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Ich bin wieder draußen: das erste Mal allein mit einem Rucksack auf dem Harzer Hexenstieg. In den nächsten fünf Tagen werde ich anhand der Wegemarkierungen und einer Karte durch das nördlichste deutsche Mittelgebirge wandern. Einen 10 kg schweren Rucksack bei Temperaturen über 30 ° Celsius und an Regentagen durch die Landschaft zu tragen und auch das Verlaufen im Wald gehören zu meinen neuen Erfahrungen. Bedenken meiner Freunde und Bekannten, als Frau und dann noch allein dieses Vorhaben anzugehen, können mich nicht aufhalten. Am Ende steht der Wunsch nach mehr.
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Seitenzahl: 78
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Der Harzer Hexenstieg - die kleine Hexe zog mich mit dem ersten Schritt in ihren Bann
Der Beginn
Etappe 1: Von Osterode nach Buntenbock
Etappe 2: von Buntenbock nach Torfhaus
Etappe 3: von Torfhaus nach Königshütte
Etappe 4: von Königshütte nach Wendefurth
Etappe 5: von Wendefurth nach Thale
Anmerkung zur Planung
Der Weg
Vom 31.08.2015 bis zum 04.09.2015 bin ich allein mit meinem 10 kg schweren Rucksack auf dem Harzer Hexenstieg unterwegs gewesen. Seit mehr als einem Jahr habe ich mich mit dem Gedanken getragen, einen Fernwanderweg zu gehen. Da ich mich zu den Wanderanfängern zähle und bislang lediglich einige kurze Wanderungen in Norddeutschland und den Niederlanden durchgeführt habe, ist die Entscheidung zugunsten eines Weges in einem deutschen Mittelgebirge ausgefallen.
Mal schauen, ob ich mein Vorhaben realisieren und den Harz in 5 Tagen von West nach Ost durchqueren kann. Sollte ich es nicht schaffen, besteht jederzeit die Möglichkeit mit dem Bus und Zug zurückzufahren. Aber diesen Gedanken verwerfe ich ganz schnell: noch nicht einmal begonnen und schon an Abbruchmöglichkeiten denken? Nein, das geht gar nicht.
Mit der Bahn reise ich am 31. August nach Osterode im Westen des Harzes. Dort beginnt der Hexenstieg an der Bleichestelle und führt über eine Länge von ca. 95 km bis nach Thale im Ostharz. Dabei überquert er auf der Originalroute den höchsten Berg Norddeutschlands mit einer Höhe von 1141 m über NN, den Brocken. Es gibt zwei etwas einfacher gestaltete Alternativrouten. Sie unterscheiden sich durch wesentlich geringere Höhenunterschiede von der Hauptroute. Diese werde ich nicht nutzen, sondern mich an dem Hauptweg versuchen. Nach meinem Ausstieg am Bahnhof Osterode-Mitte beginnt meine Wanderung.
Für mein Vorhaben benötige ich noch ordentliches Kartenmaterial. Die Recherchen im Internet haben ergeben, dass die Karte des Harzer Hexenstieges von KartoGuide mit einem Maßstab von 1 : 30000 sehr gute Kritiken erhalten hat. Es handelt sich dabei um den offiziellen Wanderführer, der vom Harzer Tourismusverband und dem Harzklub e.V. herausgegeben wurde. Diesen will ich mir im örtlichen Touristeninfozentrum besorgen.
Ich laufe erst einmal Richtung Ortsmitte, denn dort wird es ein solches Zentrum geben , vermute ich. Als ich die Fußgängerzone von Osterode erreiche, zeigt auch bereits ein entsprechendes Hinweisschild in dessen Richtung. Aber keines der Häuser, die ich in dieser Richtung ausmache, beinhaltet das gesuchte Büro. Schließlich frage ich eine Dame, welche auf einer Bank ihre Mittagspause genießt.
„ Oh, die Touristeninformation liegt ein wenig versteckt hinter der alten Stadtmauer. Es ist nicht allzu weit von hier. Ich werde Sie einfach dorthin begleiten“, erläutert sie mir freundlich, springt auf und geht vor mir her durch eine kleine Gasse.
Schon kommt die von ihr erwähnte Stadtmauer in Sicht. Wir gehen durch ein kleines Tor und rechts dahinter, in einigen Metern Entfernung, prangt ein Schild mit dem großen typischen „I“ für Touristeninformation an einem einladenden Gebäude.
„ Viel Glück auf dem Hexenstieg“ ruft sie mir noch zu, dreht sich um und ist verschwunden.
Ich erhalte das gewünschte Kartenmaterial und dazu noch eine Liste mit Hotels, Pensionen und Campingplätzen am bzw. in der Nähe des Hexenstieges. Man erklärt mir den Weg zur Bleichestelle, dem Beginn meines Wanderweges und los geht es.
Ich lasse das Rathaus, ein wunderschönes Fachwerkgebäude, zu meiner Linken liegen, gehe einige Meter geradeaus, überquere dann eine Brücke, die einen Bach überspannt, gehe durch einen Kreisverkehr und folge, nach rechts gewandt, der Scheerenberger Straße. Ich frage dort nochmals eine ältere Dame, die mit Einkaufstüten beladen eine Pause eingelegt hat, nach dem Weg. Die Straße steigt jetzt leicht an.
„Ich gehe in die gleiche Richtung. Sie können mit mir mitgehen“, kommt es von ihr, wobei sie schwer atmet. „Wollen Sie den kompletten Hexenstieg gehen?“, fragt sie überrascht als sie meinen nicht gerade kleinen Rucksack betrachtet und erzählt mir dann, dass sie in früheren Jahren auch gerne mit ihrem Lebenspartner Reisen unternommen hat.
„ Jetzt bin ich allein und kann es aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr machen“, kommt es traurig von ihr. Sie bleibt stehen und deutete nach links über die Straße.
„Dort drüben beginnt der Hexenstieg. Sie müssen immer geradeaus auf dem Hundscher Weg laufen. Viel Glück“.
Dann geht sie weiter. Schon das 2. Mal, dass mir jemand so freundlich den Weg erklärt und mir Glück wünscht. Besser kann mein kleines Abenteuer nicht beginnen.
Harzer Hexenstieg von Osterode bis Thale
Die kleine weiße Hexe wird mich in den nächsten Tagen ( hoffentlich immer ) auf meinem Weg begleiten. Zunächst gehe ich in freudiger Erwartung zwischen den Wohnhäusern am Ortsrand von Osterode auf dem Hundscher Weg, der hier noch eine ganz normale Straße mit Bürgersteig ist. Allerdings ist die Steigung hier deutlich in den Beinen zu spüren. Am Ortsrand wird aus der Asphaltstraße ein Schotterweg, der weiterhin rasant ansteigt. Bis zu meiner ersten geplanten Rast, dem Eselsplatz, sind es ca. 3 km und der Höhenunterschied beträgt laut Führer auf diesem Teilstück 240 m. Der Weg führt zwischen Wiesen und Äckern hindurch, immer bergan. Bei den gemeldeten Temperaturen von 32 Grad Celsius, und die haben wir mit Sicherheit erreicht, komme ich sehr schnell ins Schwitzen.
Kurz vor Erreichen der Waldgrenze befindet sich linker Hand ein Hinweisschild, welches den Wanderer darauf aufmerksam macht, dass auch der deutsche Dichter Heinrich Heine diesen Weg beschritten hat. Seine Erlebnisse hat er in dem Werk „ Die Harzreise“ 1824 nieder geschrieben. Heine wanderte als Student von Göttingen bis Ilsenburg und hat dabei den Harz von Süd nach Nord durchquert.
Ich war gespannt, wie sich vor nahezu 200 Jahren dieses Abenteuer entwickelt hat und habe mir nach meiner Wanderung das Buch gekauft. Das Lesen hat sich für mich gelohnt.
Nach einigen Metern liegt links am Weg eine Töpferei, dessen Inhaber mit verschiedenen bunten Gefäßen im Garten auf sich aufmerksam macht. Endlich führt mein Pfad in den Wald hinein.
Bei den heutigen Temperaturen bin ich froh, jetzt im Schatten der Bäume weitergehen zu können. Der Hexenstieg ist immer noch ein relativ breiter Wanderweg mit einem gut begehbaren Sand- und leichtem Schotteruntergrund. Ich höre nur noch meine Schritte, Vogelgezwitscher und keine Motorengeräusche von PKW oder LKW mehr. Ich kämpfe mich, dem Weg folgend, weiter empor. Die ungewohnte und für einen Flachländer wie mich relativ starke Steigung macht mir zu schaffen. Von Vorteil ist, dass der Hexenstieg sich in leichten Windungen nach oben bewegt, sodass ich immer bis zur nächsten Biegung schauen kann, aber nie ein Ziel in weiter Entfernung verfolgen muss. Plötzlich registriere ich einen besonderen Geruch: Brombeere. Bei näherem Hinschauen entdecke ich überall am Wegesrand Brombeerbüsche mit zum Teil reifen Früchten. So intensiv habe ich diesen Geruch noch nie erlebt.
Brombeeren, die zum Naschen einladen.
Auf halber Strecke zum Eselsplatz begegne ich einem besonderen Wesen. Links von mir taucht eine Köhlerfrau auf, welche eine 40 kg schwere Kiepe trägt. Leider kann sie mir nicht sagen, wie sie tagein und tagaus diese Leistung bewältigt hat. Es handelt sich bei der Köhlerfrau um eine wunderbare Holzfigur. Im Vergleich dazu trage ich nur ¼ dieser Last. Die Frauen haben vor Jahrhunderten auf diese Art und Weise ihre Männer bei der Arbeit in den Bergen versorgt. Immer noch diese Leistung bewundernd setze ich meinen Weg fort.
Ich weiß jetzt noch nicht, dass ich in einigen Tagen noch einmal sehr über die Köhlerfrau schmunzeln werde.
Köhlerfrau am Wundscher Weg
Kurz darauf kommen mir die ersten Wanderer entgegen. Ich sehe ihnen an, dass auch ihnen die Hitze des heutigen Tages zu schaffen macht. Sie haben lediglich den Vorteil, dass sie bergab gehen können. Es kommt ein freundlicher Gruß herüber.
Einige dieser Mitstreiter, denen ich jetzt ab und an begegne, haben Wanderstöcke dabei. Auch ich habe bereits überlegt, ob es mit Wanderstöcken einfacher gehen würde. Aber jetzt ist es eh zu spät. Die hätte ich mir vorher besorgen müssen. In einem Wanderführer habe ich gelesen, dass sie nicht unbedingt für den Harzer Hexenstieg erforderlich sind. Die Autoren dieses Werkes werden hoffentlich Recht behalten.
An einigen Stellen bleibe ich kurz stehen, um ein wenig zu verschnaufen. Dabei genieße ich den Wald um mich herum, die Stille und die kurzen Ausblicke auf die Täler, die sich zeigen.
Dann stehe ich am Eselsplatz mit der ersten Schutzhütte, die von zwei großen hölzernen Eseln bewacht wird.
Eselsplatz - hölzerne Wächter
Die Pause brauche ich jetzt unbedingt. Nachdem ich mein Brötchen gegessen und fast eine Flasche Wasser innerhalb einer halben Stunde getrunken habe, versuche ich mich zu orientieren und den weiteren Weg zu finden. Die Karte zeigt, dass ich mich links halten muss. Doch unmittelbar an der Wegekreuzung finde ich meine kleine Begleiterin nicht. Halblinks verweisen andere Wegezeichen auf weitere Wanderwege.
Plötzlich schreckt mich eine Bewegung aus meinen Überlegungen auf. Ein Mountainbiker kommt in schnellem Tempo an dem Platz vorbeigerast und ist in Sekundenschnelle wieder im Wald verschwunden. Ich sollte künftig zusätzlich auf Biker achten, denke ich mir.
Ich gehe den Weg zurück und sehe mir das letzte Zeichen an. Auch dieses weist nach links. Also gehe ich den Weg, der nach links führt, einige Meter weit und erblicke schließlich erleichtert die kleine weiße Hexe. Man hätte sie auch etwas näher an der Wegekreuzung anbringen können.
Der Waldweg steigt nun kaum noch an. Ich gehe im Schatten der Nadelbäume weiter, Richtung Marienblick.
Ein angenehmer Wanderweg Richtung Marienblick
