Hauptrolle: Liebe - Trish Wylie - E-Book

Hauptrolle: Liebe E-Book

TRISH WYLIE

0,0
2,49 €

oder
Beschreibung

Verliebt, verlobt, verheiratet - so steht es im Drehbuch. Caitlin und Aiden sind die Hauptdarsteller der Realityshow. Kein Zuschauer weiß: Sie haben sich nie zuvor gesehen. Gespannt fragt Caitlin sich: Wie wird der Kuss des gut aussehenden Fremden sein?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



IMPRESSUM

Hauptrolle: Liebe erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2005 by Trish Wylie Originaltitel: „The Wedding Surprise“ erschienen bei: Mills & Boon, London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA HOCHZEITSBAND, Band 18 Übersetzung: Michaela Rabe

Umschlagsmotive: GettyImages / Anfisa Borodich

Veröffentlicht im ePub Format in 8/2021

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751507974

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

„Wie schlimm ist es, Dad? Sag es mir.“

„Es hat keinen Zweck, wenn wir uns beide Sorgen machen.“

„Geteiltes Leid ist halbes Leid.“

„Und wenn wir schon bei den Kalenderweisheiten sind – was du nicht weißt, macht dich nicht heiß.“

Caitlin Rourke musterte ihren Vater besorgt. Seit dem letzten Jahr hatten sich seine Sorgenfalten vertieft, und sein Haar war grau geworden. Ein bedrückender Anblick.

Jetzt lächelte er, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Frustriert seufzte sie.

„Dich beschäftigt doch etwas.“ Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich vor den antiken Eichenschreibtisch, die Ellbogen auf die Tischkante gestützt. „Vielleicht kann ich dir helfen.“

Brendan Rourke lehnte sich im Sessel zurück und schüttelte den Kopf. „Diesmal nicht.“

„Woher willst du das wissen?“

„Ich weiß es einfach, mein Kind.“

„Wenn du mir sagen würdest, worum es geht, könnte ich selbst entscheiden. Du hast uns doch beigebracht, erst alle Fakten zusammenzutragen und eine Sache von allen Seiten zu beleuchten, bevor wir eine Entscheidung treffen.“

Brendan lächelte. „Ich fühle mich richtig alt, wenn meine Kinder meine eigene Philosophie nutzen, um eine Diskussion zu gewinnen.“

„Du hast uns dazu erzogen, zu hinterfragen, zu lernen aus dem, was wir tun.“ Sie grinste. „Und damit gute Arbeit geleistet. Du bist ein toller Dad.“

Er wandte den Blick ab, betrachtete die Wände des Büros. „Dann habe ich wenigstens eine Sache richtig gemacht.“

Stille legte sich über den Raum, als Caitlin ihn erneut aufmerksam ansah. Im Laufe der vergangenen Monate hatte sie mehr und mehr Veränderungen an ihm wahrgenommen. Dass er die Schultern nach vorn zog, dass er schweigsamer und nachdenklicher geworden war.

Irgendwas lief hier falsch, und es war keine Kleinigkeit.

„Sag es mir, Dad, oder ich bleibe so lange in diesem Büro, bis du es tust.“ Die Frage, die ihr seit Wochen zusetzte, war nicht einfach. „Bist du krank?“

Erstaunt sah er sie an. „Nein. Wie kommst du darauf?“

Weil er dünner geworden war. Weil er grau aussah …

„Ist etwas mit Mum?“

Brendan beugte sich vor. „Nein, Sweetheart, es ist niemand krank.“

Erleichtert stieß sie den Atem aus. Davor hatte sie am meisten Angst gehabt. Je älter man wurde, umso schmerzlicher wurde einem bewusst, dass die Eltern nicht immer bei einem blieben.

Seine Antwort konnte also nur eins bedeuten. „Es geht um das Geschäft, nicht wahr?“

Er lehnte sich zurück. Betrachtete sie schweigend. Nickte schließlich. „Ja.“

„Gut, das schaffen wir. Alle zusammen.“

Ein bekümmerter Blick traf sie. „So einfach ist das nicht.“

„Wenn es um Geld geht, das müssten wir doch auftreiben können.“

„Das habe ich bereits. Drei Mal.“ Er seufzte resigniert. „Inzwischen steht nicht mehr nur das Geschäft auf dem Spiel.“

„Was noch?“

„Das Haus.“

Caitlin hielt den Atem an. Ihr Zuhause. Der einzige Ort auf der Welt, an dem sie Geborgenheit und bedingungslose Liebe fand. Der für alle ein sicherer Hafen war. Gefüllt mit unzähligen Erinnerungen. Nein, sie durften es nicht verlieren. Ausgeschlossen.

„Was ist geschehen?“

„Zahlungsunfähigkeit. Wir sind nicht die Ersten, denen das passiert, und wir werden nicht die Letzten sein. Leute bezahlen uns nicht, ich kann die Leute nicht bezahlen, die ich bezahlen muss. Ich habe Kredite aufgenommen, aber jetzt bekomme ich keine mehr.“

„Wie viel brauchen wir?“

Brendan lächelte traurig. „Mehr, als du je zusammenkratzen kannst.“

„Wie viel, Dad?“

Der Ledersessel knarrte. Es war das einzige Geräusch im Raum. „Siebzigtausend.“

Caitlin riss die Augen auf. So viel hatte sie nicht gespart. So viel hatten ihre Brüder und ihre Schwester nicht gespart. Und selbst wenn sie zusammenlegten, es würde nicht reichen.

Die Resignation, das Gefühl, versagt zu haben, war ihm anzusehen, und es brach ihr fast das Herz. Für seine Familie und vor allem für seine Kinder war er stets wie ein Fels in der Brandung gewesen. Jetzt hatte er nicht die Mittel, um das Geschäft, für das er sein Leben lang hart gearbeitet hatte, vor dem Bankrott zu bewahren.

Sofort fiel ihr Aisling ein, die Freundin einer Freundin, mit der sie gestern lange telefoniert hatte. Der Vorschlag, den Aisling ihr gemacht hatte, war mehr als lustig gewesen. Caitlin hatte sich halb tot gelacht.

Doch auf einmal erschien ihr die Idee nicht mehr ganz so albern.

Auf einmal schien es ein Ausweg zu sein.

Sie nickte entschlossen, schob den Stuhl zurück und kam um den Schreibtisch herum, um ihren Vater zu umarmen. „Wir stehen das durch, Dad. Warte nur ab. Du bist derjenige, der uns beigebracht hat, dass wir zusammen stärker sind als allein.“

Bebend holte er Luft. „Diesmal gibt es keinen Ausweg, Sweetheart.“

„Doch. Es gibt immer einen. Und alles, was geschieht, hat seinen Sinn.“ Sie lehnte sich zurück und lächelte. „Keine Geheimnisse mehr, Dad. Dafür ist Familie doch da. Das hat mir ein sehr weiser Mann einmal gesagt.“

Damit entlockte sie ihm ein kleines Lächeln. „Also gut. Keine Geheimnisse mehr.“

Sie küsste ihn auf die Stirn. Keine Geheimnisse mehr. Abgesehen von dem einen großen, das sie bewahren musste, um Schaden von ihnen abzuwenden.

„Wahnsinn! Es ist ja so toll, dass du das machen willst!“ Aisling eilte ihr entgegen und drückte sie fest, als sie das lichte Büro betrat. „Du wirst großartig sein.“

Caitlin entwand sich der Umarmung. „Von großartig kann ich noch nicht reden, aber es freut mich, dass wenigstens eine von uns begeistert ist.“

„Für uns alle ist es ein aufregendes Projekt.“ Aisling setzte sich auf das moderne lange Sofa, das die Hälfte der Wand einnahm. „Es hat anderthalb Jahre gedauert, es auf den Weg zu bringen, und ich kann es kaum erwarten, endlich anzufangen.“

„Mmm.“ Caitlin nahm ebenfalls Platz und schlug die Beine übereinander. „Können wir es noch einmal durchsprechen?“

„Du bist doch nicht nervös?“

„Ich?“ Sie lachte. „Ach was. Ich lüge ständig meine Familie und Freunde an, um bei einer Fernsehshow Geld zu machen.“

„Du bist nervös.“ Aisling lächelte ermutigend. „Das ist verständlich. Ich wäre es auch.“

„Du musst aber keine Lüge leben.“

„Was glaubst du, warum ich so erpicht darauf war, dich dafür zu gewinnen?“

Caitlin hob die Augenbrauen. „Weil wir uns kennen und du nicht damit rechnen musst, dass ich dich anzeige, wenn alles schiefläuft?“

Die andere lachte hell. „Das hatte ich zwar nicht im Sinn, aber den Posten kann ich jetzt auch abhaken.“

„Ich bin eine Liste? Was steht denn da noch so drauf?“

„Ja, warte mal.“ Sie zählte an ihren langen, schlanken Fingern ab: „Du bist Single und ungebunden. Du bist ausgesprochen fotogen. Du hast diese bewundernswerte Familie. Und du hast gute Gründe, dir das Preisgeld verdienen zu wollen.“

Caitlins dunkle Augen weiteten sich. „Welche Gründe genau?“

Überrascht sah Aisling sie an. „Seltsame Frage. Du willst doch endlich ein eigenes Restaurant eröffnen, oder?“

Ja, davon träumte sie, seit sie ihre Ausbildung zur Köchin abgeschlossen hatte. Ein Restaurant, in dem sie all ihre kreativen Ideen verwirklichen konnte. Inzwischen hatten sich die Prioritäten verschoben. Das Geld wurde für Wichtigeres gebraucht.

Eine Lüge mehr, was machte das schon? „Natürlich will ich das.“

„Also, dann …“

„Erzähl mir von dem Mann.“

„Aiden?“ Ihre Augen leuchteten. „Er ist umwerfend. Wir beten ihn an. Warte, bis du ihn kennengelernt hast.“

Insgeheim zuckte sie zusammen. Sie wollte ihn nicht kennenlernen. Niemals.

Falls er nämlich absolut nicht zu ihr passte, wie Aisling verkündet hatte, würde Caitlin jede Minute, die sie mit ihm verbringen musste, hassen.

Leider war das die Grundidee der neuen Show: Zwei komplett verschiedene Menschen sollten vorgeben, dass sie ineinander verliebt waren. Davon mussten sie ihre Familie und ihre Freunde überzeugen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, fand zum Schluss eine Hochzeit statt, auf der sie ein vorgetäuschtes Ja, ich will von sich geben mussten – im Kreise von Verwandten und Freunden. Kinderleicht, oder?

Drei Monate. Drei Monate eine Lüge leben, auf Schritt und Tritt begleitet von einem Kamerateam. Ihre Privatsphäre war ihr besonders kostbar, aber der Preis schien nicht zu hoch, wenn sie dadurch ihrem Vater das Geschäft und der Familie ihr geliebtes Zuhause erhalten konnte.

Caitlin schob das Kinn vor. Sie würde es schaffen. Sie musste einfach. Auch wenn ihr Magen ein einziger Knoten war und ihre Hände schwitzten. Letztendlich waren es nur drei Monate.

Und wie schlimm konnte dieser Aiden schon sein?

2. KAPITEL

Aiden Flynn drehte sich um, als die Tür aufging. Die Frau, die ihn erwartete, würde in den nächsten Monaten seine Verlobte sein.

Einen Moment lang vergaß er alles um sich herum.

Sie war atemberaubend. Kein Wunder, dass man unter allen Kandidatinnen gerade sie ausgesucht hatte. Auf dem Bildschirm würde sie eine großartige Figur abgeben. Eine bessere als er auf jeden Fall. Sechs Monate vor dem Computer, in Reichweite einen Haufen Kalorien in Form von Snacks und Fast Food, taten einem Mann nicht gut.

Offenbar dachte sie ähnlich. Als sie die Tür öffnete, hatte sie noch gelächelt. Doch jetzt, nachdem sie ihn von oben bis unten gemustert hatte, schwand das Lächeln aus ihren dunklen Augen.

Plötzlich wünschte er, er hätte sich letzte Woche wenigstens zehn Minuten Zeit für einen Friseurbesuch genommen. Sein Gesicht war fast vollständig von Haar bedeckt. Aber Aisling hatte darauf bestanden, dass er Vollbart und Mähne ließ, wie sie waren. Du bist perfekt, hatte sie gesagt.

Schade, dass Caitlin Rourke sichtlich anderer Meinung war. Sie sah nämlich hinreißend aus.

Langsam ließ er den Blick über ihr modisch kurz geschnittenes, dichtes braunes Haar gleiten, die makellose helle Haut, die sinnlich geschwungenen Lippen. Ein schlanker Hals, kleine runde Brüste, eine schmale Taille. Oh ja, eine Augenweide, zweifellos – und in einer ganz anderen Liga, wenn er bedachte, dass sie Designerkleidung trug und ihr Zuhause in einem eleganten Wohnviertel lag.

Er schaute auf, als sie ihr Haar hinters Ohr schob. Lächelnd trat sie auf ihn zu.

Im nächsten Moment überraschte sie ihn damit, dass sie ihm buchstäblich um den Hals fiel und ihren biegsamen Körper an seinen drückte. Verwirrt legte er die Arme um ihre Taille.

„Da bist du ja endlich!“ Sie legte den Kopf zurück. „Ich habe dich ja so vermisst.“

Aiden sah sie verblüfft an. „Nun, ich dich auch.“

Sie bewegte die Augen hektisch nach links. Aiden folgte ihrem Blick und entdeckte die Kamera, die direkt auf ihn gerichtet war. Aha, Showtime. Na dann …

Caitlin beugte sich vor, küsste ihn auf die Wange, genau dort, wo sein Bart aufhörte, und flüsterte: „Meine Schwester ist hier.“ Dann lehnte sie sich wieder zurück.

Er verstärkte den Griff um ihre Taille, um ihr zu zeigen, dass er verstanden hatte, und machte sich daran, das zu tun, was von einem Verlobten erwartet wurde.

Ihre Augen weiteten sich, als sie begriff, dass er sie küssen wollte. Sie wich noch weiter zurück und lachte dabei auf. „Oh nein, nicht mit diesem Bart!“

Der war ihm doch nicht über Nacht gewachsen! Wenn sie sich kürzlich verlobt hatten, musste sie ihn seit geraumer Zeit mit Bart geküsst haben.

„Letztes Wochenende hat dieser Bart noch ganz andere Stellen berührt, und du hast dich nicht beschwert, Honey.“

Dunkle Augenbrauen gingen in die Höhe. Ein Funkeln blitzte in ihren Augen auf.

Ihre Stimme erinnerte ihn an warmen Honig. „Du hast ja keine Ahnung, wie meine Haut am nächsten Tag aussah.“

Die Sache begann allmählich Spaß zu machen. „Vielleicht zeigst du es mir später.“

„Mal sehen.“ So schnell wie das Funkeln aufgetaucht war, so rasch verschwand es wieder, und sie entzog sich seinen Armen. Sie linste zum Wohnzimmer, dann sah sie ihn an. „Der Bart muss ab“, sagte sie mit gesenkter Stimme.

„Wir sind noch nicht einmal verheiratet, und du versuchst jetzt schon, mich zu ändern?“

Prüfend musterte sie ihn. Schließlich nickte sie. „Ja, verflixt.“ Ihr Lächeln blieb blass.

Die Schwester betrachtete ihn mit einem ähnlich perplexen Blick, als er das in warmen Farben eingerichtete Zimmer betrat. Es musste in der Familie liegen. Oder war ihm auf einmal ein zweiter Kopf gewachsen? Schön, er mochte nicht wie ein Supermodel aussehen, aber doch auch nicht wie ein Serienkiller!

„Hi.“

Caitlin beobachtete, wie ihre Schwester blinzelte. Ein Mal, zwei Mal, bevor sie schließlich mit großen Augen zu ihr herüberstarrte. Vor fünf Minuten hatte sie ihr erzählt, dass sie sich verlobt hätte. Die Tatsache, dass sie die Anwesenheit eines Fernsehteams erklären musste, hatte die verrückte Situation nicht gerade entschärft.

„Das ist Aiden.“

„Der Internet-Typ?“

Sie lächelte, während sie sich an die Geschichte hielt, die man ihr vorgegeben hatte. „Ja, das ist er.“

Ihre Schwester öffnete den Mund, besann sich, während ihr Blick zur Kamera glitt, und entschloss sich zu einem Lächeln. Sie erhob sich vom Sofa. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Aiden. Ich bin Cara.“

Aiden war ihr Zögern nicht entgangen, bevor sie ihm die Hand hinstreckte. „Schön, dass wir uns endlich begegnen“, erwiderte er. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“

Das Lächeln blieb wie angeklebt, als sie ihm die Hand schüttelte. „Mehr als ich von Ihnen gehört habe, wie es aussieht. Sie sind eine echte Überraschung.“

Er lachte und ließ sie los. „Das würde ich auch sagen.“

Cara fuhr fort, ihn eingehend zu begutachten. Ähnlich, wie man einen Käfer unter dem Mikroskop betrachten würde. Aiden stellte sich dicht neben Caitlin und grinste. „Also, Honey, ich bringe schon mal meine Tasche nach oben.“

„Gute Idee.“ Sie wandte sich zur Tür.

„Nein, bleib ruhig, ich kenne den Weg.“ Die Lüge ging ihm leicht über die Lippen. „Leiste deiner Schwester Gesellschaft. Ich bin gleich zurück.“

Beide Frauen standen stocksteif da, beide lächelten. Mit einem Augenzwinkern in Caras Richtung kniff er Caitlin leicht in den Po, als er an ihr vorbeiging.

„Bist du wahnsinnig geworden?“

Er hörte Caras empörtes Flüstern, während er die erste Stufe betrat. Es war lange her, dass er solch einen bleibenden Eindruck auf zwei Frauen gemacht hatte.

Aiden kam an einem mannshohen Spiegel vorbei und zog eine Grimasse. Er konnte es ihnen nicht verdenken. Er sah zum Fürchten aus.

Prüfend betrachtete er sein Spiegelbild. Die Augen waren das Einzige, das er wiedererkannte. Alles andere war eine Katastrophe. Seine dunklen Haare endeten in wirren Locken, dort wo sie den Kragen seines Lieblingshemds – ein altes Karohemd – berührten. Selbst als Student hatte er sie nicht so lang getragen. Und das Haar in seinem Gesicht erst! Caitlin hatte recht, der Bart musste ab. Ich sehe aus wie ein Schiffbrüchiger, der von einer einsamen Insel gerettet worden ist.

Er zog die dunklen Augenbrauen hoch, bis sie unter dem struppigen Pony verschwanden. So gesehen hatte er tatsächlich wie auf einer Insel gelebt. Die letzten Monate waren einsame Monate gewesen. Aiden allein, ein Gespenst sein einziger Begleiter. Und die Arbeit natürlich. Seine eigene und die des Geistes. Das hatte etwas ziemlich Realitätsfernes.

Er wandte sich vom Spiegel ab und schritt den sanft erhellten Flur entlang. Vorbei an zahlreichen gerahmten Fotos. Caitlin Rourkes Leben lag ausgebreitet vor ihm. Caitlin lachend. Lächelnd, die Augen voller Liebe, schaute sie die Menschen an, die mit ihr auf dem Bild waren. Nahaufnahmen, wie sie zusammengerollt auf dem Sofa lag, der Blick verriet, dass der Schnappschuss überraschend gekommen war. Herbstliche Wälder, davor Caitlin mit längerem Haar, das im Wind wehte. Jedes Foto zeigte eine glückliche, zufriedene Frau, die das Leben liebte.

Caitlin Rourke verkörperte all das, was er nicht hatte. Der vertraute Schmerz packte ihn und machte ihn zornig. Zornig auf sie.

Bist du wahnsinnig geworden?

Die Worte hallten in ihr nach, aber Caitlin erholte sich noch von dem Schock, dass ihr neuer Verlobter sie in den Hintern gezwickt hatte. Sie sah ihre Schwester verwirrt an. „Wie bitte?“

„Was ist in dich gefahren?“ Cara schaute auf die Kamera, drehte ihr den Rücken zu und flüsterte: „Den willst du wirklich heiraten?“

Caitlin holte tief Luft. „Du kennst ihn nicht so wie ich.“

Sarkastisches Gelächter war die Antwort. „Natürlich nicht. Was auch immer an ihm dran ist, verbirgt sich unter einem halben Meter Haare.“

Die spätestens morgen früh verschwinden würden, wenn es nach ihr ging. Caitlin konnte vollbärtige Männer nicht ausstehen. Sie erinnerten sie an einen Onkel, den sie nur widerwillig geküsst hatte, wenn er zum Abschied darauf bestand.

„Lass dir Zeit, ihn näher kennenzulernen, Cara.“

„So wie du?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das kommt mir sehr merkwürdig vor, Caitlin. Bist du sicher, dass du ihn gut genug kennst, um ihn zu heiraten?“

„Wir reden seit Monaten miteinander.“

„Im Internet?“

„Ja, im Internet.“

„Und das reicht dir, um den Rest deines Lebens mit ihm zu verbringen?“

„Ja. Und du kannst dir in zwei Minuten kein richtiges Urteil über ihn bilden.“

Cara schwieg lange. „Das sieht dir gar nicht ähnlich“, meinte sie schließlich. „Er ist nicht mal annähernd wie die Männer, mit denen du bisher ausgegangen bist. Und diese Kamera-Geschichte ist ja wohl völlig verrückt.“

Caitlin seufzte. „Ich sagte dir doch, es geht um eine Sendung über Paare, die im Internet die große Liebe gefunden haben.“

„Deshalb muss jedes Mal, wenn einer von uns mit dir redet, ein Fernsehteam dabei sein?“

„Es dauert doch nur ein paar Monate, dann sind sie wieder weg.“

„Nun ja …“ Sie senkte die Stimme. „Mit ein bisschen Glück ist er dann auch wieder weg.“

„Gib ihm eine Chance, Cara. So schlimm wird er nicht sein.“ Falsch formuliert. Sofort bemerkte sie ihren Fehler. „Er ist ein großartiger Mann. Davon bin ich überzeugt. Mach es ihm nicht unnötig schwer.“

Dunkle Augen, den ihren so ähnlich, schauten sie an. Cara seufzte. „Weißt du was, ich glaube, ich bin ein wenig enttäuscht, dass du mir nicht eher etwas gesagt hast. Wir reden doch sonst über alles. Dies ist das erste Mal, dass du mir etwas verheimlicht hast.“

Caitlin wurde die Kehle eng.

„Als hätte sich zwischen mir und dir etwas verändert.“ Ihre Stimme zitterte ein wenig. „Und das finde ich schrecklich.“

Rasch unterdrückte sie die aufsteigenden Tränen, als Cara sie kurz umarmte.

„Wir reden morgen“, warf sie ihr noch über die Schulter zu.

„Das ist ganz schön schwer“, sagte Caitlin direkt in die Kamera, als Cara außer Hörweite war. „Ihr habt ja keine Ahnung, wie sehr.“

Stirnrunzelnd musterte sie den Teppich, blickte dann zur Decke. Es wurde Zeit, sich ihrem Verlobten zu stellen. Man soll ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen … Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Spruch in diesem Fall recht behielt, und marschierte die Treppe hinauf.

Caitlin hatte noch nicht die Hälfte des Wegs zurückgelegt, da kam Aiden ihr entgegen. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah ihn an. Ihre Blicke trafen sich.

Seine Augen waren das Einzige, was ihr an ihm gefiel – strahlend blau mit einem leichten Funkeln. Jemand, der Augen hatte wie ein Sommerhimmel, konnte doch kein schlechter Mensch sein, oder?

„Hey.“

„Hey.“

„Du bist also meine Verlobte?“ Er duzte sie, eine unerlässliche Bedingung für die Show. Die fest installierten Kameras zeichneten alles auf.

Sie musste lächeln. „Sieht ganz so aus.“

Er nickte. „War ich nicht klasse vor deiner Schwester gerade?“, meinte er amüsiert.

„Mmm, nun, sie ist sehr fürsorglich, was mich betrifft. Und nicht nur sie. Das wirst du noch oft merken, fürchte ich.“

Aiden schob die langen, schlanken Hände in die Taschen seiner verblichenen Jeans. „Du stehst deiner Familie sehr nahe, nicht wahr?“

„Ja.“

„Dann wird das hier für dich nicht einfach sein.“

Unter seinem Blick fühlte sie sich auf einmal verletzlich. Hinter ihren Schläfen setzte ein Pochen ein. Noch nie hatte sie jemandem gegenübergestanden, der die Atmosphäre um sie herum zu beherrschen schien. Es war kein schönes Gefühl. Vor allem nicht in ihrem eigenen Zuhause.

„Dir dagegen fällt das Lügen leicht, vermute ich.“

Aiden zuckte mit den Schultern. „Ich habe es von Zeit zu Zeit genutzt, als ich jung war. Wenn es nötig war.“

Welch ein seltsamer Mann. Wie konnte einer mit diesen warmen Augen so kaltschnäuzig sein? Und woher sollte sie wissen, ob er die Wahrheit sagte, wenn ihm die Lügen so glatt über die Lippen kamen?

Schallendes Gelächter ließ sie zusammenzucken.

„Jetzt habe ich dich schockiert, stimmt’s?“

„Schockiert wohl nicht, aber ziemlich überrascht, wie locker du damit umgehst.“ Sie lächelte knapp. „Aber wahrscheinlich hat man dich deshalb ausgesucht. Ein erfahrener Lügner, der mir alles Nötige beibringen kann.“

Sein Lächeln blieb. „Mag sein. Was die Gegensätze betrifft, haben sie jedenfalls einen Volltreffer gelandet.“

Sie musterte ihn und nickte. „Ja, das finde ich auch.“

Aiden zog die Hände aus den Hosentaschen und kam langsam auf sie zu. Jeder Schritt wirkte kontrolliert, genau bemessen. Als er nur noch eine Stufe über ihr stand, beugte er sich vor und fragte mit tiefer Stimme: „Also, Caitlin Rourke, wie stellen wir es an, dass alle glauben, wir wären leidenschaftlich ineinander verliebt?“