nach St.Gallen. 1867 Ausreise nach Südamerika. 1878 kehrte er in die Schweiz zurück, wo er im Auftrag der Regierung Uruguays ein Auswanderungsbüro eröffnen sollte. Er erhielt jedoch das versprochene Geld nicht, geriet in Not und litt zunehmend an psychischen Problemen. Im März 1879 Freitod in der Limmat.
Matthias Peter, geboren 1961, freier Publizist, Literaturkritiker und künstlerischer Leiter der Kellerbühne St.Gallen. Er veröffentlichte zahlreiche historische Beiträge im «Zürcher Taschenbuch». 2004 erschien der Band «Jakob und Heinrich Senn. Zeitbilder der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert».
Anlässlich des 200 Jahr Jubiläums ist Mathias Peter mit seinem Erzähltheaterstück zu «Hans Grünauer» in der Schweiz unterwegs. Alle Spieldaten auf jakob-senn-200.ch oder auf der Website des Verlags.
JAKOB SENN
ROMAN
Mit einem Nachwort von Matthias Peter
Limmat VerlagZürich
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Der Volksdichter Jakob Senn (1824–1879)
Mein Vater war das jüngste von dreizehn Kindern, darum wurde er nicht bloß von seinen Geschwistern, sondern auch von der ganzen Nachbarschaft zeitlebens der «Kleine» genannt, obgleich er körperlich größer war als alle seine Geschwister. Ein achtzehn Jahre älterer Bruder wohnte im Nebenhause, welches seit unvordenklichen Zeiten das eigentliche Stammhaus unserer Familie gewesen war. Früher, bei Lebzeiten der Großeltern, war das Haus meines Vaters an eine Familie vermietet gewesen, von welcher man allgemein wusste, dass sie mehr verstehe als Brot zu essen. Dieselbe bestand aus Vater, Mutter und vier Töchtern, letztere von wunderbarer Schönheit, von denen jedoch, ungeachtet ihrer körperlichen Vorzüge, nur die jüngste zur Heirat gelangte, da die übrigen gleich der Mutter «Hexen» waren und durch diese Berühmtheit der männlichen Bevölkerung allzugroßen Respekt einflößten.
Der älteste Bruder meines Vaters, der, gleich mir, Hans hieß, war ein leidenschaftlicher Liebhaber vom Frakturschreiben und füllte mit dieser Schrift eine unglaubliche Menge von teilweise dicken Heften aus; Nachtmahlbüchlein und kleine Katechismen schrieb er zu vielen Hunderten, alle aufs sauberste, jede Seite mit einer großen farbigen Initiale verziert. Das hatte er ohne eigentlichen Schulbesuch erlernt, und da seine tägliche Beschäftigung in landwirtschaftlichen Arbeiten bestand und er bloß achtundzwanzig Jahre alt wurde, so scheint es geradezu unbegreiflich, wie es ihm möglich war, so viel Papier mit Frakturschrift zu bedecken.
Hans schrieb denn auch die Nachtmahlbüchlein für die schönen Hexlein, und er konnte dem Zauber eines derselben nicht widerstehen und verliebte sich in es, es hieß Margritli. Die Eltern Hansens waren aber besonders hart gegen diese Liebschaft und verboten dem Liebhaber bei Seel und Seligkeit das Betreten der Hexenwohnung, sowie überhaupt allen Verkehr mit der Hexenfamilie. Mein Vater war damals sechs oder sieben Jahre alt und wurde von Hans als geheimer Liebeskurier verwendet, wofür ihm Margritli manch schneeweißes Stücklein Brot bescherte mit einem so süßen Stoffe darauf, dass der Empfänger lebenslang glaubte, selbes sei keine natürliche, sondern eine zauberhafte Süßigkeit gewesen. Aber Hans kriegte den Lohn für seinen Ungehorsam, er bekam die Schwindsucht und starb daran, die Feder in der Hand, mitten in einem Nachtmahlbüchlein und mitten im Worte zu schreiben aufhörend. In Hansens Sterbestunde war mein Vater bei Margritli, er hatte ihr das letzte Brieflein gebracht, sie wusste, dass es das letzte war, und durfte doch nicht zu Hans, durfte nicht selber ihm die lieben, treuen Augen zudrücken. Ihr verzweifeltes Gebaren machte auf meinen Vater einen unauslöschlichen Eindruck. Sie presste ihn auf ihren Schoß, drückte sein Köpflein an ihren Busen, wickelte die langen braunen Zöpfe ihres Hauptes um die Hand und raufte, als wollte sie diesen Schmuck für immer herunter reißen. Als der Junge darauf seiner Mutter erzählte, wie Margritli getan, da sagte sie: «Die hat wohl Ursache dazu! Der Hans ist ihr jetzt entkommen und einen andern wird sie wohl nicht wieder bekommen.» Der Grund, warum die Hexen nach Männern höchst begierig waren, war nach ihr der, dass sie nur dann dereinst selig sterben konnten, wenn sie im Ehestand Mutter geworden waren und wenn möglich ihren letzten Atemzug in des Mannes Mund aushauchen konnten.
Diese Hexenfamilie wohnte einundvierzig Jahre lang in besagtem Hause, wobei sie ein großes Stück Ackerfeld benutzte und jährlich achtzig Mannslasten aus den Waldungen bezog, alles für den Jahreszins von dreizehn Gulden. Mein Großvater hatte wohl auch nach und nach gefunden, diese Jahresrente sei etwas zu niedrig angesetzt, aber nie hatte er es gewagt, den zauberfähigen Mietsleuten gegenüber aufzuschlagen oder aufzukünden. Endlich war das Hexenelternpaar gestorben und es waren nur noch die drei älteren Töchter beisammen. Mit diesen glaubte es ein junger, starker Nachbar aufnehmen zu dürfen, nachdem ihm meines Vaters Bruder die Wohnung für ein Jahr zinsfrei zugesagt, falls er es wage, das Weibergeschmeiß hinauszutreiben. Der Nachbar säuberte richtig das Haus, aber die älteste Hexenjungfrau, welche er gewaltsam hinausstieß, sagte ihm lächelnd vor der Türe: «Kaspar, es kann dir im weiten Haus noch zu eng werden!» Und Tatsache ist, dass dieser Kaspar einige Jahre später an Engbrüstigkeit starb.
Noch vor diesen Vorgängen waren meine Großeltern gestorben und des Vaters sämtliche noch lebende Schwestern in den Ehestand getreten. Die Brüder schritten zur Teilung der Liegenschaften. Die Grundstücke lagen zerstreut nach vielen Seiten; statt nun aber dieselben als ganze Stücke dem einen oder andern zuzuweisen, wurde jedes, auch das kleinste Stück in zwei Teile geteilt. Dabei ging man folgendermaßen zu Werke: In das zu teilende Stück wurden durch einen herbeigezogenen Vertrauensmann Merkzeichen gesteckt, der eine Teil mit Eins, der andere mit Zwei bezeichnet. Dann nahm jeder der Brüder zwei Steinchen in die Hände und wies auf die Frage des Vertrauensmannes, welchen Teil er vorziehe, ein oder zwei Steinchen vor. Fiel die Wahl beider auf den gleichen Teil, so mussten die Zeichen («Ziele») so lange verändert werden, bis die Wahl entschieden hatte. Das nannte man «runen». Nun hatte sich mein Vater von Anfang geäußert, er wünsche für seinen Teil das Stammhaus, weil er nicht in das von den Hexen bewohnt gewesene einziehen möchte. Das merkte sich der ältere Bruder und wusste es so zu richten, dass je die schönere Hälfte der Grundstücke der verhassten Wohnung zugeteilt wurde, vor welcher er selber geringeres Grauen empfand. Als nun die Teilung in dieser Weise bereits sehr günstig arrangiert war, verlor der Vater plötzlich die Vorliebe für das Stammhaus und wählte die verrufene Hexenwohnung samt den dazu gehörenden Grundstücken. Solcherweise hatte sich der ältere Bruder, der den Jüngeren übervorteilen gewollt, selbst betrogen und blieb darob zeitlebens verstimmt.
In seinem vierundzwanzigsten Jahre heiratete mein Vater ein Mädchen aus dem Schulkreise Nideltobel. Dieser Ehe entsprossen innerhalb zehn Jahren fünf Kinder, von welchen ich das mittlere war. Das jüngste starb bald nach der Geburt, das älteste, ein Mädchen, Betheli, starb in seinem dreizehnten Jahre an Blutarmut. Einen Tag vor seinem Tode flocht es meine ersten langgewachsenen Haare in Zöpfe, welche alsdann von der Mutter abgeschnitten und zum Andenken an die Verstorbene aufbewahrt wurden, sodass sie noch heute in meinem Schreibtische liegen. Meine beiden andern Geschwister waren Brüder, von welchen der ältere Kaspar, der jüngere Jakob genannt wurde.
Der um vier Jahre ältere Kaspar besuchte die tägliche Schule, wovon ich oft hörte, äußerst begierig, zu erfahren, was die Schule für ein Ding sei. Ich durfte denn auch einmal nach langem Bitten mit Kaspar hingehen. Das Schulhaus stand drüben in Frühblumen und der Weg dahin führte über die Tosa, deren Ufer nur durch zwei auf einer Seite flach behauene Tannenbäume verbunden waren, deren dünne Enden in der Mitte des Flussbettes zusammenreichten und dort lose auf einem erhöhten Steine lagen, während durch die Wurzelenden je ein Pfahl in den Wuhrboden getrieben war. Wenn dann die Tosa stark anschwoll, so wurden die beiden Bäume vom Steine weggespült und blieben längs den Wuhrseiten hängen, bis das Wasser sich soweit gesetzt hatte, dass sie wieder auf den Stein gehoben werden konnten. Über diesen Steg führte der Weg in die Schule. Dieselbe fand ich schon beim ersten Besuche so sehr nach meinem Geschmacke, dass ich, als Kaspar folgenden Tages meine Begleitung verbat, so lange bei der Mutter anhielt, bis sie mir erlaubte allein hinzugehen, mir die gestrichelte Zipfelkappe aufsetzte und auch auf dringendes Verlangen einen «Lobwasser» herunterreichte, damit ich, ein Buch unterm Arme, einem Schüler ähnlich sehe. So zog ich meines Weges und gelangte auf den Steg, gaffte in das fließende Wasser, meinte, der Steg fließe mit, trat ihm nach und patsch spritzte es auf, ich schwamm in tiefster Strömung. Ein unfern dem andern Ufer stehender Schlossergeselle bemerkte mein Unglück und holte mich schon Bewusstlosen heraus. «Lobwasser» und Zipfelkappe waren dahin, keineswegs aber die Lust am Schulbesuch, so dass ich noch dreimal, bevor derselbe für mich obligatorisch wurde, bei gleicher Veranlassung in die Tosa stürzte.
In diese Zeit fällt das Sterben eines meiner Altersgenossen, das mir seiner besondern Umstände wegen unvergesslich geblieben ist. Er war das einzige Kind eines jenseits der Tosa wohnenden bemittelten Bauers. Diesem Hause durfte ich eines Sonntagnachmittags in Begleitung meiner Eltern einen Besuch machen. Dasselbe befand sich etwas außerhalb der dorfähnlichen Häusergruppe Frühblumens auf freiem Wiesenplan und die Bewohner derselben pflegten von jeher mit der Nachbarschaft wenig Gemeinschaft zu haben. An diese Eigenschaft wurde auch der jüngste Sprosse von frühe an gewöhnt trotz dessen ausgesprochenem Widerwillen, da er bedeutsame Anlagen für Geselligkeit verriet. Körperlich weit entwickelter als ich, war er doch von äußerst zarter Gesundheit, musste vor Kälte und Nässe wohl bewahrt bleiben und bei großer seelischer Reizbarkeit ebenso vor gemütlichen Anfechtungen. Schon deshalb ließ man ihn nie ohne Aufsicht bei andern Kindern und suchte ihm das Leben innerhalb der vier Pfähle des väterlichen Hauses vor allem beliebt zu machen. So kam denn gerade diesem Jüngsten seines Stammes unser Besuch sehr erwünscht. Nach einigen spürsamen Umgängen ward von uns Kameradschaft geschlossen und wir tummelten uns auf Weg und Wasen nach Herzenslust. Der Knabe trug den damals in Grünau noch seltenen Namen Jean, aus welchem «Schangli» gemacht wurde. Wie sehr beneidete ich den Besitzer darum! Wie läppisch und abgebraucht hörte sich dagegen Hans mit dem Diminutiv «li»; ich konnt’ es nicht satt werden, Schangli zu rufen, so sehr es mich verdroß, jedes Mal «Hansli» widerhallen zu hören. Schangli zeigte mir alle Herrlichkeiten in Haus und Stall und ringsherum, und zu allem, worüber ich mein Wohlgefallen äußerte, sagte er: «Das ist mein, der Vater, oder die Mutter hat’s gesagt.» Er führte mich hinaus unter die Bäume, wo rotwangige Joggenbergeräpfel und honigsüße Schafmattbirnen im Grase lagen; er führte mich aber ganz besonders zum langen ungestutzten Haselhag, wo ganze Höcke bräunlich gereifter Nüsse zum Pflücken einluden. Welche Lust, wenn die Nüsse schon beim Berühren aus der grünen Hülse fielen! Welch Behagen, in die Tasche zu langen, wo der Vorrat gar merklich wuchs! Wir pflückten, bis das Abendrot erlosch, bis in die Nacht hinein. Endlich mussten wir aufhören, da der Sterne Schein zu geringen Ersatz bot für das verschwundene Tageslicht. Wir krabbelten von den Stauden hinunter, setzten uns aber trotz den tiefen Schatten der Nacht noch zum Zählen der Nüsse ins Gras. Allein es ging nicht und wir sahen immer aufwärts, ob denn niemand die Lichter des Himmels ein wenig heller machen wolle. Auf einmal entdeckten wir beide zugleich einen seltsam hellen Stern, der die andern Sterne mächtig überglänzte. Eine Weile sahen wir entzückt hin, dann sagte Schangli:
«Sieh, Hansli, dort ist mein Stern!»
«Er ist aber auch mein Stern», erwiderte ich, ärgerlich und eifersüchtig, dass mein Kamerad sich sogar die Sterne am Himmel zueignen wollte.
«Nein, nein, er ist allein mein Stern, die Mutter hat’s gesagt!» antwortete Schangli in zornigem Eifer. Seine anmaßliche Beharrlichkeit machte auch mich wärmer und ich erneute meine Ansprüche in kecken Ausdrücken.
Schangli wurde immer hitziger und böser, er drohte mir, es seiner Mutter zu vermelden, falls ich ihm das alleinige Eigentumsrecht auf den Stern fürder streitig machen wolle. Das verursachte mir geringe Furcht; konnte ich ja erwidern, dass auch ich eine Mutter habe, der ich die Anmaßung Schanglis klagen durfte. So war von Nachgeben beiderseits keine Rede und nicht lange ging’s, so lagen wir einander in den Haaren. Schangli zog trotz seiner längern Postur das Kürzere, ich drückte ihn mit einer Erbitterung zu Boden, die ihm das Leben hätte kosten können. Er schrie aber noch rechtzeitig und bat mich inständig, ihn frei zu lassen. Ich forderte dagegen Zurücknahme seiner übertriebenen Ansprüche, welcher Forderung er zögernd und unter heißen Tränen nachkam. Allein kaum hatte ich ihn losgelassen, als er seine Ansprüche erneuerte, doch jetzt nicht fordernd, sondern bittend.
«Hör’, Hansli, der Stern ist wahrlich mein, frag’ nur meine Mutter.»
Ich schüttelte den Kopf: «Deine Mutter weiß es nicht.»
«Doch, sie weiß alles; hör’ Hansli, laß’ mir doch den Stern, ich brauche ihn, ich kann ihn nicht weggeben. Gelt, Hansli, Du lässest mir ihn?»
Die Bitte Schanglis war so rührend, dass ich trotz der hohen Schätzung meines Anteils an dem prächtigen Stern die Verzichtleistung auf denselben aussprach. Schangli merkte, wie nahe es mir ging, und trat mir zu etwelcher Entschädigung seinen ganzen Vorrat von Nüssen ab, der freilich während des Ringens im Grase größtenteils verstreut worden war.
Als wir zurückkamen, hatten die Mütter uns schon eine Weile mit Schmerzen gesucht. Schanglis Mutter insbesondere jammerte, dass ihr Büblein so lange draußen im Nachttau geblieben, was ihn ja krank machen könnte.
Mehrere Tage später, während welchen es viel geregnet hatte, nahm mich die Mutter abends nach ihrer Gewohnheit in den Stall, damit ich, während sie die Kühe molk, meine Gebetlein hersage. Ich saß dabei auf der Schwelle der Stalltüre, das Gesicht ins Freie gewendet. Die Sterne schimmerten wieder hell und ich suchte unwillkürlich Schanglis Stern. Ich glaubte, ihn gefunden zu haben, als plötzlich eine Schuppe von der fixierten Stelle fiel, worauf mir seltsamerweise auch der Stern entschwunden war. Das überraschte mich so sehr, dass ich mich selber im Gebete unterbrach, mit dem Ausrufe: «Nein, o Mutter, Schanglis Stern ist herunter gefallen!» Die Mutter lächelte und ermahnte mich, beim Beten ruhig zu sein, ich dürfe nicht an etwas anderes denken. Ich aber brachte es nicht aus dem Sinn und behelligte sie noch mit mannigfachen Fragen und Anreden. Schanglis Stern erglänzte von neuem in den Träumen der Nacht, aber auch der Fall wiederholte sich. Am Morgen kam die Mutter an mein Bettlein und weckte mich mit der Trauerkunde: «Hansli denk’, der Schangli ist gestorben! Gestern Abend ist er verschieden. Bet’ für den Schangli, dass er ein Engelein werde.» Ich betete inbrünstig für den verstorbenen Freund. Am nächsten Abend sah ich durch Tränen wieder nach dem Firmamente und, o Wonne, ich sah den Stern schöner und heller glänzen, als je. Und unaussprechlich freute ich mich für den Schangli, von dem die Mutter tröstend sagte, dass er jetzt auf seinem Stern daheim sei.
Mein Sehnen, die Schule täglich besuchen zu dürfen, wurde erst im siebenten Jahre erfüllt. Vorher aber lernte ich unter mütterlicher Anleitung so fertig lesen, dass der Schulmeister mir das sogenannte Namenbüchlein, welches ich vorschriftgemäß mitbringen musste, lachend wegnahm und mir dagegen ein Lesebüchlein anwies. Ich wurde von meinen Mitschülern, die unter Schweiß und Tränen von einem Ziel zum andern rückten, als ein Wunder angestaunt und beneidet, und meine Beihülfe, die ich oft aus Langeweile, oft aus Mitleid anbot, wurde niemals verschmäht.
Das Schulhaus war ein loses Brettergebäude, durch dessen Wandfugen der Wind jeweilen scharf pfiff. Im Hausgange stand man wie in unserer Küche, auf Gottes bloßer Erde. Die Schultische bestanden aus rohgezimmerten Brettern, in welche für die Füße auf die allereinfachste Weise Löcher gebohrt waren. Die Schüler saßen ohne Klassenordnung, meist Geschwister bei Geschwister oder Nachbarskind bei Nachbarskind. Der Schulmeister war ein munterer Greis, der als Jüngling das Schneiderhandwerk erlernt, sich aber in der Folge nicht als Freund von Nadel und Bügeleisen bewährt hatte, dagegen seiner netten Handschrift und guten Singstimme wegen zum Schulmeisteramte befördert worden war, falls es nämlich eine Beförderung genannt werden konnte, mit sechzig Gulden jährlichen Einkommens Schulmeister geworden zu sein. Die Schneiderei betrieb er jedoch später nebst der Schulmeisterei wieder, weil er eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte. So pflegte er auch während der Unterrichtsstunden stets eine Näharbeit bei der Hand zu haben, sintemal das Schulzimmer zugleich als Wohn- und Arbeitszimmer für seine Familie diente. Die Schulmeisterin, so weit es ihr die häuslichen Geschäfte gestatteten, spann Seide, ja, ich höre noch jetzt den wehmütigen summenden Ton ihrer Spindel, der die halben Tage hindurch ertönte. Im Keller, unmittelbar unter dem einfachen bretternen Fußboden, war der jüngste von des Schulmeisters Söhnen, doch immerhin schon ein Dreißiger, mit Weben beschäftigt, dessen Ladschläge die allgemeine Rührigkeit vermehren halfen. Felix, so hieß der Sohn, kam manchmal zur Erholung in die Schulstube herauf, die Schirmkappe im Genick und ein erdenes Tabakpfeifchen im Munde, eine recht possierliche Figur, besonders weil der Felix uns allemal freundlich anzulächeln pflegte, was namentlich mich oft hellauf lachen machte.
Ich war von Stund’ an des Schulmeisters Liebling, dem er sein bestes Wissen zuwendete, was freilich sehr wenig sagen will. Ich erinnere mich an nichts, das ich ausschließlich durch ihn gelernt, als die Elementarbegriffe der Schreibkunst. Als ich bereits ganze Worte formieren konnte, fing ich an, meine Schrift mit derjenigen Kaspars zu vergleichen und fand an dem arabeskenartigen Geringel und Geschlingel derselben so großes Wohlgefallen, dass ich sie mir ohne weiteres zum Vorbild nahm. Der Schulmeister bemerkte den fremden Einfluss und sagte unter starkem Kopfschütteln: «Hör’, Hansli, das Geringel und Geschlingel taugt nichts, je gräder und einfacher, desto besser; lass Dirs gesagt sein.» Ich ließ mirs wirklich gesagt sein und fand diese Regel im Laufe der Jahre auch noch auf anderes, als auf die Schreibekunst, anwendbar.
Die Frau Schulmeisterin war meine Mutter Gotte. Sie litt an starkem Gliederzittern, wobei besonders das Haupt mitgenommen wurde und deshalb stets in negativer Bewegung begriffen war. Eines Tages schickte ihr meine Mutter durch mich ein Körbchen schöner Baumfrüchte als kleine Herbstgabe. Als dann die Schulmeisterin unsere Bescherung unter heftigem Kopfschütteln ansah, wähnte ich, sie wolle die Gabe aus übelzeitiger Bescheidenheit ablehnen, und protestierte mit einigen Worten gegen die Zurücknahme, bis mich die Alte lachend unterbrach: «Torenbub, wer sagt denn nein!»
Da ich mit dem siebenten Jahre das Lesen völlig, das Verstehen ziemlich los hatte, so fiel ich von unersättlicher Leselust getrieben über alles Gedruckte her, das mir zugänglich war. Indessen war im elterlichen Hause nichts vorhanden als ein Wandkalender und einige Andachtsbücher, aber all dieses las ich bis auf wenige mir durchaus unverständliche Blätter und hatte daher einen solchen Vorrat von geistlichen Sprüchen im Gedächtnis, dass die Mutter über meine frühe Frömmigkeit Freudentränen vergoss und ich bei Verwandten und Bekannten hoch angeschrieben stand.
Mittlerweile hatte das Weben im Keller unter der Schulstube aufgehört und Felix kam längere Zeit nicht mehr zum Vorschein. Es geschahen überhaupt Dinge, welche auf das Zukünftige gespannt machten. Wir bekamen nämlich Schulbänke, wie sie andern Ortes längst schon eingeführt waren, und jedes Kind musste sich eine Schiefertafel anschaffen. Bisher waren alle Schreibübungen auf Papier ausgeführt worden, wozu freilich wöchentlich bloß eine Stunde verwendet und darauf gehalten wurde, dass ein Bogen je für einen Monat ausreichte. Nun sollten die Schreibstunden vermehrt werden, und zu diesem Zwecke schien es aus ökonomischen Gründen nötig, sich der Schiefertafel zu bedienen. Dem alten Schulmeister kamen diese Neuerungen sehr ungelegen und er brachte seine alte Lehrmethode auf den neuen Bänken trutzig noch einige Zeit in Anwendung. Der Judäsche Katechismus mit einem Anhang von Lesestücken, betitelt: «Lehrmeister» und eine Sammlung von Gebeten, Gellertschen Liedern und Psalmen waren ziemlich die einzigen Lehrmittel für vorgerücktere Schüler, beide zu wörtlichem Auswendiglernen bestimmt. Der Katechismus, der kleine wie der große, wurden in stetem Kreislauf durchgenommen, obgleich der erstere, wie vorangedruckt stand, nur für die «Allereinfältigsten», die den großen nicht zu fassen vermöchten, bestimmt war. Dadurch wurde mir der Religionsunterricht früh genug vergällt und ich harrte sehnlich den kommenden Veränderungen entgegen.
Etwa ein halbes Jahr nach dem Verschwinden des Felix erschien derselbe plötzlich wieder und zwar nun als unser Schulmeister. Er hatte einen Kursus in dem neugegründeten Lehrerseminar durchgemacht und führte jetzt an der Hand neuer Lehrmittel auch eine ganz neue Lehrmethode und Schulordnung ein. Wir wurden klassenweise gesetzt, nach einem eigens ausgearbeiteten Lehrplane unterrichtet und durften den Schulmeister nicht mehr «duzen», sondern wurden angewiesen, denselben mit «Ihr» anzureden.
Ich war seines Vaters Günstling gewesen, ich war auch der seinige und verdankte diese Auszeichnung wohl zumeist meinem unermüdlichen Lerneifer. Ich wurde zu oberst gesetzt und behauptete meinen Platz mit unbestrittenen Ehren. In allen Fächern blieb ich meinen Klassengenossen voraus und fand nur im Rechnen einen zwei Jahre ältern Rivalen, der mir’s zuvor tat. Meine Hauptstärke bestand in der Satzbildung, welche Felix nach einer kleinen trefflichen Sprachlehre energisch betrieb, so wenig er selber im Stande war, einen ordentlichen Satz zu produzieren. Er drang sehr darauf, dass jedes Kind in den Besitz der neuen Lehrmittel gelange, aber bei mir war’s umsonst, weil der Vater die Anschaffung neuer Bücher für überflüssig erklärte, so lange die alten nicht aufgebraucht seien. Als ich ihm nach meinem schwachen Vermögen die Nützlichkeit und Notwendigkeit der neuen Büchlein nachzuweisen suchte, widersetzte er sich der Anschaffung erst recht hartnäckig und meinte ironisch, ich werde ohnehin gescheit genug.
War ich ein leidenschaftlicher Bücherleser, so war ich auch selbstverständlich der mündlichen Erzählung bestens gewogen. Wir hatten einen langjährigen Hausfreund, Peters Jakob genannt, der als Knabe in der Stadt gedient, als Mann sich dem Botenberuf gewidmet hatte und deshalb allwöchentlich weit ins Land zog. Dieser Peters Jakob hatte ein außerordentlich treues Gedächtnis und so pflegte er jedes Mal alle seine kleinen Erlebnisse tagebuchartig zu erzählen, was manchmal vom frühen Abend bis nach Mitternacht währte. Er hatte die Schlacht bei Zürich gesehen und war bei mancher Hinrichtung zugegen gewesen, er hatte geliebt und gelitten, war alt geworden und hatte unterdessen eine Menge Familienkreise entstehen und vergehen gesehen. Und über alles wusste er so anziehend zu berichten, dass er mir nächst den Eltern der liebste Mensch auf Erden war. Eine Episode aus dessen Erzählungen ist mir noch heute gegenwärtig, die wohl verdient, aufgezeichnet zu werden.
Er übernachtete einst auf einem seiner Botengänge in der Landschaft Toggenburg in einem Bauernhause. Die Herbergsleute bestanden aus einem Ehepaar mittlern Alters, vier Kindern und einem verschrumpften Großmütterchen, Gertrud. Der Gewährsmann wurde auf einer mit Kissen belegten Bank in der Stube gebettet. Um Mitternacht erwachte er aus tiefem Schlafe bei dem Rufe: «Gertrud! Gertrud! steh’ auf! Bitte, steh’ ein wenig auf!» Er richtete sich auf und guckte durchs Fenster; da stand im letzten Viertelschein des Mondes ein alter Mann vor dem Hause, der nach dem Gadenfenster sah und dorthin sein Rufen richtete. Endlich ging das Gadenfenster auf und Gertrud antwortete mit zitternder Stimme: «Wer ruft mir?» – «Ich, wirst mich wohl kennen», antwortete der Alte, «lass mich doch ein wenig hinein.» – «Jesus Maria!» erwiderte Gertrud und fiel schier in Ohnmacht, «bist Du es, Sep-Anton? Was fällt Dir jetzt noch ein? Denk’, wie alt wir sind. Die Zeit ist wäger vorbei, Sep-Anton!» – «Alt – vorbei –», wiederholte der Alte für sich, er konnte es nicht verstehen. «Gertrud», sagte er, «was ist denn das? Ich bin achtundzwanzig, Du fünfundzwanzig Jahre alt – was ist denn das?» – «O, lieber Sep-Anton, Du weißt also nicht, dass Du fast fünfzig Jahre lang verwirrt gewesen bist? Sieh’, nächste Mariä Verkündung sind es gerade fünfzig Jahre, seit Du mit dem Franz-Xaver meinetwegen Händel gekriegt hast und er Dir einen Streich auf den Kopf gegeben hat, wovon Dir die Sinnen verwirrt worden sind. Ich bin Dir noch Jahre lang treu geblieben, aber weil es mit Dir nicht bessern wollte, so heiratete ich den Meinrad, der nun auch schon lange tot ist. Ach Sep-Anton, was hab’ ich um Dich gebriegget, aber jetzt ist’s zu spät und ich folge meinem Meinrad, will’s Gott, bald nach. Mich friert, ich muss ins Bett. Gut Nacht, Sep-Anton.» – Und der Sep-Anton schluchzte leise: «Gut’ Nacht, Gertrud, ich komme nicht mehr.» – Am Morgen erzählte Gertrud das seltsame Begebnis unter Vergießung vieler Tränen, und als sie noch im Erzählen begriffen war, kam die Nachricht, der verwirrte Sep-Anton im Steinhaus sei heute grad vor Tagesanbruch gestorben.
Peters Jakob besuchte in ganz Frühblumen einzig unser Haus. Mein Vater war der Pate seines jüngsten Kindes und es bestand im weitern eine gewisse sympathetische Wechselwirkung zwischen den beiden Freunden, dass sie ihre gegenseitige Nähe spürten, auch wenn sie sich weder sahen noch hörten. Die Grundstücke beider stießen an die Tosa und lagen sich gerade gegenüber und jeder unterhielt sein Wuhr so sorgfältig, dass es dicht wie eine grüne Mauer dastand und kaum eine Lücke blieb, durch welche man an oder durch das jenseitige Wuhr sehen konnte. Wenn nun der Vater und der Peters Jakob jeder hinter seinem mauerdichten Wuhr stand, so sträußten wohl beide die Ohren, schnüffelten, und dann rief der Vater etwa: «Guten Tag! Bist Du es, Jakob?» Und Peters Jakob erwiderte: «Je so, ist mir doch gewesen, Du seiest drüben; guten Tag, Heinrich!» Und dann keilte jeder sich durch sein Wuhr und gelangte ans Bett der Tosa. Jetzt versuchten sie allbereits ein ordentliches Gespräch zu beginnen, aber möglicherweise lärmte die Tosa zu sehr. Dann zogen sie die Schuhe aus, wickelten die Hosen erklecklich auf und so durchwatete jeder die Strömung die an seinem Wuhr vorbeifloß, und trafen sie in der Mitte des Flussbettes auf einer wasserleeren Stelle zusammen. Daselbst standen sie, je nach der Wichtigkeit ihrer Mitteilungen oder der Stärke ihres Konversationstriebes, oft sehr lange barfuß auf dem kugeligen Gestein, sachte von Weile zu Weile den einen oder andern Fuß lüpfend. Am Schlusse einer solchen Konferenz war es denn einmal gewesen, als sie eben von einander gingen, dass Peters Jakob sich nochmals umwendete und dem Vater zurief: «Ja hör’ Heinrich, ich hätte es schier vergessen, meine Frau hat mir eben gestern noch einmal so ein Kind geboren, wollst Du mir etwa am Sonntag dafür zu Gevatter stehen?» «Ei, freilich, warum das nicht?» antwortete der Vater, und jeder watete nun gleichmütig wieder zu seinen Schuhen zurück.
Wenn die Tosa hoch anschwoll, so floss sie schlammig, wie Lehm und das Anschwellen geschah oft urplötzlich. Wir Kinder erkoren das Tosabett, wenn es trocken war, gerne zu unserem Spielplatz, waren aber mehr als einmal in Gefahr zu ertrinken, wie Pharao samt seinen Scharen im Roten Meer. Solches war der Fall, wenn es im Frühling tief hinten im Gebirge, am Ursprung der Tosa, stark in den Schnee regnete, während weiter vornen im Tal heitere Witterung war. Dann brachte der Fluss Holzstücke von allen Größen und Formen, selbst ganze Bäume mit Wurzeln und Wipfeln und die Grundeigentümer standen dem Flusse entlang mit Stangen, an welchen eiserne Haken und Spieße befestigt waren, und suchten vermittelst derselben von dem Treibholz möglichst viel herauszufischen, wobei mein Vater und Peters Jakob nicht die untätigsten waren. Allein mein Vater war der Kräftigere und Geschicktere und fischte gerne gerade die Stücke heraus, welche Peters Jakob in übel angebrachtem Eifer bloß angestochen und dadurch auf die andere Seite getrieben hatte. Alsdann konnte letzterer wohl ein wenig mauserig werden und war im Stande, einen ganzen Abend darauf bei uns zu sitzen, ohne irgend etwas zu erzählen. Dagegen schlief er entweder oder reinigte, sönderte und büschelte Sauborsten, womit er einigen Handel trieb; der Vater aber drechselte Holzspindeln für Handspinner, oder schnitzte sonst etwas in Holz oder hantierte als Reparateur einer Schwarzwälderuhr. Geredet wurde aber der Mauserigkeit Peter Jakobs wegen kein Wort. Doch nächsten Tages schon witterten sie sich wieder hinter dem Wuhr und der Friede war hergestellt.
Eine andere Persönlichkeit, die zwar in Grünau vielleicht die verachtetste war, hatte für mich bei meiner Vorliebe für Außergewöhnliches eine beinahe so große Anziehungskraft, wie Peters Jakob. Dieselbe hieß Egli, wurde aber seiner kurzgebliebenen Statur wegen gewöhnlich Kleinegli genannt. Er war Baumwollweber und mochte damals gegen fünfzig Jahre zählen. Sein wirrer, unsteter Blick, ähnlich demjenigen eines stillen Wahnsinnigen, die in unordentlichen Locken ins Gesicht fallenden schwarzen Haare, der struppige Bart, den er monatlich einmal so gut beseitigte, als sich’s mit einer Weberschere tun ließ, seine originelle an keine Nationalität erinnernde knapp anliegende Kleidung, meist aus schwarzem Baumwollsamt bestehend, die er sich selber verfertigte und mit den sonderbarsten Garnituren verschnörkelte, über dem Knöchel seines linken Fußes ein starker eiserner Ring befestigt, an demselben eine ebensolche Kette und an derselben ein mit Eisen beschlagener Holzblock von der Größe eines Mannskopfes, hatten zusammen etwas so Abschreckendes, dass es unbegreiflich scheinen mag, wie ich mich zu diesem Auswurf der menschlichen Gesellschaft hingezogen fühlen konnte. Auch sein Aufenthaltsort in dem düstern Webkeller eines auf Schussweite von unserem Hause entfernten einsamen Hofes, wo durch das in einer Grube angebrachte Fensterlein kein Zoll breit Himmel sichtbar war und wohin nie ein Sonnenstrahl dringen konnte, war einem Tierkäfig ähnlicher, als der Wohnstätte eines menschlichen Wesens. Und dennoch saß ich manche, manche Stunde in dieser mit Moos, Schwämmen und giftigen Kräutern bewachsenen Grube, da dann Kleinegli sein blindes Fensterlein öffnete, aus wirrem Blick ein blitzflüchtiges Lächeln entsendete, seinen Kopf in die Öffnung zwängte und mir wunderseltsame Märchen zu erzählen anfing, oder eine Mandoline hervorzog und rührende, selige Weisen spielte. Nun dürfte es schon begreiflicher sein, warum ich zu Kleinegli in die Grube hinunterstieg.
Kleinegli war, wie er mir nach und nach stückweise erzählte, armer Eltern Kind, aus dem Schulkreise Großmoos. In eine Schule war er nie gekommen, dagegen mit zwölf Jahren in eine Nagelschmiede, um das Handwerk zu erlernen. Es ging ihm aber für diesen Beruf nicht nur jede Neigung ab, sondern er war auch zu schwächlich und kriegte schon nach wenigen Monaten Blutspeien. Vergeblich beklagte er sich darüber, weder die Eltern noch der Meister kehrten sich in anderer Weise daran, als dass sie ihn entweder ausschalten oder durchprügelten. Da nahm er in der Verzweiflung Reißaus und strich weit fort über Berg und Tal, gelangte in eine deutsche Stadt und hoffte, irgendeinen seinen Kräften gemäßen Dienst zu finden. Aber der Unerfahrene täuschte sich sehr, er wurde, da er keine Ausweisschriften besaß, von der Polizei aufgegriffen und über die Grenze geführt. Er sollte in seine Heimatsgemeinde transportiert werden, wusste jedoch zu entwischen und floh in die Wildnis, wo er zu einer Bande Heimatloser stieß und sich derselben anschloss. Jahrelang trieb er sich dann an der deutschen und französischen Grenze herum, wobei er als Hausierer, Kesselflicker und vorzugsweise als Musikant ein jämmerliches Leben führte. Für die Musik meinte er mehr als gewöhnliche Anlagen zu besitzen, da er innert vierzehn Tagen das Fagott, mit gleicher Leichtigkeit später mehrere andere Instrumente «mordsgut» spielen gelernt und eine große Geschicklichkeit im Reparieren schadhafter Instrumente besaß. Doch alle Kunst und Geschicklichkeit schützte ihn nicht immer vor der bittern Notwendigkeit, sich zur Fristung seines Lebens langer Finger zu bedienen. Über solchem Tun wurde er ergriffen und für ein paar Jahre an den Schatten gesetzt. In diesem Gewahrsam erlernte er die Weberei. Freigelassen und jetzt wirklich nach Grünau transportiert, wurde er daselbst so hündisch behandelt – wie er zähneknirschend sich ausdrückte – dass er schon am nächsten Tage wieder das Weite suchte. Bald gelangte er an die tirolische Grenze und stieß daselbst nicht bloß zu Heimatlosen, sondern zu einer echten Zigeunerhorde*. Diese nahm ihn aus Mitleid, aber misstrauisch auf. Er aber leistete mehr als sein Äußeres versprach und gelangte bald zu einem gewissen Ansehen bei diesen Leuten.
Ein Mädchen, dessen Name Lotose mir der lieblichen Schilderung wegen, die Kleinegli von ihr machte, unvergesslich geblieben, wurde seine Geliebte, sie lehrte ihn mehrere Saiteninstrumente, auch die Mandoline spielen und mit Lotose allein durchzog er manches Dorf, manche Stadt, auf Märkten, in Wirtschaften usw. spielend. Aber auch dieses herrliche Leben, dessen Schilderung ihn allemal in eine wehmütig entzückte Stimmung versetzte, endete schon nach drei Jahren und zwar mit der Trennung von Lotose und abermaligem Transport über die Grenze. Doch da er sich jetzt klüglich zu den Heimatlosen bekannte, so unterblieb der Schub nach Grünau noch für längere Zeit, bis eine Wiedererkennungsszene zwischen ihm und einem Landjäger stattfand. Da war’s mit seiner Freiheit für immer vorbei und er wurde in die Heimat transportiert und daselbst durch den sogenannten «Schlegel», den er, wie oben erzählt, an dem linken Fuße trug, an fernern Ausflügen verhindert. Seine Mandoline hatte er in den sonntäglichen Mußestunden selber verfertigt und sie war sein Trost im Webkeller, wohin die Armenpflege ihn unter Aufsicht eines ehrenfesten Bauern versorgt hatte. Auf der Mandoline spielte er die Weisen, die ihn Lotose gelehrt, dazu zu singen aber war ihm nicht erlaubt, weil der Bauer es für unschicklich hielt, dass ein Almosengenössiger singe. Auch das Musizieren war ihm nur an den Sonntagen gestattet und tat er mir’s an einem Werktag zu Gefallen, so war das ein Wagnis, das ihm sogar Prügel eintragen konnte. Weil ich aber das einzige Kind war, das sich nicht schämte oder scheute, an seinem Kellerfensterlein zu sitzen, so überwand er die Furcht und ließ mich nie unerhört von dannen gehen.
Weniger heimelig fühlte ich mich bei der Frau eines Barbierers, der jenseits des Hügels hinter unserem Hause nahe bei der Tosa wohnte. Diese Frau suchte uns Kinder oft mit Butterbrot, auch wohl bloß mit geräuchertem Speck zu sich in die Stube zu locken, nicht etwa um Böses mit uns zu treiben, sondern nur, um Jemand zu haben, der ihr ungeheuerliches Erzählungstalent oder ihren unvergleichlichen Gesang bewunderte. Sie befand sich fortwährend auf der Grenze zwischen gesundem Verstande und Verrücktheit und was sie tat und sagte, war auch größtenteils so beschaffen, dass man nicht wusste, ob Wahnwitz oder Schalkheit aus ihr spreche. Doch erzählte sie häufig so befremdliche Dinge, dass sogar wir Kinder ihr Überschnapptsein merkten. Indessen waren es glücklicherweise keine verderblichen Geschichten, sondern meistens solche, über die wir einfach staunten oder lachen konnten. Wenn sie aber mitten im Erzählen stockte, das Spulrad von sich stieß, die Hände unter beiden Knien zusammenknüpfte, uns stier anblickte und mit hohler Stimme sagte: «Jetzt hat’s mich – jetzt – Kinder, beim teuren Eid, jetzt muss ich sterben!» dann begehrten wir nicht Zeugen ihres Todes zu sein und eilten Hals über Kopf zum Hause hinaus. Die Frau hieß Kathry.
Eines schönen Mondscheinabends trieben wir Kinder uns noch im Tosabett herum an einer Stelle, wo ein gegen vierhundert Fuß hoher Fels das linke Ufer bildet. Derselbe trägt mehrere sogenannte Nasen, klippenartige Vorsprünge, meist mit Gebüsch oder Waldholz bewachsen, dessen bemooste Wurzeln in schwindelnder Höhe und Unzugänglichkeit in die freien Lüfte hinausragen. Die grotesken Figuren, welche das Geschlinge derselben bildete, erregten manchen kindischen Wunsch, einzelne Gebilde herunterholen zu können, aber wir waren überzeugt, dass solches nicht menschenmöglich sei. Jetzt fiel das Mondlicht gerade darauf und das Geschlinge warf gar sonderbare Schatten auf den gelbweißen Fels. Nun kam etwas sich Bewegendes zum Vorschein, wir dachten, es sei ein Wild, die Höhe war zu fern, um etwas deutlich unterscheiden zu können. Langsam war’s aus dem schmalen Gehölz hervorgekommen und bewegte sich, ein weißliches Gebild, im Zickzack über das Wurzelgeflecht herunter, wo es sich auf der äußersten Kante festsetzte. Nun erklang plötzlich in reinstem Wohllaut die Weise des Liedes: «Ach, es naht die bange Stunde …»
Staunen und Schrecken schoss uns gleichmäßig durch die Glieder – es war Kathrys Stimme, die in schwelgender Volltönigkeit der Klüfte Echo wachrief und dadurch das Geisterhafte der Erscheinung mächtig erhöhte. Wir hörten zu, bis sie einige Strophen gesungen, dann wurden wir einig, ihren Mann von der Begebenheit zu benachrichtigen. Derselbe war etwas dem Trunke ergeben und wir waren sicher, ihn in einer gewissen Schenke zu treffen. Richtig war er gerade noch so nüchtern, um für ein ordentliches Erschrecken disponiert zu sein. Rasch tat sich eine Zahl von Männern zusammen, an deren Spitze der Barbierer, mit Heuseilen wohl beladen, am Waldrande des Gubels hinaufkletterte. Kathry sang noch, ohne ihren Platz verändert zu haben. Der Barbierer gelangte hierauf vermittelst der Seile glücklich in ihre Nähe und brachte die teure Hälfte wohlbehalten auf sichern Boden. Dieser Einfall war ebensowohl abenteuerlicher als verrückter Natur, ja sie foppte uns nachher damit und höhnte uns, als die wir nicht den Mut hätten, es ihr gleichzutun.
Eines Tages, als Kathry uns eben eine schauerliche Geschichte von einem Geisterschloss erzählt hatte, verabredeten wir einen Besuch der «Susannenhöhle», welche in unferner Gebirgsschlucht von einem Felsgrat herabschaut. Der Bergvorsprung, welchem der Fels als Grundmauer dient, heißt Burgbühl und die Sage lässt ein schönes Burgfräulein darin gefangen sitzen, das durch Treubruch sich den ewigen Zorn des Burgherrn zugezogen. Da es unsern Vorfahren oft erschienen und namentlich mein Großvater als Knabe, beim Pflücken von Maiblümchen, so glücklich gewesen war, es zu sehen, so hegten wir den begreiflichen Wunsch, es möchte auch uns einmal erscheinen. Nun denke man sich unsern freudigen Schrecken, als wir diesmal wirklich nicht umsonst hinaufschauten, sondern das Fräulein droben stehen und uns einen Gruß zuwinken sahen. Wir standen steif wie eine Pfahlreihe im Bach, das Wasser strudelte an unsere nackten Beine und leichte Kiesel trieben, ein kitzliges Gefühl erregend, über die Füße, während die Nachmittagssonne durch einen Bergeinschnitt sengende Strahlen auf unsere unbedeckten Häupter abschoß. Das Fräulein trug ein dunkles Gewand, auch das Haupt war von oben bis auf die Augenbrauen mit einem schwarzen Zeuge bedeckt, das Gesicht schien blass, was nicht befremden konnte an einem Wesen, das ganze Menschenalter hindurch in einer Höhle zubrachte. Wir mochten etwa fünf Minuten sprachlos dagestanden haben, als die Erscheinung in die Höhle verschwand, woher nun aber im gleichen Augenblicke eine so schmelzend wehmütige Weise ertönte, dass uns vor Wonne und Seligkeit fast der Atem verging. Die Weise verlor sich bald in einzelne leise nachtönende Klänge und wir zogen glücklicher als Könige nach Hause, das Geschehene und Gehörte zu berichten. Aber bald nachher verriet Kathry unter vergnügtem Lachen, dass sie es über sich genommen, unsere Sehnsucht nach der Erscheinung des Burgfräuleins zu befriedigen.
* Der Text entspricht im Wortlaut seiner Erstausgabe von 1888. Rassistische Begriffe wurden für die Neuauflage nicht ersetzt. Sie gehören zur Realität des Romans.
Bei meinen Altersgenossen war ich schon von der Schule her sehr gut angeschrieben, besaß aber auch sonst so viel geselliges Talent, dass meine Gegenwart oder Abwesenheit bei Spielen keineswegs unbeachtet blieb. Eigentliche tägliche Kameradschaft hatte ich bis in mein zehntes Jahr nur mit einem Mädchen, Susanna, aus der nächsten Nachbarschaft, das acht Tage älter war als ich. Was hab’ ich nicht Susannas wegen gelitten! Das Mädchen war ein sehr hübsches Püppchen, alert im Umgange und eine Erzschmeichlerin, wenn sie es darauf absah, dass man ihr eine Gefälligkeit erweisen sollte. Hundert und hundert Male drückte sie meine Wangen mit ihren schmalen Händchen und sagte in einem Tone, dem ein Herz von Nagelfluh nicht hätte widerstehen können: «Du bist doch ein guter Hansli, lug, grad verschlucken möcht’ ich Dich! Du Lieber! Nun, gelt, Du tust mir den Gefallen?» Die Dienste, welche sie von mir verlangte, bestanden mehrenteils darin, dass ich ihr die Schulaufgaben lösen sollte, welche samt und sonders sie grässlich anwiderten. Ich hatte nie was dagegen, wenn sie bei mir blieb, bis die Sache getan war; wenn sie aber ihre Erholung unterdessen anderswo suchen zu dürfen glaubte und ich sie etwa in ihrem kurzen Röcklein mit dem zierlichen Windhaspel am besonnten Wiesenrand hinunterfliegen sah, während ich hinter den halbblinden, runden, in Blei gefassten Scheiben für sie schwitzen sollte, dann geriet ich leicht so in Ungeduld, dass ich mich der Aufgabe eiligst entledigte, um auch meinen Windhaspel in Bewegung zu setzen. Wenn sie dann mit der Lösung in die Schule kam, die Fehler der Eile zu Tage traten und des Schulmeisters Rüge etwa gar in körperliche Züchtigung umschlug, womit gegen Fehlende nicht sparsam verfahren wurde, dann hätte ich Blut weinen mögen, musst’ ich mich selbst ja als den Schuldigen anklagen. Doch gehörten Bestrafungen durch meine Schuld zu den seltenen, häufiger wurde Susanna wegen ihrer in der Schule selbst bewiesenen Flüchtigkeit bestraft, und ich darf sagen, dass ich jede Strafe peinlich mitempfand und jedes Mal klagte, sie nicht statt der Strafbaren allein erleiden zu können. In der Schule saß sie mir ihrer schlechten Note wegen zu fern, als dass ich ihr durch Ohrenbläserei hätte Beistand leisten können, nur beim Rechnen gelang es mir oft, durch eine einfache Fingersprache zu dienen. Da ich wohl wusste, dass es ihr an Naturgaben nicht fehlte, um das zu ermöglichen, was in unserer Schule durch unsern Felix gefordert wurde, so ermahnte ich sie oft zu größerem Fleiße. Dafür schalt sie mich einen «Langweiligen», und das ihr zu sein, war mir so schrecklich, dass mir darob viele der besten Ermahnungen im Schlunde stecken blieben. Ja, eines Tages erzählte sie mir als eine von der Großmutter gehörte Neuigkeit, dass durch Adams und Evas Sündenfall alles Böse in die Welt gekommen sei; sie ereiferte sich dann nachträglich nicht wenig über das «Lumpenpack», dem man es natürlich auch zu verdanken habe, dass eine Schule existiere!
In den Spielen mit andern Kindern hielten wir unverbrüchlich zusammen. Einmal geriet ich mit einigen arroganten Neulingen in Streit und schwur dann, vorläufig durchaus nicht weiter mitzuspielen. Susanna trat mir bei und wir kamen überein, in die Heidelbeeren zu gehen. Kaum aber hatten wir zu Hause unsere Körbchen geholt und waren einige Klafter weit weg, als der ganze Kreis sich löste und in Auflösung begriffen uns nachzog, selbst die Störenfriede nicht ausgenommen, nur mit dem Unterschiede, dass diese scheu und demütig auf bedeutende Distanz zuhinterst blieben. Der Weg an den Bestimmungsort war ziemlich lang und führte an schroffen Abgründen vorbei durch einen dunkeln Wald. Und schon auf halbem Wege sahen wir, wie grauschwarzes Gewölk sich in immer dichtern Massen bedrohlich zusammenballte, und hörten, wie schon vereinzelte schwere Tropfen fielen. Ein Gefühl des Erbangens beschlich mich, wie ich es vordem noch nie gekannt hatte, und Susanna schmiegte sich in gleicher Ängstlichkeit an mich. Lautlos bewegte sich die ganze Schar vorwärts, der Wind aber toste heftig durch das Geklüfte, und einzelne Waldpartien erhielten jene weißliche Färbung, wie sie die Kehrseite der Blätter zeigt. Indessen des Windes Tosen stärker, das Geräusch der fallenden Tropfen hörbarer wurde, sagte Susanna mit plötzlichem Einfall: «Hör, Hansli, die Mutter hat schon gesagt, das Zanken sei Sünd’ und erzürne Gott; denk nun, ob er nicht über uns böse sei, dass solches Wetter kommt?» Die Sache erschien mir wahrscheinlich genug. «Wir wollen beten», sagte ich. – «Meinst, das helfe?» erwiderte Susanna, schon halb missstimmt, weil es sie an die Schule gemahnte. «Allweg hilft das!» entgegnete ich, «wir wollen nur sofort anfangen, es müssen aber alle mitbeten. Hört!» rief ich, indem ich mich umwendete und ein wenig auf die Seite trat, «faltet die Hände, wir müssen beten oder das Wetter bringt uns um». Alle gehorchten aufs Wort. Ich trat wieder an die Spitze und betete ein langes Lied aus dem Gesangbuch laut vor. Wir waren in feierlichster Stimmung, ja selbst die Stimmen der übrigens recht harthölzernen Störefriede hoben sich gar vernehmlich heraus, und welchem ein tüchtiger kühler Tropfen auf dem Kopfe zerplatzte, dessen Stimme wurde einen Augenblick lauter, flehentlicher. Aber alle trugen sich mit der gewissen Zuversicht, dass es helfen werde. Wir waren jetzt mitten in den Wald und mit dem Liede zu Ende gekommen und hatten eine Strecke weit weder Wolken noch Himmel gesehen, nur des Sturmes Wehen hatte fort und fort um unsere Ohren gebraust. Wie freudiggroß war drum unsere Überraschung, als mit einem Male der tiefblaue Himmel durch die Bäume schimmerte und bald die mit Farrenkraut und Heidelbeerstauden bewachsenen Abhänge im vollsten Sonnenglanze vor uns lagen. Ja, da nahm Susanna meine Backen auch wieder zwischen die schmalen Hände und sagte so schmeichelnd, so schmeichelnd, wie nur sie es konnte: «Du bist doch ein guter Hansli!» Und da sie wusste, dass ich nicht der flinkeste Pflücker war, so half sie mir und warf je ihr drittes Händchen voll in mein Körbchen und doch war das ihrige noch vor dem meinigen gefüllt.
Um mein achtes Jahr erschien das erste von den Büchlein Zellbergers, welches in der Mundart geschriebene Szenen aus dem Volksleben enthielt. Man riss sich um den Kalender, der einige Proben daraus mitteilte, und wer es verstand, diese in dramatischer Form gehaltenen Schilderungen des unmittelbarsten, wirklichsten Lebens verständlich vorzutragen, der hatte an fröhlichen Zuhörern keinen Mangel. In Grünau wurden sie besonders gut aufgenommen, weil, wie man wähnte, in einem der Stücke eine Grünausche Persönlichkeit mitspielte, mithin auch der Dialekt rein der Grünausche war. Peters Jakob brachte die erste Nachricht von dieser Novität zu uns und schalt den Verfasser scherzweise einen «Leckersbub», der die Leute «mordsdings» auszuschänzeln wisse. Meines Vaters Neugierde hielt sich jedoch soweit in gemessenen Grenzen, dass er, zufällig bereits im Besitze eines neuen Kalenders, sich nicht so hoch verstieg, der lustigen Stücklein wegen noch für einen zweiten Kalender einen Batzen auszuwerfen, geschweige denn, das ganze Büchlein zu kaufen. Ich hielt daher bei Peters Jakob an, dass er es über sich nehmen wolle, mir das außerordentliche Vergnügen zu verschaffen, und er brachte mir wirklich das Büchlein irgend woher geliehen. Freudig, bevor ich zu lesen anfing, setzte ich Susanna davon in Kenntnis, und da ich ihr weis machen konnte, dass diese Leserei mit der obligatorischen in der Schule nicht die geringste Ähnlichkeit habe, so verstand sie sich dazu, meiner Vorlesung beizuwohnen. Wie sehr aber täuschte ich mich über den Erfolg! Ich hatte das Idiom noch nie geschrieben gesehen und verstand durchaus nicht, es zu lesen. Die Stube war von Leuten ganz gefüllt, welche alle auf das Wunder mehr oder weniger gespannt waren, und ich schämte mich auf den Grund der Seele, auch nicht eine einzige Zeile fertig lesen zu können. Was da gerutscht, gegähnt, geräuspert wurde, ist nicht auszusprechen, und endlich sagte der Vater, um die armen Seelen aus ihrer Pein zu erlösen: «Hansli, steck auf, selb ist jetzt das langweiligste Zeug, das ich schon gehört habe.» Jedermann stimmte bei, Susanna aber, die an meiner grünen Seite saß, war bei ihrem guten Gewissen sanft und selig eingeschlafen. Ich hatte sie noch nie schlafend gesehen, und sie erschien mir jetzt so fremdschön, dass ich über dem Genuss ihres Anblicks der erlittenen Beschämung völlig vergaß und es nicht im Geringsten übel nahm, als ein blasser Webergeselle mir das Büchlein aus den Händen nahm. Doch nun, was geschah? Während ich mich unverwandt an Susannas großen geschlossenen Wimpern und dem leicht geöffneten Rosenmunde weidete, begann der Webergeselle zu lesen und das hieß wohl mit neuen Zungen geredet, denn nun klang alles so real und natürlich, so fein der Wirklichkeit abgelauscht und dabei so komisch und spaßhaft, dass die ganze Gesellschaft zu «pfuttern» und zu lachen begann. Ich traute meinen Ohren nicht, der blasse Webergeselle erschien mir wie ein Geisterbeschwörer. Selbst Susanna erwachte und lachte mit. Nachher machte ich wiederholte Versuche, es dem Webergesellen gleichzutun, erreichte aber immer sehr unbefriedigende Resultate und verlor mittlerweile allen Geschmack an Zellberger.
Unendlich erhabener erschienen mir die Christoph Schmidschen Geschichten von Rittern, Räubern, biderben Förstern und ehrlichen Untertanen, aus denen auch Susanna sich willig erzählen ließ. Doch, da sie einmal zugegen gewesen, als unsere Väter die Wahrheit der Geschichte des «Heinrich von Eichenfels» in Frage stellten und im allgemeinen meinten, derartige Geschichten seien nur von Studenten ersonnen, die noch nichts besseres zu leisten im Stande wären, so ward mir Susanna mit ihren Zweifeln in der Folge sehr lästig und ich schluckte ihrem Gesichtchen zu lieb manchen bitteren Ärger still hinunter. Als sie jedoch dieselben Zweifel gegen meine liebste Geschichte, gegen «die Beatushöhle», aufwarf, da geriet ich so in Eifer, dass ich ihr mit strengem Wort es freistellte, entweder ihre Äußerung zurückzunehmen oder unsere Stube zu verlassen. Sie zog letzteres vor, wusste aber ihrem Lärvchen einen Ausdruck zu verleihen, der mir das Behagen an meiner Superiorität meisterlich versalzte.
Es dürfte nun bald scheinen, als hätt’ es mir an literarischen Ergötzungen ganz und gar nicht gefehlt und wäre mir allezeit ein Bibliotheklein auserlesener Sachen zur Verfügung gestanden. Dem war aber leider nicht so; ich besaß nur zwei kleine Büchlein eigen, alles übrige musste ich geliehen zu bekommen suchen und was ich dabei für Not hatte, das weiß nur ich und der liebe Gott. Die Leute waren sehr ungefällig gegen den kleinen Knirps und es kostete manchmal Tränen, bis man mir den Reutlinger Artikel für ein paar Tage überließ. Dasselbe war z.B. der Fall, als ich die Spur zur «Beatushöhle», welche ein Schneiderjunge besaß, gefunden hatte. Es war an einem Wintersonntagnachmittag, als ich den glücklichen Besitzer aufsuchte, der, als ich kam, eben selber in dem teuern Büchlein las. Ich brachte mein Anliegen vor, allein der flegeljährige Junge sah mich spöttisch an und meinte, was ich denn nur davon verstehen könnte, der ich noch nicht größer sei als ein Elggermannli (ein unter diesem Namen bekanntes Backwerk in menschlicher Gestalt)! Ich bat, es auf die Probe ankommen zu lassen, worauf der Junge einging; nachdem ich aber meine Sache befriedigend abgemacht, bemerkte er, er selbst sei noch nicht ganz mit dem Lesen zu Ende, falls ich indessen darauf warten möge, so habe er nichts dagegen, doch dürfe ich nicht in der Stube verweilen, weil er es liebe, beim Lesen allein zu sein.
Ich war völlig zufrieden, es nur so weit gebracht zu haben, und verließ die Stube, um in einem angebauten Holzschuppen zu warten, bis der Schneiderjunge durch verabredetes Klopfen mir das Zeichen zum Wiedereintritt gebe. Es war sehr kalt und ich trug ein sehr dünnes Gewändlein. O was fror mich’s zwei Stunden lang und das Klopfen wollte noch immer nicht erfolgen! Der Schuppen lag gegen eine steile Hügelseite, dem Sonnenlicht kaum im höchsten Sommer zugänglich; jetzt schimmerte der bläuliche, staubig gefrorene Schnee durch die weitoffenen Bretterfugen der Wand und auch auf den Querbalken derselben lag bei jeder Fuge ein Häufchen hereingewehten Schnees, und im Schuppen stand eine Anzahl Holzblöcke, an welchen der Schnee seit dem Transport noch klebte. Ich bekam den sogenannten Kuhlnagel an Fingern und Zehen dermaßen, dass ich vor Schmerz die Zähne aufeinanderbiss und eine grausame Kälte durch meinen Körper rieselte. Aber ich hielt aus, es hätte mich gewiss eher mein Leben gekostet, als dass ich auf die verheißene «Beatushöhle» verzichtet hätte. Es war Nacht und immer kälter geworden, als das Klopfen endlich erfolgte und ich steif wie ein gefrorenes Hemd zur Türe hereinstakelte. Da wollte der Junge erst noch Umstände machen und es bedenklich finden, mir das köstliche Büchlein anzuvertrauen, von dem vielleicht in der ganzen Schweiz kein zweites Exemplar zu finden wäre. Doch überwog schließlich sein Menschlichkeitsgefühl und ich erhielt das Büchlein. Selig wackelte ich nach Hause in die warme Stube und bat die Mutter, ein Licht anzuzünden und den Tisch herunterzulassen, der mit Zapfen in Leisten an die Wand befestigt war und nach dem Essen allemal aufwärts an die Wand gelegt und mittelst eines Riegels festgemacht wurde. Die Mutter, selbst begierig, das berühmte Büchlein zu sehen, entsprach meinem Verlangen sogleich, ich aber fühlte erst jetzt in der Wärme die volle Stärke des Kuhlnagels und las der Mutter heulend die erste Seite vor.
Es wolle indessen auch niemand wähnen, ich hätte meine freie Zeit, das heißt, die Stunden außer der Schule, lediglich auf Spiele und Liebhabereien irgendwelcher Art verwenden
