Heimkehren - Yaa Gyasi - E-Book

Heimkehren E-Book

Yaa Gyasi

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Beschreibung

Obwohl Effia und Esi Schwestern sind, lernen sie sich nie kennen, denn ihre Lebenswege verlaufen von Anfang an getrennt. Im Ghana des 18. Jahrhunderts heiratet Effia einen Engländer, der im Sklavenhandel zu Reichtum und Macht gelangt. Esi dagegen wird als Sklavin nach Amerika verkauft. Während Effias Nachkommen über Jahrhunderte Opfer oder Profiteure des Sklavenhandels werden, kämpfen Esis Kinder und Kindeskinder ums Überleben: auf den Plantagen der Südstaaten, während des Amerikanischen Bürgerkrieges, der Großen Migration, in den Kohleminen Alabamas und dann, im 20. Jahrhundert, in den Jazzclubs und Drogenhäusern Harlems. Hat die vorerst letzte Generation schließlich die Chance, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, den sie Heimat nennen kann und wo man nicht als Menschen zweiter Klasse angesehen wird? Mit einer enormen erzählerischen Kraft zeichnet Yaa Gyasi die Wege der Frauen und ihrer Nachkommen über Generationen bis in die Gegenwart hinein. ›Heimkehren‹ ist ein bewegendes Stück Literatur von beeindruckender politischer Aktualität. New-York-Times-Bestseller

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EPUB

Seitenzahl: 537




Heimkehren spannt einen kühnen Bogen vom Ghana des 18.Jahrhunderts bis in die USA der Gegenwart. Die Geschichte setzt mit Effia und Esi ein – Schwestern, deren Lebenswege von Anfang an getrennt verlaufen. Es ist Effias Stamm, die Fante, der Hand in Hand mit den Briten das Geschäft der Versklavung Tausender betreibt. Über Jahrhunderte profitieren Effias Nachkommen davon oder verzweifeln daran, so wie ihr Enkel James. Dessen Urenkel wiederum, der kluge Yaw, muss erkennen, dass man in diesem gnadenlosen Spiel als Schwarzer nur verlieren kann, weil am Ende stets die Weißen profitieren.

Esi, ihre Kinder und Kindeskinder kämpfen vom ersten Tag an in Amerika ums Überleben. Ihre willensstarke Tochter Ness nimmt jedes Leid auf sich, um ihr Kind zu retten. Ihr Enkel schuftet in den Kohleminen Alabamas für ein besseres Leben in Freiheit, das jedoch selbst noch seiner Tochter Willie im Harlem der Sechzigerjahre verwehrt bleibt. Hat die vorerst letzte Generation schließlich die Chance, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, den sie Heimat nennen kann und wo man nicht als Menschen zweiter Klasse angesehen wird?

Yaa Gyasi gelingt ein großer Roman über den langen Schatten der Herkunft, die Suche nach Heimat und den Kampf um ein Zuhause, das nicht wieder genommen werden kann.

Yaa Gyasi wurde 1989 in Ghana geboren. 1991 zog sie mit ihrer Familie in die USA und lebte zunächst in Illionois und Tennessee. Von ihrem zehnten Lebensjahr an wuchs sie in Alabama auf. Sie hat Englische Literatur an der Stanford University studiert und einen Abschluss des Iowa Writers’ Workshop. Ihr Roman wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Pen/Hemingway Award for Debut Fiction und dem ›5 under 30‹ Award 2016 der National Book Foundation. Heimkehren ist ihr erster Roman. Die Autorin lebt in den USA.

Anette Grube, 1953 in München geboren, hat Anglistik studiert. Sie hat u.a. Arundathi Roy, Richard Yates, Chimamanda Ngozi Adichie, T. C. Boyle, Vikram Seth, Kate Atkinson und Mordecai Richler ins Deutsche übersetzt.

Yaa Gyasi

Heimkehren

Roman

Aus dem Englischen von Anette Grube

Abusa te sε kwaε: sε wo w akyire a wo hunu sε εbom; sε wo bεn ho a na wo hunu sε nnua no bia sisi ne baabi nko.

Die Familie ist wie ein Wald: Wenn man davorsteht, scheint er undurchdringlich; steht man darin, sieht man, dass jeder Baum seinen Platz hat.

Akan-Sprichwort

TEIL 1

Effia

In der Nacht, als Effia Otcher in der nach Moschus riechenden Hitze von Fante-Land geboren wurde, wütete ein Feuer durch den Wald direkt vor dem Compound ihres Vaters. Es breitete sich rasch aus, zog tagelang eine Schneise. Es speiste sich von Luft; es schlief in Höhlen und versteckte sich in Bäumen; es brannte, loderte auf und schlug sich durch ohne Rücksicht auf die Verwüstungen, die es hinterließ, bis es zu einem Asante-Dorf kam. Dort verschwand es, wurde eins mit der Nacht.

Effias Vater, Cobbe Otcher, ließ seine erste Frau Baaba mit dem neugeborenen Baby zurück, um die Schäden an seinen Yamswurzeln zu begutachten, der wichtigsten Feldfrucht weit und breit, um eine Familie zu ernähren. Cobbe hatte sieben Yams verloren und empfand den Verlust jeder einzelnen Wurzel als Schlag gegen seine Familie. Er wusste, dass die Erinnerung an das Feuer, das gebrannt hatte und dann geflüchtet war, ihn, seine Kinder und seine Kindeskinder verfolgen würde, solange diese Linie der Familie fortbestand. Als er in Baabas Hütte zurückkehrte und Effia, das Kind des nächtlichen Feuers, schreiend vorfand, sah er seine Frau an und sagte: »Wir werden nie wieder über das sprechen, was heute passiert ist.«

Die Dorfbewohner begannen zu erzählen, dass das Baby aus dem Feuer geboren worden sei, dass Baaba deswegen auch keine Milch habe. Effia wurde von Cobbes zweiter Frau gestillt, die drei Monate zuvor einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Effia wollte nicht saugen, und wenn doch, zerrte ihr hartes Zahnfleisch an dem Fleisch um die Brustwarzen der Frau, bis sie Angst hatte, das Kind zu stillen. Und so magerte Effia ab, war nur noch Haut auf zerbrechlichen Vogelknochen, mit einem großen, schwarzen Loch von Mund, der ein hungriges Geschrei ausstieß. Es war im ganzen Dorf zu hören, auch an Tagen, an denen Baaba ihr Bestes tat, es zu ersticken, indem sie dem Baby die raue linke Handfläche auf den Mund legte.

»Liebe sie«, befahl ihr Cobbe, als wäre die Liebe ein so einfacher Akt, wie Essen von einem Blechteller aufzunehmen und sich in den Mund zu schieben. Nachts träumte Baaba davon, das Baby im dunklen Wald liegen zu lassen, damit der Gott Nyame mit ihm verfahren konnte, wie er wollte.

Effia wurde älter. Im Sommer nach ihrem dritten Geburtstag gebar Baaba ihren ersten Sohn. Der Junge hieß Fiifi und war so dick, dass Effia ihn manchmal, wenn Baaba nicht hinsah, wie einen Ball über die Erde rollte. An dem Tag, an dem Baaba Effia zum ersten Mal erlaubte, ihn hochzunehmen, ließ sie ihn versehentlich fallen. Das Baby prallte auf dem Hintern auf, landete dann auf dem Bauch und schaute alle in der Hütte an, als wäre es unsicher, ob es weinen sollte oder nicht. Es entschied sich dagegen, doch Baaba, die banku gerührt hatte, hob das Rührholz und schlug Effia damit auf den nackten Rücken. Jedes Mal, wenn sich der Stock vom Körper des Mädchens löste, hinterließ er heiße, klebrige Stückchen banku, die sich in sein Fleisch brannten. Als Baaba fertig war mit ihr, war Effia mit wunden Stellen übersät, schrie und schluchzte. Fiifi, der auf dem Bauch hierhin und dorthin über den Boden robbte, schaute Effia aus seinen Kulleraugen an, gab jedoch keinen Laut von sich.

Als Cobbe nach Hause kam, versorgten seine anderen Frauen Effias Wunden, und er begriff auf der Stelle, was passiert war. Er und Baaba stritten bis tief in die Nacht. Effia hörte sie durch die dünnen Wände der Hütte, in der sie auf dem Boden lag und immer wieder aus einem fiebrigen Schlaf erwachte. Sie träumte, dass Cobbe ein Löwe war und Baaba ein Baum. Der Löwe riss den Baum aus der Erde und schleuderte ihn zu Boden. Der Baum streckte zum Protest die Äste aus, und der Löwe brach einen nach dem anderen ab. Der Baum begann, rote Ameisen zu weinen, die die dünnen Risse in seiner Rinde entlangkrabbelten. Sie sammelten sich auf der weichen Erde um seinen Wipfel.

Und so setzte der Kreislauf ein. Baaba schlug Effia. Cobbe schlug Baaba. Als Effia zehn Jahre alt war, konnte sie Geschichten von den Narben an ihrem Körper erzählen. Der Sommer 1764, als Baaba Yamswurzeln auf ihrem Rücken zerbrach. Das Frühjahr 1767, als Baaba mit einem schweren Stein auf ihren linken Fuß schlug und den großen Zeh brach, sodass er fortan von den anderen Zehen weg zeigte. Zu jeder Narbe an Effias Körper gab es eine Narbe an Baabas, doch das hielt weder die Mutter davon ab, die Tochter zu schlagen, noch den Vater, sich an der Mutter zu vergreifen.

Verschlimmert wurde die Lage noch von Effias erblühender Schönheit. Mit zwölf wuchsen ihr Brüste, zwei Kugeln auf ihrer Brust, so weich wie das Fleisch einer Mango. Die Männer im Dorf wussten, dass ihr Blut bald zum ersten Mal fließen würde, und sie warteten darauf, bei Baaba und Cobbe um ihre Hand anzuhalten. Geschenke wurden überreicht. Ein Mann zapfte besser Palmwein als alle anderen im Dorf, doch die Netze eines anderen waren stets voller Fische. Cobbes Familie schlemmte dank Effias knospender Weiblichkeit. Ihre Bäuche, ihre Hände waren nie leer.

1775 machte zum ersten Mal ein britischer Soldat einem Mädchen aus dem Dorf, Adwoa Aidoo, einen Heiratsantrag. Sie war hellhäutig und scharfzüngig. Nachdem sie sich gewaschen hatte, rieb sie morgens ihren ganzen Körper mit Sheabutter ein, unter den Brüsten und zwischen den Beinen. Effia kannte sie nicht gut, doch einmal hatte sie sie nackt gesehen, als Baaba sie mit Palmöl in die Hütte des Mädchens geschickt hatte. Ihre Haut war glatt und glänzte, ihr Haar war königlich.

Als der weiße Mann zum ersten Mal kam, bat Adwoas Mutter Effias Eltern, ihm das Dorf zu zeigen, während Adwoa sich vorbereitete.

»Darf ich mitkommen?«, fragte Effia. Sie hörte Baabas »Nein« mit dem einen Ohr und Cobbes »Ja« mit dem anderen. Ihr Vater gewann, und bald stand Effia zum ersten Mal in ihrem Leben vor einem weißen Mann.

»Er freut sich, dich kennenzulernen«, sagte der Dolmetscher, als der weiße Mann Effia die Hand hinhielt. Sie nahm sie nicht, sondern versteckte sich hinter den Beinen ihres Vaters und ließ ihn nicht aus den Augen.

Er trug eine Jacke mit glänzenden goldenen Knöpfen, die über dem Bauch spannte. Sein Gesicht war rot, als wäre sein Hals ein brennender Baumstumpf. Er war dick, und große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn und seiner Oberlippe. Effia dachte an eine Regenwolke: blass, nass, formlos.

»Bitte, er möchte das Dorf sehen«, sagte der Dolmetscher, und sie brachen alle auf.

Als Erstes machten sie bei Effias Compound halt. »Hier leben wir«, sagte Effia zu dem weißen Mann, und er lächelte sie einfältig an, seine grünen Augen verborgen hinter Nebel.

Er verstand nicht. Auch nachdem der Dolmetscher übersetzt hatte, verstand er es nicht.

Cobbe hielt Effias Hand, als er und Baaba den weißen Mann durch ihren Compound führten. »Hier, in diesem Dorf«, erklärte Cobbe, »hat jede verheiratete Frau ihre eigene Hütte. In dieser Hütte lebt sie mit ihren Kindern. Wenn sie an der Reihe ist, verbringt ihr Mann die Nacht in ihrer Hütte.«

Die Augen des weißen Mannes klärten sich, als er die Übersetzung hörte, und Effia begriff, dass er alles mit neuen Augen sah. Den Lehm der Mauern, das Stroh der Dächer, endlich konnte er alles sehen.

Sie gingen weiter durchs Dorf und zeigten dem weißen Mann den Dorfplatz, die kleinen Fischerboote aus ausgehöhlten Baumstämmen, die die Männer zum Fischen die wenigen Meilen zur Küste trugen. Effia zwang sich, die Dinge auch mit neuen Augen zu sehen. Sie roch den Wind voller Meersalz, als er die Härchen in ihrer Nase berührte, spürte die Rinde einer Palme so deutlich wie einen Kratzer, sah das tiefe, tiefe Rot des Lehms, der sie auf allen Seiten umgab.

»Baaba«, fragte Effia, als die Männer sich ein Stück entfernt hatten, »warum wird Adwoa diesen Mann heiraten?«

»Weil ihre Mutter es so will.«

Ein paar Wochen später kehrte der weiße Mann zurück, um Adwoas Mutter seine Aufwartung zu machen, und Effia und das gesamte Dorf fanden sich ein, um zu sehen, was er zu bieten hatte. Er überreichte den Brautpreis in Höhe von fünfzehn Pfund. Er brachte Dinge aus der Festung, auf dem Rücken getragen von Asante. Effia musste sich hinter Cobbe stellen, während sie zuschauten, wie Dienstboten mit Stoffen, Hirse, Gold und Eisen kamen.

Als sie zu ihrem Compound zurückkehrten, zog Cobbe Effia auf die Seite und ließ seine Frauen und anderen Kinder vorausgehen.

»Hast du verstanden, was gerade passiert ist?«, fragte er sie. Vor ihnen nahm Baaba Fiifis Hand. Effias Bruder war gerade elf geworden, doch er konnte bereits nur mithilfe seiner bloßen Hände und Füße den Stamm einer Palme hinaufklettern.

»Der weiße Mann ist gekommen, um Adwoa mitzunehmen«, sagte Effia.

Ihr Vater nickte. »Die weißen Männer leben in der Festung von Cape Coast. Dort treiben sie Handel mit unseren Leuten.«

»Mit Hirse und Eisen?«

Cobbe legte ihr die Hand auf die Schulter und küsste sie auf die Stirn, doch als er sich wieder aufrichtete, blickte er besorgt in die Ferne. »Ja, wir erhalten Eisen und Hirse, aber dafür müssen wir ihnen auch etwas geben. Dieser Mann ist aus Cape Coast gekommen, um Adwoa zu heiraten, und es werden noch mehr wie er kommen und uns unsere Töchter wegnehmen. Aber für dich, meine Tochter, habe ich größere Pläne, du wirst nicht als Frau eines weißen Mannes leben. Du wirst einen Mann aus unserem Dorf heiraten.«

In diesem Augenblick drehte sich Baaba um, und Effia fing ihren finsteren Blick auf. Effia schaute zu ihrem Vater, um zu sehen, ob er es bemerkt hatte, doch Cobbe schwieg.

Effia wusste, wen sie als Mann wählen würde, und sie hoffte inständig, dass ihre Eltern sich für denselben Mann entscheiden würden. Abeeku Badu sollte als Nächster der Häuptling des Dorfes werden. Er war groß, seine Haut von der Farbe eines Avocadokerns, und er hatte große Hände mit langen, schlanken Fingern, die er blitzschnell bewegte, wann immer er sprach. Während des letzten Monats hatte er vier Mal ihren Compound aufgesucht, und später in der Woche sollten er und Effia gemeinsam essen.

Abeeku brachte eine Ziege. Seine Dienstboten trugen Yams, Fisch und Palmwein. Baaba und die anderen Frauen schürten die Feuer und erhitzten das Öl. Die Luft roch verführerisch.

Am Morgen hatte Baaba Effias Haar geflochten. Auf jeder Seite des Scheitels stand ein langer Zopf ab. Sie sah aus wie ein Widder, stark, eigenwillig. Effia hatte ihren Körper eingeölt und trug Gold in den Ohren. Während des Essens saß sie Abeeku gegenüber und freute sich jedes Mal, wenn er sie kurz anerkennend ansah.

»Warst du bei Adwoas Feier?«, fragte Baaba, nachdem die Männer versorgt waren und die Frauen endlich anfingen zu essen.

»Ja, ich war dort, aber nur kurz. Es ist eine Schande, dass Adwoa das Dorf verlassen wird. Sie wäre eine gute Ehefrau gewesen.«

»Wirst du für die Briten arbeiten, wenn du Häuptling bist?«, fragte Effia. Cobbe und Baaba sahen sie scharf an, und sie senkte den Kopf, doch als sie ihn wieder hob, lächelte Abeeku sie an.

»Wir arbeiten mit den Briten, Effia, nicht für sie. Das bedeutet Handel. Wenn ich Häuptling bin, werden wir so weitermachen wie bisher, den Handel mit den Asante und den Briten fördern.«

Effia nickte. Sie wusste nicht genau, was das bedeutete, aber die Mienen ihrer Eltern besagten, dass sie besser den Mund halten solle. Abeeku Badu war der erste Mann, den sie in ihren Compound eingeladen hatten, damit er sie kennenlernte. Effia wünschte sich inständig, dass er sie haben wollte, doch sie wusste noch nicht, was für ein Mann er war und was für eine Frau er brauchte. In ihrer Hütte konnte sie ihren Vater und Fiifi fragen, was sie wollte. Es war Baaba, die beständig schwieg und sich dasselbe von Effia wünschte, Baaba, die sie geschlagen hatte, weil sie sie gefragt hatte, warum sie sie nicht segnen lasse wie andere Mütter ihre Töchter. Nur wenn Effia nichts sagte oder fragte, wenn sie sich klein machte, spürte sie Baabas Liebe oder etwas, was man dafür halten konnte. Vielleicht wollte Abeeku sie auch so haben.

Abeeku war mit dem Essen fertig. Er schüttelte jedem Familienmitglied die Hand und blieb vor Effias Mutter stehen. »Du wirst mich wissen lassen, wenn sie so weit ist«, sagte er.

Baaba legte die Hand auf die Brust und nickte feierlich. Cobbe und die anderen Männer begleiteten Abeeku, und der Rest der Familie winkte zum Abschied.

In dieser Nacht weckte Baaba Effia, die auf dem Boden ihrer Hütte schlief. Effia spürte den warmen Atem ihrer Mutter am Ohr. »Wenn du blutest, Effia, musst du es verheimlichen. Du darfst es nur mir und sonst niemandem sagen«, sagte sie. »Hast du verstanden?« Sie gab Effia Palmwedel, die sie zu weichen Röllchen gedreht hatte. »Steck die in dich hinein und schau jeden Tag nach. Wenn sie rot werden, musst du es mir sagen.«

Effia betrachtete die Palmwedel, die auf Baabas ausgestreckter Handfläche lagen. Sie zögerte, doch als sie wieder aufblickte, sah sie so etwas wie Verzweiflung in den Augen ihrer Mutter. Und weil Baabas Gesichtsausdruck dadurch milder wirkte und weil auch Effia Verzweiflung kannte, diese Frucht der Sehnsucht, tat sie, was man ihr gesagt hatte. Jeden Tag überprüfte sie, ob sie rot waren, aber die Palmwedel waren immer grünlich weiß. Im Frühjahr wurde der Häuptling des Dorfes krank, und alle schauten auf Abeeku, um zu sehen, ob er für die Aufgabe bereit war. In diesen Monaten heiratete er zwei Frauen, Arekua die Kluge und Millicent, die Mischlingstochter einer Fante und eines britischen Soldaten. Der Soldat war am Fieber gestorben und hatte seiner Frau und seinen zwei Kindern großen Reichtum hinterlassen, mit dem sie verfahren konnten, wie es ihnen gefiel. Effia betete um den Tag, an dem alle Dorfbewohner sie »Effia die Schöne« nennen würden, so wie Abeeku sie bei den seltenen Gelegenheiten nannte, wenn er mit ihr sprechen durfte.

Millicents Mutter hatte von ihrem weißen Mann einen neuen Namen bekommen. Sie war eine füllige, fleischige Frau mit Zähnen, die in ihrem nachtschwarzen Gesicht funkelten. Nachdem ihr Mann gestorben war, hatte sie beschlossen, aus der Festung auszuziehen und ins Dorf zurückzukehren. Weil die weißen Männer ihren Fante-Frauen und Kindern kein Geld hinterlassen durften, vermachten sie es anderen Soldaten und Freunden, und diese Freunde bezahlten die Frauen. Millicents Mutter hatte genügend Geld für einen Neuanfang und ein Stück Land. Sie und Millicent kamen oft zu Besuch zu Effia und Baaba, denn sie würden ja bald zur selben Familie gehören.

Millicent war die hellhäutigste Frau, die Effia je gesehen hatte. Das schwarze Haar reichte ihr den halben Rücken hinunter, und ihre Augen hatten einen Anflug von Grün. Sie sprach mit einer rauchigen Stimme und einem merkwürdigen Fante-Akzent.

»Wie war es in der Festung?«, fragte Baaba Millicents Mutter eines Tages, als die vier Frauen zusammensaßen und Erdnüsse und Bananen aßen.

»Es war gut, gut. Sie kümmern sich um dich, diese Männer! Es ist, als wären sie nie zuvor mit einer Frau zusammen gewesen. Ich weiß nicht, was ihre britischen Frauen machen. Ich sage euch, mein Mann hat mich angeschaut, als wäre ich Wasser und er Feuer, das jede Nacht gelöscht werden musste.«

Die Frauen lachten. Millicent lächelte Effia kurz an, und Effia hätte sie am liebsten gefragt, wie es mit Abeeku war, aber sie traute sich nicht.

Baaba neigte sich nahe zu Millicents Mutter vor, doch Effia konnte sie dennoch hören. »Und sie zahlen einen guten Brautpreis, oder?«

»Ja, mein Mann hat meiner Mutter zehn Pfund gezahlt, und das vor fünfzehn Jahren! Stimmt schon, Schwester, es ist gutes Geld, aber ich für meinen Teil bin froh, dass meine Tochter einen Fante geheiratet hat. Selbst wenn mir ein Soldat zwanzig Pfund bieten würde, wäre sie doch nicht die Frau eines Häuptlings. Und schlimmer noch, sie müsste in der Festung leben, weit weg von mir. Nein, nein, es ist besser, einen Mann aus dem Dorf zu heiraten, damit deine Tochter in deiner Nähe bleibt.«

Baaba nickte und wandte sich Effia zu, die rasch wegblickte.

In dieser Nacht, nur zwei Tage nach ihrem fünfzehnten Geburtstag, blutete sie. Es war nicht der gewaltige Ansturm von Ozeanwellen, mit dem Effia gerechnet hatte, sondern ein schlichtes Tröpfeln, wie Regentropfen, die, einer nach dem anderen, von derselben Stelle am Dach der Hütte fielen. Sie wusch sich und wartete, bis ihr Vater Baaba verlassen hatte, um es ihr zu sagen.

»Baaba«, sagte sie und zeigte ihr den rot gefärbten Palmwedel. »Mein Blut ist gekommen.«

Baaba legte ihr die Hand auf den Mund. »Wer weiß es sonst noch?«

»Niemand«, sagte Effia.

»So soll es bleiben. Hast du verstanden? Wenn dich jemand fragt, ob du schon eine Frau bist, wirst du Nein sagen.«

Effia nickte. Sie wandte sich ab, um zu gehen, doch eine Frage nagte an ihr. »Warum?«, fragte sie schließlich.

Baaba griff in Effias Mund, zog ihre Zunge heraus und zwickte mit den Fingernägeln in die Spitze. »Wer glaubst du zu sein, dass du mir so eine Frage stellen kannst, he? Wenn du nicht tust, was ich sage, werde ich dafür sorgen, dass du nie wieder was sagen wirst.« Sie ließ Effias Zunge los, und während der ganzen Nacht schmeckte Effia ihr eigenes Blut.

In der darauffolgenden Woche starb der alte Häuptling. In den umliegenden Dörfern wurde die Bestattung angekündigt. Die Feierlichkeiten sollten einen Monat lang dauern und mit der Ernennung Abeekus zum Häuptling enden. Die Frauen im Dorf bereiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Speisen zu; aus dem edelsten Holz wurden Trommeln gebaut, und die besten Sänger wurden aufgefordert, die Stimme zu erheben. Die für die Bestattung zuständigen Männer begannen am vierten Tag der Regenzeit zu tanzen, und ihre Füße standen erst wieder still, als der Boden vollständig getrocknet war.

Am Ende der ersten Nacht, in der es nicht regnete, wurde Abeeku zum Omanhin gekrönt, zum Häuptling des Fante-Dorfes. Er war in wertvolle Stoffe gekleidet, seine beiden Frauen standen neben ihm. Effia und Baaba sahen zu, Cobbe ging durch die Menschenmenge. Effia hörte, wie er vor sich hin murmelte, dass seine Tochter, die schönste Frau im Dorf, ebenfalls dort vorn stehen sollte.

Der neue Häuptling Abeeku wollte etwas Großes unternehmen, etwas, das dem Dorf Aufmerksamkeit einbringen und es zu einer Kraft machen würde, mit der zu rechnen war. Nach nur drei Tagen im Amt versammelte er alle Männer des Dorfes in seinem Compound. Er ließ ihnen zwei ganze Tage lang Essen und Palmwein servieren, bis ihr lautes, betrunkenes Lachen und ihr leidenschaftliches Geschrei in jeder Hütte zu hören waren.

»Was werden sie tun?«, fragte Effia.

»Das geht dich nichts an«, antwortete Baaba.

Seit Effia zwei Monate zuvor angefangen hatte zu menstruieren, schlug Baaba sie nicht mehr. Es war die Bezahlung für ihr Schweigen. An manchen Tagen, wenn sie das Essen für die Männer zubereiteten oder Effia zusah, wie Baaba mit den Händen das Wasser schöpfte, das sie geholt hatte, glaubte Effia, dass sie endlich so miteinander umgingen, wie es von Mutter und Tochter erwartet wurde. Aber an anderen Tagen machte Baaba wieder ein finsteres Gesicht, und Effia begriff, dass die neue Ruhe ihrer Mutter vorübergehend war, ihr Zorn ein wildes Tier, gezähmt nur für den Augenblick.

Cobbe kehrte mit einer langen Machete von der Versammlung zurück. Der Griff war aus Gold mit eingeritzten Buchstaben, die kein Mensch kannte. Er war so betrunken, dass alle seine Frauen und Kinder in einem Kreis um ihn herumstanden, einen Meter von ihm entfernt, während er schwankte und mit der scharfen Klinge hierhin und dorthin stieß. »Wir werden das Dorf reich machen mit Blut!«, schrie er. Er zielte auf Fiifi, der gerade in den Kreis getreten war, und der Junge, jetzt schlank und behende, drehte sich in der Hüfte, sodass ihn die Spitze der Waffe um ein paar Zentimeter verfehlte.

Fiifi hatte als Jüngster an der Versammlung teilgenommen. Alle wussten, dass er ein hervorragender Krieger werden würde. Sie sahen es daran, wie er auf Palmen kletterte und sein Schweigen wie eine goldene Krone trug.

Nachdem ihr Vater gegangen und Effia sicher war, dass ihre Mutter schlief, kroch sie zu Fiifi.

»Wach auf«, zischte sie, und er stieß sie weg. Selbst im Halbschlaf war er stärker als sie. Sie fiel auf den Rücken, doch mit der Eleganz einer Katze kam sie wieder auf die Beine. »Wach auf«, sagte sie noch einmal.

Fiifi riss die Augen auf. »Lass mich in Ruhe, große Schwester«, sagte er.

»Was habt ihr vor?«, fragte sie.

»Das ist Männersache«, sagte Fiifi.

»Du bist noch kein Mann«, sagte Effia.

»Und du bist noch keine Frau«, entgegnete Fiifi. »Sonst hättest du heute Abend neben Abeeku gestanden, als seine Frau.«

Effias Lippen begannen zu zittern. Sie wollte auf ihre Seite der Hütte zurückkriechen, doch Fiifi hielt sie am Arm fest. »Wir werden den Briten und den Asante beim Handeln helfen.«

»Oh«, sagte Effia. Es war die gleiche Geschichte, die sie ein paar Monate zuvor von ihrem Vater und Abeeku gehört hatte. »Du meinst, wir werden den weißen Männern das Gold und die Stoffe der Asante geben?«

Fiifi hielt sie fester. »Sei nicht dumm«, sagte er. »Abeeku hat sich mit einem der mächtigsten Asante-Dörfern verbündet. Wir werden ihnen helfen, ihre Sklaven an die Briten zu verkaufen.«

Und so kamen die weißen Männer ins Dorf. Dick und dünn, rot und gebräunt. Sie kamen in Uniform, mit Schwertern, nach allen Seiten schauend, immer und ewig auf der Hut. Sie waren gekommen, um die Ware zu begutachten, die Abeeku ihnen versprochen hatte.

In den Tagen nach den Feierlichkeiten wurde Cobbe nervös, da Effia noch immer nicht zur Frau geworden war und Abeeku sie womöglich zugunsten einer anderen Frau aus dem Dorf vergessen würde. Er hatte sich immer gewünscht, dass seine Tochter Abeekus Hauptfrau würde, doch mittlerweile schien selbst Drittfrau nur noch eine vage Hoffnung.

Jeden Tag erkundigte er sich bei Baaba, was mit Effia los sei, und jeden Tag erwiderte Baaba, sie sei noch nicht bereit. In seiner Verzweiflung erlaubte er seiner Tochter, einmal in der Woche mit Baaba in Abeekus Compound zu gehen, damit der Mann sie sah und sich daran erinnerte, wie sehr er einst ihr Gesicht und ihre Figur geliebt hatte.

Arekua die Kluge, die erste von Abeekus Frauen, begrüßte sie, als sie eines Abends kamen. »Bitte, Mama«, sagte sie zu Baaba. »Wir haben euch heute Abend nicht erwartet. Die weißen Männer sind da.«

»Wir können gehen«, sagte Effia, aber Baaba hielt sie am Arm fest.

»Wenn es dir nichts ausmacht, würden wir gern bleiben«, sagte Baaba. Arekua sah sie merkwürdig an. »Mein Mann wird wütend, wenn wir zu früh zurückkommen«, sagte Baaba, als wäre das Erklärung genug. Effia wusste, dass sie log. Cobbe hatte sie an diesem Abend nicht hergeschickt. Vielmehr hatte Baaba gehört, dass die weißen Männer da waren, und darauf bestanden, dass sie ihre Aufwartung machten. Arekua taten die beiden leid, und sie ging, um Abeeku zu fragen, ob sie bleiben dürften.

»Ihr werdet mit den Frauen essen, und wenn die Männer hereinkommen, werdet ihr nichts sagen«, sagte sie nach ihrer Rückkehr. Sie führte sie weiter in den Compound. Sie gingen an einer Hütte nach der anderen vorbei und betraten schließlich die Hütte, in der sich die Frauen versammelt hatten. Effia setzte sich neben Millicent, deren Schwangerschaft jetzt zu sehen war, die Wölbung ihres Bauches nicht größer als eine Kokosnuss. Arekua hatte Palmöleintopf mit Fisch gekocht, und sie aßen, bis ihre Finger voll orangefarbener Flecken waren.

Bald kam eine Dienerin herein, die Effia zuvor nicht bemerkt hatte. Es war ein kleines Mädchen, ein Kind noch, das den Blick nicht vom Boden hob.

»Bitte, Mama«, sagte sie zu Arekua. »Die weißen Männer möchten gern durch den Compound gehen. Häuptling Abeeku hat gesagt, ihr sollt dafür sorgen, dass ihr vorzeigbar seid.«

»Hol uns schnell Wasser«, sagte Millicent, und als die Dienerin mit einem Eimer Wasser zurückkam, wuschen sich alle Hände und Mund. Effia fuhr sich durchs Haar, leckte ihre Handflächen und rieb damit über ihre festen, kleinen Locken. Dann schob Baaba sie zwischen Arekua und Millicent in die erste Reihe vor die anderen Frauen, und Effia tat ihr Bestes, um so klein wie möglich zu erscheinen und keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Dann kamen die Männer herein. Abeeku sah aus, wie ein Häuptling aussehen sollte, dachte Effia, stark und mächtig, als könnte er zehn Frauen auf einmal über seinen Kopf zur Sonne hochheben. Zwei weiße Männer traten nach ihm ein. Effia glaubte, dass einer der beiden der Häuptling der weißen Männer war, so wie ihn der andere anschaute, bevor er einen Schritt machte oder etwas sagte. Dieser weiße Häuptling war genauso angezogen wie die anderen, aber vorn an seiner Jacke und auf den Schulterklappen waren mehr glänzende Goldknöpfe. Er schien älter als Abeeku zu sein, sein dunkelbraunes Haar war von weißen Strähnen durchzogen, doch er stand aufrecht da, wie ein Anführer dastehen sollte.

»Das sind die Frauen. Meine Ehefrauen und Kinder, die Mütter und Töchter«, sagte Abeeku. Der kleinere, schüchterne weiße Mann ließ ihn nicht aus den Augen, während er sprach, dann wandte er sich an den weißen Häuptling und sagte etwas in ihrer seltsamen Sprache. Der weiße Häuptling nickte, betrachtete die Frauen eingehend, lächelte jede Frau an und grüßte sie dann in seinem schlechten Fante.

Als er zu Effia »Hallo« sagte, musste sie kichern. Die anderen Frauen murrten, und Verlegenheit stieg heiß in ihre Wangen.

»Ich lerne noch«, sagte der weiße Häuptling und sah Effia an, sein Fante ein hässliches Geräusch in ihren Ohren. Er schaute ihr scheinbar minutenlang ins Gesicht, und Effia spürte, wie ihre Haut noch heißer wurde, als sein Blick zunehmend lasziv wurde. Die dunkelbraunen Kreise seiner Iris waren wie große Kessel, in denen Babys ertrinken konnten, und er sah Effia einfach so an, als wollte er sie dort, in seinen feuchten Augen, festhalten. Seine Wangen wurden rot. Er wandte sich an den anderen weißen Mann und sagte etwas.

»Nein, sie ist nicht meine Frau«, sagte Abeeku, nachdem der Mann übersetzt hatte. In seiner Stimme schwang Ärger mit. Effia ließ den Kopf hängen, verlegen, weil sie etwas getan hatte, was Schande über Abeeku brachte, verlegen, weil er sie nicht »seine Frau« nennen konnte. Verlegen zudem, weil er sie nicht bei ihrem Namen genannt hatte: Effia die Schöne. In ihrer Verzweiflung wollte sie das Versprechen brechen, das sie Baaba gegeben hatte, und sich als die Frau zu erkennen geben, die sie war, doch bevor sie etwas sagen konnte, gingen die Männer aus der Hütte, und der Mut verließ sie, als der weiße Häuptling über die Schulter blickte und sie anlächelte.

Er hieß James Collins und war der neu ernannte Gouverneur der Festung von Cape Coast. Innerhalb einer Woche kehrte er ins Dorf zurück und hielt bei Baaba um Effias Hand an. Cobbes Wut über den Antrag erfüllte die Hütten wie heißer Dampf.

»Sie ist Abeeku versprochen!«, schrie er, als Baaba erklärte, dass sie das Angebot in Betracht ziehe.

»Ja, aber Abeeku kann sie nicht heiraten, solange ihre Blutungen nicht eingesetzt haben, und darauf warten wir jetzt schon seit Jahren. Ich sage dir, Mann, sie ist in dem Feuer verflucht worden, sie ist ein Dämon, der nie zur Frau werden wird. Denk drüber nach. Was für ein Wesen ist so schön und darf nicht berührt werden? Alle Anzeichen einer Frau sind da, und dennoch, nichts. Der weiße Mann wird sie trotzdem heiraten. Er weiß nicht, was sie ist.«

Effia hatte den weißen Mann früher am Tag mit ihrer Mutter sprechen hören. Er wollte dreißig Pfund sofort und jede Woche Handelsgüter im Wert von fünfundzwanzig Schilling als Brautpreis zahlen. Mehr, als sogar Abeeku bieten konnte, mehr, als für jede andere Fante-Frau in diesem Dorf und im nächsten je geboten worden war.

Effia hörte, wie ihr Vater den ganzen Abend auf und ab ging. Und am nächsten Morgen erwachte sie zu dem gleichen Geräusch, dem beständigen Rhythmus seiner Füße auf dem harten Lehmboden.

»Wir müssen es so anstellen, dass Abeeku glaubt, es sei seine Idee«, sagte er schließlich.

Und so wurde der Häuptling in ihren Compound gerufen. Er saß neben Cobbe, während Baaba ihm ihre Theorie erklärte, dass das Feuer nicht nur viel vom Besitz ihrer Familie, sondern auch das Kind beschädigt habe.

»Sie hat den Körper einer Frau, aber in ihrem Geist lauert etwas Böses«, sagte Baaba und spuckte auf den Boden, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Wenn du sie heiratest, wird sie dir nie Kinder schenken. Wenn der weiße Mann sie heiratet, wird er gern an unser Dorf denken und der Handel wird davon profitieren.«

Abeeku rieb sich den Bart, während er nachdachte. »Bring die Schöne zu mir«, sagte er schließlich. Cobbes zweite Frau brachte Effia herein. Sie zitterte, und der Bauch tat ihr so weh, dass sie glaubte, sie würde ihren Darm vor allen Anwesenden entleeren.

Abeeku stand auf und stellte sich vor sie. Er fuhr mit den Fingern über die Landschaft ihres Gesichts, die Hügel ihrer Wangen, die Höhlen ihrer Nase. »Noch nie wurde eine schönere Frau geboren«, sagte er. Dann wandte er sich an Baaba. »Aber du hast recht. Wenn der weiße Mann sie will, soll er sie haben. Umso besser für das Geschäft mit ihnen. Umso besser für das Dorf.«

Cobbe, der große, starke Mann, weinte hemmungslos, aber Baaba stand ungerührt da. Nachdem Abeeku sich verabschiedet hatte, ging sie zu Effia und gab ihr als Anhänger einen schwarzen Stein, der schimmerte, als wäre er mit Goldstaub überzogen.

Sie drückte ihn Effia in die Hand und neigte sich zu ihr, bis ihre Lippen Effias Ohr berührten. »Nimm ihn mit, wenn du gehst«, sagte Baaba. »Etwas von deiner Mutter.«

Als Baaba sich wieder aufrichtete, sah Effia so etwas wie Erleichterung in ihrem Lächeln.

Effia war einmal an der Festung von Cape Coast vorbeigekommen, als Baaba und sie in der Stadt gewesen waren, aber vor ihrer Hochzeit war sie nicht im Inneren der Anlage gewesen. Im Hof befand sich eine Kapelle, und sie und James Collins wurden von einem Geistlichen getraut, der Effia bat, Worte zu wiederholen, die sie nicht meinte, in einer Sprache, die sie nicht verstand. Es wurde nicht getanzt, es gab kein Fest, keine bunten Farben, kein geöltes Haar und keine alten Frauen mit faltigen, nackten Brüsten, die Münzen warfen und mit Tüchern winkten. Nicht einmal Effias Familie war gekommen. Nachdem Baaba alle davon überzeugt hatte, dass das Mädchen Unglück brachte, wollte niemand mit ihr noch etwas zu tun haben. An dem Morgen, als sie zur Festung aufbrach, küsste Cobbe sie auf den Kopf und winkte ihr nach, wohl wissend, dass die Auflösung und Zerstörung seiner Familie, die er in der Nacht des Feuers vorausgeahnt hatte, mit der Heirat seiner Tochter und des weißen Mannes ihren Anfang nahmen.

James seinerseits hatte alles getan, um es Effia so angenehm wie möglich zu machen. Sie sah, wie sehr er sich bemühte. Sein Dolmetscher hatte ihm noch mehr Wörter in Fante beigebracht, damit er ihr sagen konnte, wie schön sie sei, dass er sich so gut wie möglich um sie kümmern würde. Er nannte sie, wie Abeeku sie genannt hatte, Effia die Schöne.

Nach der Hochzeit führte James Effia durch die Festung. Im Erdgeschoss auf der Nordseite waren Wohnungen und Lagerräume. In der Mitte befanden sich der Exerzierplatz, die Unterkünfte der Soldaten und die Wachstube. Es gab einen Schlachthof, einen Teich, ein Krankenhaus. Eine Tischlerei, eine Schmiede und eine Küche. Die Festung war ein Dorf. Effia begleitete James ehrfürchtig, fuhr mit der Hand über die schönen hölzernen Möbelstücke von der Farbe der Haut ihres Vaters, die seidenen Wandbehänge, die so weich waren wie ein Kuss.

Sie sog alles auf und hielt auf der Plattform inne, von der aus Kanonen aufs Meer zielten. Sie wollte sich ausruhen, bevor James sie in seine Wohnung führte, und legte den Kopf für einen Augenblick auf eine Kanone. Da spürte sie, wie eine Brise aus den kleinen Löchern im Boden um ihre Füße streifte.

»Was ist da unten?«, fragte sie James, und das verdrehte Wort, mit dem er antwortete, lautete: »Fracht.«

Dann trug die Brise ein leises Weinen herauf. So leise, dass Effia meinte, sie würde es sich einbilden, bis sie sich hinunterbeugte und das Ohr auf das Gitter legte. »James, sind dort unten Menschen?«, fragte sie.

James war sofort bei ihr. Er zog sie vom Boden hoch, packte sie an den Schultern und schaute ihr in die Augen. »Ja«, sagte er bestimmt. Es war ein Fante-Wort, das er gemeistert hatte.

Effia wich vor ihm zurück. Sie hielt seinem durchdringenden Blick stand. »Aber wie könnt ihr sie dort unten einsperren?«, sagte sie. »Ihr Weißen. Mein Vater hat mich vor euch gewarnt. Bring mich nach Hause. Bring mich sofort nach Hause!«

Erst als James ihr die Hand auf den Mund legte, gegen ihre Lippen drückte, als könnte er die Worte in sie zurückzwingen, wurde ihr klar, dass sie geschrien hatte. Er hielt sie auf diese Weise fest, bis sie sich beruhigt hatte. Sie wusste nicht, ob er verstand, was sie gesagt hatte, aber sie begriff am leichten Druck seiner Finger auf ihren Lippen, dass er ein Mann war, der anderen wehtun konnte, dass sie froh sein sollte, dass sich seine Brutalität nicht gegen sie richtete.

»Du willst nach Hause?«, sagte James. Sein Fante war bestimmt, wenn auch undeutlich. »Bei dir zu Hause ist es nicht besser.«

Effia zog seine Hand von ihrem Mund und starrte ihn noch eine Weile lang an. Sie erinnerte sich an die Freude ihrer Mutter, als sie gegangen war, und wusste, dass James recht hatte. Sie konnte nicht nach Hause zurück. Sie nickte.

Er scheuchte sie die Treppe hinauf. Ganz oben war James’ Quartier. Aus dem Fenster sah Effia direkt auf den Ozean. Handelsschiffe, schwarze Staubkörnchen auf dem nassen, blauen Auge des Atlantiks, trieben so weit draußen, dass kaum festzustellen war, wie weit die Schiffe von der Festung entfernt waren. Manche waren vielleicht drei Tage weit weg, andere nur eine Stunde.

Effia betrachtete eins der Schiffe, als sie und James endlich in seinem Zimmer waren. Ein flackerndes gelbes Licht kündete von seiner Anwesenheit auf dem Wasser, sie konnte nur die Silhouette erkennen, lang und geschwungen wie eine ausgehöhlte Kokosnuss. Sie wollte James fragen, was das Schiff transportierte und ob es anlegen würde oder davonsegelte, aber sie war der Versuche überdrüssig, sein Fante zu verstehen.

James sagte etwas zu ihr. Er lächelte dabei, ein Friedensangebot. Seine Mundwinkel zuckten kaum merklich. Sie schüttelte den Kopf, versuchte ihm begreiflich zu machen, dass sie ihn nicht verstand, und schließlich deutete er auf das Bett in der Ecke des Zimmers. Sie setzte sich darauf. Bevor sie am Morgen zur Festung aufgebrochen war, hatte Baaba ihr erklärt, was in der Hochzeitsnacht von ihr erwartet würde, doch niemand schien es James gesagt zu haben. Als er sich ihr näherte, zitterten seinen Hände, und sie sah, dass sich auf seiner Stirn Schweiß gebildet hatte. Sie war es, die sich hinlegte. Sie war es, die den Rock hochzog.

Und so ging es wochenlang weiter, und schließlich begann die Annehmlichkeit der Routine den Schmerz zu lindern, den ihr der Verlust ihrer Familie verursachte. Effia wusste nicht, was an James sie beruhigte. Vielleicht lag es daran, dass er immer versuchte, ihre Fragen zu beantworten, oder an der Zuneigung, die er ihr entgegenbrachte. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass James keine anderen Frauen hatte, um die er sich kümmern musste, und deswegen jede Nacht ihr gehörte. Als er ihr zum ersten Mal ein Geschenk brachte, weinte sie. Er hatte den Anhänger aus schwarzem Stein, den Baaba ihr gegeben hatte, an einer Schnur befestigt, sodass sie ihn um den Hals tragen konnte. Den Stein zu berühren war ihr immer ein großer Trost.

Effia wusste, dass sie keine Zuneigung für James empfinden sollte, und in ihren Gedanken hörte sie immer die Worte ihres Vaters widerhallen, dass er sich mehr für sie gewünscht hatte, als die Fante-Frau eines weißen Mannes zu sein. Sie konnte auch nicht vergessen, wie nahe daran sie gewesen war, wirklich jemand zu sein. Ihr Leben lang hatte Baaba sie geschlagen und dafür gesorgt, dass sie sich klein fühlte, und sie hatte mit ihrer Schönheit, einer lautlosen, aber mächtigen Waffe, zurückgeschlagen und es damit geschafft, die Aufmerksamkeit eines Häuptlings zu erregen. Doch letztlich hatte ihre Mutter gewonnen, sie ausgestoßen, nicht nur aus ihrem Zuhause, sondern aus dem ganzen Dorf, und die Frauen der anderen Soldaten waren die einzigen Fante, die sie jetzt noch regelmäßig sah.

Sie hatte gehört, dass die Engländer sie »Dirnen« und nicht »Ehefrauen« nannten. »Ehefrau« war das Wort, das den weißen Frauen jenseits des Atlantiks vorbehalten war. »Dirne« war etwas ganz anderes, ein Wort, das die Soldaten benutzten, um sich die Hände nicht schmutzig zu machen, damit sie keine Schwierigkeiten mit ihrem Gott bekamen, einem Gott, der eigentlich aus drei Wesen bestand, aber den Männern gestattete, nur eins zu heiraten.

»Wie ist sie?«, fragte Effia James eines Tages. Sie hatten Sprachen geübt. Früh am Morgen, bevor er losging, um die Arbeit in der Festung zu beaufsichtigen, lehrte James sie Englisch, und abends, wenn sie im Bett lagen, brachte sie ihm Fante bei. An diesem Abend strich er mit dem Finger über ihr Schlüsselbein, während sie ihm das Lied vorsang, das Baaba früher Fiifi abends vorgesungen hatte, während Effia in der Ecke gelegen und vorgegeben hatte zu schlafen, sich nichts daraus zu machen, dass sie nie mit einbezogen wurde. Langsam begann James ihr mehr zu bedeuten, als ein Mann seiner Frau eigentlich bedeuten sollte. Das erste Wort, das er hatte lernen wollen, war »Liebe« gewesen, und er sagte es jeden Tag.

»Sie heißt Anne«, sagte er und fuhr mit dem Finger von Effias Schlüsselbein zu ihrem Mund. »Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen. Wir haben vor zehn Jahren geheiratet, aber die meiste Zeit war ich weg. Ich kenne sie kaum.«

Effia wusste auch, dass James in England zwei Kinder hatte, Emily und Jimmy. Sie waren fünf und neun Jahre alt, gezeugt in den wenigen Tagen, die er zu Hause bei seiner Frau verbracht hatte. Effias Vater hatte zwanzig Kinder. Der alte Häuptling hatte fast hundert Kinder gehabt. Dass ein Mann mit nur zwei Kindern zufrieden sein konnte, schien ihr unbegreiflich. Sie fragte sich, wie die Kinder aussahen. Sie fragte sich zudem, was Anne in ihren Briefen an James schrieb. Sie trafen in unregelmäßigen Intervallen ein, manchmal mit vier Monaten Abstand, dann wieder nur mit einem. James las sie nachts an seinem Schreibtisch, während Effia so tat, als würde sie schlafen. Sie wusste nicht, was in den Briefen stand, aber jedes Mal, wenn James einen Brief las, hielt er im Bett größtmögliche Distanz zu ihr.

Jetzt, da kein Brief ihn von ihr fernhielt, legte James den Kopf auf ihre linke Brust. Wenn er sprach, war sein Atem heiß, ein Wind, der ihren Bauch hinunter zwischen ihre Beine blies. »Ich möchte Kinder mit dir«, sagte James, und Effia zuckte zusammen, besorgt, dass sie seinen Wunsch nicht erfüllen könnte, besorgt auch, dass sie eine schlechte Mutter wäre, weil ihre Mutter eine schlechte Mutter war. Sie hatte James bereits von der Intrige ihrer Mutter erzählt, wie sie Effia gezwungen hatte zu verheimlichen, dass sie eine Frau war, damit sie für die Männer aus ihrem Dorf nicht infrage kam, doch James hatte ihre Traurigkeit einfach weggelacht. »Umso besser für mich«, sagte er.

Doch Effia glaubte allmählich, dass Baaba vielleicht recht hatte. Sie hatte in der Hochzeitsnacht ihre Jungfräulichkeit verloren, doch seit Monaten wurde sie nicht schwanger. Der Fluch, der auf einer Lüge beruhte, enthielt vielleicht ein Körnchen Wahrheit. Die Alten in ihrem Dorf hatten immer wieder die Geschichte einer Frau erzählt, die angeblich verflucht gewesen war. Sie hatte unter einer Palme im Nordwesten des Dorfes gelebt, und niemand hatte sie je bei ihrem Namen gerufen. Ihre Mutter war gestorben, damit sie leben konnte, und an ihrem zehnten Geburtstag trug sie einen Topf mit siedend heißem Öl von Hütte zu Hütte. Ihr Vater lag schlafend auf dem Boden, und sie dachte, sie könnte über ihn steigen, statt um ihn herumzugehen, stolperte, verschüttete das heiße Öl auf seinem Gesicht und entstellte ihn für den Rest seines Lebens, das nur noch fünfundzwanzig Tage dauerte. Sie wurde aus der Hütte verbannt und wanderte jahrelang die Goldküste entlang, bis sie mit siebzehn als seltsame, seltene Schönheit zurückkehrte. Ein Junge, der sie als Kind gekannt hatte und jetzt glaubte, dass sie den Tod nicht mehr anziehe, bot an, sie zu heiraten, obwohl sie mittellos war und keine Familie hatte. Innerhalb eines Monats wurde sie schwanger, doch sie brachte ein Mischlingskind mit blauen Augen und heller Haut zur Welt. Vier Tage nach der Geburt starb es. In der Nacht, als das Kind starb, verließ sie die Hütte ihres Mannes und lebte von nun an unter der Palme, bestrafte sich auf diese Weise für den Rest ihres Lebens.

Effia wusste, dass die Alten im Dorf die Geschichte nur erzählten, um die Kinder vor heißem Öl zu warnen, aber das Ende der Geschichte, das Mischlingskind, gab ihr zu denken. Dieses Kind, sowohl weiß als auch schwarz, war etwas Böses und mächtig genug gewesen, die Frau unter die Palme zu vertreiben.

Als Adwoa den weißen Soldaten geheiratet hatte und als Millicent und ihre Mutter ins Dorf zurückgekehrt waren, hatte Cobbe die Nase gerümpft. Er hatte immer gesagt, dass der Zusammenschluss eines Mannes und einer Frau auch der Zusammenschluss zweier Familien sei. Vorfahren, Geschichten würden vereint, aber auch Sünden und Flüche. Die Kinder seien die Verkörperung dieses Zusammenschlusses und trügen die Hauptlast. Was für Sünden brachte der weiße Mann mit? Baaba hatte behauptet, dass Effias Fluch in mangelnder Weiblichkeit bestehe, aber es war Cobbe gewesen, der eine befleckte Nachkommenschaft vorhergesagt hatte. Effia glaubte, dass sie gegen ihren eigenen Bauch ankämpfte, gegen Feuerkinder.

»Wenn du dem Mann nicht bald Kinder schenkst, wird er dich zurückbringen«, sagte Adwoa. Im Dorf waren sie und Effia nicht befreundet gewesen, doch hier sahen sie sich so oft wie möglich, jede war froh, mit jemandem zusammen zu sein, der sie verstand, die tröstlichen Laute der eigenen Sprache zu hören. Adwoa hatte bereits zwei Kinder bekommen, seit sie das Dorf verlassen hatte. Ihr Mann, Todd Phillips, war noch fetter geworden, seit Effia ihn zum letzten Mal gesehen hatte, schwitzend und rot in Adwoas alter Hütte.

»Ich sage dir, seitdem ich hier bin, muss ich ständig für Todd auf dem Rücken liegen. Wahrscheinlich bin ich schon wieder schwanger.«

Effia schauderte. »Aber er hat so einen großen Bauch!«, sagte sie, und Adwoa lachte, bis sie sich an einer Erdnuss verschluckte.

»Ja, aber der Bauch ist nicht der Körperteil, mit dem man Kinder macht«, sagte sie. »Ich werde dir Wurzeln aus dem Wald geben. Du legst sie unter das Bett, wenn ihr zusammen seid. Heute Abend musst du wie ein Tier sein, wenn er ins Zimmer kommt. Wie eine Löwin. Sie paart sich mit dem Löwen, und er glaubt, es gehe um ihn, obwohl es tatsächlich nur um sie geht, ihre Kinder, ihre Nachkommen. Ihr Trick ist es, ihn glauben zu machen, er sei der König des Busches, aber was ist schon ein König? In Wirklichkeit ist sie König und Königin und alles andere. Heute Nacht wirst du deinem Namen gerecht werden, Schöne.«

Adwoa brachte ihr die Wurzeln. Es waren keine gewöhnlichen Wurzeln. Sie waren lang und gezwirbelt, und wenn man eine Wurzel zurückzog, tauchte an ihrer Stelle eine andere auf. Effia legte sie unter das Bett, und sie schienen sich zu vermehren, trieben immer weiter, als wollten sie das Bett hochheben und damit fortlaufen, eine seltsame neue Art Spinne.

»Dein Mann sollte die Wurzeln nicht sehen«, sagte Adwoa, und sie drängten gemeinsam die Wurzelfasern zurück, sie schoben und zerrten, bis nichts mehr zu sehen war.

Dann half Adwoa Effia, sich für James vorzubereiten. Sie flocht und glättete ihr Haar, verrieb Öl auf ihrer Haut, roten Lehm auf den Wangen und den Lippen. Effia sorgte dafür, dass es im Zimmer erdig und üppig roch, als könnte irgendetwas darin Früchte tragen.

»Was soll das?«, fragte James. Er trug noch seine Uniform, und Effia sah am herunterhängenden Revers, dass er einen schweren Tag hinter sich hatte. Sie half ihm, Rock und Hemd abzulegen, und drückte sich an ihn, wie Adwoa es ihr gezeigt hatte. Bevor er noch seine Überraschung ausdrücken konnte, packte sie ihn an den Armen und stieß ihn aufs Bett. Seit ihrer ersten gemeinsamen Nacht war er nicht mehr so scheu gewesen, ängstlich angesichts ihres unbekannten Körpers, ihrer vollen, fleischigen Figur, die laut seiner Beschreibung so anders war als die Figur seiner Frau. Erregt drang er in sie ein, und sie kniff die Augen so fest wie möglich zusammen, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er stieß fester zu, atmete schwer und mühsam. Sie zerkratzte ihm den Rücken, und er schrie auf. Sie biss ihn ins Ohr und zog an seinem Haar. Er stieß zu, als wollte er durch sie hindurchstoßen. Und als sie die Augen aufschlug, um ihn anzuschauen, sah sie so etwas wie Schmerz auf seinem Gesicht, und die Hässlichkeit des Aktes, der Schweiß und das Blut und die Nässe, die er mit sich brachte, waren nicht zu übersehen, und sie wusste, wenn sie an diesem Abend ein Tier war, so war er es auch.

Danach legte Effia den Kopf auf seine Schulter.

»Was ist das?«, fragte James. Das Bett war verrutscht, und drei Wurzelenden ragten hervor.

»Nichts«, sagte Effia.

James sprang auf und schaute unter das Bett. »Was ist das, Effia?«, fragte er noch einmal, sein Tonfall strenger, als sie ihn je zuvor gehört hatte.

»Es ist nichts. Eine Wurzel, die Adwoa mir gegeben hat. Für Fruchtbarkeit.«

Sein Mund war ein dünner Strich. »Effia, ich will hier keinen Voodoo und keine schwarze Magie. Meine Männer dürfen nicht erfahren, dass meine Dirne merkwürdige Wurzeln unter das Bett legt. Das ist nicht christlich.«

Das hatte Effia schon öfter gehört. Christlich. Deswegen waren sie in der Kapelle von dem strengen Mann in Schwarz verheiratet worden, der jedes Mal den Kopf schüttelte, wenn er sie ansah. James hatte auch schon von Voodoo gesprochen, den seiner Ansicht nach alle Afrikaner praktizierten. Sie konnte ihm die Geschichte von Anansi, der Spinne, oder die Geschichten der Alten aus dem Dorf nicht erzählen, ohne dass er misstrauisch wurde. Seit sie in der Festung lebte, hatte sie nur weiße Männer von »schwarzer Magie« sprechen hören. Als hätte Magie eine Farbe. Effia hatte einmal eine Wanderhexe mit einer Schlange um Hals und Schultern getroffen. Diese Frau hatte einen Sohn. Sie hatte ihm abends Schlaflieder vorgesungen, seine Hände gehalten und ihn gefüttert wie alle anderen. Sie hatte nichts Finsteres.

Das Bedürfnis, etwas »gut« oder »schlecht« zu nennen, das eine »weiß« und das andere »schwarz«, war ein Impuls, den Effia nicht verstand. In ihrem Dorf war alles alles. Alles trug das Gewicht von allem anderen.

Am nächsten Tag erzählte Effia Adwoa, dass James die Wurzel gesehen habe.

»Das ist nicht gut«, sagte Adwoa. »Hat er es ›böse‹ genannt?« Effia nickte, und Adwoa schnalzte dreimal mit der Zunge. »Todd hätte das auch getan. Diese Männer könnten gut und böse nicht voneinander unterscheiden, selbst wenn sie Nyame wären. Ich glaube, jetzt wird es nicht funktionieren, Effia. Tut mir leid.« Aber Effia tat es nicht leid. Wenn sie unfruchtbar war, dann sollte es eben so sein.

Bald war James zu beschäftigt, um sich wegen Nachwuchs Sorgen zu machen. Die Festung erwartete Besuch von holländischen Offizieren, und alles musste so glatt wie möglich laufen. James stand lange vor Effia auf, um den Männern mit den importierten Waren zu helfen und sich um die Schiffe zu kümmern. Effia verbrachte viel Zeit damit, durch die Dörfer und die Wälder zu spazieren, die die Festung umgaben, und mit Adwoa zu plaudern.

Am Nachmittag, als die Holländer ankamen, traf sich Effia mit Adwoa und ein paar anderen Dirnen vor der Festung. Sie setzten sich in den Schatten einer Baumgruppe, um Yams mit Palmöleintopf zu essen. Adwoa war da und Sarah, die Mischlingsdirne von Sam York. Zudem die neue Dirne Eccoah. Sie war groß und schlank und bewegte sich, als wären ihre Gliedmaßen dünne Zweige, als könnte der Wind sie zerbrechen und umwehen.

Eccoah lag im schmalen Schatten einer Palme. Am Tag zuvor hatte Effia ihr geholfen, ihr Haar zu locken, und in der Sonne schien es, als würden tausend winzige Schlangen aus ihrem Kopf wachsen.

»Mein Mann kann meinen Namen nicht richtig aussprechen. Er will mich Emily nennen«, sagte Eccoah.

»Wenn er dich Emily nennen will, soll er dich Emily nennen«, sagte Adwoa. Von den vier Frauen war sie am längsten eine Dirne und sprach ihre Meinung laut und offen aus. Alle wussten, dass ihr Mann ihr zu Füßen lag. »Das ist besser, als sich ständig anzuhören, wie er deine Sprache verhunzt.«

Sarah grub die Ellbogen in den Sand. »Mein Vater war auch Soldat. Als er gestorben ist, ist meine Mutter mit mir ins Dorf zurückgekehrt. Dann habe ich Sam geheiratet, mein Name ist kein Problem für ihn. Wusstet ihr, dass er meinen Vater kannte? Sie waren beide Soldaten in der Festung, als ich ein kleines Mädchen war.«

Effia schüttelte den Kopf. Sie lag auf dem Bauch. Sie liebte Tage wie diesen, wenn sie Fante so schnell sprechen konnte, wie es ihr gefiel, wenn niemand sie bat, langsamer oder Englisch zu sprechen.

»Wenn mein Mann aus den Verliesen kommt, stinkt er wie ein sterbendes Tier«, sagte Eccoah leise.

Sie blickten alle weg. Niemand erwähnte je die Verliese.

»Er stinkt nach Ausscheidungen und Verwesung und schaut mich an, als hätte er eine Million Geister gesehen und wüsste nicht, ob ich einer von ihnen bin oder nicht. Er muss sich waschen, bevor er mich anfassen darf, und manchmal tut er das, aber manchmal stößt er mich auf den Boden und dringt in mich ein, als wäre er besessen.«

Effia setzte sich auf und legte die Hand auf den Bauch. An jenem Tag, nachdem James die Wurzel unter dem Bett gesehen hatte, war ein weiterer Brief von seiner Frau eingetroffen. Seitdem hatten sie nicht mehr miteinander geschlafen.

Der Wind frischte auf. Die Schlangen in Eccoahs Haar wanden sich, sie hob die dürren Arme. »Dort unten sind Menschen«, sagte sie. »Dort unten sind Frauen, die aussehen wie wir, und unsere Männer müssen lernen, uns von ihnen zu unterscheiden.«

Sie schwiegen. Eccoah lehnte sich an den Baum, und Effia sah zu, wie Ameisen über eine ihrer Haarsträhnen krabbelten, die für sie ein weiterer Teil der natürlichen Welt zu sein schien.

Nach dem ersten Tag in der Festung hatte James nie wieder mit Effia über die Sklaven gesprochen, die sie in den Verliesen gefangen hielten, aber er sprach oft mit ihr über wilde Tiere. Damit handelten die Asante überwiegend. Mit wilden Tieren. Affen und Schimpansen, hin und wieder sogar Leoparden. Mit Eisvögeln und Papageien, die sie und Fiifi als Kinder versucht hatten einzufangen, als sie durch die Wälder streiften auf der Suche nach dem einen Vogel, dem einzigartigen Vogel, der sich aufgrund seiner schönen Federn von allen anderen unterschied. An den meisten Tagen fanden sie keinen.

Sie fragte sich, wie viel so ein Vogel wert war, denn in der Festung wurde allen Tieren ein Wert zugeschrieben. Sie hatte gesehen, wie James einen Eisvogel betrachtete, den ein Asante-Händler gebracht hatte, und erklärte, dass er vier Pfund wert sei. Was war mit den menschlichen Tieren? Wie viel waren sie wert? Effia hatte natürlich gewusst, dass in den Verliesen Menschen waren. Menschen, die einen anderen Dialekt als ihren sprachen, die in Stammeskriegen gefangen genommen oder geraubt worden waren, aber sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wohin sie von hier aus gebracht wurden. Sie hatte sich nie gefragt, was James dachte, wenn er sie anschaute. Ob er in die Verliese ging und Frauen sah, die ihn an sie erinnerten, die aussahen wie sie, die rochen wie sie. Ob er gepeinigt war von dem, was er gesehen hatte, wenn er zu ihr kam.

Effia war bald klar, dass sie schwanger war. Es war Frühling, und von den Mangobäumen vor der Festung fielen die Früchte. Ihr Bauch, weich und fleischig, wölbte sich über einer anderen Art Frucht. James war so glücklich, als sie es ihm erzählte, dass er sie hochhob und mit ihr durchs Zimmer tanzte. Sie schlug ihn auf den Rücken und bat ihn, sie abzusetzen, damit das Baby nicht zu Tode geschüttelt würde, und er stellte sie ab, neigte sich vor und küsste sie auf den kaum erkennbaren Bauch.

Doch ihre Freude wurde bald beeinträchtigt von Nachrichten aus ihrem Dorf. Cobbe war krank. So krank, dass unklar war, ob er noch am Leben wäre, wenn Effia eintreffen würde.

Sie war nicht sicher, wer den Brief aus ihrem Dorf geschickt hatte, denn er war an ihren Mann adressiert und in gebrochenem Englisch verfasst. Sie war seit zwei Jahren fort und hatte seither nichts von ihrer Familie gehört. Sie wusste, dass Baaba dafür verantwortlich war, und war überrascht, dass jemand es überhaupt für wert befunden hatte, sie über die Krankheit ihres Vaters zu informieren.

Die Reise zurück ins Dorf dauerte drei Tage. James wollte nicht, dass sie in ihrem Zustand allein unterwegs war, aber da er unabkömmlich war, begleitete sie ein Hausmädchen. Als sie ankamen, sah das Dorf vollkommen verändert aus. Die Farben des Laubdachs der Bäume waren dumpf, die einst lebhaften Braun- und Grüntöne glanzlos. Auch die Geräusche waren anders. Alles, was früher geraschelt hatte, war jetzt still. Abeeku hatte das Dorf so wohlhabend gemacht, dass es als einer der führenden Sklavenmärkte an der ganzen Goldküste in die Geschichte eingehen sollte. Er hatte keine Zeit, Effia zu sehen, aber er schickte süßen Palmwein und Gold als Geschenk, kaum dass sie im Compound ihres Vaters eingetroffen war.

Baaba stand am Eingang. Sie schien in den zwei Jahren von Effias Abwesenheit um hundert Jahre gealtert zu sein. Ihr finsterer Blick wurde von den zahllosen Falten festgehalten, die an ihrer Haut zerrten, und ihre Nägel waren so lang geworden, dass sie sich bogen wie Klauen. Wortlos führte sie Effia in die Hütte, in der ihr sterbender Vater lag.

Niemand wusste, was für eine Krankheit Cobbe befallen hatte. Apotheker, Hexendoktoren, sogar der christliche Pfarrer aus der Festung waren hergebeten und um ihre Meinung gefragt worden und hatten für ihn gebetet, doch weder heilende Gedanken noch Arzneien konnten ihn dem Tod entreißen.

Fiifi stand neben ihm, wischte ihm andächtig den Schweiß von der Stirn. Plötzlich weinte und zitterte Effia. Sie nahm die Hand ihres Vaters und begann die fahle Haut zu streicheln.

»Er kann nicht mehr sprechen«, flüsterte Fiifi und blickte rasch auf ihren gewölbten Bauch. »Er ist zu schwach.«

Sie nickte weinend.

Fiifi legte das nasse Tuch weg und nahm Effias Hand. »Große Schwester, ich habe dir geschrieben. Mama wollte nicht, dass du kommst, aber ich dachte, dass du unseren Vater noch einmal sehen solltest, bevor er nach Asamando geht.«

Cobbe schloss die Augen, und ein leises Murmeln entkam seinen Lippen, und Effia sah, dass das Land der Geister ihn tatsächlich rief.

»Danke«, sagte sie zu Fiifi, und er nickte.

Er wollte die Hütte verlassen, doch an der Tür drehte er sich noch einmal um. »Baaba ist nicht deine Mutter. Unser Vater hat dich mit einem Hausmädchen gezeugt, das in der Nacht, als du geboren wurdest, in das Feuer gelaufen ist. Sie hat dir den Stein hinterlassen, den du um den Hals trägst.«

Fiifi ging hinaus. Und bald darauf starb Cobbe, während Effia noch immer seine Hand hielt. Die Dorfbewohner sollten erzählen, dass Cobbe auf Effia gewartet habe, um sterben zu können, aber Effia wusste, dass es komplexer war. Seine Unruhe hatte ihn am Leben gehalten, und jetzt gehörte diese Unruhe Effia. Sie sollte ihr Leben und das Leben ihres Kindes prägen.

Nachdem sie die Tränen weggewischt hatte, ging Effia hinaus in die Sonne. Baaba saß auf einem Baumstumpf, die Schultern gerade, und hielt Fiifis Hand, der jetzt still wie eine Feldmaus neben ihr stand. Effia wollte etwas zu Baaba sagen, sich vielleicht für die Last entschuldigen, die ihr Cobbe so viele Jahre lang aufgebürdet hatte, doch bevor sie den Mund öffnen konnte, räusperte sich Baaba, spuckte auf den Boden vor Effias Füßen und sagte: »Du bist nichts und kommst von nirgendwo. Keine Mutter und jetzt auch keinen Vater mehr.« Sie blickte auf Effias Bauch und lächelte. »Was kann aus nichts wachsen?«

Esi

Der Gestank war unerträglich. In der Ecke schluchzte eine Frau so krampfhaft, dass es schien, als würden ihre Knochen brechen. Das war es, was sie wollten. Das Baby hatte sich schmutzig gemacht, und Afua, seine Mutter, hatte keine Milch. Sie war nackt, hatte nur ein kleines Stück Tuch, das die Händler ihr gegeben hatten, damit sie sich die Brustwarzen abwischen konnte, wenn Milch herauslief, aber sie hatten sich verrechnet. Kein Essen für die Mutter bedeutete kein Essen für das Baby. Das Baby würde bald weinen, doch die Laute würden von den Lehmmauern verschluckt werden, in den Schreien der vielen Hundert Frauen untergehen.

Esi war seit zwei Wochen in einem Frauenverlies der Festung von Cape Coast. Sie hatte ihren fünfzehnten Geburtstag hier verbracht. An ihrem vierzehnten Geburtstag war sie noch im Herzen von Asante-Land gewesen, im Compound ihres Vaters, des Großen Mannes. Er war der beste Krieger des Dorfes, und alle waren gekommen, um der Tochter, die mit jedem Tag schöner wurde, ihre Aufwartung zu machen. Kwasi Nnuro brachte sechzig Yams. Mehr als je zuvor ein anderer Bewerber gebracht hatte. Esi hätte ihn im Sommer geheiratet, wenn die Sonne hoch stand und Palmwein gezapft wurde, wenn die beweglichsten Kinder auf die Palmen kletterten, den Stamm umarmten, während sie sich hochzogen, um die Kokosnüsse zu pflücken, die oben hingen.

Wenn sie die Festung vergessen wollte, dachte sie an diese Dinge, doch sie erwartete keine Freude. Die Hölle war ein Ort, an dem man sich in Erinnerungen verlor, jede schöne Begebenheit zog am geistigen Auge vorüber und fiel wie eine verfaulte Mango zu Boden, vollkommen unnötig, unnötigerweise vollkommen.

Ein Soldat betrat das Verlies und sagte etwas. Er musste sich die Nase zuhalten, um sich nicht zu übergeben. Die Frauen verstanden ihn nicht. Seine Stimme klang nicht zornig, aber sie hatten gelernt, beim Anblick einer Uniform, der Haut von der Farbe von Kokosnussfleisch zurückzuweichen.