HELENA: Kampf um Kreta - Zenobia Volcatio - E-Book

HELENA: Kampf um Kreta E-Book

Zenobia Volcatio

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Beschreibung

Eine mitreißende Geschichte voller Abenteuer, Leidenschaft und Gefahren. Helena ist endlich am Ziel. Tiberius, ihre große Liebe, hat sie zu einer Unsterblichen gemacht und ihr damit den Wunsch erfüllt, mit ihm vereint zu sein. Doch dieses neue Dasein stellt Helena vor Herausforderungen. Sie gerät in Konflikt mit ihrem dunklen Wesen und muss lernen, ihre animalischen Triebe zu beherrschen. Vor allem die wachsende Faszination für den attraktiven Callinus stürzt sie in einen Zwiespalt der Gefühle. Zur selben Zeit lässt sich eine uralte Ägypterin auf Kreta nieder und beansprucht die alleinige Herrschaft über die Insel. Doch Tiberius und seine Verbündeten sind nicht bereit, sich zu unterwerfen, sondern wollen für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Werden sie Kreta und ihre Freiheit retten können?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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VORWORT
TRIGGERWARNUNG
WAS BISHER GESCHAH…
KAPITEL I
KAPITEL II
KAPITEL III
KAPITEL IV
KAPITEL V
KAPITEL VI
KAPITEL VII
KAPITEL VIII
KAPITEL IX
KAPITEL X
KAPITEL XI
KAPITEL XII
KAPITEL XIII
KAPITEL XIV
KAPITEL XV
KAPITEL XVI
KAPITEL XVII
KAPITEL XVIII
KAPITEL XIX
KAPITEL XX
KAPITEL XXI
KAPITEL XXII
EPILOG
ÜBER DIE AUTORIN
IMPRESSUM
GLOSSAR

Kampf um Kreta

Von Zenobia Volcatio

Kampf um Kreta

Von Zenobia Volcatio

1. Auflage, 2025

© Zenobia Volcatio – alle Rechte vorbehalten.

VORWORT

Liebe Lesende,

willkommen zurück im 5. Jahrhundert n. Chr. auf der Insel Kreta, als diese zum Oströmischen Reich gehörte, und Konstantinopel, das heutige Istanbul, die Hauptstadt des Imperium Romanum war.

Ursprünglich hatte ich überhaupt keine Fortsetzung von »Im Bann des Bluttrinkers« geplant. Doch die Liebesgeschichte von Helena und Tiberius, dem Vampirherrscher-Paar aus »Der Vampirfürst« gefiel euch so gut, dass ich darüber nachdachte weiterzuschreiben. Die beiden ließen mich noch nicht los. Sie wollten ihre Geschichte weitererzählen, und so entstand die Idee zu einem zweiten Teil.

Darin erlebt ihr mit Helena die neuen Herausforderungen und Abenteuer des unsterblichen Daseins, an der Seite ihrer großen Liebe Tiberius. Deswegen ist Band II dunkler, rauer und blutiger als Band I.

Beachtet hierzu bitte die Triggerwarnung im nächsten Kapitel.

Insgesamt enthält der Roman im Vergleich zu Band I wenig Romance und kaum Spice.

Da ich unsere reale Welt mit der Parallelgesellschaft der Unsterblichen verbinde, versuche ich, das damalige Leben korrekt nachzuzeichnen. Allerdings handelt es sich hier um keinen historischen Roman und die Berührungspunkte der Bluttrinker mit der Welt der Menschen sind sporadisch.

Spezifische Begriffe erkläre ich, falls möglich, im Text. Ansonsten könnt ihr sie im Glossar am Ende des Buches nachschlagen.

TRIGGERWARNUNG

Dieser Roman enthält stellenweise blutige Gewaltdarstellungen wie Kämpfe, Folter und Mord. Des Weiteren gehen die Unsterblichen in der Geschichte ungehindert ihrer Natur als Jäger nach und töten Menschen.

WAS BISHER GESCHAH…

Auf der Insel Kreta wächst die Griechin Helena als Sklavin im Haus des Lucius Claudius Romanus auf. Ihr Herr ist dem Mädchen vollkommen verfallen und lässt sie bei seinen Gastmählern als Tänzerin auftreten.

Eines Abends weilt ein überaus ansehnlicher Römer unter den Gästen, der jede ihrer Tanzbewegungen genau verfolgt. Dieser Fremde erscheint Helena ganz anders als die sonstigen Männer, die sie kennt, und ihr Herz schlägt schneller in seiner Gegenwart.

Doch bereits am nächsten Tag muss sie ihr altes Zuhause und ihre Mutter, die bei Lucius in der Küche arbeitet, für immer verlassen, da der Fremde sie gekauft hat.

Im Haushalt von Tiberius Aemilius Mamercinus lernt sie die zwei jungen Sklaven Aris und Zenon kennen. Die führen sie in die Gepflogenheiten ihres Herrn ein, der tagsüber nie zu Hause ist. Die beiden Griechen müssen ihm auch nie Speisen zubereiten, was Helena überaus seltsam erscheint.

Jeden Abend, wenn Tiberius von seinen Geschäften zurückkehrt, verbringt er Zeit mit ihr und behandelt sie überhaupt nicht wie eine Sklavin. Er besorgt ihr sogar einen Hauslehrer, damit sie Lesen und Schreiben lernt, und unternimmt nächtliche Ausflüge mit ihr.

Allmählich kommen sie sich körperlich näher und Helena entwickelt tiefere Gefühle für ihren Herrn. Als Tiberius ihr seine gesteht, kann sie es kaum glauben und wähnt sich im höchsten Glück.

Doch schon bald erfährt sie das dunkle Geheimnis ihres Geliebten, als er einen Übergriff von Lucius auf sie vereitelt. Dabei zeigt Tiberius seine dämonische Seite und gesteht ihr dann, dass er ein Bluttrinker ist. Helena reagiert verzweifelt auf ihre ausweglose Lage, einem Dämon ausgeliefert zu sein, und weiß sich nicht mehr zu helfen. Das veranlasst Tiberius dazu, ihr die Freiheit zu schenken, und er versucht behutsam, ihr Vertrauen zurückzugewinnen.

Ein weiterer Unsterblicher namens Marcus buhlt gleichzeitig um die Zuneigung von Tiberius, sieht in der jungen Frau eine unliebsame Konkurrenz und versucht sie schließlich zu ermorden.

Tiberius kann ihr Leben rechtzeitig retten und liefert sich anschließend ein Duell mit Marcus, bei dem er den Jüngeren vernichtet.

Immer mehr drängt Helena darauf, dass ihr Geliebter ihr das unsterbliche Blut gibt, um endlich wahrhaftig mit ihm vereint zu sein. Ansonsten sieht sie keine Zukunft für ihre Liebe. Tiberius willigt schlussendlich ein und verwandelt zum ersten Mal jemanden in einen Bluttrinker. Helena lernt von ihm die wichtigsten Dinge in ihrem neuen Dasein und ist überglücklich, endlich wie Mann und Frau zusammenzuleben.

KAPITEL I

Helena drehte sich fasziniert im Adyton, der fensterlosen Kammer des Apollon-Tempels, um die eigene Achse, während sie den Erzählungen ihres Gefährten Tiberius lauschte. Einst war hier die Pythia, die Priesterin des Orakels von Delphi, auf einem Dreifuß über einer Erdspalte gesessen, und hatte sich durch die aufsteigenden Dämpfe in Trance versetzt. In diesem Zustand sprach sie dann ihre Prophezeiungen aus, und nur die obersten Priester hatten Zugang zum Allerheiligsten und begleiteten die Pythia zum Ritual. Allerdings entdeckte Helena überhaupt keine Spalte in den Bodenplatten. Sie nahm nur einen schwachen süßlichen Geruch in der Kammer wahr. Vielleicht handelte es sich dabei um die göttlichen Dämpfe des Apollon. Denn der Sage nach, tötete der Gott hier die Schlange Python, worauf sich ihre hellseherischen Fähigkeiten auf Delphi übertrugen.

Tiberius wies auf einen kegelförmigen dunkelgrauen Stein, der auf dem kleinen Podest an der Rückwand der Kammer stand. »Das ist der Omphalos, damals der Nabel der Welt. An dieser Stelle landeten die beiden Adler, die Zeus von jedem Ende der Welt losgeschickt hatte.«

Ehrfürchtig trat Helena vor den dunklen Stein, der ihr bis zur Brust reichte, und fragte sich, ob Apollons Zorn sie treffen würde, wenn sie ihn berührte. Immerhin war er der Gott des Lichts und sie ein Wesen der Nacht.

»Meinst du, die Götter haben diesen Ort verlassen?«, fragte sie unsicher.

»Falls sie je hier waren, dann sicherlich. Ihr Kult ist tot und nebenan steht jetzt eine Basilika für den Christengott.« Tiberius berichtete, dass Kaiser Theodosius vor einem Jahrhundert die heidnischen Kultstätten schließen ließ, so auch das Orakel. Seither verfiel der Tempelbezirk immer mehr und im Ort siedelten sich Christen an. Hauptsächlich Handwerker, wie die vielen Werkstätten zeigten.

Bedächtig strich Helena über die glatte Oberfläche des Omphalos, als ob sie darin eine Präsenz oder eine sonstige fremde Macht spürte. Sie öffnete ihren Geist, so wie sie es tat, um mit anderen Unsterblichen Gedanken auszutauschen. Konzentriert lauschte sie einige Male, doch nichts geschah. Es blieb einfach nur ein Stein.

»Wer ist dieser Christengott eigentlich?« Helena wusste wenig über den neuen Glauben, denn in Lucius’ Haus wurde noch den alten Göttern gehuldigt. Auch Tiberius und seine Freunde waren mit der römischen Götterwelt aufgewachsen. Doch durch ihre griechische Mutter und die anderen griechischen Sklaven im Haushalt ihres früheren Herrn betete sie zu den griechischen Göttern.

Ihr Gefährte erwiderte: »Sie nennen ihn Jahwe. Er ist ihr einziger Gott und seinen Sohn nennen sie Jesus. Er wurde von einer sterblichen Jungfrau geboren.« Dann schüttelte ihr Liebster bedauernd den Kopf. »Der alte Glaube stirbt immer mehr. Wer hätte zu meinen Lebzeiten gedacht, dass die Lehren eines gekreuzigten Aufrührers einmal zur Staatsreligion des Imperiums werden würden.«

»Du glaubst eh nicht mehr an deine Götter, oder?«, vermutete sie, denn auf dem Lararium, dem Hausaltar im Atrium seines Hauses, standen keine Götterfiguren und niemand brachte den Hausgöttern Opfer dar.

Tiberius zuckte mit den Schultern und seufzte. »Ich weiß es nicht. Vieles ist alte Gewohnheit. So auch bestimmte Redewendungen. Aber ich praktiziere keine Riten mehr oder bitte um Beistand. Ich habe in meinen fast fünf Jahrhunderten auch nie eine unbekannte Macht gespürt oder Erscheinungen gehabt. Deshalb begann ich an der Existenz der Götter zu zweifeln. Vielleicht gab es sie einmal und sie ließen uns im Stich. An manchen Orten verehrten Menschen uns Bluttrinker als Gottheiten und vielleicht tun sie es irgendwo immer noch.«

Helena legte beide Hände auf den kühlen Stein. »Das stelle ich mir schön vor. Von vielen verehrt zu werden.« Sie dachte daran, wie Fandila und die Jungs sie bewunderten und das gefiel ihr.

Tiberius trat hinter sie, streichelte über ihre Schultern und säuselte: »Ich verehre dich auch, meine Aphrodite.«

Helena drehte sich lächelnd zu ihm um und blickte in seine verschmitzten hellgrauen Augen. »Und welcher Gott könntest du sein?« Auf jeden Fall einer mit einem athletischen Körper.

Tiberius zog sie in seine Arme und drückte einen kurzen Kuss auf ihre Lippen. »Wenn du Aphrodite bist, dann bin ich Adonis.«

Sie grinste. »Ja, das passt zu dir.«

Er strich ihr eine braune Haarsträhne aus der Stirn und wurde wieder ernster. »Allerdings kannst du die Sterblichen nicht im Stich lassen, wenn sie dich verehren. Du musst dich um sie kümmern und bist nicht mehr frei. Es ist eine große Verantwortung.«

Von dieser Seite hatte Helena es noch gar nicht betrachtet. »So fühle ich bei unseren Dreien. Ich will sie vor allem beschützen.«

»Ja, sie vertrauen uns. Und wir sollten sie nie enttäuschen.«

Da konnte sie ihm nur beipflichten. Vor allem Zenon und Fandila erschienen ihr hilflos.

Dann löste sich Tiberius von ihr und wies zum Portal des Apollon-Tempels. »Lass uns draußen noch die Basilika besichtigen. Mich interessiert brennend, wie es darin aussieht.«

Kurz darauf standen sie vor dem schlichten dreischiffigen Gebäude und Helena überfiel ein ungutes Gefühl. »Wird uns dieser Gott nicht zerschmettern, wenn wir seinen Tempel betreten? Und ein Opfer haben wir auch nicht für ihn.«

Ihr Geliebter sah an der Kalksteinfassade hoch und schritt dann auf das Tor zu. »Keine Sorge. Ich weiß, dass uns nichts geschieht. In Rom habe ich öfter ihre unterirdischen Versammlungsorte in den Katakomben betreten. Zufällig, als ich meine Opfer dort unten ablegte. Die frühen Christen mussten ihre Rituale heimlich abhalten, weil sie als Staatsfeinde verfolgt wurden, denn sie weigerten sich, den Kaiser zu verehren. Ihre fanatischen Anhänger stifteten öfter Unruhe und dagegen musste man vorgehen. Ich beobachtete ihre Messen manchmal, weil mich interessierte, ob die Gerüchte über Menschenopfer stimmten. Doch das sogenannte Fleisch und Blut diente nur als Metapher. Sie tranken Messwein und aßen Brot. Trotzdem befremdlich, dass sie symbolisch ihren Gott aßen, oder besser gesagt, seinen Sohn. Sie glauben, dass sich Jesus für die Sünden der gesamten Menschheit geopfert hat, sich deswegen kreuzigen ließ und dann von den Toten auferstanden ist.«

Für sie klang das nach einer weiteren Göttersage. Die taten oft fragwürdige Dinge, aber dass sich ein Gott für die Menschen opfert, das hatte sie noch nie gehört.

Tiberius behielt recht. Weder beim Betreten noch beim Aufenthalt in der Basilika geschah etwas Unvorhergesehenes. Sie schritten über den mit geometrischen Mustern ausgelegten Mosaikboden durch das Mittelschiff, das von Säulen gesäumt wurde. Weiter vorn stand anstatt einer Statue des Gottes, der Altar, bedeckt mit einem weißen Tuch. Normalerweise befand sich der Opferaltar doch vor dem Tempel.

»Für gewöhnlich dürfen Ungetaufte die Kirche nicht betreten«, erklärte ihr Liebster. »Aber für uns gelten die irdischen Regeln nicht mehr.«

Helena gefielen die Vorteile ihrer Art jedes Mal. Es zeigte, dass sie als Unsterbliche über vieles erhaben war, und das erfüllte sie mit Genugtuung. Als Sklavin war sie bisher unterjocht gewesen und nun genoss sie uneingeschränkte Freiheit. Kein Mensch würde sie besiegen können. Nur das Tageslicht gebot ihr Einhalt.

Tiberius verflocht seine Finger mit ihren und lächelte sie von der Seite an. In seinen Augen stand tiefe Zuneigung, die ihr Herz erwärmte. Sie erwiderte den Blick mit denselben Gefühlen, und er betonte abermals, wie glücklich es ihn machte, sie als Gefährtin an seiner Seite zu wissen.

»Du bist mein Sonnenschein. Aber das weißt du ja«, sagte er grinsend.

Sie nickte geschmeichelt. »Ja, das weiß ich. Und du bist mein Retter. Du hast mich von der Sklaverei und von den irdischen Zwängen befreit.«

Sanft strich er mit dem Handrücken über ihre Wange. »Das würde ich immer wieder tun, meine Blume.«

Für ihre gegenseitige Liebe hatte sie in Kauf genommen, ewig in der Nacht gefangen zu sein und sich von den Lebenden ernähren zu müssen. Doch bisher hatte sie ihre Entscheidung, zur Lamia zu werden, nicht bereut, denn sie waren dadurch auf ewig vereint.

Händchenhaltend verließen sie die Basilika und stiegen zum ehemaligen Theater des Apollon-Heiligtums hinauf. Tiberius setzte sich auf die oberste Sitzreihe und Helena kuschelte sich in seine Arme. Gemeinsam genossen sie die herrliche Aussicht auf die bewaldeten Hänge des Berges Parnass. Eine frische Herbstbrise spielte mit Helenas langen braunem Haar, während sie sich an den muskulösen Oberkörper ihres Gefährten lehnte. Auf diese Weise fühlte sie sich geborgen, wenn er sie umfing. Leise pochte sein langsamer Herzschlag in ihren Ohren, was herrlich beruhigend auf sie wirkte. Ihres klopfte als Lamia nun ebenfalls schwach. Eine der vielen Veränderungen von Mensch zu einer Unsterblichen. Seit ihrer Verwandlung vor ungefähr zwei Monaten hatte Tiberius ihr schon viel gezeigt und beigebracht. Anfangs ihre neuen Fähigkeiten und das Jagen. Dann Orte auf Kreta und nun war Delphi sein erstes Ziel auf dem Festland. Helena liebte diese Ausflüge. Endlich lernte sie die Welt kennen und es gab noch so viel zu entdecken.

»Mir gefällt dieser Ort«, sagte sie.

»Ja, mir auch. Wenn ich mir vorstelle wie lange das Orakel existierte. Wen diese Mauern in über tausend Jahren alles gesehen haben. Feldherren wie Alexander den Großen, unzählige Könige und Kaiser. Und nun sind wir hier. Damals, als junger Unsterblicher in Rom, begann ich mein neues Dasein erst zu akzeptieren, als ich meine Möglichkeiten entdeckte, Orte zu besuchen, die mir als Mensch immer verwehrt geblieben wären. Ich wandelte ungestört durch den Kaiserpalast, beobachtete Domitianus im Schlaf und las mich oft durch seine griechische und lateinische Bibliothek. Ich drang ins Allerheiligste der verschiedenen Tempel ein und geisterte durch das Haus der Vestalinnen, das ein gewöhnlicher Mann bei Todesstrafe nie betreten durfte. Für mich existierten keine verschlossenen Türen und niemand konnte mich ertappen. Es gab mir ein Gefühl von Macht, dass ich überall hineinkam.«

Bei seinen Worten flammte in Helena plötzlich ein Gedanke auf. Sie könnte in die Villa ihres einstigen Herrn eindringen und Lucius zwingen, ihre Mutter freizulassen. Nun wäre sie als Unsterbliche stark genug, um den Römer genügend einzuschüchtern und Delia endlich aus dessen Knechtschaft zu befreien.

Tiberius fuhr fort: »Ich erinnere mich, als ich das erste Mal diese Allmacht in mir spürte, dass ich alles haben und auch alles zerstören könnte, wenn ich will.« Er bekam diesen entrückten Gesichtsausdruck und sein Blick ging ins Unendliche. Da wusste Helena, dass er in seine Vergangenheit abdriftete und lauschte gespannt.

»Es war eine sternenklare Nacht in Rom, als ich mit einem übermenschlichen Satz über die hohe Grundstücksmauer des Hauses meines einstigen Freundes Lucianus sprang. Wie ein Schatten wandelte ich durch die einsamen Flure des domus und spähte neugierig in verschiedene Räume. Überall der Luxus, den ich noch aus meinem Leben als Patrizier kannte, mich jedoch als Unsterblicher nicht mehr kümmerte. Im Schlafzimmer meines Freundes blieb ich neben dem Bett stehen und betrachtete das Paar darin. Lucianus junge Frau nestelte gerade im Schlaf und drehte sich zur anderen Seite. Dabei verrutschte das Leintuch und entblößte ihren nackten Rücken. Sie war wirklich hübsch. Das Aroma der Erregung hing noch im Zimmer und es tat weh, zu sehen, dass mein Freund alles besaß, was ich mir einst selbst erträumt hatte. Eine Frau und ein Kind. In dem Moment wurde mir klar, dass ich die Macht hätte, Lucianus alles zu nehmen. Wenn ich dem Dämon in mir freien Lauf ließe, könnte er ein verheerendes Blutbad anrichten und meinen Freund ins tiefste Unglück stürzen. Aber das brachte ich nicht übers Herz. So war ich einfach nicht und so war ich auch vorher nie gewesen. Ich gönnte Lucianus sein Glück, aber es erinnerte mich schmerzlich daran, was mir verwehrt bleiben würde. Aus der benachbarten Kammer kam das Quengeln eines Säuglings. Die Tochter der beiden hatte wohl Hunger, aber darum würde sich die Amme kümmern. Ich nahm es als Signal, um zu verschwinden. Ich schaute nochmal auf das Paar zurück, bevor ich auf die Straßen Roms zurückkehrte.«

Während sie ihm zuhörte, spielte sie mit seinen langen Fingern und fragte: »Bist du nochmal zu ihm?«

»Ich habe mich nie offenbart. Offiziell galt ich als tot. Gefallen im Kampf gegen die Barbaren. Wie hätte ich Lucianus auch mein plötzliches Auftauchen erklären sollen, ohne dass er Verdacht schöpft?«

Ja, das leuchtete ihr ein. Tiberius’ Geschichten faszinierten sie jedes Mal aufs Neue, auch wenn diese traurig klangen. In den bald fünfhundert Jahren hatte er schon viel erlebt und gesehen. Dagegen war sie eine dumme 17-Jährige, wobei sie optisch nur neun Jahre trennten. Helena bewunderte ihren Liebsten für seine Klugheit, seine Kräfte und seine Weisheit. Kein Wunder, dass er ihr als Sterbliche auf eine merkwürdige Art und Weise alt erschienen war. Da hatte sie noch nichts über sein wahres Wesen gewusst und dass dieser Eindruck von seiner jahrhundertealten Lebenserfahrung herrührte.

Am liebsten würde sie noch ewig hier in seinen Armen liegen und das Bergpanorama betrachten. Aber Helena spürte die beginnende Unruhe in sich und das beklemmende Gefühl in ihrer Brust, das das Herannahen des Morgens ankündigte. Als Neugeborene befiel sie die zunehmende Schwäche schon früh, denn der Himmel zeigte sich noch vollkommen schwarz.

»Ruhen wir im Adyton. Dort dringt kein Licht ein«, sagte Tiberius, als sie sich erhob und folgte ihr zum heutigen Schlafplatz.

KAPITEL II

Nur wenige Nächte nach der Rückkehr von Delphi wollte Helena das Vorhaben, ihre Mutter zu befreien, in die Tat umsetzen. Wohlweislich erzählte sie Tiberius nichts von ihren Plänen, weil er sie sonst davon abhalten würde, da war sie sich sicher. Aber die junge Unsterbliche konnte ihre Mutter nicht länger in der Gewalt ihres früheren Herrn belassen, denn wie sie von einem Boten wusste, ließ Lucius seine Launen an den Sklaven aus, seit sie von Tiberius freigekauft worden war. Dass sie da nicht untätig bleiben konnte, musste ihr Geliebter einfach verstehen. Helena wollte für ihre Mutter Delia denselben Status einer Freigelassenen erreichen, wie sie ihn genoss. Offiziell von Lucius beglaubigt, damit sich Delia ein freies Leben aufbauen konnte, wenn sie wollte. Eine Flucht kam nicht in Frage ohne sich für immer verstecken zu müssen. Sowieso würde ihre Mutter in eine Flucht niemals einwilligen und dazu kam noch, dass sich ihre Tochter dann vor ihr offenbaren müsste. Davor hatte Helena große Sorgen.

Mühelos und ohne Anlauf sprang sie mit einem mächtigen Satz über die Grundstücksmauer der Villa Claudia und landete in einem der Blumenbeete des Gartens. Wieder einmal beeindruckten sie ihre übermenschlichen Kräfte, wie sie an der Mauer hinter sich hochschaute, deren oberes Ende sie nicht mal mit dem ausgestreckten Arm erreichen konnte. Konzentriert lauschte sie in die Umgebung, ob sich ein Sterblicher in der Nähe aufhielt. Doch sie hörte nur die leisen Herzschläge der Schlafenden aus dem Gebäude dringen, somit war die Luft rein.

Helena fegte zielstrebig in ihrer übernatürlichen Geschwindigkeit zum Schlafzimmer des Hausherrn. Zuerst blieb sie vor der Tür stehen, um sich zu vergewissern, dass sie Lucius allein vorfand. Da sie nur einen einzigen Herzschlag vernahm, lag also keine Sklavin bei ihm. Perfekt für ihr Vorhaben.

Nachdem sie die Tür lautlos hinter sich geschlossen hatte, stellte sie zu ihrem Erstaunen fest, dass Lucius nicht schlief. Der Vierzigjährige saß in einer Untertunika am Bettrand und blickte in ihre Richtung. Doch seine Augen bemerkten sie nicht, da Helena in den Schatten stehenblieb. Sie redete sich ein, dass sie keine Angst mehr vor ihm haben musste, atmete noch einmal tief durch und trat dann in den Schein der Öllampe, die auf einem Beistelltischchen brannte.

Da riss Lucius überrascht die Augen auf. »Helena? Spielt mir mein Geist einen Streich? Das bist du doch nicht wirklich. Ich träume wieder«, sagte er ungläubig und wischte sich dabei mit der Hand über das Gesicht.

»Ich bin kein Traum«, erwiderte sie mit fester Stimme. Sie musste sich vor Augen halten, dass er bloß ein Mensch war, um nicht in alte Muster zu verfallen.

»Aber wie bist du hier hereingekommen?«, fragte er verwundert und erhob sich vom Bett. Dabei begann sein Herz vor Freude aufgeregt zu schlagen, als er auf sie zu kam, weil er sich Hoffnungen machte, dass sie zu ihm zurückwollte, wie sie aus seinen Gedanken erfuhr. Da täuschte er sich aber gewaltig. Überlegen lächelte sie ihn an. »Ich bin über die Mauer gesprungen.«

Wegen der Schnelligkeit, mit der sie plötzlich direkt vor ihm stand, schrak er zusammen und starrte sie misstrauisch an. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit, als sie sich in die Augen sahen. Sie witterte das Aroma seines Blutes und hörte die pochenden Herzschläge in den Ohren. Ein feiner Schweißfilm überzog seine Haut und der Duft seines Salböls dünstete aus den Poren, was in Helena unliebsame Erinnerungen weckte. Hier in diesem Raum hatte sie sich erniedrigt, um ihn zufriedenzustellen. Erst nach ihrer Verwandlung war ihr das alles bewusst geworden und diese Gedanken schürten den Groll auf Lucius. Helena verspürte deutlich den aufkeimenden Drang des Dämons, ihr Gegenüber dafür zu zerfleischen und alles kurz und klein zu schlagen. Doch sie musste die dunkle Seite zurückdrängen und an ihre Mutter denken. Sie brauchte Lucius, um ihr Vorhaben umzusetzen.

Obwohl der Römer sie um fast einen Kopf überragte und doppelt so breit war, empfand sie jetzt überhaupt keine Furcht vor seinem Angriff mehr. Denn sie hatte allen Grund dazu, wenn sie an den letzten Besuch mit Tiberius in diesem Haus dachte, als Lucius sie beinah gegen ihren Willen genommen hätte.

Sein jetziger Gesichtsausdruck verschaffte ihr Genugtuung und vergrößerte ihre Entschlossenheit, als sich langsam die Erkenntnis darauf ausbreitete.

»Du bist dasselbe wie er«, stammelte er. Sein Puls raste.

Euphorie über seine nackte Angst durchströmte ihre Adern. Jetzt war sie die Mächtigere. Grinsend entblößte sie ihre längeren Eckzähne. »Ja, Tiberius ist mein Gefährte und mein Schöpfer.«

Beim Anblick ihres Gebisses begann er zu zittern. »Bitte töte mich nicht. Ich war damals betrunken.«

Oh, dieser Triumph war unvergleichlich und sie weidete sich an seinem Schrecken. Er dachte tatsächlich, dass sie sich für den von Tiberius vereitelten Übergriff rächen wollte.

»Ach, deswegen bin ich nicht hier«, winkte sie ab. »Aber ich habe eine Forderung!«

Nun wich sein furchtsamer Ausdruck einem verwunderten. »Eine Forderung? Was willst du?«

Helena verengte die Augen zu Schlitzen und knurrte: »Lass meine Mutter frei.«

Zuerst schwieg Lucius, kämpfte seine Furcht nieder und fragte dann mit regloser Miene: »Und wenn ich es nicht tue?«

Sie richtete ihre Augen auf seinen Schoß, wo man unter der weiten Tunika glücklicherweise nichts erkannte, und höhnte: »Nun, dann beiße ich den kleinen Lucius ab. Das wäre doch jammerschade, wenn du deine Sklavinnen nicht mehr benutzen könntest. Nicht wahr?«

Diese Bemerkung traf einen wunden Punkt bei ihm und er brauste auf: »Wie redest du mit mir, serva?«

Wut kochte in Helena hoch. Niemand nannte sie mehr eine Sklavin. Sie packte den Frevler mit einer Hand am Hals, hob ihn in die Höhe, bis seine bloßen Füße in der Luft baumelten. Grollend bleckte sie die Zähne. »Jetzt bin ich die Stärkere und du nur ein kleiner Wurm, den ich zerquetschen kann. Also, überlege es dir gut. Delia hat dir lange genug gedient.« Die Bestie in ihr wetzte bereits die Krallen und wollte Lucius die Gurgel zudrücken.

»Weiche von mir, Dämon!«, röchelte er panisch und zappelte hilflos in ihrem Griff.

Da krallte sie sich mit der anderen Hand durch den dünnen Stoff der Tunika in seine Genitalien und zischte: »Strapaziere meine Geduld nicht! Morgen Abend will ich Delia in der Villa Aemilia antreffen. Sonst mache ich dich zum Eunuchen. Hast du das begriffen?«

Seine Miene verzerrte sich vor Grauen und Schmerz, was ihr eine immense Befriedigung verschaffte. Jahrelang hatte er sie für seine Lust missbraucht. Als Sklavin hatte sie seine Befriedigung als eine ihrer Aufgaben angesehen. Den Zorn darüber würde sie am liebsten an ihm auslassen. Aber die Freiheit ihrer Mutter war im Moment wichtiger als ihre Rachegedanken. Sie lockerte den Griff um Lucius’ Hals, woraufhin er unsanft auf den Mosaikboden fiel und sich hustend an die Kehle fasste. Ihr einstiger Herr gab einen jämmerlichen Anblick ab, wie er da kraftlos am Boden lag und nach Atem rang.

»Denk daran! Vor Sonnenuntergang ist sie in Aemilius’ Haus. Sonst verlierst du morgen Nacht dein bestes Stück«, ermahnte sie ihn abermals ohne Mitleid. Er wich hastig zurück, denn mit den scharfen Zähnen eines Lamia hatte Lucius bereits Bekanntschaft gemacht, als Tiberius ihm in die Hand gebissen hatte, um dem Patrizier zu zeigen, was passieren wird, wenn er ihn verraten würde.

Damit verließ sie das Zimmer, huschte durch die Gänge der Villa und rannte in Windeseile nach Hause zurück.

***

Als Helena am nächsten Abend aufwachte, lauschte sie sofort, ob ihre Mutter sich im Haus befand. Hatte sie Lucius genug eingeschüchtert, damit er seine langjährige Sklavin freiließ?

Wie zur Antwort fegte plötzlich Tiberius in die Schlafkammer herein und fixierte sie wütend.

»Was hast du getan?«, bellte er. »Warum hat Claudius sie freigelassen?« Ihr Gefährte benutzte aus Gewohnheit immer noch den Familiennamen von Lucius. Seine zornige Miene wechselte auf einmal in eine erschreckte, und er fasste sich an die Stirn. »Du hast ihm gedroht! Bist du des Wahnsinns?!«

Das hatte er jetzt in ihr gelesen, doch Helena verstand einfach nicht, warum er so aufgebracht war. Trotzig erwiderte sie: »Warum? Sie ist doch hier. Nur das zählt für mich.«

Stöhnend raufte sich ihr Schöpfer die schwarzen kurzen Haare. »Du sollst keine Alleingänge unternehmen. Hast du mich verstanden?«

Gekränkt verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Ach ja, und was dann? Du hättest es mir sowieso verboten.« Nichts durfte sie allein entscheiden.

»Vielleicht hätten wir eine subtilere Methode gefunden«, lenkte er sanfter ein.

Helena stieß verächtlich die Luft aus. Bei jemandem wie Lucius wirkte nur eine handfeste Drohung.

Tiberius griff ihre Gedanken auf. »Ich hoffe nur, dass deine Einschüchterung langfristig wirkt und Claudius sich nicht rächt.«

Nach einer kurzen Pause seufzte er theatralisch: »Was mache ich nur mit dir? Wäre ich noch ein Mensch, hätte ich schon graue Haare wegen dir.« Wie schmeichelhaft von ihm.

Ihr Geliebter sah sie ratlos an und schüttelte dann den Kopf. »In Zukunft sprichst du mit mir solche Entscheidungen ab. Hast du gehört?«

Widerwillig nickte sie, doch er redete weiter auf sie ein: »Helena, versteh doch. Ich bin für dich verantwortlich. Alles was du tust, fällt auf mich zurück und ich will unsere Art nicht in Gefahr bringen. Sterbliche sind unberechenbar und sie müssen tagsüber nicht schlafen. Deswegen ist es besser, wenn sie nichts von uns wissen.«

»Darf ich Mutter dann nie erzählen was wir sind?«

»Ich schätze, sie wird es von den anderen sowieso erfahren. Aber lass ihr erst einmal Zeit, sich einzuleben.«

Gut, diesen Rat würde sie befolgen.

Kurze Zeit später schloss Helena ihre Mutter im Atrium freudig in die Arme und besann sich gerade noch rechtzeitig ihrer Körperkraft, damit sie die Ältere nicht zu fest umschlang und ihr womöglich weh tat. »Willkommen in der Freiheit, Mama.«

Delia strich mit ihren rauen Händen über Helenas Wangen. In ihren Augen standen Tränen und sie schniefte: »Ach, Kind. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich nun frei sein soll und bei dir sein kann. Wie hat dein Herr Lucius dazu gebracht? Ich bin deinem Aemilius unendlich dankbar, dass er ihn dazu überredet hat und mich so großzügig bei sich aufnimmt. Ich werde mich hier ebenfalls nützlich machen. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.«

Helena ärgerte sich, dass ihre Mutter glaubte, es wäre Tiberius’ Verdienst gewesen. Doch bevor sie etwas einwandte, begriff sie, dass Lucius sicherlich diese Version erzählt hatte. Natürlich! Er konnte ja nicht zugeben, dass eine Freigelassene, und dazu noch eine Frau, ihn dazu erpresst hatte. Vielleicht war es besser, wenn ihre Mutter das glaubte. Sonst müsste Helena ihr jetzt schon ihre wahre Natur offenbaren, denn wie sollte sie plausibel erklären, dass eine kleine und zierliche Frau dem Römer das Fürchten gelehrt hatte. Sie nahm die abgearbeiteten Hände ihrer Mutter in ihre. »Es ist so schön, dass du endlich hier bist. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er dir jederzeit etwas antun kann, seit ich erfahren habe, dass er so launisch geworden war.«

»Weil du nicht mehr da warst. Das verkraftete er nicht.«

Zum Glück hatte Lucius seinen Groll nicht an ihrer Mutter ausgelassen. Denn ihr fehlte nichts, was Helena außerordentlich beruhigte.

Auf der Marmorbank am Brunnen des Peristyls las sie ihrer Mutter aus deren Freilassungsurkunde vor, da diese nicht lesen konnte. Lucius hatte den Text in lateinischer Sprache verfasst, was Helena inzwischen keine Mühe mehr bereitete, und so übersetzte sie das Geschriebene gleich ins Griechische. Als sie den neuen Namen »Claudia Delia« ihrer Mutter vorlas, war sie froh, den Familiennamen Aemilia von Tiberius zu tragen. Für Lucius Claudius Romanus empfand sie inzwischen nur noch Abscheu. Plötzlich hatte sie das Gefühl, seine Finger anstatt des Papyrus auf ihren Schenkeln zu spüren. Wenn sie sich vorstellte, dass seine Pranken gestern noch dieses Schriftstück hielten, schien eisige Kälte davon auszugehen und sie hob es sofort ein Stück höher.

Beim Weiterlesen durchdrang sie ungeheurer Stolz, dass sie als ehemalige unbedeutende Sklavin, ihn zu dieser Tat gezwungen hatte. Nun besaß sie Macht über ihn und könnte ihm alles heimzahlen. Beinah hätte sich ein Grollen aus ihrer Kehle gelöst. Sie musste mit aller Kraft die dämonische Seite vor ihrer Mutter unterdrücken, und auch, damit die Bestie sich nicht gegen diejenigen richtete, die sie liebte. Immer stärker bewunderte sie Tiberius für seine Selbstbeherrschung, denn sie konnte allmählich verstehen, was er in ihrer Gegenwart durchgemacht hatte, als sie noch sterblich gewesen war. Wie viel Kraft es ihn gekostet haben musste, sie trotz seines Begehrens und seiner animalischen Triebe niemals verletzt, oder als Blutsklavin missbraucht zu haben. Seit ihrer Verwandlung war er viel fröhlicher und ausgelassener geworden und seitdem diese Bürde von seinen Schultern genommen wurde, lebte er regelrecht auf. Es war auf alle Fälle die richtige Entscheidung für ihre Liebe gewesen. Nun konnten sie endlich unbeschwert zusammen sein. Das war alles, was Helena wollte, seit sie sich in Tiberius verliebt hatte.

Damit Mutter und Tochter ungestört Zeit miteinander verbringen konnten, hielt sich Tiberius im Hintergrund. Es war rührend, wie glücklich beide das Wiedersehen machte, und er gönnte es ihnen von ganzem Herzen. Erst war er über Helenas Alleingang wütend gewesen, doch dann konnte er ihren Wunsch verstehen und nahm Delia gern in seinem Haus auf.

Die beiden Frauen verließen nun Hand in Hand das Peristyl und machten einen Rundgang durch das Haus. Da fiel Tiberius’ Blick auf die Schriftrolle, die auf der Bank zurückblieb. Neugierig entrollte er den Papyrus und begann zu lesen. Claudius erhob als Patron überhaupt keine Forderungen an seine Freigelassene, entband sie von allen Pflichten gegenüber sich. Das kam nicht oft vor, aber vermutlich wollte der Patrizier überhaupt nichts mehr mit ihm und Helena zu tun haben, weil er sie für Dämonen hielt. Das konnte ihm nur recht sein. Nie hätte Tiberius gedacht, dass Helenas Drohung so eine Wirkung haben werde. Der Sterbliche fürchtete die Lamien wahrhaftig.

Dann kam ihm ein völlig anderer Gedanke. Allmählich wurde es Zeit, Helena offiziell in die Gesellschaft der Unsterblichen einzuführen. Dazu wollte er seine Freunde einladen, die sich seit Helenas Verwandlung diskret zurückgehalten hatten. Sie wussten, wie existenziell es war, einer Neugeborenen das Wichtigste über das neue Dasein beizubringen, und sie wollten diese Lehrzeit zwischen Schöpfer und Zögling nicht stören. So erhob sich Tiberius in die Lüfte und sandte kurz an seine Gefährtin: »Ich bin unterwegs. Bis später.«

»Bis später, Liebster«, antwortete seine Blume.

***

Bereits am nächsten Abend bemerkte Helena eine Veränderung bei Ihrer Mutter. Delia sah sie aus einer Mischung aus Furcht und Misstrauen an, als Helena sie auf der Bank beim Schwimmbecken vorfand. Ihr wurde sofort klar, dass die Diener es der Älteren gesagt haben mussten, doch die Reaktion schmerzte sie sehr. Deshalb setzte sie sich nicht neben Delia, um sie nicht noch weiter zu ängstigen, sondern erklärte ihr stattdessen, wie es zu ihrer Verwandlung gekommen war.

Am Ende stellte Helena klar: »Es war meine freie Entscheidung. Ich liebe Tiberius und wollte ganz zu ihm gehören. Er hat mich nicht dazu gezwungen. Ich musste ihn sogar anbetteln, mir das unsterbliche Blut zu geben. Schließlich erfüllte er meinen Wunsch und wir sind beide überglücklich darüber. Nun kann ich das Dasein mit ihm teilen.« Sie lächelte ihre Mutter an, ohne die Zähne zu zeigen. Doch Delia fiel es schwer, ihrer Tochter in die Augen zu sehen. Zaghaft hob diese den Blick und Helena versicherte ihr, dass sie absolut nichts zu befürchten hatte. »Du brauchst vor mir oder Tiberius überhaupt keine Angst zu haben. Wir beschützen euch und würden euch nie etwas antun. Bitte glaube mir.«

So geräuschvoll, wie Ihre Mutter durchatmete, schien sie ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und sah Helena endlich an. Nach kurzem Schweigen sagte sie: »Du siehst wunderschön aus. Wie eine Göttin. Trotzdem bist du eine Lamia, die Blut trinkt. Ich hatte mir gewünscht, dass du ein glückliches Leben führst.«

»Aber das tue ich doch«, fiel Helena ihrer Mutter ins Wort. »Mit Tiberius. Und ich bin zu Lucius, damit du freikommst. Damit wir wieder vereint sind.«

»Du warst das?«, fragte Delia verdutzt. Helena nickte und wies auf den freien Platz auf der Bank. »Darf ich?«

Delia nickte zögerlich und daraufhin ließ sich Helena am Rand der Sitzfläche nieder. »Ich war so glücklich, als du gestern tatsächlich hier warst. Ich wusste nicht, ob Lucius deine Freilassung wirklich umsetzen wird«, offenbarte Helena. »Ich bin deine Tochter und werde es immer bleiben.« Dabei schenkte sie ihrer Mutter einen warmen Blick, aber vermied es, ihre Hand zu nehmen. Das wäre vermutlich zu viel für die Sterbliche.

Delia knetete die Hände in ihrem Schoß und schaute zu Boden. »Die anderen reden nicht schlecht über den dominus. Und von dir schwärmen sie regelrecht. Anscheinend seid ihr wirklich nicht böse. Ich schätze, ich werde mich daran gewöhnen können. Fandila mag dich besonders.«

Helena erwiderte fröhlich: »Ja, ich sie auch. Schon vor meiner Verwandlung freundeten wir uns an.«

Allmählich taute ihre Mutter auf und sie unterhielten sich noch angeregt, bis sich die Sterbliche ins Bett verabschiedete.

KAPITEL III

Heute fand das comissatio, das Trinkgelage, statt, bei dem Helena die Freunde ihres Schöpfers kennenlernen sollte. Dafür schminkte sie sich besonders sorgfältig, denn sie wollte den bestmöglichen Eindruck bei ihnen hinterlassen. Tiberius hatte ihr erzählt, dass Lepidina, die Gefährtin von Aelius, leider nicht mitkommen würde, weil diese extrem scheu war. Wirklich schade. Sie hätte gern weiblichen Beistand in der Männerrunde gehabt und war nervös, wie die anderen auf sie reagierten. Als Sterbliche hatte sie die Römer damals im Speisezimmer gar nicht wirklich angesehen. Marcus’ hungriger Blick hatte sie zu stark vereinnahmt und geängstigt. Heute wusste sie, dass er am liebsten von ihr getrunken hätte. Zum Glück hatte das Tiberius nicht erlaubt.

Mühelos zog sie den Lidstrich mit dem dünnen Pinsel, ohne zu zittern. Als Unsterbliche hatte sie jetzt eine absolut ruhige Hand, ohne sich krampfhaft darauf konzentrieren zu müssen. Danach trug sie rotes Ocker auf die Lippen auf und betrachtete dabei ihre längeren Eckzähne. Den Anblick empfand Helena bei sich selbst immer noch ein wenig befremdlich, weil es zeigte, dass sie nun ein Raubtier geworden war.

»Bist du bald fertig, meine Süße?«, fragte ihr Liebster in Gedanken.

Sie antwortete: »Fast. Ich komme gleich.«

»Ich erwarte dich am Schwimmbecken.«

Helena legte den Pinsel beiseite, erhob sich vom Stuhl, zupfte ihr seidenes Gewand zurecht und eilte dann zum Balkon, wo sie mit einem Satz über das Marmorgeländer in den Garten hinuntersprang.

Tiberius musterte sie lächelnd. »Bezaubernd! Da muss ich heute besonders auf dich aufpassen.«

Ihr Liebster trug ebenfalls edle Stoffe, aber nicht dasselbe wie bei einer cena, einem Abendmahl der Sterblichen. In ihren Kreisen galten andere Gepflogenheiten und es gab keine Standes- und Geschlechtsunterschiede mehr. Jeder konnte sich kleiden, wie er wollte. Helena trug zur Jagd inzwischen eine knielange Tunika, wie es die Männer taten, um besser rennen und springen zu können. Da wäre ein knöchellanges Frauengewand hinderlich. Aber als heutige Gastgeberin hatte sie ihr schönstes Kleid angezogen und den besten Schmuck angelegt. Goldene Armreife, Ohrringe und eine Halskette mit Edelsteinen.

---ENDE DER LESEPROBE---