Härtetest - Katri Dietz - E-Book

Härtetest E-Book

Katri Dietz

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8,99 €

Beschreibung

Leben mit Kind – es wird nicht besser, nur anders!

Das Leben kann manchmal besonders gemein sein. Eigentlich ist Sophie glücklich, wären da nicht: die Praktikantin ihres Mannes Jonas, die ihn sich unter ihre manikürten Fingernägel reißen will. Die reizende vierjährige Tochter Maja, die ihre Mutter aber auch mal bis aufs Blut reizen kann. Die überstrenge Erzieherin im Kindergarten, vor der alle kuschen. Und der Zickenkrieg bei der Zeitschrift „Mütter“, für die Sophie arbeitet. Ist das Leben zu hart oder bist du zu schwach?

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Seitenzahl: 438

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Das Buch

So hatte Sophie sich das alles nicht vorgestellt: Nach ihrer Traumhochzeit mit ihrem Traummann Jonas vor fünf Jahren muss sie sich jetzt durch die albtraumhafte Realität ihres Lebens kämpfen. Nicht nur Jonas’ neue Praktikantin macht ihr das Leben zur Hölle, auch ihre überaus– im wahrsten Sinne des Wortes– reizende vierjährige Tochter Maja treibt sie an ihre Grenzen. Von ungeahnten Wendungen bei der Zeitschrift Mütter, für die sie arbeitet, bis hin zu Majas leicht diktatorisch anmutender Kindergärtnerin, bedeutet das für Sophie: Härtetest auf allen Ebenen. Ist das Leben zu hart, oder bist du zu schwach?

Nach dem Erfolgsroman Wickelkontakt neue humorvolle Unterhaltung von Katri Dietz!

Die Autorin

Katri Dietz, geboren 1976, studierte Germanistik und Anglistik in Hannover, absolvierte eine Ausbildung zur Rundfunkjournalistin und machte ein Volontariat in Hamburg. Als freie Moderatorin, Redakteurin und Reporterin arbeitete sie für verschiedene Radiosender. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Schleswig-Holstein. Härtetest ist ihr zweiter Roman.

Lieferbarer Titel

Wickelkontakt

Katri Dietz

Härtetest

Roman

Wilhelm Heyne Verlag

München

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Copyright © 2012 by Katri DietzCopyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, Münchenin der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbHNeumarkter Str. 28, 81673 MünchenRedaktion: Theresa StöhrUmschlagfotos: © Carol/Flickr/Getty ImagesUmschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, MünchenSatz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad AiblingISBN: 978-3-641-07667-2V002
www.heyne.de

Zehn Dinge, an denen du merkst, dass du jetzt wirklich alt wirst:

1 Du fängst hysterisch an zu lachen, freust dich wie irre und erzählst es jahrelang allen, die du kennst, wenn dich jemand auf sechsundzwanzig schätzt.

2 Du verstehst nicht, wie Kinder, die in den 90ern geboren sind, jetzt schon den Führerschein haben können. Und bist auch zu feige, es nachzurechnen. Denn das hieße ja, du wärst dann… Warte mal – das kann ja nicht sein!

3 Du rechnest immer noch alles in D-Mark um. »Nein, Anja, 340 MARK für einen Schulranzen, das hätten wir doch damals nie bezahlt…«

4 Dein Lieblingsparfum im Body Shop gehört jetzt zur Nostalgie-Serie. Und du weißt nicht, ob du dich geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollst.

5 Deine Lieblingsbodylotion gibt es nicht mehr. Nein, nirgendwo auf der Welt. Das hat dir der Konzern bestätigt, als du dort heulend angerufen hast. Ja, auch wenn sie so eine wunderbar weiche Haut gemacht hat. Kaltblütig haben sie sie »aus dem Programm genommen«. Finde dich endlich damit ab!

6 Früher hast du stolz »mein Freund« gesagt, jetzt sagst du leicht resigniert und aller Illusionen beraubt »mein Mann«. Im schlimmeren Fall sogar »mein Exmann« oder »der Erzeuger«.

7 Du kennst und benutzt Begriffe wie Q10, Folsäure, Beckenbodentraining, Anti-Aging, Finanzierungskredit, Einblasdämmung und wurzelnackte Rosen, ohne zu erröten, im normalen Sprachgebrauch, weißt aber nicht, wer oder was eine Wii ist, und hältst iRobot immer noch für einen Film und nicht für einen Staubsauger.

8 Dein letzter Film im Kino war Fluch der Karibik. Teil 1.

9 Die Freunde deiner Kinder sind größer als du und gehen, ohne dich zu fragen, an deinen Kühlschrank.

10 Und das sicherste Zeichen, an dem du merkst, dass du wirklich alt wirst: Im Club, in dem du neulich mit deinen letzten beiden feierwilligen Freundinnen warst, wurdest du auf dem Klo von einer Achtzehnjährigen gefragt: Stehen Sie auch an, oder warten Sie auf Ihre Tochter?

Montag, 18.10.

»Nein!«

Ich kreischte. Maja kreischte auch. Klar, ich versuchte ja auch, ihre Hände samt Zahnbürste aus der Toilette zu ziehen. Sie wehrte sich, und ich hob sie hoch. Ohrenbetäubendes Geschrei ihrerseits. Sie zappelte und traf mich mit dem Fuß am Oberschenkel. Ich sah schon die BILD-Schlagzeile vor mir: »Vierjährige misshandelt eigene Mutter«, darunter Fotos meiner blutenden Beine und einer grinsenden Maja daneben. Dabei wollte ich sie nur davor bewahren, sich mit Toilettenwasser die Zähne zu putzen– Eau de Toilette war doch nun wirklich etwas ganz anderes! Schluchzend wand sie sich weiter auf meinem Arm und schrie: »Is wollte die nur sauber machen!«

Ich hatte sie natürlich zuvor eindringlich, also pädagogisch wertvoll und völlig korrekt, darauf hingewiesen, dass ich Sorge um ihre Gesundheit hätte, wenn sie ihre neue Zahnbürste durch die Toilette zog und sich womöglich damit noch die Zähne putzte. Sie hatte mich aber nur groß angesehen und die Augenbrauen hochgezogen. Natürlich würde sie das niemals tun, sollte das heißen. Aber man konnte nie wissen, wozu sie imstande wäre. Ich dachte auch mal, sie würde sich nie die Haare mit einer Schere schneiden, nie die Tapeten bemalen, und auf keinen Fall würde sie jemals ihren Popel essen. Bis sie mich eines Besseren belehrte. Mein Kind war eben auch nur ein Mensch.

Sie weigerte sich einfach, das zu tun, was ich wollte, einfach, weil sie es nicht wollte. Das nannte sich dann Trotzphase, und damit mussten wir leben. Herzlichen Glückwunsch! Als sie auch auf meine dritte pädagogisch korrekte Aufforderung, ihre Zahnbürste also bitte mal sofort aus der Toilette zu nehmen, nicht reagierte, konnte ich nicht anders: Ich schritt körperlich ein, hob sie hoch, und sie schrie– wie am Spieß.

Endlich konnte ich ihr die Zahnbürste aus der Hand nehmen und sie abstellen– ihren Ton leider nicht. Himmel, war das Kind in den letzten vier Jahren schwer geworden! Zu den zarten 3240 g ihres ersten Tages hatten sich noch mindestens 20 000 Gramm hinzugesellt. Ich sollte doch endlich einmal ihren Süßigkeitenkonsum stoppen. Aber später. Jetzt ging es schließlich um Schadensbegrenzung. An der Zahnbürste, am Kind und an mir.

Mir taten die Ohren weh, in die sie hineingebrüllt hatte, und die Arme und Beine, an denen mich ihre nackten Füßchen getroffen und mir ihre Zehennägel lange, blutige Striemen in die Haut geritzt hatten. Das Badezimmer sah infernalisch aus. Überall lag Zeug und Klopapier, weil Maja damit Luftschlangenwerfen gespielt hatte, während ich es gewagt hatte, unter die Dusche zu hüpfen. Ein paar Tampons hatte sie aus den Klarsichthüllen gepult, an den Wasserhahn gehängt und mehrere Slipeinlagen ans Fenster unseres Badezimmers gepappt. O Gott, hoffentlich sah niemand zu uns hoch! Unten klapperte die Zeitungsfrau am Briefkasten. Ich schaute kurz aus dem Fenster, während ich schnell die Slipeinlagen von der Scheibe zupfte.

Unser Haus war das letzte einer Reihenhausgasse. Kurz ließ ich meinen Blick über die herbstlichen Gärten am frühen Morgen schweifen, die im Nebel versanken, und versuchte, in Gedanken bis zehn zu zählen, um mich zu beruhigen. Schade, dass Maja mir schon bei zwei einen Tampon hinhielt und fragte: »Mama, was sind das für Zäpfchen?«

»Ähm, mein Schatz«, setzte ich an und kam ins Stocken, während sie mich mit ihren großen blauen Augen erwartungsvoll anschaute.

Zum Glück steckte in diesem Moment mein Mann Jonas seinen Kopf in unser alltägliches Badezimmerchaos, ignorierte es, und sagte: »Es wird heute Abend wieder spät, brauchst nicht auf mich zu warten. Tschüs, Prinzessin, ich liebe dich über alles!«

Letzteres sagte er nicht zu mir, sondern zu Maja, worauf sie die Tampons vergaß, zu ihm rannte, sich schluchzend gegen seine Beine warf und diese umklammerte. »Geh niss fort von mir!«

Wo sie das aufgeschnappt hatte, war mir ein Rätsel.

Dabei sah sie ihn mit dem herzzerreißendsten Wimpernklimpern an, das man sich vorstellen konnte. Ein absolutes Schauspieltalent, unsere Tochter. Ihr tränenverschleierter Blick erinnerte ein bisschen an Romy Schneider in Die Spaziergängerin von Sans-Souci, in dem diese wegen ihres kürzlich verstorbenen Sohnes fast Tränen vergießt und so unglaublich traurig ist, dass man allein deswegen weinen muss.

Wer könnte Maja da widerstehen? Jonas konnte es. Darin war er geübt. Immerhin kannte er mich schon seit sechs Jahren, und Maja war mir so ähnlich, dass manche sagten, ich hätte mich selbst geklont– irgendwie gruselig. Und außerdem totaler Quatsch. Ich konnte ja das »ch« sprechen– im Gegensatz zu meiner Tochter. Das Wimpernklimpern, gebe ich zu, kann sie vielleicht ein oder zwei Mal bei mir gesehen haben.

Mit Majas Klo-Zahnbürste in der einen und einem Handtuch in der anderen Hand stand ich immer noch nackt in unserem kleinen, verwüsteten Badezimmer und wartete darauf, dass ich erst mich, dann sie weiter anziehen konnte.

Ein Tag wie jeder andere– willkommen in meiner Welt! Ich bin Sophie Ahorn. Mein Leben ist toll! Nein, ich meine das nicht ironisch. Mein Leben ist wirklich toll. Ich bin seit fünf Jahren mit meinem Traummann verheiratet, wir haben eine wunderbare Tochter und sind alle gesund. Das war’s aber auch schon. Wenn Jonas, der vor einem halben Jahr vom Produktionsingenieur zum technischen Leiter eines Theaters in Hamburg befördert wurde, nicht siebzig Stunden die Woche arbeiten müsste und stattdessen öfter zu Hause wäre, wäre unser Leben noch einen winzigen Tick toller. Aber auch so war es schon total schön. Ehrlich. Er war halt gut in seinem Job, er betreute die Umsetzung und den Aufbau der Bühnenbilder, sein Herz hing am Theater, und das zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Und manchmal auch sonntags.

Und obwohl es mich tierisch stresste, ich ihn ständig vermisste und mich fragte, wofür wir eigentlich verheiratet waren, wenn wir uns nie sahen, spielte ich hier, dreißig Kilometer nördlich von Hamburg, die brave Vorstadtehefrau. Das hieß, ich hielt das Essen warm und das Haus halbwegs sauber, wusch unsere Klamotten und suchte händeringend nach einer Haushaltshilfe, weil mir die Wäscheberge zeitweise über den Kopf zu wachsen drohten. Dazu bemühte ich mich außerdem, unsere widerspenstige Tochter zu erziehen und gleichzeitig als Redakteurin bei einer Elternzeitschrift mit dem Namen Mütter zu arbeiten. Und das alles quasi alleinerziehend.

Heute musste Jonas ausnahmsweise mal nicht bis um zehn Uhr abends arbeiten. Stattdessen wurde sein freier und damit unser gemeinsamer Abend von seiner Band ruiniert. Wenn er auch sonst keine Hobbys hatte und sich rührend um seine Familie kümmerte, falls er mal gerade zu Hause war, blieb er doch seit zwanzig Jahren seiner Band namens No name known treu. Er war eben schon immer eine treue Seele, mein Jonas. Ab und zu trafen sich die vier Jungs auch einfach nur zum Besaufen und nannten das dann Besprechung. So wie heute. Prost!

Ich sah Jonas an, wie er so in der Badezimmertür lehnte und mich mit Maja auf dem Arm anlächelte. Achtunddreißig sollte der sein? Im Leben nicht! Mit seinen zerwuschelten schwarzen Haaren und den strahlend blauen Augen, dem frechen Blick und dem süßen Lächeln hätte ich ihn immer noch für achtundzwanzig gehalten. Während er Maja auf dem Arm hielt, die sich nun wie ein Python um seinen Hals wand, gab er mir einen Kuss, murmelte »Hab dich lieb« und drückte mir das tonnenschwere Kind wieder auf den Arm. Sie zappelte, schrie– und weg war er.

»Halt still!«, schimpfte ich. Entsprechend schlug Maja um sich.

Ich versuchte gleichzeitig, sie zu beruhigen, mich anzuziehen und sie daran zu hindern, ihm hinterherzulaufen. Am liebsten hätte ich sie irgendwo festgebunden.

Sogar in ihren ruhigsten Momenten hatte Maja nur Unsinn im Kopf. Ihre Lieblingsworte waren von Anfang an »nein« und »ich will nicht«, was das tägliche Miteinander erheblich erschwerte. Ach, wie sehnte ich mich nach der Zeit zurück, in der sie noch nicht sprechen konnte, hilflos unter ihrem Spielbogen lag und mich anstrahlte.

Warum bloß hatte ich mir damals gewünscht, sie könnte reden und laufen? Jetzt verwandte sie beides gegen mich, indem sie mich anschrie und vor mir wegrannte. Dabei musste ich um neun bei der Arbeit in Hamburg seinund gutgelaunte, erfrischende Artikel über Erziehung schreiben. Durfte man das eigentlich, wenn man sein eigenes Kind manchmal am liebsten erwürgt hätte und sich selbst oft genug wie ein pädagogischer Vollidiot verhielt? Über diese Frage sollte ich vielleicht mal einen Artikel schreiben.

Zehn nach acht kam ich verschwitzt, ungeschminkt und mit nassen Haaren beim Kindergarten Matschepampe an. Im Schlepptau ein unglaublich laut kreischendes Mädchen, das die Füße in den Boden stemmte wie eine bockige Ziege.

Unsere Diskussion darüber, ob sie in den Kindergarten ging oder nicht, dauerte nun schon so lange wie der Weg von unserer Haustür bis zum Kindergarten, nämlich gute fünfzehn Minuten, die sich anfühlten wie fünfzehn Stunden. Maja wollte einfach nicht einsehen, dass das Leben nicht nur aus Zuckerwatte bestand.

»Iss will aber Fernsehen und Süßisskeiten, SOFORT!«, schrie sie jetzt und zog damit die Blicke aller anderen Matschepampe-Mütter auf dem Parkplatz auf sich. Blicke, die von ihr zu mir wanderten und mir nonverbal mitteilten, was ich für eine grauenhaft schlechte Mutter war. Kopfschüttelnde Blicke, weil ich mein Kind nicht im Griff hatte. Bedauernde Blicke, die mir sagten, dass ihre Kinder sich niemals so verhalten würden. Blicke, die ich kannte, die mich nervten und die ich zu ignorieren versuchte.

Okay, es gab Tage, an denen Maja sich wider Erwarten gut benahm und brav an meiner Hand ging. Das waren meistens die Tage, an denen in der Kita gekocht wurde. Sie war ja so ein Vielfraß, meine süße, entzückende Tochter. Und ich konnte ihr noch nicht mal einen Vorwurf machen. Hätte ich die Wahl, würde ich ja auch am liebsten den ganzen Tag im Schlafanzug rumlaufen, Joghurtgums futtern und Greys Anatomy auf DVD gucken.

Aber die Zeit drängte, ich musste noch einen Artikel zu Ende schreiben, und wir waren schon viel zu spät dran. Es war genau Viertel vor neun, und um neun Uhr musste ich in Hamburg sein. Wenn ich heute gut war, könnte ich um zehn vor zehn da sein. Die Zeit und meine Chefin saßen mir im Nacken. Ich schwitzte.

So kinderfreundlich wie möglich zerrte ich Maja über den Parkplatz und verbot mir den Gedanken, sie wie Hänsel und Gretel im Wald auszusetzen und nie wieder abzuholen. Endlich erreichten wir die rutschigen Linoleumflure des Kindergartens und Majas Gruppenbereich. Mir lief der Schweiß in den Nacken.

»Ist es Ihnen nicht möglich, Ihr Kind pünktlich zu bringen?«, wurde ich zur Begrüßung angefahren. Super, auch das noch! Frau Fischer persönlich. Und sie hatte ihre Montagslaune. Die Leiterin der Kindertagesstätte und Erzieherin von Majas Gruppe, den Patschehändchen, hatte mich seit dem ersten Tag auf dem Kieker. Okay, ich hätte vielleicht beim Elternabend nicht laut rufen sollen: »Hey, Leute, Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden, oder?« Aber das hätte sie ja auch nicht so wahnsinnig ernst nehmen müssen.

Die anderen Gruppen hießen die Sabberschnuten und die Kleckerliesen, dazu gehörte noch die Krippengruppe der Windelpupser– da hatten wir mit den Patschehändchen noch richtig Glück gehabt.

Geladen, wie ich war, schnaubte ich Frau Fischer die Wahrheit direkt in ihr faltiges Gesicht. »Nein, tut mir leid, es ist mir NICHT möglich, Maja pünktlich zu bringen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie ein Kind ist!«

»Ich denke, das liegt eher daran, dass Sie sich so schlecht organisieren können!«, wurde ich über meine mangelnden mütterlichen Fähigkeiten aufgeklärt. »Sie müssten ja nur eine Stunde früher aufstehen, und schon wären Sie wieder Herrin der Lage!« Damit grinste sie mich teuflisch an.

Sollte ich Maja jemals im Wald aussetzen, konnte ich sicher sein, dass Frau Fischer dort in einem Knusperhäuschen auf sie warten würde. Dabei sollte sie mal ganz still sein! Wir zahlten immerhin über fünfhundert Euro für den Ganztageskindergartenplatz, da durfte ich wohl mal zehn Minuten später kommen. Fand ich.

»Es ist ja nicht so, dass es das erste Mal wäre, dass Sie sich verspäten, da müssten wir vielleicht bald mal mit dem Elternrat sprechen, ob wir den Platz nicht anderweitig vergeben«, fand Frau Fischer. »Immerhin müssen wir uns hier auch an unseren Ablauf halten.«

Mir egal. Sollte sie doch sagen, was sie wollte. Wer zahlte hier wem den Arbeitsplatz: sie mir oder ich ihr? Wäre sie ein bisschen netter gewesen, hätte es mir leid getan. Aber so? Wohl nicht. Alte Rebellin, ich.

Ich rupfte Maja aus ihrer Jacke und ihren Gummistiefeln, stopfte ihre Füße in die Hausschuhe und versuchte, dem gereizten Gesabbel der aufgebrachten Alten nicht zuzuhören. Das war gar nicht so leicht.

»Sie denken auch daran, dass morgen das Backen für den Weltfrieden stattfindet? Ich habe Sie dort mit eingetragen.« Backen für den Weltfrieden? Ich weiß von nix. Die Grauhaarige deutete garstig auf das schwarze Brett, an dem Millionen Zettel hingen.

Richtig, schwarz auf rosa stand dort, versteckt zwischen anderen bunten, angeblich ganz wichtigen Infos: Wir backen gemeinsam mit den Kindern für den Weltfrieden! Und das Datum von morgen: Dienstag, 19.10.

Darunter eine Liste mit vier Namen, von denen meiner überraschenderweise auch einer war. Wie kam der da hin? Ich hatte ihn dort nicht hingekritzelt. Wenn ich auch manchmal verwirrt war, aber das war eindeutig nicht meine Handschrift. Maja beschäftigte sich damit, ihre Gummistiefel in die Luft zu werfen, dass der Dreck nur so durch die Gegend flog. Zum Glück musste ich ja hier nicht sauber machen, hehe. Trotzdem bat ich sie, die Stiefel ordentlich hinzustellen. Aber nur halbherzig.

»Frau Ahorn, und am Freitag kommen Sie doch zur kreativen Seidenmalerei mit Naturfarben für die Patenkinder in Afrika?«

Ich stöhnte. Was sollten die Kindergarten-Patenkinder in Afrika mit selbst bemalten Seidentüchern? Ich zahlte meinen Patenbeitrag, und das müsste doch dann auch alles gewesen sein.

Also echt, die Fischer kam auf verrückte Ideen– Seidenmalerei für afrikanische Patenkinder, meine Güte… Jonas hätte auch seinen Spaß dran gehabt.

Dann wurde meine Aufmerksamkeit von ihr ab- und zur Mama von Oskar hingelenkt.

So interessiert, wie man eine Sendung über die Paarung von Spinnen anschaut, beobachtete ich sie dabei, wie sie versuchte, ihr Kind in der Gruppe abzugeben. Oskar ließ sich aber nicht dazu bewegen, den zweckmäßig bunt gestalteten Raum zu betreten. Viel lieber klammerte er sich schreiend an den Türrahmen.

Jetzt wurde es spannend. Wie pädagogisch wertvoll würde sich Oskars Mama in dieser Situation verhalten? Ich kenne keine andere Mutter, die jetzt dezent weggesehen hätte. Willkommen in der Manege des Zirkus Matschepampe! Ich war eine der Zuschauerinnen in der ersten Reihe. So wie die anderen schadenfrohen Mütter mich vorhin betrachtet und beurteilt hatten, hatte ich jetzt die Chance auf Wiedergutmachung.

»Du kriegst auch Gummibärchen, wenn du brav bist!«, bestach die Mama ihn gerade. Aha, ertappt! Ich freute mich, dass nicht nur ich die Gummibärchenmasche benutzte, gab aber nach außen einen empörten Eindruck vor, denn das gehörte sich ja nun wirklich nicht, nein, also so was, habt ihr das gehört, mit Gummibärchen? Wirklich, Sünde! Und gleich konnte man sich selbst besser fühlen – war das nicht toll?

»Oskar, Schatz, sei so lieb, geh doch in die Gruppe!«

Oskars Mama, deren Namen ich nicht kannte, schien den Tränen nahe. Ich hatte sie nie richtig wahrgenommen, man kam, gab das Kind ab, siegte und ging wieder. Hier hatten alle so spektakuläre Namen wie Mama von Oskar,Mama von Jytte, und die Mama von Annika nicht zu vergessen. Ich war natürlich die Mama von Maja. Zusammen mit den Regenhosen und Stiefeln mit Klettverschluss gaben wir alle unsere Namen, unsere Individualität und unsere Vergangenheit an der Kindergartengarderobe ab. Ob die Mama von Oskar vielleicht bei Vodafone im Vorstand arbeitete? Oder war sie vielleicht Schauspielerin oder Klavierlehrerin? Zahnärztin oder Gärtnerin? Niemand wusste das. Hier waren wir lediglich Mütter und keine Menschen mehr. Leider hatte ich es extrem eilig, deshalb konnte ich ihr auch nicht helfen. Aber morgen vielleicht.

»Oskar, du darfst auch den ganzen Tag fernsehen, bitte, bitte, geh jetzt in die Gruppe!«

Ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu, was Frau Fischer über die Veranstaltung Steineschleppen für den Gemüsegarten erzählte, und versuchte Maja zu überreden, ihre Stiefel wieder einzusammeln, die sie schon wieder durch den Flur geworfen hatte.

»Wir ehren damit die Pinneberger Landfrauen!«, erklärte Frau Fischer. Was, bitte schön, hatte ich mit den Pinneberger Landfrauen zu tun? Sollten die ihre Steine doch bitte schön selber schleppen!

Mit zusammengekniffenen Augen suchte ich die drei entsprechenden Listen auf dem unübersichtlichen Brett, nahm der Ober-Erzieherin den Stift aus der Hand und strich meinen Namen überall wieder durch.

»Da kann ich nicht«, sagte ich lediglich als Erklärung.

So weit kommt das noch, dass ich hier Steine schleppe und Tücher seidenbemale. Irgendwo hört’s ja auch auf.

»Aha. Und warum nicht?«

Jetzt sollte ich mich auch noch rechtfertigen?

Ich sagte: »Aus verschiedenen persönlichen Gründen.«

Das musste reichen. Sollte sie mich doch verklagen!

Ich konnte doch nicht jeden unsinnigen Quatsch mitmachen! Frau Fischer, die mit ihrer grauen Dauerwelle immer sehr gepflegt aussah, geriet vor Wut fast außer sich. Ihre lustigen Löckchen wackelten. Sie schnaufte regelrecht. »Also wirklich, Sie könnten sich…«

Ohne auf ihre Tiraden zu achten, drückte ich Maja an mich, gab ihr einen Kuss, flüsterte ihr ins Ohr, dass ich sie wahnsinnig liebte, schob sie in den Gruppenraum und machte mich vom Acker.

Hinter mir hörte ich, wie Frau Fischer übergangslos anfing, mit der Mama von Jytte zu schimpfen. Die wiederum guckte beschämt auf den Boden und ließ es über sich ergehen. Vor Renate Fischer wurden wir alle wieder zu Kleinkindern.

»Und wenn ich das noch einmal erlebe, dass Sie keine frischen Unterhosen für Jette einpacken, dann setzen Sie sich erst mal fünf Minuten auf den stillen Stuhl! Ist das klar?«

»Sie heißt Jytte«, murmelte die Mama von Jytte gequält.

Und ich floh.

»Von allen Idioten bist du der blödeste, den ich je kennengelernt habe!«, schrie die Frau am Telefon. »Ich hab’s immer gewusst! Du piiiep! Ich hasse dich! piiiep dich! Gib mir gefälligst mal die dumme piiiep, bei der du gerade bist, mit der hab ich auch noch ein Wörtchen zu reden!«

Ohne abzuwarten, schrie die aufgebrachte Frau aber gleich weiter: »Mir meinen Freund wegzunehmen, du dummes Miststück, sei froh, dass ich nicht weiß, wie du aussiehst, sonst würd ich dir die Augen auskratzen!«

Die Moderatorin des Radiosenders schaltete sich mit ihrer weichen Stimme gelassen dazu. »Andrea, ich denke, das ist keine gute Idee, wenn du der Berit die Augen auskratzt. Die ist sicher selber ganz geschockt. Ihr tut mir jetzt beide total leid. Fabian, was sagst du denn eigentlich zu der ganzen Sache?«

Fabian war nicht nur ein Mann der Tat, immerhin hatte er seine Freundin Andrea mit einer gewissen Berit betrogen, sondern auch der großen Worte. Er sagte: »Ööööhm.«

Aus dem Hintergrund rief eine andere Frau, vermutlich Berit: »Was ist denn los, Schatz? Ich versteh hier gar nichts mehr. Wer ist denn das?«

Der Treuetest von Megaradio war so spannend, dass ich kaum auf den Verkehr achtete und automatisch bremste, schaltete und lenkte. Ich war sicher, mein Auto würde den Weg zur Redaktion von Mütter auch allein finden, unterbewusst wie ein treues Pferd oder Lassie. Mit offenem Mund wartete ich gierig, wie es jetzt bei Fabian, Berit und Andrea weiterging.

Ich weiß, voll schlimm, und der Fremdschämfaktor war bestechend hoch, aber ich konnte einfach nicht umschalten oder ausmachen. Dieser Treuetest war bestimmt nicht gestellt, dafür klangen die drei Protagonisten zu ehrlich. Und auch irgendwie zu blöd. Also genau die Gruppe Hörer, die auch an einem Treuetest teilnimmt. Andrea schluchzte nun herzzerreißend, Berit kreischte im Hintergrund, Fabian sagte wieder »öööhm«, und die Moderatorin versuchte das Ganze durch gezielte Fragen in noch dramatischere Bahnen zu lenken, zum Beispiel mit: »Wie lange geht das denn schon so mit euch? Warum tust du das deiner Freundin an?«.

Autsch! Der Verkehrsfredi und die Wetterfee, die mit im Studio saßen, konnten ihr Kichern und Prusten nicht mehr unterdrücken. Was für Schweine! Aber damit zog man die Hörer an, und ich war ja auch nicht viel besser, wenn ich mir diesen niveaulosen Schwachsinn überhaupt anhörte. Das war wie Frauentausch für die Ohren, wirklich grauenvoll. Trotzdem siegte der Voyeur in mir, und es sah ja auch niemand, was ich tat.

Ich hörte also weiter zu und war mit Sicherheit nicht die Einzige. Dieser Treuetest bei Hamburgs nicht gerade größtem Privatsender Megaradiowürde mit Sicherheit Schlagzeilen machen. Fabian ööhmte weiter vor sich hin, Andrea und Berit beschimpften sich am Telefon jetzt so sehr, dass es nur noch piepte, und die Moderatorin versuchte, das Ganze auch noch weiter anzufachen, indem sie rief: »Aber Andrea, nur weil Berit groß, schlank und blond ist und Körbchengröße D hat, ist sie noch lange nicht schuld an dem Desaster!«

Nach ungefähr einer Minute Gekeife einigten sich beide betrogenen Damen jetzt schnell darauf, dass man auf so einen piiiep wie Fabian auch verzichten könnte, er sei sowieso mies im Bett, auch wenn er wohl ganz gut aussah, und während Berit auf Fabian einschlug und ihn anschrie, er solle sofort seine Sachen packen, leitete die Moderatorin gekonnt zum nächsten Beitrag über.

»Der Treuetest ist gestern Nachmittag aufgezeichnet worden«, sagte sie, was erklärte, warum die schlimmen Wörter überpiept worden waren, »und damit bleiben wir gleich beim Thema: Boxen– Weltmeister Klitschko hat seinen Herausforderer Briggs, den er am Freitag k.o. geschlagen hat, gestern im Hamburger Universitätsklinikum besucht und ihm Blumen gebracht. Wir waren dabei. Bis dahin gibt’s noch Herbert Grönemeyer mit Mensch, ich wünsch ’nen schönen Montag, Viertel nach neun ist es, guten Morgen, Hamburg.«

Ich drehte leiser und konzentrierte mich wieder aufs Fahren. Die Scheibenwischer arbeiteten ebenfalls konzentriert, weil es in Strömen regnete, und als ich nach zwanzig Minuten Autobahnfahrt an der Abfahrt Hamburg-Stellingen auf die Kieler Straße bog, beschäftigte mich der Treuetest kaum noch. Wer war schon so blöd, sich betrügen zu lassen?

Ich jedenfalls nicht. Jonas und ich waren seit fünf Jahren und fünf Monaten verheiratet, er war wunderbar und lieb, wir hatten eine vierjährige Tochter, und überhaupt war meine Welt völlig in Ordnung. Nie war ich so glücklich gewesen wie heute. Ich hatte alles, was ich mir wünschte.

Meine Schwiegereltern hatten uns zum Beispiel vor vier Jahren unser Haus zu Weihnachten geschenkt. Das war wie ein Lottogewinn, könnte man meinen. Aber da alles im Leben einen Haken hat, hatte auch unser Haus einen: Meine Schwiegereltern wohnten nämlich direkt nebenan. Aber auch da gab es eigentlich keine größeren Probleme. Maja ging seit einem Jahr in den Kindergarten, ich ging meiner Arbeit nach, die ich wirklich über alles liebte. Es war alles so super, wie es nur sein konnte. Verliebt, verlobt, verheiratet, alle glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind… Happy End. Oder?

Okay, ein paar kleine Kompromisse musste sicher jeder machen, das war wohl ganz normal. Jonas arbeitete so viel, dass Maja im Kindergarten als Symbol für den Sonntag ihren Papa malte. Manchmal fragte sie, wann er wieder zu uns zu Besuch käme. Und sonntagabends sagte sie leise zu ihm: »Tsüss, Papi, bis zum nächsten Wochenende.« Das drehte mir schier den Magen um. Aber es ließ sich offenbar nicht ändern.

Morgens ging er um sieben aus dem Haus, abends kam er gegen zweiundzwanzig Uhr. Wenn ich anderen von seinen Arbeitszeiten erzählte, wurde ich meistens ungläubig angeguckt. Sprüche wie »Das ist doch gar keine Beziehung!?« musste ich beiseiteschieben und lang und breit erklären, dass mir das nichts ausmachte, nein, wirklich nicht, natürlich nicht, warum sollte es?! Schließlich waren wir verheiratet, und ich hatte einfach keinen Grund, mir Sorgen zu machen. Jedenfalls empfand ich es als relativ unnötig, dass mich jeder darauf hinwies, dass es vielleicht noch eine andere Motivation für seine langen Arbeitszeiten gab, nämlich eine mit tollen Kurven und langen Haaren namens Jessica, die seit drei Monaten als Langzeitpraktikantin mit in seinem Büro saß und ihm schöne Augen machte.

Und wenn schon, ich teilte Tisch und Bett mit ihm– das Bett immerhin jede Nacht. Auch wenn ich meistens schon schlief, wenn Jonas nach Hause und ins Bett kam. Wenn das bei uns so weiterging, würde es auch niemals was werden mit unserem zweiten Wunschkind. Maja kam sehr nach mir, das war manchmal schon ganz schön anstrengend.

Als Ausgleich wünschte ich mir für unsere Familie noch einen süßen kleinen ruhigen Mini-Jonas. Was passieren würde, wenn wir noch ein Mädchen bekämen, wagte ich mir nicht auszumalen, aber ich gab die Hoffnung auf einen kleinen Jungen nicht auf. Ich würde ihm süße blaue Kapuzenpullis kaufen und mit ihm jede Baustelle in Norddeutschland besuchen, damit er die Bagger und Kräne bestaunen könnte. Maja hätte jemanden zum Spielen, und unser Leben wäre dann endlich perfekt. So stellte ich mir das vor, in meiner schönen, heilen rosa Sophie-Seifenblasen-Welt.

Dass das Leben meistens nicht das macht, was es soll, und einem selten alle Wünsche erfüllt, wusste ich auch. Aber was sprach gegen unser zweites Kind? Ich konnte nicht dagegen an – ich sehnte mich nach einem Baby. Maja war seit sechs Monaten vier, das hieß, sie würde schon fünf Jahre alt sein, wenn wir unser zweites Kind bekämen. Das war so ungefähr der größte Abstand, den ich mir für zwei Kinder vorstellen konnte. Verdammt, warum hatten wir nicht früher mit der Baby-Planung angefangen? Ich hatte ja wirklich nicht ahnen können, dass das, was ich mir vorgenommen hatte, auf einmal nicht mehr klappte!

Seit Majas viertem Geburtstag, also seit sechs Monaten, berechnete ich meine fruchtbaren Tage und schubste meinen Mann regelmäßig alle vier Wochen ins Bett. Die ersten drei Monate ließ er es auch bereitwillig über sich ergehen. Wenig enthusiastisch beobachtete er nach dem Sex meine Leibesübungen, die seine Spermien weiter in meine Körpermitte befördern sollten. Was mich wunderte, war, dass ich trotz aller Pläne und aller Übungen und Tees nicht schwanger wurde. Aber so was von gar nicht. Weniger schwanger konnte man gar nicht sein!

Maja war vor fünf Jahren ein willkommener Unfall gewesen. Jonas und ich wollten sowieso heiraten und das erste unserer zwei Wunschkinder bekommen, nur schlich sich Maja, frech wie sie schon damals war, etwas früher ein als geplant. Hätte ich allerdings regelmäßig meine Pille genommen, wäre es vielleicht auch nicht passiert. Wer konnte das schon wissen?

Ich hielt mich also für einigermaßen fruchtbar, und dass Jonas zeugungsfähig war, wussten wir auch. Mein Gynäkologe sagte, es könne durchaus bis zu einem Jahr dauern, ohne dass körperliche Gründe eine Rolle spielten. Vorausschauend (okay, manche nannten es hysterisch), wie ich war, beschäftigte ich mich aber auch schon mit dem Gedanken an eine Adoption, sollte es weiterhin bei uns nicht klappen.

Die letzten drei Monate war Jonas leider ausgerechnet an meinen fruchtbaren Tagen etwas dazwischengekommen, und einmal war er noch vor unserem Termin eingeschlafen. So konnte das natürlich nichts werden. Wenn ich richtig lag– und meine ziehenden Schmerzen im Bauch sprachen dafür–, hatte ich jetzt auch gerade wieder meinen Eisprung. Und ich hatte Jonas am Wochenende gebeten, morgen Abend unbedingt zu Hause zu sein!

Romantik war etwas anderes, okay, aber hier ging es nicht um Liebe, sondern um Organisation. Das hieß dann Familienleben und hatte mit unserer früheren Verliebtheit nicht mehr viel zu tun. So musste man es doch mal sehen. Aber ein Baby, ein neuer Familienangehöriger, würde vielleicht wieder Gefühle in mir wecken, die ich lange nicht gespürt hatte, zum Beispiel bedingungslose Liebe. Wie ich mich schon darauf freute, von diesem süßen, zahnlosen, rosigen, nach Babypuder duftenden Bündel mit kleinen Pausbäckchen angestrahlt und mit dicken Händchen angepatscht zu werden! Ich wusste, dass Maja mich auch liebte, natürlich tat sie das. Sie hatte nur manchmal Schwierigkeiten, es zu zeigen.

Eigentlich hatte ich mir ein kuscheliges Mädchen gewünscht, das nachts gelegentlich bei Mama und Papa schlief, sich morgens brav die Haare bürsten und Zöpfe flechten ließ. Aber das Gegenteil war der Fall. Maja schien von Geburt an absolut unabhängig zu sein, sie war wild und schien unzähmbar widerspenstig. Nach außen sagte ich Sachen wie: »Ich finde es toll, dass sie so temperamentvoll und durchsetzungsfähig ist!«, aber innerlich kotzte ich jeden Morgen, wenn sie mir mal wieder kreischend die Haarbürste aus den Händen riss und sie mir an den Kopf warf und, wie heute, meine Hygieneartikel missbrauchte.

Gleichzeitig liebte ich sie unbeschreiblich. Mit all ihren Eigenheiten. Sie war mein Universum, meine Sonne, alles in meinem Leben drehte sich um sie. Es war nur schwierig, jemandem diese Diskrepanz zu erklären, der uns nicht kannte. Deshalb flüchtete ich mich in Plattitüden wie »Na ja, wir sind eben beide sehr willensstark.«

Und nein, ich meinte auch nicht: »Beim nächsten Kind wird alles anders«, mir war schon klar, dass ich in drei bis vier Jahren vielleicht den nächsten Trotzkopf würde bändigen müssen und dazu noch eine neunjährige vorpubertierende Zicke– und trotzdem waren die positiven Gefühle, die damit verbunden waren, so stark, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte als genau dieses Szenario. Und dazu das lebenslange Recht, mich darüber zu beschweren.

Während Maja ihre Anfälle hatte, dachte ich oft daran, wie süß sie als Baby gewesen war. So ruhig! So still! Sie hatte gelächelt und sich an mich gekuschelt! Okay, das war meistens nachts von drei bis fünf gewesen, aber das war mir jetzt egal. Ich wusste, dass sie mich im Grunde ihres Herzens nicht ablehnte, aber manchmal war es unglaublich schwer, mit ihrer abweisenden Art umzugehen. Ich sagte mir nur, dass sie sich meiner Liebe anscheinend so sicher war, dass sie sich traute, mich dermaßen anzugreifen. Und ich versuchte, während sie trotzte, mich anbrüllte oder vor mir weglief, tief durchzuatmen und bis zehn zu zählen. Oder bis hundert. Oder bis eine Trillion. Und dachte an ein Baby, das nichts als meine ganze Liebe wollte.

Morgen Abend wollte ich es wieder versuchen, auch wenn Jonas sich zierte. Ich verstand auch nicht ganz, warum er in der letzten Zeit zu müde zum Sex war. Das war noch nie so gewesen. Wir harmonierten vor allem körperlich; das war vielleicht nicht unsere ganze Basis, aber es passte einfach toll. Alles lief wie von selbst, ohne dabei langweilig zu werden, zumindest war das meine Empfindung.

Dass er genau vor drei Monaten zum Sexmuffel mutiert war, also zu der Zeit, in der Jessica bei ihm arbeitete, verdrängte ich schnell. Was das heißen mochte, wollte ich nun wirklich nicht genauer analysieren.

Ich seufzte einmal tief und konzentrierte mich auf den Hamburger Stadtverkehr. Trist und trüb kam der Oktober daher, der Himmel war immer noch grau und bewölkt, nirgends blitzte es blau durch, es sah nach einem ergiebigen Regen aus.

Wir lebten also unser Leben, so wie es war, und warum sollte ich mir da Gedanken über eine Praktikantin in seinem Büro machen? Also ehrlich.

Jessica war lediglich seine Kollegin, ich war seine Frau, und als diese war ich mir hundertprozentig sicher, dass zwischen den beiden nichts lief. Wirklich! Also zumindest neunzigprozentig. Ich hatte Jonas voll und ganz mein Vertrauen geschenkt, das hatte ich ihm zu unserer Hochzeit versprochen. Die war allerdings über fünf Jahre her, er war immer seltener zu Hause, Jessica und alle anderen sahen ihn öfter als ich, und der Alltag hatte sich bei uns eingeschlichen.

Dass ich eifersüchtig auf sie war, weil sie immer so gut gelaunt ans Telefon ging, wenn ich ihn im Büro anrief, würde ich ihm sicher nicht verraten. Und dass ich vor Kurzem seinen Ehering in seiner Nachttischschublade gefunden hatte, hatte sicher nichts zu bedeuten. Ringe werden sowieso völlig überbewertet! Er hatte ihn eh nicht besonders oft getragen, und nie hatte es mir etwas ausgemacht.

Na ja, obwohl, eigentlich schon. Ich hatte es Jonas auch so oft wie möglich gesagt: »Warum trägst du deinen Ring nicht? Trag doch mal deinen Ring! Du hast schon wieder deinen Ehering nicht an!«, bis er ihn seufzend angesteckt hatte. Ich dagegen trug meinen Ehering mit seinem Namen und unserem Hochzeitsdatum– 5.5.2005– voller Stolz und legte ihn niemals ab. Er war mein Zeichen für unsere stabile Ehe, ein Symbol für die Außenwelt, seht her: Ich bin verheiratet!

Jonas sah das wohl nicht so eng, und statt ihm eine weitere Szene zu machen, nahm ich den Ring aus der Schublade und bewahrte ihn in meinem Portemonnaie auf. Ich wartete gespannt, wann er mich fragen würde, ob ich seinen Ehering gesehen hätte. Das war jetzt genau acht Wochen her. Und er hatte immer noch nicht danach gefragt.

Kurz nachdem Jessica bei ihm angefangen hatte, lag der Ring auf einmal auf dem Tischchen, dann in der Schublade. Ich hatte natürlich nicht absichtlich dort gestöbert, das würde ich nie tun, sondern lediglich nach Taschentüchern gesucht. Aber es gab sicher keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Was mich allerdings doch ziemlich beunruhigte, wenn ich ehrlich war, war die Tatsache, dass er normalerweise nie etwas von anderen Frauen erzählte. Und natürlich gab es im Theater jede Menge hübsche Malsaalpraktikantinnen oder Bühnenbildassistentinnen. Aber auf einmal hörte ich nur noch den Namen Jessica.

Jessica dies, Jessica das, Jessica hatte ein Einser-Abi, Jessica hatte erst Kunst studiert und jetzt Medientechnik, Jessica machte das echt gut, und die Schlosser kommen jetzt alle viel öfter zu Jonas ins Büro und wollen dort etwas besprechen– warum wohl? Dabei bekam Jonas Glitzeraugen, die er sonst nur bekam, wenn er von Maja und mir sprach. Ich versuchte, das alles zu ignorieren, aber leicht fiel mir das nicht. Es hatte eben einfach nichts zu bedeuten.

Vor allem wusste ich ja nicht mal, wie diese sagenumwobene Jessica aussah! Bestimmt war sie zwei Meter groß, hatte eine Figur wie ein Bodybuilder, eine Warze auf der Nase und trug zur Arbeit Jogginghosen.

Aber bevor ich mich bei Megaradio meldete und meine ehemaligen Radiokollegen bat, Jonas für mich auszuspionieren, da musste noch viel Wasser die Elbe hinunterfließen. Oder hinauf. Oder wo fließt das Wasser hin?

Nachdenklich fuhr ich auf den Parkplatz der Redaktion im Hamburger Schanzenviertel und stellte den Motor aus.

Eine Stunde später saß ich, immer noch in Gedanken versunken, an meinem Schreibtisch. Dabei hätte ich dringend meinen Artikel zum Thema »Zehn Dinge, die Kinderaugen an Weihnachten zum Leuchten bringen« schreiben müssen. Und das auch noch pädagogisch korrekt, ganz im Stil unseres etwas konservativen Magazins. Kein Wunder, dass mir nichts einfiel. Einen Abgabetermin hatte ich auch, irgendwann; ich hatte es mir aufgeschrieben. Ich fand den Zettel nicht mehr, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte. Sachte pustete ich in meinen dritten Becher Kaffee, trank einen Schluck und suchte einen Platz auf meinem übervollen Tisch.

Links und rechts neben der Tastatur und am Bildschirm klebten wichtige gelbe Notizzettel (Sophie, deine Mutter hat angerufen/Sophie deine Mutter hat schon wieder angerufen/Sophie, es ist wohl wichtig/Sophie, deine Mutter will sich umbringen, wenn du dich nicht meldest/Sophie, deine Mutter hat heute NICHT angerufen!!??), auf der ehemals freien Fläche des Schreibtisches stapelten sich Zeitschriften, Mappen, Ordner, andere Zeitschriften, Terminplaner der letzten drei Jahre, darauf Taschentücher, Nasentropfen, eine halb volle Zigarettenschachtel, ein Labello, eine halb volle Cola-light-Flasche und eine Fisherman’s-Friend-Packung. Mein Handy lag neben der Tastatur.

Vor mir wartete ein leerer Monitor darauf, mit sinnvollem Text gefüllt zu werden. Ich war lustlos, und mir fiel nichts ein, also ließ ich meine Gedanken und meinen Blick schweifen, in der Hoffnung auf einen überraschenden Geistesblitz.

Das Büro befand sich in einem nicht besonders schicken, aber kultigen Altbau mit hohen Wänden, alten Dielen und kleinen Räumen in Hamburg-Eimsbüttel, genauer gesagt Nähe Schulterblatt. Das ist da, wo es immer die Krawalle gibt. Erster Mai, Schanzenviertel und so. So wie in Berlin, nur kleiner. Einmal hatten wir sogar in einer Ausgabe darüber berichtet, zum einen aus der Sicht einer Polizistin, die auch Mutter war. Wie sie damit zurechtkam, an so einem gefährlichen Einsatz beteiligt zu sein. Was sie von den Aufständen hielt, die ja eigentlich nur »zum Spaß« stattfanden. (Was sie davon hielt, konnte man sich denken, nämlich gar nichts. Sie hätte auch lieber mal einen Maifeiertag für sich und ihre Familie.)

Auf der Gegenseite stellten wir eine der Krawallmacherinnen vor, die mit ihren zwei Kindern in einem Bauwagen wohnte. Meine Kollegin hatte sie gefragt, wer in der Zeit auf ihre Kinder aufpasste (ihre Kommune natürlich), wie sie sich das als Mutter eigentlich so dachte (sie dachte sich nichts dabei) und ob sie ihren Kindern kein besseres Vorbild sein wollte (nö, die kriegen das ja nicht mit). Schönes Leben, am Wochenende Steine auf »Bullenschweine« schmeißen, und unter der Woche gibt’s dann Ravioli aus der Dose für die Kinder im Bauwagen. Eine mir fremde Welt tat sich da auf. Zumindest, was das Steineschmeißen betraf. Davon hielt ich mich fern. Ravioli aus der Dose, muss ich gestehen, gab es bei uns auch manchmal.

Von außen war das Gebäude braun und nicht besonders gut renoviert. Das Treppenhaus roch lecker nach der Dönerbude von nebenan, bei der wir uns mittags immer eindeckten, und die Stufen waren mit billigem PVC ausgelegt. Wir belegten eine ehemalige Anwaltskanzlei im dritten Stock. Ohne Fahrstuhl.

Die Redaktion war in fünf Räume aufgeteilt. Betrat man den Flur, stand man als Erstes vor den Toiletten. Rechts davon sah man auf die Anmeldung, die selten besetzt war, weil unsere Empfangsdame Nicole ständig bei Frank vom Marketing herumsaß und mit ihren immens dick getuschten Wimpern klimperte. Da uns selten jemand besuchte und sie deswegen auch nie aufflog, konnte es nun nicht mehr lange dauern, bis sie mit Frank zusammen war. Er war einer der beiden Männer, die bei uns arbeiteten, und da er sich vor Kurzem von seiner langjährigen Freundin getrennt hatte, wurde er nun von allen Seiten angeschmachtet. Wir anderen mussten aber im Gegensatz zu Nicole wirklich arbeiten oder waren glücklich vergeben– oder zumindest vergeben– oder hatten Kinder und deswegen nicht mehr den Elan, uns auf Franks Schreibtisch zu räkeln.

Rechts vom Flur waren Marketing und Verwaltung, Werbung und Layout untergebracht. Die Zeitschrift erschien einmal im Monat und hatte sich seit ihrer Entwicklung vor zwölf Jahren dermaßen etabliert, dass sie 450 000 Leser monatlich erreichte. Das war schon eine ganze Menge. Es gab nur eine Elternzeitschrift, die noch beliebter war als Mütter. Kinder & Co. machte uns harte Konkurrenz. Vor knapp einem Jahr hatte dort die Chefredakteurin gewechselt, und die Kollegen schrieben meistens über interessantere Themen als wir. Ich musste gestehen, dass ich lieber die Konkurrenz las als unsere eigenen Artikel. Es lag nicht an der Themenauswahl, die war korrekt, aber unsere Art der Präsentation hätte ein kleines bisschen moderner sein können. Ehrlich, wen interessierten schon Rezepte für Kürbissuppe und Familienreisen in den Schwarzwald? Es wunderte mich jedenfalls nicht, dass Kinder & Co. auf dem freien Markt die Nase vorn hatte.

Vor drei Jahren hatte es unsere Konkurrenz noch gar nicht gegeben, also hatte ich mich mit einem kleinen Artikel bei Mütter beworben und in der Kategorie »Mütter, die auch Menschen sind« prompt einen lustigen kleinen Preis gewonnen. Seitdem arbeitete ich dort als freie Mitarbeiterin.

Ein Jahr lang schrieb ich nun schon eine monatliche Kolumne im Stil einer Glosse namens »Sophies Welt« über mein Leben mit Kind. Zusätzlich lieferte ich jeden Monat mindestens zwei Artikel. Seit Majas drittem Geburtstag vor anderthalb Jahren war ich auch noch montags, dienstags und mittwochs fester Bestandteil der Mütter-Redaktion hier im Büro.

Meine Themen wurden eigentlich immer angenommen, und ich liebte es zu schreiben. Ich tat mich nur manchmal schwer mit dem »braven« Stil, den meine Chefredakteurin verlangte. Nur in meiner Kolumne durfte ich meinem eigenen Stil entsprechend über das Leben mit Maja so lebensnah und lustig wie möglich berichten.

Heute aber war mein Kopf so leer wie der weiße Bildschirm, und mein aktuelles Thema »Zehn Dinge, die Kinderaugen an Weihnachten zum Leuchten bringen« entriss meinen Synapsen keine knackige Überschrift. Nicht mal eine schwarzweiße. Vielmehr wehten dornige Sträucher durch die Wüstenei meines leeren Gehirns, und von weit her drang »Spiel mir das Lied vom Tod«.

Ich sah aus dem Fenster. Die Blätter der Ahornbäume hatten eine orange-rote Färbung angenommen, Laub sammelte sich in kleinen Häufchen auf den Bürgersteigen, und es regnete ausnahmsweise gerade mal nicht.

Vier meiner Kolleginnen, Tanja, Bianca, Jojo und Katja, taten das Gleiche wie ich. Kollektiv starrten wir auf unsere Bildschirme oder aus dem Fenster, pusteten in unsere Becher, tranken Kaffee und seufzten tief.

Ich mochte die Redakteurinnen, wir waren mehr oder weniger befreundet. Mittags gingen wir gemeinsam Kaffee trinken oder zum Schulterblatt essen und löffelten dort unseren Latte macchiato.

Ich liebte Hamburg. Oft hörte man hier andere Sprachen, sogar hier im Schanzenviertel spürte man, dass »wir« Großstadt waren. Wir sind Hamburg. Du bist Hamburg. Das Gefühl machte mich froh und stolz. Ich saß hier, ich gehörte dazu und konnte auf jede Frage, wo denn welcher Arthouse-Film lief, wo man Sushi oder indisch essen konnte, wo man hippe Secondhandsachen bekam oder wo das neue Designeroutlet war, Auskunft geben.

Alle von uns hatten Kinder, das schweißte uns zusammen. Wir bildeten unsere eigene kleine Mütter-Mafia, hatten aber außerhalb der Redaktionszeiten nicht viel miteinander zu tun. Einmal waren wir abends zusammen feiern gewesen, in der Hoffnung, alte Partyzeiten wieder aufleben lassen zu können. Es war eine einzige Katastrophe geworden. Im Herz von St. Pauli, einembeliebten Club auf der Reeperbahn, hatte Katja unsere Runde verlassen, noch bevor der erste Cocktail serviert werden konnte, weil ihre dreijährige Tochter sich eine Erbse durch die Nase fast bis ins Gehirn geschoben hatte und ins Krankenhaus musste.

Nach dem zweiten Cocktail verabschiedete sich Bianca, weil sie Kopfschmerzen hatte und am nächsten Morgen früh raus musste. Wir buhten sie aus und riefen ihr wüste Beschimpfungen und Drohungen hinterher. Das hielt sie aber nicht vom Gehen ab. Nach dem dritten Cocktail fuhr auch Jojo fluchend nach Hause: Ihr Mann hatte angerufen, weil er das Baby nicht beruhigen konnte. Trotz der lauten Musik konnten wir den kleinen Jannik im ganzen Laden durchs Handy brüllen hören.

Blieben noch Tanja und ich. Wir schlurften bis um eins über den Kiez und lauschten mit dröhnenden Kopfschmerzen den lauten Bässen aus den Discos auf der Suche nach der Freiheit und Leichtigkeit von früher. Einmal wieder Partyluft schnuppern, mehr wollten wir doch gar nicht! Das Einzige, was wir schnupperten, war die schlechte Luft in den Kneipen, Erbrochenes auf den Toiletten und Mundgeruch von aufdringlich-balzbereiten Studenten, die meinten, wir wären noch Singles, kinderlos und heiß auf einen One-Night-Stand.

Ein älterer Herr, des Deutschen offensichtlich nicht mächtig, hielt mich, warum auch immer, wohl für eine der Hamburger Huren und sprach mich mit den Worten an: »Du wolle ficki-ficki?« Nein, danke, ich wolle kotzi-kotzi. Und dann schnell nach Hause.

Es endete gegen halb zwei damit, dass es uns am Hamburger Berg, unserem alternativ angehauchten Tanzbezirk von früher, zu laut und zu voll war und wir dagegen nicht laut und nicht voll genug waren. Lieber statteten wir »unserem« Dönermann Vladimir, der aus Italien kam und neben unserer Redaktion seinen griechischen Imbiss eröffnet hatte, noch einen Besuch ab. Unsere Autos standen auf dem Parkplatz der Redaktion, und viel hatten wir nicht getrunken. Im grellen Neonlicht der Imbissbude zogen Tanja und ich genüsslich stöhnend und lachend unsere hochhackigen Schuhe aus und aßen Krautsalat. Vladimir gab uns noch einen Sekt aus. Das hob die Stimmung, und als er Radio Hamburg ein bisschen lauter machte, tanzten Tanja und ich auf Strümpfen zu Kylie Minogue vor der gläsernen Vitrine mit Antipasti. Das war dann schön.

Beim Abschied versprachen wir uns, das zu wiederholen.

Das war vor einem halben Jahr gewesen, und wir hatten es alle nicht mehr angesprochen. Aber seitdem war Vladimir besonders freundlich zu uns.

»Aaaaah, bella Mamma, habte ihre so schön getanzte in meine Lade!«, verkündete er nun jedes Mal, wenn wir uns einen Döner holten, und zwinkerte uns dabei zu. Ich glaube, er hatte sich ein bisschen in uns verliebt.

Tanja saß mir jetzt am Schreibtisch gegenüber, wie immer ein strahlender Anblick. Sie hatte sich ein leuchtend rotes Haarband in die vollen, dunklen Locken geknotet, sehr sexy, sehr retro. Trotzdem war sie genauso einfallslos wie ich.

»Habt ihr den Treuetest heute gehört?«, fragte ich die Mädels. Vier Köpfe drehten sich zu mir um. Ich hatte ins Schwarze getroffen.

»Ich mag so was ja eigentlich nicht«, sagte Bianca und klackerte dann schnell einen Satz in ihre Tastatur.

»Ich auch nicht«, versicherte Jojo, »aber heute, das war echt krass, da konnte man auch irgendwie nicht wegschalten, ich war wie gefesselt.«

»Der arme Typ!«, warf Katja ein, und schon war eine lebhafte Diskussion im Gange.

»Was, armer Typ?«, empörte ich mich, die anderen waren ebenfalls entrüstet. Ich stellte mir vor, Jonas würde in flagranti in den Fängen seiner Praktikantin erwischt. »Von wegen, armer Typ– das hätte er sich ja auch vorher überlegen können!«

Bianca stimmte mir zu. »Ja, das gehört sich nicht, stimmt schon, aber mal ehrlich, wer ist denn auch so blöd, seine Freundin so auffällig zu betrügen, dass sie es merkt?«

Tanja und ich waren uns einig und riefen aus einem Mund: »Na ja– Männer?«

Ich brachte den Ehering, der in meinem Portemonnaie darauf wartete, dass sein Besitzer ihn vermisste, nicht ins Gespräch. Auch von Jessicas Existenz wussten meine Kolleginnen nichts, und das war auch gut so.

Schlafende Teufel weckt man nicht, und ich wollte keinen Hund an die Wand malen. Oder so ähnlich.

Ich holte mir noch einen Kaffee, damit ich mein Gehirn vielleicht doch noch überreden konnte, sich etwas anzustrengen.

In der Küche traf ich auf Eva aus dem Marketing. Ich bemühte mich wirklich, mit allen Kolleginnen gut auszukommen, aber Eva hatte eine Art an sich, dass man sie einfach grundunsympathisch finden musste. Um nicht zu sagen: Eva war biestig und blöd. Das war nicht nur meine Meinung, auch Katja, Bianca, Jojo und Tanja fanden das. Wo sie nur konnte, reckte, streckte und räkelte sie sich, damit wir auch nur ja alle ihre tolle Modelfigur bewunderten.

Leider war sie der Liebling der Chefin, da sie ja angeblich so tolle Arbeit ablieferte und so wahnsinnig engagiert war und überhaupt, ah und oh. Das lag sicher unter anderem daran, dass Eva auch noch keine Kinder hatte und sich deswegen nicht bemühen musste, um sechzehn Uhr ihre Kröten irgendwo abzuholen, sondern arbeiten konnte, so lange sie wollte, um danach noch entspannt durch mehrere Clubs zu ziehen.

Klar war die Mütterfraktion unter uns da neidisch. Aber auch für Eva würde sich das Blatt wenden, da waren wir ziemlich sicher. Bis dahin hatten wir aber beschlossen, sie nicht zu mögen. Aus gutem Grund, wie sich auch heute wieder zeigen sollte.

»Kannst du mal gucken, ob der Rock aufträgt?«, fragte sie mich affektiert und wandte mir in der winzigen Küche ihre Kehrseite zu. Dann wackelte sie mit ihrem sexy Mini-Popöchen, das in einem grauen, knielangen Bleistiftrock steckte und an der Taille eng gegürtet war, vor mir hin und her. In den Rock hatte sie akkurat eine weiße Bluse gesteckt, darunter trug sie einen schwarzen BH, was aber nicht wie bei mir absolut billig und nuttig aussah, sondern hip und cool. Wie sie das machte, war ihr Geheimnis.

Ich guckte mir das Schauspiel mit dem Powackeln kurz an und brachte es nicht über mich, ihr die Wahrheit zu sagen. Nämlich dass sie natürlich wie immer phänomenal toll aussah, was daran lag, dass sie bei ihrer Größe von 1,80 m nur etwa 55 Kilo wog. Und egal, was sie anzog, immer toll aussah. Deshalb sagte ich: »O ja, Mensch, sieht toll aus! Wenn du noch ein, zwei Kilo abnimmst, passt er bestimmt perfekt!«

Eva hörte mit dem Powackeln auf, schaute mich irritiert an und zupfte etwas an ihrem Rock herum. Dann schenkte sie mir ein strahlendes Lächeln und schüttelte schwungvoll ihre blonden Locken.

»Ja, na ja, kann sein. Dafür liegen meine Haare heute wirklich supi!«

Mehr als meine Augenbrauen hochzuziehen und, ohne dass sie es sah, die Augen zu verdrehen, fiel mir dazu nicht ein. Als ich zu meinem Platz zurückging, kam ich am Spiegel vorbei und besah mich kritisch.

Dann stellte ich mir vor, Jonas würde mich so, wie ich heute aussah, kennenlernen. Nicht gerade eine schöne Vorstellung. Für meine Figur konnte ich nichts. Breite Hüften, oben schmal, das hatte sich nicht geändert, seit ich dreizehn war. Jonas mochte das ja angeblich. Nach Majas Geburt wog ich aber noch genauso viel wie zum Ende der Schwangerschaft, und mein Gewicht hatte sich jetzt, nach vier Jahren, trotz WeightWatchers und Sport irgendwo in Höhe des sechsten Monats eingependelt. Mir war es langsam egal. Ich hatte aufgehört, gegen meinen Körper anzukämpfen. Er gewann sowieso. Stattdessen betonte ich meine Vorzüge.

Ich versuchte mich jeden Morgen zu schminken, tuschte meine langen Wimpern mit drei Schichten Volume&Longlash Mascara und bestrich die hohen Wangenknochen mit dunkelrotem Rouge. Auf meine Lippen kamen ordentlich Lipliner und Gloss.

Weil ich mich heute aber, wie jeden Morgen, wenn ich Maja zum Kindergarten bringen und danach arbeiten musste, aus Zeitgründen wieder im Auto geschminkt und frisiert hatte, sah ich genauso aus wie jemand, der sich im Auto geschminkt und frisiert hatte. Angeklatschte Haare inklusive. Igitt, und ich brauchte dringend neue blonde Strähnchen, stellte ich fest. Waren das etwa graue Haare da am Ansatz? Das wurde ja immer schlimmer.

Vor dem Spiegel schwang ich meine splissigen, straßenköterfarbenen Fusseln nach hinten und murmelte ironisch: »Meine Haare liegen heute auch wirklich supi!«

»Wie bitte?«, hörte ich eine Stimme neben mir und schrak zusammen.

»Huch? Äh, wie bitte?«, echote ich. Meine Chefin, Amelie Winter, stand neben mir. Da ich ja heute auch neben mir stand, konnten wir uns dort die Hand reichen. Normalerweise saß sie in einem Glaskäfig am anderen Ende der Redaktion, telefonierte und gestikulierte. Von dort konnte sie uns alle gleichzeitig böse anfunkeln, vorausgesetzt, es waren mal alle festen und freien Mitarbeiterinnen anwesend und saßen nicht Händchen haltend und Tee reichend an den Betten ihrer kotzenden Kinder. Ich war ihren Anblick mitten in der Redaktion und sogar mitten im Flur, gar nicht gewöhnt und reagierte entsprechend erschrocken. Mit »Wie bitte?« meinte sie wohl mein dümmliches Selbstgespräch vor dem Spiegel, wie peinlich!

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