Heat of the Everflame - Penn Cole - E-Book

Heat of the Everflame E-Book

Penn Cole

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Beschreibung

SPIEGEL Bestseller   Dritter Band der erfolgreichen Kindred´s Curse Saga von Penn Cole   Der Krieg hat begonnen. Beide Seiten fordern Diems Loyalität – oder ihren Tod.   Nach ihrer katastrophalen Krönung steht Diem im Zentrum des Konflikts zwischen den Descended und den Guardians. Mit ihren neu gewonnenen Freunden und dem Mann, in den sie sich verliebt, auf der einen Seite und den Sterblichen, die sie zu beschützen geschworen hat, auf der anderen, muss Diem einen schmalen Grad gehen, um die Menschen, die sie liebt, zu retten – sogar vor sich selbst. Das Rätsel um ihre ungewöhnliche Herkunft beginnt sich zu entwirren und führt Diem und Luther auf eine unerwartete Reise durch die Königreiche. Die Antworten könnten der Schlüssel zum Sieg im Krieg sein, doch um sie zu finden, muss Diem sich schmerzhaften Wahrheiten über ihre Mutter, ihre Herkunft und ihrem Schicksal stellen. Unterdessen haben die Crowns Diem ins Visier genommen. Manche könnten ihre größten Verbündeten sein – andere wollen sie tot sehen. Um ihrer tyrannischen Herrschaft ein Ende zu setzen, muss Diem Freund von Feind unterscheiden und alles riskieren, um eine eigene Armee aufzubauen. Doch eine mächtige Figur im Norden schmiedet Pläne, die alles verändern könnten...    #Slowburn #EnemiestoLovers #ShadowMMC #SassyDragon #StrongHeroine #WhoDidThisToYou #GrumpyLoveinterest #DemigodsVSMortals #FightagainstInjustice #FoundFamily

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Seitenzahl: 1537

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Penn Cole

Heat of the Everflame

PENN COLE

BAND 3 DER KINDRED’S CURSE SAGA

Romantic Fantasy

Ins Deutsche übersetzt von Nina Bellem

Ausführliche Informationen über unsere

Autorinnen und Autoren und ihre Bücher

www.leaf-verlag.de

1. Auflage 2026

Originalausgabe:

Copyright © 2026 by LEAF Verlag, Bücherbüchse OHG, Siebenbürger Straße 15a, 82538 Geretsried, DeutschlandCopyright © 2022 by Penn Cole Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Textredaktion: Tino Falke, Übersetzung ins Deutsche: Nina Bellem

Coveranpassungen: Kim Leopold und Caroline Keller

Coverillustration: Francis Eden

Kartengestaltung: Andrés Aguirre Jurado @aaguirreart

Innengestaltung: LEAF Verlag unter Verwendung von Motiven von ©KatyaKatya, ©Penn Cole, ©Francis Eden Gesetzt aus der Adobe Caslon

Satz: LEAF Verlag

eISBN 978-3-911244-25-1

DieKindred’s CurseSaga

Spark of the Everflame

Glow of the Everflame

Heat of the Everflame

Burn of the Everflame

Für Nonbinäre Personen werden die Pronomen they/them verwendet.

Ab Seite 866 befindet sich eine Zusammenfassung der vorherigen Bände.

INHALT

DIE REICHE EMARIONS

TEIL EINS

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

TEIL ZWEI

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

TEIL DREI

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

KAPITEL 52

KAPITEL 53

KAPITEL 54

KAPITEL 55

KAPITEL 56

KAPITEL 57

KAPITEL 58

KAPITEL 59

KAPITEL 60

KAPITEL 61

KAPITEL 62

KAPITEL 63

KAPITEL 64

KAPITEL 65

KAPITEL 66

KAPITEL 67

KAPITEL 68

KAPITEL 69

KAPITEL 70

KAPITEL 71

KAPITEL 72

KAPITEL 73

KAPITEL 74

KAPITEL 75

DANKSAGUNGEN

ZUSAMMENFASSUNG VON SPARK OF THE EVERFLAME

ZUSAMMENFASSUNG VON GLOW OF THE EVERFLAME

Für alle, die von den Flammen erfasst wurden, denkt daran, dass die heißesten Feuer die stärksten Schwerter schmieden.

Lumnos, ReichdesLichtsundSchattens

Ein Licht, das brennt, wo Schatten wacht

Ihr blauer Blick herrscht Tag und Nacht

Fortos, ReichderKraftundTapferkeit

Mit Schwert und Auge, ganz in Rot

Sie bringen Heilung oder Tod

Faunos, ReichderBestienundUngeheuer

Ob Fell, ob Feder, Kralle, Huf

Es folgt der gelben Augen Ruf

Arboros, ReichderWurzelnundDornen

Natur zürnt, wenn ihr Moosblick trifft

Die schönsten Blumen bergen Gift

Ignios, ReichdesSandesundFeuers

In Geist und Blick ein Brand entfacht

Die Wüste birgt des Feuers Macht

Umbros, ReichderIdeenundGeheimnisse

Iriden schwarz, den Herzen gleich

Ein Kuss raubt dein Gedankenreich

Meros, ReichdesMeeresundHimmels

Wie See ihr Blick, tut Stürme kund

Dein Grab liegt still am Meeresgrund

Sophos, ReichdesGedankensundFunkens

Der Weisheit Funke bringt das Licht

Tod blickt dir rosig ins Gesicht

Montios, ReichdesSteinsundEises

Die Augen violett, wie Stein

Ihr Eis stimmt auf das Ende ein

Scheiße.

Ich ertrinke.

Bewusstsein rollte über mich hinweg, wie eine riesige Welle. Seine Strömung zog mich aus den schwarzen Tiefen meiner Benommenheit, drehte dann aber um und drängte mich ohne Vorwarnung wieder hinab.

Meine Augenlider fühlten sich an wie mit Ankern beschwert. Ich versuchte, sie aufzureißen, aber das wenige Licht, das hindurchdrang, war zu diffus, zu formlos, um irgendetwas erkennen zu können.

Für einen langen, verwirrenden Moment schwebte ich einfach nur, war nicht ganz sicher, ob ich wach war oder träumte, bis ein wachsendes Feuer in meiner Brust mich in die Gegenwart zurückholte.

Ich ertrinke, dachte ich erneut, und dieser Gedanke wurde immer drängender.

Ich schrie um Hilfe, aber der Schrei kam nur gurgelnd und schwach heraus. Etwas bedeckte mit Druck meine Nase und meinen Mund.

Meine Kehle schnürte sich zu, ich versuchte, die Flüssigkeit aus meiner Kehle zu pressen, während meine Lunge gleichzeitig nach Luft schrie. Ein enormer Druck lag auf meinen zappelnden Gliedmaßen und hielt sie fest.

»Hör auf, dich zu wehren, und schluck.«

Auf diesen Befehl hin wurde ich still. Eine Brise fuhr mir kühl über die Haut, die, wie mir langsam klar wurde, trocken war. Ich befand mich eindeutig nicht unter Wasser.

Meine Augen öffneten sich, und die verschwommene Welt um mich herum nahm schärfere Konturen an, die sich zu einem fremden Gesicht formten – einer Frau mit dunkelbrauner Haut und kastanienbraunen Augen, deren dünne Braids zu einem Knoten auf ihrem Kopf gebunden waren.

»Schluck es runter, dann lassen wir dich atmen.« Obwohl ihr Ton ruhig war, waren ihre Züge hart wie Stein und ebenso unerbittlich.

Ich unternahm einen schwachen Versuch, mich zu wehren, konnte aber kaum denken, weil dieses Höllenfeuer in meiner Brust brannte. Aber der gleichgültige

Blick der Frau sagte mir, dass sie auch absolut kein Problem damit hätte, mich einfach aus bloßer Verachtung ersticken zu lassen.

Ich zwang die Flüssigkeit hinunter, und die Hand, die meine Nase zuhielt, verschwand. Endlich konnte Luft in meine Lunge strömen und meine brennende Panik beruhigen.

»Gut«, sagte die Frau und nickte.

Sie löste langsam ihre Hand von meinen Lippen, sodass ich mehr Luft durch meine zusammengebissenen Zähne saugen konnte, aber sie warf rasch jemandem außerhalb meines Sichtfeldes einen Blick zu, woraufhin sich ein muskulöser Arm fest um meinen Kiefer legte.

Sie hob einen Becher an meine Lippen. »Noch einmal«, befahl sie.

Etwas Flüssiges schwappte mir über das Gesicht. Ein Teil davon drang in meine Nasenlöcher, und das panische Gefühl des Ertrinkens kehrte zurück.

»Es wird alles gut«, sagte sie ruhig. »Trink aus.«

Da ich keine andere Wahl hatte, nahm ich widerwillig einen weiteren Schluck, und dann noch einen.

Meine Gedanken kreisten um den Geschmack, der meinen Mund ausfüllte. Irgendetwas daran war vage vertraut – herb, fast metallisch, aber mit einer Zitrusnote, die unter dem kreidigen Geschmack von Rauch und Asche durchschimmerte.

Angst kroch mir in die Knochen. Ich kannte diesen Geschmack – fast zehn Jahre lang hatte ich jeden Tag mit einer Tasse davon begonnen.

Flammwurz.

»Wie viel von dieser Mischung sollen wir ihr zu trinken geben?«, rief die Frau über die Schulter.

»Ich habe drei Löffel pro Tasse hineingetan«, antwortete jemand. »Auralie sagte, nur einen, aber da dieses Mädchen eine Crown ist, dachte ich, sie braucht vielleicht eine stärkere Dosis.«

Der Name meiner Mutter durchfuhr mich wie ein Blitz und ließ die Erinnerung an meinen letzten bewussten Moment mit einem Schlag wieder vor meinem inneren Auge auftauchen.

Ich hatte auf dem Podest im Tempel der Kindred gestanden, umgeben von den anderen Crowns der neun Reiche von Emarion. Ich hatte die Herausforderung überlebt und mir meinen Platz als Königin verdient, aber dann war mein Krönungsritual schrecklich schiefgelaufen. Tropfen meines Blutes hatten einen Energiestoß heraufbeschworen, der den Herzstein beschädigt und ein Erdbeben auf der heiligen Insel Coeurîle ausgelöst hatte.

Ihr seid nicht die Königin von Lumnos, hatte die Crown von Sophos mich beschuldigt. Ihr seid eine Hochstaplerin.

Bevor ich mich verteidigen konnte, war meine Mutter – die Frau, deren Verschwinden vor acht Monaten so viele Geheimnisse ans Licht gebracht hatte, die mein Leben für immer verändert hatten – aus dem Gebüsch aufgetaucht, hatte meinen Namen geschrien und mir zugerufen, ich solle weglaufen.

Und dann war alles in Dunkelheit versunken.

»Wo ist sie?« Die Worte klangen mehr wie ein Zischen, weil ich die Zähne noch immer zusammengebissen hatte. »Ist Auralie hier?«

Die Frau hielt meinen Blick fest, während sie einen Dolch zog und ihn bedrohlich vor meinem Gesicht baumeln ließ. Die Klinge war schwarz und glänzte im wenigen Sonnenlicht, das durch die Bäume fiel.

Meine Augen weiteten sich.

Götterstein. Da ich als Mortal aufgewachsen war, wusste ich nur sehr wenig über dieses seltene Material. Ich wusste nicht, ob ich es vor meinem Besuch im Tempel der Kindred, der vollständig aus dem schimmernden dunklen Gestein erbaut war, überhaupt schon jemals gesehen hatte.

Aber eines wusste ich: Für jene mit Descended-Blut war jede Wunde durch Götterstein giftig, oft sogar tödlich.

»Wenn du weißt, was das ist«, sagte die Frau, »dann weißt du auch, was ich tun kann, wenn du auf die Idee kommst zu fliehen.«

Der Arm um meinen Kiefer lockerte sich und ich nickte leicht. Sie musterte mich, ihr strenger Blick unterstrich die Ernsthaftigkeit ihrer Drohung.

»Lass sie los«, sagte sie schließlich.

Der Druck auf meinem Körper, der mich bisher festgehalten hatte, ließ erst nach und verschwand dann schließlich ganz. Als ich mich aufrichtete, wich ein Ring aus stämmigen Männern hastig vor mir zurück. Die Frau stand noch immer neben mir, trat dann jedoch einen großen Schritt zurück und hielt ihre Klinge auf meine Brust gerichtet.

Ich sah mich um. Ich befand mich in einer Art Wald, aber das waren nicht die mir vertrauten Eichen und Kiefern von Lumnos. Die dicken Stämme dieser Bäume waren so breit wie ein Pferd, zudem mit seilartigen Ranken bedeckt und ragten kilometerhoch in den Himmel. Saftige Farne und Blumen in allen Farben des Regenbogens schmückten die Umgebung.

Das hier hatte nichts mit dem hohen Gras und dem wild wuchernden Gestrüpp zu tun, das ich auf Coeurîle gesehen hatte. Diese üppige Vegetation wirkte eher wie Emarion – eines der südlichsten Reiche des Festlandes.

Eine Menschenmenge stand mit gezückten Waffen im Kreis um mich herum. Nur wenige andere Klingen bestanden auch aus Götterstein, die meisten eher aus dem charakteristischen dunkelgrauen Metall des fortosianischen Stahls, der – anders als die meisten Waffen der Mortals – in der Lage war, durch meine Descended-Haut zu dringen.

Die Ausdrücke auf ihren Gesichtern reichten von Neugierde über Vorsicht bis hin zu unverhohlenem Hass, aber sie alle hatten eines gemeinsam: braune Augen.

Mortal-Augen.

Die Frau senkte ihre Klinge ein wenig. »Mein Name ist Cordellia. Ich bin die Anführerin unserer Gruppe.«

»Ich bin Diem Bellator«, sagte ich. »Ich würde gerne sagen, dass es mich freut, dich kennenzulernen, aber ich nehme an, ich bin nicht gerade ein Ehrengast.«

Sie schüttelte den Kopf. »Deine Anwesenheit hier ist nicht willkommen, und du bist auch kein Gast.«

Mein Verteidigungsinstinkt setzte ein. Ich schätzte die Gefahren um mich herum ein, so wie es mir mein Vater beigebracht hatte. Ein Stich der Trauer durchfuhr mich, weil ich so plötzlich wieder an ihn denken musste, seine Ermordung war noch nicht lange her, aber ich verdrängte diesen Gedanken rasch. Ich hatte bereits erfahren müssen, was die Verzweiflung mit mir machte, wenn ich ihr zu viel Zeit in meinem Leben gestattete. Ich konnte es mir nicht leisten, denselben Fehler zweimal zu machen.

Mindestens vierzig Mortals hatten sich um mich versammelt, alle bewaffnet. Leise Stimmen deuteten darauf hin, dass noch mehr in der Nähe waren, und ein Flüstern lenkte meinen Blick zu ein paar Bogenschützen, die hoch in den Bäumen saßen.

Ich hatte keine Waffen. Ich versuchte, Magie in meine Handflächen zu lenken, aber vergeblich. Meine Brust war leer und meine Gefühle waren bereits fast vollständig abgestumpft, ein Zeichen dafür, dass die Flammwurz bereits begonnen hatte zu wirken.

Ich war gefangen – und beängstigend schutzlos.

»Wo ist Auralie?«, fragte ich erneut.

Cordellias Miene verzog sich. »Sie ist gerade beschäftigt.« Ich konnte nicht sagen, ob die Missbilligung in ihrem Blick mir oder meiner Mutter galt.

»Ich habe nicht vor, dir etwas zu tun«, sagte ich ehrlich. »Ich bin nicht wie die anderen Crowns. Lasst mich mit Auralie sprechen, sie kann alles erklären. Sie ist meine …«

»Deine Mutter. Das wissen wir. Deshalb bist du noch am Leben.«

Selbst mit der Flammwurz, die meine Gefühle dämpfte, wurde mir kalt.

Meine nächsten Worte wählte ich daher besonders sorgfältig. »Ihr müsst enge Freundinnen sein. Meine Mutter hätte dir nicht von der Flammwurz erzählt, wenn sie dir nicht vertrauen würde.«

Cordellias Augenbrauen zogen sich zusammen. »Hätte sie doch nur auch so viel über ihre Descended-Nachkommenschaft erzählt.«

Ah – die Missbilligung galt also uns beiden.

Mein Lächeln war ironisch und voller Bitterkeit. »Wenn es dich tröstet, sie hielt keinen von uns für würdig, dieses Geheimnis zu erfahren.«

Überraschtes Gemurmel ging durch die Menge.

Cordellia runzelte die Stirn. »Du wusstest nicht, dass du eine Descended bist?«

»Nicht, bis ich die Krone geerbt habe.« Ich hoffte, dass mein frustrierter Seufzer ihr zeigte, dass ich ehrlich zu ihr war. »Es gibt so vieles, was ich noch nicht weiß – einschließlich der Frage, wie ich hierhergekommen bin.«

Sie musterte mich einen Moment lang, dann gab sie zwei großen Männern ein Zeichen, die daraufhin mit einem Paar eiserner Fesseln, die durch eine dicke, schwer aussehende Kette verbunden waren, auf mich zukamen. Beide plusterten sich regelrecht auf, während sie sich mir näherten, doch das konnte ihre Nervosität kaum verbergen. Ihre weit aufgerissenen Augen und zitternden Händen verrieten sie.

»Steh auf«, befahl Cordellia. »Hände vorstrecken, Handgelenke zusammen.«

Es widerstrebte mir nachzugeben, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich stand auf und verschränkte meine Hände vor mir wie zum Gebet. Während einer der Männer die Metallfesseln an meinen Handgelenken befestigte, schenkte ich dem anderen ein zuckersüßes Lächeln.

»Gesegnet sei die Everflame, Bruder«, sagte ich und senkte in gespielter Frömmigkeit die Lider.

Beide Männer hielten abrupt inne, starrten mich an und wandten sich dann Cordellia zu. Sie bedeutete ihnen weiterzumachen, aber ihre Reaktionen sagten mir alles, was ich wissen musste.

Das waren nicht irgendwelche Mortals.

»Behandeln die Hüter der Everflame so eine Mitschwester?«, fragte ich und ließ die dicken Metallketten klirren.

»Du bist keine Hüterin«, knurrte einer der Männer.

Ich schnalzte mit der Zunge. »Falsche Antwort, Bruder. Ich glaube, die richtige Antwort lautet eher: Emarions Boden wird wieder uns gehören. Auch wenn ich zugeben muss, dass seit meinem letzten Treffen ein paar Wochen vergangen sind.«

Der Mann ließ die Handschnellen zuschnappen und stieß mich hart nach hinten, sodass ich alles andere als elegant auf den mit Laub bedeckten Boden fiel.

Cordellia bellte einen Befehl, woraufhin die beiden Männer sich mit einem hinterhältigen Kichern verzogen, dann streckte sie mir ihre Hand entgegen. Ich warf Cordellia einen misstrauischen Blick zu, ergriff sie aber und ließ mir von ihr aufhelfen. Als ich stand, überragte ich sie um mehrere Zentimeter. Tatsächlich war ich größer als die meisten Mortals, die sich auf der Lichtung versammelt hatten, Männer wie Frauen.

Schon als Kind hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, ich sei einfach nur sehr groß für eine Mortal. Dann hatte mich das Schicksal plötzlich als Königin auserkoren und ich wurde mitten in die Welt der hochgewachsenen, muskulösen Descended hineingestoßen, und plötzlich war ich nicht mehr die größte Person in jedem Raum, sondern eine der kleinsten – was ironisch war, denn ich war gleichzeitig zu der mächtigsten Person im ganzen Reich geworden.

Es war ein Symbol dafür, was aus meinem Leben geworden war. Ich lebte in zwei Welten, die sich gegenseitig spiegelten, und passte in keine der beiden so wirklich rein. In einer Welt aus Schwarz und Weiß versuchte ich, meinen Platz in den Grautönen zu finden.

»Ich sehe, du kennst unsere Gruppe«, sagte Cordellia ausdruckslos.

Ihre Zurückhaltung war beeindruckend. Die Entdeckung, dass eine Descended-Königin genaue Kenntnisse über das verbotene Rebellennetzwerk besaß, hätte Grund zur Panik sein sollen. Aber ihr Gesichtsausdruck zeigte nur gelassene Gleichgültigkeit.

»Bevor ich Königin wurde, war ich Mitglied der Lumnos-Zelle«, erklärte ich.

Cordellias Blick wanderte über meine Schulter, ihre Augen verengten sich. »Dann hat anscheinend nicht nur deine Mutter Informationen zurückgehalten.«

Ich wollte ihrem Blick folgen, aber die Bogenschützen brachten mich sofort dazu, wieder innezuhalten.

»Und nachdem du Königin geworden bist?«, hakte sie nach. »Warst du da weiter Teil der Hüter?«

Meine Schultern spannten sich an. Cordellias aufmerksame Augen bemerkten die Bewegung.

»Die Beziehung wurde … angespannt«, wich ich aus. »Aber es war die Wahrheit, als ich sagte, dass ich dir nichts tun will. Ich bin kein Feind der Hüter.«

»Aber du bist auch nicht unsere Freundin«, ertönte eine männliche Stimme hinter mir.

Ein Mann mit blasser Haut und einem dichten, wilden Bart trat in mein Blickfeld. Ich erkannte ihn sofort als den Anführer der Lumnos-Zelle und als den Mann, der mich als Hüterin eingeführt hatte.

Und den Mann, der mich als Verräterin gebrandmarkt hatte, nachdem ich mich geweigert hatte, seinem Befehl zu gehorchen.

»Vance«, begrüßte ich ihn, obwohl es eher wie ein Knurren klang. »Soweit ich mich erinnere, war ich noch eine Freundin, als ich dich zu dem königlichen Boot gebracht habe.«

»Geschah das aus Loyalität?«, gab er zurück. »Oder war das das Verhalten einer Frau, die verzweifelt versuchte, ihren Verlobten zurückzugewinnen, nachdem sie ihn betrogen und in ihren Kerker gesperrt hatte?«

Als er Henri erwähnte, zog sich mein Magen zusammen. Ich wollte Vance nicht die Genugtuung geben, es zuzugeben, aber er hatte recht – ich hatte den Hütern geholfen, in dem Versuch, das zerbrochene Vertrauen zwischen mir und meiner Sandkastenliebe wieder zu kitten.

Es war unglaublich leichtsinnig gewesen, vor allem, da ich wusste, wozu die Hüter fähig waren, aber ich war so verzweifelt über den Tod meines Vaters gewesen, so von Wut auf die Descended wegen seines Mordes erfüllt, dass ich so naiv gewesen war, mir selbst einzureden, dass ich es schon irgendwie schaffen würde, Henri zu helfen und gleichzeitig die Hüter davon abzuhalten, zu weit zu gehen.

Ich hätte wissen müssen, dass die Hüter immer zu weit gehen würden.

Cordellia sah zwischen uns beiden hin und her. »Du hast mir nie erzählt, dass sie dir bei der Planung unseres Angriffs auf die Insel geholfen hat, Vance. Und du hast nie erwähnt, dass sie Mitglied deiner Zelle ist.«

»Angriff?«, wiederholte ich. »Welcher Angriff?«

Vance zuckte leicht mit den Schultern. »Ihre Zeit bei uns war so kurz, dass ich mich kaum daran erinnere. Und ich habe dir gesagt, dass sie nützlich war, auch wenn sie nicht vertrauenswürdig ist.«

»Ich bin nicht vertrauenswürdig?« Ich machte ein paar Schritte auf ihn zu. Cordellia hob ihren Dolch in meine Richtung, um mich auf Distanz zu halten. »Ich habe deine Geheimnisse bewahrt, oder nicht? Und ich habe dir in der Nacht des Balls das Leben gerettet. Und auch, als die Wachen uns im Kanal entdeckt hatten.«

»Und jetzt habe ich mich revanchiert«, fauchte er. »Du bist dem Angriff entkommen. Betrachte meine Schuld dir und deiner Mutter gegenüber als vollständig beglichen.«

»Welche Schuld gegenüber meiner Mutter?« Ich stürmte auf Vance zu, obwohl Cordellias Götterstein-Klinge nur wenige Zentimeter von meiner Haut entfernt war. »Wo ist sie? Und was ist auf der Insel passiert?«

»Halte Abstand«, sagte Cordellia warnend, während sie sich zwischen uns drängte.

Mein Blick richtete sich auf sie, meine Stimme wurde vor Wut immer lauter. »Du hast versucht, mich zu ertränken, hast mich mit Gewalt unter Drogen gesetzt, mich in Ketten gelegt und gibst mir keinerlei Erklärung.« Ich hob meine Fäuste und die Ketten an meinen Handgelenken klirrten laut. »Ich werde Abstand halten, wenn einer von euch endlich anfängt, mir Antworten zu geben.«

Einer der Bogenschützen schoss einen Pfeil ab. Er verfehlte meinen Kopf nur knapp, zischte an meinem Ohr vorbei. Ein paar Strähnen meines schneeweißen Haares fielen zu Boden.

Ich wandte den Blick nicht ab, weigerte mich zurückzuweichen, und konzentrierte mich auf die Stimme meines Vaters, die mir leise Ratschläge ins Ohr flüsterte. Und mich an die Lektionen erinnerte, die er mir beigebracht hatte.

Gib niemals einem Warnschuss nach, sonst werden sie nur öfter schießen. Provoziere keinen Kampf, wenn du nicht bereit bist, ihn auch zu Ende zu bringen.

Ich sah Cordellia fest in die Augen und beugte mich vor, bis die Spitze ihres Dolches an meiner Kehle lag. Es war eine Herausforderung – und gleichzeitig ein gewagter Zug.

»Du weißt, wer meine Mutter ist, also musst du auch wissen, wer mein Vater ist«, knurrte ich. »Und dann weißt du auch, dass ich keine Magie oder Waffen brauche, um mich zu verteidigen, wenn es sein muss.«

»Siehst du?«, schnaubte Vance. »Sie droht uns bereits. Ich habe dir gesagt, man kann ihr nicht trauen.«

Ich ließ meinen Blick zu Vance gleiten und hielt seinem Blick stand, bis er schnaufte und wegsah.

»Tritt zurück, Miss Bellator«, sagte Cordellia ruhig. »Kooperiere, und ich werde dir die Antworten geben, die du suchst.«

Vance protestierte erneut, trat diesmal nah an Cordellia heran und flüsterte ihr seinen Protest so leise zu, dass ich ihn nicht verstehen konnte. Ich sah, wie kurz Verärgerung über ihr Gesicht huschte, bevor sie diesen Gefühlsausbruch wieder unterdrückte. Sie wirkte nicht wie eine Frau, die ihre Frustration offen zeigte – die Tatsache, dass Vance sie so weit getrieben hatte, sagte mir, dass es einen Riss in der Beziehung der beiden Hüter-Anführer gab.

Einen Riss, den ich vergrößern musste.

Ich senkte meine Hände und trat langsam zurück, senkte nachgiebig den Kopf. »Verzeih mir meinen Wutausbruch«, sagte ich zu Cordellia. »Wenn es um ihn geht, fällt es mir schwer zu vertrauen. Wie du habe auch ich festgestellt, dass Vance die Angewohnheit hat, wichtige Details zurückzuhalten. Zumindest Frauen gegenüber.« Ich warf ihr einen vielsagenden, wissenden Blick zu. »Nur seine männlichen Kollegen waren immer vollständig informiert.«

Vance schnaubte. »Ich habe jahrelang mit deiner Mutter zusammengearbeitet. Sie hatte nie ein Problem mit mir.«

»Wirklich?« Ich legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. »Das ist seltsam. Sie und ich haben oft darüber gesprochen, wem sie in Lumnos vertraut hat, wenn es um vertrauliche Informationen ging, und dich hat sie nie erwähnt.«

Er deutete mit dem ausgestreckten Finger auf mich. »Du versuchst nur …«

»Das reicht, Bruder Vance«, schimpfte Cordellia. »Ich schaffe das schon allein.«

Er versteifte sich und richtete seinen Blick wieder auf sie. »Ich glaube, du meintest Vater Vance.«

»Nur in Lumnos. Hier in Arboros bist du ein Bruder, genau wie jeder andere Mann auch.«

Arboros, Reich der Wurzeln und Dornen.

Das hätte ich wissen müssen. Während meiner Zeit als Hüterin hatte ich gehört, dass die Zellen von Lumnos und Arboros gemeinsam an einer Mission arbeiteten, und Henri und meine ehemalige Heilerkollegin Lana – beide Hüter –, waren vor dem Krönungsritus nach Arboros aufgebrochen.

Vance verschränkte die Arme. »Ich bin ebenso Anführer des Reiches wie du, Mutter Cordellia. Ich habe mir meinen Titel verdient.«

»Wirklich?«, unterbrach ich ihn. »Henri hat mir erzählt, dass dir der Titel nur übergangsweise zugesprochen wurde, bis die Frau, die das Sagen hat, zurückkommt.«

Cordellia nickte. »Sie hat recht, Vance. Du bist nur der Lumnos-Vater, bis Auralie ihren Posten als Anführerin der Hüter wieder aufnehmen kann.«

Anführerin der Hüter.

Blut schoss mir in den Kopf.

»Was hast du gesagt?«, krächzte ich. »Auralie … meine Mutter … sie ist …«

Cordellias Augenbrauen hoben sich. »Das wusstest du auch nicht? Sie hat uns fast ein Jahrzehnt lang angeführt.«

Die Erinnerungen an mein Leben wirbelten um mich herum, ordneten sich angesichts dieser Information neu an. Meine Mutter, Auralie Bellator, war die Anführerin der skrupellosen, gewalttätigen Rebellen, die einen blutigen Krieg gegen die Descended führten. Gegen mich.

Meine Mutter, die eine Karriere als Heilerin für die Descended in der Armee von Emarion gemacht hatte.

Meine Mutter, die mit einem Descended geschlafen haben musste, um mit mir schwanger zu werden.

Meine Mutter, die ausgehandelt hatte, ihren Sohn Teller auf die Akademie der Descended zu schicken, damit er unter der Elite von Lumnos aufwachsen konnte.

Alle diese geliebten Bilder von ihr, die ich in meinem Kopf aufbewahrt hatte, fühlten sich plötzlich verzerrt und verdreht an, die Farben waren völlig falsch, wie ein Gemälde, das man vor die Tür gestellt hatte, wo Sonne und Regen es verändert hatten. Wie konnten diese Entscheidungen von ein und derselben Frau getroffen worden sein?

Hatte mein Vater die Wahrheit über sie gewusst? Wusste Teller davon?

Wusste Luther davon – hatte er ihr deshalb heimlich geholfen?

Bei dem Gedanken an ihn zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen. Er würde sich bestimmt fragen, wo ich war, machte sich Sorgen, ob ich in Sicherheit war, und gab sich bestimmt selbst die Schuld für meine Gefangennahme. Er hatte kaum zugelassen, dass ich den Palast ohne eine kleine Schar aus Wachen verließ – wenn er wüsste, dass ich mich in Ketten in einem Lager der Rebellen befand, würde er sofort hergestürmt kommen, um mich zu retten, und sich von nichts und niemanden davon abhalten lassen.

Genauso wie er wahrscheinlich hergestürmt war, als er bemerkte, dass die Rebellen Coeurîle angriffen.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. »Der Angriff – wurde jemand verletzt? Gab es Verluste?«

Cordellias Gesichtsausdruck wurde weicher und zeigte ein wenig Mitgefühl. »Deine Mutter hat überlebt. Sie wurde nicht verletzt, aber sie …«

»Wurden irgendwelche Descended getötet?«

Die Frage sprudelte einfach aus mir heraus. Es gelang mir einfach nicht, Gleichgültigkeit vorzutäuschen, und plötzlich wurden um mich herum Münder zusammengepresst, Augen verengten sich, und Misstrauen breitete sich auf den Gesichtern der Mortals aus.

»Es gab einen Mann, der mit mir auf die Insel gekommen ist. Er – er ist ein Freund meiner Mutter. Und von mir.« Mein Puls beschleunigte sich, als die Aussicht, ihn zu verlieren, zu groß und zu real wurde. »Er ist ein guter Mann. Er hat den Mortals geholfen. Er –«

»Du warst die einzige Descended, die wir verschonen sollten«, sagte Cordellia knapp. Alle Wärme war aus ihrem Tonfall verschwunden. »Es gab Verluste auf beiden Seiten. Mehr Informationen kann ich dir nicht geben.«

Meine Knie fühlten sich an, als bestünden sie aus Sägemehl, als würden sie beim geringsten Windhauch zusammenzubrechen. Wenn Luther bei dem Versuch, mich zu beschützen, getötet worden war – und zwar durch einen Angriff, den ich mitverschuldet hatte …

Wenn es wirklich so wäre, würde ich mir das nie verzeihen. Und ich würde meiner Mutter nie verzeihen.

»Bitte«, flehte ich, während meine Wut Verzweiflung wich. »Sag mir, was passiert ist. Warum war meine Mutter dort? Warum bin ich hier?«

Cordellia seufzte. »Als klar wurde, dass der König von Lumnos bald sterben würde, wusste deine Mutter, dass die Crowns sich versammeln mussten, um seinen Nachfolger zu krönen. Sie schlug vor, während des Rituals einen Angriff zu starten, um die Insel zu erobern. Sie hatte einen Komplizen, der sie am letzten Forging Day heimlich nach Coeurîle geschmuggelt hat, damit sie hier Sprengstoff verstecken konnte, den sie zünden wollte, sobald die Crowns eintreffen.« Sie hielt inne. »Ich glaube nicht, dass sie damit gerechnet hat, dass ihre Tochter gekrönt werden würde.«

»Wir wussten auch nicht, dass es acht Monate dauern würde, bis wir zuschlagen konnten«, murmelte Vance.

Lose Details aus dem letzten Jahr fügten sich langsam zu einem Bild zusammen.

Luther musste der Komplize gewesen sein, der sie auf die Insel gebracht hatte. Nur Crowns hatten Zugang zu Coeurîle, und selbst dann nur zu bestimmten Anlässen, aber vielleicht hatte Luther die Erlaubnis erhalten, anstelle des Königs zu gehen, angesichts seines schlechten Zustandes.

Kein Wunder, dass Luther so sicher gewesen war, dass sie noch am Leben war. Meine Mutter besaß das nötige Wissen, um sich auf der Insel Nahrung und Wasser beschaffen zu können, und solange sie nicht von den Armeebooten entdeckt wurde, die an der Küste in der Nähe patrouillierten, war sie völlig ungestört gewesen.

Und deshalb hatte er versprochen, sie bis zum Jahresende zu holen – er wusste, dass sie bei meiner Krönungszeremonie sein würde.

Widersprüchliche Gefühle rangen in meinem Herzen miteinander. Frustration wegen Luther, weil er mir nichts gesagt hatte, aber auch Angst, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Ich war wütend auf meine Mutter, weil sie mit ihren Geheimnissen das alles erst ausgelöst hatte, verspürte gleichzeitig aber das verzweifelte Bedürfnis, sie wiederzusehen und zu wissen, dass sie in Sicherheit war.

»Auralie hat gesagt, dass wir die nächste Lumnos-Crown nur verschonen sollen, wenn es sich dabei um einen Mann mit dunklem Haar und einer Narbe handelt«, fuhr Cordellia fort. «Du hast Glück, dass Vance dich rechtzeitig gefunden hat. Nachdem du durch die Explosionen bewusstlos geworden bist, hat er dich in Sicherheit gebracht und von der Insel geholt, solange die Descended abgelenkt waren.«

Vance warf mir einen vielsagenden Blick zu, hatte Augenbrauen hochgezogen, weil er wohl ein demütiges Danke erwartete, aber ich konnte meinen Blick nicht von Cordellia abwenden. »Der Mann mit der Narbe – hast du ihn dort gesehen? Hat er überlebt?«

»Ich kann es nicht sagen, und es gibt keine Möglichkeit, das jetzt noch herauszufinden. Die Leichen der Descended wurden verbrannt, um zu verhindern, dass sie sich mit ihren Heilkräften wieder regenerieren.«

Galle stieg mir in die Kehle und ich schwankte. Es war wieder wie in der Nacht in der Waffenkammer – alles wiederholte sich. Descended-Wachen, tot und verbrannt, Opfer eines Angriff, den ich unwissentlich ausgelöst hatte. Ihr Blut an meinen Händen, ihre Leichen zu meinen Füßen.

Nur dieses Mal waren die Toten vielleicht keine Fremden.

»Wo ist meine Mutter? Ich muss sie sehen.«

»Ich habe es dir bereits gesagt, sie ist nicht hier.«

»Bring mich zu ihr.«

»Das kann ich nicht.«

»Warum? Ist sie noch auf der Insel? Lass mich einfach frei, ich finde schon selbst einen Weg dorthin.« Ich riss an den Metallfesseln an meinen Handgelenken, während sich mir nervöse Männer mit erhobenen Waffen näherten. Einer kam mir zu nahe, und ich schwang die Kette meiner Fesseln herum, trieb sie wieder zurück.

Cordellia hob eine Hand und machte einen zögernden Schritt auf mich zu. »Du musst dich beruhigen.«

»Ist sie in Lumnos?« Ich wurde immer verzweifelter, stolperte über meine eigenen Worte. »Lasst mich gehen, ich muss zu ihr – dort ist es nicht sicher für sie. Ihr müsst mich nicht mitnehmen, ich … ich finde schon allein zurück. Bitte, ich muss gehen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Diem …«

»Lass mich zu ihr!«, schrie ich.

»Das geht nicht«, unterbrach mich Vance. »Sie sitzt in einer Gefängniszelle in Fortos und wartet auf ihre Hinrichtung. Sie wurde gefangen genommen, als sie versuchte, dich zu beschützen.«

Seine Worte hallten unheilvoll in meinen Gedanken wider.

Ich blinzelte Cordellia an und suchte in ihrem Gesicht nach einem Hinweis darauf, dass Vance das nur aus Rache gesagt hatte, aber sie presste die Lippen zusammen und nickte.

»Wir sind schon dabei, eine Rettungsmission vorzubereiten«, fügte sie hinzu. »Wir haben Verbündete in Fortos, die ihr vielleicht helfen können.«

Obwohl der Ausdruck auf ihrem Gesicht Zuversicht ausdrückte, nahm ich nur das leichte Zittern in ihrer Stimme wahr. Meine kurze Zeit als Königin hatte mich gelehrt, dass man eine Maske der Zuversicht aufsetzen musste, wenn das Scheitern so gut wie sicher war, und ich erkannte diese Maske, wenn ich sie sah.

»Ich werde in mein Reich zurückkehren und verhandeln, um sie rauszuholen«, sagte ich. »Ich werde mit dem König von Fortos sprechen. Jetzt, da ich gekrönt bin, hört er vielleicht auf mich.«

»Du bist eine neu gekrönte Königin mit Verbindungen zur Welt der Mortals. Du besitzt keinen Einfluss und hast nichts, was du im Tausch anbieten könntest.«

»Und du schon?«, gab ich zurück.

»Ja«, sagte sie knapp. »Wir haben jetzt die Insel. Die Crowns brauchen Zugang dazu, um ihre Rituale vollenden zu können. Lange werden sie nicht ohne die Insel durchhalten – unsere Quellen sagen uns, dass je länger sie ihre Zeremonien hinauszögern, umso instabiler ihre Magie wird.« Sie sah mich streng an. »Und wir haben noch etwas, das sie brauchen.«

Ich runzelte die Stirn. »Was?«

»Dich«, antwortete Vance mit einem Grinsen. »Sie brauchen alle neun Crowns, um das Ritual zu vollenden. Wir geben ihnen die Insel nicht zurück, nicht einmal im Austausch für Auralie. Aber dich können wir ihnen geben.«

»Gut«, sagte ich scharf und nickte. »Ich werde es tun. Was auch immer ihr braucht,.«

Über beide Gesichter huschte Überraschung.

»Du wirst kooperieren?«, fragte Cordellia.

»Sie ist meine Mutter. Glaubt ihr wirklich, ich würde nicht alles tun, um sie zu retten?«

Ein Anflug von Unsicherheit zeigte sich in ihrem Gesicht. »Du bist eine Descended. Und eine Crown. Eure Art war unserer Art gegenüber noch nie loyal.«

»Ich bin auch zum Teil sterblich. Eure Art ist meine Art. Was meine Krone angeht, werde ich dir das Gleiche sagen, was ich den Descended von Lumnos gesagt habe.« Ich hob entschlossen mein Kinn. »Ich habe vor, eine Königin zu sein, die sich für das Wohl ihres gesamten Volkes einsetzt, unabhängig von dessen Abstammung.«

Ihre Augen verengten sich. »Du stellst dich nicht auf die Seite der Mortals, obwohl du gesehen hast, wie wir behandelt werden?«

»Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um das Unrecht, das den Mortals angetan wurde, wieder gutzumachen, aber ich werde keine Gewalt gegen Unschuldige dulden – seien es nun Mortals oder Descended.« Ich warf Vance einen bösen Blick zu, der nur grunzte und die Augen verdrehte.

Cordellia musterte mich eingehend. Ich verstand ihre Vorurteile – noch bis vor ein paar Wochen hatte ich genauso über Descended gedacht wie sie. Ich hielt sie alle für grausam, seelenlos und unfähig, Mitgefühl zu empfinden. Das würde ich vielleicht immer noch denken, wenn ich nicht gezwungen worden wäre, eine von ihnen zu werden.

Allerdings … etwas an dem kleinen Nicken, mit dem sie meine Musterung beendete, und an der Stärke und Entschlossenheit, die in ihren tiefen, rotbraunen Augen aufblitzten, ließ mich hoffen, dass sie vielleicht doch eine Verbündete sein könnte.

»Du hast einen sterblichen Bruder, richtig?«, fragte sie und ich nickte. »Ich kann befehlen, dass die Lumnos-Hüter ihn aus deinem Reich holen und hierherbringen. Bei meinem Volk wird er in Sicherheit sein.«

Einen Moment lang zog ich das ernsthaft in Betracht. Als Mortal wäre Teller hier willkommen, auch wenn ich es nicht war. Ein Rebellenlager war nicht gerade ein sicherer Ort, aber das war der Palast auch nicht, vor allem, da der Mörder unseres Vaters noch auf freiem Fuß war.

Aber Teller hierherzubringen, würde bedeuten, er könnte nicht mehr die Akademie besuchen – und würde Lily nicht mehr sehen können – und wenn die Descended herausfänden, dass er von den Hütern beschützt wurde, würden sie ihm nie wieder trauen, oder schlimmer noch, ihm darum etwas antun.

Nein. Teller hatte bereits zu viel verloren. Ich konnte ihm nicht auch noch das wenige Glück wegnehmen, das ihm noch geblieben war. Ich musste darauf vertrauen, dass meine neuen Corbois-Freunde ihn beschützen würden.

»Das ist nicht nötig«, antwortete ich schließlich. »Ich habe Verbündete dort, die auf ihn aufpassen, bis ich zurückkomme.«

»Das kann eine ganze Weile dauern«, warnte sie mich. »Wir haben Nachrichten an die Crowns geschickt, aber wir werden möglicherweise monatelang keine Antwort erhalten.«

Ich erstarrte. »Ich habe keine Monate. Die Descended in meinem Reich wollen unbedingt die Mortals angreifen. Wenn ich nicht bald zurückkehre …« Ich musste an Aemonn denken, und seine Ernennung zum General der Königlichen Garde, und ein Schauer lief mir über den Rücken. »Ich muss zurück und sie aufhalten, bevor die Sache eskaliert.«

»Meine Männer werden sich in Lumnos um alles kümmern«, warf Vance ein.

»Nein, deine Männer werden in Lumnos einen Krieg anzetteln«, protestierte ich. »Deine Vorgehensweise wird nur Leben kosten.«

»Der Krieg hat bereits begonnen, Euer Majestät.« Der Titel klang aus seinem Mund wie eine Beleidigung, er spuckte auf den Boden und legte eine Hand auf den Griff seines Schwertes. »Im Gegensatz zu dir haben wir keine Angst zu kämpfen – und zu sterben, wenn es sein muss.«

Cordellia hob eine Hand, um mich zurückzuhalten, bevor ich widersprechen konnte. »Du hast gesagt, du würdest alles tun, was nötig ist – nun, das ist es, was nötig ist. Geduld. Und Vertrauen darauf, dass wir unseren Teil erledigen.«

Ich schluckte meinen Protest hinunter, doch er blieb mir wie ein bitterer Kloß in der Kehle stecken. Im Moment stand zu viel auf dem Spiel. Ich musste Luther finden und sicherstellen, dass er unverletzt war, meine Mutter retten und von ihr Antworten darüber bekommen, wer und was ich war, und ich musste nach Lumnos zurückkehren, um meinen Thron einzunehmen, bevor Remis und seine Verbündeten ein Chaos anzetteln konnten, das ich unmöglich wieder in Ordnung bringen könnte.

Im Moment hatte ich keine Wahl. Ich musste abwarten und beten, dass, wenn die Dinge aus dem Ruder liefen, ich in der Lage war, mich und alle, die ich liebte, zu beschützen.

Hast du nicht zugehört, als ich sagte, ich würde helfen?«

Der wütende Mann ohne Hals grunzte nur als Antwort und schubste mich weiter in Richtung der Bäume.

Alle Hoffnungen, dass ich durch meine Kooperation vielleicht mit einer etwas besseren Behandlung rechnen könnte als andere Kriegsgefangene, wurde auf einen Schlag zunichte gemacht, als ich hörte, wie Cordellia einem Hüter befahl, »sie an die andere zu ketten« – eine Beschreibung, die mich ebenso neugierig wie ängstlich machte.

»Du könntest wenigstens die Fesseln lösen«, murmelte ich, während ich versuchte, nicht zu stolpern, weil er mich so grob hinter sich her zerrte. »Ich werde nicht weglaufen. Ich habe versprochen, dass ich hierbleibe.«

»Du bist eine Descended«, sagte er höhnisch. »Dein Wort bedeutet nichts.«

»Halb-Descended. Wir sind gar nicht so unterschiedlich. Ich bin als Mortal aufgewachsen. Ich wurde von ihnen auch wie Dreck behandelt.«

»Tief in eurem Herzen denkt ihr alle nur an euch selbst. Das liegt euch im Blut, und nichts wird das ändern, auch nicht, wie du aufgewachsen bist.«

Ich blieb abrupt stehen, zwang damit auch ihn anzuhalten. »Das glaubst du doch nicht wirklich.«

Er lachte höhnisch. »Lady, es gibt nichts, was ich mehr glaube.«

»Wir wissen beide, dass es gute und schlechte Mortals gibt. Warum kann es dann nicht auch gute und schlechte Descended geben?«

Er starrte mich so an, als wüsste er, dass ich recht hatte, und das machte ihn wütend. »Wie kannst du sie in Schutz nehmen, wenn du so aufgewachsen bist wie wir alle?«

»Das tue ich nicht. Die Scheiße, die sie uns angetan haben …« Seine Augen verengten sich und ich verdrehte meine. »… na schön, den Mortals angetan haben … das ist unverzeihlich. Aber egal, wie dieser Krieg ausgeht, am Ende müssen wir alle miteinander auskommen. Das geht nicht, wenn wir uns weigern, das Gute im anderen zu sehen.«

Ich schenkte ihm ein hoffnungsvolles Lächeln. Seine verächtlich hochgezogene Oberlippe senkte sich ein wenig. Man konnte förmlich sehen, wie sich in seinem Kopf die Zahnräder zu drehen begannen, sich mühsam durch den giftigen Schlamm aus Vorurteilen arbeiteten, den ich nur zu gut kannte.

Sein Kiefer mahlte, er schien regelrecht auf meinen Worten herumzukauen, während er über sie nachdachte. Derweil wanderte mein Blick über seine Schulter. Inmitten von dichtem Gestrüpp, das mir fast vollständig die Sicht versperrte, entdeckte ich etwas, dessen Anblick mich schaudern ließ.

Sprengstoff. Das Lieblingswerkzeug der Mortal-Rebellen. Ganze Stapel in allen möglichen Größen und aus allen möglichen Materialien. Genug, um eine ganze Stadt dem Erdboden gleichzumachen – oder einen Palast der Descended.

Ich holte scharf Luft, und der Mann folgte meinem Blick zu dem Vorrat an selbst gebauten Bomben. Seine Gesichtszüge verzogen sich zu einer finsteren Grimasse, als würde sich jeglicher Respekt, den ich gerade noch gewonnen hatte, auf einen Schlag wieder in Luft auflösen.

»Planst du schon deinen Angriff auf uns?« Er riss mich wieder nach vorne. »Mutter Dell ist vielleicht bereit, mit einigen von euch zusammenzuarbeiten, aber das heißt nicht, dass ich euch vertrauen muss. Ich weiß, was ihr seid. Spar dir deine schönen Worte für einen anderen Narren auf.«

Wir liefen schweigend weiter, bis wir einen nur dünn mit Bäumen besiedelten Bereich erreichten, auf dem überall verstreut Zelte standen. Eine Frau kniete vor einem kleinen Baum, man hatte ihre Hände ebenfalls gefesselt, und eine leuchtende Krone aus Blättern und ständig neu erblühenden Blumen schwebte über ihrem Kopf.

»Arboros?«, keuchte ich.

Ihre smaragdgrünen Augen trafen meine und weiteten sich. »Lumnos!«

Ich wandte meinen schockierten Blick meinem Begleiter zu. »Ihr habt die Königin des Reiches gefangen, in dem ihr euch versteckt? Seid ihr alle völlig verrückt geworden?«

Er antwortete nicht, sondern starrte verbissen geradeaus, während wir uns ihr näherten.

»Den Kindred sei Dank, Ihr lebt noch«, sagte sie atemlos. »Ich dachte, Ihr wäret der Explosion umgekommen.«

Der Mann begann, meine Fesseln an einer Kette zu befestigen, die um den Stamm des Baumes geschlungen war, und ich verspürte eine Welle der Erleichterung, weil sie und ich nah genug beieinander sein würden, um miteinander sprechen zu können – so konnte ich vielleicht erfahren, was genau auf der Insel passiert war.

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Wenn sie den Angriff gesehen hatte, hatte sie vielleicht auch gesehen, ob Luther entkommen war. Die Frage drängte sich meine Kehle hinauf, schaffte es aber nicht über meine Lippen, weil ich mich vor der Antwort fürchtete.

»Seid Ihr verletzt?«, fragte ich stattdessen.

Obwohl der moosbedeckte Umhang, den ich zuletzt an ihr gesehen hatte, nun in Fetzen über ihren Schultern hing, schien sie ansonsten unverletzt zu sein. Sie schüttelte den Kopf und rappelte sich auf. »Habt Ihr noch einen der anderen gesehen?«

»Nein – ich dachte, ich wäre die Einzige.«

Ich runzelte die Stirn und musste an Cordellias und Vances Worte denken. Warum hatten die beiden gesagt, ich wäre das einzige Druckmittel, das die Hüter hätten? Wenn sie bereits die Königin von Arboros hatten, die sie gegen die Freiheit meiner Mutter eintauschen konnten, warum hielten sie mich dann davon ab, nach Lumnos zurückzukehren?

Es sei denn, sie hatten nicht vor, die Königin von Arboros am Leben zu lassen.

»Du bist die Nächste«, blaffte der Mann sie an. Er winkte ein paar weitere Hüter zu sich. Sie drängten uns gegen den Baumstamm, einige mit gezückten Messern, ein anderer schwang einen Holzknüppel.

»Was habt ihr mit ihr vor?«, fragte ich und spürte, wie Wut begann, in mir aufzusteigen.

»Du willst sie also beschützen, ja?« Er schnaubte. »Genau, wie ich dachte. Aus dem Weg, Lady. Sie kommt mit uns.«

Ich schob mich so weit vor sie, wie es die Ketten zuließen, benutzte meinen Körper als Schild, um sie vor den Hütern abzuschirmen. »Nicht, bevor ihr nicht schwört, dass ihr sie unversehrt zurückbringt.«

»Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, Mischling. Wir haben hier das Sagen, und machen, was wir wollen.«

Ich erwiderte seinen finsteren Blick. »Du klingst genau wie die Descended.«

Eine wütende Röte überzog sein Gesicht. Er nickte den anderen zu. »Schnappt sie euch!«

Die Hüter stürmten vor. Bevor ich reagieren konnte, packten starke Hände meine Arme und meine Taille und zerrten mich beiseite. Das Schloss an den Ketten der Königin von Arboros sprang auf, und ihr panisches Flehen ließ mein Herz rasen.

»Nein!«, schrie ich und wand mich im Griff der Hüter. Ich riss meine gefesselten Hände hoch, schwang die Kette über meinem Kopf und traf auf das harte Fleisch eines Schädels. Eine Stimme fluchte, und der Griff um meine Taille lockerte sich.

»Wir haben sie«, verkündete jemand. Die anderen ließen mich los und rannten hastig außer Reichweite. Einer von ihnen hielt sich eine blutige Wunde an der Schläfe, und in seinem Blick brannte der Wunsch nach Rache.

Ich sah mit Entsetzen zu, wie die Königin von Arboros weiter weggezerrt wurde. »Lumnos!«, flehte sie mit weit aufgerissenen hellgrünen Augen.

Ich versuchte, zu ihr zu laufen, aber die schweren Ketten rissen mich zurück. »Arboros!«, schrie ich hilflos.

Ein paar Männer aus der Gruppe blieben neben mir stehen und lachten über meine Panik. Einer von ihnen spuckte mir vor die Füße. »Verabschiede dich von deiner hübschen Freundin, Descended-Abschaum.«

Adrenalin schoss durch meine Adern. Ich zerrte an meinen Fesseln und versuchte, mich zu befreien, während meine Füße sich in die Erde krallten.

Da ich nicht als Descended aufgewachsen war und darum auch nicht ihre Erziehung genossen hatte, hatte ich keine Ahnung, wie weit ich gehen konnte, bevor mein Körper nachgab. Meine Glieder und meine Knochen waren ein Mysterium für mich.

Und was war mit der Flammwurz – schwächte sie auch meine Stärke und meine Selbstheilungskraft, ebenso wie sie meine Magie schwächte? In den Jahren, in denen ich sie regelmäßig genommen hatte, hatte ich nie versucht, mehr von meinem Körper zu verlangen, als für einen Mortal möglich war.

Aber was, wenn ich nicht so schwach war wie ein Mortal – was, wenn ich zu viel mehr fähig war?

Zuerst beobachteten mich die Männer mit hochmütiger Belustigung. Obwohl ich eine Königin war, war ich in ihren Augen nur eine zerbrechliche, erbärmliche Frau, die erfolglos versuchte, gegen die Überlegenheit der Natur und der Männer anzukämpfen.

Aber ich hatte schon einmal fast aufgegeben, und das hätte mich fast alles gekostet. Seitdem hatte ich mir geschworen, nie wieder schwach zu sein. Ob mit oder ohne Magie, ich würde nicht aufhören zu kämpfen – niemals.

Ich stemmte mich gegen meine Ketten. Schlamm klebte an den Sohlen meiner unpraktischen Seidenschläppchen, während meine Fußballen immer tiefer in der vom Regen durchnässten Erde versanken. Die eisernen Fesseln schnitten schmerzhaft in meine Haut, einzelne Glieder der Kette quietschten unter der Kraft meines Zuges.

Ein knisterndes Geräusch hallte durch den Wald. Das Lachen der Männer verstummte abrupt.

Ich stöhnte und zerrte erneut an den Fesseln, bis die Kettenglieder begannen zu ächzen und sich zu verbiegen.

Hinter mir wurde das Knacken lauter, und ich konnte einen Schritt nach vorn machen.

»Was bei den Gletschern der Hölle …«, murmelte einer der Männer und wurde blass.

»Der Baum«, hauchte ein anderer.

Ich warf einen Blick über meine Schulter. Der Stamm des Baumes hatte sich zur Seite geneigt, die Wurzeln baumelten in der Luft und frisch aufgeworfene Erdbrocken fielen davon herab.

Selbst die Königin von Arboros starrte mich ungläubig an.

Ich verschwendete keine Zeit, grub meine Füße erneut in den Boden und lief in kurzen, kräftigen Zügen nach vorne. Mit jedem Ruck neigte sich der Baum weiter, mehr und mehr Wurzeln sprangen aus der Erde. Die Mortals begannen zu schreien, sie strömten herbei, riefen um Hilfe und umringten den Stamm.

Mit einem letzten Klirr zerbrach die Kette, die meinen rechten Arm festhielt.

Chaos brach aus. Einige Hüter rannten weg, während andere um Hilfe riefen. Einige krallten sich an der Kette fest, an die mein linker Arm gefesselt war.

»Ihr könnt mich nicht ewig festhalten«, knurrte ich den Mann an, der mich hergebracht hatte. »Lasst sie hier, bei mir, wo sie sicher ist.«

Für den Bruchteil einer Sekunde schwankte er. Dann straffte er die Schultern und riss seinem Kollegen den Holzknüppel aus der Hand. »Bringt die andere zu Mutter Dell«, befahl er und wandte sich dann mir zu. »Ich kümmere mich um sie.«

Ich stemmte mich mit aller Kraft nach vorne. Der Baum knarrte und schwankte und drohte umzufallen, und eine Gruppe Hüter drängte sich gegen den Stamm, um das zu verhindern.

Ihre Bemühungen waren so erfolgreich wie der Versuch, einen Nagel mit einer Blume einzuschlagen. Trotz der Flammwurz war ich stark – unglaublich stark. Stärker, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Ich war mir nicht sicher, ob die Menge der Mortals überhaupt in der Lage wäre, mir auch nur einen Kratzer zuzufügen, selbst wenn es dreimal so viele wären.

Dieser Gedanke war ebenso aufregend wie beunruhigend. Waren alle Descended so stark – und so schwer zu bändigen?

Ich hätte vielleicht kurz einen Gedanken darauf verschwendet, was das für den kommenden Krieg bedeutete, wäre nicht gerade in diesem Moment auch die andere Kette gerissen, gerade als eine Keule auf meinen Schädel zuraste.

Doch mein Schwung schleuderte mich nach vorne, und die Waffe zischte an meiner Nasenspitze vorbei. Ich wich dem Mann aus, bevor er einen zweiten Versuch unternehmen konnte, und rannte zu der Königin von Arboros, der der Schrecken ins Gesicht geschrieben stand.

Vielleicht hätte ich es auch geschafft, sie zu erreichen, hätte mein neu entdeckter Modegeschmack mich nicht zu Fall gebracht. Das lange, seidige blaugraue Gewand, das ich für meine Krönung ausgewählt hatte – weil es mich an Luthers Augen erinnerte und ich das Gefühl haben wollte, dass er über mich wachte –, verhedderte sich um meine Beine, und ich stürzte zu Boden. Hastig rappelte ich mich wieder auf.

»Lumnos«, schrie die Königin von Arboros. »Hinter Euch!«

Ich drehte mich um. Das Letzte, was ich sah, waren zwei kleine braune Augen, die vor Hass glühten, und den verschwommenen Umriss einer Keule, die auf mich herabsauste.

Ich erwachte mit einem Stöhnen und höllischen Kopfschmerzen.

Meine Augenlider hoben sich nur mühsam, und als ich sie endlich aufgeschlagen hatte, blickte ich in den sternenübersäten Mitternachtshimmel. Die Sichel des blassen Halbmondes blickte mit vagem Interesse auf mich herab, aber ich hatte das Gefühl, dass mein Anblick ihn nicht besonders beeindruckte.

Ich streckte die Hand aus, um über die schmerzende Stelle an meiner Schläfe zu reiben, konnte aber meinen Arm kaum bewegen. Tatsächlich konnte ich mich so gut wie überhaupt nicht bewegen.

Die Hüter hatten mich wieder angekettet, diesmal auf einer weiten, grasbewachsenen Wiese mit nur einem einzigen Baum in der Mitte. Der Stamm war massiv, mindestens dreimal so breit wie der Baum, den ich zuvor fast entwurzelt hatte, mit Wurzeln, so dick wie mein Oberschenkel. An meinen Knöcheln waren nun ebenfalls zwei Fesseln angebracht worden und mehrere schwere neue Ketten an jedem Paar Fesseln befestigt, mit gerade genug Spielraum, dass ich mich aufsetzen konnte.

Selbst mit meiner Kraft als Descended würde ich hier nicht entkommen können.

Obwohl weit und breit niemand zu sehen war – auch die Königin von Arboros nicht, wie ich mit Entsetzen feststellen musste –, sagte mir das leise Summen von Stimmen und der Geruch nach Rauch, der von Lagerfeuern stammen musste, dass die Hüter nicht weit weg waren. Und ich war mir fast sicher, dass sich in den Bäumen, die die Lichtung umgaben, Bogenschützen versteckt hielten, die mich niederschießen würden, falls ich es irgendwie schaffen sollte, mich zu befreien.

Ich schaffte es, vorsichtig eine Hand auf die Wunde an meinem Kopf zu drücken, und atmete scharf ein, als ein stechender Schmerz durch meine Kopfhaut schoss. Es tat wahnsinnig weh, aber der Schmerz war nur dumpf, die Schwellung nicht besonders groß. Die Wunde fühlte sich an, als hätte sie bereits ein paar Tage Zeit gehabt zu heilen, nicht nur ein paar Stunden.

Es schien, als hätte die Flammwurz meine Descended-Fähigkeit, schnell wieder zu heilen, nicht beeinträchtigt. Wenn ich es schaffte, ihren Waffen aus Götterstein auszuweichen, bestand vielleicht die Chance, hier lebend herauszukommen.

Das Geräusch von Schritten erregte meine Aufmerksamkeit. Am anderen Ende der Wiese tauchte die schlanke Gestalt eines Mannes aus den Schatten auf.

Meine Muskeln spannten sich an, als seine schlaksige Silhouette näher kam. Als sich meine Augen an das schwache Mondlicht gewöhnt hatten, entfuhr mir ein Keuchen.

»Brecke?«, rief ich.

Ein vorsichtiges Lächeln blitze in seinem wild wuchernden Bart auf. »Weißt du, als ich Henri Albanon gesagt habe, er solle dich gut festhalten, hatte ich mir das anders vorgestellt.«

Ich würgte ein Lachen hervor, denn die Wärme in seiner Stimme hatte eine unerwartete Wirkung auf mich. Mir war nicht bewusst gewesen, wie gut es tat, hier wenigstens einer Person zu begegnen, die nicht darauf aus war, mich bei der ersten Gelegenheit umzubringen.

Er hockte sich vor mich hin und stellte ein Tablett mit einer Schüssel mit Eintopf und einem Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit darin ab. Sein Haar war lang geworden, nicht mehr militärisch kurz geschnitten, da er seinen Posten als Schwertschmied in der Armee von Emarion aufgegeben hatte. Es verlieh seinen jugendlichen Gesichtszügen etwas Würdevolles.

Sein Blick wanderte zu meiner Krone, die, trotz der Flammwurz, immer noch leuchtete. »Deine Lage hat sich sehr verändert, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe, Diem Bellator.«

Ich lächelte grimmig und rüttelte an den Ketten, die meine Arme fesselten. »In mehr als nur einer Hinsicht.«

»Ich hätte dein Angebot annehmen und deine Haut darauf überprüfen sollen, ob sie zu einer Descended gehört, als ich dich in Fortos getroffen habe.«

»Ich wusste es damals nicht, Brecke. Das schwöre ich.«

»Ich weiß.« Er setzte sich neben mich. »Ich habe kurz vor dem Angriff mit Henri gesprochen. Er hat mir gesagt, dass Auralie dich angelogen hat.«

Ich erstarrte. »Henri war auf der Insel?«

Brecke nickte. »Er bat mich, ein Auge auf dich zu haben, sobald der Angriff losging.«

Schuldgefühle lasteten schwer auf meiner Brust. Seit ich wieder zu mir gekommen war, hatte ich kaum einen Gedanken an Henri verschwendet. Meine Gedanken hatten sich auf meine Mutter konzentriert – und auf Luther.

»Hat er …«, schluckte ich. »Ist … ist er …?«

»Er ist lebendig und wohlauf.« Brecke schenkte mir ein strahlendes Lächeln und deutete meinen inneren Aufruhr als bloße Besorgnis. »Er und die anderen Hüter aus Lumnos sind nach Hause gegangen, um keinen Verdacht zu erregen. Nur Vance ist zurückgeblieben.«

Ich stieß einen langen, erleichterten Seufzer aus. Obwohl meine komplizierten Gefühle für Henri so schmerzhaft geworden waren und ich das noch immer nicht ganz akzeptiert hatte, war er doch mein ältester Freund. Sein Leben würde mir immer kostbar sein – auch wenn er mich vielleicht nie wieder darin haben wollte.

Breckes Grinsen wurde breiter. »Ich habe gehört, ihr zwei werdet heiraten. Eine Descended-Königin heiratet einen Hüter – die Gästeliste für diese Hochzeit möchte ich sehen.« Er stieß mit dem Knie gegen mein Bein. »Darf ich auch kommen? Ich bin mir nicht zu schade zu betteln.«

Mein gezwungenes Lächeln muss so elend ausgesehen haben, wie ich mich fühlte. Breckes Grinsen verschwand ganz plötzlich.

»Du bist doch noch verlobt, oder?« fragte er.

Henris letzte Worte an mich kamen mir in den Sinn – die Nachricht, die sein Vater mir am Vorabend der Herausforderung übergeben hatte.

Viel Glück für morgen. Wir sehen uns bald wieder. Vergiss nicht, egal, wie es auch wirken mag, wir stehen auf derselben Seite.

Damals hatte ich es nicht verstanden, aber jetzt …

»Brecke«, sagte ich langsam, »wusste Henri von Vance’ Plan, mich gefangen zu nehmen und hier festzuhalten?«

Er rutschte unruhig herum und wirkte, als wäre ihm diese Frage mehr als nur unbehaglich. »Vance und Cordellia haben den Angriff geplant. Der Rest von uns tut nur, was uns gesagt wird. Der Plan mag uns nicht gefallen, aber wir –«

»Wusste er davon?«

Brecke antwortete nicht. Das war Antwort genug.

»Unglaublich«, knurrte ich.

»Ach, komm schon«, zog er mich auf, »was ist schon eine kleine Geiselnahme zwischen zukünftigen Ehepartnern?«

Ich biss die Zähne zusammen.

Er lachte nervös. »Das wird eine tolle Geschichte für die Hochzeitsrede. Ich werde sie selbst erzählen, und …«

»Es wird keine Hochzeit geben«, fuhr ich ihn an.

Er runzelte die Stirn. »Sag das nicht. Ich weiß, dass du verärgert bist, aber ihr beide bekommt das schon wieder hin.«

Ich blickte in die Dunkelheit und wünschte, ich könnte einfach zwischen dem ganzen Laub untertauchen. Ich konnte Brecke nicht die Wahrheit sagen – dass Henri und ich schon lange vor dem Angriff miteinander fertig gewesen waren. Und tief in meinem Inneren wussten wir das wohl beide, auch wenn keiner von uns es dem anderen eingestehen konnte.

Henri hatte sich für die Hüter entschieden und ich mich für Luther. Auch wenn ich ihn immer lieben würde, waren einige Gräben zu tief, zu breit und übersät mit scharfen Scherben, um sie überwinden zu können.

Brecke seufzte schwer und kratzte sich am Nacken. »Weißt du, das Leben eines Hüters ist nicht einfach. Niemand von uns möchte Geheimnisse vor denen haben, die uns wichtig sind, aber manchmal haben wir keine andere Wahl. Manche Hüter erzählen nicht einmal ihren eigenen Ehepartnern, was wir tun, um sie zu beschützen.«

Ich zuckte zurück. »Sie beschützen? Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was die Lumnos-Descended für den Angriff auf die Waffenkammer der Benettes verlangt haben? Die Hüter zu bestrafen, war ihnen nicht genug. Sie wollten, dass ich ihre Freunde und Familienangehörigen zusammentreibe und hinrichten lasse, nur um ein Exempel zu statuieren. Und das waren ein paar Karren mit gestohlenen Waffen. Was glaubst du, was sie jetzt erwarten, nachdem ihr Coeurîle eingenommen habt?« Ich lachte bitter und humorlos auf. »Deine Geheimnisse schützen niemanden. Sobald dieser Krieg beginnt, wird es keine Rolle mehr spielen, ob jemand ein Hüter ist oder nicht. Kein Mortal wird vor ihrer Grausamkeit sicher sein.«

Brecke wurde blass, obwohl in seinem Blick wütende Flammen brannten. »Umso wichtiger ist, was wir tun. Henri macht das für eure Zukunft. Dieser Junge liebt dich.«

Ich verdrehte die Augen. »Liebe erfordert Ehrlichkeit, Brecke.«

»Deine Mutter hat ihr Dasein als Hüterin deinem Vater gegenüber verheimlicht. Sie hat darauf bestanden, dass er es niemals erfahren darf. Glaubst du wirklich, dass sie ihn nicht liebt?«

»Mein Vater ist tot«, schrie ich, und meine Stimme hallte über die mondbeschienene Lichtung. »Er ist tot, wegen mir. Weil ich nicht darauf vorbereitet war, Königin zu sein. Das hat sie mir durch ihre Lügen genommen.« Ich beugte mich vor und zog die Ketten an meinen Armen straff. »Und dank der Hüter war sie nicht einmal da, um ihre Kinder zu trösten, als sie um ihn trauerten. Also wage es ja nicht, mir irgendwelche Vorträge über die Liebe meiner Mutter zu halten – oder über ihre Geheimnisse.«

Sein Gesicht wurde weich vor Mitleid. Normalerweise hätte mich dieser Anblick nur noch rasender gemacht, aber da die Flammwurz meine Wut dämpfte und die Stimme verstummen ließ, wichen meine aufwallenden Emotionen schnell einer schrecklichen Taubheit. Ich wurde zurückversetzt in die Jahre meiner Jugend, als mir alles egal war und ich ständig Streit gesucht hatte, nur um irgendetwas zu fühlen, das den roten Nebel möglicherweise durchdringen konnte.

»Ich hätte nichts sagen sollen«, murmelte er. »Entschuldigung. Das stand mir nicht zu.«

Ich lehnte mich müde und leer gegen den Baumstamm. »Was steht dir denn sonst zu? Was machst du für die Hüter?«

»Ich habe meine Position als Meisterschmied in der Armee genutzt, um den Rebellen Waffen zu schicken, wann immer es mir möglich war. Dadurch, dass ich Waffen herstellen und sie dann an bestimmte Orte schicken ließ, erfuhr ich, wo die Armee sich bewegte, und diese Information gab ich an die Hüter weiter, damit sie die Schiffe abfangen oder ihre Leute in Sicherheit bringen konnten, bevor die Armee eintraf.«

»Klingt nach einer nützlichen Position.«

»Das war es.«

»Warum hast du dann aufgehört?«

Er hob eine Augenbraue. »Woher weißt du, dass ich aufgehört habe?«

»Oh, der König von Fortos hat mir möglicherweise erzählt, dass du mit einer großen Lieferung Waffen verschwunden bist – gleich nachdem ich ihm erzählt hatte, dass du ein guter Freund der Familie seist.«

Brecke sog die Luft zwischen den Zähnen ein. »Oh. Das ist schlecht.«

Ich lächelte ihn schief an. »Ich bin sicher, er und meine Mutter unterhalten sich gerade darüber in ihrer Gefängniszelle.«

»Das tut mir leid«, sagte er leise.

Es folgte eine lange Stille in der Dunkelheit, während mein Herz gegen seine ganz eigenen Fesseln pochte. Es fiel mir schwer, meine brodelnde Wut auf meine Mutter mit meiner verzweifelten Angst, dass ich sie vielleicht nicht befreien könnte, bevor die Descended Rache nehmen würden, in Einklang zu bringen.

»Ich muss sie retten, Brecke«, flüsterte ich. Ich sah ihn an, mein Blick flehend. »Ich muss sie aus Fortos herausholen und zurück nach Lumnos bringen, bevor die Descended beginnen, gegen die Mortals dort vorzugehen. Hilf mir. Bitte.«

»Ich wünschte, ich könnte, Diem, aber das liegt nicht in meiner Macht. Jetzt, wo ich in Fortos gesucht werde, hat mich die Arboros-Zelle aufgenommen, aber ich habe hier keine Autorität. Hab Vertrauen in …«

»Cordellia und Vance«, beendete ich düster. »Vance hat sehr deutlich gemacht, dass er sofort jeden opfern würde, nur um den Descended zu schaden. Wenn das Leben meiner Mutter von ihm abhängt, ist sie so gut wie tot.«

»Ich gebe zu, dass Vance’ Methoden … umstritten sind. Aber Dell ist eine umsichtige Anführerin und verdammt klug. Wenn sie glaubt, dass Auralie auf diese Weise gerettet werden kann, dann gib ihr eine Chance, und vertrau ihr.«

Ich senkte den Kopf und starrte auf die dicken Ketten, die mich an Ort und Stelle fesselten, während die Leute, die ich liebte, meilenweit entfernt waren und sich von allen Seiten Gefahr näherte.

»Kannst du mir wenigstens sagen, was auf der Insel passiert ist?«, fragte ich.

»Als deine Mutter nach Coeurîle ging, konnte sie nur ein paar Bomben dorthin schmuggeln. Der Plan war, dass sie eine an der Nordküste platzierte, um die Armeeboote abzulenken, damit wir von Arboros im Süden aus auf die Insel kommen konnten. Dann sollten wir die übrigen Bomben im Tempel der Kindred zünden. Kurz vor dem Angriff gelang es uns tatsächlich, eine kleine Gruppe von Hütern auf die Insel zu bringen, damit sie die Zünder anbrennen konnten, aber …«

»Wie habt ihr das geschafft?«

»Das kann ich dir nicht sagen.«

»Warum nicht? Ich bin doch eine Hüterin, oder?« Ich hob meine gefesselten Handgelenke. »Ich kooperiere.«

Brecke warf mir einen mitfühlenden Blick zu, mehr bekam ich aber nicht.

Ich dachte an den Morgen des Angriffs zurück, als Luther und ich vom Kanal unterhalb des Palastes aufgebrochen waren. Ich hatte nicht den Mut aufgebracht, ihm zu gestehen, dass ich den Hütern Zugang zum Boot verschafft hatte, aber ich hatte ihn schwören lassen, dass er es vor unserer Abfahrt gründlich überprüfen würde.