Harold Garfinkel - Dirk vom Lehn - E-Book

Harold Garfinkel E-Book

Dirk vom Lehn

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Beschreibung

Harold Garfinkel (1917–2011) zählt zu den bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Sein Name ist Synonym für die Ethnomethodologie, die seit den 1960er-Jahren zu wichtigen analytischen und methodologischen Entwicklungen in der Soziologie geführt hat. Aus ihr sind die Konversationsanalyse und die Workplace Studies hervorgegangen. Dirk vom Lehns Einführung gibt einen systematischen Überblick über die Entwicklung von Garfinkels Schaffen. Beginnend mit Garfinkels Analysen interethnischer Beziehungen widmet sie sich dem Einfluss von Alfred Schütz und Talcott Parsons auf die Ethnomethodologie und beleuchtet schließlich die Wirkung von Garfinkels Analysen auf die Soziologie. Untersucht wird insbesondere der Einfluss der Ethnomethodologie auf Entwicklungen in der Wissenschafts- und Techniksoziologie, der Genderforschung ('doing gender'), der Organisations- und Arbeitssoziologie sowie die Technikwissenschaften.

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Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Klassiker der WissenssoziologieHerausgegeben von Bernt Schnettler

Die Bände dieser Reihe wollen in das Werk von Wissenschaftlern einführen, die für die Wissenssoziologie – in einem breit verstandenen Sinne – von besonderer Relevanz sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um Autoren, zu denen bislang keine oder kaum einführende Literatur vorliegt oder in denen die wissenssoziologische Bedeutung ihres Werkes keine angemessene Würdigung erfahren hat. Sie stellen keinesfalls einen Ersatz für die Lektüre der Originaltexte dar. Sie dienen aber dazu, die Rezeption und das Verständnis des Œuvres dieser Autoren zu erleichtern, indem sie dieses durch die notwendigen biografie- und werkgeschichtlichen Rahmungen kontextualisieren. Die Bücher der Reihe richten sich vornehmlich an eine Leserschaft, die sich zum ersten Mal mit dem Studium dieser Werke befassen will.

»Thomas Luckmann« von Bernt Schnettler

»Marcel Mauss« von Stephan Moebius

»Alfred Schütz« von Martin Endreß

»Anselm Strauss« von Jörg Strübing

»Robert E. Park« von Gabriela Christmann

»Erving Goffman« von Jürgen Raab

»Michel Foucault« von Reiner Keller

»Karl Mannheim« von Amalia Barboza

»Harold Garfinkel« von Dirk vom Lehn

»Émile Durkheim« von Daniel Šuber

»Claude Lévi-Strauss« von Michael Kauppert

»Arnold Gehlen« von Heike Delitz

»Maurice Halbwachs« von Dietmar J. Wetzel

»Peter L. Berger« von Michaela Pfadenhauer

Weitere Informationen zur Reihe unter www.uvk.de/kw

»Haste is for the devil«(Islamisches Sprichwort aus Garfinkel 2000: 65)

»Ethnomethodologists are a bunch of bastards. But nobody knows whose bastards they are.«(Garfinkel 2007: 13)

Inhalt

Soziologie als Liebesabenteuer

Per Anhalter zur Soziologie

Soziologie und »Soziologische Einstellung«

Von der Phänomenologie zur Ethnomethodologie

Was ist Ethnomethodologie?

Ethnomethodologische Arbeitsanalysen

Ethnomethodologie und Soziologie

Wirkungen

Postscript: Garfinkels Waisen

Literatur

Zeittafel

Personenindex

Sachindex

I Soziologie als Liebesabenteuer

Erster Weltkrieg, ethnische Spannungen sowie wirtschaftliche Unsicherheit markieren die Umstände, unter denen Harold Garfinkel am 29. Oktober 1917 als Sohn von Abraham Garfinkel, einem Möbelhändler in der großen jüdischen Gemeinde von Newark (New Jersey) geboren wird. Die Gemeinde setzt sich aus Einwanderern zusammen, die sich bemühen, in den USA gesellschaftlich und wirtschaftlich Fuß zu fassen. Wie die gesamten USA wird die Gemeinde in den 1930er-Jahren von der Weltwirtschaftskrise erfasst. Ökonomische Unsicherheit und Existenzangst greifen um sich und hinterlassen ihre Spuren auch in Garfinkels Elternhaus. Als der junge Harold 1935 im Alter von 17 Jahren den Wunsch äußert, ein Universitätsstudium aufzunehmen, rät sein Vater ihm hiervon ab und fordert ihn stattdessen auf, einen ›richtigen‹ Beruf zu erlernen. Ein Kompromiss wird gefunden – Harold steigt in das Möbelgeschäft seines Vaters ein und belegt parallel dazu Kurse in Betriebswirtschaft und Buchhaltung (»Accounting«) an der University of Newark, dem heutigen Newark Campus der Rutgers University.

Der Kurs »Theorie der Buchhaltung« führt Harold in die Bilanzerstellung und die doppelte Buchführung ein. Er sensibilisiert den jungen Studenten dafür, dass Bilanzierung ein überaus praktischer Vorgang ist, wenngleich sehr viel über die Kategorien theoretisiert wird, die die Bilanz abdecken sollen. In Verbindung mit seiner Arbeit im Geschäft seines Vaters lernt Garfinkel in diesem Kurs, dass Bilanzen im Rahmen eines Unternehmens erstellt werden, in dem Buchhalter (»Accounts«) ihren Vorgesetzten und anderen Mitarbeitern gegenüber verantwortlich sind (Rawls 2002).

Als heranreifender Soziologe überträgt Garfinkel später sein Verständnis der Erstellung von Bilanzen auf die Analyse von Alltagshandlungen. Wie der Buchhalter für seine Arbeit in einem Unternehmen verantwortlich ist, so kann der Akteur im Alltag für seine Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden. Das Eintragen von Beträgen in Bilanzen wie auch Alltagshandlungen sind in Garfinkels Terminologie ›accounts‹, was in den wenigen Übersetzungen von Garfinkels Schriften in die deutsche Sprache häufig als ›Darstellung‹ wiedergegeben wird (z.B. Weingarten et al. 1976); Darstellungen sind »beobacht-und-berichtbare« (»observable-and-reportable«; Garfinkel 1967b: 1) Handlungen, für die Akteure zur Rechenschaft gezogen werden können, da sie als Handlungsausführende erkennbar sind. Ich komme in den folgenden Kapiteln dieses Buches noch verschiedentlich auf Garfinkels Konzept der praktischen Darstellung (›account‹ und ›accounting‹) und dessen Konsequenzen für Garfinkels Soziologie zurück.

An der University of Newark knüpft Garfinkel unter seinen Kommilitonen und Tutoren Bekanntschaften, die für seinen späteren Werdegang von großer Bedeutung sein werden: Melvin Tumin (später Anthropologe in Princeton), Herbert McClosky (später Politologe in Berkeley), Seymour Sarason (später Psychiater an der Yale University), Philip Selznick (später Soziologe an der UCLA) und Paul Lazarsfeld, der in den 1940er-Jahren bekanntlich die wissenschaftliche Soziologie und empirische Sozialforschung begründet. In Diskussionen mit seinen Kommilitonen und Tutoren entwickelt Garfinkel ein zunächst noch loses Interesse an der Soziologie und Philosophie. 1937 erwirbt er Talcott Parsons Klassiker The Structure of Social Action (Parsons 1937). Er fühlt sich sofort und vollkommen in den Bann der Soziologie und des soziologischen Denkens gezogen (siehe Rawls 2002).

Von hieran entwickelt Garfinkel ein weitläufiges Interesse an soziologischen Theorien und Debatten. Diese Auseinandersetzung mit soziologischem Denken sensibilisiert Garfinkel schon in den 1930er-Jahren für Fragen der Organisation von sozialen Zusammenhängen. Dies spiegelt sich insbesondere in einer preisgekrönten Kurzgeschichte mit dem Titel »Color Trouble« (Garfinkel 1940) wider, die er als 22-Jähriger in den späten 1930er-Jahren verfasst. In der Geschichte beschreibt er, wie Passagiere bei einer Busfahrt aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu unterschiedlichen ethnischen Gruppen voneinander getrennt werden und in ihrer Auseinandersetzung mit dem Busfahrer und der Polizei die etablierte soziale Ordnung aushandeln.

Nach dem Abschluss des Bachelor Studiums an der University of Newark (1939) entscheidet sich Garfinkel dazu das Master’s Studium der Soziologie an der University of North Carolina in Chapel Hill aufzunehmen. Dort hatte Howard Odum 1920 das Department of Sociology und 1924 das Institute for Research in Social Science gegründet (Brazil 1988). In Kapitel II beschäftige ich mich mit Garfinkels Studium in North Carolina und seiner Master’s Thesis (1942), in der er seine erste formale Auseinandersetzung mit der Soziologie vorlegt.

An sein Studium in North Carolina anschließend wird Garfinkel zur US-Air Force einberufen. Bis zum Kriegsende ist er damit betraut, Soldaten auf einem Golfplatz in Florida für Infanteriegefechte im Krieg gegen Panzer auszubilden. Nach dem Krieg geht Garfinkel 1946 nach Harvard, um dort unter Talcott Parsons zu promovieren. Gleichzeitig diskutiert er die Bedeutung der Phänomenologie für soziologische Fragestellungen mit Alfred Schütz und Aron Gurwitsch, die er regelmäßig in New York besucht (Barber 2004, Rawls 2002).

Der intensive Kontakt mit Gurwitsch und Schütz übt großen Einfluss auf das Denken von Garfinkel aus. Er nutzt seine phänomenologischen Einsichten über die Alltagserfahrung von Akteuren nicht zur Entwicklung einer Gegenposition zu Parsons, sondern um mit ihrer Hilfe neues Licht auf das Hobbes’sche Problem der sozialen Ordnung zu werfen, mit dem sich Parsons in The Structure of Social Action (1937) und The Social System (1951) auseinandersetzt. In dieser Zeit schreibt er nicht nur seine Doktorarbeit, die er 1952 erfolgreich abschließt (Garfinkel 1952), sondern auch ein Manuskript, das erst vor kurzer Zeit unter dem Titel Seeing Sociologically (Garfinkel 2006/1948) veröffentlicht wurde. Beide Schriften spiegeln Garfinkels Bemühen wider, eine spezifisch »soziologische Einstellung« (Psathas 2004: 17) zum Problem sozialer Ordnung zu entwickeln. Diese Perspektive soll erfassen, wie soziale Ordnung von Akteuren in der »natürlichen Einstellung« (Garfinkel 2006/1948: 127–129) hergestellt und erfahren wird.

Mit dem Konzept der ›natürlichen Einstellung‹ bezieht sich Garfinkel (1952, 2006/1948) auf Alfred Schütz und dessen Aufsätze zum Problem der sozialen Wirklichkeit (Schütz). In Kapitel III und IV werde ich dieses Konzept und Garfinkels Entwicklung einer spezifisch soziologischen Einstellung im Detail darstellen. Dabei werde ich erläutern, wie Garfinkel in seiner Doktorarbeit die Phänomenologie von Schütz benutzt, um eine eigenständige, von Parsons klar zu unterscheidende soziologische Perspektive zu entwickeln.

Während Garfinkel an seiner Promotion arbeitet, nimmt er einen Lehrauftrag an der Princeton University (New Jersey) an. Hier organisiert er 1952 eine Konferenz mit dem Titel »Problems in Model Construction in the Social Sciences«, bei der bedeutende Sozialwissenschaftler wie Talcott Parsons, Paul Lazarsfeld, Herbert Simon, Kenneth Burke, Alfred Schütz und Kurt Wolff sprechen. Schütz trägt hier sein Paper »Common-sense and Scientific Interpretations of Human Action« (Schütz 1953) vor, das neben seinem Aufsatz zu den »Mannigfaltigen Wirklichkeiten« (Schütz 1971) von besonderer Bedeutung für Garfinkels Denken wird. Zur gleichen Zeit arbeitet Garfinkel an einem Manuskript mit dem Titel »Toward a Sociological Theory of Information«, das aus seinen Vorlesungen in Princeton hervorgeht.1

Seine Bekanntschaft mit Kurt Wolff verhilft ihm nach Beendigung des Lehrauftrages an der Princeton University zu einer Anstellung an der University of Ohio. Hier leitet Wolff, der in den USA unter anderem für seine Übersetzungen von Georg Simmels Schriften bekannt ist, ein Forschungsprojekt zum Thema »Personalführung«. Als dieses Projekt Budgetkürzungen zum Opfer fällt, bietet ihm Fred Strodtbeck, ein alter Freund aus Newark, eine Position in einem interdisziplinären Forschungsprojekt an der University of Wichita (Kansas) an. In dem von der Ford Foundation geförderten »Jury Project« (Kalven 1966) werden unterschiedliche Bereiche des amerikanischen Rechtssystems analysiert. Im Rahmen dieses Projektes beschäftigt sich Garfinkel mit der Organisation von Geschworenensitzungen. Im Sommer 19532 präsentieren Garfinkel und seine Kollegen Strodtbeck und Mendlovitz Auszüge aus ihrer Forschung der Geschworenenberatungen auf der jährlichen Konferenz der American Sociological Association (ASA). Hier wählen sie die Bezeichnung ›ethnomethods‹, um die Handlungen zu charakterisieren, durch die Geschworene Entscheidungen treffen und begründen, so dass ihre Diskussionen als die von Geschworenen erkennbar werden. In Kapitel V dieses Buches beschäftige ich mich näher mit der Entwicklung der Ethnomethodologie und den Ethnomethoden.

Im Anschluss an die ASA Konferenz kommen Garfinkel wiederum Freundschaften zugute, die er während seines Studiums in North Carolina und Harvard geschlossen hat. Insbesondere Philip Selznick (1919–2010) wirkt auf den Dekan des Department of Sociology an der University of California in Los Angeles ein, Garfinkel einzustellen. 1954 tritt Garfinkel als Assistant Professor an der UCLA an. Der Beginn seiner Lehrtätigkeit fällt in die Zeit wachsender Bedeutung dieser Universität, die bis zum heutigen Tag zu den Spitzenuniversitäten der USA zählt. Dort arbeitet Garfinkel mit vielen Studenten und Kollegen, die als Ethnomethodologen und Konversationsanalytiker bekannt geworden sind.

Einer der Bekanntesten unter diesen Studenten ist Harvey Sacks, der gemeinsam mit Gail Jefferson und Emanuel Schegloff als Begründer der Konversationsanalyse (Sacks 1992, Schegloff 2007) gilt. Als Student lernt Sacks Garfinkel 1959 in Harvard kennen, wo dieser ein Forschungsfreisemester verbringt. Sacks, der unter anderem Seminare von Noam Chomsky am MIT in Cambridge (Massachusetts) besucht, interessiert sich insbesondere für die Entscheidungsfindung in juristischen Prozessen und für das Problem der Adäquatheit soziologischer Beschreibungen (Silverman 1998). Garfinkel teilt diese beiden Interessen, hatte er sich doch schon in seiner Master’s Thesis und im »Jury Project« mit Darstellungsproblemen im juristischen Entscheidungsprozess beschäftigt. Sacks wechselt 1960 nach Berkeley, wo er seine Interessen an der Jurisprudenz unter Garfinkels Freund Philip Selznick weiterverfolgt. An der Westküste der USA angekommen, hält Sacks engen Kontakt mit Garfinkel, dessen unveröffentlichte Manuskripte er liest und mit Kommilitonen diskutiert. Garfinkels Manuskripte üben einen großen Einfluss auf Sacks aus, was sich insbesondere in seinen Vorlesungen zur Praxis der Jurisprudenz widerspiegelt (Schegloff 1989). 1963/64 ermuntert Garfinkel Sacks, an die UCLA zu kommen, um dort mit ihm an einem Forschungsprojekt am Center for the Scientific Study of Suicide in Los Angeles zu arbeiten. Sacks, dessen Promotion unter Erving Goffman in Berkeley ins Stocken geraten war, sammelt in diesem Projekt die Daten, die er für seine Doktorarbeit (Sacks 1966) verwenden wird (Schegloff 1992).

Garfinkel arbeitet in diesen Jahren an zumindest zwei Buchmanuskripten, die beide bis zum heutigen Tag unveröffentlicht bleiben. Das erste Buchmanuskript, »Parsons’ Primer«, setzt sich mit Parsons’ Lösung des Problems der sozialen Ordnung und dessen Kritikern auseinander. Das Manuskript spiegelt Garfinkels Bewunderung für das Werk seines Lehrers wider und weist viele der Kritiken an Parsons’ Theorie als trivial und irrelevant ab. Es zeigt jedoch auch auf, wo der nunmehr 43-jährige Soziologe Unstimmigkeiten in Parsons’ Theorie sieht. Insbesondere weist Garfinkel darauf hin, dass Parsons’ Theorie nicht dabei hilft, die Perspektive des Akteurs in Situationen zu erfassen, sondern, wie Schütz es nennt, eine Beobachterperspektive zweiter Ordnung einnimmt. Das zweite unveröffentlichte Buchmanuskript (1962), eine Sammlung von Aufsätzen mit dem Titel »Some Sociological Methods for Making Everyday Activities Observable« besteht aus 18 Kapiteln, die sich mit theoretischen, empirischen und programmatischmethodologischen Fragen auseinandersetzt (Schegloff 1999). Einige der in diesem Buch gesammelten Aufsätze werden später als Zeitschriftenartikel veröffentlicht und erscheinen in Garfinkels Studies in Ethnomethodology (1967a). Aber weder »Parsons’ Primer« noch das umfangreichere zweite Buch wurden bisher vollständig veröffentlicht. Viele der Aufsätze sowie verschiedene Versionen des »Parsons’ Primer« kursieren bis zum heutigen Tage in verschiedenen Versionen als graue Literatur unter Ethnomethodologen.3

1967 erscheint Garfinkels Hauptwerk Studies in Ethnomethodology. Bleiben die in Zeitschriften erschienenen Aufsätze, die Eingang in die Studies fanden, relativ unbeachtet, führt ihre Veröffentlichung in Buchform zu heftigen Auseinandersetzungen, die auf Konferenzen und Tagungen (Coser 1975, Gellner 1975) ausgetragen werden und sich in zahlreichen kritischen Buchbesprechungen niederschlagen (Bruyn 1968, Busfield 1968, Coleman 1968, Wallace 1968, Wilkins 1968). Während die einen Garfinkel als einen »Scharlatan« und »Sektenführer« (Coser 1975)4 beschimpfen, sehen die anderen in der Ethnomethodologie einen Gegenpol zu Parsons’ Funktionalismus und der damit eng in Verbindung stehenden quantitativen empirischen Sozialforschung. Diese Polarisierung von Ethnomethodologie und ›traditioneller‹ oder ›konventioneller‹ Soziologie wird durch die teilweise polemische Sprache forciert, die Garfinkel und seine Studenten in ihren Veröffentlichungen verwenden (z.B. Garfinkel & Sacks 1970/2004, Garfinkel & Wieder 1992). Bis zum heutigen Tage weisen Einführungen in die Soziologie, die die Ethnomethodologie als einen wichtigen Beitrag zur Disziplin erachten, auf die Randstellung Garfinkels im Fach hin. Sie sehen ihn als einen Gegner von Theorien, wie sie Durkheim oder Parsons entwickelt haben. Insbesondere in Kapitel V und VII dieses Buches setze ich mich mit dem Verhältnis von Garfinkels Ethnomethodologie und den Theorieentwürfen der ›traditionellen‹ Soziologie auseinander.

In den 1970er-Jahren verbringt Garfinkel Forschungsaufenthalte in Manchester (1973), Stanford (1975/76) und Oxford (1979/80). Hier entwickelt er seine Vorstellungen zu Lehre und Forschung in der Soziologie weiter und beschäftigt sich mit den Arbeitspraktiken von Naturwissenschaftlern. Seine Teilnahme an Seminaren in Boston und Manchester unterstützt den dortigen Aufbau von soziologischen Fakultäten, die ihren Schwerpunkt auf die Ausbildung von Ethnomethodologen und Konversationsanalytikern legen (Psathas 2008). Gemeinsam mit Michael Lynch und Eric Livingstone begründet Garfinkel die ethnomethodologischen Studies of Science, die die soziale Produktion von naturwissenschaftlichen Entdeckungen offenlegen (Garfinkel, Lynch & Livingston 1981, Lynch, Garfinkel & Livingstone 1983). Auf die Analysen der Arbeit von Wissenschaftlern in Labors gegründet entwickelt Garfinkel auch ein weitergehendes Interesse an der Arbeitssoziologie und gibt ein Buch mit dem Titel Ethnomethodological Studies of Work (1986) heraus. Hierin befinden sich neben seinem gemeinsam mit Harvey Sacks verfassten Aufsatz (Garfinkel & Sacks 1970/2004) Beiträge von einigen seiner Studenten, die sich mit der Praxeologie von Arbeit beschäftigen.

In jüngeren Veröffentlichungen, die nach seiner Emeritierung (1987) erscheinen, kehrt Garfinkel zu seiner Auseinandersetzung mit Parsons und Durkheim zurück. Dadurch will er dem Eindruck entgegenwirken, die Ethnomethodologie sei der Versuch, einen Forschungszweig zu begründen, der eine Alternative zu der von Durkheim und Parsons vorgeschlagenen Soziologie darstellt. In Ethnomethodology’s Program (Garfinkel 1996, 2002) argumentiert er, es sei die Soziologie, die sich von Durkheims Programm entfernt habe. Die soziologische Forschung trage zwar zum Wachsen eines soziologischen Korpus bei, doch trete dabei das Phänomen ›soziale Ordnung‹, das im Zentrum der Analysen von Durkheim wie auch Parsons stand, in den Hintergrund. Das Verständnis sozialer Phänomene erfordere eine spezifisch soziologische Einstellung. Diese Einstellung, so Garfinkel (2002), könne nicht durch konventionelle Lehrveranstaltungen und das Lesen von sozialwissenschaftlicher Literatur vermittelt werden, sondern verlange Lehrmethoden, die die praktische Herstellung sozialer Ordnung erfahrbar machen. Zu diesem Zweck entwickelt er im Laufe seiner Karriere praktische Übungen oder Demonstrationen, die erfahrbar machen, dass jeder Handlung soziale Ordnung inhärent ist. Einige dieser Demonstrationen beschreibt er in seinem Buch Ethnomethodology’s Program. Working Out Durkheim’s Aphorism (2002).

Seit seiner Emeritierung ist Garfinkels Beitrag zur Soziologie verschiedentlich gewürdigt worden. So wurde ihm 1998 die Ehrendoktorwürde der University of Nottingham und 2007 der EMCA Lifetime Achievement Award der Sektion »Ethnomethodology and Conversation Analysis« der American Sociological Association verliehen. Zudem nahm er an Workshops und Konferenzen teil, die von Lucy Suchman am PARC (Xerox, Palo Alto), der ASA Sektion »Ethnomethodology and Conversation Analysis« und des »International Institute of Ethnomethodology and Conversation Analysis« organisiert wurden. Bis zu seinem Tod am 21. April 2011 hat Garfinkel ein großes Interesse an der Erforschung alltäglicher Aktivitäten verfolgt. Dabei interessierten ihn die interaktive Konstitution von Menschenschlangen und Verkehrsstaus, die praktische Arbeit von Naturwissenschaftlern oder die vielen anderen Themen, die Studenten unterschiedlichster Fakultäten und Disziplinen wählen, um dem Problem sozialer Ordnung auf den Grund zu gehen.

Garfinkels empirische Untersuchungen beruhen auf einer theoretischen Perspektive, die er schon in den 1940er-Jahren zu entwickeln begann. Der vorliegende Band in dieser Buchreihe arbeitet diese spezifische Perspektive in ihrer intellektuellen Entwicklung und ihrer wissenssoziologischen Reichweite heraus. So soll er als Einführung in die Relevanz von Garfinkels Denken und Wirken für wissenssoziologisch fundierte empirische und theoretische Arbeiten dienen.

1 Das Manuskript wird erst 2008 unter der Herausgeberschaft von Anne Rawls veröffentlicht (Garfinkel 2008).

2 Garfinkel (2002) datiert die Konferenz auf 1953, während Psathas (2004) nach seinen Recherchen davon ausgeht, dass der Vortrag erst 1954 gehalten wurde.

3 In diesem Buch beziehe ich mich weitestgehend auf veröffentlichte Artikel und Bücher von Garfinkel. Nur am Rande erwähne ich an gegebener Stelle das unveröffentlichte Manuskript Parsons’s Primer (1960). Seine Doktorarbeit wurde zwar nicht veröffentlicht, ist jedoch als Microfiche zugänglich.

4 In seiner kritischen Besprechung von Talcott Parsons Buch Sociological Theory and Modern Society weist John Finley Scott (1968: 456, Fn 2) auf den unverständlichen Schreibstil Garfinkels hin, der zum Kultstatus der Ethnomethodologie beigetragen hätte. Garfinkels Schriften seien außerdem, so Scott, vor ihrer Veröffentlichung in Privatseminaren von Studenten gelesen worden, wobei »manchmal die Lichter verdunkelt wurden«. Derartige Charakterisierungen der Ethnomethodologie halten sich bis zum heutigenTag (s.a. Martin 2011: xi).

II Per Anhalter zur Soziologie

Garfinkels Entscheidung für ein Studium in Chapel Hill (North Carolina) fällt 1939, als er während eines von Quäkern organisierten Summer Camps seine Zukunftspläne mit Morris Mitchell diskutiert, der an der Columbia School of Education arbeitet. Mitchell rät Garfinkel zu einem Studium der Soziologie in Chapel Hill an der University of North Carolina, wo Howard Odum 1920 das Department of Sociology und 1924 das Institute for Research in Social Science gegründet hatte (Brazil 1988, Johnson 1955). Mitchells Erläuterungen zur Bedeutung von Odums Forschungszentrum in der US-amerikanischen Soziologie überzeugen Garfinkel. Im Anschluss an das Summer Camp packt er seine Sachen und macht sich per Anhalter direkt auf den Weg nach North Carolina, um dort Soziologie zu studieren.

In Chapel Hill angekommen, begibt sich Garfinkel direkt zum Haus von Howard Odum. Als er dem berühmten Soziologen gegenübertritt und ihm sein Anliegen vorbringt, dass er Soziologie studieren wolle, aber ohne Mittel dastehe, schaut dieser ihn an und sagt, wie Garfinkel sich erinnert, »Du bist ein New Yorker Jude, der aufs Land gekommen ist. Ich werde dich unterstützen« (Garfinkel in Rawls 2002: 11). Garfinkel wird zum Studium zugelassen und erhält ein Stipendium, womit er sich seinen Traum erfüllen und Soziologie studieren kann.

In diesem Kapitel werde ich die Entwicklung Garfinkels zum Soziologen nachzeichnen. Dabei beginne ich mit Garfinkels Erfahrungen der Trennung ethnischer Gruppen in North Carolina und wie sie sich in seinem Studium an Howard Odums Forschungszentrum niederschlagen. Die Darstellung konzentriert sich dabei auf eine von Garfinkel verfasste Kurzgeschichte sowie den Inhalt seiner Master’s Thesis.

»Color Trouble« – Eine Kurzgeschichte

Der Alltag der 1930er-Jahre in North Carolina ist von einer strikten Trennung ethnischer Gruppen gekennzeichnet. Beispielsweise müssen schwarze Passagiere in Bussen die hinteren Plätze einnehmen und schwarze Männer dürfen weiße Frauen auf der Straße nicht anlächeln und schon gar keine persönlichen Beziehungen zu ihnen aufbauen. Garfinkel, der ja selbst in einer Einwanderergemeinde aufgewachsen ist, ist für die Problematik sensibilisiert, die sich daraus für die Akteure ergibt. Im Lichte seiner Erfahrungen schreibt er im Winter 1939 eine Kurzgeschichte mit dem Titel »Color Trouble« (Garfinkel 1940). Garfinkel schildert darin einen Vorfall, den er auf einer Busreise von Washington DC nach Durham in North Carolina beobachtet hat (Doubt 1989).

Die Kurzgeschichte beginnt, als der Bus auf seiner Reise von Washington DC pünktlich seine Zwischenstation in Petersburg (Virginia) erreicht. Hier steigen ein junger, leicht dunkelhäutiger Mann und seine schwarze Begleiterin ein, die im weiteren Verlauf zu den Hauptdarstellern der Geschichte werden. Der Fahrer des Busses weist ihnen zwei Plätze im hinteren Teil des Busses zu. Das Paar widersetzt sich jedoch seiner Anordnung, wodurch sich eine immer heftiger werdende Auseinandersetzung entfacht.

Im Zentrum der Erzählung stehen die unterschiedlichen Perspektiven der beteiligten Akteure auf die nur anscheinend objektive, gesetzlich-sanktionierte soziale Ordnung. Der Busfahrer ist dafür verantwortlich, dass der Bus pünktlich sein Ziel erreicht. Kommt es zu Verspätungen, muss er dafür seinen Passagieren und Vorgesetzten gegenüber Rechenschaft ablegen. Eine immer wieder angegebene Begründung für die Verspätung von Bussen ist ›color trouble‹.

Zu ›color trouble‹ kommt es, wenn sich schwarze Passagiere den Anweisungen des Fahrers widersetzen und dadurch die Abfahrt des Busses verzögern. Bei der hieraus entstehenden Auseinandersetzung werden die Fahrer immer wieder vor das Problem gestellt, ihre Platzanweisungen den schwarzen Passagieren gegenüber begründen zu müssen. In der Erzählung beruft sich der Fahrer des Busses auf die Gesetzgebung des Staates Virginia, auf dessen Gebiet sich der Bus zu diesem Zeitpunkt befindet. Das junge Paar widersetzt sich hartnäckig seinen Anweisungen, sodass die Polizei herbeigerufen wird, um die Weiterfahrt des Busses zu gewährleisten. Wie der Fahrer, so weisen auch die Polizisten auf die staatliche Gesetzgebung hin und fordern das Paar auf, seinen Platz im hinteren Teil des Busses einzunehmen.

Das Paar nimmt demgegenüber eine andere Perspektive ein. Mit Hinweis auf die amerikanische Verfassung, die allen freien Bürgern die gleichen Rechte zusichert, begründet die junge Frau ihre Forderung, ihren Sitzplatz im Bus frei wählen zu können. Zudem seien die Sitze, die der Fahrer ihnen zugewiesen hat, beschädigt. Weil sich die Auseinandersetzungen eine Zeit lang hinziehen, werden die anderen Passagiere allmählich ungeduldig und machen ihrem Ärger über die Verspätung des Busses Luft. Die Ereignisse spitzen sich in ihrem Verlauf immer weiter zu und enden mit der Festnahme des Paares, das abgeführt und auf eine Polizeiwache gefahren wird.

Vorfälle wie die in Garfinkels Kurzgeschichte5 Geschilderten waren in den US-amerikanischen Südstaaten der späten 1930er-Jahre offenbar keine Seltenheit, wie Johnson (1941) in seinem Aufsatz anmerkt; »Vielleicht ist die Wahrheit aussagekräftiger als die Vorstellungskraft!« (Johnson 1941: 95–96, Fn3). Und tatsächlich trägt derartiger ziviler Ungehorsam einige Jahre später zum ›Civil Right Movements‹ in den USA bei. 1955 weigert sich Rosa Parks in Montgomery (Alabama), den Anweisungen eines Busfahrers Folge zu leisten. Ihre Handlungen münden in einen breiten Boykott des öffentlichen Nahverkehrs in Montgomery. Die anschließenden Gerichtsverhandlungen erklären ungleiche Behandlungen von ethnischen Gruppen in Bussen von Alabama für verfassungswidrig (Davis 1999).

Anhand dieser Geschichte zeigt sich schon in dieser frühen Phase von Garfinkels Soziologiestudium sein Interesse an der Problematik von ›accounts‹ – d.h. Darstellungs- und Begründungshandlungen, die Akteure in Situationen produzieren, um ihre Handlungen zu rechtfertigen und ihre Sicht der sozialen Ordnung darzustellen (›to give an account of‹). Die Erzählung stellt prosaisch dar, wie Akteure ihre jeweilige Perspektive in Situationen darstellen und begründen; wie also die beiden Passagiere ihr Recht begründen, die von ihnen gewählten Plätze im Bus einzunehmen, warum sich der Fahrer bei der Begründung seiner Entscheidung, auf die Zuweisung von Plätzen im hinteren Teil des Busses zu bestehen auf die staatliche Gesetzgebung beruft, warum die Fahrgäste mit Blick auf den Fahrplan ihre Ungeduld anzeigen, und warum die Polizisten darauf beharren, dass den staatlichen Gesetzen Folge zu leisten ist.

Die soziale Ordnung vor Gericht

Der Inhalt der Geschichte steht in engem Zusammenhang mit der Forschung, die Howard Odum und seine Kollegen am Department of Sociology der University of North Carolina beschäftigt. Odum befasst sich in dieser Zeit insbesondere mit interethnischen Beziehungen. Sein Mitarbeiter Guy B. Johnson betreut Garfinkel während seines Studiums. Er vertieft und fördert das Interesse des jungen Studenten an der Soziologie und führt ihn unter anderem in die Soziologie von William I. Thomas ein. Gleichzeitig setzt sich der junge Student mit den Arbeiten von Florian Znaniecki auseinander, der durch sein mit William I. Thomas verfasstes Buch The Polish Peasant in Europe and America (1920) bekannt geworden ist. Insbesondere Znanieckis Buch Social Actions (1936) wird von Garfinkel und seinen Kommilitonen geschätzt; diese Lektüre weist Garfinkel den Weg zur Entwicklung einer soziologischen Perspektive, mit welcher der Blickwinkel der Akteure nachvollzogen werden soll. Zudem liest er zu dieser Zeit C. Wright Mills (1940) Aufsatz »Situated Actions and Vocabularies of Motive« und Kenneth Burkes Untersuchungen zu Theorien über die Zuschreibung von Motiven (Burke 1992/1945). Diese beiden Autoren sind neben Karl Mannheim (1952) für die Entwicklung seines Interesses an Darstellungen (›accounts‹) und seiner ›Dokumentarischen Methode‹ von großer Bedeutung (siehe Kapitel V).

Guy B. Johnson führt Garfinkel an das soziologische Arbeiten heran, indem er ihn in eines seiner Forschungsprojekte einbindet. Darin sucht Johnson nach einer Erklärung für die unverhältnis