Heimat-Roman Treueband 61 - Rosi Wallner - E-Book

Heimat-Roman Treueband 61 E-Book

Rosi Wallner

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Lesen, was glücklich macht. Und das zum Sparpreis!

Seit Jahrzehnten erfreut sich das Genre des Heimat-Bergromans sehr großer Beliebtheit. Je hektischer unser Alltag ist, umso größer wird unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben, wo nur das Plätschern des Brunnens und der Gesang der Amsel die Feierabendstille unterbrechen.
Zwischenmenschliche Konflikte sind ebenso Thema wie Tradition, Bauernstolz und romantische heimliche Abenteuer. Ob es die schöne Magd ist oder der erfolgreiche Großbauer - die Liebe dieser Menschen wird von unseren beliebtesten und erfolgreichsten Autoren mit Gefühl und viel dramatischem Empfinden in Szene gesetzt.

Alle Geschichten werden mit solcher Intensität erzählt, dass sie niemanden unberührt lassen. Reisen Sie mit unseren Helden und Heldinnen in eine herrliche Bergwelt, die sich ihren Zauber bewahrt hat.

Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:

Alpengold 219: Laura - die letzte Erbin vom Nonnenhof
Bergkristall 300: Die Liebe kam in stürmischer Nacht
Der Bergdoktor 1795: Lüg nicht, Vanessa!
Der Bergdoktor 1796: Aus jedem Dunkel steigt ein Licht
Das Berghotel 156: Ein Platzerl in meinem Herzen ist noch frei
Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
Jetzt herunterladen und sofort sparen und lesen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 627

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Rosi Wallner Monika Leitner Andreas Kufsteiner Verena Kufsteiner
Heimat-Roman Treueband 61

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben

Für die Originalausgaben:

Copyright © 2015/2016/2017 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2024 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Covermotiv: © Gorynvd / Shutterstock

ISBN: 978-3-7517-6497-1

https://www.bastei.de

https://www.sinclair.de

https://www.luebbe.de

https://www.lesejury.de

Heimat-Roman Treueband 61

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Alpengold 219

Laura – die letzte Erbin vom Nonnenhof

Bergkristall - Folge 300

Die Liebe kam in stürmischer Nacht

Der Bergdoktor 1795

Lüg nicht, Vanessa!

Der Bergdoktor 1796

Aus jedem Dunkel steigt ein Licht

Das Berghotel 156

Ein Platzerl in meinem Herzen ist noch frei

Guide

Start Reading

Contents

Laura – die letzte Erbin vom Nonnenhof

Warum das bildschöne Madel so unglücklich ist

Von Rosi Wallner

Das zünftige Landgasthaus Nonnenhof, das sich wunderbar in die herrliche Berglandschaft einfügt, ist ein Anziehungspunkt für Jung und Alt, für Vereine, Wanderer und Ausflügler. Doch über die bildschöne Wirtin Laura Ullmer wird im ganzen Ort getuschelt.

»Man sollte doch glauben, dass so ein bildschönes Madel längst verheiratet wär«, spricht einer der Freunde des Stammtisches aus, was alle denken. Einige unken sogar, dass sie als alte Jungfer enden wird.

Aber dann taucht plötzlich das Gerücht auf, dass Laura einen heimlichen Geliebten haben könnte. Einen, von dem aus gutem Grund niemand etwas erfahren darf …

Von dem kleinen Bergdorf Wiesenau aus führte die Landstraße zu einer fruchtbaren Talsenke, deren Felder und Almen bis zu dem dichten dunklen Bergwald heranreichten, hinter dem die schroffen Felsen des Gebirgsmassivs emporwuchsen, die das Hochtal begrenzten. Die Dorfchronik berichtete, dass hier einst ein Nonnenkloster gestanden hatte, das in mittelalterlichen Schriften mehrmals lobend erwähnt worden war. Denn die fleißigen Nonnen hatten die Felder bebaut, einen Garten mit Heilkräutern angelegt und sich aufopfernd um Alte und Kranke gekümmert.

Auch Waisenkinder, von denen es in unruhigen Zeiten nur allzu viele gab, hatten dort Schutz und Aufnahme gefunden. Kein Wanderer oder Heimatloser hatte das Kloster wieder verlassen, ohne eine Stärkung empfangen zu haben.

Dann war der große Krieg auch in das abgelegene Gebirgstal eingebrochen und hatte Angst und Verderben verbreitet. Die wilden Söldnerhorden hatten alles verwüstet, was die Frauen in mühsamer Arbeit geschaffen hatten, und schließlich hatten sie das Kloster niedergebrannt. Die Nonnen, selbst die Äbtissin, hatten einen grausamen Tod gefunden.

Keine hatte entkommen können.

Heute noch zeugten altes Mauerwerk und die Überreste eines Gewölbekellers von dem einst prächtigen Bau. Diese Ruine war nun größtenteils von der Natur zurückerobert worden und von dornigen Ranken überwuchert. Doch das Kloster und die wohltätigen Nonnen waren bis heute nicht aus dem Gedächtnis der Gebirgler verschwunden.

Viele Sagen woben sich um das Nonnenkloster. Wanderer, die dort vorbeikamen, berichteten von seltsamen Erscheinungen, die sie nicht näher beschreiben konnten. Neugierige Dorfkinder, die den unheimlichen Ort erkunden wollten, kehrten verstört zurück und mieden die Gegend von da an.

Wenn es stürmte und die alten Bäume ächzten, glaubte man, das Wehgeschrei und das Stöhnen der gequälten Nonnen zu hören. Vor allem aber fürchteten die abergläubischen Dörfler die Rote Äbtissin, eine dunkle Gestalt, die vom Feuerschein umlodert war. Ihr Erscheinen kündigte kommendes Unglück an.

Die Erinnerung an jenes Kloster hatte sich jedoch auch auf wesentlich angenehmere Weise niedergeschlagen. So gab es das Nonnenbräu, das nicht nur von der männlichen Bevölkerung weit über das Gebirgstal hinaus wegen seiner Nachhaltigkeit sehr geschätzt wurde.

Und dieses Bier wurde auch im Nonnenhof ausgeschenkt, einem Gasthaus, das an der Landstraße unweit des einstigen Klosters stand, dem es auch seinen Namen verdankte. Früher mochte es wohl eine Poststelle gewesen sein, wo die Kutschen haltmachten und die erschöpften Reisenden sich endlich ein gutes Essen und eine kurze Rast gönnen durften.

Doch diese Zeiten lagen lang zurück. Der Nonnenhof war nun ein stattlicher Landgasthof, der nicht nur von den Dörflern gerne besucht wurde, sondern auch von Wanderern und Bergkletterern, denn von dort aus führten etliche Pfade hinauf ins Gebirge. Selbst in der kalten Jahreszeit waren die Gästezimmer im Obergeschoss immer belegt, da der Nonnenhof für die Wintersportler als Ausgangspunkt genutzt wurde.

Seit Generationen war der Landgasthof im Besitz der Familie Ullmer. Und da diese immer mit reicher Nachkommenschaft gesegnet war, wurde der Nonnenhof als Familienbetrieb geführt. Doch die letzten Ullmers blieben lange ohne Kinder, erst spät bekamen sie, als sie alle Hoffnung aufgegeben hatten, eine Tochter. Sie hieß Laura.

Für das Mädchen war der Gasthof der Lebensmittelpunkt, bereits als Kind hielt Laura sich zum Entzücken der Gäste gern im Gastraum auf und half ein wenig beim Bedienen. Nach der Schule besuchte sie eine Hotelfachschule und machte zusätzlich eine Ausbildung als Köchin, sodass sie bestens für ihre künftige Aufgabe gerüstet war.

Und diese Kenntnisse erwiesen sich bald als dringend notwendig, denn ihre Eltern starben in rascher Folge hintereinander, und Laura war auf sich allein gestellt. Sie übernahm den Nonnenhof, als sie noch nicht einmal Mitte zwanzig war, und trotz aller Unkenrufe gelang es ihr, dem guten Ruf des Landgasthauses mehr als gerecht zu werden.

Laura Ullmer war die erste Wirtin des Nonnenhofs.

Nach einiger Zeit ließ sie einige Modernisierungen vornehmen, vor allem im Gästebereich. Der Wirtsraum aber mit seiner alten Wandvertäfelung und den rustikalen Tischen und Stühlen blieb unverändert. Ein Kamin wurde hochgemauert, das Dach erneuert, und ein großzügiger Wintergarten bot nun mehr Platz für die Gäste. Die historische Vorderfront allerdings wurde nicht angetastet.

Stattdessen wurde das schlichte Fachwerk durch blühende Geranien auf den Fenstersimsen und durch Pflanzkübel zu beiden Seiten des Eingangs aufgelockert. Hinter dem Gebäude ragten zwei riesige Kastanienbäume auf, die den Biergarten im Hochsommer angenehm überschatteten.

Linker Hand befand sich ein kleiner Bauerngarten, den schon das Ahndl angelegt hatte und der liebevoll weitergepflegt wurde. Darin zog Laura ihr Gemüse und die Kräuter für die Küche, was mit ein Geheimnis ihrer weithin geschätzten Kochkünste war. An den Biergarten schloss sich eine weitläufige Streuobstwiese an, auf der die Kinder der Gäste herumtollen konnten.

Mit den Almwiesen und dem gewaltigen Gebirgspanorama im Hintergrund war der Nonnenhof ein beliebtes Ausflugsziel. Und ein Besitz, auf den die Ullmers stolz waren.

Und dieser Stolz erfüllte auch das Herz der jungen Nonnenhofwirtin, als sie zu einem morgendlichen Rundgang aufgebrochen war. Harmonisch fügte sich das Bauwerk des Gasthofs in die Landschaft ein, die ausladenden Kastanien trugen Kerzen, und die alten Bäume auf der Wiese schienen sich unter ihrer weißen Blütenlast zu krümmen. Und bald würden auch die alten Rosenstöcke an der Rückwand, die den kalten Bergwintern beharrlich trotzten, zu blühen beginnen.

Und dennoch entfloh ein Seufzer den Lippen der jungen Frau.

Immer noch trauerte sie um den Verlust ihrer Eltern, die so früh hatten gehen müssen. Sie vermisste die Zuwendung ihrer Mutter und das praktische Wissen ihres Vaters. Beide waren mit Leib und Seele Gastwirte gewesen und hatten unermüdlich hinter der Theke gestanden. Ihnen war es vor allen Dingen zu verdanken, dass der Nonnenhof weit über das Tal hinaus Bekanntheit gewonnen hatte.

Doch die Arbeit wartete, und es war jetzt nicht an der Zeit, sich weiter wehmütigen Gedanken hinzugeben.

Laura pflückte noch einige Kräuter, die sie für das Mittagessen brauchte, und betrat dann mit einem Körbchen Eier durch den Hintereingang den Gasthof. Denn sie hielt auch ein paar freilaufende Hühner, die ihr die frischen Eier bescherten, die die Frühstücksgäste so zu schätzen wussten.

In der Küche fand sie Albina Hutschinger vor, eine Frau unbestimmbaren Alters, deren gedrungene Gestalt in ein hochgeschlossenes dunkles Dirndl gehüllt war. Ihre eisengrauen Haare waren streng zurückgekämmt und am Hinterkopf zu einem festen Knoten zusammengefasst, aus dem sich niemals ein Härchen zu lösen schien. Schwarze klobige Schuhe und dunkle Wollstrümpfe vervollständigten ihren Aufzug, an dem sie auch bei besonderen Anlässen unerbittlich festhielt.

Eigentlich hatte Albina keine unschönen Züge, doch der Ausdruck mürrischer Verdrossenheit, der auf ihnen lag, ließ sie so erscheinen. Albinas ständige Übellaunigkeit wurde nur von ihrer Tüchtigkeit übertroffen, daher war sie für Laura in ihrem Arbeitseifer und ihrer Zuverlässigkeit zu einer unentbehrlichen Hilfe geworden.

Sie war eine entfernte Verwandte, Laura wusste gar nicht genau, um wie viele Ecken herum, die nach einer gescheiterten Ehe auf dem Nonnenhof gestrandet war. Und da Lauras Mutter ein mitleidiges Herz gehabt hatte, nahmen die Ullmers sie auf und hatten es noch nie zu bereuen gehabt. Albina gehörte trotz ihres schwierigen Wesens bald zur Familie und bewohnte eine gemütliche Kammer unter dem Dach. Augenscheinlich hatte sie keine Kinder, auch über den Ehemann, der inzwischen verstorben war, verlor sie nie ein Wort.

»Wird ja allmählich Zeit, dass du mit den Eiern ankommst. Du hast wieder die Zeit draußen vertrödelt«, wurde sie von Albina mürrisch begrüßt.

Laura küsste sie auf die Wange, was Albina ein Knurren entlockte, das Missbilligung, aber auch Zuneigung ausdrücken konnte. Darüber machte sich Laura keine Gedanken, sie hatte Albina einfach gern und ließ sich darin auch nicht von deren Launen beirren.

»Es ist ja noch früh am Tag, Tante Albina«, gab Laura zur Antwort und half ihr dabei, die Frühstücksgedecke zusammenzustellen.

Sie nannte Albina grundsätzlich Tante, teils aus einem Bedürfnis heraus, teils aber auch, um ihr den Umgang mit den Gästen zu erleichtern. Denn Albina war sehr empfindlich und leicht kränkbar, und als Verwandte der Ullmers hatte sie einfach einen besseren Stand.

Der Tag verging wie im Flug, denn obwohl es mitten in der Woche war, hatten sich eine Wandergruppe und Mitglieder eines Betriebsausflugs eingefunden.

»Der Tagesausflug des Finanzamts der Kreisstadt«, hatte Albina der jungen Wirtin besorgt zugeflüstert.

Laura lachte unwillkürlich auf.

»Mein Gewissen ist rein. Jedenfalls was meine Steuerabrechnung angeht«, beruhigte sie die Tante.

Und so stand sie lange in der Küche, bereitete ein deftiges Mittagessen, aber auch einige Schmankerln zu, die ihre Gäste in gute Laune versetzten. Besonders die Finanzbeamten sprachen auch lebhaft dem Nonnenbräu zu, sodass im Biergarten bald fröhliches Gelärme herrschte.

»Ich hätt ja net gedacht, dass die Leut vom Finanzamt so munter sind. Wahrscheinlich sind sie halt besser ausgeruht als andere«, fügte Albina boshaft hinzu.

»Da sollten wir net drüber klagen«, erwiderte Laura ungerührt.

»Ob sie die Kosten für den Ausflug wohl von der Steuer absetzen?«, fragte Albina nach einer Weile nachdenklich.

»Jetzt gib aber Ruh! Und kein Wort zu den Gästen, hast du gehört?«

Albina zog nur die Brauen finster zusammen, ein schlechtes Zeichen.

Es gab so viel zu tun, dass Laura selbst kaum zum Essen kam, und so löffelte sie hastig eine leichte Gemüsesuppe, während Albina draußen bediente. Als sie durch das geöffnete Küchenfenster laute Stimmen hörte, ließ sie ihre karge Mahlzeit stehen und eilte in den Biergarten.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Zwischen Albina und einigen Stammgästen aus dem Dorf war es einmal wieder zu Feindseligkeiten gekommen.

»Und das will ein richtiges Mannsbild sein? Deine Goschen kannst net halten und den Löffel schon gar net«, keifte Albina aufgebracht.

Ihre Stimme hatte sich zu einem schrillen Diskant hochgeschraubt, und auf ihren Wangen zeigten sich rote Flecken.

Laura erfasste die Situation sofort. Dem jungen Lindinger war der Löffel auf den Boden gefallen, und Albina hielt es für unter ihrer Würde, ihm einen neuen aus der Gaststube zu bringen. Vermutlich hatte er seine Bitte unglücklich formuliert.

Als der Sohn des Dorfarztes Laura erblickte, ging ein Strahlen über sein gut geschnittenes Gesicht.

»Frau Wirtin! Ich bin hier männerverachtenden Anwürfen ausgesetzt«, rief er theatralisch und setzte eine leidende Miene auf.

Dominik war Mitglied einer Laienspielgruppe und zögerte nicht, auch außerhalb der Bühne alle an seinen schauspielerischen Darbietungen teilhaben zu lassen. Überdies war er ein Spottvogel, der sich schon mehr als einmal in die Nesseln gesetzt hatte.

»Ach so? Vielleicht liegt das da dran, dass du zu schwach bist, den Löffel aufzuheben. Ein richtiges Mannsbild stell ich mir auch anders vor«, erwiderte sie spöttisch.

»Oh, ich sehe schon! Das ist der Einfluss dieser …«

Als er endlich den passenden Ausdruck gefunden hatte, wagte er es nicht, ihn auszusprechen, denn der Blick, mit dem Albina ihn maß, ließ ihn zusammenzucken.

Albina murmelte etwas vor sich hin, was glücklicherweise unverständlich war, wandte sich abrupt ab und verschwand im Haus. Dominik blieb nichts anderes übrig, als den Löffel aufzuheben, doch Laura nahm ihn nicht entgegen.

»Du kannst dir drinnen einen holen«, sagte sie honigsüß. »Brauchst du sonst noch irgendwas zu deinem Glück?«

»Da tät mir schon was einfallen …«

Doch Laura war schon zu dem nächsten Tisch gegangen, um sich nach den Wünschen ihrer Gäste zu erkundigen.

Dominik sah ihr sehnsüchtig nach und bewunderte ihren anmutigen Gang. Aber sie war halt gar zu spröde, die junge Nonnenhofwirtin.

»Seltsam find ich das ja schon mit unserer Wirtin«, bemerkte Franzl Kufinger, der eigentlich Franz-Josef hieß, und ließ die Gabel sinken, die sich gerade in ein wunderbares Kümmelkraut gegraben hatte.

»Wie meinst du das jetzt?«

»Die Nonnenhofwirtin ist doch so ein sauberes Weiberleut, das schönste Madel weit und breit. Und trotzdem hat sie noch nie einen Schatz gehabt. Wer weiß wie viele haben ihr schon den Hof gemacht, aber sie hat einem jeden nur einen Korb gegeben. Mir ist es sogar so vorgekommen, als ob sie mich am liebsten ausgelacht hätt«, schloss er betrübt.

Dominik musste ebenfalls ein Lachen unterdrücken. Franzl, der unmäßig aß, war schon in jungen Jahren wie ein Hefekloß auseinandergegangen und entsprach so gar nicht den romantischen Vorstellungen einer jungen Frau. Außerdem hatte er immer große Mühe, seine Gedanken in Worte zu fassen.

»Mich hat sie auch abblitzen lassen, wenn dich das tröstet.«

»Na, das tut es net.«

»Aber recht hast du schon. Man sollte doch glauben, dass so ein schönes Madel schon längst verheiratet wär.«

»Das liegt vielleicht daran, dass sie mit diesem alten Drachen zusammenlebt. Und Nonnenhof klingt ja auch net grad vielversprechend«, hatte Kilian Oberhofer zu bemerken.

»Vielleicht ist sie auch nur zu wählerisch«, meinte Franzl und mampfte sich gierig durch sein Kartoffelpüree. »Und am End bleibt sie als alte Jungfer übrig und wird genauso grantig wie ihre Tante.«

»Das kann ich mir zwar net vorstellen, aber es mag was Wahres dran sein. Anscheinend ist ihr halt keiner gut genug, und sie wartet auf eine Lichtgestalt aus der Stadt. So einer mit handgenähten Schuhen, der jede Weinsorte kennt«, fügte Dominik düster hinzu und nahm einen tiefen Zug von seinem Weißen.

»Wo ist eigentlich der Roland? Er wollte doch auch zu unserem Treffen kommen, oder?«, fragte Kilian dazwischen.

»Ja, aber anscheinend hat er sich doch net losreißen können. Das Ehejoch lastet schwer auf ihm«, fügte Dominik spöttisch hinzu.

»Immerhin wird er auch bald Vater«, glaubte Franzl erklären zu müssen und schnitt sich energisch ein ordentliches Stück von seinem Rindsbraten ab, das er dann mit verklärtem Blick zum Mund führte.

»Jesses«, murmelte Kilian.

Roland Einhofer war der Einzige aus der Gruppe, der bereits verheiratet war. Er arbeitete bei der Gemeindeverwaltung, und da er schon von Amts wegen keine Unordnung duldete, war es für ihn selbstverständlich gewesen, auch sein Privatleben zu ordnen. Und entgegen der Mutmaßungen seiner Freunde schien ihm das Familienleben durchaus zu gefallen.

Außer Roland fehlte noch Korbinian Moser bei der Runde, doch er machte gerade ein Praktikum im Ausland, sodass er nicht dem Treffen der Freunde beiwohnen konnte. Für Franzl, der sehr bodenständig war und im väterlichen Sägewerk arbeitete, war es unvorstellbar, für längere Zeit die Heimat zu verlassen.

Das Gespräch wandte sich nun anderen Themen zu. Dominik und Kilian studierten beide in München, Dominik Medizin, denn er wollte unbedingt die Praxis seines Vaters übernehmen, Kilian Rechtswissenschaft. Beide standen nun vor dem Examen und hatten sich entschlossen, sich in dem stillen Bergdorf für die Prüfungen vorzubereiten. Dennoch hielt sie das nicht davon ab, sich nach alter Tradition mit ihren Spezln zu treffen.

Dominik gab nun einige Anekdoten zum Besten, die Franzl und Kilian in lautes Gelächter ausbrechen ließen, allein schon sein Vortrag war eine schauspielerische Leistung.

»Jesses, Dominik, ohne dich wär alles nur ein halber Spaß«, japste Franzl, der sich vor Lachen so verschluckt hatte, dass die Freunde ihm kräftig auf den Rücken klopfen mussten.

Auch Kilian hatte einiges Skurrile beizusteuern, und da manches ziemlich an der Grenze war, verstummte er jedes Mal, wenn die Nonnenhofwirtin durch den Biergarten eilte. Welch ein Hüftschwung die junge Frau hatte …

Laura achtete nicht mehr auf die Freunde, die an ihrem Lieblingstisch in der Ecke nun ganz mit sich selbst beschäftigt waren. Dominiks sehnsüchtige Blicke ignorierte sie, da sie an dergleichen gewöhnt war.

Allmählich lichtete sich der Biergarten, und Laura kam wieder zu Atem. Die Wandergruppe war zuerst aufgebrochen. Sie hatten noch den Aufstieg zu einer hochgelegenen Almhütte vor sich, wo sie übernachten wollten, ehe der nächste Abschnitt ihrer Wanderung begann, der der schwierigste insgesamt war.

Die Leute vom Finanzamt lösten sich widerwillig von ihren Plätzen. Es war ihnen anzumerken, dass sie am liebsten den Rest des Ausflugs gemütlich im Schatten der Kastanienbäume verbracht hätten. Doch das war nicht vorgesehen, und so steuerten sie einen nicht allzu anstrengenden Wanderweg an.

Laura und Albina gönnten sich jetzt eine Ruhepause in der Küche. Beide aßen noch eine Kleinigkeit, hingen aber ansonsten schweigend ihren Gedanken nach. Albina war immer noch in ihrem Groll versunken, denn Dominiks Verhalten hatte sie sehr gekränkt, und sie würde es ihm lange nachtragen.

Doch Laura hatte gelernt, damit umzugehen. Sie ließ Albina einfach ganz in Ruhe und lenkte sie irgendwann, wenn sich die Gelegenheit ergab, mit etwas ab, was Gnade vor Albinas Augen fand. Oder sie lobte sie für ihre unerschütterliche Arbeitsfreude, das wirkte immer und war nicht geheuchelt.

Schließlich war es wieder an der Zeit für die Tagespflichten. Laura schlüpfte seufzend in ihre leichten Sandalen, die sie abgestreift hatte, und erhob sich. Sie inspizierte die Kuchenvorräte und die Schmankerln, falls am Nachmittag noch Ausflugsgäste einfielen. Alles war zu ihrer Zufriedenheit, und sie begann mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Hin und wieder machten die Mitglieder des Honoratiorenstammtischs von Wiesenau einen Abstecher zum Nonnenhof, und für heute hatten sie sich rechtzeitig angekündigt.

Von dem Braten, den es zum Mittagessen gegeben hatte, war noch genügend übrig geblieben, doch Laura bereitete zusätzlich frische Beilagen und Salate zu. Außerdem sollte es anschließend noch ein Dessert geben, ihre unvergleichliche Mandelcreme.

So werkelte sie zufrieden vor sich hin, summte ein Liebeslied dabei und ließ ihre Gedanken schweifen.

Ob er heute kommen würde?

Ein Schauer überlief sie bei der Vorstellung, und ihre Hände wurden so unsicher, dass sie beinahe ein Gefäß hätte fallen lassen. Immer noch beherrschte er ihr ganzes Fühlen und Denken, und sie wusste, dass es ihm genauso erging. Kein Tag verging ohne dieses Sehnen, und doch ahnte niemand, was in ihr vorging.

Denn niemand durfte von ihnen erfahren.

Im Biergarten war es wieder lebhafter geworden, ein Ehepaar mit drei Kindern war eingetroffen. Offensichtlich gelang es den Eltern nicht, ihre Sprösslinge zu bändigen, denn sie rannten zwischen den Tischen herum, schrien und kreischten, und schließlich kam es auch noch zu einer Rangelei.

Albina kniff ihre Lippen zu einem schmalen Spalt zusammen. Dann ging sie mit kämpferischer Miene hinaus, ein Tablett wie ein Schild vor sich her tragend. Laura hätte sie am liebsten daran gehindert, denn es war voraussehbar, was jetzt geschehen würde. Aber sie konnte augenblicklich nicht vom Herd weg.

Mit scharfer Stimme rief Albina die Kinder zur Ordnung, sodass diese sich verschreckt zu ihren Eltern flüchteten. Ein heftiges Wortgefecht entwickelte sich, das in der Frage gipfelte, ob Albina Kinder hätte. Das brachte Albina ungemein auf, denn das geschah nicht zum ersten Mal, und sie giftete die Gäste an.

»Nein, dafür hab ich aber noch meinen klaren Verstand. Und der sagt mir, dass das verzogene, verwöhnte …«

Albinas Tirade ging in dem empörten Aufschrei der Mutter unter, die abrupt aufstand und den Jüngsten am Arm ergriff.

»Wir gehen! Hier sind Familien net erwünscht!«

»Aber da hinten auf der Wiese ist eine Schaukel«, protestierte der Jüngste, doch seine Mutter zog ihn mit sich.

Laura beobachtete, wie Albina die Stühle wieder an Ort und Stelle brachte, die von der wilden Bande weggestoßen worden waren, und die hübschen karierten Tischdecken glatt strich. Dabei ließ sie sich viel Zeit, bis Laura sie schließlich hereinrief. Ihre Miene war nicht sonderlich schuldbewusst, und Laura beschränkte sich darauf, ihr einen langen, vielsagenden Blick zuzuwerfen.

»Ja, ich weiß«, knurrte Albina.

Laura ließ es nicht auf einen Wortwechsel ankommen, zu viel Arbeit wartete noch auf sie. Doch irgendwann würde sie Albina nachdrücklich zu verstehen geben, dass sie dieses Verhalten nicht länger dulden konnte. Dabei ging es ihr nicht in erster Linie um den materiellen Schaden, sondern um den Ruf des Nonnenhofs als familienfreundliches Landgasthaus.

Allmählich füllte sich der Gasthof wieder. Einige Gäste, die häufig zum Abendessen kamen, nahmen ihre Plätze ein, die Wiesenauer hatten den großen Ecktisch in Beschlag genommen. Sie diskutierten laut und ziemlich erregt über die Beschlüsse, die auf der heutigen Gemeinderatsitzung gefasst worden waren.

»Dass diese Bürokraten jetzt überall reinreden müssen. Richtlinien, wenn ich das schon höre! Seit Generationen haben wir die Landwirtschaft ohne Richtlinien zuwege gebracht, und die Welt ist auch net untergegangen«, ereiferte sich der Hintermosinger, der ein strikter Gegner des ökologischen Anbaus war.

»Die reinsten Komposthaufen sind diese Höfe. Und dann sind sie noch net amal rentabel«, pflegte er immer zu sagen, und vor allem die älteren Bauern pflichteten ihm dann jedes Mal vorbehaltlos bei.

»Dennoch muss man zugeben …«, versuchte sich der Apotheker, ein schmalbrüstiger, bleicher Mann, Gehör zu verschaffen.

»Bleib du bei deinen Pillen«, wurde er von Hintermosinger grob unterbrochen, »obwohl die bei dir auch nichts nützen, so wie du immer ausschaust.«

»Wie schau ich denn aus? Bei dir könnt man jedenfalls denken, dass du bald einen Schlaganfall bekommst«, erwiderte der Apotheker giftig.

»Gebt’s Ruh, ihr beiden. Ihr seid ja schlimmer als meine Schüler«, fuhr der Lehrer dazwischen, und die zwei Streithähne verstummten und maßen sich nur noch mit gehässigen Blicken, woran man jedoch gewöhnt war.

»Und unser Herr Bürgermeister ist fei net mitgekommen, der weiß, warum«, fing der Hintermosinger erneut an, nachdem Laura sie erst einmal mit dem Nonnenbräu versorgt hatte.

»Er hat wahrscheinlich eine strenge Regierung daheim«, wagte der Apotheker einzuwenden, was dem Hintermosinger ein hämisches Gelächter entlockte.

»Nun seid’s aber friedlich miteinand. Wir sind schließlich net hierhergekommen, um zu streiten und zu lästern«, sagte Hochwürden und warf dem Hintermosinger einen strafenden Blick zu, was diesen jedoch wenig berührte.

Hochwürden war einer der ihren und hätte es besser wissen müssen. Er hatte mit Hintermosinger die Schulbank gedrückt, und daher duzte dieser ihn auch, sprach ihn aber mit Hochwürden an. Vielleicht lag es daran, dass Hochwürden zwar ein Bauernsohn war, aber damals entschieden besser in Latein als in Mathematik war.

»Da liegt bestimmt net Gottes Segen drauf, was heut beschlossen worden ist«, murmelte Hintermosinger noch, dann widmete er sich seinem Bier.

Und schließlich war die Runde aus gestandenen Männern tatsächlich friedlich vereint. Der Dorfdoktor unterhielt sich angeregt mit Hochwürden und ließ auch den Apotheker zu Wort kommen. Hintermosinger, dem auch ein großes Waldstück gehörte, diskutierte mit Xaver Kufinger, dem Sägewerkbesitzer.

Schließlich servierte Laura das sehnlichst erwartete Essen, das mit großem Beifall begrüßt wurde. Es duftete verlockend, und Albina hatte die Platten ansprechend garniert, darauf verstand sie sich eben.

»Und ich hätt da auch noch einen leckeren Nachtisch«, verkündete Laura mit einem freundlichen Lächeln.

»Du bereitest uns den Himmel auf Erden«, seufzte Xaver Kufinger, der genauso gern aß wie sein Sohn.

»Die Mandelcreme etwa?«, fragte Hochwürden, der irdischen Genüssen keineswegs abhold war, nach.

Laura nickte, und ein seliges Lächeln breitete sich auf den fleischigen Zügen des Dorfgeistlichen aus.

Damian Moosegger, Erbe eines großen Hofes, umfasste die Nonnenhofwirtin mit einem strahlenden Blick.

»Du weißt, wie man Männer glücklich macht. Warum aber …«

»Lass das Essen fei net kalt werden, Damian«, unterbrach sie ihn sehr kühl und eilte zur Theke zurück.

Damian starrte ihr verzückt nach und ließ einen weithin vernehmbaren Seufzer hören. Der junge Moosegger war der erklärte Schürzenjäger des Dorfes. Ganz davon abgesehen, dass er einmal ein reiches Erbe machen würde, bescherten ihm auch sein gutes Aussehen und seine beeindruckende Wortgewandtheit große Erfolge bei den Frauen. Er war Mitglied in jedem Verein, auch bei der Feuerwehr, tanzte auf jeder Hochzeit, nur nicht auf der eigenen, und stieg jedem halbwegs hübschen Madel nach.

Heute trug er die Tracht der Gebirgsschützen, die ihm besonders gut stand und ihn seiner Meinung nach betont männlich erscheinen ließ. Denn Damian hatte sich unglücklicherweise in die Nonnenhofwirtin verliebt, und seitdem sah er keine andere mehr an. Das brachte ihm viel Spott ein, denn bis jetzt war er mit seinen Bemühungen gescheitert.

»Diese wunderbare Figur …«, murmelte er vor sich hin und machte keine Anstalten, sich seinem Essen zu widmen.

»Gib endlich auf, Damian. Die Nonnenhofwirtin ist eine uneinnehmbare Festung, da kannst selbst du nichts ausrichten«, sagte Hintermosinger.

Der Bauer war nicht gut auf Damian zu sprechen, denn dieser hatte seiner ältesten Tochter, die kaum siebzehn war, den Kopf verdreht, und er hatte einschreiten müssen. Und das hatte wochenlanges Türenschlagen und Tränenfluten zur Folge gehabt. Unvernünftig, wie die Weiberleut halt sind. Aber zuletzt war die Irmi doch noch zur Vernunft gekommen und hatte eingesehen, was gut für sie war.

»Schon manche Festung ist gefallen. Es kommt nur darauf an, wie …«

»Damian!«

Die strenge Stimme von Hochwürden brachte den Liebeskranken schnell zum Verstummen, und Damian betrachtete mit einem gewissen Widerwillen das Essen, das so appetitlich angerichtet vor ihm stand.

»Wenn du dein Essen zurückgehen lässt, fühlt sich die Wirtin am End gekränkt«, wandte der Lehrer ein, der Damian beobachtet hatte.

»Jesses«, murmelte Damian und griff beherzt nach Messer und Gabel.

Das Essen war so vorzüglich, dass keiner auch nur einen Bissen davon übrig ließ. Als Laura dann auch noch die Mandelcreme brachte, war das Glück der Männerrunde vollkommen. Danach lehnte sich selbst der angriffslustige Hintermosinger friedfertig zurück und leerte langsam sein Seidel Nonnenbräu.

»So schön ist’s, und kochen kann sie auch noch. Der Mann, der die Laura amal zur Frau bekommt, hat das Paradies auf Erden«, sagte Damian schwärmerisch und heftete seinen Blick wieder auf die Wirtin, die sich nun hinter der Theke zu schaffen machte.

Ja, schön war sie, die Nonnenhofwirtin, dachte Hochwürden, der sich trotz seiner rustikalen Art Gedanken über seine Schäfchen zu machen pflegte.

Laura hatte dunkle, fast schwarze Haare, die sie gewöhnlich aufgesteckt trug, und im Gegensatz dazu Augen von einem tiefen Violettblau. Ihre Züge waren regelmäßig, und ihr reizvoll geschwungener Mund stellte für jeden Mann eine Verlockung dar.

Auch er wunderte sich über die ablehnende Art, die Laura gegenüber Männern an den Tag legte. Hochwürden war zu weltläufig, um ihr Verhalten als mädchenhafte Scheu auszulegen, denn Laura wirkte nicht auf ihn, als ob sie noch nie Liebesglück erfahren hätte. Er nahm vielmehr an, dass sie ein heimliches Verhältnis mit einem Städter unterhielt, denn sie fuhr gelegentlich nach München, und das vielleicht nicht nur aus geschäftlichen Gründen.

Was seinen Verdacht erhärtete, war, dass sie schon lange nicht mehr bei ihm gebeichtet hatte und selbst den sonntäglichen Kirchgang zu scheuen schien. Als er sie einmal daraufhin angesprochen hatte, verwies sie auf ihre Pflichten als Wirtin.

Ewig schad wäre es doch, wenn sie ihre besten Jahre an eine Beziehung ohne Zukunft vergeuden würde, ging es ihm bedauernd durch den Sinn.

»Was schaust du denn so düster drein, Hochwürden?«, wollte Hintermosinger plötzlich wissen, und Hochwürden fuhr zusammen, als hätte man ihn bei einem Gedanken ertappt, der eines Geistlichen unwürdig war.

»Wie lässt sich eigentlich der neue Kaplan an, Hochwürden? Der ist doch schon einige Zeit hier bei uns im Dorf, aber man bemerkt ihn kaum. Das scheint ja ein ganz Stiller zu sein«, bemerkte der Doktor.

»Ja, er ist sehr vergeistigt. Ein ruhiger, angenehmer Mensch, der sich um seine Mitmenschen sorgt«, nahm Hochwürden den jungen Mann in Schutz.

»Der ist viel zu schön für einen Mann mit seinen rotblonden Locken«, ließ sich Damian missgünstig vernehmen.

»Dir kann er doch net den Rang ablaufen. Schließlich darf der net …«

Hintermosinger schloss mit einer unflätigen Bemerkung und warf gleichzeitig einen entschuldigenden Blick zu Hochwürden hinüber, der sichtlich verärgert abwinkte. Er war dergleichen gewöhnt.

Sein junger Kaplan war nicht nur ein ausnehmend gebildeter und freundlicher Mensch, sondern auch ein ausnehmend schöner Mann. Das bereitete Hochwürden Sorgen, auch wenn er es niemals zugegeben hätte. Die Fallstricke der Natur waren oft stärker als die besten Vorsätze, das hatte sich immer wieder gezeigt.

Der Rest des Abends verlief in ruhigem Fahrwasser. Die Männer tauschten sich aus, klatschten auch ein wenig, wie beispielsweise über den verwitweten Hirlinger, der sich in vorgerücktem Alter eine junge Frau unklarer Herkunft aus der Stadt geholt hatte.

»Das kann fei net gut gehen, das sag ich euch. Und seine Kinder täten ihn am liebsten entmündigen lassen. Denn am End bringt er das ganze Erbe mit der Jungen durch, und es bleibt nichts mehr übrig für die Nachkommenschaft«, unkte Hintermosinger.

Die anderen teilten zwar insgeheim seine Meinung, wollten sich aber nicht offen äußern, sondern zuckten daher nur mit den Schultern.

»Und wir bekommen endlich einen neuen Förster. Das hat ja auch auf sich warten lassen, seitdem unser Obermayr-Gustl von uns gegangen ist, Gott hab ihn selig.«

Hintermosinger bekreuzigte sich, denn mit dem alten Förster hatte er viele bierselige Abende verbracht.

»Wohl auch ein ganz junger«, vermutete der Apotheker, dessen Augen schon schwammen, denn er vertrug nicht viel.

»So wird es wohl sein. Du bekommst anscheinend immer mehr Konkurrenz, Damian, da musst du dich dranhalten«, spottete Hintermosinger.

Damian machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Was ist schon ein Förster!«

»Das sehn die Madeln aber anders. Denk nur mal an den Förster vom Silberwald«, wandte Hintermosinger ein.

»Romantischer Schmarrn«, nuschelte Damian, denn auch er war schon lange nicht mehr ganz nüchtern.

So verflog die Zeit, und Albina begann lautstark hinter der Theke zu rumoren und Stühle zusammenzustellen, was das Zeichen dafür war, dass der Nonnenhof bald seine Türen schließen würde. Noch ehe die Wirtin sie zum Aufbruch auffordern konnte, erhoben sich die Männer, der widerstrebende Damian wurde von ihnen zur Tür gedrängt.

Die Wirtin verabschiedete sich freundlich von ihnen, wenigstens konnte sie sicher sein, dass der Doktor, der nie, und Hochwürden, der nur mäßig trank, die übrigen heil nach Hause bringen würden. Dann verschloss sie sorgfältig die holzgeschnitzte Tür hinter ihnen und machte sich daran, zusammen mit Albina den Gastraum in Ordnung zu bringen.

Albina und Laura waren ein eingespieltes Team, und so waren bald die Tische abgeräumt und der Boden gefegt, sodass sich die Wirtin den Abrechnungen widmen konnte. Nach Mitternacht war auch das geschafft, und die beiden Frauen stiegen nach oben in ihre Schlafkammern. Albina schlief unter dem Dach, während Laura im ersten Stock zwei separate Räume für sich hatte, die ihr eine gewisse Privatsphäre verschafften. Denn darauf legte die junge Wirtin des Nonnenhofs größten Wert.

Obwohl ihre Füße schmerzten und sie müde war, ging sie jedoch im Gegensatz zu Albina nicht zu Bett. Sie erfrischte sich, löste ihre üppigen Haare aus der Hochfrisur, sodass sie über den Rücken wallten, und zog sich um. Eine große Unruhe hielt sie umfangen. Sie löschte das Licht und lauschte angespannt nach draußen.

Ob er heute kommen würde?

Selten war es ihnen möglich, feste Verabredungen zu treffen, und es geschah nicht selten, dass er sich noch nicht einmal telefonisch ankündigte, sondern heimlich den Weg zu ihr fand. Unbemerkt von Albina konnte sie, sobald er ihr ein Zeichen gab, aus der Hintertür zu dem Geliebten eilen.

Doch keine Kieselsteine prasselten an ihre Fensterscheibe, die seine Ankunft ankündigten, auch nicht der Ruf eines Käuzchens erklang, den er so gut nachzuahmen wusste. Enttäuschung breitete sich in Laura aus, und sie ließ sich auf ihr Bett sinken.

»Schatzerl, mein Herzerl«, murmelte sie vor sich hin, die vertrauten Kosenamen, die nur ihm galten.

Niedergeschlagenheit wollte sie überwältigen, doch sie hatte sich geschworen, dieses Gefühl nie zuzulassen. Denn er hatte kein Versprechen gebrochen, sie hatte sich nur umsonst Hoffnungen gemacht.

Denn dann, wenn sie beieinander waren, entschädigte sie die Seligkeit des Liebesrauschs für jede Enttäuschung und für jede einsame Stunde des Wartens auf ihn. Und dieses Glück wollte sie niemals entbehren.

Und so legte sie sich endlich zu Bett und schloss die Augen. Sie war so erschöpft, dass sie nicht länger nachgrübelte, sondern fast sofort in einen tiefen Schlaf fiel, aus dem sie erst am nächsten Morgen erwachte.

Doch im Traum war er zu ihr gekommen.

***

Thomas Amstetter, der einen ersten Rundgang durch sein weitläufiges Revier machte, blieb unwillkürlich stehen und nahm den Zauber der Gebirgslandschaft, die ihn umgab, mit vollen Sinnen in sich auf.

Das also war der sagenumwobene Nonnenhof, von dem man ihm bereits ausführlich im Dorf erzählt hatte!

Umgeben von Wiesen und behütet von großen, breitkronigen Kastanien war er ganz natürlich in die Landschaft eingebettet, und die Besitzer waren offenbar bemüht, diesen Eindruck nicht zu zerstören. Das war nicht selbstverständlich, denn häufig wurde die Ursprünglichkeit dieser alten Landgasthöfe dem Profit geopfert.

Thomas näherte sich dem Nonnenhof über einen schmalen Pfad, der vom Wald her durch die Streuobstwiese zu der Rückseite des Anwesens führte. Er tauchte in den Schatten der Kastanienbäume ein, was er als wohltuend empfand, denn die Sonne brannte bereits stark.

Der Biergarten gefiel ihm außerordentlich. Es gab lange Holzbänke für größere Familien oder Gruppen, aber auch kleine Tische in versteckten Ecken, wenn jemand für sich sein wollte. Die blaukarierten Tischdecken wirkten frisch und heiter, man gab sich offensichtlich große Mühe auf dem Nonnenhof.

Nachdem er alles überblickt hatte, wählte er einen Platz in einem schattigen Winkel und ließ sich aufseufzend nieder. Es war seine erste Woche an seiner neuen Wirkungsstätte, und er hatte lange Wege hinter sich, denn es war ihm vor allem daran gelegen, die ausgedehnten Wälder seines Reviers kennenzulernen.

Und so lehnte er sich entspannt zurück und verfolgte das Spiel der Sonnenflecken auf dem Boden, und eine große Zufriedenheit überkam ihn. Hier in diesem abgelegenen Gebirgstal würde er leben können, fernab von allem Getriebe, und der Nonnenhof war ebenfalls ein Ort, wo man sich wohlfühlen konnte.

Er war so in seine Gedanken versunken, dass er nicht das Herannahen einer weiblichen Gestalt bemerkt hatte und zusammenzuckte, als eine schroffe Stimme ihn ansprach.

»Was magst du trinken?«

Vor ihm stand eine ältere Frau, die ihn grimmig aus zusammengekniffenen Augen musterte, was ihn an die übellaunige Lehrerin erinnerte, die er zwei Jahre an der Grundschule gehabt hatte und von der er jetzt noch Albträume hatte.

»Ich weiß net. Was es hier eben so gibt«, stammelte er und fühlte sich wieder in die Rolle des linkischen Schuljungen zurückversetzt.

»Also ein Nonnenbräu. Willst du auch zu Mittag essen?«

Thomas verspürte plötzlich ein starkes Hungergefühl, denn seit einem kargen Frühstück hatte er heute noch nichts zu sich genommen.

»Ja. Kann ich die Karte haben?«

Albina stieß ein verächtliches Schnauben aus. Schon wieder so ein Stadtfrack mit Ansprüchen, dazu noch im Jägergewand.

»Gibt’s nicht.«

Dann ratterte sie die Tagesgerichte herunter und sah den jungen Mann anschließend herausfordernd an.

»Was kannst du mir ganz besonders empfehlen?«

»Ganz besonders?«, rief Albina schrill aus, und ihre an sich schon unfreundliche Miene verdüsterte sich besorgniserregend.

»Nun ja, ich mein, was dem Koch ganz besonders gut gelungen ist heute«, glaubte Thomas erklären zu müssen.

»Ganz besonders gelungen?«, echote Albina erneut. »Willst du damit sagen, dass hier nur ein Gericht genießbar ist und man die übrigen den Schweinen vorwerfen könnt? Außerdem haben wir eine Köchin, keinen Koch.«

»So hab ich das net gemeint«, beeilte sich Thomas zu versichern. »Die Tagesgerichte klingen so gut, dass ich am liebsten alles bestellen tät. Aber das geht halt net.«

Albinas Blick milderte sich, und sie musterte die schlanke Gestalt des jungen Mannes mit unverhohlener Neugier.

»Vertragen könntest du’s ja, bist ziemlich spillrig. Am besten nimmst du halt das Hirschgulasch, das passt zu einem Förster«, entschied sie.

»Bist du die Wirtin vom Nonnenhof?«, wagte er zu fragen.

Albina stieß einen hohen Laut aus, den man für ein kurzes Lachen hätte halten können, wenn sie jemals gelacht hätte. Dann wandte sie sich wortlos zum Gehen und ließ Thomas in einiger Verwirrung zurück.

Das schienen schwierige Leut zu sein, die Bergler hier.

Sie brachte ihm gleich darauf ein großes Bier mit verführerischer Schaumhaube und stellte es vor ihm hin.

»Zum Wohlsein. Preußenhalbe gibt es hier net«, damit rauschte sie wieder ins Haus zurück, wo sie gleich darauf lauthals zu schimpfen begann.

Er konnte nur hoffen, dass sein Hirschgulasch nicht Schaden genommen hatte, und gönnte sich einen tiefen Zug aus dem Glas. Doch es roch nicht verbrannt, sondern dem offenen Fenster an der Rückseite entströmten Wohlgerüche, die seinen Appetit noch steigerten.

Und das Bier war trotz seines Namens auch sakrisch gut, dachte er zufrieden und setzte das Glas gleich noch einmal an die Lippen.

Dann schwebte ihm eine Gestalt entgegen, die ihm nach Albina wie eine himmlische Erscheinung vorkam. Sein Herz tat ein paar unruhige Schläge, wahrscheinlich setzte sogar sein Atem aus, und ihm kam zu Bewusstsein, dass er die junge Frau vor ihm vermutlich unvorstellbar töricht anstarrte.

»Dein Essen, das Hirschgulasch«, sagte das wunderschöne Wesen mit wohlklingender Stimme und setzte einen großen Teller vor ihm nieder, auf dem Gulasch samt leckeren Knödeln wunderbar angerichtet waren.

»Möchtest du noch einen Salat dazu oder nachher eine Süßspeise? Eine Weinschaumsoße vielleicht?«

»Eine Weinschaumsoße«, wiederholte er verklärt.

Das anbetungswürdige Geschöpf neigte anmutig den Kopf ein wenig und lächelte ihn an, sodass er ihre gleichmäßigen Zähne sehen konnte.

»Wenn du der neue Förster bist, dann werden wir uns wohl noch häufiger sehen. Ich bin die Laura Ullmer, die Wirtin vom Nonnenhof.«

Ungeschickt erhob er sich etwas und hätte dabei beinahe sein Bier umgestoßen.

»Thomas Amstetter«, stammelte er verlegen und spürte, wie seine Wangen heiß zu brennen begannen.

»Lass es dir schmecken. Die Albina soll dir fei noch ein Bier bringen, wenn du nichts dagegen hast.«

Er gab einen Laut von sich, den sie als Zustimmung auffasste. Dann wandte sie sich um und entschwand in einer Wolke von herrlichen Düften. Thomas war wieder auf seinen Platz gesunken und sah auf sein Essen, dem ein verlockender Geruch entströmte, doch er war nicht imstande, Messer und Gabel zu ergreifen.

Bis der Kies unter energischen Schritten knirschte und Albina ein weiteres Nonnenbräu vor ihm niedersetzte.

»Was ist? Soll ich dir doch etwas anderes bringen? Weißt du, das Essen wird net wärmer, wenn du net anfängst«, beschied sie ihm vorwurfsvoll.

»Nein, das ist ganz wunderbar«, sagte er und begann hastig zu essen, und es schmeckte einfach noch besser, als er es sich vorgestellt hatte.

Albina schien zufrieden zu sein und entfernte sich zu seiner Erleichterung wieder, sodass er ungestört seine Mahlzeit fortsetzen konnte. Er aß jetzt langsamer, um den Genuss voll auskosten zu können. Noch nie glaubte er ein so schmackhaftes Essen zu sich genommen zu haben, was gewiss auch an der raffinierten Würzung lag.

Als Albina ihm später die Weinschaumsoße brachte, lag ein glückliches Lächeln auf seinen fein geschnittenen Zügen, das in Albina ein gewisses Wohlwollen hervorrief, auch wenn sie sich nicht dazu herabließ, es zu zeigen.

Geradezu gierig nahm er das Dessert entgegen und löffelte es andächtig.

Reinweg süchtig könnte man danach werden, dachte er, obwohl er sich bisher nie viel aus Süßspeisen gemacht hatte.

Inzwischen hatten drei junge Männer den Biergarten betreten und ließen sich ihm gegenüber nieder. Sie warfen neugierige Blicke zu ihm hinüber, und schließlich konnte es einer der Burschen nicht mehr aushalten, erhob sich und ging zu seinem Tisch.

»Du bist doch sicher der neue Förster? Der Nachfolger vom Gustl«, wollte der junge Mann wissen und beugte sich ihm vertraulich entgegen.

»Ja. Thomas Amstetter. Ich bin Forstwirt und erst seit Kurzem hier im Dienst«, gab er etwas steif zurück.

»Förster oder Forstwirt – das ist eh gleich. Ich bin der Dominik. Willst du dich net zu uns setzen? Das ist doch fad so allein«, schlug der Arztsohn vor.

Thomas stand bereitwillig auf und folgte Dominik zum Tisch, wo ihn seine Freunde schon interessiert musterten. Sie stellten sich ebenfalls vor, jeder erzählte ein wenig von sich, sodass Thomas sich schon bald ein Bild von ihnen machen konnte und sich in ihrem Kreis gut aufgenommen fühlte.

»Und gefällt es dir hier, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen?«, fragte Franzl und hob den Kopf in Richtung Küche, als ob er witterte.

»Ein schönes, großes Revier, allerdings wartet viel Arbeit auf mich. Und das Forsthaus ist auch in keinem guten Zustand …«

Die Freunde lachten auf.

»Ja, der Gustl war lieber woanders als in seinem Revier. Und da er einschichtig war, hat er das Haus auch eher abgewohnt als in Ordnung gehalten. Aber er selber war schwer in Ordnung, trotz allem, und der Herr schenke ihm die ewige Ruh«, fügte Dominik feierlich hinzu und meinte es ausnahmsweise sogar ernst.

»Dafür habe ich den Nonnenhof gefunden, ein paradiesischer Ort«, erwiderte Thomas geradezu schwärmerisch.

»Da kannst du recht haben«, meinte Franzl.

»Ich habe noch nie so ein gutes Wildgericht gegessen. War der Koch früher in einem Gourmetrestaurant tätig?«, fragte er Dominik.

Erneut erntete Thomas Gelächter.

»Es gibt hier keinen Koch, sondern nur eine Köchin«, gab Dominik Auskunft, und Kilian und Franzl nickten vielsagend.

»Ach so?«, kam es verwundert von Thomas’ Lippen.

»Du hast doch sicher schon die Wirtin vom Nonnenhof kennengelernt. Sie ist die Köchin«, erklärte Dominik.

»Erstaunlich«, murmelte Thomas, dem daran gelegen war, die Empfindungen, die Laura in ihm ausgelöst hatte, zu verbergen.

»Nicht wahr?«

»Ihr Mann ist ja zu beneiden«, fügte Thomas dann halbherzig hinzu.

»Ihr Mann?«, wiederholte Dominik höhnisch. »Die Wirtin hat keinen Mann. Sie führt den Nonnenhof mit ihrem Hausdrachen, der Albina, allein. An Wochenenden oder bei Vereinsfeiern kommt noch eine Aushilfe, das ist alles.«

»Eine tüchtige junge Frau«, rang sich Thomas ab.

»Heutzutage wollen viele Weiberleut gar keinen Mann mehr«, meinte Franzl betrübt. »Die wollen sich net dreinreden lassen. Lieber rackern sie sich von früh bis spät allein ab, als auf ihre Freiheit zu verzichten.«

Dazu hatte Thomas nichts zu sagen.

»Wenn ich aber jetzt net gleich etwas zu essen bekomm, dann weiß ich net, was ich tu«, fuhr Franzl dann auf. »Das ist schließlich noch der einzige Trost, der uns bleibt. Das und das Nonnenbräu, net wahr, Burschen?«

Seine Freunde nickten.

So wie der Franzl aussah, dachte Thomas, hatte er allerdings sehr viel Trost nötig.

»Das Wildgericht ist ganz ausgezeichnet«, sagte Thomas dann laut. »Und diese Weinsoße – ich kann keine Worte dafür finden.«

Und das bestellten die drei Freunde dann auch bei Albina, die missmutig an ihren Tisch geschlurft kam. Der Biergarten hatte sich inzwischen bevölkert, Wanderer, die öfters hier einkehrten, und die üblichen Ausflügler.

Die Nonnenhofwirtin ließ sich wieder blicken und begrüßte ihre Gäste mit einer heiteren Umgänglichkeit, die Thomas nur bewundern konnte.

Dominik hörte auf zu essen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Fesch schaut’s wieder aus, die Laura.«

Die Wirtin trug heute ein zartblaues Dirndl mit viereckigem Ausschnitt und gestreifter Schürze, das ihren ebenmäßigen Wuchs betonte. Jede ihrer Bewegungen war anmutig und geschmeidig, und sie vermied jede unnötige Hast. Die dunklen Haare waren zu einem schweren Knoten im Nacken zusammengefasst, und Thomas wurde von dem plötzlichen Wunsch erfasst, diese Haarfülle zu befreien und …

Sofort verbot sich der junge Mann weitere Fantasien. Denn er hatte festgestellt, dass die drei Freunde, mit denen er am Tisch saß, allesamt heillos in die Wirtin vom Nonnenhof verliebt waren. Auch einige der anwesenden männlichen Gäste warfen der jungen Frau begehrliche Blicke zu, die diese geflissentlich ignorierte.

Thomas wollte sich nicht in den Kreis dieser Verehrer einreihen.

Er blieb noch eine Weile bei den jungen Männern sitzen und war froh, sich mit ihnen unterhalten zu können, denn er hatte die Zeit seit seiner Ankunft ohne Gesellschaft verbracht. Das hatte ihn nicht weiter gestört, denn Thomas liebte auch die Einsamkeit, was wahrscheinlich zu seiner Berufswahl beigetragen hatte. Er genoss es, stundenlang durch die Wälder zu streifen und die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten.

Doch hin und wieder verspürte er das Bedürfnis, sich zu unterhalten und mit anderen lachen und scherzen zu können. Und er nahm sich vor, den Umgang mit den drei Freunden weiter aufrechtzuhalten, denn er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart.

»So, jetzt muss ich wieder weiter. Leider habe ich noch eine Menge Papierkram zu erledigen. Vor allem aber brauch ich gute Handwerker, damit das Forsthaus wieder instand gesetzt wird. Denn so kann man net drin wohnen«, sagte Thomas.

»Da kann ich dir weiterhelfen«, bot sich Franzl an, »kommst halt amal bei uns im Sägewerk vorbei.«

Thomas bedankte sich und versprach, so schnell wie möglich mit Franzl in Verbindung zu treten. Dann erhob er sich und verließ den Biergarten auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war. Die drei Freunde sahen seiner hochgewachsenen Gestalt gedankenvoll nach.

»Net uneben, der neue Förster. Nur seltsam, dass ihn die Wirtin net sehr beeindruckt hat«, meinte Dominik.

Kilian zuckte die Achseln.

»Wer weiß. Stille Wasser sind tief.«

Auch die Freunde blieben nicht mehr lange, denn Franzl musste wieder in das Sägewerk zurück, und Dominik und Kilian würden den Rest des Tages über ihren Prüfungsvorbereitungen verbringen.

Als sie die Gaststube durchquerten, spähte Dominik sehnsüchtig nach der Wirtin aus. Doch Laura schien sich im Küchenbereich aufzuhalten. Am liebsten wäre er dorthin vorgedrungen, doch die Gegenwart seiner Spezln hinderte ihn daran. Und so beschränkte er sich auf einen melodramatischen Seufzer und ließ den Nonnenhof hinter sich.

***

Thomas Amstetter war indessen in das Forsthaus zurückgekehrt, das ihm in Zukunft als Dienstwohnung zur Verfügung stand. Idyllisch am Waldrand gelegen bot es einen romantischen Anblick, auch wenn bei genauerer Betrachtung erhebliche Mängel ins Auge fielen. Die Fensterläden mussten dringend gestrichen werden, Schindeln waren vom Dach gefallen, und an der Wetterseite blätterte der Verputz ab.

Doch richtig verheerend und unwohnlich sah es in den Innenräumen aus. Muffiger, abgestandener Geruch schlug Thomas entgegen, als er das Haus betrat. Auch durch längeres Lüften hatte er ihn nicht vertreiben können, er schien geradezu aus den Wänden zu strömen, von denen stellenweise die Tapete in Fetzen herabhing.

Die Zimmer waren noch genauso eingerichtet, wie sein Vorgänger sie hinterlassen hatte. Thomas hatte ursprünglich vorgehabt, die Möbel zu übernehmen, doch er hatte nicht ahnen können, in welch desolatem Zustand sie sich befanden. Ein durchgesessenes Sofa mit dunklen Flecken bildete den Mittelpunkt des Wohnzimmers, die Wände waren mit Bücherregalen bedeckt, die große Lücken aufwiesen. Der offene Kamin sah aus, als ob er schon lange nicht mehr in Gebrauch gewesen wäre.

Wenn er an das Schlafzimmer mit der durchgelegenen Matratze und dem schmalen Kleiderschrank dachte, dann schauderte es ihn. Ins Badezimmer hatte er nur einen schnellen Blick geworfen, um angeekelt zurückzuzucken.

Auf keinen Fall würde er dort oben schlafen. Thomas hatte sich Decken auf das alte Sofa gelegt und im Wohnzimmer übernachtet. Sogar daran hatte er sich schon gewöhnt, sich morgens in aller Frühe am Brunnen im Hof zu waschen. Allerdings hatte er sich sein Leben in dem Forsthaus so nicht vorgestellt …

Thomas fasste den Entschluss, das Haus renovieren zu lassen und neue Möbelstücke zu kaufen. Von seinen verstorbenen Eltern her hatte er noch ein Erbe, das nicht beträchtlich war, aber für diesen Zweck ausreichen würde.

Und da er kein Mensch war, der etwas auf die lange Bank schob, begann er bereits in der Woche darauf mit den Vorbereitungen. Er hob stapelweise zerfledderte Bücher und alte Zeitschriften von den Regalen, damit er sie von der Wand rücken und nach draußen tragen konnte. Das war schon einmal ein erster Schritt.

Morgen würde er Franzl im Sägewerk anrufen, damit dieser ihm gute Handwerker aus dem Ort vermittelte.

Schließlich war ein Regal geleert, und er rückte mit einiger Mühe das massive Möbelstück aus Eiche nach vorne. Als sein Blick auf die Wand fiel, prallte er zurück. Schwarzer Schimmel hatte sich hinter den Regalen ausgebreitet. Das also war der Grund für den unangenehmen Geruch in dem ganzen Haus.

Hier konnte er auf keinen Fall länger bleiben!

Er würde morgen sofort mit seiner übergeordneten Dienststelle in Verbindung treten und die Lage schildern. Keinen Fuß wollte er mehr in das Schimmelhaus setzen, bevor es nicht wieder bewohnbar war.

Er suchte Papiere und Unterlagen zusammen, und nachdem er sie überflogen hatte, entschied er sich, alle mitzunehmen. Seine Kleidung hatte er erst gar nicht ausgepackt, als ob er geahnt hätte, dass seines Bleibens hier nicht lange wäre. Es war auch nicht viel, was er an Habseligkeiten mitgebracht hatte, denn er reiste mit leichtem Gepäck. Er belud seinen Dienstwagen und warf noch, ehe er losfuhr, einen wehmütigen Blick auf das Forsthaus.

Fast hatte er schon geglaubt, endlich ein Zuhause gefunden zu haben.

***

»Laura, der Förster steht draußen.«

Albinas schrille Stimme klang bis in die Küche, und Laura wusch sich schnell die Hände und trocknete sie ab, ehe sie in die Gaststube trat. Da stand tatsächlich Thomas Amstetter mitten im Raum, das Gewehr geschultert, zu seinen Füßen ein alter Rucksack und eine große, unförmige Tasche.

»Du hast ja deinen ganzen Hausrat mitgebracht«, meinte Laura verwundert. »Gefällt es dir net im Forsthaus?«

»Ich hab heut entdeckt, dass im ganzen Haus Schimmel ist. Kein einziger Raum ist mehr bewohnbar …«

»Da kann man sich ja den Tod holen«, kreischte Albina aufgeregt dazwischen, die sehr findig darin war, immer neue Ursachen aufzuspüren, die zu einem plötzlichen Lebensende führen konnten.

»Auf jeden Fall ist es sehr gesundheitsschädlich, und ich kann vorerst net dort wohnen. Und da wollt ich fragen …«

»Natürlich haben wir noch ein Zimmer frei, sogar eines mit Aussicht und Bad«, unterbrach ihn Laura freundlich. »Und Frühstück gibt’s auch dazu.«

»Ein sehr reichliches sogar, die Eier frisch von unseren Hühnern«, ergänzte Albina mit ungewohntem Eifer.

»Das ist ja wunderbar«, kam es von Thomas’ Lippen, und dann errötete er ein wenig verlegen über diesen Gefühlsausbruch.

Laura holte den Zimmerschlüssel, den sie ihm mit einem Lächeln überreichte, sodass sein Herz einmal wieder aus dem Takt geriet.

»Dann hoff ich, dass du eine gute Zeit hier hast, Förster«, sagte sie und sah ihn aus ihren schönen tiefblauen Augen an.

»Ich heiße Thomas«, erwiderte er mit belegter Stimme.

Sie neigte nur anmutig den Kopf und verschwand wieder im hinteren Bereich, und Thomas blieb es überlassen, sein Gepäck die steile Treppe hinauf zu befördern. Doch als er das Zimmer, das ihm zugewiesen worden war, betrat, atmete er erleichtert auf. Es war mit freundlichen Möbeln aus Zirbelholz eingerichtet, Landschaftsbilder schmückten die Wand, auf dem Boden lag ein handgewebter Teppich.

Und aus dem Fenster hatte man wirklich eine herrliche Aussicht auf das ganze Gebirgspanorama. Ja, hier würde er sich wohlfühlen, alles war hell und anheimelnd, während im Forsthaus noch der Geist des alten Försters zu hausen schien.

Bis zum Abend hatte er nun Zeit, seine Sachen unterzubringen und ein erfrischendes Bad zu nehmen, darauf freute er sich ganz besonders. Noch mehr allerdings freute er sich auf das Abendessen, selbst wenn es von der mürrischen Albina kredenzt wurde.

Von der schönen Wirtin des Nonnenhofs ganz zu schweigen.

Abends war die Gaststube ganz besonders bevölkert, denn die Mitglieder des örtlichen Trachtenvereins hatten ihr übliches Treffen in den Nonnenhof verlegt. Mit dieser Lösung waren alle einverstanden gewesen, und die Stimmung war schon sehr lebhaft.

Ein weiterer Tisch war von Dominik, Kilian und Franzl in Beschlag genommen worden. Sie hatten ihre Treffen eingeschränkt und auf den Abend verlegt, denn es hatte sich gezeigt, dass die angenehme Mattigkeit, die ihrem mittäglichen Zusammensein gefolgt war, ihren Lerneifer doch sehr beeinträchtigte. Auch Franzl hatte im Sägewerk Mühe, sich auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren.

Und so trafen sie sich nur noch zwei- oder dreimal in der Woche nach getaner Arbeit, eine Regelung, die auch den Vorteil hatte, dass ein Weißes mehr oder weniger nun keine Rolle mehr spielte.

Unvermutet stand Thomas Amstetter vor ihnen, und sie boten ihm sofort einen Platz an ihrem Tisch an.

»Wo kommst du denn so plötzlich her? Ich hab gar net gesehen, wie du durch die Tür getreten bist«, fragte Franzl erstaunt.

»Ich bin auch von oben gekommen …«

»Wie das?«

»Weil ich jetzt hier wohne, jedenfalls für einige Zeit«, erklärte Thomas und weidete sich an den fassungslosen Mienen der neuen Freunde. Gleich darauf erhob er sich aber. »Ich hab oben in meinem Zimmer etwas vergessen.«

»Da schau her! Der hat es ja ganz besonders schlau angestellt. Nistet sich gleich hier ein«, stieß Dominik hervor.

»Hab ich es net gesagt, hab ich es net gesagt? Stille Wasser sind tief, und der ist so eines. Ihr werdet schon noch sehen!«

Franzl, der sonst eher wohlgenährt in sich ruhte, geiferte geradezu, so hatten Dominik und Kilian ihren Freund noch nie gesehen.

»Mal doch den Teufel net gleich an die Wand. Wir wissen ja gar net, was es damit auf sich hat«, versuchte Kilian die Wogen zu glätten.

»Das werden wir noch früh genug erfahren, glaub mir’s«, schnaubte Franzl, der sich puterrot verfärbt hatte.

Thomas steckte seine Brieftasche ein, die er in seinem Zimmer hatte liegen lassen, und stieg wieder nach unten. Er spürte gleich die veränderte Stimmung unter den Freunden, das Misstrauen, das ihm nun entgegenschlug.

Innerlich musste er lächeln.

»Ja, das ist eine schlimme Geschicht, warum ich mich hier hab einquartieren müssen«, begann er sofort, nachdem er wieder Platz genommen hatte.

»Ach was! Lass mal hören!«, forderte ihn Franzl auf und blickte ihn mit kaum verhohlener Neugierde an.

Und so schilderte der junge Förster den Freunden, in welchem hoffnungslosen Zustand er das Wohnzimmer vorgefunden hatte, als er schon einmal darangegangen war, die Regale von der Wand zu rücken.

»Und da ist das ganze Elend ans Tageslicht gekommen. Zuerst hat das Haus gar keinen so schlechten Eindruck gemacht, abgewohnt halt und die Möbel nimmer zu gebrauchen. Aber dass es so schlimm ist, war kaum vorstellbar. Obwohl ich es hätte ahnen müssen, weil ich den seltsamen Geruch auch durch Lüften net herausbekommen hab. Jedenfalls hab ich gleich meine Sachen gepackt und werde hierbleiben, bis das Forsthaus renoviert ist.«

»Ja, Schimmelbefall ist gar net gut für die Gesundheit«, ließ sich Dominik, der angehende Arzt, vernehmen.

»Das kann dauern, bis das wieder instand gesetzt wird. Unter Umständen ist das überhaupt nimmer möglich, und das Haus wird abgerissen«, sagte Franzl düster.

»Das ist Sache der Forstverwaltung. Aber es wär schad drum, denn das Haus gefällt mir, und es ist außerdem sehr idyllisch gelegen«, gab Thomas zurück.

Die Freunde sprachen nun wieder lebhaft und entspannt durcheinander. Jeder hatte eine andere Schreckensgeschichte vom Niedergang eines Gebäudes zu berichten, ob es sich nun um Holzwurmbefall der Balken, Schimmelpilze an den Wänden oder Marder, die sich auf dem Dachboden eingenistet hatten, handelte.

»Und leer stehen darf man so ein Haus auch net lassen. Und das ist ja bei dem Forsthaus der Fall gewesen«, schloss Franzl.

»Die Zeiten sind ja jetzt vorbei. Ich will das Haus auch ganz neu einrichten, die alten Möbel sind halt nimmer zu gebrauchen, so wie ich das gehofft hab«, gab Thomas zurück und trank sein Seidel leer.

»Das wird sicher lang dauern«, meinte Dominik, und Thomas entging nicht der lauernde Unterton in seinen Worten.

»Der Nonnenhof wird zu deinem zweiten Zuhause werden, so wie ich das seh«, sagte Franzl, und dieser Gedanke schien ihn nicht zu erfreuen.

»Aber ewig auch net. Schließlich kann die Dienststelle ja net hierher ausgelagert werden«, erwiderte Thomas nüchtern.

Laura war nicht entgangen, dass die Gläser der jungen Männer fast alle geleert waren, und sie näherte sich ihrem Tisch.

»Kann ich noch etwas für euch tun?«, fragte sie freundlich.

»Oh, so viel, so viel«, murmelte Dominik unterdrückt.

»Noch einen Absacker vielleicht?«

»Heut ausnahmsweise net. Es haben sich morgen schon ziemlich zeitig Kunden angesagt«, erwiderte Franzl bedauernd, und auch seine Spezln entschlossen sich, früher als gewöhnlich aufzubrechen.

Thomas war das nur recht, denn der heutige Tag hatte seine Spuren hinterlassen, und er wollte ausgeschlafen sein, wenn er auf seiner vorgesetzten Dienststelle antrat. So erhob er sich ebenfalls und verschwand nach oben, nachdem er Albina und der Wirtin höflich eine gute Nacht gewünscht hatte.

Und das war auch Laura sehr recht, dass keine Gäste mehr da waren und sie vor Mitternacht die Türen des Nonnenhofs schließen konnte. Auch wenn sie Gründe dafür hatte, die sie niemandem anvertrauen würde.

Als Thomas zu Bett gegangen war, ließ er noch einmal die Ereignisse des heutigen Tages vor seinem inneren Auge vorüberziehen. Doch auch wenn er es zu verhindern suchte, so kehrten seine Gedanken immer wieder zu Laura zurück, der schönen Wirtin des Nonnenhofs.

Sie war etwas ganz Besonderes, eine Frau, von der ein Mann nur träumen konnte. Nicht nur ihre Schönheit war nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben, sondern vor allem gefiel ihm ihre freundliche, heitere Art. Dazu war sie noch klug und tüchtig und führte ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben.

Kein Wunder, dass sie so viele Verehrer hatte, aber wahrscheinlich gehörte sie zu jenen Frauen, die ihre Freiheit nicht aufgeben wollten.

Doch für ihn spielte das keine Rolle. Auch wenn er von ihr angetan war, so würde er sich ihr niemals nähern. Nicht weil er sich wie manche Männer vor selbstbewussten, tüchtigen Frauen fürchtete, sondern weil er vor einiger Zeit eine schwere Enttäuschung erlitten hatte, über die er einfach nicht hinwegkam.

Seine Jugendliebe war sie gewesen, die hübsche Mira mit den großen braunen Augen, mit denen sie so unschuldig und hilfesuchend dreinblicken konnte, dass jedes Männerherz dahinschmolz. Schon auf der Schule waren sie unzertrennlich gewesen, und für ihn hatte festgestanden, dass sie heiraten würden, sobald er seine Ausbildung abgeschlossen hatte.

Auch als ihre Wege sie auseinanderführten, so trafen sie sich weiter regelmäßig, und Thomas war der festen Überzeugung, dass sich zwischen ihnen nichts geändert hätte. Als ihm zu Ohren kam, dass Mira ein recht wildes Leben führen würde, hielt er das für eine Verleumdung, denn sie hatte schon immer Neiderinnen gehabt.

Erst als er ihr nach Abschluss seiner Ausbildung förmlich einen Heiratsantrag machte und sich schon auf dem Höhepunkt der Seligkeit glaubte, hatte sie den Kopf geschüttelt und ihm ins Gesicht gelacht.

»Es war schön für uns beide, Thomas, und es könnt auch weiter so sein zwischen uns. Aber Heirat? Das schlag dir aus dem Kopf! Ich will mein Leben genießen, ich bin ja noch so jung, und ich lasse mich net einsperren. Und schon gar net zieh ich mit dir in eine Gegend, wo es höchstens eine Scheunendisko im Nachbarort gibt! So, und jetzt sei net fad, wir besuchen nämlich diese neue Bar …«

Er hatte sich nur umgedreht und war gegangen.

Seitdem hatte er Mira nie wieder getroffen, er hatte jedoch gehört, dass sie jetzt anscheinend allen Halt verloren hätte. Einmal sah er sie aus der Ferne, umgeben von jungen angeberischen Männern, die teuer gekleidet waren. Es war ihm, als wäre sie eine Fremde für ihn, sie war ihm in Wirklichkeit schon lange entglitten gewesen.

Aber Thomas konnte ihren Verlust nicht verwinden, stellte sich auch immer wieder die Frage, ob er ihren Niedergang nicht hätte aufhalten können. Doch Mira hatte sich noch nie etwas sagen lassen, weder von anderen noch von ihm.

Dieses Liebesunglück hatte dazu geführt, dass sich Thomas von Frauen fernhielt. Er ging ganz in seinem Beruf auf, seine Liebe zur Natur entschädigte ihn für seine Einsamkeit. Denn einsam war er. Seine Eltern waren nicht mehr am Leben, und er war ohne Geschwister oder andere Verwandte aufgewachsen.

Endlich fielen ihm die Lider zu, und er sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Doch über Nacht war ein heftiger Sturm aufgekommen, wie es häufig im Gebirge geschah. Er wurde dadurch aufgeschreckt, dass die Äste der großen Kastanienbäume heftig gegen die Hauswand schlugen. Der Wind heulte durch den Kamin, eine Schindel fiel krachend auf den Innenhof.

Thomas hielt es nicht länger im Bett, er stand auf und trat ans Fenster. Er war kein ängstlicher Mensch, doch auch er konnte sich der unheimlichen Atmosphäre nicht entziehen. Es rauschte in den Kronen der Bäume, alles schien zu schwirren und zu wogen, hilflos der Willkür der Elemente ausgesetzt.

Plötzlich rissen die Wolken auf, und der Mond erhellte die Landschaft. Und da erblickte Thomas plötzlich eine schmale Gestalt, die sich ihren Weg zum Nonnenhof hin erkämpfte. Ihr Rock wirbelte hoch, und die langen, offenen Haare erhoben sich um das schöne Gesicht wie schwarze Schlangen.

Es war unverkennbar die Wirtin des Nonnenhofes.

Wie gebannt starrte er auf dieses Bild, dem etwas Urzeitliches anhaftete. Und es erweckte in ihm einen Funken, der nicht mehr erlöschen sollte.

***

Thomas stand am nächsten Morgen früh auf, denn er hatte sich als Erstes einen Gang durch sein Revier vorgenommen. Er wollte feststellen, welches Ausmaß die Schäden des nächtlichen Sturms, der so unvermutet in das Tal eingefallen war, hatte. Er trank nur eine Tasse Milchkaffee und aß ein Stück Schmalzgebackenes, doch Albina füllte ihm wortlos die Thermoskanne und gab ihm noch eine Brotzeit mit auf den Weg. Ebenso wortlos nahm Albina seine Dankesbezeugungen entgegen.