Hansetochter - Sabine Weiß - E-Book

Hansetochter E-Book

Sabine Weiß

4,4
8,99 €

Beschreibung

EINE JUNGE FRAU ZWISCHEN TRADITION UND DER SEHNSUCHT FREIHEIT Lübeck 1375. Für Henrike bricht eine Welt zusammen, als ihr Vater, ein angesehener Hansekaufmann, völlig überraschend stirbt. Plötzlich steht die junge Frau ganz alleine da - und zu allem Unglück übernimmt der verhasste Onkel ihre Vormundschaft. Als dieser auch noch sämtliche Geschäfte des Vaters an sich reißt, keimt in Henrike ein schrecklicher Verdacht: Wurde ihr Vater etwa das Opfer einer grausamen Intrige? Sie beschließt, die Wahrheit aufzudecken - doch kann sie niemandem mehr trauen. Nur Adrian, ein junger Kaufmann aus Brügge, schafft es, zu ihrem Herzen vorzudringen - "SPANNENDE HISTORISCHE UNTERHALTUNG ÜBER DIE BLÜTEZEIT DER HANSE - DAS IST GESCHICHTE ZUM ANFASSEN!" Charlotte Thomas

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Karte

Widmung

Personenverzeichnis

Prolog

1

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Epilog

Glossar

Anmerkung und Dank

Sabine Weiß

Hansetochter

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Dr. Kai Lückemeier, Gescher

Titelillustration: © Richard Jenkins Photography

Karte: Markus Weber, Guter Punkt GmbH & Co. KG, München

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-4579-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Helga und Reiner

Personenverzeichnis

LÜBECK

Henrike Vresdorp, Tochter des Hansekaufmanns Konrad Vresdorp und seiner verstorbenen ersten Frau Clara

Konrad Vresdorp, Henrikes Vater

Simon Vresdorp, Henrikes Bruder

Jost, Konrad Vresdorps Gehilfe

Margarete, Henrikes alte Amme, Magd und Köchin der Familie

Gesche, Magd der Familie

Hartwig Vresdorp, Konrad Vresdorps Bruder, Henrikes Onkel

Ilsebe, seine Frau

Nikolas und Telse, ihre Kinder

Rotger, Hartwig Vresdorps Gehilfe

Janne, Köchin der Familie

Adrian Vanderen, Kaufmann aus Brügge, Geschäftspartner von Henrikes Vater

Bosse Matys, Schiffer auf Adrians Kogge Cruceborch

Cord, Adrians Schiffskoch und Gehilfe

Liv, Adrians Bootsjunge und Gehilfe; Simons Freund

Bürgermeister und Ratsherren

Bruno Diercksen, Kaufmann und Ratsmann in Lübeck

Mechthild, seine Frau

Vicus und Drudeke, ihre Kinder

Gerhard Dartzow *

Hermann Dartzow *

Herman Lange *

Hermanus von Osenbrügghe *

Johan Perceval *

Jacob Plescow *

Jacob Plescow der Jüngere *

Jordan Plescow *

Symon Swerting *

Weitere Personen

Tale von Bardewich, Kauffrau in Lübeck

Hermann Warendorp *, Kaufmann und Lieger des Deutschen Ordens in Lübeck

Wobbecke, Bettlerin, mit Tochter Anneke

Mette, Dirne in Lübeck

Detmar *, Franziskaner, Lesemeister und Beichtvater des Katharinenklosters in Lübeck

Heymo Ratze, Kaufmann

Rixe, Krämerin

GUTSHOF BEI TRAVEMÜNDE

Asta, Schwester von Henrikes verstorbener Mutter aus Gotland, Gutsherrin

Sasse, ihr Knecht und Vertrauter

Hem, ihr Knecht und Schreiber

Katrine, junge Magd

Dietrich Grapengeter, neuer Verwalter des Gutshofs

BERGEN, NORWEGEN

Knud Smet, Kapitän des Schiffes nach Bergen

Arne, Schiffskoch

Claas, Lehrjunge und Simons Freund

Otte, Gesellenobmann in der Tyskebrygge

Ellin, Krämerin

Tymmo, Ellins Mann

Henk, ihr Sohn

Bernhard Steding *, Lübecker Kaufmann mit Familie in Bergen

Helmold * und Hanseken *, seine Vettern

Gudrid *, seine Mutter

Paul, Kaufmann aus der englischen Handelsstadt King’s Lynn

Prolog

Lübeck, Mai 1376

Henrike hatte es niemandem gesagt, nicht einmal den wenigen Menschen, denen sie noch zu trauen wagte. Was sie tun würde, konnte sie nur vor sich selbst verantworten, vor sich allein. Sie würde dorthin gehen, wo sie nicht sein durfte. Sie würde Menschen treffen, die sie nie getroffen hätte. Sie würde Dinge erfahren, die sie um keinen Preis wissen durfte, die sie in Lebensgefahr bringen würden – und das Verrückte war, dass sie genau darauf hoffte. Ihre Hände waren kalt vor Aufregung, und es dauerte länger als sonst, bis sie ihr Haar hochgebunden hatte. Wenn jemand von ihrem Vorhaben erfahren würde, wäre sie am Ende.

Aber war sie das nicht schon jetzt? Noch vor wenigen Monaten war sie die Tochter eines wohlhabenden und einflussreichen Patriziers gewesen, die Söhne der besten Familien der Hanse hatten um sie geworben. Jetzt war sie eine sechzehnjährige Waise, arm wie eine Maus in der Marienkirche und völlig allein. Selbst ihren kleinen Bruder hatte man ihr genommen. Ihr Hals wurde eng. Henrike musste schlucken, um die Tränen zu vertreiben. Simon! Sie sorgte sich schrecklich um ihn. Ob er wohl lebend zu ihr zurückkehren würde? Die Härten des Kaufmannslebens würde er überstehen, er war zäh, so wie sie, aber sie fürchtete, dass man ihm nach dem Leben trachtete. Nur wenig konnte sie tun, um ihre Lage zu verbessern. Aber das Wenige würde sie auf sich nehmen, ganz gleich, wie gefährlich es auch war.

Lange hatte sie an ihrem Plan gefeilt, hatte sich umgehört, Geld und Kleidung beiseitegelegt. Jetzt, wo es endlich so weit war, verließ sie beinahe ihr Mut. Henrike schwärzte ihre hellen Augenbrauen mit Kohle. Sie zog das Gürtelband enger, legte das feine Wams an und schob die Mütze ins Gesicht. Es musste jetzt sein. Sie atmete so tief ein, wie sie es mit ihrer eingeschnürten Brust vermochte. Wenn sie erkannt werden würde, wäre ihre Ehre verloren, und die war ihr letztes Gut. Auf Ehre und Glauben, das war das oberste Gesetz der Hanse. Wer sich dagegen versündigte, wurde verstoßen. Noch einmal tastete sie nach dem Beutel mit den Münzen – es war ihr gesamtes Geld.

Henrike schlüpfte aus ihrem Gemach. In der Gesindekammer nebenan war es still. Sie trat auf die Gasse hinaus, verharrte im Dunkel des Häusereingangs. Es war schon herrlich warm an diesen Tagen des Wonnemondes Mai gewesen, aber die Nächte waren noch kühl. Ein Blick nach allen Seiten. Kein Mensch war zu sehen, wo sonst geschäftiges Treiben herrschte. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Noch nie war sie um diese Zeit allein auf den Straßen gewesen. Die Häuser aus Backstein, die tagsüber im Sonnenschein einen warmen Rotton aussandten, stemmten sich nun grau in den Himmel, die Fenster und Türen aufgerissen wie nachtschwarze Mäuler. Henrike wollte an das andere Ende der Stadt, zugleich hatte sie aber den unbestimmten Wunsch, noch einmal ihr Elternhaus zu sehen. Kurzentschlossen lief sie in Richtung Hafen.

In ihrem vertrauten Heim in der Alfstraße brannte Licht. Saß der neue Besitzer etwa in dem kostbaren Armlehnenstuhl ihres Vaters? Henrike ballte die Fäuste. Am liebsten wäre sie hineingestürmt, hätte ihm klargemacht, dass er dort nichts zu suchen hatte. Stattdessen ging sie um so entschlossener voran. An der Untertrave kam schon die Baustelle am Holstentor in Sicht, da hörte sie Schritte und drängte sich schnell in den Schatten eines Hauses. War es der Nachtwächter? Hatte doch jemand bemerkt, dass sie das Haus verlassen hatte, und folgte ihr nun? Drei Gestalten bogen um die Ecke, ein Mann und zwei Frauen. Eine durchdringende Bierfahne umhüllte das Trio. Sie schwankten, aber nicht nur vor Trunkenheit, sondern auch, weil sie mit anderem beschäftigt waren, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der Mann fingerte in dem Ausschnitt der einen Frau, während die zweite sich um seinen Hals gehängt hatte und ihn mit Küssen zu bedecken versuchte. Sein Gesicht kam ihr bekannt vor. Bruder Johannes vom Orden der Predigerbrüder! Henrike konnte es nicht fassen. Wie oft hatte sie ihm schon gebeichtet, wie oft hatte er sie für vermeintliche Sünden gerügt – und was tat er? Vergnügte sich schamlos mit zwei »Schönen Angesichten«, wie die Huren in Lübeck genannt wurden. Was für eine Heuchelei! Sie hätte am liebsten ausgespuckt, doch sie musste sich auf ihr Vorhaben besinnen. Bebend wartete sie, bis die drei vorbeigezogen waren.

An der Obertrave roch es nach Fisch vom Heringsmarkt, der am Binnenhafen hinter der Stadtmauer abgehalten wurde. Ein warmer Lichtschein fiel aus den Fenstern der Buden zwischen Hafen und Stadtrand auf die Gasse. Flötenspiel, Gesang und Gelächter waren zu hören. An einer Bude lehnte eine Frau in einem tief ausgeschnittenen Kleid, halb über sie gebeugt stand ein Mann in der Tracht der Schiffer. Als die Dirne Henrike entdeckte, schlenderte sie auf sie zu.

»Gott gröte ju, gode Fründ«, sprach sie Henrike an.

Die junge Frau beschleunigte ihren Schritt, aber die Dirne trat ihr in den Weg. Sie ließ jetzt die breite Mundart sein, glaubte wohl, es mit einem Fremden zu tun zu haben.

»Willst wohl die Unschuld verlieren, Kleiner? Bist richtig hier. Brauchst nicht schüchtern zu sein!«, lachte sie und enthüllte schadhafte Zähne.

Die Dirne packte sie am Kragen und zog sie zu sich. Henrike kam den Brustwarzen, die aus dem Ausschnitt lugten, so nahe, dass sie sich unwillkürlich zurückbog.

»Gefällt dir nicht, was du siehst?«, fragte die Frau und ließ ihre andere Hand zwischen Henrikes Beine fahren, dorthin, wo die Falten der zu weiten Hose die Leere verbargen.

Henrikes Gesicht brannte vor Verlegenheit. Sie unterdrückte den Wunsch, davonzulaufen. Wie war sie nur auf diesen Einfall gekommen?

»Ich wollte in das andere Haus. Ich suche eine bestimmte Frau. Sie heißt«, Henrike stockte, »die schmucke Mette.«

Die Dirne musterte sie so eingehend, dass Henrike fürchtete, ihre Verkleidung könnte auffliegen.

»De smucke Mette suchst du? Wir anderen sind dir nicht gut genug, was? Dabei haben auch wir so einiges zu bieten!« Sie schürzte in einer schnellen Bewegung ihren Rock. Henrike schrak zurück, als sie das dunkle Dreieck ihrer Scham erblickte. Die Frau ließ heiser lachend ihren Rocksaum zurückfallen.

»Kaum der Mutterbrust entwöhnt, aber schon wählerisch? Hast du denn Geld genug für die schmucke Mette? Die lässt es sich nämlich nur von den reichsten Männern der Stadt besorgen. Und so siehst du nun nich grad aus.« Die Finger der Dirne wanderten weiter zu Henrikes Geldbeutel. »Ob das reicht für Mette? Aber vielleicht hat sie ja auch Freude an einem hübschen Knaben wie dir und macht einen Sonderpreis.« Sie strich über Henrikes honigblondes Haar – eine verräterische Strähne hatte sich gelöst – und ihre Lippen.

Hinter der Dirne tauchte nun wieder der Seemann auf und legte besitzergreifend seine Hände auf ihre Hüfte.

»God verdammich, dat is en Schietbüdl. Der kann nich betalen – aber ich!«, knurrte er. Sein finsterer Blick ließ Henrike zusammenzucken. Streit mit einem Seemann, das brauchte sie nicht auch noch. Schnell machte sie sich los. Die Frau schmiegte sich an ihn.

»Leve Mann, dat is wol recht. Aber ein paar Pfennige für meine Bringdienste können nicht schaden. Wir bringen ihn zu Mette. Und dann suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen«, versprach sie.

Schnell hatten sie ihr Ziel erreicht, ein großes Fachwerkhaus in der Hartengrube, dessen frisch geweißter Putz in der Dunkelheit leuchtete. Einige Male war Henrike an diesem Gasthof schon vorbeigegangen, ohne zu ahnen, was sich in seinem unscheinbaren Anbau befand. Aber man konnte eben nicht hinter die Fassaden schauen – ebenso wenig, wie man Menschen in die Seele zu blicken vermochte, wie Henrike leidvoll hatte lernen müssen. Sie fühlte sich, als ob Hummeln in ihrem Bauch summten. Jetzt galt es! Noch konnte sie umkehren, konnte das Geheimnis ungelöst lassen. Aber dann würde sie die Wahrheit nie erfahren, der Gerechtigkeit nie zum Sieg verhelfen. Sie gingen zu einer unscheinbaren Tür neben dem Gasthaus. Auf ihr Klopfen hin öffnete ein Mann. Er wollte die Dirne vertreiben, doch diese brachte hastig ihr Anliegen hervor.

»Gehörst wohl auch zu den Patrizierbürschchen, die es hier mal ihren Vätern gleichtun wollen?«, sagte er grinsend und enthüllte dabei mehrere Goldzähne.

Henrike blickte an ihm vorbei in den Raum. An einer Tafel feierten junge Männer, auf ihren Schößen grell geschminkte Frauen. Das Bier spritzte aus den Krügen, als sie sich übermütig zuprosteten. Über den Tisch tanzten die Würfel. Auf einer Bank ein Paar, eng umschlugen, Schultern und Brüste der Frau nackt. Henrike kannte etliche der Anwesenden; es waren die Söhne von Ratsherren. Einer war darunter, den ihr Vater früher einmal als ihren Ehemann in Erwägung gezogen hatte. Unwillkürlich tat sie einen Schritt zurück, doch der Türsteher zog sie schon hinein.

»Ich hab ihn gebracht, gib mir dafür ein paar Pennige«, forderte die Dirne.

»Ich geb dir gleich was ganz anderes!«, drohte der Goldzahn. Henrike konnte ihr Schimpfen noch durch die zugeschlagene Tür hören.

Blinzelnd sah sie sich um, nestelte unwillkürlich an ihrem Kragen. Zu schrill war die Musik der Spielleute, zu stickig die Luft im Hurenhaus. Der Geruch von blumigem Duftwasser mischte sich mit dem scharfen von Schweiß. Von dem Schankraum gingen mehrere Zimmer ab, eine Treppe führte ins Obergeschoss. Sie schluckte trocken. Dass ihr Vater hier ein- und ausgegangen war! Sie musste an Adrian denken, und ihr Herz tat einen Sprung. War auch er schon in einem Hurenhaus gewesen, hatte auch er auf diese Weise seine Unschuld verloren? Aber nein, Adrian war anders, er würde nicht – oder doch?

Die Krogersche schob sich an ihr vorbei, in den Händen einen Fächer aus Bierkrügen. Henrike schüttelte ihre Gedanken an Adrian ab. Es spielte ohnehin keine Rolle mehr. Arm wie sie war, kam sie als Ehefrau für ihn nicht infrage. Und wenn sie hier jemand erkannte, war auch noch ihr Ruf dahin. Hoffentlich würde keiner der jungen Freier sie bemerken. Der Mann mit dem Goldzahn wandte sich ihr zu.

»Mette ist beschäftigt. Aber Tyrre mit den Ringen ist frei.« Er wies auf eine Dirne, deren Bauchfett Wellen schlug.

»Ich will zu Mette, sonst nichts«, sagte Henrike so fest sie konnte. Sie wog ihren Geldbeutel in der Hand, als ob er besonders schwer wäre. Der Mann fuhr mit der Zunge über den Metallzahn, als wolle er sich vergewissern, dass er noch da war.

»Vielleicht hast du ja Glück, und ihr steht nach der harten Arbeit der Sinn nach etwas ... Angenehmerem.« Er wies auf eine Nische neben einer Tür.

Henrike setzte sich. Schwere Vorhänge fassten die Nische ein, die Kissen waren aus Seide. Sie musste zugeben, dass an der Ausstattung dieses Saales nicht gespart worden war, auch wirkte alles sehr gepflegt. Als die Schankfrau sie diensteifrig ansah, senkte sie den Blick. Wenn sie nur niemand ansprach! Da nahm sie leises Poltern, Knallen und Stöhnen wahr. Es drang aus dem Zimmer hinter ihr. Was waren das für seltsame Laute? Bilder schoben sich vor ihr inneres Auge, doch keines schien zu diesen Geräuschen zu passen. Sie rutschte auf der Bank herum, erregte damit jedoch die Aufmerksamkeit des Goldzahns und beherrschte ihre Unruhe.

Henrike versuchte noch einmal durchzugehen, was sie Mette sagen wollte, doch die Worte, die sie in der Stille ihrer Kammer so sorgsam aneinandergereiht hatte, waren wie weggeblasen. »Ich bin ...« Wie ging es weiter? »Ich weiß ...« Ihr Mut sank. »Ich kenne ...«. Wie war es bloß gewesen? Wenn sie nicht wusste, was sie sagen sollte, könnte sie auch gleich gehen!

Sie spürte einen Windzug über ihre heißen Wangen streichen. Die Eingangstür ging auf und zu, immer wieder traten Männer ein oder verließen das Haus, sogar Nachtwächter waren dabei. War es denn erlaubt, des Nachts durch die Straßen zu streichen? Und hatten die Nachtwächter nicht auf Sicherheit und Ordnung zu achten? Jetzt erst fiel ihr auf, dass es nebenan still geworden war. Der Goldzahn ging in das Zimmer und kam schon wenig später wieder heraus. Er schnalzte mit der Zunge.

»Du kannst nicht zu Mette. Komm ein andermal wieder, Kleiner.«

Ein andermal? Henrike spürte Tränen aufsteigen und blinzelte heftig. Noch einmal würde sie das nicht durchstehen. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war einfach viel zu groß. Der Goldzahn sah sie angewidert an.

»Heul nicht. Du bist doch kein Mädchen«, sagte er und machte eine vage Handbewegung. »Da ist ja auch noch die rote Karin. Die ist auch gut.«

Sie biss sich auf die Lippen, schmeckte ihren Schweiß, beharrte: »Ich muss aber zu Mette.«

Der Mann riss sie hoch. »Ich zeig dir, was du musst, Kleiner!«, zischte er.

»Lass ihn.« Eine sanfte Stimme gebot ihm Einhalt.

In der Tür stand eine wohlgeformte Frau mit haselnussbraunen Haaren und Augen. Sie war nur einige Jahre älter als Henrike, an die zwanzig. Ihre geröteten Wangen leuchteten, als wäre sie ein Stück gelaufen, aber sie wirkte im Gegensatz zu der Straßendirne natürlich und hübsch, nicht aufgetakelt oder verbraucht.

»Der Bursche soll mir erzählen, warum er ausgerechnet zu mir will und zu keiner anderen. Wenn er frech wird, kannst du ihm immer noch bessere Manieren beibringen. Danach steht mir heute nicht mehr der Sinn.«

Zögernd folgte Henrike der Dirne in ihr Zimmer. Rund um das Bett brannten Kerzen. Seidentücher hingen über die Pfosten, Stöcke und Lederriemen lagen auf dem Boden. Henrike war durcheinander. Was hatte das zu bedeuten? Während Mette sich auf ihrem Lager räkelte wie eine Katze vor dem warmen Ofen, kramte sie die vorbereitete Rede aus dem Gewirr ihrer Gedanken hervor. Jetzt ging es um alles!

»Ich bin ...«, begann Henrike zögernd, doch schon nach wenigen Augenblicken sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus.

~~~

Henrike wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie Mettes Zimmer schließlich verließ. Der Schankraum war fast leer. Ein junger Mann lag auf der Bank und schnarchte, ein anderer brütete über seinem Bierkrug. Misstrauisch kam der Frauenwirt näher. Henrike wich seinem Blick aus, aber Mette trat schon zu ihr. Sie umarmte Henrike zum Abschied, presste ihre Lippen auf ihren Mund und stieß sie spielerisch von sich.

»Der wird noch mal ein ganz Wilder!«, rief Mette dem Goldzahn schalkhaft zu.

»Und dann kriegen wir ihn gar nicht mehr hier weg!«, setzte er nach und lachte meckernd.

Henrike taumelte hinaus, der Morgen graute bereits. Sie rieb sich über den Mund, bis die Lippen brannten. Würde sie die Sünden dieser Nacht je wiedergutmachen können? Würde sie einem Priester beichten können, was sie heute getan hatte? Oder würde sie dafür im Fegefeuer schmoren? War es das wert gewesen? Das Hemd klebte schweißnass an ihrem Körper. Ihr fröstelte. Sie fühlte sich erschöpft und ausgelaugt. Ihr Kopf schwirrte von Eindrücken und von den Worten, die sie und Mette gewechselt hatten. Henrike hatte mehr erfahren, als sie zu hoffen gewagt hatte. Was hatte sie alles über ihren Vater nicht gewusst!

Die ersten Menschen traten müde aus ihren Häusern. Henrike machte sich eilends davon – es wäre zu ärgerlich, wenn man sie jetzt noch ertappen würde. Doch je weiter sie sich von dem Hurenhaus entfernte, umso mehr löste sich die Spannung in ihr, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus – am liebsten hätte sie laut aufgelacht. Ja, es hatte sich gelohnt! Sie hatte das Geheimnis gelüftet, hatte einen Weg gefunden, ihr Erbe und das ihres Bruders wiederzuerlangen. Das Kaufmannshaus ihres Vaters war doch nicht verloren! Alles könnte noch gut werden. Möglicherweise war es noch nicht einmal zu spät, um Adrian für sich zu gewinnen. Allerdings war ihr neues Wissen auch gefährlich. Mit dem, was sie herausgefunden hatte, würde sie vermutlich mehr als einen bekannten Mann dieser Stadt gegen sich aufbringen.

Da glaubte sie jemanden hinter sich zu hören und bog schnell in die nächste Gasse ab. Henrike begann zu laufen. Die Schritte in ihrem Rücken wurden ebenfalls schneller. Wurde sie verfolgt? Hatte es jemand auf sie abgesehen? Ihr Herz schlug wie eine Trommel. Ihr Verfolger war jetzt ganz nah, sie starrte nach vorn, rannte weiter. In der Nähe rumorten Händler; wenn sie erst unter Menschen war, wäre sie in Sicherheit. Dann würde sie überlegen, wie sie ihr Wissen am besten nutzbar machen könnte, versuchte sie sich selbst gut zuzureden. Sie würde ihrem Bruder Hilfe schicken und mit Adrian sprechen. Ihm galt ihr letzter Gedanke, als ein Schlag ihren Kopf zu spalten drohte.

1

Lübeck, Oktober 1375

Ihr Haus befand sich in der Alfstraße, einer der ältesten Straßen der Stadt. Als ihr Vater vor einigen Jahren den Auftrag erteilt hatte, das Giebelhaus aus Backstein umzubauen, hatte der Baumeister im Kellergewölbe Pfosten entdeckt, die wohl, wie er meinte, noch aus der Zeit Heinrichs des Löwen stammten, also bald zwei Jahrhunderte alt waren. Jetzt war davon nichts mehr zu sehen, denn Konrad Vresdorp hatte das Haus von den Dachtraufen bis zum Fundament erneuern lassen. Mit seinen aufwendigen Wechselschichten aus glasierten und unglasierten Ziegeln, den Treppengiebeln, den kunstvollen Beischlagwangen mit einklappbaren Bänken am Eingang und dem Tor, das die Größe einer Kirchenpforte hatte, zeigte es schon von Weitem, dass hier ein wohlhabender Kaufmann wohnte. Mancher befreundete Händler ließ sich erst einmal das Gebäude mit seinen Luken und Zwischenböden, den geräumigen Speichern und dem praktischen Lastenaufzug zeigen, bevor er in der reich geschmückten Diele oder im Kaufkeller seine Geschäfte mit dem Vater machte.

Konrad Vresdorps Schreibkammer war das Herzstück des Hauses. Die Dornse, wie man sie nannte, wurde von der benachbarten Küche mitbeheizt. Doch die anderen Bewohner hatten es ebenfalls behaglich. An das Haupthaus grenzte ein wohleingerichteter Flügelanbau, in dem die Familie und das Gesinde lebte. Im Hinterhof befanden sich Backofen, Ziehbrunnen, Schuppen, der Stall für das Vieh und das heimliche Gemach. Hohe Glintmauern grenzten den Garten zum Nachbargrundstück ab.

Die Alfstraße war wegen ihrer guten Lage beliebt. Wenn man aus der Haustür trat, sah man die auf einem Hügel aufragende Marienkirche, daneben befanden sich Rathaus und Marktplatz. Wandte man sich Richtung Fluss, stand man bereits nach wenigen Schritten vor der Stadtmauer, an die der Hafen grenzte. Die sehr hohe und etliche Fuß breite Verteidigungsanlage mit ihrem Wehrgang und den zahlreichen Türmen war ein steinerner Beweis für die Bedeutung und den Reichtum der Stadt.

Lübeck stand in dem Ruf, beinahe uneinnehmbar zu sein. Wie eine Halbinsel war die Stadt von den Flüssen Trave und Wakenitz eingefasst. Dennoch waren die Bewohner alles andere als abgeschnitten. Lübeck lag, einem Kleeblatt gleich, zwischen den Landschaften Holsteins, Mecklenburgs und Sachsens. An den vier Haupttoren und den zahlreichen kleinen Pforten herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. An diesem Ort kreuzten sich die Handelsstraßen zwischen London und Nowgorod, zwischen Italien und Norwegen. Nach wenigen Windungen mündete die Trave in die Weite der Ostsee.

Henrike lehnte ihren Oberkörper aus der geöffneten Dachluke. Sie ließ ihren Blick noch einmal über die wippenden Mastspitzen hinweg in die sanfte Landschaft vor der Stadt schweifen, die der Herbst in vielerlei Rot- und Gelbtönen getupft hatte, und kehrte dann in die Mitte des Speichers zurück.

»Verehrter Herr Kaufmann, welche Waren habt Ihr anzubieten?«, fragte sie, strich über das grobe Webmuster der prall gefüllten Jutesäcke und versuchte zu ertasten, was darin war. Konnten es köstliche Mandeln sein? Nein, die waren größer. Safran? Wurde in kleineren Säcken geliefert. Reis? Sie schnupperte daran – derb-süßlicher Geruch zog in ihre Nase. Kümmel also. Sie öffnete einen Sack und fuhr mit den Fingern durch die spitzen Körner. Zufrieden sah sie auf. Das Bild, das sich ihr bot, brachte sie zum Lachen: Ihrem Gegenüber war die Samtmütze über die Augen gerutscht. »Kaufmann, seid Ihr etwa eingeschlafen?«

Der Angesprochene schob die edle Mütze zurück. Zum Vorschein kam das Antlitz eines zwölfjährigen Jungen, dessen kindliche Pausbacken einen starken Kontrast zu seiner Kleidung bildeten, die jedem Erwachsenen gut zu Gesicht gestanden hätte.

Ihr Bruder Simon kaute konzentriert auf einer Haarsträhne. Seine Haare waren es vor allem, die erahnen ließen, dass die Geschwister von unterschiedlichen Müttern stammten. Simon hatte einen dunklen Schopf, ihre langen Locken glänzten hingegen in einem warmen Dunkelblond. Henrike fiel auf, dass ihr Bruder in letzter Zeit ein gutes Stück in die Höhe geschossen sein musste. Er war nie rundlich gewesen, aber jetzt sahen seine eng umstrumpften Beine dünn und staksig wie die eines Storches aus. Wie gut, dass er trotz seiner schwache Konstitution einen starken Willen besaß. Sein zarter Körper war schon von manchem Fieber auf das Lager geworfen worden, doch jedes Mal hatte er die Krankheit besiegt. Jetzt lächelte ihr Bruder aufgekratzt, und auf seinen Wangen zeigten sich die Andeutungen der Grübchen, die Henrike so sehr mochte. Sie nahm sich vor, Simon noch heute so zum Lachen zu bringen, dass die Grübchen tief wurden und die Wangen zu Apfelbäckchen aufwarfen. Er schritt, um ein würdevolles Aussehen bemüht, zu den Fässern, deren Stapel beinahe bis an die hohe Decke des Speichers reichten.

»Wir haben diese ... hübschen Felle ... dieses Pelzwerk ... bekommen«, sagte er um Worte ringend und zog ein Eichhörnchenfell hervor. »Ich kann Euch einen guten Preis machen ... verehrte Dame.«

Henrike prustete. Es war zu komisch – ihr kleiner Bruder als ehrenwerter Kaufmann, sie als feine Dame. Sie liebte dieses Spiel, wie sie es überhaupt liebte, im Warenhaus des Vaters herumzustöbern. Die duftenden Gewürze aus dem Orient, kostbare Gold- und Silberwaren, Perlen und Bernstein und vor allem die Stoffe, manche fein gewebt, manche grob, in allen Farben des Regenbogens schimmernd! Grüne Atlasseide aus Venedig, goldene Tücher von luccanischem Gold, sarazenische Seiden – Namen, die ihre Sehnsucht weckten. Wie gern würde sie mit ihrem Vater einmal nach Venedig reisen, den Seidenwebern bei ihrer Kunst zusehen, Gewürze und Spezereien in der Lagunenstadt kaufen. Oder der Pfeffer! Den weiten Weg von Indien nahm er über das arabische Meer, er wurde in Alexandria weitergehandelt und gelangte schließlich über das Mittelmeer und Venedig zu ihnen. Wie der Faden einer Stickarbeit einen Punkt mit dem anderen verband, so zogen sich die Handelsnetze durch die Länder, verbanden entfernte Orte, brachten sie zum Träumen. Oft stellte Henrike sich vor, wie der Weg der Waren weiterging. War dieser Damast für das Gewand einer Gräfin? Würde man mit dem Safran ein Hochzeitsmahl würzen? Welcher Kaufmann würde in Schuhen aus diesem Leder Weg um Weg zurücklegen?

Simon brauste auf. »Du darfst mich nicht auslachen! Nicht mehr lange, und ich bin ein richtiger Kaufmann!«, schimpfte er. Jetzt schmollte sie, für die Dauer eines Wimpernschlags zumindest.

»Auch wenn du ein richtiger Kaufmann bist, bleibst du doch mein kleiner Bruder«, entgegnete sie, schlenderte hoheitsvoll und schwenkte ihr Kleid, als habe es eine Schleppe. »Ich brauche Hermelin für einen neuen Prunkmantel. Habt Ihr auch das, guter Mann?«

Simon überlegte. »Hermelin, sicher. Vater hat ihn auf den Listen vermerkt. Einunddreißig verschiedene Sorten Pelze haben wir im Moment am Lager. Die letzten kamen auf der Kogge aus Reval. Prächtiges Schiff. Aber wo ...«, er sah sich suchend um, nahm die Markierungen in Augenschein.

Henrike lächelte, diese Antwort war typisch für Simon. Er machte manchmal einen verträumten Eindruck, hatte aber ein gutes Gedächtnis. Vor allem für Zahlen hatte er einen ausgeprägten Sinn. Dafür tat er sich schwer damit, eine Sorte von der anderen zu unterscheiden, ob es nun Pelze oder Stoffe waren, er interessierte sich einfach nicht genügend dafür. Bei Schiffen hingegen, Schwertern und Rüstungen geriet er ins Schwärmen. Auch jetzt war er in Gedanken woanders. Sie schlich sich an dem großen Windenrad vorbei, das den Dachboden durchschnitt und kitzelte ihren Bruder in den Seiten, wo sie die Rippen fühlen konnte. Simon giekste und griff nach ihr. Henrike konnte sich ihm entziehen, lief lachend davon. Schon spielten sie Fangen über Pakete und Kisten hinweg, zwischen Fässern und Stützbalken. Da gebot ein Ruf ihnen Einhalt.

»Simon! Henrike! Der Vater braucht euch! Die Kogge ist eingelaufen!« Jost, des Vaters wichtigster Gehilfe, stand am Aufgang. Er war ein hochgewachsener, hagerer Mann Mitte zwanzig mit heller Haut und strubbeligem rötlichem Haar, dessen Gestalt gebogen wie ein Angelhaken wirkte, ganz so, als versuche er sich kleiner zu machen als er war. »Ihr sollt doch nicht im Speicher herumtoben!« Er zog die dichten Brauen zusammen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Henrike wusste jedoch, dass er nicht streng war. Sie kannte ihn gut, war mit ihm aufgewachsen. Ihr Vater hatte Jost nach dem Tod seiner Eltern als Lehrjungen aufgenommen. Seitdem lebte er bei ihnen, hatte oft mit ihnen am Herrentisch gegessen und manchen ruhigen Winterabend beim gemeinsamen Spiel verbracht. Außer Atem lehnten Simon und sie an einem verschnürten Paket. Gleichzeitig entdeckten sie die Markierung – hier war der Hermelin!

»Wusste ich’s doch«, schnaufte Simon. »Wir haben Hermelin.« Jost war schon am Hinuntergehen, hielt aber noch einmal inne.

»Hier? Die Felle haben auf dem Speicher nichts zu suchen. Müssen im Keller gelagert werden, im Kühlen. Wird Zeit, dass die Waren abgehen, damit hier wieder Ordnung hineinkommt«, murmelte er und hob dann die Stimme. »Und, Simon, was weißt du noch?«

Ihr Bruder sah nachdenklich nach oben, als könne er die Antwort zwischen den Deckenbalken und den Seilen des Lastenaufzugs finden.

»Nun los, wir haben nicht ewig Zeit!«, drängte Jost. Wenn ein Schiff mit Handelswaren angekommen war, musste es schnell gehen. Im Lübecker Hafen herrschte Platznot, angelandete Ware musste sofort weiterverkauft oder in die Lager gebracht werden, wusste Henrike.

»Sie kamen direkt aus Reval. Die meisten gehen weiter nach Brügge. Vater war mit der Qualität zufrieden. Keine gefälschten dabei, dieses Mal«, sagte Simon.

»Woran erkennst du die?«

»Die gefälschten sind zusammengefügt aus kleineren Fellen. Haben Nähte. Oder sind gefärbt, beispielsweise mit Blei. Man kann Farbe an die Finger bekommen«, fasste Simon zusammen.

Henrike lächelte ihren kleinen Bruder an. Wie stolz sie auf ihn war! Auch Jost nickte zufrieden. Simon rannte an ihnen vorbei und sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Stiege hinab, entlang der anderen Speicherböden, die Wendeltreppe hinunter und durch die hohe Diele, an der zur Straße hin die Schreibkammer ihres Vaters lag. Henrike folgte ihm wie im Flug, doch Jost blieb an der Haustür zurück.

»Kommst du nicht mit?«, fragte Simon.

»Ich kann hier nicht weg. Die ersten Waren kommen schon.« Henrike bemerkte nun auch die Männer, die mühsam Karren mit Fässern hügelan bewegten.

»Ab mit euch in den Hafen. Euer Vater wartet am Anleger.«

~~~

Das Stadttor zum Hafen war, wie so oft, vor lauter Menschen kaum zu sehen. Schwer bepackte Träger schoben sich an hoch beladenen Karren vorbei, dazwischen drängten sich Kleinhöker und Bettler. Henrike ergriff Simons Hand, wollte, dass sie zusammenblieben, aber ihr Bruder machte sich los, lief energisch voraus und versuchte, ihr den Weg zu bahnen. Da hielt eine Bettlerin sie auf.

»Gute Frau, habt Erbarmen«, flehte sie und reckte den Geschwistern ihre Hand entgegen. Der Kittel der Armen war so zerschlissen, dass man ihr mausbraunes Haar und ihre sonnengebräunte Haut durch die Fetzen sehen konnte, ihre Füße waren nackt und verdreckt. An ihrer Brust hielt sie ein wenige Wochen altes Kind. Es war so zart, dass es beinahe durchscheinend wirkte.

Henrike schnürte es den Hals zusammen vor Mitleid. Sie wusste, ihr Wohlstand war ihnen nur von Gott geliehen. Ein Schlag des Schicksals, und jedem könnte es so schlecht ergehen wie den Bettlern; das hatte ihre Stiefmutter ihnen oft genug klargemacht. Ihre Stiefmutter Anna war sehr fromm gewesen. Keine Messe hatte sie ausgelassen, zur Beichte war sie häufiger als vorgeschrieben gegangen. Sie hatte sogar auf den Bau einer Gottesbude an ihrem Haus gedrängt, einer Kammer, die den Armen für einen Gotteslohn, also fast umsonst, zur Verfügung gestellt wurde. Konrad Vresdorp hatte das Ansinnen seiner Frau abgelehnt, weil er fürchtete, dass die Bettler die Kunden vergraulen könnten. Umso großzügiger war er seitdem jedoch mit Almosen. Täglich verteilten sie Gutes aus ihrer Küche an die Armen.

»Ich habe nichts, das ich dir geben könnte«, sagte Henrike beschämt. Schon ergriff die Bettlerin Simons Hand, dem Jungen war das sichtlich unangenehm.

»Und ihr, guter Herr?« Simon befreite sich aus ihrem Griff, doch die Frau schob ihm das leblos wirkende Kind hin. »So gebt etwas! Ich fürchte, mein Kind übersteht die nächsten Tage nicht«, sagte sie und begann zu weinen. »Bitte, ich bitte euch.«

Simon wich zurück, die Arme abwehrend verschränkt. Henrike fühlte sich hilflos. Wenn die Bettlerin nicht von ihm abließ, würden die Büttel auf sie aufmerksam werden und sie mit Schlägen vertreiben, weil sie anständige Bürgerskinder belästigte. Das würde ihre Lage nur noch verschlimmern. Henrike löste rasch das Tuch aus feinem Stoff von ihrem Hals und hielt es der Frau hin.

»Hier, nehmt es und geht, bevor die Wachen kommen«, sagte sie und zog Simon mit sich, das bestickte Hemd, das sie unter ihrem Kleid trug, höher über ihre Brust ziehend.

»Das darfst du nicht«, meinte ihr Bruder entrüstet und machte sich los.

Ja, sie durfte es nicht, aber was hätte sie tun sollen? Es war ein milder Herbst, doch auch wenn sich am Tage die Sonne oft noch zeigte, waren ihr neulich beim Gottesdienst in der Marienkirche Finger und Zehen schon beinahe steifgefroren. Wenn die beiden auf der Gasse übernachten würden, wäre es bald nicht nur um das Kind, sondern auch um die Bettlerin geschehen. Mit dem Geld, das die Frau für das Tuch bekam, könnte sie sich vielleicht ein Lager für einige Nächte erkaufen.

»Denkst du wirklich, Vater fällt es auf?«, verteidigte sie sich. Ihre Kleidung war Konrad Vresdorp gleichgültig. Solange sie so ehrbar und ansehnlich angezogen war, wie es ihrem Stand entsprach, könnte sie auch bunt gescheckt herumlaufen, ohne dass er es bemerken würde.

Sie waren in den Hafenbezirk eingetreten, und die Szenerie nahm sie mit einem Schlag gefangen. Henrike ließ die Hand sinken, ihr Ausschnitt kümmerte sie auf einmal nicht mehr. Auf dem Fluss tanzte ein Wald aus Masten im Wind. Behäbig schwankten die Koggen, diese gewaltigen Schiffe mit ihren dicken Bäuchen, als wären sie erschöpft von der Last, die sie weite Strecken getragen hatten. Dabei waren dies nicht einmal die größten Schiffe, die Lübeck anfuhren. Letztere wurden in den tieferen Gewässern vor der Stadt entladen, weil der Hafen zu seicht war. Kleine Boote umringten die Koggen wie Fliegen ein Schwein. Rufe in verschiedenen Sprachen mischten sich durcheinander. Zahlen flogen von einem Mann zum anderen. Kaufleute verhandelten, schlugen sich auf die Schultern, schüttelten sich die Hände. Eine Möwe stieß pfeilschnell vor den Geschwistern hinunter und pickte einen Fischschwanz vom Boden. Die vielfältigen Gerüche ließen Henrikes Kopf schwirren. Es duftete und stank zugleich. Pferde schnauften vor den Karren, die gerade beladen wurden, und ließen ihren dampfenden Kot hinter sich fallen. Am Rande der Stadtmauer hockten Fischer und flickten ihre Netze. Eine Windböe trieb von der gegenüberliegenden Werft den durchdringenden Gestank flüssigen Teeres zu ihnen, mit denen die Rümpfe der Schiffe abgedichtet wurden. Ein Mann, ein hoch verschnürtes Paket in den Armen, rempelte Henrike an.

»Mach dich weg da, Borgersche! Vrowen personen haben hier nichts zu suchen! Hier wird gearbeitet!«, schimpfte er lauthals und sah erst dann, wen er getroffen hatte. Ein Pfiff entfuhr seinen Lippen. »Wohin des Weges, Schöne? Willst du was? Soll ich dir zeigen, was ich zu bieten habe?« Er starrte in ihren Ausschnitt, der ihr jetzt besonders nackt erschien.

Henrike raffte ihren glockenförmigen Mantelumhang, die Heuke, vor der Brust zusammen. Simon stellte sich vor seine Schwester. Der Mann musterte ihn mit einem schiefen Grinsen. Das Paket hielt er weiter, als habe es gar kein Gewicht.

»Was willst du Knirps denn?«, fragte er höhnisch.

»Etwas mehr Respekt. Wir gehören zur Kaufmannsfamilie Vresdorp«, verkündete Simon, doch seine Stimme bebte. Am Hafen herrschte ein rauer Ton, schnell gab ein Wort das andere, jemandem rutschte die Hand aus, und schon war eine Schlägerei im Gange. Der Träger lachte schallend.

»Na, wenn das so ist. Dann schwirrt mal ab, ihr herteleven kyndere«, meinte er gönnerhaft und ging laut pfeifend davon. Simon wirkte einen Moment, als wollte er hinterherlaufen und ihn anspringen, um Respekt einzufordern, doch dann folgte er Henrike zu ihrem Vater.

Konrad Vresdorp stand mit zwei Männern vor einer Reihe großer Fässer. Eines von ihnen hatte ein Knecht gerade angestochen und mit einem Zapfhahn versehen. Einer der Männer führte eine Kelle zum Mund. Henrike fragte sich, was sie da taten. Die Waren sollten umgeschlagen werden, da hatte man doch keine Zeit für einen Trunk, oder doch?

Ihr Vater begrüßte sie mit einem breiten Lächeln. Er war ein hochgewachsener, massiger Mann, dessen rote Wangen gegen die blonden, licht werdenden Haare leuchteten und dessen Wams über seinem kräftigen Körper spannte. Konrad Vresdorp liebte schmackhaftes Essen und guten Wein, das sah man ihm auch an. Wann immer es etwas Besonderes unter seinen Waren gab, etwa Feigen, Mandeln oder getrocknete Trauben aus fernen Ländern, sorgte er dafür, dass es bei ihnen in einem köstlichen Gericht auf den Tisch kam. Henrike war seine Sinneslust lieb, die verkniffene Genügsamkeit ihrer verstorbenen Stiefmutter hatte sie hingegen kaum noch ertragen. Sie begrüßte ihren Onkel Hartwig und deutete vor dem fremden Kaufmann einen Knicks an; Simon verbeugte sich.

»Was tut sie hier? Und dazu noch in diesem unschicklichen Aufzug? Sie macht uns lächerlich«, zischte ihr Onkel mit einem gehässigen Seitenblick auf Henrike, deren Ohren vor Scham zu glühen begannen. Doch der Fremde schien Hartwigs Worte nicht verstanden zu haben, er nahm einen weiteren Schluck aus der Kelle und nickte leutselig. Konrad Vresdorp sprach mit ihm in einem ungewohnten Zungenschlag, dann reichten sie sich die Hände. Auf einen Wink ihres Vaters wurde ein Pferd mit einem Karren herangeführt, und die Fässer wurden aufgeladen. Einig waren sich die beiden, vollzogen werden musste der Handel hinter den Stadtmauern, so sahen es die Kaufmannsgesetze vor. Ächzend fuhr der Wagen über die Bohlenwege davon. Auf den restlichen Fässern wurde die Merke des Vaters ausgehauen, also sein Kaufmannszeichen; es gab an, dass sie ihm gehörten. Henrike staunte, wie schnell der Handel ablief.

Konrad Vresdorp wandte sich an seinen Sohn: »Simon, nimm deine Wachstafel und notiere«, forderte er ihn auf.

Der Junge tastete hektisch sein Wams ab. Die Wachstafel – eine handtellergroße vertiefte Holzplatte, die mit einem Gemisch aus Bienenwachs, Harz, Pech, Ruß und Holzkohle gefüllt war, so dass man etwas hineinritzen und mit der flachen Seite des Griffels wieder löschen konnte – fand er jedoch nicht.

»Die einfachsten Aufgaben bekommt der Knabe nicht hin. Dem hast du schon zu lange die Zügel schießen lassen, Bruder. Wer die Rute spart, versündigt sich an seinen Kindern!«, mischte sich Hartwig Vresdorp ein. Ihr Vater blieb trotz dieses unverschämten Einwurfs ruhig.

»Mir scheint, du hast mit deinen eigenen Angelegenheiten genügend zu tun, Bruder. Die Zöllner sind da. Willst du sie warten lassen?«, fragte er. Ihr Onkel sah sich um, stellte fest, dass sein Bruder recht hatte, und eilte zu den Zöllnern.

In diesem Moment stürzten zwei Büttel auf sie zu. Sie schleiften die Bettlerin hinter sich her. Die Frau umklammerte ihr wimmerndes Kind. Henrike war froh, ein Lebenszeichen von dem Kleinen zu hören, zu schwach hatte es ausgesehen. Auch ihr Onkel hatte die Büttel bemerkt. Neugierig sah er zu ihnen. Gerne hätte er wohl gewusst, was sie mit ihnen zu schaffen hatten. Aber der Zoll ...

»Diese Bettlerin hat Eure Tochter bestohlen, Herr Vresdorp«, sagte ein Büttel und hielt das Tuch hoch, das Henrike der Frau geschenkt hatte.

»Ist das wahr, Weib?«, fragte ihr Vater streng. Der Blick der Frau flackerte zwischen Henrike und ihrem Vater hin und her, schließlich schlug sie die Augen nieder.

Henrike setzte zu einer Erklärung an. »Vater ich ...«, begann sie.

Der Kaufmann sah seine Tochter prüfend an. Henrike schwieg beklommen, hielt aber seinem Blick stand.

Nach einigen Atemzügen sagte er: »Ich denke, es war anders. Meine Tochter hat dem Weib das Tuch geschenkt. Ist es nicht so?«

Henrike nickte zögernd. Sie konnte Missbilligung und Spott in den Blicken der Büttel erkennen. Es war gottgefällig, dass die Reichen mildtätig waren, aber auch dabei gab es Regeln einzuhalten. Alles, was Henrike am Leib trug, gehörte ihrem Vater. Dass sie etwas davon verschenkte, verriet mangelnden Respekt.

Konrad Vresdorp führte die Hand zu seinem Gürtel, an dem zahlreiche kleine Beutel hingen. Er nahm einige Münzen heraus und steckte sie den Bütteln zu. »Habt Dank für eure Wachsamkeit. Gebt mir das Tuch, und die Frau lasst gehen.« Die Büttel taten wie geheißen.

Henrike nahm das Tuch wieder an sich und hielt es unschlüssig in den Händen. Erneut sprach ihr Vater die Bettlerin an.

»Bist du fremd in der Stadt?«, fragte er. Die Bettlerin nickte stumm. In einem fort strich sie über den Rücken ihres weinenden Kindes.

»Wir hier in Lübeck kümmern uns um unsere Armen. Straßenbettel sehen wir nicht gern. Dieberei wird hart bestraft. Lass dir zeigen, wo dir und deinem Kind geholfen werden kann«, sagte er und hielt ihr einen halben Pfennig hin.

Die Frau zögerte, griff dann aber schnell danach und huschte davon, als fürchtete sie, dass man ihr auch diesen wieder abnehmen würde.

Als sie allein am Kai standen, sah Konrad Vresdorp seine Kinder lange an. Seine Miene war ernst. »Da lasse ich euch zwei zum Anleger holen, und was macht ihr? Brüskiert mich vor meinem Bruder und macht mich vor den Bütteln lächerlich!«, sagte er vorwurfsvoll.

Simon öffnete den Mund, um zu protestieren, blieb aber doch still und warf seiner Schwester einen wütenden Blick zu. Henrike schlug die Augen nieder. Die Enttäuschung ihres Vaters traf Henrike mehr, als es sein Zorn gekonnt hätte. Dieser bemerkte nun seinen Bruder. Hartwig Vresdorp verbog sich vor lauter Neugier. Auf einmal gluckste es, und plötzlich war Konrad Vresdorps kollerndes Lachen zu hören. Henrike hätte ihn vor Freude am liebsten umarmt.

»Und ich dachte, du hättest überhaupt nichts von deiner Stiefmutter angenommen«, meinte ihr Vater kichernd. Als er sich beruhigt hatte, hob er jedoch mahnend den Zeigenfinger: »Das war das letzte Mal, hörst du? Vor deiner nächsten Dummheit sprichst du mit mir!«

Henrike atmete auf und versprach es erleichtert. Ihr Vater hakelte seinen Daumen in seinen Gürtel ein.

»Aber nun zum Geschäftlichen. Du, Simon, lässt dir von einem Gehilfen Wachstafel und Griffel geben. Wie soll ich denn ohne dich weitermachen?« Er blinzelte seinem Sohn verschwörerisch zu. Simon straffte sich, und Henrike bemerkte, wie er förmlich einen Kopf größer wurde. Hurtig lief er zu den Gehilfen des Vaters. Nun öffnete Konrad Vresdorp einige Knöpfe seines Wamses und zog mehrere versiegelte Briefe hervor, die er Henrike überreichte.

»Bring sie in die Schreibkammer und gib sie Jost, niemandem sonst. Danach gehst du zu Margarete und sagst ihr, dass ich heute Abend die Wisbyer erwarte.«

Die Wisbyer, wusste Henrike, waren die Ratsherren, deren Familien, genau wie ihre eigene, von der Hauptstadt der Insel Gotland stammten. Einige von ihnen waren mit ihrem Vater von der Insel geflohen, als König Waldemar sie überfallen und gebrandschatzt hatte. Konrad Vresdorp sprach nur selten davon, zu schmerzhaft war diese Erinnerung. Seine Frau Clara, Henrikes Mutter, war bei der Flucht schwer verletzt worden und kurz darauf gestorben. Henrike war gerade ein Jahr alt gewesen; es war ein Wunder, dass sie die Flucht überlebt hatte. Dem Kaufmann war keine Zeit geblieben, um das Verlorene zu trauern, denn er hatte in Lübeck neu anfangen müssen. Glücklicherweise hatte er auch etwas Geld, Schmuck und Pelze retten können. In den nächsten Jahren hatte er an alte Handelsverbindungen angeknüpft und neue aufgebaut. Um Henrike hatte sich zunächst eine Amme gekümmert, Margarete, die heute ihren Haushalt führte. Sie würde schimpfen, wenn sie hörte, dass sie so kurzfristig ein üppiges Mahl für Gäste bereiten sollte! Je eher Henrike es ihr sagte, desto besser. Aber ihr Vater war noch nicht fertig.

»Außerdem soll Margarete eine Kammer für einen Gast herrichten. Ich möchte, dass alles tadellos ist. Es ist ein sehr wichtiger Gast.«

Henrike sah ihren Vater fragend an. Konrad Vresdorp beugte sich zu ihr, ihm war klar, dass sie mehr wissen wollte. Aber anstatt ihr zu sagen, um welchen Gast es sich handelte, kündigte er einen weiteren Auftrag an. »Es ist aber ein schwieriger Auftrag. Sehr schwierig.«

Sie verzagte schon fast, da zeigte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht, und er sagte: »Gehe ins Tuchlager und suche dir den schönsten Stoff für ein Kleid aus und passendes Pelzwerk dazu. Sag Jost, der Gewandschneider soll an nichts sparen.«

Henrike strahlte ihn erleichtert an. Das würde sie mit Freuden schaffen! »Gibt es denn einen besonderen Anlass?«, fragte sie neugierig.

»Den gibt es. Aber ich werde ihn dir nicht verraten. Noch nicht.« Als Simon wieder zu ihnen kam, Wachstafel und Griffel in den Händen, fügte ihr Vater hinzu: »Und nimm deine Base Telse mit. Sonst heißt es später wieder, du hättest etwas Unschickliches getan.«

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Jost fluchte leise, als er die Leiter an das hohe Regal schob. Es passte ihm gar nicht, jetzt mit der Tochter seines Herrn und deren Base ins Tuchlager gehen zu müssen. Die neuen Waren mussten kontrolliert und verstaut werden, und durch die Unterbrechung würde er bis in die Nacht hinein beim Schein eines Kienspans arbeiten müssen. Dabei gab es angenehmere Arten, den Abend zu verbringen.

Wenn es nur Henrike allein gewesen wäre, um die er sich zu kümmern hatte, wäre es etwas anderes gewesen; das hätte er mit Freuden getan. Aber Telse Vresdorp, ihre Base, mochte er weniger. Sie wirkte so eingebildet! Nie sah sie ihn wirklich an, es war sogar, als blickte sie durch ihn hindurch. Dabei war sie eine unscheinbare junge Frau mit kräftigen Rundungen und einem Hals, der so breit war wie ihr Gesicht. Außerdem trug sie schon jetzt einen verkniffenen Zug um ihren Mund.

Jost seufzte leise. Wie anders war Henrike! Sie hatte oft ein Lied auf den Lippen und für jeden ein freundliches Wort, gleich welchen Standes er war. Er wusste nicht, seit wann er Henrike liebte. Es war, als habe er sie immer schon geliebt. Und doch war sie unerreichbar für ihn – im Moment auf jeden Fall. Er war nur eine mittellose Waise. Aber er wollte mehr werden, mehr erreichen. Wenn er nur hart genug dafür arbeitete, würde er eines Tages auf eigene Rechnung Handel treiben und selbst Kaufmann sein. Dann wäre er vielleicht gut genug für Henrike. Wenn sie nicht vorher ein anderer wegheiraten würde, aber davon war noch nicht die Rede gewesen.

Jost ließ das grobe Lübecker Leinen links liegen, stieg die Leiter empor, zu den Tuchen aus England, Flandern, Frankreich und anderen Ländern. Hier gab es Samt und Seide aus Italien, Brokat aus Venedig, violettes Wolltuch aus Brüssel, braunmarmoriertes aus Saint-Omer, rotes aus dem französischen Arras und gestreiftes purpurfarbenes Tuch aus Gent. Für Henrike war das Beste nur gut genug, und sie hatte einen ausgeprägten Geschmack. Er zog einen Ballen Seide heraus, legte ihn über die Schulter und stieg die Leiter hinunter.

Während er den Stoff abrollte, beobachtete er die jungen Frauen. Henrike lächelte über etwas, das ihre Base gesagt hatte. Ihre Lippen wölbten sich sanft, die Lippen, die so oft in seinen Träumen auftauchten. Sie waren geschwungen und voll, schimmerten weich und einladend. Jost spürte ein Ziehen in seinen Lenden und Hitze auf seinem Hals, der sofort zu jucken begann, wie so oft, wenn er erregt war. Sein Herz schlug nur für Henrike. Er wünschte sich nichts mehr, als stets an ihrer Seite zu sein und sie vor allem Unbill zu schützen, aber er begehrte sie ebenso stark. Schon oft hatte er seine sündigen Gedanken bei der Beichte eingestehen müssen.

Telse seufzte geziert. »Ach, ich wünschte, mein Vater würde nur einmal ein so schönes Kleid für mich nähen lassen!«, sagte sie und richtete ihre Augen gen Himmel. »Verzeih, Gott, meine Hoffart! Ich werde Buße tun für diese Worte, ich verspreche es!«

Henrike reagierte gar nicht darauf, sie kannte diesen dramatischen Ton ihrer Base schon. Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die tiefgrüne Seide, konnte die Augen kaum von dem Stoff lassen. »Trägst du nicht auch schöne Kleider, wenn Ratsball ist?«, fragte sie schließlich.

»Mein Kleid beim Ratsball war von meiner Mutter. Ich denke, niemand hat bemerkt, dass es schon zweimal geflickt war. Den Pelz haben wir aus dem Lager geborgt. Es ist wichtig, dass die Ehefrauen und Töchter der Kaufleute bei einem Ball etwas hermachen, meinte meine Frau Mutter. Gott wird einem diese Eitelkeit verzeihen. Wenn man Buße tut natürlich. Und das haben wir getan.«

Ja, daran hatte Jost keinen Zweifel. Viele Damen waren so fromm, dass sie sich beim Eintreten in die Kirche gegenseitig schubsten, um an die besten Plätze zu kommen, obgleich ihm dieses Verhalten nicht besonders christlich erschien.

Henrike bewegte sacht die Seide zwischen Daumen und Zeigefinger. Josts Haut prickelte, ihm war, als spürte er die sanfte Berührung ihrer Finger. »Nehmt ihn nur, haltet ihn Euch an«, sagte er und schickte sich an, ihr zu helfen.

Er nahm den Seidenstoff auf, trat schräg hinter sie und ließ ihn über ihre Schulter gleiten. Die Seide schmiegte sich an ihren Körper, zeichnete die Erhebung ihrer Brüste nach. Jost spürte Henrikes Wärme, nahm ihren Duft wahr. Das Ziehen in seinen Lenden verstärkte sich, und er bemerkte, wie sein Glied sich regte. Aufgewühlt legte er die Seide wieder ab und trat hinter den Tisch – die Frauen mussten nicht sehen, dass seine Hose sich im Schritt beulte.

»Was meinst du? Ist er nicht wundervoll? Ein Grün wie von frischem Efeu, schimmernd wie die Smaragde, mit denen Vater ab und an handelt«, schwärmte sie.

»Tatsächlich? Ja. Schön«, gab Telse wortkarg zurück.

»Der Stoff passt ausgezeichnet zu Euren Augen«, murmelte Jost und kratzte sich am Hals.

Henrike bemerkte seine Verlegenheit nicht. Sie legte den Stoff so behutsam ab, als sei er zerbrechlich.

»Hab Dank, Jost. Diese Seide würde ich sehr gerne für mein neues Kleid nehmen«, sagte sie.

Der junge Mann räusperte sich. Er wollte ihr nicht nur helfen, er wollte sie auch mit seinen Kenntnissen und seiner Weltgewandtheit beeindrucken. Vor allem wollte er ihre Begegnung noch ein wenig ausdehnen. »Ich würde das Oberteil schnüren und in Höhe Eurer Hüfte kleine Fältchen setzen lassen. Darüber könntet Ihr einen kleinen Gürtel aus Metallgliedern tragen, wie ich ihn neulich in Brügge gesehen habe. Euer Herr Vater könnte ihn mit Hornplättchen oder Edelsteinen verzieren lassen. Um welchen Anlass handelt es sich denn, Jungfer Henrike?«

Ein letztes Mal ließ Henrike ihre Fingerkuppen über den Stoffballen wandern. »Ich weiß es noch nicht«, antwortete sie, »aber es muss etwas ganz Besonderes sein.«

~~~

Henrike sah noch einmal nach, ob die Fackeln vor dem Haus brannten und ob auf der Tafel in der hohen Diele bereits das beste Geschirr stand. Sie entdeckte die Hauskatze mit ihren zwei Jungen auf dem hellgrauen Steinboden aus Gotlandplatten und scheuchte sie liebevoll hinaus, die Herren könnten sich von den Tieren gestört fühlen. Jetzt war sie zufrieden, der Raum sah ebenso einladend wie würdig aus. Die Wandbemalungen und -behänge sprachen genauso vom Reichtum des Hausherrn wie die silbernen Kannen oder der mit Schnitzereien versehene Armlehnenstuhl ihres Vaters, der mit dem Abbild einer Kogge und zweier Männer geschmückt war und am Kopf der Tafel stand. Als kleines Mädchen hatte sie oft den Formen nachgespürt, den Gesichtern der Männer, dem Tierkopfsteven und der bewegten See. Der Schiffer und der Kaufmann sitzen in einem Boot, hatte Konrad Vresdorp damals erklärt, und nur, wenn sie zusammenhalten, kann der Handel erfolgreich vonstattengehen. Inzwischen wusste sie, dass das gleiche Motiv auch auf dem Wappen der Stadt Lübeck zu sehen war. Es war das Bild, das für die Grundfesten des Hansehandels stand.

Aus der Dornse drangen die Stimmen der Männer zu ihr: der hitzige Tonfall ihres Onkels und die Antworten ihres Vaters, die stetig schärfer zu werden schienen. Überraschend war vor einer halben Stunde Hartwig Vresdorp eingetroffen. Was wollte ihr Vater mit seinen Gästen besprechen? Was hatte es mit ihr zu tun, und wofür brauchte sie das neue Kleid? Ihre Gedanken kreisten um diese Fragen, doch sie würde warten müssen, bis ihr Vater ihr mitteilte, was vor sich ging. Aber Warten fiel ihr schwer.

Sie schnupperte nach dem Essen und wollte dem einladenden Duft aus der Küche eben folgen, als jemand den schweren Eisenklopfer an der Tür betätigte – die Gäste kamen! Da sonst niemand in der Nähe war, ging Henrike, um zu öffnen. Jacob Plescow und Symon Swerting standen in ihren gediegenen Roben vor ihr, zwei der vier Bürgermeister Lübecks. Henrike knickste tief, die wichtigen Politiker schüchterten sie ein. Plescow hielt den Vorsitz auf Hansetagen und war ständig in diplomatischen Missionen zum Wohle der Stadt unterwegs; er war schmal und wirkte kränklich. Swerting hatte sich als Feldherr im Kampf gegen Waldemar von Dänemark hervorgetan. Sollten auch jetzt seine Kriegskünste gefragt sein? Er wirkte allerdings nicht sehr tatkräftig, die Augen waren glasig, und als er Henrike begrüßen wollte, nieste er stattdessen heftig in seinen Ärmel.

Jacob Plescow würdigte sie kaum eines Blickes. Henrike glaubte schon, dass er sie für eine Dienstmagd hielt, da sprach er sie mit ihrem Namen an und forderte sie auf, sie zu ihrem Vater zu bringen. Die junge Frau ging den Gästen voraus und klopfte an die Schreibkammer. Ihr Onkel stürzte heraus und begrüßte mit unbewegter Miene die Bürgermeister. Hartwig Vresdorp musste gehen. Er stammte zwar auch aus Wisby, gehörte diesem kleinen elitären Zirkel aber dennoch nicht an; warum, wusste Henrike nicht.

Ihr Vater hieß die Männer willkommen. Auf seiner Stirn zeichnete sich eine tiefe Zornesfalte ab, die er mühsam wegzulächeln versuchte. Konrad Vresdorp und sein Bruder waren in Geschäftsdingen nicht immer einer Meinung, das hatte sie schon oft bei Familienzusammenkünften mitbekommen, aber dass ihr Vater sich derart aufregte, war ungewöhnlich.

Henrike sorgte dafür, dass gewürzter Wein ausgeschenkt und das Essen aufgetragen wurde. Sie zeigte sich auch deshalb so hilfsbereit, weil sie gerne zuhören wollte, doch ihr Vater schickte sie fort, also zog sie sich folgsam zurück. Zu gerne hätte sie bei der Unterredung Mäuschen gespielt, doch das schien unmöglich. Kribbelig überlegte sie. War es das wirklich? Es gab eine kleine versteckte Tür, die von der Schreibkammer in den Keller führte und durch deren Ritzen sie vielleicht etwas aufschnappen konnte. Einen Versuch war es wert, immerhin ging es auch um ihre Zukunft. Sie wollte schon dorthin schleichen, als ihre alte Amme Margarete sie zu sich rief.

Die heißen, duftenden Dämpfe in der Küche nahmen ihr fast den Atem, es roch nach Rosmarin und anderen Kräutern. Margarete stand tief über den Topf gebeugt und rührte heftig. Sie war eine kleine dicke Frau, mit kräftigen Armen und einem freundlichen, pfannkuchenplatten Gesicht. Als Henrike eintrat, sah sie auf. Ihr Kopftuch klebte feucht an der Stirn.

»Mehr un mehr Bettler sind dat, kaum levendlich sind se«, schnaufte sie in breiter Mundart. Margarete verband ein mitfühlendes Herz mit einem klaren Sinn. Sie organisierte den Haushalt so, dass genügend Almosen für die Bettler übrig blieben, ohne dass es zu arg zu Buche schlug. »Heute ist wieder eine junge Frau mit einem Neugeborenen dabei.« Henrike merkte auf.

»Eine Frau mit einem Neugeborenen? Die wollen wir nicht noch länger in der Kälte stehen lassen. Du hast doch sicher schon etwas beiseitegelegt?«

Margarete wechselte den Löffel in die andere Hand, schüttelte den Arm aus – sie schlug wohl eine Nachspeise, wie verlockend! – und zeigte dann auf eine Schale mit Brot und Wurst. Henrike nahm die Lebensmittel und öffnete die Pforte, und gleich reckten Hände sich ihr entgegen. Viele Gesichter kannte sie bereits. Die junge Frau stand am Rande, sie drängelte nicht wie die anderen. Das Kind hatte sie mit einem Tuch an ihren Leib gebunden. Henrike verteilte ihre Gaben, behielt für die Frau aber ein Stück Brot und etwas Wurst zurück. Sie machte der Bettlerin ein Zeichen, damit diese näher kam, und reichte ihr die Speisen. Die anderen Wartenden zogen murrend davon, weiter, zum nächsten Herrenhaus.

»Danke für alles. Gott schütze Euch«, sagte die Bettlerin zaghaft und steckte das Essen umständlich in ihr Gewand.

»Habt ihr eine Unterkunft gefunden?«, fragte Henrike. Die Frau nickte stumm. Henrike konnte Kummer in ihren Augen lesen, Kummer, für den die Bettlerin keine Worte fand.

»Kommt wieder, bis es euch besser geht. Ich werde jeden Tag für dich und das Kind etwas zurückhalten«, versprach Henrike. Als sie die Pforte schloss und in die Wärme des Hauses zurückkehrte, spürte sie Dankbarkeit, aber auch Scham. So viele Menschen wussten nicht, wie sie den nächsten Tag überstehen sollten – und ihre größte Sorge war es, herauszufinden, für welchen Anlass sie ein neues Kleid bekommen sollte! Und dennoch konnte sie nicht widerstehen.

Sie schlich die Treppe hinunter und durch den Balkenkeller in den Gewölbekeller, der zur Straße lag und zum Verkauf der Waren genutzt wurde. Es war dunkel, langsam tastete sie sich durch die engen Gänge zwischen den Warenstapeln. Sie roch Wein und andere Güter, die kühl gelagert werden mussten. Bald sah sie in Brusthöhe ein fadendünnes Rechteck aus Licht. Sie hatte die Steige zu der kleinen Lastentür an der Schreibkammer erreicht. Kaum hatte sie sich auf den schmalen Vorsprung gesetzt, da hörte sie leises Trappeln und Maunzen. Ein Kätzchen schlich heran, sprang die Stufen hoch und legte den Kopf schief. Es war eines der Jungen, schwarz mit einem weißen Ohr. »Schscht«, machte Henrike leise. Das Kätzchen verstand das offenbar als Aufforderung. Es kam näher, hüpfte auf ihren Schoß und maunzte. Henrike wollte es wegscheuchen, andererseits tat die Gesellschaft des kleinen Wesens ihr gut, und so begann sie, es zu kraulen, während sie ihren Kopf an die Holztür legte.

Gedämpft vernahm sie die Geräusche. Es dauerte eine Weile, bis sie einzelne Stimmen und Wörter heraushören konnte. Es ging um Flandern, um England und um eine Reise ins dänische Falsterbo, um Reiter und Fahnen und einen wichtigen Boten. All das ergab für sie keinen richtigen Sinn. Dennoch war es interessant zuzuhören, wenn auch irgendwie ... ermüdend. Das Kätzchen hatte sich längst auf ihrem Schoß eingerollt und schlief, und auch Henrike musste gähnen. Ihr Vater sprach über Geschäfte mit Brügge, Plescow erwähnte Tangermünde, den Bischof von Ratzeburg, und immer wieder war die Rede von Dänemark. Sie sollte wirklich hier verschwinden und es sich in ihrem Alkoven gemütlich machen. Die Augen fielen ihr zu. Aber vielleicht würde sie ja doch noch etwas hören, dass sie betraf. Sie wollte warten, nur noch einen Moment, einen winzigen Moment ...

Mit einem Ruck wurde die Luke geöffnet. Henrike schrak aus dem Schlaf, das Kätzchen fauchte, krallte sich schmerzhaft in ihren Schoß und sprang fort. Henrike rutschte ab und polterte die Stufen hinunter auf den Boden. Sie stöhnte, als sie hart auf Rücken und Seite landete, sah sich verwirrt um. Was war los, wo war sie? In ihrem Bett war sie nicht. Ihr war bitterkalt, sie hatte ihr Kleid noch an. Über ihr flackerte Licht. Sie kniff die Augen zusammen. Eine große Hand, eine tiefe Stimme. Ihr Vater. Mit einem Mal war ihr Kopf wieder klar. Was war ihr nur eingefallen?

Konrad Vresdorp zog sie durch die Luke zu sich hoch in die Schreibkammer. Sein Gesicht glänzte rot, er sah sie erzürnt an. »Du kannst froh sein, dass das Gespräch so gut verlaufen ist, sonst würde es jetzt eine Tracht Prügel setzen. So eine Dummheit lasse ich nicht einmal meiner Tochter durchgehen!«, schimpfte er. »Was für ein Glück, dass Symon Swerting vom Hin- und Herreisen so erschöpft war und seine Erkältung ihm auf die Ohren geschlagen ist, sonst hätte er gewiss gehört, wie du an der Türe rumort hast. Mit seinem Schwert hätte der wehrhafte Bürgermeister den vermeintlichen Spion sogleich angegriffen! Hast du nicht gelernt, was die obersten Kaufmannstugenden sind, du dummes Ding?«

Henrikes Lippen bebten vor Kälte, als sie sprach: »Vertrauen, Ehre, Glauben.«

»Ere und geloven – Ehrbarkeit und Kreditwürdigkeit, das ist das Wichtigste. Und dann natürlich Vertrauen, richtig. Aber wie soll man mir vertrauen, wenn man fürchten muss, dass in meinem Haus ein Lauscher hinter der Wand sitzt? Wir kommen eigens hier zusammen und nicht im Rathaus, wo die Wände Ohren haben. Und du hast nichts Besseres zu tun, als uns zu bespitzeln?«

Henrike wollte sich entschuldigen. »Ich habe nicht nachgedacht. Ich wollte nur ...«

»Nur was?«, fragte Konrad Vresdorp streng.

Ihr Blick verschwamm. » ... nur herausfinden, was es mit dem Kleid auf sich hat. Und dem Besuch.« Er sah sie verständnislos an, also setzte sie hinzu: »Das neue Kleid. Für mich. Und um welchen wichtigen Hausgast es sich handelt.«

Ihr Vater wirkte, als habe er einen Frosch verschluckt, dann begann er zu lachen, leise erst, dann so laut, dass Henrike meinte, alle Hausbewohner müssten zusammenströmen, um zu ergründen, was es mit diesem Gelächter auf sich hatte.

»Das Kleid. Der Besuch.« Er gluckste. Wenn er lachte, konnte sein Zorn so schlimm nicht sein, dachte sie und wischte sich fahrig mit den zitternden Fingern über die Lider. Jetzt erst bemerkte er, wie es um sie stand.

»Komm herein, Kind, du hast ja ganz blaue Lippen. Ich werde dir einen Wein einschenken, der wird dich wärmen.« Fürsorglich legte Konrad Vresdorp den Arm um seine Tochter. Er schob sie in die Schreibstube, griff zur Kanne und füllte ein Noppenglas.

Henrike ließ sich auf einen Schemel sinken und trank einen Schluck. Der Wein war würzig und stark, er brannte in ihrem Magen. Konrad Vresdorp zog einen Stuhl heran und streckte wohlig die Beine aus. Eine Zeit lang schwiegen sie. Henrike sammelte sich, indem sie in Gedanken die Rankenmalereien an den Deckenbalken nachzeichnete und ihren Blick weiter durch den Raum schweifen ließ. Die Dornse war Vaters Reich, voll von Hilfsmitteln des Handels und Erinnerungsstücken an seine Reisen. Da waren der Rechenteppich und der Goldprobierstein, die Metallsiegel und das Kästchen mit der Reisewaage. Auf dem Schränkchen an der Wand lehnte Vaters kleines Gemälde des heiligen Christophorus, das er stets in Ehren hielt. Der Schutzheilige der Reisenden halte auf allen seinen Wegen die Hand über ihn, sagte Konrad Vresdorp oft. Auf dem Tisch stand seine große, eisenbeschlagene Brieflade, daneben lag eines der dicken, eng beschriebenen Handelsbücher. Henrike hatte Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt, wie es sich für eine Kaufmannstochter gehörte. In den Handelsbüchern reihten sich jedoch oft seitenlang seltsame Zeichen, Abkürzungen und Zahlen aneinander, es war wie eine Art Geheimschrift.

»Kaiser Karl stattet Lübeck einen Besuch ab«, sagte ihr Vater unvermittelt.

»Der Kaiser? Welche Ehre!«, rief sie aus und sah ihren Vater überrascht an. Im Gegensatz zu anderen Städten, die von Fürsten oder anderen Landesherren abhängig waren, unterstand Lübeck als freie Reichsstadt dem Kaiser unmittelbar, worauf der Rat der Stadt oft und gerne stolz hinwies. Der Kaiser hatte sich jedoch noch nie in der Stadt sehen lassen.