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Die fünfköpfige Familie Auerswald steht auf der Baustelle plötzlich vor den Tatsachen: Das neue Haus neigt sich radikal zur Seite. Von da an jagt ein Schicksalsschlag den nächsten. Ein Abrisstrupp muss her, Handwerker entpuppen sich als geldgierige Versager, der Bauleiter verschwindet in den Dauerurlaub, die Finanzierung gerät aus den Fugen und der Anwalt legt eine Akte nach der anderen an, während die Familie in eine Bruchbude mit Schweinestall umziehen muss. Mit Selbstironie und Humor erzählt die Bauherrin, wie der Traum von Eigenheim immer mehr zum Albtraum ausartet.
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2021
JANA AUERSWALD
⌂⌂⌂
HÄUSCHEN in der GRUBE
Wer baut, braucht Humor. Und einen guten Anwalt.
© 2021 Jana Auerswald
Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-21000-4
Hardcover:
978-3-347-21001-1
e-Book:
978-3-347-21002-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Teil 1 – Man baut nur einmal
Krisenstimmung
Der Floh im Ohr
Beamte haben es nicht leicht
Straßenbegleitbegrünungsvorschriften
Ich weiß etwas, was du nicht weißt
Von Plänen und Luftschlössern
Hyperaktive Passivhäuser
Krötenwanderungen
Wünschen darf man
Von Maklern und Mäklern
Drum prüfe, wer sich ewig bindet
Hypnose im Notariat 2.0
Baubehördlicher Hürdenlauf
Winnetou und der Planungsmarathon
Genmanipulierte Riesenmaulwürfe
Das bisschen Küche plant sich von allein
Startschwierigkeiten
Von Spitzbuben und Blutsaugern
Der Traum vom Wohnen geht baden
Lustig, lustig, tralalalala
Notoperationen und Plomben
Teil 2 – Überleben
Öffentlich bestellte Gutachterspezialisten
Einen Anwalt finden ist nicht schwer …
Stille Post
Von Nasenkakadus und Vogelspinnen
Überstürzter Auszug
Angriff aus dem Hinterhalt
Wenn bellende Beamte beißen
Spiel mit dem Feuer
Bombenstimmung
Teil 3 – Man baut nur zweimal
Déjàvu
Stelzende Pfahlhäuser
Unter Strom
Wetterkapriolen
Von Schleppdächern und Hechtgauben
Ein terroristischer Anschlag
Schieß sie auf den Mond
Wer will fleißige Handwerker sehen
Recht haben und Recht bekommen
Juristenroulette
Tulla und die Schleifen
Was lange währt
Teil 1 – Man baut nur einmal
Krisenstimmung
Ich hörte sie, noch bevor ich sie sah. Gerade kehrte ich mit den Kindern vom Einkaufen nach Hause zurück, da ertönte das Brüllen eines schwer verletzten Elefanten aus Richtung unseres Gartens.
Ich stellte den Wagen vor der Garage ab, fuhr das Fenster hoch und stieg aus. Dann befreite ich die Kinder aus ihren Gurten, wir kletterten über ein verrostetes und verbeultes Fahrrad, das jemand achtlos fallen gelassen hatte und hasteten gemeinsam hinter unser Haus, wo der Lärm herkam.
Im angrenzenden Garten erblickte ich Theodor, unseren siebzigjährigen Nachbarn, wie er durch die Gegend stakste, ein Saxofon malträtierte und ihm quälende Töne entlockte. Dabei warf er immer wieder ekstatisch Kopf, Arme und Instrument in die Höhe, als wolle er den Musikgott um Gnade anflehen – was ich an seiner Stelle unbedingt getan hätte. Begleitet wurde das Spektakel von einer heulenden E-Gitarre, die von seiner gleichaltrigen Frau geschunden wurde. Thekla, ihre flammend roten Haare hochgesteckt zu einem Adlernest beachtlicher Größe, gab sich ebenso verzückt dem Konzert hin wie einige im Garten herumlungernde Gleichgesinnte, die Hochprozentiges aus Flaschen tranken, rauchten und mit den Köpfen nach einer nicht vorhandenen Melodie wippten. Dabei waberte mir ein Geruch entgegen, der mich an einen Campingplatzurlaub vor über zehn Jahren in Amsterdam erinnerte.
Thekla hatte uns erspäht, ließ die Gitarre sinken und winkte mich herbei. »Sie! Kommen Sie mal her«, schrie sie und grub mit einer Hand in den Taschen ihres wallenden Gewandes.
Auch Theodor legte eine künstlerische Pause ein, der Lärm erstarb.
Thekla streckte mir ihre Hand entgegen, kaum dass wir uns an der Hecke gegenüberstanden. »Sehen Sie das hier?« In ihrer Handfläche lag ein schmutziges Ei – nicht größer als das einer Wachtel.
»Das ist ein Ei«, sagte ich verwundert.
»Ei, wer hätte das gedacht, oder?«, schnarrte sie. »Das haben mir Ihre Kinder an den Kopf geworfen, gestern, als ich auf der Gartenliege entspannen wollte. Das ist Körperverletzung! Ich kann so etwas nicht dulden!«
Prüfend sah ich nacheinander meine Kinder an, die alle drei unschuldig aus der Wäsche schauten. »Aber, ich kann mir überhaupt nicht vorstellen …«
»Was Sie sich vorstellen, ist mir egal!«, fiel Thekla mir barsch ins Wort. »ICH stelle mir vor, dass ICH in meinem Haus und in meinem Garten meine Ruhe habe. Bringen Sie das Ihren Kindern endlich bei.«
»Na hören Sie mal!«, blaffte ich zurück. »Woher wissen Sie denn, dass das meine Kinder waren?«
Thekla musterte mich aus kalten Spinnenaugen. »Wer soll es sonst gewesen sein?«
»Wenn Sie so fragen: Jeder hätte einen Grund dazu!«
Sie schnappte nach Luft. »Das ist eine Frechheit! Das lasse ich mir nicht bieten! Wenn überhaupt, kommen nur Kinder auf so eine idiotische Idee!«
»Sie können uns gar nichts beweisen!«
»Ich sage Ihnen eins: Wenn das noch einmal passiert, rufe ich die Polizei. Und …«, sie hackte mit ihrem Hexenfinger in Richtung der Kinder, »schreit gefälligst nicht dauernd so herum. Dieser Lärm ist nicht zum Aushalten!«
Das war zu viel. »Was nicht zum Aushalten ist, ist der Lärm, den Sie veranstalten!«, schrie ich.
Doch Thekla ignorierte mich, hatte sich umgedreht und war erhobenen Hauptes davonstolziert.
Ich seufzte. »Kommt, lasst uns reingehen.«
Ich schloss den Kindern die Haustür auf, kehrte zum Wagen zurück und trug die Einkäufe ins Haus. Dort angekommen nahm ich mir meine drei Sprösslinge vor. »Ganz ehrlich: Wer von euch war das mit dem Ei?«
»Ich nicht, Mama, die spinnt doch! Die ist voll bescheuert!«, sagte mein zehnjähriger Sohn Ramón.
»Ich auch nicht – ich schwörʼs«, beteuerte Manuel, sein achtjähriger Bruder.
Meine Tochter Leonie, mit fünf Jahren die Jüngste, schüttelte den Kopf, dass ihre blonden Locken wippten. »Die ist eine blöde Kuh«, sagte sie trotzig.
»Also war es niemand.«
Einvernehmliches Nicken.
Wer Kinder hat, der kennt ihn: NIEMAND. Fragt man, wer auf die brillante Idee kam, die Limonadenflasche im Tiefkühlschrank zu lagern, bis sie platzte, war es NIEMAND. Will man wissen, wer das Versteck mit den Süßigkeiten geplündert hat, war es NIEMAND. Und garantiert NIEMAND meldet sich, wenn man in die Runde fragt, wer den Tisch deckt oder den Müll rausträgt. Und da sich kein Schuldiger in der Eiersache feststellen ließ, bekamen meine Kinder und NIEMAND eine Generalstandpauke.
Die drei verzogen sich in das Kinderzimmer und ich schaltete die Kaffeemaschine ein. In diesem Moment heulte die E-Gitarre erneut auf. Seufzend ließ ich mich auf einen Küchenstuhl sinken und sah aus dem Fenster. Die Sonne strahlte, mitten im März schien aus heiterem Himmel der Frühling einzukehren. Es war ein herrlicher Tag, doch Thekla hatte mir gründlich die Laune verdorben.
Solche Kleinkriege waren beinah an der Tagesordnung, sodass mein Mann und ich schon länger über einen Umzug nachdachten. Die Nachbarn trieben uns in den Wahnsinn: Theodor und Thekla, die sich aufspielten, als lebten sie allein auf dieser Welt. Und ein pensionierter Lehrer an der anderen Grundstücksseite, der es als seine Aufgabe ansah, als Dauernörgler die Einhaltung des geltenden Nachbarschaftsrechts zu überwachen. Er protokollierte, wie lange wir mit unseren Gästen auf der Terrasse saßen und zögerte nicht, die Polizei zu rufen und Anzeige wegen Ruhestörung zu erstatten, wenn wir nicht auf die Minute zur vorgeschriebenen Nachtruhe im Haus verschwanden. Er hielt seinen Rasen akkurat in Schach, die Hecke im exakten Grenzabstand wirkte wie auf dem Reißbrett entworfen. Kein Zweig wuchs wild. Kein Grashalm war zu lang. Alles hatte seine Ordnung.
Es war erst eine Woche her, da hatte ich ihn vom Fenster des Kinderzimmers aus erblickt, wie er auf der Gartenleiter gestanden und mit einer Astschere Teile unseres Kirschbaumes gekappt hatte, der dicht an der nachbarschaftlichen Grenze wuchs. Gerade sank schwerfällig ein Ast neben seiner Leiter auf den Boden. Seine Antwort, als ich den Nachbarn dann zur Rede stellte? Unser Wildwuchs verschatte ihm alles und müsse einmal ordentlich gestutzt werden. Außerdem solle ich ihm dankbar sein. Wütend war ich zum Joggen aufgebrochen, und als ich zurückgekehrt war, hatte der arme Baum ausgesehen wie ein einseitig geschorenes Schaf. Dieser Nachbar hatte an allem etwas auszusetzen, nur nicht am Lärm, den Theodor und Thekla veranstalteten. Vermutlich lag das daran, dass er fast taub war.
Wenigstens gab es unter den Nachbarn noch Oma Liese: Sie herzte unsere Kinder jedes Mal, wenn sie den Weg durch ihren Garten nahmen – eine Abkürzung zur Schule und zum Kindergarten.
Ich drückte den Knopf der Maschine, die einen Kaffee in die Tasse fauchte, und fing an, die Einkäufe in den Küchenschränken zu verstauen. Plötzlich: ein Poltern, ein Schrei. Ich ließ alles stehen und rannte die Treppe nach oben in das Kinderzimmer.
»Mama, die Polizisten haben meine Piraten verhaftet!«, rief mir Manuel entgegen, der in der Ecke des Zimmers saß und eines seiner Piratenschiffe fest umklammert hielt, auf das seine Tränen tropften. »Die Polizisten geben sie nicht mehr frei!«
Die verhaftete Piratenbande war mit Paketband am Bettpfosten fixiert. Ramón war eben dabei, trotzig die Kommandozentrale der Polizei aufzubauen, die offenbar durch einen Tritt seines Bruders bei der gescheiterten Befreiungsaktion verwüstet worden war.
»Was ist los?«, fragte ich ihn. »Warum sind die Piraten gefangen?«
»Die haben die Polizeistation überfallen! Einfach so!«
Ich seufzte. »Gib sie bitte wieder frei. Du siehst doch, dass dein Bruder weint!«
»Mir doch egal! Der ist selber schuld.«
»Und wenn ich dir helfe, alles wieder aufzubauen?« Ich kniete mich nieder und half ihm dabei, die Gefängniszelle neben der ausbruchsicheren Mauer festzustecken, in der ich außer einem schwerbewaffneten Polizisten mit Vollbart noch mehr inhaftierte Piraten fand.
Widerwillig gab mein Sohn nach. Er zog die Bastelschere aus dem Schulmäppchen, schnitt die Klebefesseln der Piraten mit einem Ruck durch und warf die befreiten Geiseln seinem Bruder vor die Füße. Mit »Ich will endlich ein eigenes Zimmer!« polterte er die Treppe hinunter und ließ die Haustür krachend ins Schloss fallen.
Manuel hockte noch immer schluchzend in der Ecke und knibbelte mit seinen Fingern das Paketband von den Figuren ab.
»Weißt du was?«, sagte ich. »Komm mit ins Wohnzimmer. Dort kannst du in Ruhe spielen.«
Er nickte, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen von der Wange und lud die Mannschaft auf das Schiff. Dann schipperte ich die Passagiere treppab in das Erdgeschoss, wo Manuel neben dem Sessel den feuerspeienden Vulkan aufbaute und die Akteure in der Landschaft verteilte, denen Leonie wenig später mit ihrem Puppengeschirr einen imaginären Brei in die Münder schaufelte. Der zornige Bruder war inzwischen zurückgekehrt und hatte sich schmollend im Kinderzimmer verbarrikadiert.
Am Abend kam mein Mann von der Arbeit heim. Ich lag auf dem Sofa, trank einen Tee und hing meinen Gedanken nach. Mit einem Mal schepperte es, ich fuhr erschrocken hoch.
»Verdammt!«, schimpfte mein Mann.
Er war über den Vulkan gestolpert und hatte dabei die Piraten durch das Wohnzimmer gekickt, die, zur Nachtruhe gebettet, unter einem Geschirrtuch geschlafen hatten.
»Können die Kinder nicht oben spielen?«, knurrte er und ließ sich auf das Sofa fallen, wo er die Socke auszog und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Zehen rieb.
Ich setzte mich auf. »Du weißt genau, dass ein Zimmer zu wenig ist für drei Kinder. Wie soll das auf Dauer funktionieren?«
Mein Mann winkte ab. »Ich weiß es doch auch nicht.«
»Ich schon. Ich will, dass wir umziehen.«
Mein Mann sah mich an. »Das haben wir so oft diskutiert.«
»Genau. Und jedes Mal hatten wir die Hoffnung, dass es endlich besser werden würde. Wird es aber nie. Mir reicht es. Ich halte das nicht mehr aus hier. Ärger mit Theodor und Thekla gab es heute auch wieder. Es hat keinen Sinn, mit denen zu sprechen. Egal, was wir sagen, die hören nicht einmal zu. Ich kann sie nicht mehr ertragen. Und ich will auch nicht mehr.«
Während ich ihm von den Vorfällen des Tages berichtete, zog mein Mann die Socke wieder an und lehnte sich auf dem Sofa zurück.
»Vielleicht sollten wir einen Schlussstrich ziehen, bevor alles noch schlimmer wird«, sagte er. »Ich habe keine Lust auf Anwälte.«
»Und ich habe keine Lust mehr auf diese ständigen Streitereien der Kinder. Wir haben ein Platzproblem, ein gewaltiges sogar. Es wird Zeit, dass jedes Kind ein eigenes Zimmer bekommt.«
»Wir können uns ja mal umsehen, was es so an Häusern gibt«, sprach mein Mann, erhob sich, gab mir einen Kuss und humpelte mit »Ich geh nach oben, muss noch was arbeiten« die Treppe hoch.
Ich ging nach draußen auf die Terrasse, wo ich auf der Gartenbank in der Abenddämmerung dem Sonnenuntergang zusah. Da bemerkte ich eine Elster, die ein Ei von einer Gartenmauer stibitze – genauso eines, wie es Thekla mir unter die Nase gehalten hatte. Die Elster flog in den Himmel und ließ das Ei fallen, bevor sie herabstürzte und es erneut in den Schnabel nahm. Das wiederholte sie ein paar Mal, bis es krachend neben mir auf der Terrasse landete, zum Rasen kullerte und schließlich dort liegen blieb.
Die Elster gab ihr Spiel auf. Laut schnarrend flog sie in den Abendhimmel davon.
Der Floh im Ohr
Seelbruch ist ein bescheidenes Dorf im Oberrheingraben. Entlang der Ackerflächen führt eine Straße hakenschlagend in den Ort hinein, hindurch und ebenso wieder hinaus, um nach zwei Biegungen abrupt vor dem Ufer des Rheins zu enden. Das Ausland, wie die Hiesigen den Landstrich auf der anderen Seite des Stromes nennen, erreicht man mit der Fähre oder einige Kilometer entfernt über eine Brücke, die zu den Pendlerzeiten chronisch verstopft ist – noch mehr, wenn sie monatelang saniert wird.
Seelbruch hatte sich vor acht Jahren für uns entschieden, als mein Mann eine Stelle auf der ausländischen Rheinseite gefunden hatte und wir wenig später eine Bleibe für unsere junge Familie auf dieser, zum Wohnen günstigeren Seite des Flusses: ein Haus aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts, mit Renovierungsstau, aber einer Menge Potenzial. Seitdem wir hier lebten, versuchten wir, den Status der Zugezogenen abzulegen und uns harmonisch in die Dorfgemeinschaft einzufügen, was – wenn es je gelingt – schon mal einige Generationen dauern kann. Solch zarte Bande gibt man nicht leicht auf, vor allem dann nicht, wenn man Kinder hat, die mit ihren Freunden im Dorf aufwachsen und für die es ihre Heimat ist. Für uns stand fest: Wir wollten in Seelbruch bleiben.
In den folgenden Tagen begab ich mich auf die Suche nach einem neuen Zuhause für unsere Familie, fragte die Nachbarn, stöberte in Zeitungen und durchsuchte im Internet unzählige Immobilienportale und Webseiten von Maklern.
Das Angebot war ernüchternd. Nach den ersten Besichtigungen waren mein Mann und ich entsetzt, was Interessenten auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf alles zugemutet wurde: Sämtliche Behausungen lagen verkehrsUNgünstig. Sie kamen gebrechlich und elend daher und verströmten muffig ihre prähistorische Aura. Die Elektroanlagen waren marode, Fensterrahmen wurmstichig. Bäder in moosgrün oder gar grellorange sowie Deckentäfelungen in dunkler Eiche begleiteten unsere Suche ebenso wie verschlissene Tapeten mit Rauten. Klapprige Türen gaben sich ein Stelldichein mit bröckelnder Fassade, Fußbodenbeläge mit fleckenresistenten Mustern bildeten eine Allianz mit antiquierten Rippen-Heizkörpern. Energetisch dümpelten alle Objekte jenseits der Energieeffizienzklasse H herum, sodass findigen Maklern nichts anderes übrig blieb, als Interessenten mit dem enormen Potenzial zu umgarnen, als ideal für Handwerker. Sie lockten mit der idyllischen Lage, mit nahen Wanderwegen in der Natur sowie mit der Nähe zur Praxis des Allgemeinarztes. Dass in der Praxis längst kein Arzt mehr praktizierte, wurde geflissentlich verschwiegen.
»Die spinnen! Wahrscheinlich suchen die alle schon seit Jahren nach einem Käufer für diese schäbigen Bruchbuden! Die will doch keiner haben – und schon gar nicht zu den Preisen!«, regte sich mein Mann einige Tage später auf, als er auf dem Rückweg von der Arbeit eine weitere Besichtigung hinter sich gebracht hatte.
Ich saß mit meiner besten Freundin Paula am Küchentisch, wo wir uns die nächste Runde Aperol Spritz zusammenmixten, wobei sich das Mischverhältnis zunehmend von Spritz in Richtung Aperol verschob.
»Wenn wir eine von diesen Hütten kaufen, fangen wir wieder bei null an und renovieren jahrelang herum«, schimpfte mein Mann und ließ sich auf einen Stuhl sinken.
Ich sah ihn nachdenklich an und nippte an meinem Glas. Er hatte recht. In den letzten Jahren hatten wir unser Haus aufwendig renoviert und uns ein gemütliches Heim geschaffen. Wir hatten nicht nur die dunkle Deckenverkleidung rausgerissen und alle Wände tapeziert und gestrichen, wir hatten auch den Parkettboden abgeschliffen, frisch geölt und in den übrigen Räumen neue Fliesen kleben lassen. Den Bädern hatten wir eine Verjüngungskur gegönnt und der Treppe Stufen aus kanadischem Ahorn. Doch nicht nur das: Inzwischen sammelte eine Solaranlage auf dem Dach die Sonnenenergie ein und speiste die Wärme zusammen mit dem wasserführenden Kaminofen in den Pufferspeicher im Keller ein. Kurz: Unser Heim war kein Vergleich mehr zu dem, das wir vor Jahren übernommen hatten. Wenigstens stünden damit die Chancen, es zu einem attraktiven Preis zu verkaufen, nicht schlecht.
»Ischelf euch beim renoviern.« Paula nahm einen gierigen Schluck aus ihrem Glas und stellte es wieder ab. »Wände streichn gannich ssso schwer sssein.«
»Du, lass mal lieber«, bremste ich ihren Eifer aus. »Ich habe auch keine Lust mehr auf Handwerker, Staub und Lärm. Wenn wir umziehen, soll diesmal alles fertig sein.«
»Aber was sollen wir dann machen?«, seufzte mein Mann. »Was wir suchen, ist nicht aufzutreiben, zumindest nicht, wenn wir hier im Dorf bleiben wollen.«
Gedankenversunken stapelte ich die Bausteine auf der Tischplatte übereinander, die die Kinder hier liegengelassen hatten. Da kam mir eine Idee. »Und wenn wir bauen?«
»Du sbinnscht«, platzte Paula heraus, überzeugte Mieterin, die die Spießigkeit der Häuslebauer, ja jeglichen Besitz generell verabscheute und als Imponiergehabe abtat.
Auch mein Mann schien nicht begeistert zu sein. Er schüttelte den Kopf. »Ne. Nicht mit mir. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie stressig Bauen sein kann?«
»So schwer kann das nicht sein. Das haben andere auch schon geschafft!«
»Vergiss es. Ein Hausbau ist ein gewaltiges Projekt, das kostet Zeit, Nerven und einen Haufen Geld. Und es geht immer etwas schief.«
»Vielleicht ist es ja nicht so schlimm«, widersprach ich. Sprangen in der Werbung nicht immer Häuslebauer vor der Kamera herum, die ihr Glück kaum fassen konnten, während Kind und Hund auf dem frischgrünen Rasen herumtollten?
Für meinen Mann war das Thema abgehakt, er schlurfte zum Sofa und machte es sich vor dem Fernseher gemütlich.
Paula leerte ihr Glas in einem Zug. »Isch geh dannauch malll.« Sie fiel mir zum Abschied um den Hals und war wenig später weg.
Die Idee blieb. Ich fand sie großartig, von Anfang an.
In den nächsten Tagen ließ ich wiederholt Bemerkungen zum Thema fallen. »Schatzilein, wenn wir neu bauen, müssen wir nicht mehr hinnehmen, was andere an unserem Geschmack vorbeigebaut haben. Dann können wir alles genauso machen, wie wir es wollen.«
Mein Mann nickte, aber er sagte nichts.
Hatten sich unsere Jungs einen erbitterten Kampf geliefert und schworen beide trotzig, nie, wirklich nie wieder miteinander zu spielen, sprach ich zu meinem Mann: »In einem neuen Haus hätte jedes Kind ein eigenes Zimmer und diese Streitereien wären endlich vorbei.«
Mein Mann sagte nichts.
»Außerdem wären wir Theodor und Thekla los, wenn wir umziehen. Wäre das nicht schön?«
Mein Mann nickte. Ein wenig. Er brauchte länger, um sich mit der Idee anzufreunden. Die Vorstellung musste erst reifen – wie guter Wein, oder wie guter Käse.
Als an einem dieser Tage der Heizöllaster davondonnerte und mein Mann sich mit der Rechnung in der Hand die Haare raufte, sagte ich: »Stell dir einmal vor, wie viel Energie wir mit einem Neubau sparen könnten.«
»Vielleicht«, sprach mein Mann und seine Augen leuchteten.
Energiesparen – das musste das Zauberwort gewesen sein. Und so kam er wenige Tage später selbst auf das Thema zu sprechen. »Hast du schon von intelligenter Haussteuerung gehört? Das ist eine ganz feine Sache. Und falls wir tatsächlich jemals bauen, brauchen wir eine Wärmerückgewinnung mit kontrollierter Frischluftzufuhr. Und auf das Dach gehört eine ordentliche Solaranlage. Alles auf dem neuesten Stand der Technik.«
Er hatte angebissen.
»Du hast recht«, sagte ich, denn recht geben ist strategisch immer gut. »Energetisch kann man bestimmt ganz tolle Sachen machen.«
Mein Mann nickte und strahlte.
Auf das Schönreden folgte das Schönrechnen. In den nächsten Tagen listeten wir in einer Excel-Tabelle die Kosten auf, bis wir zu dem Ergebnis kamen, dass ein Neubau sogar günstiger wäre als der Kauf und die Renovierung eines gebrauchten Hauses.
Damit stand unser Entschluss fest: Wir bauen. Keiner ahnte, dass es ein Haus aus Stolpersteinen werden würde.
Beamte haben es nicht leicht
Wer ein Stück Land sein Eigen nennen und sich häuslich niederlassen möchte, hat drei Möglichkeiten:
Nummer eins:
Er erkundigt sich bei der Gemeinde oder der Stadt, dort gibt man bisweilen Bauland frei. Haben die Vorbesitzer mehr oder weniger freiwillig das Feld geräumt und stehen dem Vorhaben keine Wanderpfade einer Europäischen Schaufelfußkröte oder Einflugschneisen eines reviertreuen Storchenpaares im Weg, wird erschlossen und verkauft.
Nummer zwei:
Er kontaktiert Makler, hört sich in der Nachbarschaft um und durchkämmt das Wochenblatt in der Hoffnung, einen Glückstreffer, also eine Liegenschaft in Traumlage und zum Traumpreis zu ergattern.
Nummer drei:
Er ist ein Einheimischer, dessen Vorfahren seit Beginn der Besiedlung während der Bronzezeit an diesem Ort leben und der in die regionalen Seilschaften verstrickt ist. Engagiert er sich obendrein im örtlichen Karnevalsverein, bei den Freitagswürflern und im Förderkreis für Heimatpflege, gibt es für ihn Land im vereinfachten Vergabeverfahren und mit Klüngelbonus.
Wir waren Zugezogene, der Härtefall sozusagen; für uns kamen nur die ersten beiden Möglichkeiten in Betracht.
Bei Maklern hatten wir keinen Erfolg. Das Angebot im Wochenblatt war lausig. Und der private Erwerb freier Baulücken im Ort scheiterte daran, dass Hiesige niemals Grund und Boden hergeben. Im Gegenteil: Wo sich eine Chance ergibt, kauft man dazu, für sich selbst oder für den Nachwuchs, um damit den Einheimischenstatus kommender Generationen zu sichern und um schon heute zu wissen, wo die Kinder und die Kindeskinder künftig ihre Unterhosen auf der Wäscheleine flattern lassen werden.
Uns interessierte ein Neubaugebiet am Rand von Seelbruch, und so steuerte ich wenige Tage später das Bauamt der Gemeinde an, um das Angebot zu sondieren.
Das heruntergekommene Fachwerkhaus, das die Baubeamten beherbergte, war winzig und windschief. Mich beschlich ein beklemmendes Gefühl, als das massive Eichenportal hinter mir ins Schloss fiel. Ich fand mich in einem düsteren Treppenhaus wieder, in dem eine weitere Tür in einen dahinterliegenden Flur führte. Dort wurden Kopierer und Aktenschränke von unzähligen Kartons belagert, sodass an ein Durchkommen nur zu denken war, wenn man seinen BMI im Griff hatte. Zwischen den Kartonbergen gingen Türen ab, die allesamt offenstanden.
Vielleicht würde die bedrückende Atmosphäre den zuständigen Sachbearbeiter dazu bewegen, aus der eigenen Zwangslage heraus jedes Neubauvorhaben als Zukunftsvision turbobeschleunigt zu bearbeiten, dachte ich mir und betrat entschlossen den ersten Raum zu meiner Rechten.
»Einen wunderschönen guten Morgen, die Herren«, rief ich. »Wo kann ich hier ein Grundstück kaufen?«
Zwei Mitarbeiter saßen links und rechts an einem Schreibtisch vor flimmernden Monitorklötzen aus dem letzten Jahrhundert und gafften mich an, als wäre ich ein plattgefahrenes Tier.
»Ich möchte wissen, wo es in Seelbruch freie Bauplätze gibt und was ich tun muss, um einen davon käuflich zu erwerben«, versuchte ich es erneut.
Immer noch keine Regung. Mein Auftauchen hatte sie offenbar völlig überrumpelt. Waren die beiden taubstumm? Oder nur Dekoration?
»Hier – bei mir«, vernahm ich eine Stimme aus dem Off, besser gesagt, von der anderen Seite des Flures.
Ich verließ das Büro, betrat die gegenüberliegende Amtsstube und erblickte im fahlen Licht zwischen Aktenstapeln und Ordnerbergen einen gramgebeugten Mann mit einem Walrossschnauzer.
»Sehr schön«, freute ich mich über das unverhoffte Entgegenkommen, erwiderte einen schlaffen Händedruck und ließ mich auf dem wurmstichigen Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch nieder. »Mein Mann und ich wollen einen Bauplatz in Seelbruch kaufen. Ich nehme ihn gleich mit, am Stück, nicht in Scheiben. Und packen Sie ihn mir bitte ein«, versuchte ich, mit einem Scherz die trostlose Atmosphäre aufzulockern.
Der absolut humorresistente Herr ging jedoch nicht auf meine Bemerkung ein, offenbar hatte ich eine komplett spaßfreie Zone betreten.
»Das ist nicht so einfach, wie Sie denken«, brummte er nur.
Warum es nicht einfach sei, verriet er mir nicht, sondern verschwand wortlos durch eine offenstehende Nebentür.
Ich saß da, wartete, nichts geschah. Von irgendwoher vernahm ich das Rascheln von Papier und ein herzhaftes Gähnen. Ich nutzte die Gelegenheit, um etwas Licht in das Dunkel dieses Raumes zu bringen und zog einen Holzrollladen ein Stück nach oben, dessen alte Lamellen dabei störrisch ächzten. Doch was ich dann erblickte, war auch nicht besser: Das Zimmer machte einen total abgestimmten Eindruck: Die aluminiumgrauen Aktenschränke passten farblich zu den zementgrauen Wänden und wurden nur von den staubgrauen Vorhängen getoppt, was in dem Fall aber auch am mangelnden Budget für das Reinigungspersonal liegen konnte. An einer freien Wand hing der Kunstdruck eines abstrakten Gemäldes, offenbar von einem Künstler mit posttraumatischer Belastungsstörung gemalt, der der Welt sein Innerstes hatte präsentieren wollen, während er sich in einer ausgeprägten depressiven Stimmung mit Suizidabsicht befand und so schnell keinen Termin bei einem Therapeuten bekommen hatte. Schwarzgraue Farbschlieren rangen verzweifelt miteinander auf der Flucht vor einer blutroten Lache aus aggressivem Gemetzel in der Mitte des Bildes. Dieses Seelengemälde war vermutlich das einzige Aufregende zwischen diesen vier Wänden. Fast tat mir der zuständige Beamte leid. Da war er schon zurück.
Er schob auf dem Schreibtisch mehrere Aktenstapel zur Seite, die bedrohlich schwankten und zu kollabieren drohten, faltete dann umständlich einen Plan auseinander und breitete ihn zwischen den Aktenbergen aus.
»Wir bieten noch zwei günstige Bauplätze in Jöhlsmoor und in Hinterschluffenhausen an. Wäre das etwas für Sie?«
Ich wollte mich mit meiner Familie weder in Jöhlsmoor noch in Hinterschluffenhausen niederlassen, winzige Käffer mitten in der Pampa, dreißig Kühe, drei Einwohner, null Geschäfte.
»Eigentlich nicht«, lehnte ich das Angebot daher höflich ab. »Für uns kommt nur Seelbruch infrage.«
Der Beamte seufzte und entfaltete umständlich den zweiten Plan.
»Hier ist das neue Baugebiet in Seelbruch. Und hier …«, er hackte mit seinem dünnen Zeigefinger auf das Papier ein, »hier sehen Sie die letzten freien Bauplätze.«
Wir beugten uns gemeinsam über die Zeichnung. Eines dieser Rechtecke gefiel mir spontan am besten: ein Eckbauplatz mit Südausrichtung, an zwei Seiten mit echten Nachbarn, an zwei Seiten mit echter Natur. Über sechshundert Quadratmeter maß er, verriet der Plan. Damit war er deutlich größer als die heutzutage üblichen Parzellen, wo Bauherren das Haus meist so in ein schmales Baufenster hineinquetschen, dass sie zwangsläufig am Leben ihrer Nachbarn teilhaben und immer im Bilde sind, wann diese den Kühlschrank leer futtern, welche Horrorfilme sie sehen und welche Nachtwäsche sie tragen.
»Wenn Sie sich für ein Grundstück interessieren, müssen Sie ein Bewerbungsformular ausfüllen«, riss mich der Baubeamte aus meinen Gedanken und sah mich streng an. »Aber das ist nicht so einfach. Die Vergabe erfolgt mit einem Punktesystem. Das heißt, bei mehreren Bewerbern erhält der mit der höchsten Punktzahl den Zuschlag.«
»Was spielt alles eine Rolle?« Punkte. Wettbewerb. Meine Gier war geweckt.
»Zum Beispiel, wie viele Kinder Sie haben und ob Sie verheiratet sind.«
Mein Innerstes jubelte. Meine drei Kinder waren deutlich mehr als das eineinhalbe Kind, das eine Durchschnittsdeutsche statistisch zur Welt brachte. Und verheiratet war ich mit meinem Mann auch.
»Außerdem zählt, wie lange Sie in Seelbruch wohnen und ob Sie bereits Wohneigentum besitzen.«
Mein Innerstes kollabierte augenblicklich. Wir waren Eigenheimbesitzer, aber unser Aufenthalt in der Gemeinde beschränkte sich zu diesem Zeitpunkt auf knapp acht Jahre, was in der Zeitrechnung eines Einheimischen ein Witz war.
»Gibt es denn noch andere Bewerber?«, erkundigte ich mich in der Hoffnung, dass wir die einzigen Interessenten wären.
»Ja, die gibt es. Und nicht nur einen.« Er hackte mit dem Finger erneut auf den Plan ein, und zwar genau auf das Rechteck, das spontan meine Sympathie gewonnen hatte. »Für diesen Bauplatz gibt es sogar schon zwei Bewerber.«
Mein kollabiertes Innerstes blieb am Boden liegen.
»Für welchen Platz interessieren Sie sich denn am meisten?«
Ich tippte mit meinem Finger auf die Stelle des Planes, auf die noch wenige Augenblicke zuvor sein Finger niedergesaust war.
»Das ist lustig«, entgegnete er, lachte aber trotzdem nicht, sondern legte seine Beamtenstirn in Falten und kratzte sich am Bart. »Da bewirbt sich monatelang niemand, und nun sind es gleich drei auf einmal. Das können Sie vergessen. Da haben Sie keine Chance.«
Was für ein charmanter Zeitgenosse! Ich spürte, wie meine Zuversicht zu einem schwarzen Loch implodierte. Sollte unser Traum vom Eigenheim so schnell zerplatzen? Ich beschloss, den Gedanken zu verwerfen und mich nicht unterkriegen zu lassen. Möglicherweise sprangen die anderen noch ab. Oder wir gewannen das Punkterennen mit der Kinderzahl.
»Ach ja – ob Sie den Bauplatz, für den Sie sich bewerben, überhaupt bekommen, entscheidet der Gemeinderat in seiner nächsten Sitzung.«
Reichten die Punkte denn nicht aus, um zu gewinnen? »Und wann findet die nächste Sitzung statt?«
»Die letzte war erst vor zwei Tagen. Das kann also noch dauern, zumal die Osterfeiertage dazwischenliegen. Wenn Sie den Antrag jetzt stellen, wird in etwa sechs Wochen darüber entschieden werden.«
Sechs Wochen? Das ist eine lange Zeit. Ich bin ein spontaner Typ. Wenn ich etwas will, dann sofort und nicht Wochen oder Monate später.
Der Beamte erhob sich und kramte im Aktenschrank an der Rückwand herum. »Ich gebe Ihnen ein paar Unterlagen mit. Sie können sich dann alles in Ruhe überlegen.«
Während er wühlte, sortierte, lochte und tackerte, fiel mir noch etwas ein. »Gibt es bei diesem Bauplatz irgendetwas, das wir wissen oder beachten sollten?«
»Ja, schon. Warten Sie, ich suche es heraus«, sagte er, zog einen Ordner aus dem Regal und blätterte in den Seiten.
»Hier – da ist es. Aber das betrifft nicht das Grundstück, für das Sie sich interessieren. Auf dem Nachbargrundstück verläuft entlang der Grenzlinie eine Verrohrung. Dort darf auf einer Breite von drei Metern nicht gebaut werden. Die Gemeinde erhält außerdem ein dauerhaftes Geh- und Fahrrecht, muss also jederzeit dran können. Tiefwurzelnde Sträucher oder sogar Bäume dürfen hier nicht gepflanzt werden.«
Das fehlte noch, dass in zwanzig oder dreißig Jahren ein Bagger durch meinen hübsch angelegten und eingewachsenen Garten pflügt, die Blut-Berberitze, die Männertreu und den Langhaarigen Gebirgs-Thymian zunichtemacht, nur um ein schäbiges gemeindeeigenes Entwässerungsrohr zu reparieren. Gut, dass das ein anderes Grundstück betraf, dachte ich.
»Und ein Bodengutachten?«, fragte ich ihn. »Gibt es das?«
Er winkte ab. »Ich glaube nicht. Wenn es das gibt, dann höchstens im Archiv. Wenn Sie wollen, kann ich danach suchen lassen und Sie informieren, falls wir eins finden.«
»Tun Sie das.« Ich erhob mich. »Wir werden die Anträge zügig ausfüllen. Melden Sie sich, wenn wir die Zusage haben?«
»Die Zusage? Ha ha ha.« Diesmal lachte er doch. »Wir werden Sie benachrichtigen, wenn der Gemeinderat eine Entscheidung getroffen hat.«
Ich nickte und drückte zum Abschied eine schlaffe Hand. Im Vorbeigehen schenkte ich dem immer noch glotzenden Beamtenduo im Nachbarzimmer ein mitleidiges Lächeln und verließ mit einer Kopie der Vergaberichtlinien, den Verkaufsbedingungen und einem Auszug aus dem Bebauungsplan das beklemmende Etablissement in die Freiheit nach draußen.
Straßenbegleitbegrünungsvorschriften
Am darauffolgenden Sonntag hatten mein Mann und ich endlich Zeit, uns in die Unterlagen des Bauamtes zu vertiefen. Draußen tobte ein Unwetter und klatschte schweren Eismatsch an die Scheiben und auf die ersten Krokusse im Blumenkasten auf der Fensterbank. Wir machten es uns im Bett bequem, umringt von Plänen, Vorschriften und Richtlinien.
Ich vergrub mich im Daunenberg und lauschte meinem Mann, der sich die Bebauungsvorschriften vorgenommen hatte.
»Tankstellen sind nicht erlaubt, Sporteinrichtungen auch nicht, und Kirchen schon gar nicht.«
»Wie schade, eine Kirche wäre doch mal was.« Ich lachte, nippte am Cappuccino und wischte mir mit dem Handrücken den Schaum vom Mund.
Mein Mann deutete mit dem Zeigefinger auf das Papier. »Hier, hör mal: ›Die die Straße säumende Straßenbegleitbegrünung ist mit standortgerechten Laubbäumen vorzunehmen‹, steht da.« Er blätterte eine Seite weiter. »Dieser Grünordnungsplan hier scheint genau vorzuschreiben, was die Art, Zahl und die Größe der Bäume und Sträucher angeht, die zu pflanzen sind.«
Ich lachte. »Na, zum Glück reichen die Pflanzvorschriften nicht noch bis zu den Stiefmütterchen und zur Kräuterschnecke. So viel Freiraum lässt man den Häuslebauern und Gartenanlegern dann doch.«
Während ich mich noch amüsierte, las mein Mann weiter. Ich vernahm Begriffe wie Grundflächenzahl, Anzahl der Vollgeschosse und Traufhöhe.
»Traufhöhe? Was soll das sein?«, hakte ich nach.
»Warte, das kann ich dir gleich sagen.« Mein Mann zückte sein Smartphone, wischte und tippte darauf herum: »Hier steht es: ›Die Traufhöhe ist das Maß zwischen der Bezugshöhe und dem Schnittpunkt der Außenwand mit der Oberkante der Dachhaut, das senkrecht an der Außenwand gemessen wird.‹ Alles klar?«
»Hat ein Dach eine Haut? Das steht den ganzen Tag in der prallen Sonne!«, sagte ich. »Und schreiben die einem mit dieser Bezugshöhe etwa vor, in welcher Etage die Möbelleute alles ins Haus schleppen?«
Mein Mann verdrehte die Augen. »Blödsinn. Die Bezugshöhe ist die Höhe der Häuser. Das muss schon festgelegt werden, damit nicht jeder so baut, wie es ihm gerade passt.« Er blätterte weiter, las stumm und stutzte. »Hier steht, irgendein Bezugspunkt wäre OK Straße.« Dabei zog er das Okay und die Straße deutlich in die Länge.
Mir war nicht klar, warum in diesem Behördenpapier nicht nur ein grammatikalischer Schnitzer enthalten war, sondern vor allem, warum eine so laxe Sprache verwendet und ein gewisser Bezugspunkt salopp mit Okay durchgewunken wurde.
Mein Mann legte den Papierstapel neben seinem Bett auf den Boden und wir beugten uns gemeinsam über den zeichnerischen Teil der Bauvorschriften. Der Plan schrieb die Firstrichtung der Dächer vor, deren Neigungswinkel und die Lage und Größe der Baufenster. Es gab Linien, an die gebaut werden durfte, und andere, an die gebaut werden musste. Außerdem wurde eine offene Bauweise angeordnet, wobei mir fraglich schien, was offen im Zusammenhang mit Häusern bedeutete: Entweder hatte ein Haus Wände und ein Dach oder eben nicht.
Ich ließ das alles auf mich wirken, ohne recht zu wissen, was im Einzelnen damit gemeint war. Die Vorgaben klangen restriktiv, aber realisierbar.
Mein Mann schwang die Beine aus dem Bett und trottete in Richtung Küche. Als er wenig später mit der nächsten Runde Kaffee zurückkehrte, sich in seine Kissen zurücksinken ließ und Milchschaum schlürfte, schnappte ich mir die Vergaberichtlinien.
»Die wollen da scheinbar nicht jeden haben. ›Grundsätzlich werden die Baugrundstücke nur an Seelbrucher Bürger verkauft, die hier seit mindestens fünf Jahren ihren Hauptwohnsitz haben. Auch Auswärtige haben eine Chance, wenn sie vorher längere Zeit in Seelbruch gewohnt und ihre Beziehung zum Ort nicht abgebrochen haben.‹ Was soll das wieder heißen? Wie halte ich meine Beziehungen zum Ort aufrecht, wenn ich nicht mehr hier wohne?«
Mein Mann lachte herzhaft. »Du musst dem Bürgermeister jedes Jahr ein Urlaubskärtchen aus Mallorca schicken. Oder du lässt dich einmal im Jahr blicken und bringst dich beim Maibaumstellen aktiv ins Gemeindeleben ein, indem du den Bierumsatz steigerst.«
»Kein Problem«, sagte ich und lachte. »Hier steht außerdem, dass zwei Jahre nach der Beurkundung mit dem Bau begonnen werden muss, und zwei Jahre später soll das Haus bezugsfertig sein. Wer sich nicht daran hält, muss das Grundstück an die Gemeinde zurückgeben. Die Kosten trägt der Käufer.«
Das war streng. Damals wussten wir nicht, dass diese Vorschrift nur für Auswärtige galt und für diejenigen, die zu feige waren, sich darüber hinwegzusetzen, denn einige von Einheimischen erworbene Grundstücke waren auch Jahre nach dem Verkauf noch nicht bebaut worden. Wann man damit beginnen würde, stand in den Sternen – jedenfalls nicht in den Bauvorschriften.
Mein Mann leerte seine Tasse, stellte sie beiseite und ließ sich mit einem tiefen Seufzer in die Kissen zurücksinken. »Sei ehrlich: Sollen wir das wirklich durchziehen? Hier ist es doch auch nett. Sollen wir das alles, was wir hier geschaffen haben, einfach aufgeben?«
Ich traute meinen Ohren nicht. Er ging zurück auf Los. Jetzt galt es, diplomatisch vorzugehen, damit die Baupläne nicht schon an diesem Punkt scheiterten.
»Machen wir es doch so«, schlug ich vor. »Wir stellen den Antrag und warten ab, was passiert. Erhält ein anderer den Zuschlag, vergessen wir die ganze Sache. Und wenn wir gewinnen, haben wir bis zum Notartermin noch jede Möglichkeit, zurückzurudern«, winkte ich mit dem Hintertürchen.
In diesem Moment wummerten in der Nachbarschaft dumpfe Bässe los, dann setzte das Jammern eines Saxofons ein. Mein Mann verdrehte die Augen nach oben und seufzte schwer. »Also gut, ich bin dabei. Lass uns das machen.«
Das Unwetter hatte sich verzogen und so beschlossen wir, das Wunschgrundstück in Augenschein zu nehmen. Die durch den Lärm der Nachbarn erwachten Kinder parkten wir vor dem Fernseher, denn vorerst sollte niemand von unseren Plänen erfahren, nicht einmal sie.
Das Baugebiet schmiegte sich in T-Form an ein etwas älteres Wohngebiet und führte links und rechts in zwei Stichstraßen, die beidseitig von Bauplätzen gesäumt wurden. Unser favorisiertes Grundstück lag am Ende einer dieser Stichstraßen. Als ich dort stand, verliebte ich mich augenblicklich in dieses Fleckchen Erde. Die durch die Wolkenfetzen brechende Sonne ließ Regentropfen auf den Schilfröhrichten glitzern, die in den Wasserlachen ringsherum auf den Baugrundstücken gediehen. An einer Seite führte in weitem Bogen ein von mächtigen Eichen und Ahornbäumen gesäumter Asphaltweg entlang, auf dem ich in einiger Entfernung zwei Hunde mit ihrem Herrchen spazierenrennen sah. Über den Feldern schwebte Regendunst und von einer nahen Trauerweide klang das Flöten eines Sumpfrohrsängers herüber. Dieser Ort war perfekt zum Wohnen. Hier würde ich die nächsten Jahrzehnte meines Erdendaseins im Kreis meiner Lieben und in purer Glückseligkeit verbringen. Was gab es Schöneres.
»Nett«, sagte mein Mann und schaute in die Landschaft. Auch er war also begeistert.
Zurück in der Bestandsimmobilie füllten wir das Formular aus und zählten die Punkte zusammen. Hier die Liste:
⌂ Pro Aufenthaltsjahr im Dorf 1 Punkt: gesamt8
⌂ Jeder Mitbewerber (z.B. Ehepartner) 25 Punkte: gesamt25
⌂ Sind die Partner verheiratet 10 Punkte: gesamt10
⌂ Jedes minderjährige Kind im Haushalt 20 Punkte: gesamt60
Ergebnis: 103 Punkte
Die Fakten lagen auf dem Tisch, mehr war nicht drin. Es gab keine unehelichen Kinder, und das Geldköfferchen mit der Bestechungsmillion war gerade auch nicht zur Hand. Doch so übel war diese Punktzahl nicht.
Gleich am nächsten Morgen eilte ich zum Bauamt und warf den Antrag noch vor den regulären Öffnungszeiten in den Briefkasten. Nun hieß es warten. Und obwohl so viele Bewerber im Rennen waren, hoffte ich, bald Bauherrin zu sein.
Ich weiß etwas, was du nicht weißt
»Und?«
Ich stand an der Kasse des Lebensmittelladens und starrte die Kassiererin an, die mich als Zugezogene vorher nie eines Blickes gewürdigt, geschweige denn angesprochen hatte.
»Wie, und?«
»Erzähl mal.«
Was antwortet man auf so eine Frage? Die letzte Kotz-Durchfall-Welle der Kinder haben wir Gott sei Dank überstanden? Oder: Das mit meiner Affäre ist nur ein Gerücht?
»Wann gehtʼs los?«, beharrte die nicht kassierende Kassiererin, beugte sich vertraulich herüber und zwinkerte unbeholfen mit dem rechten Auge. »Na, wann ihr zu bauen anfangt.« Ihr Ton wurde ungeduldig.
»Äh …«
Ich war sprachlos. Keiner hatte von unseren Plänen erfahren, und das sollte auch so bleiben, solange wir die Zusage vom Bauamt nicht hatten. Ihre Frage konnte nur eines bedeuten: Mein Mann hatte geplaudert. Erster Unmut stieg in mir hoch, während ich hinter meinem Rücken vernahm, wie jemand verlangte, man solle eine zweite Kasse aufmachen. Das wunderte mich, da es nur eine gab.
Die Kassiererin verzog das Gesicht und hackte endlich den Preis für die Lasagne in die Tasten der Kasse. »Dreifuffzig«, murmelte sie, sichtlich enttäuscht, dass sie nicht mehr erfahren hatte.
Aber ich hatte mehr erfahren.
Beim Metzger lief es genauso, als ich das Hackfleisch für die Lasagne besorgen wollte.
»Naaaa …?«
Konnte denn kein Mensch im Dorf eine simple Frage stellen?
»Dreihundert Gramm gemischtes Hackfleisch, bitte«, sprach ich zu der Verkäuferin.
Die jedoch schien das nicht zu interessieren. Sie lehnte mit »Ich hab gehört, ihr wollt bauen?« ihren ausladenden Oberkörper auf die Glastheke, sodass die Vase, die darauf stand und an der an einigen dürren Zweigen Ostereier baumelten, bedrohlich schwankte.
»Ich weiß von nichts«, antwortete ich in dem Versuch, die Verbreitung des Gerüchtes zu stoppen, solange das überhaupt noch möglich wäre.
»Aber ihr habt doch den Bauplatz in der Rhein-Aue gekriegt, sagt der Fried-Jürgen.«
»Ach, der Fried-Jürgen!« Ich kannte weder den Fried noch den Jürgen. Aber die Neuigkeit war interessant.
»Genau der. Und die Inge hat mir gestern erzählt, dass ihr euer Haus schon verkauft habt.«
Auch das war mir neu.
»Wie viel habt ihr denn noch dafür gekriegt? Weißt du, mein Mann sagt immer: Jeden Morgen steht ein Depp auf, der den Preis für so eine alte Hütte bezahlt.«
Sie lachte. Ich lachte nicht. Endlich wurde ihr bewusst, dass sie sich verbal zu weit nach vorn gelehnt hatte. Ihre Gesichtszüge entgleisten, ihr Lachen erlosch. Dann klatschte sie einen Klumpen Hackfleisch auf einen Papierstreifen, wickelte ihn ein und reichte mir das Päckchen über die Theke.
»Dreifuffzig.«
Entweder war das heute der Einheitspreis oder ein Codewort für Insider.
Der Gemeinderat hatte uns also das Jawort gegeben. Wenn so viele davon wussten, musste etwas dran sein.
Kaum hatte ich die Metzgerei verlassen, rief ich meinen Lieblingssachbearbeiter beim Bauamt an. Nachdem es zehnmal geläutet hatte, ging der ans Telefon.
»Wir haben den Bauplatz? Ist das richtig?«
Er wusste gleich, wer in der Leitung war. »Ja, der Gemeinderat hat gestern in seiner nicht öffentlichen Sitzung beschlossen, dass Sie den Bauplatz haben können. Sie haben einen Punkt mehr als der nächste Mitbewerber.«
»Das ist wunderbar«, rief ich und vollführte einige Freudensprünge, ohne auf die skeptisch dreinblickenden Mitmenschen neben mir zu achten, die mit ihren Einkaufstaschen vorbeihasteten.
»Wir schicken Ihnen heute die Bestätigung raus, Sie sollten sie spätestens übermorgen in der Post haben. Die fehlenden Unterlagen holen Sie bitte in den nächsten Tagen hier im Bauamt ab. Inzwischen wird alles Weitere für den Notartermin vorbereitet.«
Der Sachbearbeiter wirkte heute fast euphorisch. War das eine große Amtshandlung für ihn? Oder hatte jemand seine Gardine gewaschen? Vielleicht hatte er einfach ein fröhlicheres Gemälde für seine triste Bürowand bekommen.
Da fiel mir etwas ein. »Aber was ist mit den übrigen Bewerbern?«
»Denen wird ein anderer, genauso schöner Bauplatz angeboten werden. Die müssen sich nicht noch einmal bewerben.«
Da war ich froh. Vor lauter Begeisterung vergaß ich zu fragen, wie es sein konnte, dass Entscheidungen des Gemeinderates in einer nicht öffentlichen Sitzung getroffen wurden und am nächsten Tag das halbe Dorf Bescheid wusste. Aber es war mir auch so klar: Direkt nach Sitzungsende wurden die engsten Verwandten informiert, was im Dorf praktisch die Hälfte der Einwohner war.
Kaum war das Gespräch beendet, rief ich meinen Mann an. »Schatz, wir haben es!«
Stille.
»Na, das Grundstück«, versuchte ich, ihm auf die Sprünge zu helfen und erwartete Jubel, wenigstens euphorisches Hmm-Sagen.
Nichts.
»Hallo … HALLO? Habe ich schon wieder kein Netz?«, brüllte ich mein Handy an und schüttelte es. Die Verbindung musste gekappt worden sein.
»Ich bin noch da. Wir haben die Zusage?«, fragte der Schatz, auf den meine Begeisterung nicht so recht überschwappte.
»Ja, es hat geklappt! Wir haben die Zusage! Aber du weißt ja: Bis zum Notartermin können wir immer noch zurückrudern und es uns anders überlegen!«, winkte ich erneut mit dem Hintertürchen, denn ich wollte unbedingt, dass sich dieser Schatz freute.
»Ja, das ist doch gut.«
Gut! Gut ist ein begrenzt aufregendes Wort, genauso wie nett. Wenn jemand nett ist, ist er weder interessant noch spitze, sondern akzeptabel, Durchschnitt, langweilig, gerade so in Ordnung. Und gut fiel in dieselbe Kategorie.
Ich ließ mir die Begeisterung nicht nehmen und lud meinen Mann spontan zum Abendessen bei unserem Lieblingsitaliener ein.
Jetzt, wo es eine Tatsache war, konnte ich nicht mehr an mich halten und beeilte mich, die Neuigkeit in der Welt zu verteilen, zumindest, soweit die Welt nicht ohnehin schon informiert war.
Die Reaktionen waren gemischt.
Meine Lieblingsnachbarin, Oma Liese, schüttelte verständnislos den Kopf, nachdem ich ihr von unserem Vorhaben erzählt hatte.
»Nein, Kinder. Warum wollt ihr euch das antun? Von dort aus ist es so weit bis zum Einkaufen, zur Bank und zum Arzt. Warum macht ihr das?«
Ich konnte sie verstehen. In ihrem Alter waren kurze Wege zu Geschäften und Ärzten wichtig. Und die Nachbarn um einen herum, die im Notfall einen Notarzt rufen konnten. Uns hingegen reizten die Lage und der Blick in die freie Natur, und für die fünfhundert Meter bis ins Dorf hatten wir Beine und Fahrräder.
Auch meine Eltern waren nicht angetan von unseren Plänen. Sie hatten selbst gebaut und zehrten noch von ihren Erfahrungen.
»Muss das wirklich sein?«, fragten sie. »Ihr habt so viel renoviert an eurem Haus. Es ist richtig schön geworden.«
Recht hatten sie.
»Und ein Neubau kostet so viel. Wie wollt ihr das alles bezahlen?«
Zugegeben – das war nicht leicht. Aber machbar.
