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... als ginge die Sonne mit einer Regenwolke spazieren
Als Aidy in New York ein handgeschriebenes Tagebuch findet, ahnt sie nicht, dass das ihr Leben verändern wird: Die Geschichte, die sie darin findet, berührt die junge Frau zutiefst. Sie erzählt von einer bittersüßen Liebe voll Sehnsucht und Schmerz. Als Aidy das Tagebuch seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben will, trifft sie auf den weltberühmten, schlecht gelaunten und unheimlich attraktiven Ex-Baseballspieler Ace Amato - der ihr unmissverständlich klarmacht, was er von aufdringlichen Fans wie Aidy hält. Doch Ace‘ Verzweiflung und die tragische Liebesgeschichte aus dem Tagebuch gehen Aidy nicht mehr aus dem Kopf. Und so sehr sie weiß, dass sie sich von ihm fernhalten sollte, zieht seine Traurigkeit sie jeden Tag tiefer in seinen Bann ...
"Die perfekte Mischung aus Angst, Herzschmerz und Hoffnung!" USA Today
Band 1 der Amato-Brothers-Reihe
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2018
WINTER RENSHAW
Heartless
Roman
Ins Deutsche übertragen von Jeanette Bauroth
Als Aidy im strömenden Regen ein handgeschriebenes Tagebuch vor einem Townhouse in New York findet, ahnt sie nicht, dass dieser Fund ihr Leben verändern wird: Das Tagebuch erzählt von einer Liebesgeschichte voller Sehnsucht und Schmerz, die die junge Frau zutiefst berührt. Als Aidy das Tagebuch seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben will, trifft sie auf einen schlecht gelaunten – und unheimlich attraktiven – Typen, der Aidy direkt für eine Stalkerin hält. Denn Ex-Baseballspieler Alessio »Ace« Amato, dem das Townhouse gehört, macht ihr unmissverständlich klar, was er von so vermeintlich aufdringlichen Fans wie ihr hält. Und auch mit dem Tagebuch will er nichts zu tun haben. Als der Zufall die beiden jedoch immer wieder zueinanderbringt, beginnt ihr Widerstand zu bröckeln. Aidy gehen Ace’ Verzweiflung und die tragische Liebesgeschichte nicht mehr aus dem Kopf. Sosehr sie weiß, dass sie sich von ihm fernhalten sollte, zieht seine Gebrochenheit sie jeden Tag tiefer in seinen Bann. Doch Aidy spürt, dass Ace etwas vor ihr verbirgt. Ein Geheimnis aus seiner Vergangenheit. Ein Geheimnis um die Frau aus dem Tagebuch. Die Trauer in seinen faszinierend grünblauen Augen lassen Aidy ahnen, dass er der Mann aus dem Tagebuch ist, dessen Herz zerstört ist und der nie mehr lieben will. Und je näher Aidy Ace kommt, desto mehr wünscht sie sich, dass er es nicht ist ...
Aidy
»Du musst es zurückgeben.« Wren wirft mir einen missbilligenden Blick zu, wie ihn nur eine große Schwester draufhat, und dreht sich dann wieder zu ihrem Schminkspiegel um. »Mensch, Aidy, es ist schon eine ganze Woche her!«
»Wir wissen doch gar nicht, ob er es überhaupt sucht.« Ich sitze im Schneidersitz auf ihrem Bett, drücke mir das tabakfarbene Notizbuch an die Brust und sauge begierig seinen Leder- und Aftershaveduft in mich auf.
»Du weißt nicht mal, ob es wirklich einem Mann gehört.« Sie drückt einen kirschgroßen Klecks Sonnencreme auf ihre Fingerspitzen und verreibt ihn zwischen den Handflächen.
»Die Handschrift verrät es«, widerspreche ich. »Es gehört definitiv einem Mann. Daran gibt es gar keinen Zweifel. Und das Ding ist voll mit Geschwafel zum Thema Liebe. Er schreibt auf eine Art über Frauen, wie es nur Männer können.«
»Jetzt bist du also auch noch Literaturexpertin?«
Ich blättere durch die verwitterten Seiten bis zu einer Stelle, die mit einem Eselsohr markiert ist, und lasse die Finger über die mit schwarzer Tinte geschriebenen Sätze gleiten.
Nach einem Räuspern lese ich laut vor: »Tränen fielen in ihr Champagnerglas, als sie sich über das Balkongeländer beugte. Sie war allein, so wie es in diesen Tagen häufig der Fall war. Die Frau war gleichzeitig der Inbegriff von Trauer und Schönheit; Glitzer in den Haaren, Tränen in den Augen und die Lippen zu Unrecht ungeküsst, während der Rest der Welt das neue Jahr einläutete.«
»Das ist ja deprimierend.« Wren drückt einen Klecks Concealer auf ihren Handrücken und greift nach einem kleinen Pinsel. Während der nächsten zwanzig Minuten wird sie sich zu einer Art Ehrenmitglied der Kardashian-Familie verwandeln und dann zu einem Vorstellungstermin gehen, bei dem irgendeine Realityshow-Schauspielerin aus L. A. eine Visagistin für New York sucht. L. A.-Makeup und New-York-Makeup sind zwei vollkommen verschiedene Paar Schuhe, und eine begabte Visagistin in einer Stadt voller talentierter Mitbewerber muss eben auch wissen, wann man wie eine auszusehen hat.
»Das ist nicht deprimierend. Es ist bittersüß.« Ich blättere die Seiten durch und inhaliere den Duft nach Papier, der mein Gesicht streift. »Und romantisch.«
»Der Typ ist völlig von dieser Frau besessen«, findet Wren. »Auf eine absolut ungesunde Art.«
»Es ist eine wunderschöne tragische Liebesgeschichte, Wren. Er ist bis über beide Ohren in eine Frau verliebt, mit der er niemals zusammen sein kann, und dieses gesamte Tagebuch steckt voller Liebesbekenntnisse und dokumentiert all ihre gestohlenen Momente.« Seufzend blättere ich weiter bis zu einem anderen Abschnitt. »An diesem Abend habe ich einen Blick von ihr gestohlen, doch sie stahl mein Herz. Es war das Vorspiel zu einem Krieg der Liebenden, den keiner von uns beiden gewinnen würde.«
»Gruselig«, trällert Wren.
Ich suche eine andere Passage heraus, um ihr meinen Standpunkt zu beweisen: »Heute Abend hätten wir uns beinahe geküsst. Ich habe ihre weichen Hände in meine genommen und fühlte mich unglaublich zu ihr hingezogen, während unsere Lippen voreinander schwebten, nur durch wenige Zentimeter und ein unausgesprochenes Was-wäre-wenn getrennt.«
»Gib mir das Ding.« Wren entreißt mir das Tagebuch und schlägt es willkürlich irgendwo auf. »Heute Abend habe ich meinen Nachbarn dabei beobachtet, wie er sein Dienstmädchen an der raumhohen Glasscheibe seiner Penthouse-Bar gevögelt hat. Bei jedem Stoß wippten ihre Brüste auf und ab, während die beiden ihre Hemmungslosigkeit über die schneebedeckten Straßen der Stadt unter ihnen regnen ließen. Er umfasste mit der Hand ihr Kinn und flüsterte ihr Worte ins Ohr, die nur sie beide jemals wissen werden.«
Sie reicht es mir zurück, mit gekrauster Nase und seitlich aus dem Mund herausgestreckter Zunge.
»Du hast den Rest nicht gelesen«, verteidige ich den Fremden. »Er sinniert anschließend darüber, warum ein Mann wohl etwas besitzen will, auf das er kein Anrecht hat. Ist es lustgesteuert? Primitiv? Seine Sichtweise ist faszinierend.«
»Er ist fasziniert von Männern, die Frauen begehren, die sie nicht haben können.« Mit einem Schulterzucken widmet sich Wren wieder dem Spiegel.
»Nein«, widerspreche ich. »Er versteht die Liebe, Wren. Er akzeptiert ihre chaotischen, komplizierten und unvollkommenen Seiten und erkundet sie. Er versucht herauszufinden, warum er diese Frau so sehr liebt und ob es möglich ist, von ihr zu lassen, denn wenn er mit ihr zusammen wäre, würde er dadurch Menschen verletzen, an denen ihm etwas liegt.«
»Ich stelle ernsthaft deine Entscheidung infrage, in meine Fußstapfen zu treten, Schwesterherz.« Wren lässt eine Puderrougedose aufschnappen und tupft sich ein wenig pfirsichpink auf die Wangen. »Bist du dir sicher, dass du nicht lieber Literatur studieren willst? Ich meine, du analysierst das hier ziemlich tiefschürfend. Es ist nur ein Tagebuch voller Geschwafel von einem gestörten Typen, und du stellst es hin wie die Wiedergeburt von Romeo und Julia.«
»Bring nicht meine kleine romantische Blase zum Platzen. Ich möchte daran glauben, dass das hier echt ist.« Ich umklammere den vorderen Einband des Buches. »Ich habe dieses Bild von ihm in meinem Kopf – er ist attraktiv und breitschultrig. Dunkle Haare. Grüblerischer Blick. Die Art von Mann, der dir ohne besonderen Anlass Blumen mitbringt, Liebesbriefe auf dein Kissen legt und dich mit einer Intensität liebt, dass es beinahe körperlich wehtut.«
»Schön, wie du deinen Traummann in die Liebesgeschichte von jemand anderem projizierst.«
»Aha, jetzt gibst du also zu, dass es sich um eine Liebesgeschichte handelt?«
Meine Schwester verdreht die Augen und versucht, ihr Lächeln zu unterdrücken. »Meinetwegen.«
»Ich hoffe nur, dass die beiden inzwischen zusammen sind. Vielleicht haben sie einen Weg gefunden und sind jetzt glücklich miteinander. Die Liebe hat gesiegt. Denn so sollte es sein, die Liebe sollte immer siegen.«
»Sag das mal meinem Ex«, murmelt Wren, wirft einen Blick auf ihr Handy und lässt das Display aufleuchten. »Shit, ich komme zu spät. Wenn ich um drei noch nicht fertig bin, kannst du dann Enzo von der St. Anthony abholen?«
»Na klar. Schick mir einfach eine Nachricht.« Ich holte meinen Neffen gern von der Schule ab. Er ist acht, also ist es ihm noch nicht peinlich, und er steckt noch so voller Staunen und herrlicher Kleine-Jungen-Lächeln. Wenn er mich sieht, leuchtet sein sommersprossiges Gesicht jedes Mal auf, obwohl wir sechsundzwanzig Tage im Monat zusammenwohnen. Enzo weiß, dass Tante Aidy mit ihm auf dem Weg nach Hause immer zum Brezelstand und in den Park geht. »Viel Glück heute. Obwohl du das gar nicht brauchst.«
Wren streicht mit den Händen über ihr hochtailliertes Kleid und zieht sich ein paar leuchtend gelbgrüne Ballerinas an. Sie ist perfekt konturiert und gehighlighted, mit frischer Haut und punktgenau sitzenden Wimpern. Meine Schwester gehört zu den Menschen, die immer makellos aussehen, mit Schminke oder ohne. Ich nehme an, ihre innere Schönheit ist dafür verantwortlich. Manchmal ist ihre äußere harte Schale ziemlich schwer zu knacken, doch innerlich steckt sie voller sanfter Mondstrahlen und glitzerndem Sternenstaub, und sie würde alles für jeden tun.
Auf dem Nachttisch pingt mein Handy und ich strecke mich übers Bett danach aus. »Super. Ich hab gerade über die App einen neuen Termin reinbekommen. Halb eins am Freitag.«
Wren streckt den Daumen hoch und sucht nach ihrer Tasche. Vor einigen Monaten haben wir eine App auf den Markt gebracht, Glam2Go, mit der Kunden hier vor Ort sich eine Visagistin nach Hause bestellen können, damit die sie für ihren großen Auftritt oder ein wichtiges Date oder was auch immer zurechtmacht. Der Bekanntheitsgrad der App wächst kontinuierlich, und wir haben inzwischen eine solide Kundenbasis aufgebaut, mit dem einen oder anderen B-Promi darunter.
Etwas Beständiges und Dauerhaftes wäre schön, aber wir kommen gut zurecht. Wren übernimmt gern die Tagestermine, damit sie nach der Schule bei Enzo sein kann, und ich übernehme die Abende und Wochenenden. Zweimal pro Monat übernachtet Enzo bei seinem Dad in Brooklyn, dann unterstützt mich Wren. Inzwischen haben wir schon für einige Wochen im Voraus Terminanfragen, und bald werden wir weitere Visagistinnen anstellen müssen.
»Hast du heute was vor?«, fragt Wren und hängt sich den Träger ihrer Tasche über die Schulter.
»Nur das Übliche …« Ich zucke mit den Schultern. »Wahrscheinlich ins Fitnessstudio gehen. Mal nach dem Blog schauen. Mein nächstes Tutorial planen. Material bestellen. Eventuell ein kleines Nickerchen machen …«
»Du führst ein echt hartes Leben«, witzelt sie und zwinkert mir zu. Im Türrahmen dreht sie sich noch einmal um. »Bring das Tagebuch zurück. Es gehört dir nicht. Leg es einfach wieder dorthin, wo du es gefunden hast. Ansonsten … Karma.«
Letzte Woche bin ich an einem trüben Montagnachmittag die Lexington Avenue entlangspaziert, als es zu nieseln begann. Innerhalb von Sekunden hatte der Wind aufgefrischt und die Regentropfen trafen mich von der Seite, sodass meine Klamotten im Nullkommanichts durchweicht waren. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich hätte ausgesehen wie eine ersoffene Ratte, daher stellte ich mich schnell auf der überdachten Vortreppe eines Stadthauses unter.
Während ich dort darauf wartete, dass der Sturm vorüberzog, fiel mir ein ledergebundenes Tagebuch ins Auge, das zwischen den Steinstufen und einem ungeschnittenen Buchsbaum im Zedernmulch lag. Der Einband war feucht und die Seiten kräuselten sich schon, also hab ich mich gebückt und es aufgehoben, ehe die Naturgewalten noch mehr Schaden anrichten konnten.
Als der Regen endlich aufhörte und die Sonne durch die Wolken brach, klingelte mein Handy. Ich plauderte mit meiner Mutter über ihre kürzlich gemachte Kreuzfahrt nach Alaska, ging die Straße hinunter und vergaß dabei völlig das Notizbuch unter meinem Sweatshirt.
»Schön.« Ich atme aus. »Ich bringe es zurück.«
»Heute noch.« Wren deutet mit dem Finger in meine Richtung.
»Ja, Mom.«
Wren verschwindet und nur wenige Sekunden später höre ich das Klicken der Eingangstür. Ich lasse mich zurück auf ihr Bett fallen, halte das Tagebuch über meinen Kopf und blättere es auf.
»Ich liebe diese Frau. Mehr, als ich je zuvor jemanden geliebt habe. Ich liebe sie so sehr, dass es mir Angst macht. Ich fürchte mich davor, dass ich eine Dummheit begehen könnte, damit sie mir gehört, und ich fürchte mich davor, was ich tun würde, sollte ich sie jemals für immer verlieren.«
Ich verziehe die Mundwinkel nach oben. Ich hoffe inständig, dass ich eines Tages jemanden finde, der mich auch nur halb so sehr liebt wie dieser Mann diese Frau liebt.
Ich rolle mich auf die Seite, blättere um, und lese noch eine Seite und noch eine. Jede einzelne verschlinge ich wie kleine, süchtig machende Kartoffelchips mit Liebesgeschmack.
»Heute Abend hat sie in meinen Armen geweint. Ich habe sie getröstet, weil er nicht da war, um es zu tun. Das ist er nie. Trotzdem liebt sie ihn. Sie liebt ihn, obwohl er sie nicht verdient. Ansonsten wäre er hier und würde ihr dabei helfen, ihr gebrochenes Herz zu kitten.«
Ich streiche über einige der Tintenwörter. Eine Seite gestatte ich mir noch, dann werde ich mich auf den Weg zur Lexington Avenue machen, das Haus suchen und das Tagebuch auf der Eingangstreppe ablegen.
Noch einmal atme ich den Lederduft ein. »Ich erwarte nicht, dass irgendjemand diese Liebe versteht, die für mich selbst so unverständlich ist. Aber trotzdem versuche ich es mit aller Kraft. Ich versuche zu verstehen, wie die Sonne in ihren Augen auf- und untergehen kann. Warum es mir unmöglich ist, auch nur eine Stunde lang nicht an diese Frau zu denken. Wie ich überhaupt existieren konnte, bevor sie meine Welt betreten hat. Es wird immer nur sie geben, das wusste ich schon, als wir noch Kinder waren. Sie hat sich für den falschen Mann entschieden, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich sie immer noch liebe. Ich liebe sie, ich liebe sie, ich liebe sie.«
Ich blättere weiter, den Blick auf die Wörter geheftet, und tue so, als ob ich sie gerade zum allerersten Mal lese.
»Ich spüre, dass sie sich von mir zurückzieht. Sie sagt, es ist nicht richtig. Sie will nicht, dass jemand verletzt wird. Aber sie ist mein Lebenselixier, ich brauche sie. Ohne sie kann ich nicht überleben. Ich würde eine bemitleidenswerte und einsame Existenz führen. Ich würde niemals wieder lieben. Und nicht, weil ich es nicht versuche. Doch wenn man erst einmal eine so reine Liebe erlebt hat, gibt es nichts Vergleichbares mehr.«
»Mein armer, lieber Romeo.« Ich lege die Wange auf das wellige Papier und schließe die Augen. »Ich hoffe, du hast dein Happy End gefunden.«
Ich werde das hier vermissen, diese Wörter. Das Kaleidoskop der Emotionen, die damit einhergehen. Noch nie war ich gleichzeitig so begeistert und am Boden zerstört. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich kurz davorstehe, mich in einen vollkommen Fremden zu verlieben. Beziehungsweise in meine Vorstellung von ihm. Oder vielleicht bin ich in die Art und Weise verliebt, auf die er liebt.
Sie kann sich sehr glücklich schätzen, diese Frau, weil sie so sehr geliebt wird.
Für den Großteil des Nachmittags verliere ich mich zum letzten Mal in diesen Worten. Danach raffe ich mich auf, schnüre meine Turnschuhe zu und begebe mich mit dem Tagebuch in der Hand auf einen Spaziergang in Richtung Lexington Avenue.
Aidy
Dieses Haus war es, da bin ich mir sicher.
942 Lexington Avenue.
Ich erkenne die Fassade aus texanischem Kalkstein und die schwarze Markise über der Treppe mit dem kleinen Riss in der Ecke wieder.
Eine Brise fährt in die Blätter der Bäume, die den Gehweg säumen, und die Frau in einem weißen Hosenanzug vor mir, die ihren fluffigen Zwergspitz ausführt, plappert unentwegt in ihr Handy.
Ein Fahrradkurier saust durch die Straßen und zwischen geparkten Taxen hindurch, und ein Müllauto arbeitet sich durch die Nachbarschaft.
Auf vielerlei Weise ist es einfach nur ein ganz normaler Montag, an dem die Leute sich um ihren Kram kümmern. Ich umklammere das Lederbuch, das ich in der Hand halte, und werde plötzlich unsicher. Wenn mich irgendjemand dabei beobachtet, wie ich hier an diesem Haus vorbeilaufe, ein Buch auf die Treppe lege und dann einfach weitergehe, so als wäre es keine große Sache, würde er mich vermutlich für eine Irre halten, die aus der Klapsmühle ausgebrochen ist.
Aber ich muss es tun.
Mir bleibt keine Wahl.
Hinter den Fenstern des Hauses ist es dunkel, was einen starken Kontrast zu den hellen Fassadensteinen bildet. Ich bleibe am Fuß der Treppe stehen, atme tief ein und fixiere die schwarze Eingangstür vor mir.
Dahinter wohnt mit großer Wahrscheinlichkeit der Besitzer dieses Buches.
Der Autor dieser Worte.
Der Mann, dessen Worte mich tief berührt haben.
Auf der anderen Seite dieser Tür existiert eine vollkommen andere Welt.
Eine mit einem Mann, der eine Frau so sehr liebte, dass es ihn vollkommen auffraß.
Es hat ihn zerbrochen, für alle anderen Frauen verdorben.
Mit einem stummen Auf Wiedersehen bücke ich mich und lege das Buch auf die unterste Stufe. Dort kann man es nicht übersehen. Der Besitzer des Hauses wird es auf jeden Fall entdecken. Ich richte mich auf, stecke die Hände in die Taschen meiner grauen Jogginghose und drehe mich in Richtung Central Park, denn heute brauche ich unbedingt einen langen Lauf, um den Kopf freizukriegen.
»Hey!« Hinter mir dröhnt die Stimme eines Mannes. »Hey, Sie da!«
Gleichgültig drehe ich den Kopf und suche aus dem Augenwinkel nach der Person, die da einer anderen nachbrüllt. Das geht hier in der Stadt dauernd so. Ständig schreien sich die Leute wegen irgendetwas an. Meistens blende ich das aus, weil es nie an mich gerichtet ist, aber als ich bemerke, dass mich ein großer, breitschultriger Mann mit dunklen Haaren und einem dichten, dunklen Bart, der sein halbes Gesicht bedeckt, ins Visier genommen hat, bleibe ich wie angewurzelt stehen.
»Lady!«, ruft er.
Ich schnalle nicht sofort, dass er versucht, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Es dauert einen Moment. Ich sehe nichts weiter als mit dicken Muskeln bedeckte Schultern, die in einem von diesen Baseball-T-Shirts stecken, mit weiß blauen Ärmeln, die nur bis zum Unterarm reichen. Seine Haare sind lang und mit irgendwas zurückgegelt, das sie feucht und schimmernd aussehen lässt, die Seiten sind kurz rasiert. Obwohl sein Gesicht zur Hälfte von dem Bart verdeckt wird, kann ich sogar von hier aus sehen, dass er markante Züge hat. Seine Brauen sind dunkel und hochgezogen, während er mich mit so intensivem Blick mustert, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann.
»Meinen Sie mich?« Ich deute auf meine Brust.
Er nickt und geht mit langen Schritten auf mich zu. Am Fuß der Treppe bleibt er stehen, bückt sich, hebt das Tagebuch auf und kommt entschlossen zu mir herüber.
Ich beobachte jede seiner Bewegungen. Mir fällt auf, wie aufrecht seine Haltung beim Gehen bleibt, wie er den Blick keine Sekunde von mir nimmt und wie er die Lippen zusammenpresst. Er streckt mir das Buch entgegen.
»Ich will das nicht«, sagt er. »Keine Ahnung, was es ist, aber ich will es nicht. Sie können nicht einfach Zeug vor meine Tür legen.«
Falls es sich bei ihm um den Mann aus dem Tagebuch handelt, dann hat er die Frau ganz offensichtlich nicht bekommen, denn sonst hätte er nicht so eine wütende Grundstimmung.
»Ich habe das Buch letzte Woche hier vor Ihrem Haus gefunden«, erkläre ich und bemühe mich um einen feinfühligen Ton. Mein Herz blutet für den Mann, der vermutlich kein Happy End erleben durfte. »Es hat geregnet und es wurde nass. Ich wollte nicht, dass es kaputtgeht. Eigentlich wollte ich es schon früher zurückbringen, aber ich bin bisher nicht wieder in diesen Stadtteil gekommen.«
Der Mann streckt mir immer noch das Buch entgegen, aber jetzt starrt er mit zusammengezogenen Brauen darauf.
»Ich hab das hier noch nie zuvor gesehen.«
Ich lasse die Schultern sinken und zögere einen Moment, ehe ich das Tagebuch entgegennehme. »Haben Sie vielleicht eine Idee, wem es gehören könnte? Ich habe es unmittelbar vor Ihrem Haus gefunden, im Mulch bei den Büschen, als wäre es von Ihrer Treppe gefallen …«
Er starrt mich ungläubig an und verzieht den Mund zu einem abfälligen Lächeln. »Ehrlich? Das soll ich Ihnen glauben?«
Ich zucke zusammen. »Ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.«
»Wissen Sie, wie viele Leute hier vorbeikommen und verrückten Kram auf meine Treppe legen? Zeug, das ich signieren soll, Nacktfotos, Briefe mit Telefonnummern …«
Ich lache verunsichert. »Tut mir leid, ich verstehe nicht.«
»Ich gebe keine Autogramme mehr«, sagt er. »Da müssen Sie schon auf eBay suchen.«
»Ich will kein Autogramm von Ihnen«, widerspreche ich und erwähne absichtlich nicht, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, wer er ist.
»Und was soll dann das hier sein? Denn für mich sieht es verdammt noch mal sehr nach einem dieser kleinen Autogrammbücher aus.« Er schlägt das Buch auf und seufzt. »Himmel, was ist das denn? Ihr Tagebuch? Hören Sie, ich fühle mich geschmeichelt, aber ich habe absolut kein Interesse daran, Ihre kleinen Fantasien zu lesen. Vielleicht glauben Sie, in mich verliebt zu sein, keine Ahnung, aber der ganze Scheiß, den Sie hier aufgeschrieben haben, wird niemals passieren.«
Mir fällt die Kinnlade herunter und mein Lächeln verblasst. Alle Anspannung verschwindet und ich werde so wütend, dass ich ihm das Buch aus der Hand reiße.
»Wenn Sie alle Ihre Fans so behandeln«, sage ich, »dann sind Sie herzlos.«
»Da erzählen Sie mir nichts Neues«, schnaubt er und hält meinen Blick fest. »Also geben Sie zu, dass Sie ein Fan sind.«
Durch zusammengepresste Zähne erwidere ich ruhig: »Wie gesagt, ich habe das hier nicht geschrieben. Ich habe es vor Ihrem Haus gefunden und wollte es zurückbringen.«
Er lacht humorlos auf, die Hände in die schmale Taille gestützt. Der Mann überragt mich um gut zwanzig Zentimeter und die tief auf seinen Hüften sitzende Jeans schmiegt sich an seine langen, muskulösen Beine.
Ich klemme mir das Notizbuch unter den Arm und spüre, wie mir glühende Röte ins Gesicht steigt. Auf der Zunge brennt mir eine ganze Menge, was ich ihm am liebsten sagen würde. »Und übrigens, Sie glauben vielleicht, dass ich wegen eines Autogramms hier bin, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wer Sie sind, also ficken Sie sich ins Knie.«
Ich drehe mich um und will gehen, gleichzeitig froh und stinksauer. Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich das Wort »ficken« bisher außerhalb meines Schlafzimmers benutzt habe. Wenn man in der Kleinstadt Red Fern in Missouri aufwächst, wird einem beigebracht, dass man so nicht mit Leuten spricht. Probleme klärt man bei einem Stück Bananenbrot am Küchentisch und mit Umarmungen und Küssen. Die Kincaid-Frauen lösen ihre Probleme nicht mit Schimpfworten und Gereiztheit, sondern mit Würde.
Aber heute ist mir meine Würde total egal, denn dieser Mann, dieser Idiot, hat es verdient, ganz egal, wer er ist.
»Blödes Arschloch«, murmele ich vor mich hin, als ich um die Ecke gehe, und zwar schnell, weil ich gar nicht rasch genug von ihm wegkommen kann. Meine Hände zittern vor Wut und ich ringe ein wenig nach Luft.
Aber wenigstens habe ich das Tagebuch, und da ich seinen rechtmäßigen Besitzer niemals ausfindig machen kann, gehört es jetzt wohl offiziell mir.
Für immer.
Was vermutlich aber gleichzeitig bedeutet, dass ich niemals das Gesicht des Mannes hinter den Worten sehen werde, und niemals erfahre, ob er am Ende doch mit seiner einzigen Liebe zusammengekommen ist.
Mit dem Buch unter dem Arm mache ich mich auf den Weg zum Park für meinen Lauf, und danach werde ich nach Hause zu Wren und Enzo gehen, den am wenigsten arschlochigen Menschen, die ich kenne.
Auf Nimmerwiedersehen, verrückter Blödmann.
Für so was ist mir meine Zeit zu schade.
Aidy
»Vielleicht warst du beim falschen Haus?«, vermutet Wren und rührt in ihrem Topf kochender Makkaroni.
»Nein.« Ich sitze Enzo gegenüber am Küchentisch. Er kramt in seinem Superheldenrucksack herum und sucht den Erlaubnisschein, den er eigentlich schon letzte Woche unterschrieben hätte abgeben sollen. »Ich bin zu neunundneunzigkommanneunundneunzig Prozent sicher, dass ich richtig war.«
»Möglicherweise ist es jemandem beim Vorbeigehen aus der Tasche gefallen«, überlegt Wren. Der Timer an der Mikrowelle piept und sie stellt ein Metallsieb in die Spüle. Nachdem sie die Nudeln abgeschüttet hat, dreht sie sich zu Enzo um. »Hast du ihn gefunden, Schatz?«
»Nein, Mom. Aber ich weiß, dass ich den Zettel hatte. Mrs Caldecott sagt, wenn wir ihn bis morgen nicht abgegeben haben, dürfen wir nicht mit ins Naturkundemuseum.« Mein Neffe runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf und ruft mir damit in Erinnerung, dass alle schlechten Tage relativ sind.
Ich habe den restlichen Nachmittag damit verbracht, mich über den bärtigen Riesen mit dem stechenden Blick und den breiten Schultern zu ärgern. Nicht mal eine drei Meilen lange Joggingrunde hatte das bessern können. Ich habe zugelassen, dass er mir den Nachmittag ruiniert, und wofür? In einem Jahr werde ich vermutlich nicht mal mehr wissen, wie er aussah.
Nein.
Moment.
Das stimmt nicht.
Einen Mann, der so aussieht, kann ich nicht vergessen.
Er ist der Inbegriff des grüblerischen Prachtkerls und ich hab ihn den ganzen Tag über nicht aus meinen Gedanken bekommen.
»Sie hätte dir doch sicher einfach noch mal eine Kopie mitgeben können«, sagt Wren und schnalzt mit der Zunge. »Mir reicht es allmählich mit Mrs Caldecott. Ständig versucht sie, den Kindern was fürs Leben beizubringen, aber das ist die Aufgabe der Eltern. Sie soll ihren Schülern Mathe und Englisch und Naturwissenschaften vermitteln und den Rest uns überlassen.«
»Da bin ich anderer Meinung, Schwesterherz. Ich gehöre der Gruppe an, die glaubt, dass man ein ganzes Dorf braucht, um Kinder zu erziehen!«, rufe ich, obwohl ich ganz genau weiß, dass ich nichts an der kontrollsüchtigen Art meiner Schwester ändern kann. Sie hat längst geplant, nächstes Jahr den Elternbeirat an Enzos Schule zu unterwandern, weil sie unzufrieden mit der Hausaufgabenpolitik ist. Ja, meine Schwester ist die typische Helikoptermutter, aber sie meint es immer gut. »Ich helfe dir.«
Enzo reicht mir seinen Rucksack, der unglaublich viele Taschen und Reißverschlüsse hat. Ich wühle mich bis zum Boden vor, der mir wie ein unendliches schwarzes Loch vorkommt, und ziehe ein zerknülltes Stück Papier heraus.
»Ich schreibe dir einfach eine handschriftliche Erlaubnis«, erklärt Wren, stellt die Makkaroni zurück auf den Herd und stäubt oranges Käsepulver darüber. »Wenn das nicht gut genug ist, marschiere ich ins Büro von Direktor Watkins und …«
»Ruhig Blut, Mama Bär.« Ich falte das zerknitterte Blatt auf. Mrs Caldecott hat die Erlaubnis offensichtlich extra auf farbiges Papier gedruckt, damit es zwischen all den Blättern, die sie den Kindern täglich mit nach Hause schickt, leichter zu erkennen wäre. »Wir haben es gefunden.«
Enzo hüpft glücklich auf seinem Stuhl herum und reißt es mir aus der Hand, um damit hinüber zu Wren zu sausen.
»Immer mit der Ruhe, Schatz.« Wren wuschelt ihm grinsend durch die Haare und holt einen Stift aus einer Schublade. Der erste funktioniert nicht, genauso wenig wie der zweite. Leise vor sich hin murmelnd zieht sie schließlich einen schwarzen Fineliner heraus und unterschreibt die Erlaubnis. »Steck das in die vordere Tasche an deinem Rucksack. Von jetzt an kommen alle wichtigen Dokumente dort rein, okay?«
»Ja, Mom.« Enzo macht, was sie ihm sagt. Er ist ein guter Junge, eine Mischung aus Nerd und Sportfan. Er ist immer beschäftigt und manchmal ein wenig vergesslich, aber er ist unser Enzo und wir finden ihn gut, so wie er ist.
»Shit«, flüstert Wren aus der Küche. Ich blicke hinüber und sehe, wie sie festgebrannte Makkaroni vom Boden des Topfs kratzt.
»Was hast du gemacht?«, will ich wissen.
»Den Topf zurück auf den Herd gestellt, aber die Platte nicht ausgeschaltet.« Sie hebt den Holzlöffel hoch und zeigt mir Beweisstück A: kohlrabenschwarze, verklumpte Makkaroni. In der Küche riecht es nach verbranntem Mehl. »Wenigstens habe ich weder Milch noch Butter daran verschwendet.«
»Und was essen wir jetzt zum Abendbrot, Mom?«, frotzele ich.
»Pizza!«, ruft Enzo begeistert. Ganz offensichtlich ist er nicht im Geringsten traurig darüber, dass die Fertigkäsemakkaroni einen vorzeitigen Tod gefunden haben. »Können wir zu Chauncey gehen?«
Wren und ich tauschen einen Blick, während sie den heißen Topf in die Spüle stellt und mit warmem Seifenwasser füllt.
»Hast du denn Chaunceys Pizza nicht allmählich satt?«
»Nein«, entgegnet Enzo sachlich.
»Irgendwann wirst du davon die Nase voll haben«, bin ich mir sicher. »Erst recht, wenn Chauncey dein Stiefvater wird. Ihr werdet für den Rest eures Lebens Pizza zum Abendbrot essen.«
Enzo nickt und reibt sich lächelnd über den Bauch. Wren stöhnt. Sie und Chauncey sind seit einem halben Jahr verlobt und planen ihre Hochzeit im Dezember mit der Geduld von zwei Heiligen, die glücklich ineinander verliebt sind, es aber nicht eilig haben, gemeinsam vor den Altar zu treten.
Chauncey ist ein guter Kerl. So gut, dass er nicht mal mit Wren zusammenwohnen will. Laut ihm würde seine traditionsliebende irisch-katholische Mutter einen hysterischen Anfall bekommen, daher warten sie ab, bis ihre Beziehung offiziell legalisiert ist. Chauncey hat rotblonde Haare und verträumte braune Augen und ist damit das komplette Gegenteil zu Enzos Dad, Lorenzo, was mich als Wrens Schwester unglaublich glücklich macht. Enzo verdient Stabilität und Wren verdient einen Mann, der zu schätzen weiß, dass sie ein wirklich außergewöhnlicher Mensch ist.
Mit hochgezogenen Brauen wendet sich Wren an mich: »Willst du Pizza essen gehen?«
Ich habe mich auf den Küchentisch gestützt, den Kopf in den Händen, und sehe zu ihr auf. Mein Magen knurrt und Pizza klingt gut, aber Chaunceys Pizzeria ist in Uptown, und dort war ich erst vor ein paar Stunden. Momentan kommt es mir wie eine gute Idee vor, mich von der Lexington Avenue fernzuhalten. Allerdings … Gratispizza schlägt man nicht so einfach aus.
»Aber nach Laufen oder dem Zug ist mir nicht. Können wir ein Taxi nehmen?«, frage ich, weil mir die Fußsohlen von dem langen Spaziergang und dem darauffolgenden Lauf in meinen ausgetretenen Turnschuhen wehtun. Eigentlich bräuchte ich neue Schuhe, aber das schiebe ich vor mir her, weil ich meine alten liebe und dieses Modell vor Kurzem aus dem Verkauf genommen wurde.
Wren zuckt mit den Schultern. »Ja. Klar. Enzo, zieh deine Schuhe an.«
***
Chaunceys Pizzeria befindet sich ungefähr auf halber Strecke zwischen Midtown und der Upper East Side. Von außen sieht sie aus wie ein irischer Pub, inklusive smaragdgrünem Vordach mit dem goldenen Schriftzug »Finnegan’s Pizzeria« darauf. Im Inneren spielt in Dauerschleife irische Dudelsackmusik und die Speisekarte besteht aus den absurdesten Kreationen wie Brams Pizza mit Corned Beef und Kraut, Quinns Pizza mit Kartoffel, Lauch und Schinkenspeck und Mrs O’Flannerys Pizza mit Sheperd’s Pie.
Laut Chauncey waren zum Zeitpunkt der Eröffnung solche Verschmelzungen der Hit, und da er noch keine irisch-italienische Kombination gesehen hatte, riskierte er es. Und zwar erfolgreich, denn hier war immer viel los.
»Hey, Schatz.« Chauncey kommt in Kakihose und einem grauen Hemd aus dem Hinterzimmer. Er zieht Wren in die Arme und sein Gesicht strahlt wie das Haus der Griswolds zur Weihnachtszeit. Vor Enzo küsst er sie nie, was ein weiterer Punkt an Chauncey ist, der mir sehr gut gefällt. »Was für eine Überraschung. Mein Lieblingsmädchen und mein Lieblingsjunge.«
Er beugt sich vor und strubbelt Enzo durch die dichten, braunen Haare.
»Und meine liebste zukünftige Schwägerin«, fügt er zwinkernd hinzu.
»Deine einzige zukünftige Schwägerin.« Ich habe diesen Scherz schon tausendmal gehört und aus irgendeinem Grund findet er ihn immer noch lustig, daher stoße ich ihn spielerisch gegen den Arm und trage meinen Teil dazu bei.
»Ich habe euch einen Tisch im hinteren Bereich reserviert.« Er bedeutet uns, ihm zu folgen und ich entdecke das »Reserviert«-Schild in unserer Lieblingsnische in der Ecke. »Die besten Plätze im Haus.«
Wir rutschen in die Nische. Die grünen, mit Wachstuch bezogenen Sitze sind frisch abgewischt und noch ein wenig feucht. Ich schnappe mir die Getränkekarte hinter dem Parmesanstreuer.
»Du willst was trinken?«, fragt Wren.
»Ist das ein Problem?« Fragend ziehe ich die Brauen hoch.
»Normalerweise trinkst du an einem Montagabend keinen Alkohol«, erwidert sie.
»Ich bin immer noch ein bisschen genervt von diesem Blödmann heute Nachmittag.«
»Warum lässt du das zu? Pfeif auf ihn.« Sie verzieht das Gesicht.
»Ich hab mir eigentlich geschworen, mich nicht darüber zu ärgern«, gebe ich zu und blättere die Getränkeauswahl durch. »Ich weiß, dass Menschen wie er das nicht wert sind. Es ist nur so, da versucht man, etwas Nettes für jemanden zu tun und derjenige benimmt sich wie ein Idiot. Das ist schwer zu vergessen.«
»Du hast es gut gemeint.«
»Das kannst du laut sagen.«
»Was ist denn passiert?«, will Chauncey wissen.
»Erinnerst du dich noch an dieses Tagebuch, das sie letzte Woche gefunden hat?«, fragt Wren, deutet auf mich, sieht aber ihren Verlobten an. »Sie wollte es heute zurückbringen und der Typ hat sich wie ein totales Du-weißt-schon-was verhalten. Hat behauptet, es noch nie zuvor gesehen zu haben und ihr vorgeworfen, sie würde ihn stalken und wolle nur ein Autogramm.«
Chauncey lacht. »Wahrscheinlich irgend so ein Internetpromi, der sich für wichtig hält. Die Stadt ist voller solcher Typen. Lass ihn dir nicht den Tag versauen, Aidy.«
»Können wir Pizza mit Pepperoniwurst haben?«, fragt Enzo.
»Hättest du gern deine eigene Pepperoniwurst-Pizza in Enzogröße?«, erkundigt sich Chauncey.
Mein Neffe nickt, mit heraushängender Zunge wie ein Hund.
»Für die Damen das Übliche?«
»Ja, Sir«, antworte ich und deute auf die Getränkekarte. »Und für mich noch eine Irish Rose, bitte, bitte.«
Chauncey geht los und sucht einen Kellner für unsere Bestellung, dann verschwindet er durch eine Schwingtür.
»Er ist ein fleißiger Mann«, sage ich zu Wren.
Sie lächelt und neigt den Kopf, während sie mit dem roten Pfefferstreuer vor sich spielt. »Er ist ein guter Kerl. Ich denke, ich werde ihn behalten. Enzo, soll ich Chauncey behalten?«
Enzo nickt begeistert.
»Hey, du hast mir noch gar nicht erzählt, wie deine Bewerbung bei dem Realitystar heute gelaufen ist.« Ich greife über den Tisch und tippe ihr auf die Hand.
Wrens blaue Augen fangen meinen Blick auf. Sie zuckt mit den Schultern. »Es war okay. Sie war ein bisschen überheblich. Eine von denen, die sich für berühmter halten, als sie sind.«
»Tun sie das nicht alle?«
»Sie hat verlangt, dass ich sie abschminke und ihr frisches Make-up auftrage«, erklärt Wren. »Es hat beinahe eine Viertelstunde gedauert, alles runterzubekommen. Ihr Gesicht war praktisch zugespachtelt. Im abgeschminkten Zustand habe ich sie fast nicht wiedererkannt. Meistens sehen diese Frauen ungeschminkt viel besser aus. Es war, als würde sie plötzlich zu einem völlig anderen Menschen. Sie wurde ganz still und hat den Blick in den Spiegel gemieden, bis ich zumindest ihre Aknenarben überdeckt hatte. Dann hat sie ausgeatmet und darüber gewitzelt, dass Visagisten Schönheitschirurgen für Arme sind.«
»Das ist ein Kompliment, oder?«
Wren verdreht die Augen. »Durch die Hintertür.«
»Glaubst du, du bekommst den Auftrag?«
»Vielleicht. Keine Ahnung. Als ich ging, hatte ich nicht das Gefühl, dass sie sehr beeindruckt war.«
»Was hast du ihr denn für einen Look verpasst?«
»Einen geschmackvollen und natürlichen, mit dem sie aber trotzdem vor die Kamera treten kann. Ich hab ihrer Nase und den Wangenknochen Kontur verpasst, grellroten Lippenstift aufgetragen und es beim Augenmakeup ein wenig dezenter angehen lassen. Wir haben künstliche Wimpern benutzt, aber die mäßige Variante. Ich fand, dass sie frisch und lebendig aussah. Sie hat sich einfach nur im Spiegel angestarrt und ihre Assistentin gebeten, mich hinauszubegleiten.«
»Sie hat dich rausgeschmissen?«
»Nein, so war das nicht. Es war nicht übel. Einfach bloß … komisch.«
»Für so jemanden möchtest du sowieso nicht arbeiten.«
Sie schnaubt. »Ich bin alleinstehende Mutter. Ich würde für jeden arbeiten, der sich mein Honorar leisten kann und mich pünktlich bezahlt.«
Arme Wren. Lorenzo arbeitet freiberuflich in der Unterhaltungsindustrie, hauptsächlich in Fernsehproduktionen, und daher ist er mit seinen Unterhaltszahlungen häufig spät dran. Wenn Lorenzo wenig zu tun hat, wirkt sich das auf Wren aus und Enzo ist der Leidtragende. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich nach der Trennung der beiden vor ein paar Jahren bei ihr eingezogen bin. Die Lebenshaltungskosten in Manhattan sind exorbitant und sie wollte in einer netten Gegend in der Nähe von St. Anthony wohnen, damit Enzo es nicht weit zur Schule hat. Etwa vier Blocks entfernt fanden wir eine renovierte Dreizimmerwohnung und haben unser Geld für die Kaution zusammengelegt.
Seither haben wir es hingekriegt, und auch wenn einige dürre Monate dabei waren, ist es die Sache wert.
»Mom! Mom!« Enzo zieht am Arm seiner Mutter und unterbricht damit unser Gespräch.
»Was ist denn los, Schatz?«, fragt sie.
Enzo hat den Blick auf etwas hinter mir auf der anderen Seite des Pubs gerichtet und scheint ausnahmsweise mal sprachlos zu sein.
»Das ist … das ist …« Ihm hängt die Kinnlade herab und er verzieht die Mundwinkel. Seine ahornbraunen Augen leuchten. »Das ist … Alessio Amato, einer der besten Starting Pitcher in der Geschichte des Major League Baseball.«
Er spricht langsam, wie verzaubert, und hat den Blick noch keinen Moment von dieser Ecke des Raums genommen.
»Darf ich mir ein Autogramm holen, Mom?« Er legt die Hände bittend zusammen und hüpft auf seinem Platz auf und ab.
»Wer ist das noch mal?« Wren nimmt mir die Worte aus dem Mund. Wir beide interessieren uns nicht besonders für Sport. Bei einem Baseballspiel waren wir zum ersten Mal, als sie und Lorenzo anfingen, miteinander auszugehen. Er war ein großer Yankees-Fan und hat sie ein Jahr lang zu jedem Heimspiel geschleppt. Ich bin damals mitgegangen, um nett zu sein. Seine Baseball-liebenden Gene hat Enzo eindeutig von Lorenzos Teil der Familie geerbt.
»Alessio Amato«, wiederholt Enzo leicht ungeduldig. »Er wird Ace genannt.«
»Ist das überhaupt ein Name?«, witzele ich.
»Tut mir leid, Schatz, ich hab noch nie von ihm gehört«, gibt Wren mit amüsiertem Blick zu. »Für welches Team spielt er denn?«
»Er war früher bei den Baltimore Firebirds«, erklärt Enzo. Sein kleiner Körper zappelt unruhig umher. »Letztes Jahr hat er seine Karriere beendet.«
Wren beugt sich hinüber zu Enzo, späht aus unserer Nische hinaus und versucht, einen Blick auf den Mann zu erhaschen.
»Den hab ich definitiv noch nie zuvor gesehen«, stellt sie fest. »An so ein Gesicht würde ich mich erinnern.«
Genau in dem Moment, als ich darüber nachdenke, selbst mal einen Blick zu riskieren, quetscht sich eine Kellnerin zwischen einigen Tischen durch, ein Tablett mit Getränken in der Hand, und meine Aufmerksamkeit wird jetzt zu einhundert Prozent von dem irischen Cocktail mit meinem Namen darauf beansprucht.
»Kann ich mir ein Autogramm von ihm holen, Mom?«, fragt Enzo bettelnd. »Bitte, bitte, bitte, bitte!«
»Wohin soll er das denn schreiben? Auf deinen Arm?«, fragt sie und dreht den Strohhalm ihres Wassers zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Tante Aidy, hast du Papier in deiner Handtasche?«, will Enzo wissen.
Ich wühle darin herum. »Nur einen Stapel Visitenkarten. Tut mir leid.«
»Sind die auf der Rückseite leer?«
Ich hole eine heraus und drehe sie um. »Ja.«
»Hast du auch einen Stift?«
Wren lacht.
»Na klar.« Ich reiche ihm beides und er rutscht aus der Nische und durchquert den belebten Pub.
Meine Schwester behält ihren Sohn im Blick wie eine Adlermutter ihr Junges und ich konzentriere mich auf die Köstlichkeit vor mir. Schluck für Schluck fühle ich, wie sich meine Nerven beruhigen.
»Oh, oh.« Wren macht ein erschrockenes Gesicht. Ich strecke den Kopf aus unserer Nische und sehe, wie die Eingangstür unter dem Geläut der Türglocke ins Schloss fällt. Dann erblicke ich den schluchzenden Enzo mit seinen leeren Händen. Wren zieht ihn in die Arme. »Was ist denn passiert, Schatz?«
»Er … er hat gesagt … er hat gesagt, er gibt keine Autogramme mehr. Ich soll auf eBay suchen. Mom, was ist eBay?«
Während Wren ihren Sohn tröstet, ziehe ich mein Handy aus der Tasche.
»Enzo, wie heißt der Typ noch mal?«, frage ich und rufe mit fliegenden Fingern Google auf.
»Ales … Alessio …« Sein Brustkorb hebt und senkt sich mit jedem erzwungenen Atemzug. Wenn sich der Junge nicht beruhigt, wird er gleich noch einen Asthmaanfall kriegen. »Ace … Amato.«
Ich tippe seinen Namen in die Suchmaschine und klicke auf »Bilder«.
Tausende werden mir angezeigt, aber der Mann auf diesen Fotos ist rasiert. Unglaublich attraktiv. Kein Bart, aber trotzdem besteht keinerlei Zweifel.
Er ist es.
Das Arschloch von der Lexington Avenue.
Mit zitternden Händen erkenne ich den stechenden Blick wieder.
»Schweinehund«, murmele ich vor mich hin.
Niemand bringt meinen Neffen zum Weinen, erst recht nicht irgendein ehemaliger Baseballspieler, der seinen Zenit längst überschritten hat.
»Das klingt so, als sei er ein Blödmann, Schatz«, sagt Wren. »Von so jemandem möchtest du sowieso kein Autogramm.«
Enzo schnieft, nickt und vergräbt sein Gesicht an Wrens Schulter.
Dieser elende Mistkerl.
Er sollte besser hoffen, dass sich unsere Wege nie wieder kreuzen.
Ace
