Verlag: Delius Klasing Kategorie: Lebensstil Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Hart wie das Eis - Doris Renoldner

Zwischen Frieren und Staunen: Mit dem Segelschiff durch die Nordwestpassage 7.000 harte Seemeilen liegen zwischen Alaska und Grönland. Hier im Nordpolarmeer herrschen Wassertemperaturen unterhalb des Gefrierpunkts – wer da von Bord geht, kommt nicht zurück. Gleichzeitig begeistert die raue Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik mit imposanten Eisbergen, abgelegenen Inuit-Dörfern und malerischen Fjorden, in die sich kaum eine Menschenseele verirrt. Ein Traum für unerschrockene Abenteurer und Blauwassersegler. 111 Jahre, nachdem Roald Amundsen die Nordwestpassage erstmals komplett durchfuhr, folgen ihm Doris Renoldner und Wolfgang Slanec auf einem atemberaubenden Segeltörn. Zwei Sommer verbringen die beiden Seenomaden auf ihrem 13 Meter langen Segelschiff Nomad und erleben dabei eine wahre Odyssee, bei der nicht immer alles nach Plan läuft. In diesem Buch erleben Sie hautnah, • wie es sich anfühlt, im Nebel durch Packeis zu navigieren, • wie zehn Eisbären den ersehnten Landgang verhindern, • was passiert, wenn das Meer zum Feind wird • und warum eine Arktis-Expedition trotz aller Gefahren das schönste Abenteuer für Segler ist. Arktis-Reisen: Ein Wettlauf gegen das Eis Offen plaudern die beiden österreichischen Autoren auf 240 Seiten aus dem Nähkästchen ihres Segeltörns von Grönland nach Alaska, erzählen vom Zittern vor Kälte und vom Zittern vor Angst. Was Worte nicht beschreiben können, zeigen die 120 Fotos ihrer Reise: die beeindruckende Weite, die Stille menschenleerer Landschaften und eine unnachahmliche Faszination. Doch zum Staunen bleibt nicht viel Zeit, denn die Sommer in der Arktis sind kurz und die Nordwestpassage ist nicht lange eisfrei. Hart wie das Eis. Unter Segeln durch die Nordwestpassage ist eine Ode an das Blauwassersegeln in seiner abenteuerlichsten Form. Ein Highlight für alle Segler und Freizeit-Polarforscher!

Meinungen über das E-Book Hart wie das Eis - Doris Renoldner

E-Book-Leseprobe Hart wie das Eis - Doris Renoldner

 

 

 

Für alle Arktisforscherund für die Entdecker, Neugierigen undRastlosen unter Euch.

Foto von Sir John Franklinaus Jane Maufes Privatarchiv.

 

 

INHALT

Übersichtskarte

Vorwort

Prolog

TEIL I

GRÖNLANDNuuk – Sisimiut

RÜCKKEHR IN DIE KÄLTENuuk

SKI UND SAILKobbefjord

IN DER EISBUCHTQunnertooq, Hamborgersund

NEUSCHNEEManiitsoq und Ataa Bucht

AUF BILL TILMANS SPURENTasiussaq

DIE TROMMELTÄNZERINKangaamiut

ZUFLUCHTSORTItivdleq

GEHT DAS?Sisimiut

TEIL II

GRÖNLANDSisimiut – Innaarsuit

GRÖNLAND HEUTESisimiut

SCHLAFLOS IN GRÖNLANDDiskobucht

GEFÄHRLICHES EISOqaatsut (Rode Bay)

GEHEIMBUCHTAtaa Sund (Ikerasak)

DER ABSCHNEIDERTorssukatak-Fjord

OSTWINDInsel Qeqertat

VOGERLTANZUpernavik Kujalleq

LIEBER ZU VIERTUpernavik

TAKUSS GRÖNLANDInnaarsuit

TEIL III

KANADISCHE ARKTISDundas Harbour – Inuvik

GREIFBARE REALITÄTDundas Harbour

KINDER DES EISESArctic Bay

ÜBERMASS AN LEEREPort Leopold und Batty Bay

GEFÄHRLICHE STRUDELFort Ross und Bellot Strait

SUUM CUIQUEGjoa Haven

ENGES ZEITKORSETTSimpson Strait und Cambridge Bay

KOSTBARKEITEN IM NIRGENDWOEdingburgh Island

KLEINE SCHRITTEPearce Point Harbour

FÜR JANUSZSummer’s Harbour, Booth Island

NEUE IDEETuktoyaktuk

CRAZYMackenzie River

SCHLAMMPACKUNGInuvik Werft

TEIL IV

WESTLICHE ARKTISInuvik – Nome

HOCHSOMMER IN DER ARKTISInuvik

ZURÜCK INS EISMEERMackenzie River

BBQ AM EISMEERTuktoyaktuk

VERHAFTET VOM STURMHerschel Island

FRÜHSTÜCK MIT BÄRENCross Island

NEBEL UND EISZwischen Cross Island und Barrow

AM NÖRDLICHSTEN ZIPFEL DER USABarrow

HOLPRIGE MEILENBarrow bis Nome

GOLDFIEBERNome

TEIL V

SÜDWEST-ALASKANome – Seward

DER LETZTE WILDE ANKERPLATZInsel Nunivak

PAZIFIK WIR KOMMENDutch Harbor, Aleuten

HARTE TYPEN, WILDE KERLEKing Cove

SALZIGE ERINNERUNGENSand Point – Kodiak

RUNDE SACHEInsel Kodiak, Larsen Bay

BÄRIGGeographic Harbor

IM REICH DER TIDEShelikof Strait + Whale Passage

SCHNAPSIDEEKodiak Stadt

SAISONENDEAfognak bis Seward

POST SAILING BLUESSeward

Anhang

Danksagung

 

 

 

 

VORWORT

Die Arktis ist eine furchteinflößende Wüste aus Eis, brutal lebensfeindlich, beinahe menschenleer – und atemberaubend schön. Unvorstellbar groß ist sie außerdem: ein Archipel wie ein Kontinent, manche der vergletscherten Inseln übertreffen flächenmäßig Deutschland oder Frankreich. Verbunden sind sie durch ein Labyrinth eisführender Passagen, in denen über die Jahrhunderte immer wieder Schiffe und Expeditionen mit Mann und Maus verschwunden sind. Aber je unerreichbarer, je abweisender eine Landschaft ist, desto magnetischer zieht sie einen ganz bestimmten Menschenschlag an: Jäger und Fischer, Abenteurer und Käuze, Forscher und Rekordjäger – Individualisten allesamt, sensibel genug, dem Zauber der Polarregion rettungslos zu verfallen, aber auch fähig und diszipliniert genug, um lebend in die Zivilisation zurückzukehren.

Auch meinen Freund und Skipper David Scott Cowper und mich lässt das Polarmeer nicht mehr los. Wir befahren es auf Davids Expeditionsboot Polar Bound und folgen den Spuren meines Urururgroßonkels Sir John Franklin, der vor 170 Jahren mit seiner Expedition im Polareis verschwunden ist. Was uns antreibt, ist die Ambition, jeden Winkel und jede Variante der legendären Nordwestpassage zu erkunden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir auf dieser Route ausgesprochen selten auf andere Menschen treffen, aber wenn, dann sind es stets denkwürdige Begegnungen.

In Nome, an der Westküste von Alaska, kreuzten wir den Pfad der Nomad, einer 30 Jahre alten, 41 Fuß langen Alu-Sloop. Nomad ist nicht einfach nur der Name der Yacht, es ist das Lebensprogramm des Eignerpaares Doris und Wolf:Sie nennen sich selbst Seenomaden und haben mittlerweile zweieinhalb Weltumsegelungen hinter sich; wahrscheinlich gibt es keinen tropischen Traumstrand, vor dem sie nicht schon geankert haben.

David Scott Cowper und Jane Maufe an Bord der Polar Bound in Nome/Alaska

Doch auch sie ließen sich vom Eis in den Bann ziehen: In den letzten paar Jahren haben sie tausende Meilen in extremen Breiten zurückgelegt. Nachdem sie um Kap Hoorn gesegelt sind, haben sie ihren Blick auf die letzte, die extremste Herausforderung gerichtet, den Everest des Hochseesegelns: die Nordwestpassage.

In diesen verrückten Fernsehshows würde an dieser Stelle ein Warnhinweis folgen, etwa „don’t try this at home!“

Arktische Gewässer, speziell die Nordwestpassage, sind selbst in Zeiten der globalen Erwärmung kein Spielplatz für Yachties, sondern eine endlose, abgeschiedene, gefrorene Einöde, in die sich nur vorwagen sollte, wer die Statur, die Mentalität und die Ausrüstung mitbringt, um in jeder, wirklich jeder Lage autark leben und überleben zu können.

In dieser Umwelt, die nicht den kleinsten Fehler verzeiht, bewegen sich die Seenomaden mit beispielhafter Umsicht. An einem eisigen Tag in Nome sah ich zu, wie Wolf ins Masttopp stieg, um das Rigg der Nomad zu überprüfen. Der Polarwind blies ihm durch Mark und Bein, aber er blieb da oben, bis der Job erledigt war. Keine Kompromisse.

Bedacht, Sorgfalt, Geschick, Wissen und die eiserne Konsequenz, auch unter widrigsten Bedingungen weiterzumachen, sind in der Arktis das halbe Überleben. Die restlichen 50 Prozent bestehen in einer gesund konservativen Risikoeinschätzung, verbunden mit der Bereitschaft, Pläne zu ändern, wenn es die Bedingungen erfordern.

Jane Maufe ist eine Urururgroßnichte des tragischen Arktishelden Sir John Franklin. An der Seite von David Scott Cowper bereist sie auf der Polar Bound, einem umgebauten 48-Fuß-Rettungsboot, die Schauplätze der legendären Tragödie der Franklin-Expedition. In arktischen Gewässern wird man keinen kompetenteren Skipper finden als David: Er hat als Erster die Welt in beiden Richtungen solo umsegelt, dabei mehrere Weltrekorde aufgestellt und später alle sieben theoretisch möglichen Routen durch die Nordwestpassage befahren – die Mehrzahl davon solo.

Die Seenomaden waren mehr als einmal klug genug, ihr Risiko zu beschränken. Der Preis waren jahrelange Verzögerungen, aber der Lohn war letztlich eine erfolgreiche, sichere Fahrt durch die Nordwestpassage nach Alaska. Dort, in Nome, haben wir sie getroffen. Sie tankten gerade Wasser auf und trafen letzte Vorbereitungen für den Schlag nach Süden zum Winterliegeplatz in Seward.

Für David war es ein freudiges Wiedersehen, denn er war Doris und Wolf schon einmal begegnet, am buchstäblich anderen Ende der Welt, in Patagonien. Entsprechend viel gab es zu erzählen, als wir an Bord der Nomad beisammen saßen. Wir tauschten Abenteuergeschichten, Anekdoten und Reisetipps und verkosteten dabei den exzellenten österreichischen Marillenschnaps. In dieser Nachbarschaft hätten wir gern ein paar Wochen verbracht …

Aber der Winter stand vor der Tür, und schon wenig später liefen Wolf und Doris Richtung Dutch Harbour auf den Aleuten aus. David und ich gingen bald darauf auf Davids bereits achte und meine dritte Fahrt durch die Nordwestpassage und weiter nach Schottland.

Was mir von den Gesprächen mit den Seenomaden in Erinnerung bleibt, ist die tiefe Sorge, die wir teilen: Begeistert von der einsamen Schönheit der Arktis, spüren wir zugleich, wie akut bedroht dieses zerbrechliche Ökosystem ist.

Wir sehen bang das Vordringen der großen Kreuzfahrtschiffe in bis vor kurzem unbefahrbare Passagen. Wir erschrecken über den weithin fahrlässigen, gedankenlosen Umgang mit den Ozeanen und den Geschöpfen, die darin leben. Wir beobachten, wie eine Flut von Plastik dieses einzigartige Habitat verwüstet und alles gefährdet, was in – und auch von – den Meeren lebt.

Diese Bedrohung ist global, aber ihr dramatisches Fortschreiten in der isolierten, menschenleeren Arktis blieb bis in die allerjüngste Zeit unbemerkt. Jetzt, da die globale Erwärmung den Zugang ermöglicht, sind wir Arktisreisenden in der Verantwortung, die Welt zu alarmieren und zu informieren.

Wolf und Doris sind in dieser Hinsicht in einer einzigartigen Position. Ihre Bücher mit diesem fantastischen Reichtum an Bildern erreichen so viele Menschen, gleiches gilt für ihre Vorträge. Jetzt erscheint ihr Buch über ihr Abenteuer Nordwestpassage. Der Einladung, dafür das Vorwort zu schreiben, komme ich mit doppelter Freude nach: Einerseits ist es ein faszinierender, bildstarker Reisebericht aus dem unzugänglichsten Segelrevier der Welt, andererseits steckt eine wichtige Botschaft darin – für alle, denen die Gesundheit der Ozeane, der Schutz des Klimas und die Zukunft unseres Planeten am Herzen liegt.

JANE MAUFE, Februar 2018

PROLOG

Am Ende fängt alles an

Ich zähle nicht zu den Mutigen und Waghalsigen dieser Welt, ich zittere öfter, als mir lieb ist. Beim Autofahren zum Beispiel oder beim Klettern in steilen Wänden, manchmal auch in brenzligen Situationen auf See. Doch ein Fieber sitzt in mir: die Neugier. Sie siegt über meine Ängste und treibt mich zu neuen Horizonten.

Jahrzehntelang faszinierte uns das Segeln in warmen Gefilden, in den Tropen. Nun zieht es uns in den Norden. Und wenn schon Norden, dann richtig. Wir träumen von der Arktis. Wir möchten dorthin, wo es Wildnis ohne Hashtags gibt, wo die Mitternachtssonne scheint und die Welt weit, klar und still ist.

Unsere Reise durch die Nordwestpassage kennt viele Anfänge. Zuerst war da der flüchtige Gedanke, diese schwierige Route irgendwann einmal in Angriff nehmen zu wollen, dann die Verfestigung zur tatsächlichen Absicht und schließlich die ernsthafte Durchführung des einstigen Hirngespinsts. Trotz vieler Hindernisse. Trotz des stürmischen Wetters, des Nebels, der klimatischen Extreme. Trotz der Erschöpfung und Entbehrungen. Trotz der tückischen Gewässer, trotz Packeis und Eisbärengefahr. Trotz der Gespenster der Vergangenheit, die der Begriff Nordwestpassage heraufbeschwört. Ein Seeweg, der auf vielen Weltkarten gar nicht verzeichnet ist. Eher eine Vorstellung als ein Ort. Aber genau diese Vorstellung zieht uns magisch an, wir können dem Sog einfach nicht widerstehen. Eines ist klar: Die Ziele dieser Odyssee liegen weit entfernt vom bekannten Universum.

Mit zwei Weltumsegelungen im Kielwasser lösten wir 2012 zum dritten Mal die Leinen, segelten quer Mittelmeer und über den Atlantik in die Karibik, verbrachten den Sommer 2013 in den maritimen Provinzen von Kanada und stellten unsere Nomad in Lewisporte, an der Nordostküste von Neufundland, ins Winterlager. Der Plan, Grönland im darauffolgenden Sommer anzusteuern, wurde wegen Wolfs Rückenproblemen verschoben. Stattdessen fuhren wir erneut gen Süden, erkundeten die Ostküste der USA und wärmten uns im Winter auf den Bahamas und in Kuba auf. Dann setzten wir nochmals Kurs auf Grönland und erreichten das ersehnte Ziel im Juli 2015. Fazit: Drei Jahre, 25.000 Seemeilen und 50 Grad Unterschied sowohl was die Temperatur als auch die Breitengrade betrifft. Drei Jahre, die uns von der Adria in die Arktis brachten, und über die ich im Buch So wild wie das Meer erzähle.

Fast drei Monate stromerten wir 2015 die Westküste Grönlands entlang, besuchten Dörfer, Fjorde, Buchten, lächelten in vollmondige Inuit-Gesichter, sinnierten in Landschaften mit dem ältesten Gestein der Welt und beobachteten zum ersten Mal in unserem Leben das gespenstische Nordlicht. Beim Abflug liefen mir Tränen übers Gesicht. Ich wollte Grönland nicht verlassen! Ich wollte bleiben in diesem Zauberland. Jedes Ende einer Reise, jede Erfüllung eines Traums fühlt sich an wie ein Abschied für immer. Und zugleich wie der Aufbruch zu unbekannten Zielen. Man folgt einer neuen Spur, einer neuen Sehnsucht.

TEIL I

GrönlandNuuk — Sisimiut

April — Juni 2016

DIE ROUTE

RÜCKKEHR IN DIE KÄLTE

Nuuk

Als die rote Air Greenland-Maschine ihre Flughöhe erreicht hat, die Anschnallzeichen erloschen sind und nur noch meerblauer Himmel zu sehen ist, erlaube ich mir einen kleinen Seufzer: Wie kann ein halbes Jahr Österreich so schnell vergehen? Und warum fällt mir der Abschied von der Heimat von Mal zu Mal schwerer? Doch je weiter der Airbus 330 – und ich mit ihm auf Sitz H29 – über den Atlantik nach Westen rauscht, desto größer wird die Vorfreude auf das Kommende. Auf die Fortsetzung unserer Reise, auf ein Leben unter Segeln.

Nach nur vier Stunden tatsächlich Land. Weiß, weit, nahezu ohne Konturen. Grönland. Mit gut zwei Millionen Quadratkilometern die größte Insel der Welt. Platz genug für die tollkühnsten Träume und unser derzeitiger Lieblingsplatz. Wir landen am einzigen internationalen Flughafen in Kangerlussuaq. Strahlender Sonnenschein und kaum Schnee stimmen uns nachdenklich:Wozu haben wir die Tourenski mitgenommen? Doch beim Weiterflug ändert sich die Lage. Eine vereiste Landebahn verhindert den geplanten Zwischenstopp in Maniitsoq. Also weiter nach Nuuk, dort wollen wir sowieso hin. Schneeflocken tanzen bei unserer Ankunft. Wunderschön und knackig kalt. Hier gibt es keine Passkontrolle, auch keine Gepäckwagen. Unser grönländischer Freund Hans Peter steht lächelnd in der Wartehalle. Es fühlt sich an, als ob wir nach Hause kämen.

Als könnte Hans Peter unsere Gedanken lesen, bringt er uns direkt zu der Schiffswerft, in der Nomad das letzte halbe Jahr an Land verbracht hat. Mit klopfendem Herzen stehen wir vor unserem aufgebockten Boot und streicheln zärtlich über den Alurumpf. Unser anderes Leben, unser Nomadenleben gibt es wirklich! Wir sind heilfroh, Nomad unbeschadet vorzufinden. Allzu lebendig steht uns noch unsere letzte Nacht an Bord im Herbst 2015 vor Augen, als wir gegen drei Uhr morgens unerwarteten Besuch im Cockpit hatten, und Wolf zwei junge Burschen mit Gebrüll vertreiben musste. Uns zitterten damals vor Schreck die Knie. In Österreich kostete uns dieses Erlebnis in so mancher Nacht den Schlaf; anstatt zu träumen dachten wir bang an unser treues Schiff im fernen, dunklen Grönland.

Wir schneiden die Planen und Fischernetze auf, mit denen unser schwimmendes Zuhause eingepackt ist, werfen die Holzpaletten über Bord, die wir als Einbruchschutz im Cockpit verschraubt hatten, und befreien den verbarrikadierten Niedergang. Dann der lang ersehnte Augenblick:Aufsperren, Treppe runterklettern, in der Kajüte umschauen. Mit einem Seufzer lassen wir uns auf die Salonbänke fallen und atmen tief durch. Wir genießen den Moment des Ankommens und stoßen mit einem Schluck Kokosrum an, ein Überbleibsel von den Bahamas. Sogar der altbekannte Bootsmief stört uns heute nicht. Wir haben ihn sogar vermisst, diesen ganz speziellen Duft aus Diesel, Feuchtigkeit, Bilge, alten Matratzen und abgestandener Luft. Es tut verdammt gut, wieder an Bord zu sein.

Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, helfen uns Hans Peter und sein Freund Sakiu bei der Inbetriebnahme unseres Schiffes. Die beiden strotzen vor Kraft, wuchten die 54 Kilogramm schweren AGM-Batterien ohne mit der Wimper zu zucken eine nach der anderen an Deck. Mir tut mein Kreuz schon beim Zusehen weh. Wolf liegt auf frostigen Bodenbrettern und taucht kopfüber seine Hände in die Motorbilge, um übergelaufenes Frostschutzmittel auszuschöpfen. Er wühlt und wischt da unten, während seine Finger langsam taub werden vor Kälte.

Leiter rauf, Leiter runter. Schraubendreher vergessen. Wieder Leiter rauf. Leiter runter. Wie oft werde ich noch rauf- und runterkraxeln müssen bis zum ersehnten Krantermin? Hundert Mal? Tausend Mal? In dieser grönländischen Kälte, bei diesem heulenden Wind fällt die Arbeit schwer, das muss ich gestehen. Nomad ist dreckig wie nie zuvor. Der nächste Wasseranschluss befindet sich zwei Fußballfelder entfernt in einer heruntergekommenen Dusche. Putzen wird eh völlig überbewertet und vertagt auf irgendwann.

Lächelnd beobachte ich Hans Peter und Sakiu. Für die beiden ist das Werkeln in der Werft keine Last. Sie lachen, singen, pfeifen, haben eindeutig Spaß. Und ich verweichlichte Mitteleuropäerin jammere! Pah! Jede Sekunde werde ich genießen. Ein bisschen segeln im Kopf, ein bisschen freuen auf das, was kommt, und gleich geht es mir besser.

In der Fremde sind wir aufmerksamer, sehen mehr, hören genauer hin. Statt in den vorgegebenen Bahnen des Alltags bewegen wir uns auf unbekanntem Terrain. Tastend, voller Spannung, staunend. In der Fremde kennen wir uns nicht gut aus und fühlen uns folglich unsicher. Wir verstehen die Sprache nicht, die Sitten sind uns kaum vertraut, wir sind auf Hilfe angewiesen. Und helfen können Grönländer gut. So ist es für Hans Peter Broberg und seine Frau Annette selbstverständlich, dass wir, solange Nomad an Land steht, bei ihnen wohnen, in der Quimerlua 12. Einfach so, ohne lange zu überlegen, ohne viel Aufhebens. Wir schlafen im ehemaligen Kinderzimmer im Hochbett, dürfen duschen, Wäsche waschen, kochen, „internetten“. Wir genießen grönländische Gastfreundschaft und gehören sofort zur Familie. Hans Peter und Annette haben vier Kinder großgezogen, sind stolze Großeltern von zehn Enkeln und seit Kurzem gibt es auch ein Urenkelkind. Hans Peter, pensionierter Schulinspektor, träumt vom Segeln um die Welt. Seit einigen Jahren besitzt er einen hölzernen Fischkutter aus den 1950er-Jahren, mit dem er die Fjorde um Nuuk erkundet und fischt. Ich habe eine Schwäche für Menschen. Und ihre Geschichten. Ich höre gern zu, wenn sie erzählen woran sie glauben und was sie sich vom Leben erhoffen. Viele Abende sitzen wir zusammen. Hans Peter musiziert herrlich, er spielt Geige und Klavier und entlockt sogar einem Sägeblatt Melodien. Spitzbübisch spricht der mittlerweile 64-Jährige von seiner Kindheit auf der Disko Insel und hat viele grönländische Sagen in seinem Repertoire.

Werft in Nuuk

Nomad kommt zurück in ihr Element

Kutter in Nuuk

Reisevorbereitungen

Annette entknotet als Psychologin die Komplexität Grönlands. Vor 35 Jahren ist sie der Liebe wegen von Dänemark nach Grönland gezogen und spricht fließend Grönländisch. Was ist wohl das Geheimnis dieser Liebe? Zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, die einander über all die Jahre treue Partner geworden sind, sich Trost und Halt geben im nicht immer einfachen grönländischen Alltag. Sie teilen eine Gewissheit:Was immer geschieht, sie können sich aufeinander verlassen.

Eine weitere Schwäche von mir sind Sprachen. Ich bewundere Menschen, die allein vom Zuhören eine Sprache lernen, die mit Chinesisch oder Russisch klar kommen. Selbst nicht gänzlich untalentiert, muss ich mich beim Grönländischen darauf beschränken, stumm und großäugig zu staunen. Es klingt fremder als alles, was ich je zuvor gehört habe, eine schöne, stockende Sprache mit trommelnden Konsonanten und kurzen, funktionalen Vokalen. Bei der Betonung tippe ich immer voll daneben und so manch kehligen Laut kann ich gar nicht aussprechen. Aber die Kommunikation verläuft auch stark über den Gesichtsausdruck, das hilft uns. Zieht man zum Beispiel die Augenbrauen hoch, ist das eine Zustimmung, ein eindeutiges Ja. Das Vokabel-Lernen bringt mich an meine Grenzen, diese Sprache gestaltet sich absurd schwer für mich. Normalerweise baue ich mir Eselsbrücken, doch hier erinnert nichts an einen bekannten Begriff. Nicht mal „Danke“ kann ich richtig aussprechen, dabei möchte ich genau dieses Zauberwort in möglichst vielen Sprachen beherrschen. Hans Peter ist ein geduldiger Lehrer, gemeinsam schaffen wir es, dass ich mir drei grönländische Worte merke: „Immaqa“ für vielleicht, „Takuss“ für servus, tschüß und mein absolutes Lieblingswort: „Qujanaq“ für Danke!

 

SKI UND SAIL

Kobbefjord

Über die Jahre nistete sich in Wolfs Visionen eine verwegene Idee ein. Wenn er davon sprach, leuchteten seine Augen wie ferne Funkelfeuer:Vom Boot aus eine Skitour zu unternehmen – diese Vorstellung ließ ihn einfach nicht mehr los. Mir kam das Unterfangen wie eine gehobene Trapeznummer vor. Aber diesmal fand ich einfach keine passende Ausrede, warum die Ski nicht mit nach Grönland sollten. Auch stand Wolf mit seinen Fantastereien nicht allein da, denn wir fanden Gleichgesinnte, die bereit waren, dieses Abenteuer mit uns zu teilen!

Anfang Mai 2016 steigt die Mürztaler Bergrettung an Bord. Fredl, Paul, Stefan und Judith sind euphorisch und hypermotiviert, als wir in Nuuk ablegen. Wegen der durchwachsenen Wetterlage segeln wir zunächst zum nahegelegenen Kobbefjord, um den knapp 1.200 Meter hohen Kingittorsuaq zu besteigen. Viele erste Male. Zum ersten Mal tragen wir Skischuhe an Deck, zum ersten Mal liegen Ski im Dingi, zum ersten Mal tuckern wir mit dem Beiboot zu einer Skitour. Die nicht gerade üppige Schneelage hindert uns daran, direkt beim Dingi die Bretter anzuschnallen. So tragen wir sie am Rucksack erst einmal über Stock und Stein; meine Kondition ist viel zu schnell beim Teufel. Nach einer knappen Stunde zieht es vom Westen her zu und der Wind dreht. Ich blicke vom Berghang zu unserem treuen Schiff, das im auflandigen Seegang stampft. „Vielleicht sollten wir lieber zurückgehen …“ Es soll unbeschwert klingen, doch in meinem Tonfall schwingt Beunruhigung mit. Ohne lange zu überlegen, treten Wolf und ich schleunigst den Rückzug an. Unsere Mitsegler marschieren weiter.

Judith, Stefan, Paul, Doris und Fredl im Cockpit

Unser „Skiträger“

Die Sorge, unser Schiff allein vor Anker zu wissen, während wir stundenlang am Berg unterwegs sind, wird zu einer der größten Herausforderungen der nächsten Wochen. Wolf rennt. Ich stolpere fluchend hinterher. Außer Atem erreichen wir den Strand; Wellen klatschen inzwischen zornig ans Ufer. Skischuhe ausziehen, Gummistiefel an, Schlauchboot ins Wasser heben, Außenborder starten. Mit lächerlichen zwei PS quälen wir uns langsam gegen Wind und Welle zurück zum Boot. Pitschnass steigen wir ins Cockpit, die Windanzeige zeigt bereits 30 Knoten aus Südwest! Alle Erfahrungen sind für etwas gut, hinterher ist man immer schlauer. Hätte ich nur auf mein Bauchgefühl gehört und wäre an Bord geblieben, dann könnte Wolf jetzt die Skitour mit unseren Gästen unternehmen. So harren wir der Dinge und hoffen, dass der Wind nicht stärker wird.

Mit Fredl stehen wir stündlich in Kontakt, er hat ein kleines UKW-Handfunkgerät eingesteckt. In dieser Gegend darf einfach nichts schiefgehen. Lange beobachten wir die Gruppe mit dem Fernglas, ehe sie auf der großen Gletscherflanke vom Nebel verschluckt wird. Irgendwann reißt die Funkverbindung ab. Am frühen Abend beginnen wir uns Sorgen zu machen. Gegen 21:00 Uhr endlich der erlösende Funkspruch. „Könnt ihr uns sehen?“, krächzt Fredl aus dem Äther. „Wir stehen 200 Meter über dem Fjord auf halb elf!“ Wolf schnappt das Fernglas und starrt ungläubig in die angegebene Richtung. „Wo um Gottes Willen steckt ihr?“ – „Wir schwenken den Biwacksack, vielleicht könnt ihr uns dann ausmachen.“ Endlich entdecken wir einen winzigen orangen Punkt im steilen Berghang. „Was macht ihr dort oben?“ – „Wir haben im Nebel die falsche Rinne erwischt.“ – Ganz ehrlich, ich möchte jetzt nicht dort oben stehen, man muss ja nicht von allem haben. Wir lichten sofort den Anker und fahren quer Bucht, um unsere verwegenen Abenteurer zurück an Bord zu holen.

Ski im Dingi, Start zur ersten Skitour

Weil immer giftigere Böen über den Ankerplatz fegen, kehren wir spätabends in den sicheren Hafen von Nuuk zurück. Geschafft! Unsere erste Ski-Expedition ist gut ausgegangen, alle sind wieder heil an Bord. Grenzen austesten wird zum Schlagwort dieser Saison. Und wenn man sie kennt, wenn man beginnt, auch sich selbst wirklich kennenzulernen, dann sollte man vor allem eines: die Grenzen respektieren. Grenzen sind nicht immer dazu da, um sie zu überschreiten. Vor allem nicht die eigenen.

Ankerplatz Kobbefjord

ANKERPLATZ: KOBBEFJORD

Allen, die vom Längsseits-Liegen im Päckchen am geschäftigen Kutterkai in Nuuk eine Pause brauchen, empfehlen wir diese inmitten herrlicher Gebirgsszenerie gelegene Ankerbucht hinter der kleinen Insel Qeqertarujussuaq. Einfach und schnell zu erreichen, da nur sechs Seemeilen südöstlich von der Hauptstadt entfernt.

Ankerplatz: 64° 08,57’ Nord + 051° 35,45’ West, knapp 10 Meter Wassertiefe; teilweise liegt Kelp am Grund. Nicht vergessen: hier bis zu 4 Meter Tidenhub! Die Ostecke der Bucht wird schnell flach, fällt bei Niedrigwasser teilweise trocken. Gut geschützt, außer bei stärkerem Südwest- bis Westwind.

An Land: Alpine Wanderungen und Bergtouren möglich, wir bestiegen den 720 Meter hohen Sivingasoq. Mögliche Skitour auf den unbenannten Gipfel östlich vom Kingittorsuaq (1.184 Meter).

IN DER EISBUCHT

Qunnertooq, Hamborgersund

Während die Landschaft an mir vorbeizieht, verstehe ich immer besser, wie groß Grönland ist. Eine Binsenweisheit, klar, und vermutlich das Erste, was jedem dazu einfällt: Grönland, die größte Insel der Welt. Doch zwischen theoretischem Wissen und dem eigenen Erleben liegen Welten. Es macht einen himmelweiten Unterschied, sich eine See- oder Landkarte in der warmen Kajüte anzusehen – oder tagelang entlang einer Küste zu schippern, die kein Ende nehmen will.

Unsere Nachtfahrten sind von windstiller Sanftheit geprägt. Die Luft kalt und kristallklar, das Meer seidig schimmernd, das Licht pastellfarben. Seit wenigen Tagen hat sich die Finsternis verabschiedet, es gibt nur noch Dämmerung sowie die Andeutung eines Sonnenauf- und -untergangs. Wir schwenken in den Hamborgersund, wo sich gewaltige Bergketten erheben. Nomad