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Eine Russin, die in Moskau und Berlin studierte und seit 1995 in Deutschland lebt. Sie beobachtet Deutsche und Russen genau, studiert, wie ihre Landsleute miteinander umgehen und warum sie sich so verhalten. Anna Rose erzählt über den Umgang von Russen mit Russen, von Deutschen mit Deutschen, aber insbesondere über den Umgang von Deutschen mit Russen und umgekehrt. Privat wie auch politisch. Sie analysiert hintergründig, warum das aktuelle Verhältnis zwischen Deutschland und Russland so schlecht ist. Offen schreibt sie über menschliche wie politische Probleme, kritisch und zugleich mit Zuneigung. Sie erzählt über Ostler und Westler, über Migranten und Ausländer, über Moslems und Christen, über einfache Leute und abgehobene Intellektuelle - in beiden Ländern. Dabei erklärt sie auch die Politik und die offiziellen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. In erhellenden Episoden macht sie individuelle Charaktere, nationale Prägungen und Verhaltensmuster deutlich. Sie erhebt keine Vorwürfe und verzichtet auf Schuldzuweisungen, aber sie sagt auch: Beide Seiten sind an dem aktuellen Zustand beteiligt, Moskau wie Berlin. Anna Rose informiert und unterhält, sie plaudert, ohne sich zu verplauschen. Eigentlich ist das Buch eine Liebeserklärung an das deutsche wie auch das russische Volk, und es schwingt die Hoffnung zwischen den Zeilen mit, dass der gegenwärtige Zustand der wechselseitigen Abneigung überwunden werden kann. Bei aller Skepsis ist sie dennoch optimistisch.
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Seitenzahl: 485
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Impressum
Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet, dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.
Das Neue Berlin –
eine Marke der Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage
ISBN E-Book 978-3-360-50186-8
ISBN Print 978-3-360-02803-7
1. Auflage 2021
© Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
www.eulenspiegel.com
In Erinnerung an meinen Großvater Viktor Fjodorowitsch Frolow† und meinen Schwiegervater Claus Rose†, die die ersten Ideen zu diesem Buch in mir geweckt haben.
Inhalt
Vorwort
I. Auf einmal war die Geschichte, die wir bis dahin gelernt hatten, falsch
II. Von Gorbatschow zu Jelzin
III. Von Katzen und fremden Menschen
IV. »Klar, die Russen werden mit der Pelzmütze geboren«
V. Von Moslems, Schwulen und Skifahren im Grunewald
VI. Aha, die deutschen Gutmenschen haben Werte – die Russen hingegen nicht
VII. Russland als kleines Kind, das geliebt werden möchte
VIII. Vom Fluchen, Schimpfen und Lügen
IX. Vielleicht ist Russland auch kein braver Schüler?
X. Geopolitik im Sandkasten
XI. Ausgrenzungsideologien
XII. Schuld und Sühne
XIII. Unerkannte Fehler und Apathie
XIV. Jetzt muss das Rad neu erfunden werden
XV. Noch einmal zur Frage der Gleichheit
XVI. Russlands Kapitalismus hat sozialistische Muttermale
XVII. Über die Verantwortung der Journalisten
XVIII. Beutekunst und Gesichtswahrung
XIX. Das Mädchen Lisa und die AfD
XX. Blumen für die Kanzlerin
XXI. Deutschland und Russland haben viel zu bieten
Nachwort
Vorwort
Ich habe zehn Jahr für die russische Regierungszeitung Rossijskaja gaseta als Deutschlandkorrespondentin gearbeitet. Ich habe gehofft, dass ich mit meinem Wissen und mit meiner Berichterstattung den Menschen in Russland die Wahrheit über die Ereignisse in Deutschland und über die Deutschen näher bringen kann. Ich habe mich leider geirrt. Spätestens seit der »Flüchtlingskrise« und dem Erstarken der Alternative für Deutschland war mein Gewissen mit der Arbeit in dieser Zeitung nicht zu vereinbaren. Ich sollte abfällig über die Geflüchteten und über die AfD in hohen Lobesworten schreiben. Hier war für mich Schluss.
Die Idee für dieses Buch entwickelte sich bei meinen Auftritten in deutschen Medien. 2014 gab es bekanntlich die »Ukraine-Krise«. Russland hatte die Krim besetzt, und wenig später begann der Bürgerkrieg in der Ostukraine. Präsident Putin nutzte die Vorlage, um einen Krisenherd an der Grenze zu Russland zu entfachen. Ich erinnere mich, dass ich in allen Sendungen als »putinistische« Journalistin eingeladen wurde. Man hielt mich für den verlängerten Arm des Kreml. Ich sollte als Gegenspieler der guten demokratischen Teilnehmer dienen. Die Rollen waren klar verteilt. Die taz – übrigens die Zeitung, deren Genosse mein Ehemann ist – machte darauf aufmerksam, dass ich dunkle und graue Farben bei der Kleidung bevorzuge. Offenkundig eine Metapher für meine Regime-Zugehörigkeit.
Bei meinen Auftritten habe ich jedoch nie »das Regime« verteidigt. Ich habe lediglich versucht, den Deutschen den Spiegel vorzuhalten, zu zeigen, was sie selbst vielleicht im Eifer des Gefechts vergessen hatten, wo sie sich mit Anschuldigungen überschlugen und wo es sich vielleicht lohnte, zu analysieren statt sofort zu verurteilen.
Vergeblich. Man hat mich davor und danach – unabhängig von meinen Worten – als »Kreml-Journalistin« etikettiert. Man hat mich als ein Puzzle in die deutschen Medien eingefügt und fühlte sich frei, zu urteilen, ohne zuhören zu müssen. Das erfüllte mich zuerst mit großem Erstaunen und danach mit einer Traurigkeit, die ich lange nicht ablegen konnte. Denn ich glaubte und glaube immer noch an die freie Meinungsäußerung und die freie Presse, an die demokratischen Institutionen. Diese Geschehnisse haben mir vor Augen geführt, wie zerbrechlich und biegsam die demokratischen Institutionen sind. Wie achtsam man sein muss, wie aufgeschlossen und selbstkritisch, nicht nur um eine Stimme aus vielen Stimmen nicht fehlzuinterpretieren, sondern um die Ereignisse und Meinungen in die richtigen Kontexte einzuordnen.
Ich sah die vorgegebene Linie der Redaktionen in Russland: nicht analysieren, nicht zuhören, zuweilen provozieren, dann Schlussfolgerungen ziehen. Viele meiner deutschen Bekannten attestierten den deutschen Medien die gleiche Taktik. Es gab keine Zeit, um die Besonderheiten der russischen Medienlandschaft zu erklären. Viele russische Journalisten arbeiten bei den staatlichen oder staatsnahen Medien. Immer noch sind es viel zu viele. Eine unabhängige Zeitung, ein paar Sender, die nicht im Fernsehen zu finden sind, ein paar Webseiten und ein Radiosender können nicht alle Willigen aufnehmen, ganz davon zu schweigen, dass man dort ein ordentliches Gehalt bekommen könnte, das es erlaubte, sich und seine Familie zu ernähren.
Ich habe dann angefangen, bei Anfragen von Talkshows und politischen Diskussionsveranstaltungen zu erklären, dass ich nicht die Kreml-Linie vertrete, dass ich keine »Putinistin« bin, auch wenn ich etliches an der Russland-Kritik in Deutschland für falsch halte. Die Reaktionen waren verblüffend: Nachdem sich anfangs die großen Polit-Talkshows von Anne Will bis Maybrit Illner geradezu um mich gerissen hatten, ebbten daraufhin die Anfragen ab. An Zwischentönen war man offenkundig nicht interessiert.
Jetzt berichte ich für den Radiosender Echo Moskwy. Er ist zwar in den Konzern »Gazprom-Medien« integriert und weit davon entfernt, nach hiesigen Kriterien als ein demokratisches Medium zu gelten, aber der Sender berichtet ohne Zensur wahrhaftig über alle Ereignisse im In- und Ausland und gibt auch kremlkritischen Journalisten und Intellektuellen das Wort. Ich bin so geblieben, wie ich war: kritisch und unabhängig. Ich hoffe, dass ich als Journalistin, die nicht mehr bei einer Regierungszeitung arbeitet, eventuell mehr Gehör in Deutschland und bei den Deutschen finden werde.
Lange Jahre war es still um Russland geworden. Nach den wilden neunziger Jahren und den Kriegen in Tschetschenien 1994/96 und 1999/09 herrschte erst einmal Ruhe. Keine reißerischen Nachrichten, keine besondere und dauerhafte Aufregung.
Der Konflikt in der Ukraine zwang die Deutschen, sich wieder ernsthaft mit Russland zu beschäftigen. Kein schöner – und kein dankbarer – Anlass, sich dem Kennenlernen eines anderen Landes zu widmen. Dabei gab es so viele Anlässe in all den Jahren nach Perestroika und Glasnost, die von Michail Gorbatschow initiiert worden waren. Allem Anschein nach haben die Deutschen auch diesen Politiker verkannt. Zumindest hat dies die Krise in der Ukraine gezeigt. Genauso wie die deutschen politischen Größen Helmut Schmidt und Helmut Kohl ist er unwichtig geworden. Gorbatschows Worte verhallen im allgemeinen Chor der neu erfundenen Russland-Definitionen.
Aus irgendwelchen Gründen ist es in Deutschland salonfähig geworden, dem Verständnis für die russische Nation, deren historischer Weg nicht einfach war und die sich heute noch nicht auf dem Niveau der fünf Prozent der Staaten befindet, die mit der hohen industriellen und politischen Entwicklung gesegnet sind, mit Häme, Hochmut und Ablehnung zu begegnen. Statt, wie es sich für eine hoch entwickelte Demokratie und einen Wohlstandsstaat gebührt, auf verschiedene Argumente zu hören, taten die meisten Medien in Deutschland in den vergangenen Jahren das Gegenteil: Sie brandmarkten deutsche Politiker, Journalisten und Bürger, die kritische Meinungen äußern, wahllos mit dem Unwort »Putinversteher« und denunzierten russische oder russlandfreundliche Stimmen als Propaganda.
Es ist unstrittig, dass unsere Länder viele Gemeinsamkeiten haben. Und es ist auch klar, dass wir aufeinander angewiesen sind. Es scheint jedoch, dass die Deutschen in der Überheblichkeit ihres neuen Wirtschaftswunders dies gern vergessen.
In den zwanzig Jahren meines Lebens in Deutschland merkte ich, wie in der deutschen Medienlandschaft langsam die Mainstreamberichterstattung überhand nahm. Vielleicht ist es auch eine Art Selbstzufriedenheit mit dem, was man als demokratische Medien erreicht hat. Erklärungen gibt es viele, das Ergebnis kann jedoch die Demokratie gefährden. Es tut mir leid um diese neue Ära des Nicht-Verstehens. Mein Land tut mir leid, das den Anschluss an Deutschland verliert. Diese unsinnige Ablehnung, Entfremdung und Abneigung tun mir weh. Es ist im besten Fall eine Sackgasse, aus der man rückwärts herauskommen kann, im schlimmsten Fall – eine neue Eiszeit und der Beginn der Abwendung unserer Länder voneinander.
Mir fällt auch auf, dass die deutschen Medien sehr schnell mit der Verurteilung Russlands zur Hand sind. Allerdings gibt es inzwischen mehr Gründe, dies zu tun. Leider hat sich Russland in den letzten Jahren zu einem autokratischen Staat entwickelt. Von Demokratie fehlt dort jede Spur. Es gibt selbst bei den sogenannten Oppositionellen wenig Verständnis für Demokratie und für soziale Marktwirtschaft. Sie rufen nur: Putin muss weg! Was danach kommt, scheint allen egal zu sein. Egal sind den russischen »Oppositionellen« mehrheitlich auch die Menschen. Ich würde es gutheißen, wenn sie ihr Ego und ihr eitles Streben nach Ruhm und Bedeutsamkeit zumindest mit dem Kampf für bessere Lebensverhältnisse verbinden würden. Das aber ist leider nicht der Fall.
Weil es aber in Russland keine nennenswerten demokratischen Kräfte gibt, scharen sich die meisten Gegner Putins um die Populisten vom linken und vor allem vom rechten Rand. Der Kreml nutzt dies. Er weiß, dass diese Kräfte ihm nicht gefährlich werden können.
Nun muss ich leider gestehen, dass die Hackerangriffe der letzten Zeit in vielen Fällen nachweislich von Russland ausgingen. Der Kreml hat eine Troll-Fabrik geschaffen, die soziale Netzwerke unterwandert und westliche Wahlen beeinflusst. Es gibt glaubwürdige Zeugenaussagen dazu. Beim russischen Geheimdienst FSB existiert eine spezielle Hackereinheit. Die Giftanschläge und die Beseitigung von Andersdenkenden und Überläufern scheinen plausibel belegte Tatsachen. Die Fälle Litwinenko, Nemzow, Skripal, Nawalny sprechen für sich. Und gibt es noch viele weniger bekannte oder vergessene Fälle. Zum Beispiel Sergej Magnizkij oder Wladimir Kara-Mursa.
Manche Deutsche waren der Meinung, dass man Russland in die EU hätte aufnehmen oder den NATO-Beitritt vorschlagen können. Ein NATO-Beitritt Russlands oder zumindest eine Assoziierung wäre vielleicht noch Ende der neunziger Jahre denkbar gewesen. Jetzt ist es dafür viel zu spät. Russland ist keine Demokratie mehr und tritt offen als Rivale des Westens auf. Dass an der Grenze zu Russland jetzt ein paar tausend Soldaten der NATO stehen, ist nichts im Vergleich zur russischen Armee, die an den russischen Westgrenzen steht. Dieser NATO-Vorposten ist rein symbolisch. Gleichwohl wird er von der Kreml-Propaganda ausgeschlachtet, um eine Bedrohung durch den Westen zu suggerieren. Dass aber Russland in der Sicht des Westens ein viel größeres Bedrohungspotential darstellt, wird in der russischen Öffentlichkeit nicht gesehen. Auch dass die Präsidenten der NATO-Staaten – anders als der russische Präsident – nicht regelmäßig mit neuen konventionellen und atomaren Waffensystemen prahlen, wird dort nicht wahrgenommen.
Der Westen wirkt ratlos und überfordert. Er weiß schlichtweg nicht, wie er mit Russland umgehen soll. Der Kreml erscheint ihm als unberechenbar und perfide. Die Unterstützung des Diktators Assad sowie die Sympathie für rechte Kräfte in europäischen Parlamenten und die Zerstörung der Umwelt im eigenen Land sind weitere traurige Tatsachen, die man nicht versteht.
Ein Ausweg kann nur durch Zuhören und Verstehen, Diskutieren und Aufklären, Zusammenwirken und Unterstützen gefunden werden. Schließlich kann man ein Volk nicht von außen zur Demokratie prügeln. Wie Jürgen Habermas 2005 in seinem Buch Zwischen Naturalismus und Religion zutreffend bemerkte: »Nur in dem Maße, wie eine Gesellschaft mit politischen Mitteln auf sich selbst einzuwirken in der Lage ist, kann die politische Autonomie der Bürger einen Inhalt gewinnen.«
I. Auf einmal war die Geschichte, die wir bis dahin gelernt hatten, falsch
Eigentlich bin ich zufällig nach Deutschland gekommen. Eigentlich. Mittlerweile denke ich, dass es eine gewisse Folgerichtigkeit hatte. Zumindest entsprach der äußere Rahmen des Lebens in Deutschland meiner inneren Einstellung. Diese Pingeligkeit, Genauigkeit, Verbissenheit, Verliebtheit in Details, der Sauberkeitswahn und die Hartnäckigkeit. In Russland hatte ich damit viele Probleme – sowohl zu Hause als auch bei meinen Freunden. In Deutschland schätzte man diese Eigenschaften und begrüßte meinen Anpassungswillen und mein Anpassungsvermögen. Sehr wohl fühlte ich mich, wenn ich Gleichgesinnte fand. Zum Beispiel beim Stromsparen, beim Mülltrennen, beim ordentlichen Zusammenlegen oder Zusammenstellen von Sachen. Im Sommer 1995 bin ich nach Deutschland gekommen – und fand mein neues Zuhause.
Die ostdeutschen Damen von der Humboldt-Universität, die nach Moskau gereist waren, um Studenten für den Austausch im Rahmen eines Programms des DAAD für Berlin auszuwählen, hatten mit mir Mitleid. Ich konnte kaum zwei Wörter richtig auf Deutsch sagen, meine Aussprache war schrecklich. Ich hatte aber ein interessantes Essay geschrieben sowie begeistert die Namen Wenders, Hölderlin, Schopenhauer, Kant und Beethoven genannt – diese ohne Fehler. Das war wohl ausreichend, um meine Mängel in der schriftlichen Arbeit auszugleichen und mich unter den zehn Auserwählten mit einem Stipendium des DAAD zum Germanistikstudium für ein Semester nach Deutschland einzuladen.
Und hier fing das Eigentliche an. Die Damen dachten, dass sie alle russischen Studenten beglückten, wenn sie aus dem armen grauen Moskau nach Ostberlin kommen könnten. Das Glück kam für mich selbst ziemlich überraschend, weshalb ich zögerte. Erst kurz zuvor war ich aus einer Provinzstadt nach Moskau gekommen, und das Leben dort gefiel mir. Die Menschen waren unerwartet nett, die Atmosphäre aufregend, das Studium schwierig, aber unglaublich interessant. Außerdem hatte ich mich just in dieser Zeit unsterblich in einen Kommilitonen verliebt. Jeder Augenblick ohne ihn riss mir eine große Wunde ins Herz. Die Liebe wurde zwar nicht erwidert, aber ich entschied mich trotzdem, in Moskau zu bleiben und nicht nach Berlin zum Austauschsemester zu gehen. Die Dozentin für Deutsch an der Moskauer Staatlichen Universität riet mir zu fahren, Bekannte rieten zu fahren, Freunde hielten mich für verrückt – ich aber wollte nicht aus Moskau weg! »Wenn du erst da bist, verstehst du, was ich meine. Es gibt dort so viel zu essen und zu kaufen«, sagte eine Bekannte aus meiner Gruppe am Institut für klassische Philologie von der Moskauer Staatsuniversität (MGU), die aus Berlin gerade zurückgekehrt war. »Lernen Sie die Sprache, das ist Ihr Kapital in der Zukunft«, versuchte mich die Dozentin zu überreden. »Alle wollen nach Europa, und du bist verrückt, wenn du die Gelegenheit nicht ergreifst«, regte sich meine beste Freundin auf.
Alles umsonst. Ich wollte nicht nach Deutschland. Zur Auswahlprüfung ging ich, um die Deutsch-Dozentin zu beruhigen und mir eine gute Note im bevorstehenden Examen zu sichern. In den Augen der deutschen DAAD-Gesandten sah ich Bedauern: »Armes Kind, es verzichtet auf sein eigenes Glück. Es darf doch nach DEUTSCHLAND.«
Dies war sehr komisch. Warum sollte Deutschland als Wohnort besser sein für mich als Russland? Wieso ging man als selbstverständlich davon aus?
Diese überhebliche Einstellung störte mich ziemlich in meinen ersten Jahren in Deutschland. In fast allen Gesprächen deuteten die Deutschen, sowohl »Wessis« als auch die meisten »Ossis«, an, dass man sich doch bevorzugt und außerordentlich glücklich fühlen solle, dieses Land betreten und hier sogar leben zu dürfen.
Ich bin trotz aller Umstände dann doch gefahren. Den Ausschlag gab mein Großvater. Er sagte mir: »Mach das doch. Es ist eine einmalige Chance.« Ich war erstaunt, dass gerade er, ein alter Kommunist, mir dazu riet, in den kapitalistischen Westen zu fahren, der nur darauf erpicht gewesen sei, die Sowjetunion zu unterminieren, zu zerschlagen, auszubeuten. Es war ungewöhnlich genug, um andere Argumente fallen zu lassen.
Sobald man erfuhr, dass wir aus Moskau kamen, fragte man besorgt, ob es dort wirklich so schlimm sei – mit der subtil mitschwingenden Überzeugung, dass es dort quasi unmöglich wäre zu leben, sogar zu überleben. Ich kam mir die ersten Jahre in Deutschland wie ein Affe im Zirkus vor, dem ein eigenständiges Urteilsvermögen abgesprochen wurde und den alle als lustiges Tierchen betrachteten.
Meine Manieren störten, meine Herkunft reizte. Der Vater eines deutschen Freundes starrte mich verständnislos an, als ich zum Spaghetti-Essen nur die Gabel nahm – wie meine italienischen Freunde bei mir in Moskau es übrigens auch getan hatten. In Deutschland isst man hingegen heute noch Spaghetti auch mit einem Löffel! Als ich mit russischen Kommilitonen in Stralsund am Wasser saß, kam eine ältere Frau und gab uns gekochte Eier und Tomaten mit den Worten: »Mensch, Kinder, ihr seid doch bettelarm, esst doch! Ich weiß, wie es euch in Russland geht, da seid ihr aber jetzt bei uns. Hier gibt es Essen. Alles wird gut!«
War das Hohn? Oder Dummheit? Oder hatte die Frau doch nur deutsche Medien verfolgt und die Nachrichten über Russland hatten sie so verschreckt, dass sie uns helfen wollte? Damals las ich noch keine deutschen Zeitungen und schaute kein deutsches Fernsehen. Mir hatte jemand im Wohnheim einen alten Fernseher geschenkt, er funktionierte jedoch nicht ohne Antenne. Später, bei meiner Zeitschriftenlektüre, wurde mir einiges klar. Ich las den Spiegel und tobte. Wie konnte man so einfältig und feindlich über mein Land schreiben? Bis heute erinnere ich mich an dieses Focus-Titelbild: Ein Bär mit ledernem Aktenkoffer eilt durch das verschneite Moskau über den Roten Platz, im Hintergrund die Basilius-Kathedrale. So stellte man sich Russland in den neunziger Jahren vor.
Ich war erschrocken, wütend, traurig wegen des Bildes, das die deutschen Medien und die Deutschen in unseren Gesprächen von meinem Land zeichneten. Versoffener Jelzin, blutrünstige Mafia, Kriminalität, hungernde Bevölkerung, zerrissenes Imperium, Krieg im Kaukasus, kommunistische Trümmer. Am Rande kamen oft verklärte Erinnerungen an Dostojewski und Tschaikowski, »russische Kultur« und »russische Seele«, die jedem Deutschen noch ein wenig das Herz erwärmten.
Wir Studenten aus Moskau waren Versuchskaninchen und Insekten, die an die westlichen Blüten langsam gewöhnt werden sollten. Wir sollten saugen, uns betäuben, genießen und nie vergessen. Nach Hause fahren und dort versuchen, aus Russland ein westliches Land zu machen. Schnell. Effektiv. Ein Versuchsland für die Implementierung des westlichen Weltbildes. Nach Russland kamen in den neunziger Jahren sehr viele Erneuerer und moderne Kreuzritter, um das 1917 verlorene Land in ein Paradies zu verwandeln und gleichzeitig daran zu verdienen. Die Spuren der neuen Bekehrer waren überall zu sehen. Die Bibliothek der Fakultät für Journalistik der MGU, der Lomonossow-Universität, wo ich im ersten Studienjahr Stunden über meiner Jahresarbeit gebrütet hatte, wurde in den Ron-Hubbard-Saal umgestaltet. Es roch nach frischem Holzlack. Überall standen bunte Bücher von Hubbard und über Scientology. Die Fakultätsverwaltung freute sich über das Geld für die Renovierung und übersah das Hauptziel der guten Samariter: die Verbreitung ihrer Sektenlehre.
An der philologischen Fakultät lasen wir Shakespeare mit einem sehr netten Amerikaner. Nach ein paar Übungen bekamen wir Bücher von Mormonen, wurden zu ihren Veranstaltungen eingeladen und sogar in ein Hotel zum Frühstück mitgenommen. Noch immer habe ich eine Mormonen-Bibel in meiner Moskauer Wohnung.
Parallel zum Studium arbeitete ich bei der umweltpolitischen Zeitung Spasenije (Rettung). Ihr Chefredakteur war ein bekannter früherer Abgeordneter der ersten russischen Duma. Die Zeitung war ein enthusiastisches Projekt, doch es fehlte an Geld. Das Management verkaufte Kosmetik aus China, um ein wenig für die Druckerei zu verdienen und irgendwie die Journalisten zu entlohnen, die fast umsonst schufteten. Der Arbeitslohn war symbolisch – umgerechnet etwas mehr als 30 Dollar im Monat. Unser damaliger Freund von der journalistischen Fakultät knüpfte über die Zeitung Bekanntschaft mit der Greenpeace-Vertretung in Moskau, wurde dort eingestellt und bekam 500 Dollar monatlich. Er erzählte stolz, dass er seiner Mutter zum Geburtstag einen neuen »westlichen« Kühlschrank geschenkt habe. Das 25 Jahre alte russische Gerät wurde somit ausgetauscht. Danach folgten Fernseher und Recorder, Mikrowelle und Waschmaschine. Wir beneideten unseren Freund. Er war für die westliche Struktur tätig. Wer etwas mit ihr zu tun hatte, wurde überdurchschnittlich reich. Natürlich wollten wir alle genauso viel Geld für unsere Arbeit bekommen und neue Elektronik kaufen können. Möglich war dies jedoch nur auf einem Wege: über ausländische Stiftungen und Firmen. Es war klar: Wer einen Job bei einer westlichen Stiftung oder Zeitung bekam, hatte ausgesorgt. So wechselten viele nach und nach zu Redaktionen solcher Unternehmen wie Springer oder Burda. Beneidenswert war ebenfalls die Arbeit bei den westlichen NGOs. Allerdings war der Zugang zu solchen Stellen vom Zufall oder der richtigen Bekanntschaft abhängig.
Eine Zeit lang verdienten ich und ein Freund unseren Unterhalt mit der Aufgabe von Anzeigen für erotische Telefonanrufe für ein spanisches Werbeunternehmen in russischen Boulevardblättern. Die Mutter einer Moskauer Freundin hatte den Unternehmer während einer Dienstreise nach Spanien kennengelernt. Sie arbeitete bei Vneschtorg – einer Agentur in Moskau, die in der Sowjetunion für den Außenhandel verantwortlich war.
Für einen Regisseur schrieb ich damals auch ein Drehbuch über russische Deponien. Während meiner Arbeit in der umweltpolitischen Zeitung hatte ich mich unter anderem mit der Berichterstattung über die katastrophalen Methoden der Müllentsorgung in Moskaubeschäftigt. Das Drehbuch wurde für einen Film benötigt, der im Auftrag einer westlichen Stiftung gemacht wurde. Es war nicht einfach, den richtigen Clou zu finden. Aber der Regisseur war zufrieden und gab mir 70000 Rubel – es reichte, um sich eine Woche zu ernähren oder drei Wörterbücher für Latein und Altgriechisch in einem Antiquariat zu besorgen. Dafür gab ich das Geld sofort aus. Lebensmittel hatten wir von meinem Verdienst bei dem spanischen erotischen Anzeigenblatt gekauft.
Es lebte sich nicht leicht in Russland. Und trotzdem war es kein schlimmes Leben Anfang und Mitte der neunziger Jahre. Ein Kollege von der Financial Times erzählte mir neulich bei einem Interview für die russische Zeitschrift Journalist von vielen interessanten Jahren mit seiner Familie, die er unmittelbar nach dem Ende der Sowjetunion in Russland verbracht hatte. »Es war eine tolle Zeit! Es war sehr interessant und super aufregend«, schwärmte er.
Ich spreche vom Ende der Sowjetunion, da das Wort Zerfall, das ich bei meinen Deutschkursen an der Humboldt-Universität zu Berlin gelernt habe, die Sache nicht richtig wiedergibt. Es war eher ein schnelles Zerteilen, fast heimlich, unter komplettem Ausschluss der Öffentlichkeit – im Gegensatz zum langsamen Auseinanderfallen, welches das Wort »Zerfall« suggeriert. Man bemerkte es kaum und verstand erst eine Weile später, was für ein verhängnisvoller Bruch am Anfang des neuen Russlands stand.
Im Russischen gibt es ein Sprichwort: »Sobald das Weib vom Heuwagen fällt, wird es für die Stute leichter.« Sicher war es leichter für den ächzenden Staat, dass die Last der vierzehn Sowjetrepubliken auf einmal weg war. Die armen Satelliten am Rande des Imperiums mit Lebensmitteln, Medikamenten und allem Nötigen zu versorgen und dabei einen nationalistischen Aufstand fürchten zu müssen – das konnte sich das Russland der neunziger Jahre nicht leisten. Daher brach Gorbatschow nach Absprache mit seinen Kollegen in den höchsten Gremien der Sowjetrepubliken die »Enden des Kuchens« ab. So hieß es damals metaphorisch in den russischen Medien. Was für ein Schweif von Problemen diese Entscheidung für den postsowjetischen Raum nach sich zog, versuchte der Westen damals zu ignorieren. Man jubelte lieber. Der russische oder eher der sowjetische Bär war erst einmal erlegt.
Natürlich ging es damals nicht nur um die Sowjetunion. Es ging um mehr: um die Befreiung des sowjetischen Imperiums vom Erbe der »kommunistischen Pest«; es ging um den Vormarsch des Kapitalismus und um den Triumph eines Systems über ein anderes. Die USA und ihre NATO-Verbündeten waren froh, dass es keinen mächtigen Gegner mehr gab, den es in Schach zu halten galt. Der Kalte Krieg war vorbei. Gorbatschow war ein Held. Gorbatschow gefiel das auch. Er ließ sich im Westen feiern. Obwohl er sich bis zuletzt, wie er mir einst bei einer Pressekonferenz offenbarte, missverstanden fühlte. Er wollte einen Bund unabhängiger Republiken schaffen, nicht getrennte, einander fremde Staaten. GUS sollte der Bund heißen und in allen Bereichen eng kooperieren. Die Geschichte waltete anders. Es begann ein Auseinanderstreben. Selbst kaukasische autonome Republiken, die innerhalb der UdSSR wenig selbstständig waren wie Tschetschenien, und sogar das mitten in Russland liegende Tatarstan dachten über Unabhängigkeit nach. Es kam zum Tschetschenischen Krieg, der, wie man jetzt weiß, mit Unterstützung internationaler terroristischer Organisationen geführt wurde. Im Nachhinein ist man immer klüger.
Die Deutschen warfen mir als Vertreterin von Russland, die sie in mir offenbar sahen, in den neunziger Jahren immer brutale Kampfmethoden meiner Regierung in Tschetschenien vor, Entführungen und Morde an tschetschenischen Kämpfern, die Zerschlagung der Republik sowie den Unwillen, sie in die Unabhängigkeit zu entlassen. Ich kämpfte, wie ich nur konnte, um wenigstens ein bisschen Verständnis. Vergeblich. Dabei gab es für diese komplexen Probleme keine einfachen Lösungen – weder für Tschetschenien noch für Russland.
Russland lag damals brach. Man konnte, durfte es mit bloßen Händen nehmen. Der gütige Westen beschloss, eine Demokratisierung des Landes durchzuführen, damit es sich schnell der westlichen Gemeinschaft anschließe. Dies dachten vielleicht die einen – und das war die womöglich bessere Variante. Die anderen hingegen dachten, Russland ausbluten zu lassen und zum Rohstofflieferanten zu machen. Diesen Verdacht schöpften auch die meisten Russen Anfang der neunziger Jahre. So denkt man über jene Zeit in Russland mehrheitlich noch jetzt.
Die guten Absichten versanken in Misstrauen und Neid. »Warum kommen sie zu uns und geben uns Geld?«, fragten sich meine Freunde und Kommilitonen in Moskau und in meiner Heimatstadt. Es waren Russen verschiedenen Alters – 20-jährige Studenten und 80-jährige Rentner. Arbeiter, Ingenieure, Hausfrauen, Ärzte, Lehrer, Schauspieler.
Seit Mitte achtziger Jahre, also der Zeit der Perestroika, gab es in Russland eine durchaus rege demokratische Bewegung – in den Städten wie auch in der russischen Provinz. »Neformaly«, informelle Organisationen, nannte man sie. Erstaunlich, dass diese »Informellen« später eine Grundlage für die westliche Aufklärungsarbeit bildeten. Üppige Gehälter, Auslandsreisen und als Folge Überheblichkeit gegenüber dem eigenen Volk schafften kein Vertrauen in den breiten Bevölkerungsschichten. Das verstand ein Teil der »Informellen«. Dadurch entstanden zwei Protestschichten – eine elitäre und eine volkstümliche.
Die Erstere bildete die Basis für die heutigen prowestlichen »Oppositionellen«. Sie verfügten über Sprachenkenntnisse, Hochschulabschlüsse und stammten meistens von der Moskauer und der Petersburger »Intelligenzija« ab, dem intellektuellen Milieu, das sich immer dem »Pöbel« oder der »Herde« gegenüberstellte und sich von dieser abheben wollte. Sie wurden immer eifrig vom Westen hofiert, bekamen Preise, Stiftungsstipendien und Auslandsaufenthalte. Aber sie leisteten auch sehr gute Arbeit bei der Demokratisierung der Institutionen. Sie bildeten die Russen auf dem Weg zur Bürgergesellschaft aus: Ende der achtziger Jahre entstand zum Beispiel die Gesellschaft Memorial, die sich bis heute der Erinnerung an die Opfer des Stalinismus verschrieben hat. Man suchte und sammelte Namen und Biographien der Bürger der Sowjetunion, die während der Stalin-Zeit gefoltert und ermordet wurden. Später übernahmen die Mitglieder der Organisation den Kampf für die Menschenrechte in Russland.
Die zweite Protestschicht beteiligte sich an den Putschversuchen 1991 und 1993. Es waren in der großen Masse einfache und leicht beeinflussbare Arbeiter und ehemalige sowjetische Beamte. Später sahen sich diese Leute mit dem Kampf ums Überleben konfrontiert, da die Ersteren keine Vorteile von den demokratischen Veränderungen und die Letzteren ihre Pfründe verloren hatten. Unter ihnen gab es keinen Glauben an den Westen. Dann erlosch auch der Glaube an die »neuen Demokraten«, die das Land unter der Führung Jelzins in den Ruin trieben. Unter Hunger und Not wollten sich die ehemaligen »Informellen« nicht am Aufbau einer neuen Staatsordnung beteiligen.
Natürlich gab es im Land viele neue Parteien, zum Beispiel die Partei Jabloko (Apfel), die Liberal-Demokratische Partei, die alte Kommunistische Partei, die zuerst verboten wurde und danach mit ihrem neuen Anführer wiederauferstand, die Partei der rechten Kräfte und ein paar kleinere Bewegungen. Das Land probierte Demokratie aus, allerdings unter den Bedingungen einer hoffnungslos maroden Wirtschaft und einer zerfallenden Infrastruktur. Die Abwärtsbewegungen der alten autonomen Republiken am Rande Russlands verstärkten das Elend. Es war nicht einfach, das kränkelnde Reich zusammenzuhalten; und zwar weder für das Volk noch für die neuen Machthaber.
Wir waren jung, gerade fertig mit der Schule, und standen vor einer dunklen unbegreiflichen Perspektive; aufgewachsen in einem Staat, den es nicht mehr gab, mit zerplatzten Träumen, vagen Aussichten. Der Boden rutschte uns unter den Füßen weg. Wir wussten nicht, welchen Weg wir einschlagen sollen, was richtig ist, womit wir Erfolg haben könnten in einem Land, das den absoluten Misserfolg verkörperte.
Auf einmal war die Geschichte, die wir bis dahin gelernt hatten, falsch. Die Ideale, denen wir gedient hatten, lächerlich. Die Helden, die wir bewundert hatten, entpuppten sich als Verbrecher. Fünfzehn Jahre lang, seit wir denken konnten, wussten wir, dass unser Land eine große Macht ist, ein Gegenpol zu den USA, die der Welt mit dem Atomkrieg drohten. Wir waren stolz auf unseren Friedenswillen, auf unseren Widerstand gegen den internationalen Imperialismus und Militarismus. Und plötzlich waren wir nichts. Lächerliche Scherben anstelle eines mächtigen Staates. Man musste sehr viel Selbstverachtung haben, um sich in dieser Rolle zu gefallen und diesen Gedanken zu ertragen. Erstaunlicherweise waren wir in den ersten Jahren richtig masochistisch geworden. Uns gefiel die Geißelung unserer Heimat in Form der Sowjetunion durch neue Parteien und Strukturen, die dem westlichen Vorbild folgten. Wir dachten, dass diese Reinigung uns hilft, in die Zukunft zu schauen und einen neuen Staat aufzubauen. Einigen gefiel es aber nicht, dass westliche Freunde, die plötzlich in Scharen unsere armen Straßen füllten, uns die Richtung weisen wollten und bestrebt waren, uns zu zeigen, wie sündhaft schlecht und menschenverachtend unsere Heimat angeblich war.
Als ich nach Deutschland kam, konnte ich sehr schlecht Deutsch. Ich konnte nicht richtig diskutieren und konnte auch den Deutschen nicht alles erzählen, was ich in der zerfallenen Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre erlebt hatte. Ich hörte zu und war erstaunt, was für ein Bild von unserem Land und seiner Geschichte in Deutschland entstanden war. Ich war bereit, die neuen Bilder und die neuen Perspektiven geistig aufzunehmen, aber ich hörte nicht auf zu staunen. Man mutete uns damals viel, sehr viel zu, als man uns belehrte und aufklärte. Da war zum Beispiel eine Deutschlehrerin von der Humboldt-Universität zu Berlin, die irritiert schaute, als eine Studentin aus Russland sagte: »Ich bin stolz auf mein Land.« Wir, ausländische Austauschstudenten, übten im Deutschunterricht die Redewendung »Ich bin stolz …« Es war Sommer 1995. Die Dozentin verstummte verschämt nach dieser Aussage und sagte lediglich: »Na ja …«
Im Raum saßen Studenten aus Kanada und Dänemark. Es war auf einmal nicht mehr richtig, auf Russland stolz zu sein. Die ostdeutsche Dozentin musste politisch korrekt denken, obwohl sie nichts gegen die Sowjetunion und gegen Russen an sich hatte. Im Gegenteil, sie beteuerte ständig, wie gut die russischen Studenten immer seien und wie schön ihre Zeit in Moskau gewesen war, als sie selbst dort studierte.
Das war nicht der einzige Schock für mich in den ersten Monaten. Als junger Mensch konnte man langsam die Nerven verlieren ob so viel Verachtung und Ablehnung, die man gar nicht persönlich hätte nehmen müssen. Es war einfach zu viel. Überall, wohin ich im Westen Deutschlands nur kam, in allen Gesprächen mit den dortigen Studenten und Dozenten wurde ich der Reihe nach mit dem Säufer Jelzin, als Zweites mit dem Stalinismus und als Drittes mit dem Krieg in Tschetschenien konfrontiert. Russland wuchs in meinen Augen zu einem Leviathan – einem bedrohlichen und unberechenbaren Wesen, das zu allem fähig war: eklig, verachtet und gefürchtet. Wohlgemerkt: der neue Staat Russland, und nicht die Sowjetunion.
Als abmilderndes Bonbon wurde am Ende in den meisten Gesprächen dann noch über die Begeisterung für Dostojewski, Tolstoi, Rachmaninow und Tschaikowski sinniert. Ja, die tolle Kultur! Weiß man doch! So ähnlich spricht man mit einem Menschen, der geschmacklos angezogen ist, aber teure Markenkleidung trägt: »Ungewöhnliche Farben, ein gewagter Look. Steht dir gar nicht. Aber tolle Klamotten, Mann, schick siehst du aus.«
Die Kommilitonen aus Tschechien, Polen, der Slowakei und Ungarn redeten mit uns, wenn sie überhaupt mit uns redeten, hauptsächlich über die Schuld der Sowjetunion gegenüber ihren Ländern. Es war das Hauptthema. Am Anfang sagte man meist: »Du bist doch nicht für die Taten deiner Regierung verantwortlich.« Schöner Psychotrick: Wenn man im Gespräch etwas vorausschickt, betont man es gerade doppelt und dreifach. Daher fühlten wir uns für alle Taten unser Vorfahren verantwortlich. Unsichtbar schwebte im Hintergrund aller Gespräche unsere vermeintliche Mitschuld an der sozialistischen Diktatur. Wir jungen Leute, die während der Perestroika noch Teenager waren, mussten das aushalten. Man hat uns dafür verantwortlich gemacht, was in der DDR und in Budapest in den Jahren 1951 bis 1953 passiert ist, in Tschechien im Jahre 1968, aber auch für die Mauer und die Stasi: Wir waren die Verkörperung dieses Übels.
Tatsächlich kamen die meisten neuen westlichen Propheten nach Russland, um zu zeigen, was alles schiefgelaufen war, was alles nicht klappte. Wollte der Westen dieses ächzende Land noch einmal treten, oder wollte er einfach seine Lage ausnutzen? Der Westen gefiel sich in der Rolle des Siegers und des Mentors. Ja, das war ein Sieg in einem lang andauernden Kampf. Aber das war ein Sieg, den Michail Gorbatschow ermöglicht hatte und der ohne interne Bewegung in Russland nicht möglich gewesen wäre. Die zahlreichen »Informellen«-Bewegungen, der Durst nach Wahrheit in der Zeit von Glasnost zeigten dem ehemaligen KPdSU-Generalsekretär, dass seine Schritte und die Linie der Perestroika richtig waren. War aber seine Entscheidung zur plötzlichen Auflösung der UdSSR, ohne vorher abgesprochene Bedingungen, ohne Verhandlungen mit den »in die Freiheit entlassenen« Staaten, ohne Volksabstimmungen, auch richtig? War Russland darauf vorbereitet, waren die sowjetischen Republiken darauf vorbereitet?
Denn diese konnte und durfte man nicht mit den Staaten des Ostblocks wie etwa der DDR vergleichen. Jene Gegenüberstellung ist immer noch beliebt im Westen. Die Staaten des Ostblocks waren aber keine »Kolonien« im engeren Sinne, selbst wenn man sie als Satelliten betrachtete. Es waren selbstständige Staaten mit einer wenngleich eingeschränkten Souveränität, es waren Völkerrechtssubjekte.
Die Sowjetrepubliken hingegen waren zum größten Teil Territorien des alten Russlands in der Zeit des Zarenreiches. Die Sowjetunion bestand aus Gebieten, die die Vorfahren der jetzigen Bürger der Russischen Föderation erobert oder angeschlossen hatten, und bildete fast spiegelgleich Russlands Landkarte vor dem Ersten Weltkrieg. Die endgültige Zerschlagung der Sowjetunion vollzog Jelzin mit seinem in Beloweschskaja Puschtscha im Dezember 1991 unterschriebenen Vertrag über die Bildung der GUS: Das Riesenreich wurde ohne einen Schuss, ohne Revolution, ohne Putsch aufgeteilt. Die Republiken bekamen ihre formelle Unabhängigkeit und wollten nicht mehr unter die Fittiche Russlands zurückkehren. Die Konsequenzen waren nicht absehbar. Unter ihnen litten Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken noch lange.
Sie führten auch zur Ukraine-Krise.
II. Von Gorbatschow zu Jelzin
Was kann man dem Land vorwerfen, das aus den Scherben der Sowjetunion entstand und ihr System, ihre Mentalität, ihre Bewohner erbte? Holprige Reformen, Korruption, Kriminalität? Armut, banger Überlebenswillen, Härte zu sich selbst?
Gebannt schaute Deutschland nach Russland. Was wird aus diesem Land? Was kann man vom neuen Präsidenten und von der neuen Gesellschaft erwarten? Deutschland wollte sich nicht so richtig einmischen. Es war mit der eigenen Wiedervereinigung beschäftigt. Die war weniger schmerzhaft und schwierig, allerdings bestand auch hier ein gewaltiger Reformbedarf. Man beschäftigte sich mit der Stasi-Vergangenheit und setzte sie der stalinistischen Vergangenheit der Sowjetunion gleich. Mich wunderte, wie viele mir in Deutschland erzählten, dass die Stasi beim KGB gelernt habe, die Menschen zu überwachen. Erst später fand ich heraus, dass die Stasi-Methoden fast ausschließlich die Erfindung der DDR waren. Man überwachte und sammelte Materialien über Menschen mit deutscher Gründlichkeit und Genauigkeit. Vielleicht war dieses System deswegen so effektiv. Vielleicht klappte es in der Sowjetunion nicht so richtig mit der Überwachung, weil die Russen eben nicht so verbissen und pingelig sein können.
Ich verstehe sehr gut, wenn meine Freunde bei mir die deutsche Genauigkeit und Hartnäckigkeit vermissen – dort, wo ich nicht besonders genau und hartnäckig bin. Sie denken, ich hätte gleich alle deutschen Gewohnheiten übernommen. Äußerlich so sein wie deutsche Frauen; innerlich sowieso, denn: »Du lebst doch schon so lange hier!« Und wahrscheinlich bin ich schon teilweise deutsch, aber für mich selbst ist es nicht bemerkbar, weil ich das, was als deutsche Tugend gilt, sowieso für selbstverständlich halte – genau sein bei der Planung einer Reise, bei der Besprechung eines Termins, beim Kochen, Putzen, Diskutieren, Sparen. In einem bin ich immer noch nicht deutsch: Pünktlichkeit. Vielleicht ist es ein Makel, der vom russischen Blut in mir herrührt und kann gar nicht ausgemerzt werden.
Ich wunderte mich, dass die meisten Ostdeutschen bis zum letzten Moment an ihrem System festhielten, dass sie es bis zuletzt mit der Partei, der FDJ und dem Sozialismus ernst meinten. Es war für mich eine Offenbarung: Die meisten von ihnen wussten nicht, dass die Sowjetunion schon lange vor Gorbatschow heftig ideologisch bröckelte. Als ich zehn war, glaubte kaum noch einer an den Kommunismus. Die KPdSU mit ihren Parteitagen einmal in fünf Jahren und fünfjährigen Wirtschaftsplänen nahm spätestens Ende der siebziger Jahre keiner mehr ernst. Viele meinten gar, dass auf den Bildschirmen der Fernseher, die langsam in jeder Familie Einzug hielten, schon nicht mehr der Generalsekretär der KPdSU Breshnew zu sehen war, sondern eine Attrappe, eine mechanische Puppe, die langsam den Mund öffnet und etwas vor sich hin brabbelt. Seine Worte verstand keiner. Es war ein unbestimmtes Gestammel. Breshnew bemühte sich nicht darum, die Wörter verständlich auszusprechen, oder konnte es einfach nicht mehr. Verbreitet war der Witz darüber, wie er das Wort »systematisch« aussprach. »Sistematitscheski« heißt es transkribiert auf Russisch. »Sis’kimaipis’ki« hörte man heraus: übersetzt »Titten, meine Muschis«. Einmal, so sagte man, habe er eine Rede sogar zweimal vorgelesen, weil er das Skript falsch umgeblättert hatte. Vermutlich hatten wohl alle Anwesenden Angst, ihn darauf hinzuweisen.
Überhaupt zweifelte man an allem im Staat und zog alle Institutionen, alle Vorschriften ins Lächerliche. Sowjetische Witze, »Anekdoten« genannt, erstreckten sich bis zum Heiligsten – Wladimir Iljitsch Lenin, der lange schon nicht mehr heilig war. Lediglich Kinder, jedoch höchstens bis zum Alter von zwölf Jahren, glaubten noch den Märchen vom »guten Führer-Opa Lenin«. Für alle Erwachsenen war weder er noch seine Ideologie etwas Unantastbares. Man zog über alles her: über die Partei, die sozialistische Führung, die kommunistische Ideologie. Die Witze erzählte man gewöhnlich in der kleinen russischen Küche, nachdem man die Kinder ins Bett gebracht hatte. Sie schliefen aber nicht. Sie hörten alles und nahmen alles auf. Dann erzählten sie diese Witze weiter in der Schule. Um die Kommunistische Partei bildete sich eine Blase. Die »alten Saftsäcke« saßen wie in einem durchsichtigen Ballon – allein, entfernt vom Volk und von der Realität. Das Volk scheute Veränderungen, allerdings wollte es nicht mehr so weiter leben. Alles wartete gebannt auf die zweite Bedingung der Revolutionssituation, nämlich, wenn auch die Machthaber »nicht mehr konnten«.
Ich war erstaunt, dass all dies in Deutschland nicht bekannt war. Es war für mich neu, dass jeder davon ausging, dass die Trennung vom kommunistischen Traum den ehemaligen Sowjetbürgern schwerfiele. Die sozialistischen Nachwehen kamen erst später: als der neue russische Bürger sich plötzlich auf sich allein gestellt sah. Der Staat kümmerte sich nicht mehr um ihn. Es gab kein funktionierendes kostenloses Gesundheitssystem mehr, keine gute kostenlose Bildung, keine gesicherte Rente, dafür Arbeitslosigkeit und schlecht arbeitende Institutionen. Damals zerfiel nicht die Sowjetunion, sondern das Staatswesen selbst.
Gorbatschow wollte Reformen mit der Kommunistischen Partei innerhalb des bestehenden Staates, wie er selbst mehrmals nach seiner Amtszeit betonte. Es klappte aber nicht. Der Staat verschwand, sein Volk war demoralisiert, arm und verloren, die Zukunft des Riesenreiches ungewiss.
Die Deutschen feierten Gorbatschow. Einige meiner politisch interessierten und gebildeten Freunde hatten sein Buch Perestroika und Glasnost sogar im Regal stehen. Der Umbau des veralteten Systems und freie Presse begeisterten Mitte der achtziger, Anfang der neunziger Jahre auch mich und viele meiner russischen Freunde. Alle in der Sowjetunion hofften auf einen Neuanfang. Es kam aber anders. »Was hätten Sie gerne anders gemacht? Was war Ihr größter Fehler?«, fragte ich Gorbatschow später bei einer Pressekonferenz in Berlin. »Dass ich Jelzin vertraut habe, war mein größter Fehler, und dass ich ihn nicht rechtzeitig als Rivalen erkannt habe«, antwortete er.
Vielleicht irrten sich meine Freunde, die Deutschen und auch ich in der Begeisterung für Gorbatschow? Jelzin beseitigte ihn und sein Politbüro während des Putsches des Jahres 1991. Es war das Ende der Träumereien über die innerparteilichen Reformen. Es kam eine neue Ära, plötzlich, gewaltsam, unbarmherzig. Ich erinnere mich, wie auch Jelzin die Massen in Russland anfänglich begeisterte. Er war volksnah. Er benutzte in der Stadt, in der er zuerst als Parteisekretär des Gebiets Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) fungierte, die öffentlichen Verkehrsmittel. Er verzichtete demonstrativ auf einen Wolga mit Chauffeur – eine Unmöglichkeit in der Sowjetunion, wo die Parteielite stets vom Volk abgeschirmt wurde. Seine Frau Naina ging in normale Geschäfte einkaufen. Natürlich nur zur Show, weil im normalen Geschäft lediglich unreife, grüne eingelegte Tomaten, in große metallische Dosen eingeschweißte Salzheringe und Nudeln in den Regalen standen. Selbst Sprotten in Tomatensoße waren eine Seltenheit und galten als Delikatesse. Frisches Gemüse und Obst gab es in diesen Läden nicht. Brot und Wodka konnte man überall kaufen.
Das Volk liebte Jelzin. Er war als erster Parteifunktionär nicht mehr unnahbar. Im Gegenteil. Er war spürbar nah. Er ging gerne auf Tuchfühlung mit dem Volk. Man konnte die Grübchen in seinem Gesicht sehen, den Stoff seines Jacketts anfassen. »Er ist das Beste, was uns geschehen konnte. Er ist für Demokratie. Er ist für die Freiheit«, sagte damals die sechzigjährige Mutter einer Freundin, eine Moskauerin, deren halbe Familie in der Stalin-Zeit umgebracht worden war. »Man muss ihn wählen! Weg von muffigen, korrupten, fetten kommunistischen Beamten! Das sind doch alles Diebe, Betrüger!« Man glaubte an die einfachen Manieren, an den freien Geist von Jelzin, an seine Offenheit und Ehrlichkeit.
Nach dem Putsch im Jahre 1991 besuchte er das große Lenin-Auditorium der Journalistischen Fakultät der Moskauer Universität, wo ich damals studierte. Es war ein dunkler Herbstabend. Die Fakultät befindet sich bis heute in einem alten schönen Gebäude, das vor der Revolution einer Adelsfamilie gehörte und direkt vor dem Kreml liegt, lediglich durch den großen Garten und eine breite Straße von der Kreml-Mauer getrennt. Und dieses Mal kam Jelzin doch in einem schwarzen Wolga, begleitet von zwei Bodyguards und seinem Berater. Dennoch: Die Fakultät wurde nicht abgeriegelt, die Eingänge nicht gesperrt. Es war alles frei. Wir wurden nicht durchsucht.
Wir warteten auf eine Verheißung.
Jelzin stand auf, begrüßte »die progressive Jugend«, sagte ein paar Worte über die Notwendigkeit der »umfassenden Reformen«. Dann kamen Fragen. Jelzin stotterte, beugte sich zu seinem Berater: »Lew, sag du mal.«
Der Berater setzte den Gedanken viel geschmeidiger fort. Es gab weitere Fragen. Jelzin wollte aber nicht mehr reden. Alle Fragen beantwortete »Lew«. War der zukünftige Präsident damals betrunken? Diese Frage stelle ich mir heute noch. Nach kurzen zwanzig Minuten ging er. Hastig, ohne sich umzudrehen.
Vielen fiel es schwer, nach diesem Auftritt die Begeisterung für Jelzin aufrechtzuerhalten. Er sprach nicht konkret, er wusste nicht, wofür er stand, er wollte nur an die Macht. Diese Eindrücke teilten wir, die Vertreter der »progressiven Jugend«, danach miteinander. Manche urteilten jedoch anders. Sie sahen in Jelzin eine Alternative zur KPdSU und den alten Funktionären, zu denen er übrigens einst selbst gehört hatte. Die Macht wurde Jelzin wenig später von Oligarchen entrissen.
Die Zeit zwischen Gorbatschow und Putin war turbulent. Die ersten Jahre von Jelzin wurden zum Symbol von Chaos und Unordnung. Immer noch ist die Person von Jegor Gaidar, dem Ideologen und Initiator der wirtschaftlichen Umwandlung Russlands Anfang der neunziger Jahre, hoch umstritten. Er war wirtschaftspolitischer Berater von Jelzin und Wirtschaftsminister Russlands in den Jahren 1991/92. Manche hielten ihn für einen Scharlatan. Manche sagten, er habe die Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung gelegt. Er war der Verfechter der Privatisierung und der schnellen Übergabe von Betrieben in private Hände. So kamen die späteren Neureichen plötzlich zu ihrem Geld. Wichtige Reformen blieben jedoch aus; freie Wirtschaft bedeutete zunächst Kontrollverlust des Staates. Es war schwierig für die Russen, in dieser Zeit zu leben, aber nicht viel schwieriger als in der Ära der Sowjetunion. Nur konnten viele nicht mehr ihrer Zukunft sicher sein. Werde ich meine sowjetische Rente bekommen? Was wird aus meinen Kindern? Was mit meinem Job? Die meisten Russen konnten sich Anfang der Neunziger von ihrer Arbeit nicht ernähren. Man musste sehr wendig sein, um über die Runden zu kommen. Viele Moskauer vermieteten Wohnungen an Ausländer. Viele verkauften ihre Immobilien, die vom Staat gebaut wurden, aber irgendwie nicht mehr dem Staat gehörten. Er hatte sie ihren Besitzern geschenkt. Man musste nur die Wohnung, in der man lebte und gemeldet war, als Privateigentum eintragen lassen. Generell war dies eine der Lücken in den Reformen, die es den meisten erlaubte, in dieser Zeit zu überleben. Oder waren die »Lücken« mit Absicht gelassen worden? Hinzu kamen läppische, wirklich absurd niedrige Preise für Strom, Gas und Telefon. Der Staat schenkte auch diese Ressourcen den Bürgern.
Wahrscheinlich nur dank dieser gewollten oder ungewollten Geschenke überlebten alle und fingen sogar an, ab Mitte der neunziger Jahre endlich Geld zu verdienen. Mit privaten Firmen, an der Börse, mit dem Verkauf gebrauchter ausländischer Autos, die viele in Deutschland erwarben und dann über die Grenzen von Polen und Weißrussland nach Russland transportierten. Man kaufte Mercedes, Audi, Volkswagen und Busse; sehr billig. Die Deutschen wollten die Autos nicht zur Deponie bringen und für die Entsorgung zahlen, sie waren froh, den Russen die Autos zu verkaufen, die sich mit ihrem spärlichen Geld lediglich diese alten Karossen leisten konnten. Der Ehemann einer Freundin fragte mich einmal, als ich schon mit meinem deutschen Mann verheiratet war, ob ich ihm beim Kauf eines Autos behilflich sein könnte. Ich sagte unbedacht: »Ach, träume lieber nicht davon, wer weiß, wie gut diese Autos sind. Man muss schon ein Mechaniker sein, um dies zu überprüfen.« Er hat danach mit mir zwei Jahre lang nicht geredet …
Damals konnte man jedoch auch relativ einfach ein deutsches Touristenvisum beantragen. Vor der deutschen Botschaft in Moskau standen riesige Schlangen von Menschen, die nach Deutschland wollten. Nicht um die Sehenswürdigkeiten zu besuchen, sondern um Autos zu kaufen. Viele wollten auch einfach nur Jeans und Jacken, Strümpfe und Slips, BHs und Nachthemden erwerben, denn westliche Ware war sehr begehrt. Wenn man sie nicht über den Schwarzmarkt kaufte, sondern direkt aus einem westlichen Geschäft, war sie noch erstrebenswerter. Man zahlte sogar für den Platz in der Schlange zur Botschaft. Leute kamen in der Nacht und waren bereit, in der Kälte anzustehen, um hineinzugelangen. Diese Reisefreiheit gab es in der Sowjetunion nicht. Sie war eine echte Errungenschaft der Perestroika.
Viele Russen fuhren auch nach Polen, kauften dort billige Waren und verkauften sie wieder in Russland, natürlich mit Aufpreis. Es gab eben kein Politbüro mehr, das die Preise festlegte, aber es gab die Freiheit zu reisen, wohin man wollte, ohne Überprüfung, ohne das Vorhandensein von Privilegien. Man musste nicht teure Touren bezahlen, man musste nicht KPdSU-Mitglied sein, nicht politisch überprüft werden, um in den Westen zu fahren. Und, ebenso wichtig, man wurde weder für den Besitz noch für den Verkauf der westlichen Waren bestraft. Denn in der Sowjetunion gab es einen Paragraphen im Strafgesetzbuch, der eine hohe Freiheitsstrafe für den Schwarzhandel mit westlichen Waren vorsah.
Noch heute fahren in meiner Heimatstadt alte deutsche Busse mit deutschen Aufschriften. Man hätte diese Fahrzeuge in Deutschland wahrscheinlich nicht fahren lassen: Sie wären mit Sicherheit nicht mehr durch den TÜV gekommen und hätten keine Abgasuntersuchung überstanden. Im Sommer 2018 stoppte die Polizei einen Bus aus Kaliningrad an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Berlin-Dreilinden. Der Bus war nach rechts geneigt und erschien den Polizisten gefährlich. Bei der Überprüfung stellten sie weitere gravierende Mängel fest und zogen das Fahrzeug aus dem Verkehr. Mein damaliger Chefredakteur von der Rossijskaja gaseta wollte von mir, dass ich über die diskriminierende Behandlung der russischen Busfahrer in Deutschland schreibe. Ich vermochte es, ihn mit viel Mühe zu überzeugen, dass dem nicht so sei. Es war ein alter kaputter Bus deutscher Herstellung, der nicht mehr in Deutschland fahren dürfe, in Russland jedoch schon, die Vorschriften seien in Deutschland strenger, insbesondere wenn es um die Verkehrssicherheit gehe, mehr nicht, sagte ich. Heute würde ein solcher Artikel vermutlich geschrieben und gedruckt werden. Die Propagandamaschinerie arbeitet auch gerne mit solchen Randnotizen über den bösen Westen.
Die gebrauchten deutschen Autos verschwanden dagegen nach und nach aus dem russischen Straßenbild. Es war nicht mehr lukrativ, sie zu verkaufen, und nicht mehr schick, sie zu fahren. Die Russen hatten mittlerweile Geld, sich ein neues Auto zu leisten.
Sie fing irgendwann um die Jahrhundertwende an – unsere russische Wende zum Besseren.
Heute sagt man, dass die niedrigen Ölpreise Jelzins Pech waren. Wer weiß. Sicherlich spielte der sinkende Weltmarktpreis eine große Rolle, denn Russland lebte vom Export des Öls. Aber auch nationale Unruhen, die zu einem unberechenbaren Spannungsfeld wurden, insbesondere im Kaukasus, aber auch in Transnistrien und in den zentralasiatischen Republiken, führten dazu, dass seine einstige Popularität langsam schwand.
Die Sowjetunion war lange ein Land, mehrere Generationen hindurch. Die Menschen waren nach deren Ende nicht mehr sicher in ihrem gewohnten Lebensraum, wo sie gehofft hatten, ihr Leben bis zum Ende zu leben. Als ich mein Studium begann, gab es noch die Sowjetunion. Unter meinen Freunden an der Journalistischen und später an der Philologischen Fakultät der MGU waren Studenten aus Minsk, Kischinjow, Riga, Bischkek, Alma-Ata – also aus Weißrussland, Moldawien, Lettland, Kirgisistan, Kasachstan. Nach zwei Jahren waren es plötzlich Bürger anderer Länder. Sie begriffen sich aber nicht als Bürger anderer Länder. Schließlich lebten dort ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Geschwister.
Viele von diesen Freunden blieben nach dem Studium in Moskau. Der Rest ging weg, aber nicht zurück in die Heimat, sondern nach Amerika, Deutschland, Frankreich, Italien, Israel. Sie sind immer noch dort. Viele kappten die Verbindung zu Russland gänzlich. Wenn ich in meiner Heimatstadt bin, spreche ich mit meinen Freunden über ehemalige Schulkameraden, Bekannte, Nachbarn. Meine beiden Kindheitsfreundinnen, eine aus dem Erdgeschoss, die andere aus dem vierten Stock unseres Hauses, beide mit dem Vornamen Swetlana, sind jetzt mit ihren Familien in Amerika. Eine Freundin lebt mit ihrem Mann in Paris, eine andere in Mailand. Das ist meine Generation, die sich nach der Perestroika fast zur Hälfte im Westen wiedergefunden hat. Ihre Familien ließen sie zum Teil in Russland zurück, zum Teil nahmen sie sie in den Westen mit. Alles talentierte Menschen. Wissenschaftler, Ärzte, Übersetzer, Journalisten, Ingenieure, Programmierer, Juristen. Dieser Exodus hat meinem Land heftig zugesetzt. Genauso wie die reichen Stiftungen und Demokratie-Helfer, die einen Keil in die Gesellschaft trieben. Es gab Menschen, die sich ein wenig mehr leisten konnten, weil sie ihr Gehalt bei solchen Arbeitgebern in Dollar bekamen. Mit Neid und Missgunst begegneten ihnen die armen Landsleute. Sie fragten sich gleichzeitig, welchen Zweck der Westen verfolgte, der mit vollen Händen Geld auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ausschüttete. Dieser Argwohn und dieses Misstrauen sind bis heute existent.
Mein Großvater und wie er viele andere ältere Menschen waren überzeugt, dass der Westen bestimmte Ziele hatte, die er verfolgte. Die mittlere Generation wunderte sich und behauptete stolz, sie bedürfe keiner Almosen aus dem Westen. Die Jüngeren strebten danach, in die Strukturen zu kommen, wo sie auch einen Teil vom Kuchen abbekommen könnten. Keiner glaubte jedoch, dass diese Hilfen selbstlos und allein im Sinne Russlands waren. Alle vermuteten, dass etwas dahinterstecke. Fast jeder meinte, eine andere Absicht hinter dem westlichen Verhalten zu wittern.
Die häufigste Theorie war: Der Westen wollte die russischen Bodenschätze haben und dafür Russland wirtschaftlich ausbluten lassen. Die Russen sollten vom Westen quasi versklavt werden. Gorbatschow sahen solche Mitbürger als denjenigen, der die Sowjetunion an den Westen verkauft hatte und selbst nach der Pfeife des Westens getanzt hätte. Es kursieren bis heute Theorien über Millionen Deutsche Mark, die sich der KPdSU-Chef von Kanzler Kohl für die Wiedervereinigung habe zahlen lassen. Dies wurde übrigens stets von beiden Seiten bestritten. Gorbatschow soll angeblich das Geld, das er bekommen hat, in die Stiftung investiert haben, die seinen Namen trägt. Einen abschließenden Nachweis gibt es natürlich nicht, und somit wird das wilde Feuer dieser Theorie in Russland nie erlöschen.
Jelzin war wiederum in den Augen vieler Russen ebenfalls ein Mann des Westens, der den Ausverkauf Russlands als des größten Nachfolgestaates der Sowjetunion weiter betrieben habe. Es erschien vielen so. Die Wirtschaftskraft sank um mehr als die Hälfte, was enorm viel war für den neuen Staat, der zuerst das Erbe der Sowjetunion abschütteln musste. Das war ein geschichtlich einmaliges Experiment: ohne ernsthaft koordinierte Unterstützung, ohne externe finanzielle Hilfen, politisch in einer desolaten Lage, wirtschaftlich am Boden. Unter diesen Bedingungen sollten die Menschen in Russland auch noch schnell eine Demokratie aufbauen. Dazu kam die Erniedrigung und die Scham wegen des territorialen Verlustes und des Verschwindens eines einst mächtigen Imperiums, der zweiten Supermacht, was in den Köpfen der Menschen festsaß. Keiner wollte es, niemand war gefragt worden. Ein Referendum hatte es nicht gegeben. Es wurde nicht über verbindliche langfristige Verträge nachgedacht, die territoriale Ansprüche und Streitigkeiten innerhalb der ehemaligen Sowjetrepubliken hätten regeln können und sollen.
Den Menschen schien es, als seien sie immer noch ein Teil der Sowjetunion, aber der lose Verbund GUS war nicht mehr ein Staat. Eher eine Chimäre, ein Gebilde, das allenfalls Verbundenheit suggerierte. In der Tat saßen in jeder der vierzehn Republiken, die zu Staaten geworden waren, lokale Fürsten mit eigenen Machtinteressen, die sehr froh waren, nicht mehr der Sowjetunion anzugehören und keine Befehle aus Moskau ausführen zu müssen. Sie waren plötzlich sehr mächtig geworden. Das Schlimmste war, dass es nicht um Territorien ging, die nach der Revolution Russland angeschlossen worden waren. Es ging, bis auf Litauen, Lettland und Estland, um Territorien des Russischen Reiches vor der Revolution.
Es zerbrach nicht nur die Sowjetunion. Mit ihr zerfiel das Russische Reich in fast genau der Form, die es seit dem 19. Jahrhundert hatte. Die von Schriftstellern Tolstoi, Dostojewski, Leskow als russisch beschriebenen Territorien waren nicht mehr russisch. Die innere föderale Teilung der Sowjetunion, die einer besseren Verwaltung diente und dem Respekt vor der indigenen Bevölkerung geschuldet war, wurde Russland nach der Perestroika zum Verhängnis.
Vielleicht waren die territorialen Veränderungen auch eine langfristige Folge der Revolution und des Zweiten Weltkrieges, die erst Ende des 20. Jahrhunderts ihre Wirkung entfaltete? Allerdings war das Zerbrechen des Riesenimperiums ohne Frage die größte geopolitische Katastrophe im Sinne einer neuen Aufteilung des territorial größten Landes der Erde und der Neuauflage der politischen Geographie. Genau diesen Sinn sollte man in die berühmten Worte von Präsident Wladimir Putin legen, und keinen anderen. Der Erste und der Zweite Weltkrieg waren sicherlich die schlimmsten humanitären Katastrophen in der Geschichte der Menschheit. Den »Zerfall der Sowjetunion« kann man als eine Katastrophe betrachten, die zu verheerenden territorialen Umverteilungen und dramatischen Folgen für die politische Landschaft und die Bevölkerung der Sowjetrepubliken (mit Ausnahme Litauens, Lettlands und Estlands) führte.
Warum spricht niemand im Westen darüber? Warum begleitete der Westen diesen »Zerfall« wie die natürlichste Sache der Welt, ohne sich einzumischen und das Ganze damals schon auf seine Rechtskraft zu prüfen? All diese Fragen stellten sich die Russen damals, die alte Generation stellt sie sich zum Teil immer noch. Es schien und scheint, dass es dem Westen entgegenkam, dass es kein einheitliches politisches und geographisches Gebilde auf dem Territorium der Sowjetunion gab, welche immer als Bedrohung der Welt, als das »Reich des Bösen« empfunden wurde. Das Böse sollte beseitigt werden. Die Bedrohung sollte verschwinden. Nur haben sich die Polittechnologen offensichtlich geirrt. Historische Prognosen gelingen selten.
Mittlerweile ist bekannt, dass Amerika die Protestbewegungen und Konflikte auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion befördert und mit politischen sowie finanziellen Mitteln unterstützt hat. Es war opportun, das Monster im Inneren zu zerlegen, als es schon tot war. Die Bewohner der ehemaligen Sowjetunion durften nicht in Ruhe über ihr Schicksal nachdenken.
Humanitäre Pakete, Entschädigungen, Stiftungsgelder, Möglichkeit zum Reisen und sich im Westen niederzulassen waren schöne Alternativen zum Leben in den armen postsowjetischen Ländern und machten die Sowjetbürger zur stummen Beute. In den ersten Jahren nach der Perestroika gingen über zwei Millionen Russlanddeutsche in die Bundesrepublik. Was bewegte sie? Die pathetischen Behauptungen, dass ihre deutschstämmigen Wurzeln sie riefen oder dass sie die stalinistische Unterdrückung nicht vergessen konnten, sind falsch. Es riefen die besseren Möglichkeiten, die besseren Verdienste, die besseren Chancen für die Kinder und einfach die Hoffnung auf eine sichere Zukunft. Dies ist zweifellos vollkommen legitim. Sich und ihren Familien ein besseres Leben zu verschaffen, davon sind alle Menschen auf der Welt getrieben, wenn sie ihre Heimat verlassen. Ob es tatsächlich immer gelingt, sei dahingestellt. Jedenfalls stagnierte die Massenbewegung der Bevölkerung aus Russland gen Deutschland schon zu Beginn des neuen Jahrtausends.
Im Russland der neunziger Jahre hatte jeder das Gefühl, dass das Land rasant in den Abgrund stürzte und es keinen Halt, keine Abhilfe mehr gab. Jeder hatte Sorge, dass es bald gar nichts mehr zu essen gebe und im Land nur kriminelle Banden das Sagen hätten. Die Zukunft schien düster und hoffnungslos. Dazu kam der Krieg in Tschetschenien. Als Antwort auf die blutige Besetzung eines russischen Krankenhauses in der Grenzregion zu Russland begann Anfang der neunziger Jahre die Offensive der russischen Truppen, die in einen lokalen Waffenkonflikt mit einem ungewissen Ende überging. Damals verurteilte der Westen Russland für die Versuche, Tschetschenien in den Landesgrenzen zu halten.
Der Krieg in Tschetschenien forderte das Leben von Tausenden russischen Soldaten, und er begrub die Glaubwürdigkeit und die Ehre von Präsident Jelzin, dem sowieso keiner mehr traute. Aus einem Sympathieträger Mitte/Ende der achtziger Jahre, der als kommunistischer Führer zu Fuß ins Büro ging und dessen Frau selbst Einkäufe tätigte, wurde ein verzweifelter, gejagter, müder Mensch, der weder sich noch die neurussischen Oligarchen mehr im Zaum halten konnte und zu oft zu Unzeiten zur Flasche griff.
Leere Regale in den Geschäften, Knochenbrühe und gekochter Reis zum Mittagessen, chinesische Märkte mit Kleidung, die beim ersten Tragen zerfiel, gebrauchte deutsche Autos, westliche Luxusläden im grauen Moskau, politisches Chaos, keine erkennbare Zukunft – aus diesem Land bin auch ich 1995 nach Deutschland gekommen. Ein heftiger Kontrast.
III. Von Katzen und fremden Menschen
Erster Eindruck: das Einwohnermeldeamt, salopp Ausländerbehörde. Russische Kommilitonen, die dort vor mir waren, warnten mich. Die Warnungen ließen Schlimmes erwarten. Alle der dargestellten Schrecken unterschieden sich nicht von denen in Russland: lange Schlangen, unfreundliche, grobe Mitarbeiter, kahle, heruntergekommene Räume.
Es kam aber noch schlimmer. Wahrscheinlich wegen der deutschen Sprache, die ich tatsächlich kaum beherrschte. Englisch konnten die Mitarbeiter der Behörde auch nicht. Dafür waren ihre Augen sehr ausdrucksvoll und wahrhaftig vielsagend. Bei manchen waren die Augen leer und lustlos, bei den anderen feindlich und böse.
Die Ausländerbehörde roch nach Gefängnis und machte ebendiesen Eindruck. Selbst die Toiletten sahen so aus, wie viele russische Bahnhofstoiletten damals aussahen: ein Loch im Boden, zwei »Spuren«, um die Füße daraufzustellen. Man hatte Angst, ins Loch zu fallen.
Im überfüllten Warteraum saßen mit uns, den Studenten, vermummte Frauen, dunkelhaarige, unrasierte Männer, alle schlecht gekleidet und mit Kummer in den müden Augen. Männer gingen oft rauchen und verbreiteten im Warteraum einen starken Tabakgeruch. Viele kleine Kinder schrien, größere spielten Fangen in trostlosen Fluren. Erwachsene starrten auf eine große Anzeige, auch wie auf einem Bahnhof. Einmal in 15 Minuten, manchmal mit einem größeren Abstand, drehte sich eine Zahl.
Wir wurden von unseren Kommilitonen, die im Wohnheim wohnten, vorgewarnt und waren schon vor fünf vor Ort, standen Schlange auf dem abgezäunten Gelände der Ausländerbehörde. Wir dachten, man wolle uns zu verstehen geben: Wir, arme Russen und andere Ankömmlinge, waren nicht willkommen in diesem Land. Es galt, uns schnell wieder loszuwerden.
Es war ein riesiger Kontrast zu den freundlichen Verkäuferinnen, den netten Menschen auf der Straße, die den Weg zeigten und Englisch sprachen, zu den schönen alten Häusern in Westberlin, zum Kulturforum, das wir schon bewundern durften, zur Universität mit dem billigen leckeren Essen, zu den Tulpen und schönen Pflanzen in den Vorgärten der Einfamilienhäuser im östlichen Biesdorf. Ein Kontrast zu meiner Vorstellung von einem zivilisierten, offenen, reichen Deutschland, die sich viel später, nach einigen Monaten meines Lebens hier, schließlich doch bestätigte.
Damals, im April 1995, war ich erschrocken und wütend. Ich hatte nicht darum gebettelt, nach Deutschland kommen zu dürfen. Ich war ausgewählt und eingeladen worden, mir wurde ein Stipendium verliehen. Das Ziel eines DAAD-Stipendiums war vermutlich, den Studenten aus den ehemaligen GUS-Staaten Demokratie zu zeigen, ihnen zu vermitteln, wie gut man im demokratischen Deutschland lebe. Ich ging davon aus, dass man mit solchen Förderprogrammen meinte, Brücken der Verständigung zu bauen und für Deutschland im Ausland zu werben.
