Heimliche Gefährten - Herbert Kummetz - E-Book

Heimliche Gefährten E-Book

Herbert Kummetz

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Beschreibung

Drei Menschen hören und sehen, was man nicht hören und sehen kann. Fantasiegeschichten. Zwei von ihnen sind Jugendliche zwischen 13 und 15, einer ist ein Hard-Rock-Fan, Generation Ü70. Alvins Heimliche Gefährten machen Metal- Musik und pumpen sich auf zu Autoritäten, flüstern ihm was ein. Julika horcht auf die Rufe aus einer anderen Welt, aber sie weiß, dass es schizophrene Episoden sind. Der alte Mann führt Befehle seiner Frau aus, die verstorben ist. Ihre Lebenswege kreuzen sich für ein paar Monate, zwei verlieben sich, einer wird gerettet und zündet ein Haus an. Die heimlichen Gefährten geben am Ende auf.

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Herbert Kummetz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://www.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© Lehmanns Media GmbH, Berlin 2021 Helmholtzstr. 2-9 10587 Berlin Umschlag: Bernhard Bönisch Satz & Layout: LATEX Volker Thurner, Berlin ISBN 978-3-96543-194-2 www.lehmanns.de

Danksagung

Für ihre fachliche Begleitung

1  Heavy Night

Der Morgenstern kommt abends zu Alvin. Wenn er sich ausgezogen hat, unter seiner Bettdecke liegt, wenn die Nachttischlampe nicht mehr an ist. Und wenn Gott sei Dank der Gutenachtkuss vorbei ist. Er wartet auf ihn nicht mehr, er wartet auf den Morgenstern. Der Lichtschein unter der Türritze erlischt, als die Mutter gegangen ist. Verkrampft hat Alvin die Schlaf-gut-Zeremonie über sich ergehen lassen. Sie sehen jetzt fern. Ein Lastwagen brummt durch die Siedlung. Alvins Giraffe vom sechsten Geburtstag wirft plötzlich einen riesengroßen Schatten. Draußen hat der Bewegungsmelder die Hoflampe angeschaltet. Björn, der den Müll rausbringt. Alvin wirft sich hin und her. Wo bleibt der Morgenstern? Stattdessen Gedanken, nur Gedanken und dann noch mal Gedanken. Mathe morgen, eine Textaufgabe muss er noch abschreiben. Musik ist okay, das einzige Mal in der ganzen Woche, an dem er fast neben Ele sitzt, Elisabet Radacek. Die „sieht hammermäßig aus“, hatte Björn mal gesagt. Da wusste Alvin noch nicht richtig, was bei Mädchen „hammermäßig“ ist. Er hat inzwischen sein Wissen ergänzt. Um endlich einen Anfang bei ihr zu machen, könnte er fragen: „Wo kommt ihr eigentlich her?“ Radacek – so heißt man hier nicht. Und an die Fußballkarten muss er auf jeden Fall denken. Sie haben sich zum Tauschen verabredet, Jonas, Robbi, der Vandale und er. Seit der Sechsten heißt Yannik bloß „der Vandale“, weil er beim Fußball total losbolzt, ohne auf Opfer zu achten. Alvin gähnt, er wird schläfrig. Das Fahrrad hätte er heute putzen sollen ... morgen, ja morgen.

Wie stets steigt der Morgenstern aus einer schmutziggrünen Staubwolke. Menschengruppen in aschgrauen Kutten marschieren unaufhörlich im Zimmer herum. Bass und E-Gitarre vorweg, dann er, der Morgenstern. Er hebt die Drumsticks, die Klänge krachen. Mittendrin lässt sich Samantha von der fünfarmigen Deckenlampe des Kinderzimmers herab. Sie schlängelt direkt auf Alvin zu, flüstert und faucht. Was hat sie nur? Er ist sich keiner Schuld bewusst, Alvin wird es angst und bange. Er könnte losschreien, ballt die Hände zur Faust, hält an sich. „Man wird doch nicht brüllen, man wird doch nicht brüllen,“ zischelt Samantha ihm ins Ohr. „Wird man doch nicht. Das tut unser Junge nicht. Tut unser Junge nicht.“ Sie trägt einen weiten Rock, der bis zur Erde reicht. Muster wie eine Kreuzotter, die hatten sie neulich in der Schule durchgenommen. Die Kreuzotter nervt, jedes Mal. Er fürchtet sogar ihren Auftritt, wenn er ehrlich ist vor sich selbst. Jedenfalls brauchte seinetwegen Samantha gar nicht mitzukommen. Alvin fühlte sich schon von Anfang an nicht wohl mit ihr.

Aber er mag die schönen Fantasien, die mit seinen heimlichen Gefährten auf ihn warten. Noch fehlt die schöne Tebasile mit den grünen Augen, die ihn suchen. Ja ihn, Alvin Feldhusen suchen sie! Meistens liegt sie unter seinem Bett. Wenn es losgeht, schwingt sie sich auf seine Bettkante und fragt ihn: „Du hast doch nichts dagegen?“ Der Morgenstern haut plötzlich auf die beiden Trommeln, dass die Blätter der großen Efeutute auf Alvins Bücherregal ins Wackeln geraten. Tebasile wartet niemals eine Antwort ab, streckt ihre langen Beine. Erst das rechte Bein, dann das linke. Schließlich schweben beide Beine waagerecht über dem Bettvorleger. Ja, das kann sie. Alvin sieht, wie Waden und Knie sich deutlich abbilden. Hauteng sind ihre weißen Leggings. Jetzt müsste Alvin was sagen, er macht den Mund auf. Es soll bedeutend klingen, heraus kommt ein unverständliches Röcheln. Alvin beißt sich auf die Unterlippe. Plötzlich schwebt Tebasile über seiner Bettdecke. Alvin würde nachher zu sich sagen, etwa 20 Zentimeter Lufthöhe. Er sieht lauter Bluse vor sich, dahinter Brüste wie Kelche. Jede Brust hat den einen dunklen Punkt. Tebasile sieht er nicht mehr, ihm wird weiß vor Augen. Applaus, die Männer in den grauen Kutten klatschen wild. Der Morgenstern wischt das mit einer lässigen Handbewegung weg wie ein lästiges Insekt. Alvin ist sich sicher, dass er nur so tut als ob. Als ob ihm das mit dem Klatschen egal wäre. Von wegen! Dafür kennt man sich zu gut nach all den Nächten. Auch Alvin will klatschen, seine Hände zucken. Es geht nicht, er liegt beim abrupten Erwachen bäuchlings auf der Matratze.

Nach etlichen Wochen ihrer Beziehung hatte Tebasile einmal auf seiner Bettkante gesessen und nicht gefragt: „Darf ich?“ Sie fragte: „Soll ich mich nackig machen?“ Alvin glaubte, dass er total rot anläuft und guckte angestrengt nach unten. Die Frage aber ging nicht weg. Da hob er den Kopf und schaute in ihre Augen. Das erste Mal, dass er überhaupt jemandem in die Augen schaute, soweit er sich erinnerte. Ein Schauder durchrann ihn, der nach seiner Berechnung minutenlang andauerte. Wie eine Welle durchlief es ihn, von den Schultern an, durch Rücken und Bauch. Die Gitarre kriegte gerade ihr Solo, so dass alles sehr feierlich war. Samantha hatte was mitbekommen und kreischte von der Deckenlampe: „Man wird doch nicht! Man wird doch nicht! Du bist unser großer Junge!“ Alvin hatte sich vor ihrer Stimme erschrocken und war an jenem Abend hellwach geworden. Sein Blick fiel auf die schwarze Stofftasche mit dem Büffel-Schädel mit den drei Buchstaben W:O:A, die hatte ihm Björn im letzten Jahr zum Geburtstag geschenkt. Sie hing schief wie immer, die Giraffe schien sich keinen Millimeter bewegt zu haben. Die Efeutute befand sich im Schlaf, wie Alvin es auch sollte. Alles andere vorbei. Tebasile kam in jener Nacht nicht zurück, der Morgenstern hatte endgültig eingepackt. Nichts mehr. Nein, nicht ganz. Als Alvin sich von einer Seite zur anderen wälzte, spürte er eine feuchte klebrige Wärme in seinem Pyjama, die er bisher nicht kannte. Es war ihm peinlich gewesen wegen der Männer in den Kutten, die alles gesehen haben mussten.

Heute passiert ihm so was nicht. Alvin dreht sich auf die linke Seite. Er hört sein Herz schlagen, voller Spannung. Er kneift die Augen zu mit aller Macht. Die Bilder kommen nicht wieder. Tebasile ist weg. Ihre Bluse umflattert ihn – nein, es ist das schlaffe Oberteil des Kopfkissenbezugs.

Die drei abendlichen Begleiter weiß Alvin auch tagsüber um sich herum. Allerdings nicht immer vollzählig und selbst für ihn nicht immer sichtbar. Aber eine Ahnung hat er schon, wo sie gerade sind. Wenn es in der Klassenarbeit dumm läuft, kann er still zum Morgenstern rufen, der ist meistens in der Nähe. Tatsächlich fließen dann die Ideen in doppelter Geschwindigkeit aus dem Kugelschreiber. Mathe ist offenbar Morgensterns Lieblingsfach, genau wie bei Alvin. Da liegt manch guter Tipp in der Luft. Wenn Samantha und Tebasile dabei sind, geht eher was schief. Oder sie lassen ihn hängen. Alvin nimmt Tebasile in Schutz. Er findet, dass Samantha an allem schuld ist. In den Musikraum kommen alle drei mit, drängen sich auf die kurze Bank neben dem Klavier. Hoffentlich sieht sie dort keiner, dachte Alvin anfangs. Interessieren sie sich fürs Fach? Morgenstern bestimmt. Aber Samantha? Die hört sich beim Singen an wie ein defekter Handmixer. Das möchte er ihr eines Tages mal sagen, wenn sie wieder was zu kreischen hat.

2  Erde an Alvin

Meine alten Freunde dürfen nicht wissen, dass ich diese neuenFreunde habe. Der Vandale würde mich für total gaga halten.Dass ich im Schulchor singe, ist für ihn schon abartig genug.„Kannste da bei Weibern einparken?“, ist seine wichtigste Fragedazu. Mit dem kann man Fußball spielen, sonst nichts. Robbifinde ich nicht so extrem. Singen ist nicht seins, aber er magtrotzdem Musik bei Dr. Sternke-Hasenreuther. Wir hätten fastunter den Tischen gelegen vor lauter Feixen, nachdem er seinenNamen angeschrieben hatte.„Man hat den Namen den manhat“, sagte er, ohne sich im Geringstenüber uns aufzuregen,„ich bin‚Dr.Sternke‘ bei euch, das genügt.“ Von da annannten wir ihn unter uns„Sternchen“. Er ist moderner als dieanderen Lehrer, er macht lustige Bemerkungen. Manchmalversteht er sogar, worüber wir unter uns Jungs lachen.„Mit‚Sternchen‘ baut man was fürs ganze Leben“ ist so einSpruch von Robbi. Das hat er von einem Plakat, gleich beider Einfahrt zur Schule.„Mit uns baut man für ein ganzesLeben“, steht drauf, ein Haus mit Swimmingpool ist zu sehenund grinsenden Kindern. Robbis Spruch hätte glatt vonmir stammen können. Passt irgendwie. Dr. Sternke sprichtmanchmal nebenbei so Sachen aus, auf die es wirklichankommt im Leben. Ich meine jetzt nicht Musik, das ist ja bloßsein Fach. Ich hatte sogar schon mal die Idee, Dr. Sternkevon meinen heimlichen Gefährten zu erzählen. Vor allemvom Morgenstern, könnte ihn doch interessieren. GleicheMusikrichtung und so. Aber das geht nicht. Samantha würde sichtotal aufregen.

Mittags in der Schulmensa am Achtertisch. Ich sitze bei denanderen. Und auch wieder nicht. Weil die neuen Freunde ja nochda sind. Irgendwie drücken sich Morgenstern, Samantha undTebasile mit auf die Bank. Ich bin froh, dass die Männerin den Kutten nicht zu sehen sind. So viel Platz ist hiernicht.

Vor vielen Wochen fiel es mir leicht, bei den Kumpels zu hocken.Wir haben uns einen abgelachtüber wer weiß was, gefrotzelt undgestänkert, wie das so ist unter Jungs. Meine Schutzblase vonFreunden. Aber dann hatte ich den Unfall mit dem Fahrrad,scheiße, kein Helm und dann noch freihändig, ich will niewieder ein Held sein. Fünf Wochen hatte ich gekriegt. Ich willsagen: Krankenhaus, Doktorlaufen, Ruhigliegen und sowas.

Sie kamen dann einfach zu mir im Krankenhaus. Nachts, wennalles still war. In der ersten Zeit zog nur die Aschewolke insZimmer, mittendrin die marschierenden Männer. Nur das. Einwiderlicher Gestank hing um mich herum, mir wurde ganzübel.Komisch: Die Nachtschwester beschwerte sich niemals darüber,dass es schlecht riecht. Die Männer in ihren Stiefeln hörte sieebenfalls nicht. Ich aber hatte Schiss vor ihnen, ich betete, dasssie mir nichts antun. Einmal lag ich danach noch lange wach. Ichschwitzte wie ein Tier. Als die Nachtschwester das bemerkte,wurde natürlich Fieber gemessen. Ich behauptete, da wäre nichtsSchlimmes. Nur laute Geräusche, die mich gestört hätten,vielleicht von der Station im Stockwerküber uns. Sie sah michlängere Zeit an. Bei der nächsten Visite wollte der Stationsarztnoch mal wasüber die Geräusche wissen. Dabei lernte ich,dass es gar kein Stockwerküber uns gibt. Aber ich hieltdicht. Man darf nichts ausplaudern. Außerdem wollte ich diemarschierenden Männer unbedingt da raushalten, nachherrächen sie sich noch. Wie zur Belohnung hörte ich eines Nachtsdas Schlagzeug. Der Morgenstern saß dahinter, vorne am MikroTebasile. Es musste noch mehr Instrumente geben, die im Offspielten, mindestens ein Saxophon, einen Bass und eineE-Gitarre.

Ach ja, Samantha. Als ich aus dem Krankenhaus schon einigeTage entlassen worden war, tauchte sie plötzlich auf. Ich fuhrzusammen, so erschreckte ich mich. Sie glitschte aus einemAmazon-Karton, der noch immer bei mir im Zimmer herumsteht,und fand sofort den Deckenleuchter. Immer von oben herabmuss sie sein. Gesicht wie Mama. Manchmal tut sie so, als obsie es wäre.

Als ich begann, wieder zur Schule zu gehen, kamen sie alleungefragt mit. Ohne Musik zu machen, kein Schlagzeug, keinGesang. Aber mit dabei. Oder doch meistens in Rufweite.Manchmal sagen sie was, vor allem Samantha, die kannvielleicht blöde Sachen anbringen. Nicht, dass sie sich inder Klasse melden. Sie sagen zu mir was oder flüsternuntereinander. Ich bin froh, dass meine Kumpels in der Schuledas nicht mitkriegen. Hätte Angst davor, wenn das jemandmerkte. Wie steht man dann da? Ich habe mich an dieheimlichen Begleiter gewöhnt. Darf ich vorstellen? Morgenstern,Samantha, Tebasile – stets gut getarnt.

Meine Schulkumpels schlingen ihr Essen herunter, sie alberndabei herumüber alles Mögliche. Es ist nicht so, dass ichwillentlich abschalte. Ich gebe mir Mühe, aber ich komme in ihreGespräche einfach nicht rein. Ich habe so’ne Duschwand imKopf: Du stehst nach dem Sport unter der Brause und vorneblubbern die anderen herum, doch du verstehst einfach nichts.Bei Jonas, Robbi und dem Vandalen ist das anders, wir sind eineTruppe, mit denen komme ich immer zurecht. Wenn aber dieÜbrigen in der Gruppe lachen, fühle ich mich weit weg, als hätteich Watte im Ohr. Ich horche, ob der Morgenstern mitlacht. Tut ernicht. Also, ich auch nicht. Manchmal, wenn mich Jonas anstößt,weil die Stimmung am Tisch gerade wahnsinnig gut ist, dannlache ich auch an der richtigen Stelle. Jedenfalls denke ich das.Ich will so tun, als wäre ich auf einer Wellenlänge mit meinerUmgebung am Achtertisch. In Wirklichkeit versuche ichgerade, Kontakt mit Tebasile aufzunehmen.„He, Erde anAlvin – wo bist du Kumpel?“, das ist Robbis Stimme –„ImAnflug auf deinen Horizont“, antworte ich schwitzend vorVerlegenheit, da ist mir rechtzeitig was Passendes eingefallen.Alle lachen, mir ist noch einmal verziehen. Sie machen weiter mitihren Witzen, bei denen kriege ichöfters rote Ohren beimZuhören. Denn ich schäme mich für sie wegen Tebasile. Siesoll nichts Falschesüber mich denken. Aber was ist dasRichtige?

Mit meiner Truppe fühle ich mich am wohlsten. Wir könnenuns aufeinander verlassen. Neulich zum Beispiel hatte derHausmeister die Tür zum Keller nicht abgeschlossen. Ichkriege das mit, fasse zur Sicherheit noch mal auf die Klinke.Tatsächlich, ist offen. Mit den Kumpels bin ich runter in dernächsten Pause. Unten wieder Türen. Im ersten Raum zwei alteGeräte von früher, sehen aus wie eine Kamera oder so was.Außerdem eine Kiste mit runden Blechdosen. Robbi macht eineauf.

Wir sehen eine Rolle, auf der ein fingerbreites Plastikbandgewickelt ist, endlos lang. Der Anfang ist mit Tesa verklebt. Robbizieht den Streifen ab, das glänzende Band springt von selberlos und baumelt kurzüber dem Fußboden. Der Vandale hebt denPlastikstreifen hoch. Wir sehen nichts. Doch dann, das Licht fälltauf kleine Fotos, eins am anderen. Wenn man alles abwickelnwürde, wären das mindestens 20 Kilometer, schätze ich, lauterFotos. Allgemeines Staunen. Als wir damit fertig sind, erklärtJonas unseren Fund:„Leute, das ist ein Film. Bevor es DVD gab,hatte man solche Filme. Ich hab‘ da mal ‘ne Sendung gesehen...“ –„Jaaaaa, Jonas, haste gesehen“, unterbricht ihn derVandale. Jonas ist unser Bildungstier. Als es im Kellergangraschelt, drängen wir hastig raus und wieder nach oben. DerHausmeister verkauft noch Getränke am Tresen. Meineheimlichen Gefährten hatten zum Glück nicht mitgekriegt, dasswir im Keller verschwunden waren. Tebasile allein hätte ichda unten gern herumgeführt, doch solo kriegt man die janicht.

3  Weißer Ritter

Alvin führt regelmäßig den Hund aus. Meistens gehen sie bis ans Ende der Siedlung, wo der neue Radfernweg entlangführt. Drüben auf der Wiese stehen Kühe und Windräder. Dazwischen watscheln erste Gruppen von Ringelgänsen herum, die sich für den Weiterflug sattfressen. HSV verbellt sie regelmäßig. Erhobenen Hauptes zeigen die Gänse, wie gleichgültig ihnen das ist.

Auf dem Rückweg müssen sie am Eckhaus mit dem verlassenen Garten vorbei. Da könnte man tolle Sachen machen mit seinen Kumpels. Auf jeden Fall Fußball spielen. Morgenstern und Tebasile würden das ebenfalls gut finden, bei Samantha weiß man nicht. Waren es nicht überhaupt die heimlichen Gefährten, die ihm den Gedanken mit dem Garten zugeflüstert hatten? Jedes Mal, wenn Alvin hier vorbeikam?

Ein ideales Grundstück zum Stöbern oder Herumbolzen. Man kommt nicht einfach hinein. Ein Zaun läuft an einer Seite entlang, an der anderen eine dichte Hecke mit einer verschlossenen Pforte. Irgendwelche Ausländer sollen das alte Haus gekauft haben, erzählte sein Vater, einer aus Mazedonien. Er sagte nicht, wo das liegt. Später meinte sein Bruder Björn, das wäre irgendwo Richtung Türkei. Von einer Baugesellschaft haben sie’s, die nicht bauen durfte, was sie bauen wollte. Soweit verstand Alvin das Gespräch ums Eckhaus. Vorher habe das alten Leuten gehört, sagte sein Vater. „Die Nielsbergs, wir hatten so gut wie keinen Kontakt zu ihnen. Ich glaube, nur der Mann ist noch am Leben.“

Ob nun die Nielsbergs oder der Mazedonier die tatsächlichen Besitzer des alten Hauses sind, interessiert Alvin wenig. Der Garten, der so verlassen aussieht, lockt ihn immer wieder. Heute endlich ist er mit HSV an einer kaputten Stelle durch den Zaun aufs Grundstück gekrochen. Ein Loch, das gerade passt für einen dicklichen Hund. Ihm folgt der schlaksige Alvin mit einem Fußball unterm Arm. Er hat vor, ein Spielfeld zu testen, das ist klar. Alvins drei heimliche Begleiter wollten plötzlich nicht mit rein. „Keine Gefahr, man kann nicht erwischt werden. Die sind höchstens am Wochenende mal da, hundert Pro. Ihr braucht keine Angst zu haben“, erklärt er ihnen. Doch niemand von ihnen will mit durch den Zaun kriechen. Samantha murmelt was von ihren Schuhen, mit denen ginge das gar nicht, und dass es sich nicht gehört. Tebasile ziert sich, weil ihre Bluse am Draht hängenbleiben könnte. Und Morgenstern? Vielleicht hält der nichts von Fußball? Alvin hätte nicht gedacht, dass die drei so schwierig sein können. Er würde Tebasile gern fragen: „Wieso kannst du dir nicht einfach mal ‘ne Jacke überzuziehen?“ Traut er sich dann doch nicht.

Noch jemand hat sich an diesem Nachmittag zum Garten aufgemacht. Ein alter Mann, der ein paar Straßen weiter lebt. In seinem Stammcafé werden sie bald auf ihn warten, seine kleine Männertruppe der Senioren aus der Siedlung. Sie treffen sich dort regelmäßig. Jetzt ist noch Zeit. Er lehnt sich über die Hecke des Gartens, der so verlassen aussieht. Er schaut und schaut. Mehrmals die Woche kommt er hier vorbei. Er kann nicht oft genug gucken. Heute steht er gebückt, es schmerzt ihn irgendwas. An der Hecke entlang bis zur Gartenpforte, dort stützt er sich auf die rostigen Streben eines Rosenbogens. Einem Ton scheint er nachzulauschen, er blickt sich um. Es ist die hintere Haustür. Sie pendelt in den Angeln leise quietschend hin und her, zurückgezogen und freigelassen wie von einer spielenden Hand. Seine beiden „Gören“ damals an derselben Tür nannten es „Windmachen“, trieben es bis zum Schimpfen. War jemand drin, der für Durchzug sorgt? Eigentlich kommen die neuen Besitzer immer erst zum Wochenende. Ein Haus muss lüften, sagt man, sonst wird alles stockig. Da kannten sie nichts. In der Frühe immer gleich die Fenster weit auf, bei jedem Wetter, die Betten auf die Brüstung. Was ist mit der Tür?

Immer noch die gleiche alte Gartentreppe zur Küche unter dem weiten Dachüberstand, ihre Holzstufen stumpf, gequollen und wieder getrocknet. Lange nicht begangen. Als ob da keine Stiefel gepoltert wären, niemals Sohlen quietschten, fremd das Klackern von Absätzen. Die Staketen des Geländers sind überzogen von graugrünen Flechtenkolonien. Flatschenweise blättert feines Blau vom Handlauf. Einer müsste sich mal kümmern. Er sollte Bescheid geben. Wem? Den Neuen? Der Mann nimmt die Arme vom Gestänge des Rosengitters, wischt sie an seiner Manchesterhose ab, eine Rostspur bleibt.