Hengste, Henker, Herbstlaub - Gisela Garnschröder - E-Book

Hengste, Henker, Herbstlaub E-Book

Gisela Garnschröder

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  • Herausgeber: Midnight
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2016
Beschreibung

Zwischen Pferdemist und Pilzgift: Steif und Kantig ermitteln in ihrem vierten Fall! Es ist Frühherbst im Münsterland. Die beste Zeit, um Pilze zu sammeln, finden Isabella Steif und Charlotte Kantig. Als sie nach einem Waldspaziergang beim Hofladen Kottenbaak vorbeischauen, sehen sie einen Jungen vom Hof laufen. Kurz darauf entdecken die beiden Schwestern die Leiche von Verkäuferin Brigitte Hübsch im Laden. Schnell ist klar, Brigitte wurde erstochen. Etwa von dem Jungen, der gerade geflüchtet ist? Kurz darauf stirbt Brigittes Freundin Elsbeth Baumstroh an einer Pilzvergiftung. Steif und Kantig ist sofort klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, denn Elsbeth war eine wahre Pilzkennerin. Wer trachtete den beiden Frauen also nach dem Leben? Die Schwestern stürzen sich in die Ermittlungen und stoßen auf lange vergessene Geheimnisse.  Entdecken Sie auch die weiteren Fälle von Steif und Kantig: - Band 1: Steif und Kantig - Band 2: Kühe, Konten und Komplotte - Band 3: Landluft und Leichenduft - Band 4: Hengste, Henker, Herbstlaub - Band 5: Felder, Feuer, Frühlingsluft - Band 6: Schnäpse, Schüsse, Scherereien - Band 7: Mondschein, Morde und Moneten - Band 8: Gärtner, Gauner, Gänseblümchen  - Band 9: Dünen, Diebe, Dorfgeplänkel - Band 10: Printen, Plätzchen und Probleme - Band 11: Komplizen, Kappen, Karneval - Band 12: Halunken, Horror, Halloween - Band 13: Blüten, Birken, Bösewichter

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Die AutorinGisela Garnschröder ist 1949 in Herzebrock/Ostwestfalen geboren und aufgewachsen auf einem westfälischen Bauernhof. Sie erlangte die Hochschulreife und studierte Betriebswirtschaft. Nach dem Vordiplom entschied sie sich für eine Tätigkeit in einer Justizvollzugsanstalt. Immer war das Schreiben ihre Lieblingsbeschäftigung. Die berufliche Tätigkeit in der Justizvollzugsanstalt brachte den Anstoß zum Kriminalroman. Gisela Garnschröder wohnt in Ostwestfalen, ist verheiratet und hat Kinder und Enkelkinder. Sie ist Mitglied bei der Krimivereinigung Mörderische Schwestern, beim Syndikat und bei DeLiA. 

Das BuchEs ist Frühherbst im Münsterland. Die beste Zeit, um Pilze zu sammeln, finden Isabella Steif und Charlotte Kantig. Als sie nach einem Waldspaziergang beim Hofladen Kottenbaak vorbeischauen, sehen sie einen Jungen vom Hof laufen. Kurz darauf entdecken die beiden Schwestern die Leiche von Verkäuferin Brigitte Hübsch im Laden. Schnell ist klar, Brigitte wurde erstochen. Etwa von dem Jungen, der gerade geflüchtet ist? Kurz darauf stirbt Brigittes Freundin Elsbeth Baumstroh an einer Pilzvergiftung. Steif und Kantig ist sofort klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, denn Elsbeth war eine wahre Pilzkennerin. Wer trachtete den beiden Frauen also nach dem Leben? Die Schwestern stürzen sich in die Ermittlungen und stoßen auf lange vergessene Geheimnisse.   Von Gisela Garnschröder sind bisher bei Midnight erschienen:   In der Reihe Ein-Steif-und-Kantig-Krimi: Steif und Kantig Kühe, Konten und Komplotte Landluft und Leichenduft Hengste, Henker, Herbstlaub  Winterdiebe Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz

Gisela Garnschröder

Hengste, Henker, Herbstlaub

Der vierte Fall für Steif und Kantig

Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de

Originalausgabe bei Midnight. Midnight ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin September 2016 (1) © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016 Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Titelabbildung: © FinePic® Autorenfoto: © privat ISBN 978-3-95819-087-0  Hinweis zu Urheberrechten Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

1. Kapitel

Friedlich grasten die Kühe auf der Weide in der warmen Sonne. Isabella Steif war mit vier Frauen ihrer Nordic Walking-Gruppe unterwegs auf einem Feldweg außerhalb von Oberherzholz, der zwischen einer Kuhweide und einem Maisfeld verlief, dessen hohe Stauden schon welke Blätter aufwiesen. Die Damen hatten sich ihre Jacken um die Hüften gebunden, weil es trotz Anfang September noch sehr warm war.

»Puh! Die Sonne meint es aber gut heute!«, rief Ella Stein, eine ehemalige Kollegin von Isabella, und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. »Wir sollten dort drüben am Wald eine kleine Pause einlegen. Es ist ja nicht zum Aushalten!«

»Wenn wir ständig Pausen machen, schaffen wir die Runde in der vorgegebenen Zeit niemals!«, gab Isabella zurück. »Du musst mehr trainieren!«

Zustimmendes Gemurmel der anderen beiden Damen, die hinter ihnen gingen und wohl gar nicht richtig zugehört hatten, denn Isabella hatte deren leises Geplauder die ganze Zeit über im Ohr gehabt. Ella warf Isabella einen empörten Blick zu, während sie zügig weiter bis zum Wald gingen. Dort ließ sich Ella ächzend auf einen Baumstamm nieder, der direkt neben dem Weg im Schatten einer Eiche lag.

»Macht was ihr wollt! Ich ruh’ mich jetzt aus!«, sagte sie und legte ihre Stöcke vor sich auf den Boden. Die anderen beiden Frauen setzten sich neben Ella.

»Wir sind nicht mehr die Jüngsten, Isabella«, merkte Rosa Brand schmunzelnd an, und Tina Kraft stimmte ihr leicht schnaufend zu.

Isabella stand vor ihnen, stützte sich auf ihre Stöcke und betrachtete die drei mit gekräuselter Stirn. »Na gut, lasst uns ein wenig ausruhen, aber nur fünf Minuten!«

»Stell dich nicht so an, Isabella!«, brummte Rosa sie an und rückte ein Stückchen zur Seite, um ihr Platz zu machen. »Wir wollen uns schließlich nicht stressen.«

»Laufen baut Stress ab«, entgegnete Isabella energisch und blieb einfach stehen. »Außerdem ist es gut für die Figur.«

»Über deine Figur musst du dir nun wirklich keine Gedanken machen, du Hungerhaken!«, meldete sich nun Tina spöttisch zu Wort. »Bei mir nützt das Laufen überhaupt nichts. Ich nehme schon zu, wenn ich ans Essen nur denke!«

»Quatsch!«, mischte sich Rosa lachend ein. »Du kochst einfach zu gut, Tina!«

»Seit du regelmäßig mit uns trainierst, hast du eine richtig gute Figur bekommen, Tina«, lobte Isabella. »Bestimmt hast du einige Pfunde abgenommen!«

»Meinst du?« Tina sah Isabella zweifelnd an. »Ehrlich gesagt, ich habe mich seit Wochen nicht gewogen.«

»Dann mach’ das morgen Früh sofort. Nüchtern und nackt«, gab Isabella zurück. »Du wirst sehen, das gibt gleich Motivation für die nächste Walking-Runde!«

Tina lachte. »Hoffentlich hast du recht!«

»Lasst uns weiter gehen«, sagte Isabella, und alle griffen zu ihren Stöcken und folgten dem Weg durch den Wald.

»Oh, sieh mal!«, rief Rosa wenig später aus. »Ein Steinpilz!« Sie stoppte, bückte sich und schabte mit der Hand vorsichtig die welken Blätter rund um den Pilz zur Seite. »Hier ist sogar noch einer, ein ganz kleiner!«

Die anderen Frauen scharten sich um sie und betrachteten den Pilz mit leichtem Argwohn. »Bist du sicher, dass es ein Steinpilz ist?«, fragte Tina zweifelnd. »Satanspilze sehen so ähnlich aus.«

»Ich kenne mich mit Pilzen aus!«, schnaubte Rosa empört. »Aber einer ist zu wenig. Morgen mache ich mich auf den Weg und nehme einen Korb mit.« Sie bedeckte den Pilz vorsichtig wieder mit Laub und erhob sich.

»Du solltest aber wirklich vorsichtig sein«, meldete sich Isabella zu Wort. »Mit Pilzvergiftungen ist nicht zu spaßen!«

»Genau!«, pflichtete ihr Ella bei. »Ich sammle nur die Champignons, die hier rundum in den Kuhweiden in Massen vorkommen. Damit kenn’ ich mich aus!«

»Da musst du genauso vorsichtig sein«, murrte Tina. »Champignons kann man sehr schnell mit dem Knollenblätterpilz verwechseln.«

»Ich habe erst gestern meine selbstgepflückten Champignons gegessen und lebe noch«, verkündete Ella triumphierend.

Isabella stand ungeduldig dabei und fragte leicht genervt: »Wollt ihr jetzt Pilze suchen oder machen wir Nordic Walking?«

»Bleib mal locker, Isabella, man wird sich doch noch die Schätze am Wegrand ansehen dürfen«, antwortete Rosa und erntete den Beifall der anderen beiden.

»Ich kaufe meine Pilze im Hofladen, da bin ich immer auf der sicheren Seite!«, schnaubte Isabella, nahm entschlossen ihre Stöcke und marschierte los.

Der Weg führte an einer Waldhütte vorbei, die etwa zehn Meter entfernt versteckt im Gebüsch lag. »Oh, da haben zwei ein Stelldichein!«, verkündete Ella grinsend und zeigte auf zwei gesattelte Pferde, die vor der Hütte an einem Baum angebunden waren und ungeduldig mit den Hufen scharrten.

»Kennt jemand von euch die Pferde?«, fragte Tina.

»Der Braune mit der grünkarierten Satteldecke gehört Elmar Sandfeld vom Gestüt«, erklärte Rosa. »Er reitet regelmäßig seine Ländereien ab. Dieser Wald gehört ihm auch.«

»Ach, was du alles weißt.« Tina blieb stehen und musterte die Pferde. »Wem gehört denn der Rappe?«

»Keine Ahnung.« Rosa zuckte mit den Schultern. »Auf dem Gestüt gibt es so viele Pferde.«

Isabella hatte dem Gespräch mit wachsendem Unwillen zugehört und mischte sich nun verärgert ein. »Erst die Pilze, nun die Pferde! Beeilt euch mal, wir sind schon ein halbe Stunde überfällig!« Sie zeigte auf einen schmalen Weg, der vom Hauptweg abzweigte, und fuhr fort: »Ich hab gleich noch einen Termin. Wir nehmen die Abkürzung.«

»Ja, ja, wir kommen schon!«, konnte sich Rosa eine Antwort nicht verkneifen und grinste die beiden anderen verschwörerisch an. Isabella ging voraus, und die anderen folgten ihr im Gänsemarsch, weil der schmale Weg sich hier durch dichtes Gebüsch schlängelte und ein Nebeneinandergehen nicht zuließ. Nach wenigen Minuten wurde der Weg breiter und führte direkt aus dem Wald heraus zwischen zwei Weiden hindurch auf einen Bauernhof zu.

Ella ging nun neben Isabella und rief begeistert aus: »Wow! Champignons in Massen! Hier muss ich nachher gleich mit meinem Korb über die Weide gehen.« Isabella schüttelte den Kopf. »Du wirst auch nie gescheit, oder?«, antwortete sie und vermutete, dass Ella die Warnung bezüglich des Knollenblätterpilzes schon wieder vergessen hatte.

»Bloß weil du keine Ahnung von Pilzen hast, muss Ella doch nicht auf den Sammelspaß verzichten«, fuhr Rosa auf. »Ich geh’ nachher auch in den Wald und holte mir den Steinpilz. Sicher sind da unter den Bäumen noch andere.«

»Bei Kottenbaak im Hofladen gibt es weiße und braune Champignons«, entgegnete Isabella. »In der nächsten Woche habe ich eine Führung mit den Frauen aus dem Bibeldorf über die Gemüsefelder der Kottenbaaks, dabei besichtigen wir auch den Raum, in dem die Champignons gezüchtet werden. Wer will, kann mitkommen.«

»Wie oft soll ich dir noch sagen, dass die wild gewachsenen Pilze aus der Weide viel mehr Aroma haben?«, antwortete Ella. »Nur weil man sich die Zuchtstation ansieht, wird der Geschmack auch nicht besser.«

»Wenn du die Pilze mit Zwiebeln und Kräutern zubereitest, haben sie auch Aroma«, murrte Isabella, aber nur Tina stimmte ihr zu. Ella und Rosa bleiben bei ihrem Standpunkt, dass die gesammelten Pilze einfach besser schmeckten.

»Außerdem sind Wald- und Wiesenpilze gesünder«, setzte Rosa noch einen drauf, »und es macht Spaß, so durch Wald und Wiese zu streifen!«

»Das machen wir doch gerade«, sagte Tina lachend.

Isabella gab keine Antwort darauf, sondern legte einen Schritt zu und sah auf ihre Uhr. »Wir sind echt langsam heute«, sagte sie. »Macht mal etwas schneller, in einer Stunde hab’ ich meinen Friseurtermin!«

Kurz bevor sie ihre Autos erreichten, die hinter dem Hof an der Straße parkten, wurden sie von einer Reiterin überholt, die gleich darauf hinter einer Wegbiegung verschwand.

»War das nicht die Brigitte vom Birkbuschhof?«, fragte Ella.

»Ich glaube schon. Hat ’nen tollen Sitz auf dem Pferd«, sagte Isabella und sah der Reiterin anerkennend nach.

»Bei der Figur, kein Wunder«, bestätigte Rosa.

»Na und?«, fuhr Tina dazwischen. »Ihr Mann hat sich trotzdem scheiden lassen.«

»Als wenn das mit der Figur zu tun hätte«, empörte sich Rosa.

»Du solltest mal seine Neue sehen: höchstens dreißig und einen Hintern wie ’ne Sechzehnjährige mit einer super Oberweite!«, wusste Ella zu berichten. »Die sieht aus wie ’n Model!«

»Wann hast du ihn denn mit seiner neuen Liebe gesehen?«, fragte Rosa interessiert.

»Vor einigen Wochen. Er wohnt ja jetzt nicht mehr hier«, erwiderte Ella.

»Kein Wunder, Brigitte hat ihn rausgeworfen!«, steuerte nun Tina ihr Wissen bei. »Der Hof gehört nämlich ihr. Er hat sich mit ihrer Tochter ja überhaupt nicht verstanden.«

»Die Anja studiert doch in Münster. Die wohnt doch gar nicht zu Hause«, warf Ella ein.

»Die studiert? Wie alt ist sie denn? Brigitte ist doch noch nicht einmal vierzig!«, entfuhr es Rosa.

»Brigitte ist sechsunddreißig, genauso alt wie meine Schwester. Die beiden sind zusammen zu Schule gegangen«, erklärte Tina. »Brigitte war doch grad’ erst sechzehn, als Anja geboren wurde. Das war vielleicht ein Drama damals. Der alte Birkbusch hat förmlich getobt, aber Brigitte hat nicht verraten, wer der Vater war.«

Isabella runzelte die Stirn, denn das Gerede ging ihr gründlich auf den Nerv. Sie steuerte wortlos auf ihr Auto zu, warf ihre Stöcke in den Kofferraum und sagte: »Ich muss los. Ihr wisst ja, der Friseurtermin.« Mit einem »Bis nächste Woche!« stieg sie in den Wagen und fuhr davon. Im Rückspiegel betrachtete sie grinsend die überraschten Blicke ihr Mitstreiterinnen, die nun ebenfalls zu ihren Autos gingen.

Isabella blickte in den Wandspiegel und nickte zustimmend, als sie das fragende Gesicht der Friseurin neben ihrem Hinterkopf dort sah. »Genau richtig, so wollte ich es haben«, sagte sie zufrieden. Die junge Frau legte den Rundspiegel auf den Rollwagen mit den Frisierutensilien und nahm Isabella den dunklen Umhang ab. Isabella stand auf und drückte der Friseurin ein Trinkgeld in die Hand, was ihr ein »Danke, Frau Steif!« und ein strahlendes Lächeln einbrachte. Isabella zahlte bei der Chefin an der Kasse. Nach einem kurzen Schwätzchen über das herrliche Wetter warf Isabella noch einen Blick in den großen Spiegel neben der Garderobe und verließ mit einem Gefühl guten Aussehens den Salon. Als sie im Wagen saß, blickte sie noch einmal prüfend in den Spiegel. Jetzt hatte ihr Haar wieder genau den mittelblonden Ton, den sie liebte – der graue Haaransatz, der ihre fünfundsechzig Jahre verriet, war verschwunden. Zufrieden startete sie den Wagen und fuhr langsam nach Hause.

Es war Dienstagnachmittag und ihre Schwester Charlotte Kantig hatte sie zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Charlottes Sohn Thomas und dessen Frau Marita waren am Montagabend von München angereist und blieben bis Donnerstag, weil Thomas einen geschäftlichen Termin in Bielefeld hatte.

Isabella freute sich schon auf das gemeinsame Kaffeetrinken mit der Familie. Gerade als sie ihren Wagen vor ihre Garage fuhr – sie bewohnte die Doppelhaushälfte neben ihrer Schwester –, kamen die jungen Leute lachend und schwatzend mit einem Körbchen in der Hand aus dem Feldweg gegenüber.

»Hallo, Isabella«, begrüßte Thomas sie, als sie aus dem Auto stieg, und pfiff anerkennend durch die Zähne. »Oh, du warst beim Friseur. Schick siehst du aus, Tantchen!«

Geschmeichelt begrüßte Isabella zuerst Marita und dann Thomas mit einer Umarmung. »Wie schön, euch endlich einmal wiederzusehen!« Etwas überrascht sah sie auf den Korb in Thomas’ Hand, der mit Pilzen gefüllt war. »Habt ihr Pilze gesammelt?«

Marita und Thomas lachten gleichzeitig auf. »Was du alles errätst!«, foppte Thomas. »Heute Abend gibt es Schnitzel mit Waldpilzen!«

»Kennt ihr beiden euch denn damit aus?« Isabella war schockiert. »Mir sind diese wild wachsenden Pilze nicht geheuer.«

»Wir essen sie schrecklich gerne«, erklärte Thomas gelassen und wollte gerade den Schlüssel ins Schloss stecken, als Charlotte die Tür aufriss und begeistert ausrief: »Oh, so viele Pilze! Herrlich!« Sie nahm ihrem Sohn den Korb ab und warf einen prüfenden Blick auf die Waldfrüchte, während Marita und Thomas grinsend im Haus verschwanden.

»Charlotte!«, rügte Isabella. »Wie könnt ihr diese Pilze essen? Stell dir vor, es ist ein giftiger darunter!«

»Hallo, Isabella«, sagte Charlotte abwesend. Ohne den Einwand zu beachten, sah sie vom Korb hoch in Isabellas besorgtes Gesicht. »Komm rein, der Kaffee ist gleich fertig.« Sie schloss die Tür hinter Isabella und fuhr fort: »Geh schon mal vor, ich bring’ nur die Pilze in die Küche!«

»Sag’ mal, hast mich nicht verstanden?«, fuhr Isabella sie aufgeregt an.

Charlotte zuckte die Schultern. »Natürlich hab’ ich dich gehört«, erklärte sie gelassen. »Aber Thomas und Marita kennen sich mit Pilzen aus. Und du musst sie ja nicht essen.« Sie verschwand in der Küche, und Isabella ging leicht verärgert ins Wohnzimmer, wo schon der Kaffeetisch gedeckt war.

Gerade als Isabella registriert hatte, dass Charlotte wie immer bei Besuchen ihr bestes Service aufgedeckt hatte, schwang die Tür auf und Marita erschien mit einer Torte, gefolgt von Thomas, der die Kaffeekanne trug.

»Setz’ dich, Isabella«, sagte Thomas. »Mama hat unsere Lieblingstorte gebacken.«

Marita leckte sich genießerisch über die Lippen. »Wir haben uns die Torte gewünscht, weil sie nirgends so gut schmeckt wie bei Mama Charlotte.«

In diesem Moment kam Charlotte herein, lächelte und sah dabei Isabella an. »Das Rezept ist von unserer Mutter. Weißt du noch, Isabella, dass es diese Torte nur zu unseren Geburtstagen gab?«

Isabella lächelte nun auch. »Genau. Und wenn wir zwischendurch mal Kirschtorte haben wollten, hat sie immer gesagt: ›Wenn man sie zu oft isst, schmeckt sie nur noch halb so gut!‹«

Thomas schenkte Kaffee ein und Marita verteilte die Tortenstücke auf die Teller, während sich Charlotte neben Isabella setzte. Die jungen Leute plauderten unbeschwert über ihre Arbeit und ihr Leben in München.

»Ja, München ist eine schöne Stadt!«, sagte Isabella seufzend. »Mir hat es damals dort auch sehr gut gefallen! Aber es geht doch nichts über unser Münsterland!«

»Du hast recht, Isabella«, stimmt ihr Marita zu. »Die Wälder und die Weiden mit den Pferden – das sind wahre Fundgruben für Pilzsammler!«

Thomas strahlte seine Frau an. »Wir haben unseren Korb in kaum einer Stunde gefüllt.«

Isabella stieß heftig die Luft aus. »Ich habe ein ganz ungutes Gefühl, wenn ich daran denke, dass ihr sie heute Abend essen wollt.«

Jetzt mischte sich Charlotte ein. »Isabella, du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Maritas Vater ist ein absoluter Pilzkenner und hat schon mehrere Fachbücher darüber geschrieben. Marita hat von ihm gelernt. Sie kennt sich noch besser aus als ich!«

Marita nickte zustimmend. »Isabella, Pilze sind gesund. Sie enthalten Kalzium und Magnesium und viele wertvolle Vitamine.«

»Ja, und einige enthalten tödliches Gift!«, unkte Isabella.

»Schluss jetzt, Isabella«, fauchte Charlotte ihre Schwester erbost an. »Verdirb uns nicht den Appetit aufs Abendessen. »Außerdem habe ich gehört, dass du mit den Frauen aus dem Bibeldorf eine Pilzführung veranstaltest. Das passt nun wirklich nicht zu deiner ewigen Nörgelei über Wildpilze!«

»Das ist doch etwas ganz anderes!«, warf Isabella ein. »Wir wollen uns die Pilzkulturen auf dem Hof Kottenbaak ansehen.«

»Und was macht dann die Expertin für Pilze dabei?«, wollte Charlotte wissen.

»Frau Kottenbaak bietet den Frauen an, selbst gesuchte Pilze begutachten zu lassen. Damit habe ich nichts zu tun«, gestand Isabella.

»Na, dann ist doch alles okay«, warf Thomas ein, und das Gespräch wendete sich anderen Themen zu.

Am übernächsten Morgen um zehn Uhr traf sich Isabella mit ihrem Bekannten Eberhard Looch, der ganz in ihrer Nähe wohnte, zum Nordic Walking. Sie gingen wie immer den Feldweg direkt hinter der Siedlung entlang, der am Bauernhof vorbei zum Wald führte. Als sie den Wald erreicht hatten, wurden sie von einer Reiterin mit hohem Tempo überholt.

»War das nicht Brigitte Hübsch?«, fragte Eberhard.

»Ja, wieso?« Isabella sah ihn fragend an.

»Mich wundert, dass sie hier um diese Zeit vorbeikommt. Schließlich arbeitet sie als Buchhalterin in der Molkerei.«

»Wahrscheinlich hat sie Urlaub«, vermutete Isabella. »Als ich gestern mit meiner Gruppe unterwegs war, ist sie ebenfalls an uns vorbeigeritten.«

»Möglich«, antwortete Eberhard. »Wusstest du, dass sie hin und wieder auch auf dem Gemüsehof aushilft? Meistens ist sie Samstagsmorgens dort.«

Isabella nickte. »Mich wundert, dass sie Zeit dazu findet, schließlich hat sie Pferde und hilft regelmäßig auf dem Gestüt aus.«

»Brigitte ist mit Pferden groß geworden, das ist für sie Hobby. Soviel ich weiß, hat sie als junge Frau viele Preise gewonnen. Nach Feierabend trainiert sie die Pferde auf dem Gestüt.«

»Seit ihr Mann sie verlassen hat, ist sie vielleicht auch einsam.«

»Sie soll mittlerweile ein enges Verhältnis zu ihrem Nachbarn haben.«

»Sie ist mit Bernhard Baumstroh liiert? Das ist mir ja ganz neu, ich dachte immer, sie hätte etwas mit dem Pferdepfleger vom Gestüt.«

»Davon habe ich auch gehört, aber das stimmt wohl nicht«, vermutete Eberhard. »Vielleicht ist sie ja auch nur so oft bei Baumstrohs, weil sie mit Bernhards Schwester befreundet ist.«

Sie waren mittlerweile im Wald und kamen an der Hütte vorbei, die Isabella schon am Tag zuvor mit den Nordic Walking-Frauen passiert hatte. Isabella grinste. »Da stehen schon wieder zwei Pferde, genau wie gestern. Das scheint hier ein beliebter Treffpunkt zu sein. Nur diesmal ist das eine Pferd ein Grauschimmel.« Sie gingen nah an der Rückseite der Hütte vorbei. Der Weg war schmal, und Eberhard ging voraus. Isabella hörte plötzlich Stimmen und blieb abrupt stehen.

»Hast du ihn geliebt?«, fragte eine männliche Stimme.

»Was geht dich das an?« Die Stimme der Frau war sehr leise und kaum zu verstehen.

»Du weißt warum?«

»Das musst du gerade fragen. Warum hast du sie mir vorgezogen?«

»Ich wollte eine Familie«, sagte er und nun etwas lauter.

»Eine Familie? Ausgerechnet mit ihr?« Ihre Stimme klang spöttisch, und er antwortete erregt: »Mein Vater hätte uns nie seinen Segen gegeben. Und deiner auch nicht!«

»Dein Vater ist tot und meiner ebenfalls«, sagte sie. »Aber du bist immer noch mit ihr zusammen. Und schließlich hast du ein …«. Die Stimme war jetzt so leise, dass Isabella die letzten Worte nicht verstehen konnte.

»Hast du dich deshalb scheiden lassen?«, fragte er, unverändert laut.

»Meine Heirat war von Anfang an ein Fehler«, sagte sie nun wieder verständlich.

»Also hast du ihn doch nicht geliebt!« Die Stimme des Mannes war sanft bei diesen Worten, aber sie fuhr ihn an: »Und du? Liebst du sie? Oder stimmt es, was man sich erzählt?«

»Isabella, wo bleibst du denn?« Eberhard war schon einige Meter weiter und drehte sich nun nach ihr um.

»Still, da ist jemand!«, sagte der Mann, und die Stimmen verklangen.

Isabella ging hastig weiter. Als sie ihn eingeholt hatte, fragte Eberhard: »Kanntest du das Pärchen?«

Isabella schüttelte den Kopf. »Das schwarze Pferd könnte vielleicht Brigitte Hübsch gehören. Aber sicher bin ich mir nicht.«

»Brigitte hat uns vorhin überholt«, sagte Eberhard. »Aber warum sollte sie sich heimlich hier mit jemanden treffen? Sie ist schließlich geschieden.«

»Uns geht es ja auch nichts an«, pflichtete Isabella schulterzuckend bei und fuhr fort: »Am Samstag ist Pilzbörse auf dem Hof Kottenbaak. Komm doch auch! Es fängt um zehn Uhr mit einem Frühschoppen an. Zum Mittagessen gibt es verschiedene Pilzgerichte mit Schwenkbraten. Ich habe ab elf Uhr eine Führung durch die Gemüsefelder. Die Pilzkulturen werden auch besichtigt, und nach dem Mittag gibt eine Expertin Tipps zu selbstgesammelten Pilzen.«

Eberhard schüttelte den Kopf. »Ich bin Samstag bei meiner Tochter eingeladen.«

Er grinste. »Ehrlich gesagt, bin ich sowieso kein Frühschoppentyp.«

Isabella lächelte, kommentierte den letzten Satz aber nicht, sondern sagte: »Dann viel Spaß bei deiner Tochter.«

Am Nachmittag ging Isabella zu Charlotte hinüber, um Thomas und Marita zu verabschieden.

»Isabella, pass gut auf Mama auf!«, sagte Thomas lachend und grinste seine Mutter an, die in gespieltem Ärger die Brauen hochzog.

»Wer hier wohl auf wen aufpassen muss?!«

Marita umarmte Charlotte und lächelte. »Du kennst ihn doch!«, sagte sie. »Wir sehen uns an meinem Geburtstag.«

»Ich freu mich schon«, gab Charlotte zur Antwort und wandte sich an Thomas, der schon ungeduldig mit dem Autoschlüssel klimperte. »Fahr vorsichtig!«

Thomas quittierte die Mahnung mit einem säuerlichen Grinsen und stieß sanft seine Frau an. »Komm endlich Marita, wir müssen los!«

»Tschau!« Marita winkte den beiden Schwestern lächelnd zu, folgte Thomas, der schon im Wagen saß, und stieg ebenfalls ein.

»Fahr nicht zu schnell, Thomas!«, sagte nun auch Isabella, während sie neben Charlotte trat.

»Ist ja gut, ihr zwei!«, rief Thomas vom Fahrersitz aus, warf die Tür hinter sich zu und fuhr brausend davon.

»Ich hab immer Bauchschmerzen, wenn die beiden unterwegs sind«, sagte Charlotte.

»Verständlich, mir geht es nicht anders, und ich bin bloß die Tante!«, bestätigte Isabella.

»Seine über alles geliebte Patentante!«, ergänzte Charlotte lächelnd. »Komm rein, ich habe noch Kuchen da.«

Am Samstagmorgen gegen neun Uhr klingelte Isabella bei Charlotte. Sekunden später kam ihre Schwester startbereit aus der Tür.

»Fährst du mit dem Fahrrad?«, fragte sie.

Isabella schüttelte den Kopf. »Ich möchte noch einkaufen, den Korb habe ich im Kofferraum.«

»Oh, dann hole ich meinen Korb auch. Ich brauche noch Kartoffeln und Eier.«

Der Hofladen lag nur einen Kilometer von der Siedlung entfernt an der Umgehungsstraße und war in der alten Bauerndeele des Kottenbaak’schen Hofes untergebracht. Es war kurz nach neun Uhr, als Isabella vor dem Hofladen parkte.

»Es ist ja noch ganz leer hier«, wunderte sich Charlotte. »Ich dachte, der Laden öffnet am Samstag um neun Uhr.«

»Das dachte ich auch.« Die Schwestern stiegen aus, als urplötzlich ein junger Mann in dunklem Kapuzenpullover und hellblauer Jeans hinter dem Haus hervorgestürmt kam. Er rannte an den Frauen vorbei, quer über den Hof und verschwand hinter der Scheune.

»He, hallo!«, rief Charlotte ihm überrascht nach.

»Was war das denn?« Isabella starrte ebenfalls hinter den Mann her. »Komm!« sagte sie dann entschlossen zu Charlotte. »Wir gehen rein und gucken, was da los ist! Irgendwo muss Frau Kottenbaak ja stecken!«

Sie rüttelten an der Ladentür, die noch fest verschlossen war. In diesem Moment kam ein Wagen auf den Hof gefahren und hielt direkt vor die Ladentür. Angelika Kottenbaak stieg aus und grüßte freundlich. »Guten Morgen!« Sie ging zum Kofferraum, öffnete ihn und fragte leicht erstaunt: »Ist noch nicht auf?«

»Nein, es ist noch abgeschlossen«, erklärte Isabella. »Ihre Verkäuferin scheint nicht da zu sein.«

»Brigitte Hübsch hilft heute bei mir aus, weil meine Hilfe sich krank gemeldet hat. Sicher ist sie bei den Pilzen«, erklärte die Bäuerin und lud mehrere mit Gemüse bepackte Kisten aus ihrem Kofferraum, die sie neben der Ladentür auf ein schon vorbereitetes Regal stellte.

»Ich mach’ gleich auf«, sagte sie, schloss den Kofferraum, stieg in den Wagen und fuhr ihn auf den Parkplatz neben Isabellas Auto. Dann kam sie zurück, öffnete den Laden und betätigte den Lichtschalter neben der Tür.

»Wie sieht es denn hier aus!«, rief sie entsetzt. Isabella und Charlotte, die dicht hinter ihr standen, blickten in den nun hell erleuchteten Hofladen. Kartoffeln lagen überall auf dem Boden verstreut, Gemüsekisten waren umgeworfen und auf der Ladentheke war die Kassenschublade weit aufgerissen.

Frau Kottenbaak stand starr vor der Theke, die Hände vor dem Gesicht und blickte durch ihre Finger auf das Chaos rundum. »Das ganze Geld ist weg!«, flüsterte sie schockiert. Hastig drehte sie sich zu Isabella und Charlotte um, die erschrocken an der Tür stehen geblieben waren. »Bevor ich losgefahren bin, habe ich das Wechselgeld in die Kasse gelegt! Es ist weg! Alles weg!« Sie war kreideblich und zitterte plötzlich. »Ich muss die Polizei rufen!«

»Aber wo ist denn Frau Hübsch?«, fragte Charlotte und sah sich

suchend um.

Frau Kottenbaak zuckte die Schultern und telefonierte schon mit der Polizei. »Eingebrochen! Ja, die Kasse ist leer!«, sagte sie. Als sie auflegte, erklärte sie: »Wachtmeister Meier kommt gleich!« Erst dann reagierte sie auf Charlottes vorherige Frage, als sei ihr erst jetzt die Situation voll bewusst geworden. »Brigitte wollte noch Pilze holen.« Sie verstummte, schlug sich mit der Hand vor den Mund und rief aufgeregt aus: »Oh Gott! Hoffentlich ist ihr nichts passiert!« In Panik stürmte sie durch die seitlich aufgebauten Regale zur Hintertür des Ladens, wo es ziemlich dunkel war, weil sie das Licht dort nicht eingeschaltet hatte. Sie stolperte über irgendetwas, das die Schwestern nicht gleich sehen konnten, und schlug lang hin. »Hilfe!«, keuchte sie, rappelte sich auf, rutschte an einem Regal entlang, riss dabei mehre Marmeladengläser um und sank dann mit totenbleichem Gesicht zu Boden. »Da! Sie ist tot!«, flüsterte sie und verbarg das Gesicht in ihren Händen.

Isabella war als Erste bei ihr. »Was …?«, fragte sie, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie sah, worüber Angelika Kottenbaak gestolpert war.

Nahe der Hintertür direkt am Gang neben einem Regal mit Blumensamen lag Brigitte Hübsch in einer Blutlache, die Beine lang ausgestreckt im Gang, umgeben von weißen und braunen Champignons – neben ihr ein blutverschmiertes Messer und ein Korb, der zur Hälfte mit Pilzen gefüllt war.

Während sich Charlotte um Angelika Kottenbaak kümmerte, beugte sich Isabella vorsichtig zu der toten Frau hinunter. Trotz des spärlichen Lichts sah sie die blauen, weit aufgerissenen Augen, die schmerzverzerrt ins Leere starrten. Vorsichtig und mit heftig klopfendem Herzen tastete Isabella nach der Halsschlagader. »Sie ist noch warm«, hauchte sie. »Sie kann noch nicht lange tot sein!«

In diesem Moment erklang das Geräusch eines Autos und Sekunden später betraten Polizeihauptkommissar Meier und sein Kollege Kommissar Frisch den Laden.

2. Kapitel

Völlig erschöpft hielt André hinter der Scheune inne und stütze sich am Stamm einer Eiche ab. Sein Atem ging stoßweise, seine Lungen schmerzten. Ausruhen – nur einen Moment! Um dann schnell weiter zu laufen.

Vage dachte er an die beiden Frauen, an denen er vorbeigestürmt ist. Hätte er innehalten sollen? Sie ansprechen? Er verdrängte den Gedanken und stürzte davon, an der Scheune vorbei, an der Wiese entlang und zum nahen Wald hinüber. Erst als er die ersten Bäume passiert hatte, wurde er langsamer.

Verdammt, er hatte die Tüte mit den Pilzen verloren. Im Laden? Oder draußen? Er wusste es nicht und setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Er musste ausruhen und irgendwie sehen, dass er wieder nach Hause kam. Nach Hause? Er seufzte. In das halbfertige Haus, dass sie gerade bezogen hatten? Verdammt! Warum hatte er nur darauf bestanden, dort schon drei Tage früher einzuziehen, als seine Eltern?

Anfang des Monats hatte er von seinen Eltern erfahren, dass der Nachmieter schon am Fünfzehnten mit dem Renovieren ihrer alten Wohnung anfangen wollte. Kurzerhand entschied sein Vater sofort umzuziehen, obwohl es in dem Haus, das er im Außenbereich von Oberherzholz gekauft hatte, noch ziemlich wüst aussah. Momentan tapezierte der Maler die Schlafzimmer, aber Andrés Zimmer war bereits fertig. Er fand es faszinierend, für einige Tage ganz allein in dem neuen Haus zu wohnen. Seiner Mutter hatte die Idee gar nicht gefallen, aber sein Vater hatte ihn unterstützt. »Ein paar Tage allein dort kann nicht schaden«, hatte er gesagt. »Dann lernst du mal, dich nicht immer bedienen zu lassen, André! Außerdem kannst du dein Zimmer einräumen. Deine Mutter hat schon genug zu tun.«

Begeistert hatte er mit seinem Vater die Möbel aus seinem alten Zimmer abgebaut und in sein neues Zimmer gebracht. Seine Eltern fuhren in die alte Wohnung zurück und er blieb, um sein Bett aufzubauen. Später hatte er seinen Schreibtisch unter das Fenster gerückt und seine Schulsachen in dem Regal daneben untergebracht.

André Juli war im Sommer siebzehn geworden. Er war ziemlich groß, fast einen Meter neunzig. Weil er regelmäßig Handball spielte, hatte André zudem breite Schultern und einen sportlichen Körperbau, und wenn er in einem Laden Zigaretten oder Alkohol kaufen wollte, fragte niemand nach seinem Ausweis, weil er mit den blonden Haaren, die er modisch kurz geschnitten trug, und dem kantigen, glatt rasierten Gesicht als Zwanzigjähriger durchging.

Nachdem seine Eltern am Freitag gegangen waren, hatte er den ganzen Abend gewerkelt. Irgendwann war er in die Küche gegangen, hatte sich das Essen aufgewärmt, welches seine Mutter für ihn in den neuen Kühlschrank gestellt hatte. Da war es schon zehn Uhr gewesen und er hatte sich anschließend auf sein Bett gesetzt und seine E-Mails gecheckt. Später griff er nach einem Buch, das er gerade angefangen hatte, legte sich hin und vergrub sich darin, bis ihm die Augen zufielen.

Am Samstagmorgen fuhr er mit dem Rad in die Stadt und kaufte sich frische Brötchen von dem Bäcker, den er einige Tage zuvor mit seinem Vater entdeckt hatte. Unterwegs war ihm das Schild am Radweg aufgefallen: »Hofladen Kottenbaak«, und er hatte sich vorgenommen, sich dort ein wenig umzusehen, und gleich Eier, Zwiebeln und Salat mitzubringen, denn seine Mutter hatte genau diese Dinge auf einem Spickzettel notiert, den er in der Küche gefunden hatte. Seine Idee setzte er gleich nach dem Frühstück in die Tat um.

Und nun saß er hier im Wald. Wieder sah er die Blutlache vor sich, die sich bis vor die Hintertür des Ladens ausgebreitet hatte. Verdammt, warum hatte er das Messer fallen lassen? Warum hatte er es überhaupt angefasst? Er musste die Polizei anrufen, denen erklären, was geschehen war! Warum er getürmt war! Oder sollte er seine Eltern anrufen? Nein! Das gab nur Ärger. Sein Vater würde toben!

Er griff in seine Hosentasche, um das Handy hervorzuholen! Er hatte es gar nicht eingesteckt! Jetzt erst fiel ihm ein, dass der Akku leer gewesen war. Er hatte das Smartphone zum Aufladen angeschlossen und war rausgegangen, um sich den Hofladen aus der Nähe anzusehen. Verzweifelt stützte er den Kopf in die Hände.

Er war zu Fuß gegangen, weil der Hofladen nicht sonderlich weit vom neuen Haus entfernt lag und er quer über die Koppel gehen konnte. Auf seinem Weg über die Weide hatte er Champignons entdeckt. Gemütlich war er durchs Gras geschlendert, hatte immer wieder neue Pilze gefunden und sie in der Plastiktüte gesammelt, die er eigentlich in die Tasche gesteckt hatte, um darin den Einkauf aus dem Hofladen zu transportieren. Er hatte sich schon ausgemalt, wie lecker die Pilze zum Abendessen schmecken würden. Seine Mutter konnte sie ganz toll mit Zwiebeln und einer Sahnesoße zubereiten. Gegen drei Uhr am Nachmittag wollten seine Eltern kommen und mit einem geliehenen Lieferwagen die Schlafzimmermöbel mitbringen.

Während er weiter nach Pilzen Ausschau hielt, erreichte André irgendwann den Bauernhof mit dem Hofladen. Gerade als er unter dem Draht, der die Weide umspannte, hindurchkroch, hörte er Hufgetrappel. Ein Reiter kam im Galopp hinter der Hecke hervor, die fast bis an die Weide reichte, und war schon kurz darauf nicht mehr zu sehen. Er schien es sehr eilig zu haben, denn sein graues Pferd flog förmlich davon.

André ging an der Hecke entlang und gelangte zu einem Gartentor, das weit geöffnet war und zu einem Feldweg führte. Die Huftritte rund um das Gartentor, die in Richtung Feldweg führten, verrieten ihm, dass der Reiter von hier gestartet sein musste und auf den Feldweg weitergeritten war. Wahrscheinlich hatte er die Hofbesitzer besucht und das Pferd unterdessen am Gartentor angebunden.

André betrat den Garten und ging über einen gepflasterten Weg, der in einem Bogen den Rasen umrundete und dann zu einer überdachten Terrasse führte, deren Tür ebenfalls leicht geöffnet war. Direkt vor seinen Füßen lag ein goldenes Schmuckstück, nur wenig größer als ein Zwei-Euro-Stück. Er hob es auf und sah, dass es ein Kettenanhänger war. Ein Medaillon mit einer Rose und einem kleinen Diamanten in der Mitte. Jemand musste es verloren haben.

André fasste die Klinke der Tür und rief: »Hallo? Ist hier jemand?« Keine Antwort, alles still.

Er ging ein Stück weit in das Wohnzimmer hinter der Terrassentür hinein, um zu sehen, ob sich dort jemand aufhielt, legte das Medaillon auf den Wohnzimmertisch und machte sich noch einmal laut bemerkbar. Es schien wirklich keiner zu Hause zu sein. Ein merkwürdig beklommenes Gefühl bemächtigte sich seiner und sein Herz klopfte plötzlich unruhig. Wenn ihn jetzt jemand überraschte, würde man ihn sicher für einen Dieb halten! Er wich langsam zur Tür zurück und lauschte.

Zum Glück hatte ihn niemand bemerkt. Es war noch immer alles still. Unheimlich still! Hastig verließ er das Haus wieder durch die Terrassentür.

Auf dem gleichen Weg, den er gekommen war, verschwand er aus dem Garten. Kurz darauf erreichte er die Stelle, an der er unter dem Weidenzaum hindurch gekrochen war, ging weiter bis zur Vorderseite und stand plötzlich vor der Tür des Hofladens.

Er rüttelte an der Ladentür, aber sie war verschlossen. Auf dem kleinen Schild neben der Tür stand: Täglich geöffnet von 11:00 bis 13:00 Uhr und von 16:00 bis 20:00, samstags von 9:00 bis 14:00 Uhr.

Es war zehn vor neun, da konnte er sich noch ein wenig umschauen. Irgendwo musste doch jemand sein, denn sonst wäre wohl die Terrassentür nicht offen gewesen. André umrundete den Laden und gelangte auf der anderen Seite zu einem länglichen Gebäude ohne Fenster, dessen Tür einen Spalt breit offen stand. Die Bauern schienen es nicht nötig zu haben, ihre Türen zu verschließen!

»Hallo! Ist hier jemand?«, rief er wieder und steckte den Kopf durch die Tür. Drinnen war es dunkel, nur durch mehrere aneinandergereihte Fenster im Dach wurde der Raum schwach erhellt. Mit mulmigem Gefühl ging André hinein. Irgendwo musste doch jemand sein! Wäre sonst die Tür offen gewesen? »Hallo?«, rief er noch einmal, wieder keine Antwort, nur das merkwürdige dumpfe Echo seiner Stimme. Er wendete sich um und sah nach draußen. Niemand da. Der ganze Hof schien ausgestorben. War es Neugierde oder das prickelnde Gefühl etwas Verbotenes zu tun? Andre wusste es nicht.

Er betrat einen langen schlauchartigen Raum, der mit Regalen bestückt war, die ein schmaler Gang in der Mitte teilte. An den Regalen standen Leitern und im ganzen Raum lag ein leicht muffiger Geruch nach Erde und Dung. André sah sich um.

Mittlerweile hatten sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnt und zu seiner Überraschungen entdeckte er auf den Regalen Pilze. Champignons. Und jetzt kam ihm schlagartig die Erkenntnis: Das war eine Pilzzuchtstation!

Zögernd erklomm er eine der Leitern und blickte sich um. Pilze, überall Pilze, alles Champignons, weiße und braune. Die Regale waren etwa einen Meter breit und auf jedem Regal reihten sich lange flache Kästen aneinander, gefüllt mit einem braunen Sand-Erde-Gemisch, auf dem die Pilze wuchsen. Sie waren fast alle noch ganz klein und rund, gerade erst aus der Erde gekommen. Nur einige Wenige waren schon so groß, dass man den Fuß richtig sehen und den Pilz mit einem Messer abschneiden konnte. Nachdem sich André alles genau angesehen hatte, verließ er das Gebäude.

Draußen blickte er sich um, doch noch immer war niemand war zu sehen. Er wollte eigentlich wieder zur Eingangstür des Ladens zurückgehen, als er gegenüber der Pilzzuchtstation eine Metalltür entdeckte, die ebenfalls nur angelehnt war. Ob das die Hintertür zum Laden war?

Vorsichtig öffnete er sie einen Spalt und sah eine rote Flüssigkeit auf dem Boden, die sich bis zum Türrahmen ausgebreitet hatte. Sein erster Gedanke war, dass es sich um eingedickten Kirschsaft handelte, und er bückte sich. Doch noch bevor er mit dem Finger hineinstippen konnte, stieg ihm dieser fleischige metallartige Geruch in die Nase und der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Blut!

Am ganzen Leib zitternd und mit klopfendem Herzen öffnete er die Tür etwas weiter, sah ein Messer dort liegen und gleich daneben blondes fächerartig ausgebreitetes Haar. Mit angehaltenem Atem trat er einen Schritt näher, nahm das Messer an sich und ließ es gleich darauf wieder fallen, als wäre es aus glühendem Eisen. – Das Tageslicht fiel durch die geöffnete Tür auf eine Frau, deren Füße ausgestreckt in einem Gang lagen. Und alles war voll Blut.

Er war so vor den Kopf geschlagen, so völlig durcheinander, dass er die Beine in die Hand nahm und planlos davonstürmte. Über den Hof, an der Scheune entlang und weiter, immer weiter. Weg, nur weg von diesem grauenvollen Ort!

Und jetzt saß er hier und überlegte, was er tun sollte. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr stellte er fest, dass schon über eine Stunde vergangen war. Sicher hatten die beiden Frauen die Tote schon entdeckt und längst die Polizei gerufen. Er musste zurück zum Hof. Erklären, warum er weggelaufen war!

Er verwarf den Gedanken sofort wieder, als ihm das Messer einfiel. Sein Atem stockte und ihm wurde plötzlich übel. Der Würgereiz in seiner Kehle ließ ihn aufspringen, und Sekunden später erbrach er sich ins Gebüsch neben dem Baumstamm, auf dem er gesessen hatte. Er hatte das Messer angefasst und wieder fallen lassen. Seine Fingerabdrücke! Am Messer und an der Türklinke! Klar! Auch an der Türklinke, schließlich hatte er ja die Tür geöffnet.

Er wischte mit dem Handrücken über seinen Mund. Der galleartige Geschmack seines Mageninhalts ekelte ihn. Mehrmals spuckte er aus, aber der Geschmack wollte nicht weichen. Langsam ging er in den Wald hinein. Der Anblick der Frau, deren Haare in der Blutlache schwammen, ließ ihn nicht los. Ziellos lief er zwischen den Bäumen hindurch, ohne zu wissen, wo er war. Irgendwann kam er an eine Hütte. Vorsichtig pirschte er sich heran. Erst als er sicher war, dass niemand in der Nähe war, ging er weiter. Er musste endlich nach Hause! Am Nachmittag würden seine Eltern mit den Schlafzimmermöbeln kommen. Sicher erwartete sein Vater, dass er beim Aufbauen half.

Mittlerweile hatte sich sein Herzschlag wieder beruhigt und die Übelkeit war verschwunden. Der eklige Geschmack in seinem Mund blieb jedoch. Er ging nun langsamer und blickte sich um. Er kannte sich nicht mehr aus und neuerlich erfasste ihn Panik.

Die Münsterlandstraße musste doch irgendwo sein! Der Feldweg, auf dem er inzwischen ging, führte an einer Weide mit Pferden entlang. Hier war er ganz bestimmt noch nie gewesen. Noch während er grübelte, erklang hinter ihm das gedämpfte Geräusch von Pferdehufen. Abrupt drehte er sich um und sah eine Reiterin auf einem Rappen direkt aus dem Wald auf sich zukommen, deren langes dunkles Haar unter ihrer Reitkappe hervorquoll und im Wind wehte.

Er winkte ihr zu, als sie näher kam, stellte sich mitten auf den Weg und rief: »Kennen Sie sich hier aus?«

Mit einem Schnauben kam das Pferd direkt vor ihm zum Stehen und der warme Atem des Tieres streifte sein Gesicht. Die Frau beugte sich zu ihm herunter, während sie Mühe hatte, das aufgeregt tänzelnde Pferd still zu halten. »Gehen Sie aus Weg!«, fauchte sie ihn an. »Oder wollen Sie Bekanntschaft mit Blackys Hufen machen? «

Er trat erschrocken einen Schritt zur Seite. »Komme ich hier zur Münsterlandstraße?«, fragte er, während er feststellte, dass sie einfach toll aussah und kaum älter sein konnte als er selbst.

»’Ne blödere Anmache ist dir wohl nicht eingefallen, was?«, antwortete sie schnippisch, setzte sich wieder aufrecht hin, gab dem Pferd einen Klaps mit der rechten Hand und stob davon.

»He!« Verdammt! Sie hatte ihn einfach stehen lassen! Gefrustet blickte er ihr nach, als sie sich im Sattelt umdrehte und ihm lachend zurief: »Immer der Nase nach!« Gleich darauf verschwand sie an einer Wegbiegung hinter einem Gebüsch und war nicht mehr zu sehen. Seufzend ging er auf dem Feldweg weiter, und wirklich, als er die Wegbiegung mit dem Gebüsch erreicht hatte, sah er, dass der Weg an einem Gehöft vorbei direkt zur Münsterlandstraße führte, auf der gerade ein großer LKW entlangfuhr.

Kaum eine Stunde später war er zu Hause. Sein Handy war aufgeladen, und er überlegte, ob er nun doch noch die Polizei anrufen sollte. Er entschied sich dagegen. Womöglich würde die Polizei ihn für den Täter halten, wenn er nun anrief. Und er war so schnell an den Frauen vorbeigelaufen, dass sie ihn unmöglich erkannt haben konnten, außerdem hatte er seine Kapuze aufgehabt. Nein, bloß keine schlafenden Hunde wecken! Der toten Frau konnte er ohnehin nicht mehr helfen.

Er ging in die Küche, schmierte sich ein Brötchen und belegte es mit Salami, die seine Mutter extra für ihn in den Kühlschrank gelegt hatte. Doch der Gedanke an die Tote und die große Blutlache verdarb ihn den Appetit. Nachdem er die Hälfte heruntergewürgt hatte, warf er das Brot in den Mülleimer und ging in sein Zimmer.

Als er die Schuhe auszog, sah er einen Blutspritzer daran. Oh, verdammt! Auch an seiner Hose entdeckte er einen blutigen Schmierstreifen. Wahrscheinlich hatte er seine Hand daran abgewischt, nachdem er das Messer hatte fallen lassen. Er nahm die Schuhe, ging ins Bad und schrubbte den Blutfleck mit der Nagelbürste ab. Anschließend tauschte er die Jeans gegen eine Jogginghose und wusch die Hose an der blutigen Stelle gründlich aus. Nichts mehr zu sehen! Gott sei Dank! Seine Mutter würde nur dumme Fragen stellen. Er hängte die Hose über den Stuhl in seinem Zimmer und stellte die Turnschuhe an die Heizung.

Er war gerade fertig, als unten ein Auto vorfuhr und seine Mutter kurz darauf seinen Namen rief. »Komme!«, gab er zur Antwort und war regelrecht froh, dass er endlich nicht mehr allein war.

Den ganzen Nachmittag hatte er seinem Vater geholfen, die Möbel im Elternzimmer aufzubauen. Sein schreckliches Erlebnis vom Morgen hatte er mit keinem Wort erwähnt, aber seine Gedanken kreisten unaufhörlich um die Frage, ob er es seinem Vater erzählen sollte oder nicht. Sein Vater hatte ihn hin und wieder prüfend angesehen, aber nichts gesagt.

Erst beim Abendessen, als sie in der Küche saßen, fragte der Vater: »Sag mal, stimmt was nicht?«

»Wieso?« André spürte, dass er rot wurde, und es ärgerte ihn.

»Du bist so unheimlich gesprächig heute! Da ist doch was im Busch!«

Sein Vater sah ihn so durchdringend an, dass er den Kopf senkte und murmelte: »Was soll denn sein?«

»Irgendwas stimmt nicht! Raus mit der Sprache! Was hast du angestellt?«

»Nichts! Gar nichts!« André schob seinen Teller weg und stand auf. »Hab keinen Appetit!«

Er war schon an der Tür, als sein Vater ihn zurückhielt. »So kommst du mir nicht davon!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass das Geschirr klapperte und seine Mutter erschrocken aufsprang. »Udo! Was soll denn das? Lass den Jungen doch in Ruhe!«

Sein Vater beachtete sie nicht, sondern brüllte plötzlich los: »Verdammt, André! Ich will endlich wissen, was los ist!«

Sein Herz klopfte so laut, dass es in seinen Ohren sauste. »Nix, das hab’ ich doch schon gesagt!« Wenn sein Vater in so schlechter Stimmung war, brauchte er von der Toten nicht mehr zu erzählen! Der Abend war ohnehin komplett im Eimer. Den Zorn seines Vaters konnte er nun wirklich nicht mehr gebrauchen! Und er wollte nur noch eines: ins Bett – einschlafen und an nichts mehr denken!

Jetzt mischte sich seine Mutter energisch ein. »Zum Donnerwetter, Udo! Lass den Jungen endlich in Frieden. Er hat den ganzen Nachmittag ohne zu murren geholfen.«

André zog bei ihren Worten die Küchentür hinter sich zu, lief nach oben in sein Zimmer, schloss die Tür ab und legte sich aufs Bett, die Stöpsel seines iPods in den Ohren.

Die ganze Nacht hatte André sich im Bett herumgewälzt. Hin und wieder war er in einen unruhigen Schlaf gefallen, doch immer wieder schreckte er auf, sah die Blutlache vor sich und diese blonden Haare, die darin ausgebreitet lagen wie ein Fächer. Es war erst halb sieben, als er am Morgen aufstand. Er konnte sich nicht erinnern, wann er an einem Sonntag jemals so früh aufgestanden war.

Unten im Haus hörte er seine Mutter rumoren und dazu leise Musik. Das Küchenradio lief, und wahrscheinlich hatte sie, wie jeden Sonntag, schon Brötchen in den Backofen gelegt. André ging ins Bad und kurz darauf hinunter in die Küche.

»… der dringend Tatverdächtige trug einen dunkelblauen Kapuzenpullover, eine hellblaue Jeans mit Riss am linken Knie und schwarze Turnschuhe mit neongrünen Steifen!«

Erstarrt blieb André in der Küchentür stehen. Seine Mutter stand an der Küchenzeile vor der Kaffeemaschine und hielt die Dose mit dem Kaffeepulver in der Hand. Sie lauschte gebannt den Lokalnachrichten. Plötzlich drehte sie sich um und sah ihn überrascht an. »André, wieso bist du schon auf?«

»Konnte nicht schlafen. Gibt’s schon Frühstück?«

»Die Brötchen sind gleich fertig«, sagte seine Mutter und befüllte nun die Kaffeemaschine. »Stell dir vor, im Hofladen an der Münsterlandstraße ist gestern Morgen eingebrochen worden. Der Täter hat die Verkäuferin ermordet!« Sie seufzte. »Entsetzlich. Das ist ganz hier in der Nähe!«

»Es passiert ja immer irgendwas«, presste er hervor, wobei sein Herz so laut klopfte, dass er glaubte, seine Mutter könne es hören. Hastig ging er wieder zur Tür hinaus. »Ich höre noch etwas Musik!«, sagte er leise. »Komme nachher wieder.«