Her Deceptive Duke - Scarlett Scott - E-Book
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Scarlett Scott

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Beschreibung

Im Auftrag des Herzen.

Georgiana, Herzogin von Leeds, hat ihren Mann nicht mehr gesehen, seit er sie am Tag ihrer Hochzeit sitzengelassen hat, um an der Jagd teilzunehmen. Doch sie ist keine Frau, die einem abspenstigen Gatten nachtrauert. Erfüllung findet sie darin, sich um streunende Katzen und Hunde auf Londons Straßen zu kümmern. Bis dann der Herzog zurückkehrt und sie die Wahrheit über seine Abwesenheit erfährt. Und plötzlich fällt es Georgina schwer, ihren Gemahl weiterhin für einen arroganten Tölpel zu halten.

Kit, Duke of Leeds, war mit seinem Leben als Spion Ihrer Majestät sehr zufrieden, bis der unerwartete Tod seines Bruders ihn dazu zwang, eine reiche Erbin zu heiraten, um den Familiensitz vor dem Ruin zu retten. Noch am Tag seiner Hochzeit brach er zu einem geheimen Auftrag auf, ohne die Absicht, jemals weiderzukommen. Verwundet und enttarnt, ist er jedoch gezwungen, nach London zurückzukehren. Dort findet er statt einer fügsamen Gattin eine Frau vor, die ihn ablehnt und zudem noch von allerlei Vierbeinern umgeben ist ...

Der vierte Band der "Wicked Husbands" Reihe von Scarlett Scott für alle Fans von Bridgerton! Alle Bücher dieser Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden!

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Im Auftrag des Herzen.

Georgiana, Herzogin von Leeds, hat ihren Mann nicht mehr gesehen, seit er sie am Tag ihrer Hochzeit sitzengelassen hat, um an der Jagd teilzunehmen. Doch sie ist keine Frau, die einem abspenstigen Gatten nachtrauert. Erfüllung findet sie darin, sich um streunende Katzen und Hunde auf Londons Straßen zu kümmern. Bis dann der Herzog zurückkehrt und sie die Wahrheit über seine Abwesenheit erfährt. Und plötzlich fällt es Georgina schwer, ihren Gemahl weiterhin für einen arroganten Tölpel zu halten.

Kit, Duke of Leeds, war mit seinem Leben als Spion Ihrer Majestät sehr zufrieden, bis der unerwartete Tod seines Bruders ihn dazu zwang, eine reiche Erbin zu heiraten, um den Familiensitz vor dem Ruin zu retten. Noch am Tag seiner Hochzeit brach er zu einem geheimen Auftrag auf, ohne die Absicht, jemals weiderzukommen. Verwundet und enttarnt, ist er jedoch gezwungen, nach London zurückzukehren. Dort findet er statt einer fügsamen Gattin eine Frau vor, die ihn ablehnt und zudem noch von allerlei Vierbeinern umgeben ist ...

Der vierte Band der "Verrucht und adelig" Reihe von Scarlett Scott für alle Fans von Bridgerton! Alle Bücher dieser Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden. 

Über Scarlett Scott

Scarlett Scott liebt es Regency-Romane mit starken, intelligenten Frauen und sexy Alpha-Helden zu schreiben. Sie lebt in Pennsylvania mit ihrem kanadischen Ehemann, ihren eineiigen Zwillingen und einem fernsehbegeisterten Hund.

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Scarlett Scott

Her Deceptive Duke

Verrucht und adelig

Aus dem Amerikanischen von Firouzeh Akhavan-Zandjani

Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17 — Georgie

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Danksagung

Impressum

Lust auf more?

Widmung

Prolog

London, 15. Dezember 1880

London, 11. Dezember 1880 – Die New Yorker Eisenbahnerbin, Miss Georgiana Dumont, hat Christopher Anthony Harcourt, Seine Gnaden, den Herzog von Leeds, im Rahmen einer prächtigen Zeremonie in der St. George Kathedrale in London geheiratet.

Die Braut trug ein Kleid aus Seide und Satin des Pariser Modehauses Charles Frederick Worth. Es heißt, dass es mit über tausend Saatperlen bestickt worden sei. Die elfenbeinfarbene Schleppe aus Knautschsamt wies eine elegante Länge von drei Metern auf. Damit bot die Braut den Hochzeitsgästen – unter denen einige der höchsten Persönlichkeiten aus Politik und Adel anwesend waren; so auch Prinz Hans aus dem Hause Sachsen-Leiswig – einen aufsehenerregenden Anblick.

Ihre Gnaden, die Herzogin von Leeds, ist eine aus Pennsylvania stammende Erbin, die erst vor Kurzem, nach dem tragischen Tod ihres Onkels, Mr George Dumont, dem bekannten Eigentümer der Western-Star-Eisenbahnlinie, in die New Yorker Gesellschaft eingeführt worden war.

Dreitausend Treibhausblumen schmückten die Kapelle, und die neue Herzogin trug neben einem schimmernden Diamantcollier Orientperlen, die in ihr glänzendes haselnussbraunes Haar eingewebt worden waren.

Am Hochzeitsfrühstück nahmen an die dreihundert Gäste teil, denen so kulinarische Tafelfreuden wie am Spieß gebratene Gartenammern, Les Salades de Homards und nicht weniger als fünf unterschiedliche Gerichte in Aspik geboten wurden.

Der einzige Gast, der bei der Feier bemerkenswerterweise durch Abwesenheit glänzte, war Seine Gnaden, der Herzog von Leeds, der Berichten zufolge die Hochzeitsfeier früh verließ …

berichtet die New York Times.

Hunderte von Gästen hatten sich versammelt, um das Hochzeitsfrühstück zu genießen, welches Georgiana mit größter Sorgfalt zusammengestellt hatte – mit Ausnahme der Gartenammern, die nur auf Geheiß ihres Vaters hin und ausdrücklich gegen ihren Wunsch gereicht wurden. Die Feier fand im palastartigen Haus in der Curzon Street statt, welches ihr Vater in der Hoffnung auf solch eine Gelegenheit erworben hatte.

Endlich würden er und seine neue Frau sie los sein – das war deren Grund zum Feiern.

Und endlich würde sie von seiner zornigen Tyrannei und der nur kaum verhohlenen Feindseligkeit ihrer Stiefmutter befreit sein – das war ihr Grund zum Feiern.

Ihr Vater verabscheute sie. Er machte kein Hehl daraus. Ehe ihr Namensvetter Onkel George so unerwartet gestorben war und den größten Teil seines gewaltigen Vermögens zu gleichen Teilen Georgiana und ihrem Vater hinterlassen hatte, war von ihrem Vater gegenüber jedem, der zuhörte, beklagt worden, wie katastrophal wenig frauliche Tugenden seine Tochter besäße. Sie wüsste noch nicht einmal, wie man Makassaölflecken aus Leinen entfernte (sie konnte es sehr wohl), sie würde noch nicht einmal die einfachsten Rechenarten beherrschen (sie führte all seine Bücher) und sie wäre zu unscheinbar, um sich einen passenden Ehemann zu angeln (sie hielt sich nicht für unscheinbar, aber auch nicht für eine große Schönheit).

Doch das Vermögen, das Onkel George ihr hatte zukommen lassen – mehr Geld als sie sich in ihrem früheren Leben als bescheidenes Mädchen vom Lande mit einem reichen Onkel, der ihr gelegentlich eine kostbare chinesische Puppe, teure Federhalter und Schachteln mit Süßigkeiten schickte, die wie Manna direkt aus dem Himmel schmeckten, je hätte träumen lassen –, führte bei ihrem Vater zu einer Veränderung. Er beklagte sich nicht mehr bei allen über ihre Unzulänglichkeiten, damit jemand sie ihm zu einem lächerlich niedrigen Preis abnahm. Stattdessen wurde unter den wachsamen Augen ihrer Stiefmutter eine neue Strategie in die Tat umgesetzt.

Sie war jetzt eine wertvolle Handelsware, die ihnen ein entrée in die besten Gesellschaftskreise ermöglichte, wenn sie vorteilhaft heiratete. Ein neureicher Bauer aus Pennsylvania und seine neue Frau würden trotz ihres Reichtums nie in der New Yorker Gesellschaft aufsteigen. Doch ein Neureicher, dessen Tochter in den alten englischen Adel eingeheiratet hatte, besaß sehr wohl Einfluss.

Im Verlauf des letzten Jahres waren ihr endlose Lektionen eingebläut worden. Sie hatte nicht enden wollende Kleiderproben über sich ergehen lassen müssen, man hatte ihren Wissensstand immer wieder überprüft und ausgeschimpft, wenn sich Lücken auftaten. Schließlich war sie zu einer Prinzessin geformt worden, die sie nur aus Büchern kannte, die sie eigentlich nicht lesen durfte, aber trotzdem unter ihrer Strohmatratze versteckt hatte.

Wie eine dieser Prinzessinnen sah sie jetzt aus in ihrem elfenbeinfarbenen Kleid aus Paris. Ein Kleid, das ein kleines Vermögen gekostet hatte und für dessen Anlegen die Hilfe von drei Zofen erforderlich gewesen war. Ein Kleid, das ihr das Gefühl gab, sich plötzlich in einem Märchen zu befinden, aber gleichzeitig auch die Luft zum Atmen nahm.

Ihr Korsett war so fest geschnürt.

Aber eigentlich war eher der Mann, der vor ihr stand, das Problem.

Der große, schlanke, elegante Fremde, den sie geheiratet hatte. Der Herzog von Leeds war schöner als manche Frau, aber nicht im weiblichen Sinne, und das war das Seltsame daran. Er besaß eine männliche Schönheit, die nur aus schroffen Kanten und strenger Symmetrie bestand. Er hatte starke Augenbrauen, eine edle Nase, hohe Wangenknochen, ein breites, kräftiges Kinn und die vollkommensten Lippen, die sie je bei einem Gentleman gesehen hatte.

Außerdem war er unnahbarer als ein streunender Kater, besaß ein eisiges, reserviertes Wesen und war – wenn sie nicht alles täuschte – in diesem Moment dabei, sie zu verlassen. Das war eine weitere merkwürdige Sache an ihm – abgesehen davon, dass er um ihre Hand angehalten und sie geheiratet hatte, ohne je mehr als ein paar Sätze an sie zu richten.

Würden Sie gern eine Polonaise tanzen?

Sie sehen heute entzückend aus, Miss Dumont.

Geben Sie mir die Ehre, meine Frau zu werden?

Ich werde meinen Vertreter eine Vereinbarung mit Mr Dumonts Rechtsanwälten aufsetzen lassen.

Dieser Ring gehörte meiner Mutter. Seien Sie bestrebt, ihn nicht zu verlieren, Miss Dumont.

Ich, Christopher Anthony Harcourt, nehme Georgiana Elizabeth Dumont …

Ja, mehr hatte er nicht zu ihr gesagt.

Welche Sorte Mann beabsichtigte seine Frau am Morgen der Hochzeit, nur Stunden, nachdem das Ehegelübde gesprochen worden war, zu verlassen? Das widersprach aller Logik und Vernunft und doch stand Christopher Anthony Harcourt mit einer gepackten Tasche und kaum verhohlener Verärgerung vor ihr, weil sie es gewagt hatte, in seine geheiligten Räume einzudringen.

»Was tun Sie hier, Herzogin?«, fragte er sie jetzt.

Sie war in den Raum getreten, der ihm zur Verfügung gestellt worden war, bis sie gemeinsam nach Leeds House fahren würden, um dann – wie sie eigentlich angenommen hatte – die Flitterwochen zu begehen. Das Schlafzimmer war riesig, und ihre Stiefmutter hatte es mit einer bedenklichen Menge vergoldeter Möbelstücke und Gemälde aus Londoner Galerien herrichten lassen, von denen es hieß, sie wären der letzte Schrei. Georgiana hatte nur einen zynischen Blick darauf geworfen und war von ihrer Qualität nicht überzeugt gewesen.

»Das ist wohl der achte Satz, den Sie je zu mir gesagt haben«, platzte sie heraus. Es war nicht das, was sie eigentlich hatte sagen wollen, und kaum waren die Worte aus ihrem Mund heraus, hätte sie sie am liebsten wieder zurückgenommen, weil sie sie daran erinnerten, wie unbeholfen sie war. Georgiana mochte zwar ein naives Landmädchen gewesen sein, doch selbst sie wusste, was über sie geredet wurde.

Die Klatschblätter nannten sie die Möchtegernherzogin und die amerikanische Dollar-Prinzessin. Man druckte Karikaturen von ihr ab, die sie im Ballsaal mit Sichel und Setzlingen auf der Tanzfläche zeigten. Es gab Zeichnungen, auf denen sie sich den Herzog von Leeds über die Schulter geworfen hatte und wie ein weiblicher Atlas ganz erpicht auf eine Ehe zum Altar stürmte. In ihrem früheren Leben hatten sie noch nicht einmal gewusst, dass es solche Schriften gab. Doch seit sie ihre neue Rolle als Angehörige von New Yorks glitzernder, reicher Elite eingenommen hatte, hatte sie viele Lektionen gelernt.

Gutes Benehmen, eine gewählte Sprache, Tanzen, Klavierspiel, Malerei, Literatur, Französisch, Enttäuschung.

Ihr Vater hatte keine Ausgaben gescheut, nachdem er beschlossen hatte, dass sie ihm am Ende doch von Nutzen sein würde, wenn sie ihm den Einfluss verschaffte, den er sich mit Onkel Georges Vermögen nicht kaufen konnte – und zwar indem sie sich eine Adelskrone unter den Nagel riss.

»Ich habe doch gewiss mehr als acht Sätze gesagt.« Ihr frischgebackener Ehemann sah sie jetzt mit leicht gerunzelter Stirn an. »Ich muss jedoch gestehen, dass ich mich durch Ihren Versuch geehrt fühle, diese für die Nachwelt zu bewahren.«

Wie gestelzt er sich ausdrückte und verhielt. Sie hatte sich gesagt, dass sie durch die Heirat mit ihm zumindest das Leben mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter hinter sich lassen würde, welches von Ausschweifungen, Gier und Boshaftigkeit geprägt war. Und sie hatte geglaubt, dass Leeds sich nach der Heirat für sie erwärmen würde.

»Sie haben nicht vor, am Hochzeitsfrühstück teilzunehmen?«, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.

Es war ihm nur allzu deutlich anzusehen. Er wirkte wie ein Mensch am Bahnhof, der ungeduldig auf seinen Zug wartete.

»Leider muss ich ablehnen, Herzogin.«

Sie wünschte sich, er würde sie Georgiana nennen. Sie fühlte sich nicht wie eine Herzogin und sie war sich auch nicht sicher, ob das jemals der Fall sein würde. Redeten in diesem seltsamen Land, in das sie geschickt worden war, Ehemann und Ehefrau so miteinander? Waren sie immer so überheblich und beherrscht?

»Sie müssen ablehnen«, wiederholte sie, denn ihr fiel nichts anderes ein, was sie hätte sagen können. In ihrem früheren Leben hätte sie gewusst, wie sie mit so einem Mann zu reden hatte, wenn er in ihre Küche gekommen wäre. Doch in ihrem neuen Leben war sie eine Heuchlerin, die Kleider trug, welche mehr kosteten als die Farm ihres Vaters und alles, was sie je besessen hatte.

Er neigte den Kopf. Immer höflich, immer korrekt – der Inbegriff eines englischen Gentleman. Er sah gut aus. Er war reserviert. Ein Rätsel. »In der Tat, Herzogin. Ich fürchte jedoch, dass – so erfreut ich darüber bin, Sie jetzt zur Frau zu haben – eine vorher gemachte Zusage, mich dazu nötigt, von Ihrer Seite zu weichen.«

Sie mochte nicht glauben, dass sie sich in so ein verwöhntes Etwas verwandelt hatte, doch in diesem Moment konnte sie nur daran denken, dass sie den Salade de Homards speziell für ihn ausgewählt hatte. Im Verlaufe der wenigen Sätze, die er von sich gegeben hatte, war seine Vorliebe für Hummer zur Sprache gekommen. Und das Gericht war ihr perfekt erschienen, als es vom französischen Küchenchef ihres Vaters genannt worden war. Eine geeignete Wahl, um ihrem neuen Ehemann eine Freude zu machen.

Warum hatte sie gedacht, dass es reichen würde, ihm eine Freude zu machen?

Warum meinte sie, dass sie, eine unelegante Aufsteigerin, je in der Lage sein würde, Christopher Anthony Harcourt, einen charmanten Aristokraten, der sich nie auch nur einen Tag die Hände schmutzig gemacht hatte, zufriedenzustellen?

Und trotzdem schaffte sie es nicht, die wirklich dümmste, demütigendste Bemerkung, die man sich vorstellen konnte, zurückzuhalten. »Sie möchten also nicht bleiben, um den Salat mit Hummermedaillons zu kosten? Ich habe ihn anrichten lassen und dabei an Sie gedacht, Euer Gnaden. Er ist mit einer speziellen Vinaigrette angemacht, die im Moment der letzte Schrei auf dem Kontinent ist, wie ich mir habe sagen lassen.«

Als ob ein Hummersalat einen Mann wie ihn interessieren würde, auch wenn er ihr Vermögen bestimmt dringend brauchte. Ihn umgab das Flair eines Mannes, der in ein Leben voller Privilegien und Müßiggang hineingeboren worden war und der das Extravagante als etwas Normales betrachtete.

»Das klingt ganz reizend, aber ich kann nicht länger bleiben.« Er bedachte sie mit einem strahlenden Lächeln, doch es hatte nichts Entschuldigendes an sich.

Ihre Hände verkrampften sich und zerknitterten die duftige Seide ihres Hochzeitskleids. »Sie können nicht zu Ihrem eigenen Hochzeitsfrühstück bleiben?«

Er erwiderte ihren Blick, während seine Miene eine leichte Verärgerung durchscheinen ließ. »Nein, Madam. Ich kann nicht. Ich muss an einem Jagdausflug in Amerika teilnehmen, der sich zu meinem großen Kummer höchst misslich mit unserer Hochzeit überschneidet.«

Er hatte nicht die Absicht, die Ehe zu vollziehen.

Sie sah ihn an – seine starre Haltung, der man seinen Wunsch ansah, sich auf der Stelle von ihrer Gegenwart zu befreien, seine blitzenden blauen Augen, seinen festen, kompromisslosen Mund. Wie hatte sie so dumm sein können zu denken, dass der Mann, den sie geheiratet hatte, ein anderer sein würde als der, den sie bisher kennengelernt hatte?

»Sie haben mich wegen meiner Mitgift geheiratet.« Sie formulierte es eher wie eine Feststellung denn als Frage. Natürlich hatte sie es die ganze Zeit vermutet, da man munkelte, dass Leeds’ Kassen leer wären und die Höhe ihrer Mitgift kein Geheimnis war. Aber er hatte nicht ein Mal von Geld gesprochen, und so war sie davon ausgegangen, dass er eine Ehefrau und Kinder wollte.

»Mein Bruder hat alles bis auf den Fideikommiss verspielt und mir mehr Gläubiger hinterlassen, als ich zählen kann.« Wieder bedachte er sie mit einem strahlenden Lächeln. Doch es besaß weder Wärme noch Freundlichkeit. »Sie, meine Liebe, sind die Antwort auf meine Gebete.«

»Wohl eher meine Mitgift«, korrigierte sie ihn.

»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus.« Er klang ob seiner geldgierigen Beweggründe nicht weiter beschämt, und sie bemerkte nicht zum ersten Mal, dass in seinen Worten ein seltsamer Ton mitschwang. Fast klang es nach einem amerikanischen Akzent und beileibe nicht nach der gewählten aristokratischen Aussprache, die sie bei ihm erwartet hätte. »Es ist allgemein bekannt, Madam. Es war mir nie bestimmt, Herzog zu werden. Diese Bürde sollte mir eigentlich erspart bleiben, doch nun muss ich sie doch tragen.«

Forschend glitt ihr Blick über sein Gesicht auf der Suche nach einem Anflug von Nachgiebigkeit, nach einem Hinweis, dass sich hinter seinem harten Äußeren vielleicht etwas Mildes verbarg. Doch sie fand nichts. »Mir war nicht klar, dass Sie so arm sind, dass Sie sich verkaufen würden.«

»An den Höchstbietenden.« Mit einem höhnischen Grinsen verbeugte er sich spöttisch vor ihr.

Seine Andeutung brachte sie auf. »Ich habe nicht auf Sie geboten.«

»Nein.« Er legte den Kopf schräg und musterte sie mit einer Unverschämtheit, von der sie während der wenigen, höflichen Zusammenkünfte nie gedacht hätte, dass er dazu in der Lage wäre. »Ihr lieber Herr Papa hat mich gekauft. Aber obwohl er meinen Namen gekauft hat, gehöre ich Ihnen nicht, Madam. Ich gehe jetzt, und ich kann nicht sagen, wann ich wiederkomme.«

Oder ob er es überhaupt vorhätte, wollte er wohl sagen, dachte sie.

Sein ganzes Gebaren war so grimmig. Ihn umgab ein Ernst, als würde er einer Beerdigung beiwohnen. Er strahlte nicht nur Feindseligkeit aus. Dieser Mann war finster, verbittert und bedrohlich. Eine gefährliche Mischung.

»Wenn Sie heute gehen, Euer Gnaden, brauchen Sie nie wiederzukommen.« Die Bemerkung sprudelte aus ihr heraus, und sie wurde rot, als er sie daraufhin eingehend musterte.

Er verbeugte sich wieder – sehr tief und spöttisch. »Wenn Sie darauf bestehen, Herzogin. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.« Seine langen, starken Finger schlossen sich um den Griff seiner Reisetasche.

»Das kann nicht Ihr Ernst sein, jetzt zu gehen.« Aber ihr Aufbegehren war nutzlos, und sie wusste es.

»Leben Sie wohl, Herzogin«, sagte er ruhig – ihr neuer Ehemann, der sie, bis auf das kurze Küsschen auf die Wange, um das Ehegelübde zu besiegeln, noch nie geküsst hatte. »Geben Sie auf sich acht.«

»Bitte«, flehte sie, obwohl sie gar nicht wusste warum. Vielleicht aus Selbsterhaltungstrieb? Aus Stolz? Die Klatschblätter würden sich an dem Skandal ergötzen, dass der Herzog von Leeds sie am Hochzeitstag verlassen hatte, ohne auch nur einen Bissen des Festmahls zu sich zu nehmen, das zu seinen Ehren ausgerichtet worden war. »Bleiben Sie, Euer Gnaden. Zumindest zum Hochzeitsfrühstück. Was werden unsere Gäste denken, wenn Sie nicht da sind?«

Er schien weiter völlig unberührt von ihren Worten. »Es ist mir egal, was unsere Gäste denken, Madam. Mein Schiff wartet.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ließ ihr Gatte sie nach ganzen drei Stunden Ehe allein zurück, während sie ihm hinterhersah. Er verdiente den Hummersalat nicht, stellte sie fest, nachdem die Tür hinter ihm zugeschlagen war.

Und sie verdiente er auch nicht.

Für meine Mädchen. Viele liebe Grüße!

Kapitel 1

London, Juni 1881

Sechs Monate, nachdem er voller Begeisterung zu einem neuen Einsatz aufgebrochen war, kehrte Kit Hargrove, der Herzog von Leeds, in Schimpf und Schande nach London zurück. Er wurde nicht von Hunderten von Bewunderern oder voller Dankbarkeit von Ihrer Majestät empfangen oder von überschwänglichen Schlagzeilen in der Times. Er kam nicht als Held zurück. Eher das Gegenteil war der Fall, da seine Ankunft an den englischen Gestaden geheim gehalten wurde. Und ganz bestimmt kehrte er auch nicht in die liebevolle Umarmung seiner verlassenen Ehefrau zurück, der es wahrscheinlich völlig egal war, ob sie ihn jemals wiedersah.

Er kehrte allein zurück und wurde nur von den Dienern begleitet, die er für die zweifelhafte Aufgabe eingestellt hatte, ihm auf der Reise behilflich zu sein. Er kehrte zurück, ohne zu wissen, ob er wohl sein linkes Bein je wieder würde benutzen können; denn er war nicht in der Lage, ohne Hilfe bis zur Haustür seines prächtigen Londoner Stadthauses zu gehen.

Er kehrte zurück und klopfte doch tatsächlich bei sich selbst an, als wäre er ein Gast.

Und dann öffnete ein Koloss mit einem unheilvoll finsteren Blick und einer schlimmen Narbe auf der Wange die Tür. »Ihre Gnaden ist nicht zu Hause«, verkündete er grimmig und schlug die Tür wieder zu.

Was zum Henker …

Kit knirschte mit den Zähnen. Er war schwach, er war erschöpft und er befand sich gerade an dem letzten Ort, an dem er sein wollte, während er sich der erniedrigendsten Aufgabe stellte, die er sich vorstellen konnte. Er stützte sich auf seine Krücke und atmete zischend ein, als ihn wieder eine Schmerzattacke erfasste. Von allen Tagen, an denen ihm der Zutritt zu seinem eigenen Haus hätte verwehrt werden können, war dies der wirklich letzte, den er dafür ausgesucht hätte.

Er klopfte wieder.

Der unhöfliche Schrank von einem Mann, der sich als Butler kostümiert hatte, öffnete erneut die Tür und warf ihm einen furchteinflößenden Blick zu. »Hab’s schon einmal gesagt. Ihre Gnaden ist nicht zu Hause. Verschwinden Sie.«

Dieses Mal war Kit vorbereitet. Ehe die Tür wieder zugeschlagen werden konnte, legte er die flache Hand dagegen, obwohl er dadurch beinahe das Gleichgewicht verlor und das, was von seinem Stolz übriggeblieben war. Er richtete sich auf und sah den Mistkerl, der ihm den Zutritt verwehrte, finster an.

»Wissen Sie, wer ich bin?«, wollte Kit wissen.

»Was schert mich das?«, erwiderte der unverschämte Kerl. »Nein.«

»Es wird Sie was scheren, wenn ich Sie feuere«, knurrte er. »Ich bin der Herzog von Leeds. Ihr Arbeitgeber. Jetzt lassen Sie mich auf der Stelle herein.«

Der Hüne zog die Augenbrauen zusammen. »Wir erwarten den Herzog aber gar nicht. Er ist im Ausland.«

»Siehe da: Er ist zurückgekehrt«, verkündete Kit sarkastisch.

Der Nichtsnutz von einem Butler wirkte nicht überzeugt. »Woher soll ich wissen, dass Sie der sind, der Sie vorgeben zu sein?«

»Soll ich etwa die Königin herbestellen, damit sie es bezeugt?«

»Ludlow«, ertönte eine melodische Frauenstimme in einem nicht wirklich angemessenen Tonfall. »Ich brauche Ihre Hilfe bei Lady Philomena Schnurrhaar. Ich glaube, sie kommt gleich nieder.«

Diese liebliche Stimme konnte doch nicht tatsächlich ihre sein. Und sie redete mit dem Schurken, der die Tür zu seinem Haus blockierte, als wäre er ein Lord.

Hinter dem Koloss erhaschte Kit einen Blick auf raschelnde blaue Seide, einen haselnussbraunen, geflochtenen Zopf, eine glatte Stirn und ein großes, grünes Auge. Oh verdammt. Sie war es tatsächlich. Ihre Stimme mochte er vielleicht nicht wiedererkennen, aber diese Augen würde er nie vergessen – Grün und Gold mit zimtfarbenen Sprengseln und umrahmt von herrlichen Wimpern.

»Euer Gnaden?«, sagte sie zögernd.

Und es schien, als würde sie ihn ihrerseits nicht erkennen.

Wie erniedrigend.

»Madam«, stieß er hervor. »Ich habe den Ozean überquert. Ich bin verletzt und müde und mir fehlt die Art von Geduld und Verständnis, die man unter solchen Umständen wie diesen hier haben sollte, völlig.«

»Treten Sie zur Seite, Ludlow«, befahl sie dem Fleischberg.

Der Diener gehorchte nur widerwillig und mit äußerst finsterer Miene. Dann stand sie vor ihm. Sie besaß einen größeren Liebreiz, als er sich erinnerte, und es umgab sie eine Kultiviertheit, die das letzte Mal, da er sie gesehen hatte, noch nicht da gewesen war. Ihr Haar war geflochten und zu einer Krone hochgesteckt. Sie trug ein dunkelblaues Seidenkleid mit flaschengrünen Unterröcken. Die Bänder und Schleifen, die das Mieder zierten, lenkten unweigerlich den Blick auf ihre schmale Taille und den vollen Busen. Selbst in seinem geschwächten Zustand nahm er sie seltsam bewusst wahr.

»Euer Gnaden«, sagte sie schließlich und presste die vollen, rosigen Lippen streng zusammen. »Sie sehen krank aus.«

Verdammter Mist. Er hatte einfach nur dagestanden und gedacht, wie außergewöhnlich gut sie aussah, während sie seine ausgemergelte Gestalt, die bleiche Haut und die Krücke zur Kenntnis genommen hatte. Er war ein Wrack und das wusste er auch. Schwer stützte er sich auf den Gehstock. »Ich hatte einen Unfall. Lassen Sie mich nun endlich herein, oder soll ich weiter wie ein Hausierer auf der Straße stehen bleiben?«

Sie blinzelte, und Farbe stieg in ihre Wangen. »Hatten Sie einen Jagdunfall, Euer Gnaden?«

Was für ein schlaues Biest. Er bedachte sie mit seinem hochmütigsten Blick. »Ja.«

Seine Frau trat einen Schritt zurück und zog die Tür ganz auf. »Dann kommen Sie herein. Ich kann Ihnen den Zutritt wohl nicht verweigern.«

Mit Hilfe seiner Dienstboten trat er über die Schwelle. Doch der anstrengende Gang zur Tür, das lange Warten und der lähmende Schmerz, dem er ausgesetzt war, hatten ihn noch schwächer werden lassen. Er schwankte und konnte kaum noch sein Gleichgewicht halten. Was für ein demütigender Moment.

Wie hatte er so enden können? Als verdammter Krüppel vor der Ehefrau, die er nie gewollt hatte, während ein seltsamer Butler Zeuge seiner Blamage wurde?

Ihr Blick glitt über ihn, und ihre Augen weiteten sich. »Gütiger Himmel. Seine Gnaden blutet. Ludlow, bereiten Sie bitte meine Räumlichkeiten für ihn vor.«

Er sah nach unten und stellte fest, dass seine Wunde tatsächlich wieder angefangen hatte, zu nässen, und die Hose bereits mit Blut getränkt war. Verdammt. »Bereiten Sie meine Räumlichkeiten vor«, befahl er dem unverschämten Hünen und widersprach damit ihrer Anordnung.

»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein«, sagte seine Herzogin, ohne auch nur einen Anflug von Bedauern zu zeigen.

Was zum Henker hatte das zu bedeuten?

»In Ihrem Zimmer steht kein Bett mehr«, erklärte sie. »Es ist jetzt das große Hundezimmer. Und auch wenn da noch ein Bett wäre, würden Sie sich dort wohl nicht erholen wollen.«

»Das große Hundezimmer«, wiederholte er und fragte sich, ob er während des Blutverlusts auch seines Verstandes verlustig gegangen wäre.

»Ja. Leider werden Sie mit meinem Zimmer vorliebnehmen müssen oder mit gar keinem.« Sie drehte sich zum Butler um und wechselte einen Blick mit ihm, der nach seinem Geschmack viel zu vertraut war. »Es lässt sich nun einmal nicht ändern. Sie werden Lady Philomena Schnurrhaar woanders hinbringen müssen, um ihre Kinder zu bekommen.«

Hunde, Katzen und ein Hüne von einem Butler, der viel zu vertraut mit seiner Ehefrau umging. Und er hatte kein Bett mehr. Aber natürlich war das genau die Heimkehr, mit der er hätte rechnen müssen.

Ludlow sah aus, als hätte sie ihn gerade darum gebeten, hinter der Mäusebrut herzuräumen, so unverhohlen angewidert verzog er die Lippen. Aber das konnte sie ihm wohl nicht vorwerfen – weder seine Abneigung gegen die Liliputaner (ie kleinen Scheusale sorgten wirklich für eine schlimme Unordnung) noch seinen Abscheu gegenüber dem Herzog.

Georgiana fragte sich, ob sie wohl einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie ihr bedrohlicher Butler hatte, als sie ihren lang verschollenen Ehemann musterte, der hager, bleich und blutend vor ihr stand.

Er sah so gut aus wie eh und je, der Lump.

Sie hatte den Verdacht, dass wohl keiner so wenig begeistert von der plötzlichen, unerwarteten Rückkehr des Herzogs von Leeds war wie sie. Die Ehe war bisher von seiner Abwesenheit und seiner Täuschung geprägt gewesen, die wohl der Grund für die Wunde an seinem Schenkel war. Ich muss an einem Jagdausflug in Amerika teilnehmen, hatte er ihr am Hochzeitstag erklärt, ehe er mit einer gepackten Reisetasche in eine Kutsche gestiegen war. Das Letzte, was sie von ihm vom Fenster aus gesehen hatte, war sein breiter Rücken gewesen, als er einstieg.

Ein Jagdausflug, meiner Treu!

Sie würde all ihre Streuner darauf verwetten, dass ihr Ehemann auf einem ganz anderen Ausflug gewesen war. Einem Ausflug, bei dem es um fenianische Dynamitanschläge ging, Spionage und, wie es aussah, Schusswaffen. Die verschlüsselten Briefe, die sie in seiner Bibliothek entdeckt hatte, waren nicht nur leicht zu entziffern gewesen, sondern auch sehr informativ. Es hatte sie zwar ein wenig besänftigt zu erfahren, dass er nicht ganz so nutzlos war, wie sie anfangs gedacht hatte, doch Zeit und Abstand hatten den Groll nicht verschwinden lassen, den sie für ihn empfand.

»Wo soll ich Lady Philomena Schnurrhaar hinbringen, Euer Gnaden?«, fragte Ludlow und riss sie damit aus ihren wild durcheinander wirbelnden Gedanken.

Das war auch besser so, denn sonst würde sie noch versucht sein, Seiner Gnaden den Stock wegzutreten, nur um voller Genugtuung zu beobachten, wie er auf das polierte Parkett stürzte.

Sie richtete den Blick auf ihren Butler, wobei sie mal wieder von Wohlwollen durchströmt wurde. Er sah mit seiner hünenhaften Gestalt und der furchteinflößenden Narbe wie ein Schurke aus. Doch hinter dem rauen Äußeren verbarg sich ein sanftes Wesen. »Sie und Kitty Quijote verstehen sich nicht, deshalb kann man die beiden nicht zusammentun.«

»Vielleicht im Morgensalon?«, schlug Ludlow vor. »Sie liebt es, sich zu sonnen, und die nach Osten gehenden Fenster verleihen dem Raum etwas Heiteres.«

»Hmm.« Georgiana dachte über die Idee nach. Obwohl sie alle Zimmer bis auf ihre in provisorische Auffanglager für Streuner umgewandelt hatte, von denen sie immer mehr aufnahm, zögerte sie, den großen Salon und die Besuchszimmer ebenfalls in Beschlag zu nehmen. »Das könnte man für eine Übergangszeit in Erwägung ziehen.«

»Verzeihung, wenn ich Ihre erhebende Diskussion darüber, wo irgendwelche dummen Tiere untergebracht werden sollen, unterbreche«, knurrte ihr Ehemann, den sie während ihrer Überlegungen fast vergessen hatte, mit eisiger Stimme, »aber ich würde mich gern ein bisschen ausruhen, ehe ich auf dem verdammten Fußboden mein Leben aushauche.«

Gütiger Himmel.

Schockiert fiel Georgianas Blick auf den Herzog. Was für einer Wortwahl befleißigte er sich denn da? Er war nun noch blasser geworden, merkte sie. Seine Haut wirkte jetzt sogar heller als die elfenbeinfarbenen Streifen der Tapete, vor der er stand. Trotzdem war sie immer noch nicht geneigt, Mitgefühl für diesen Mann aufzubringen.

Sie mochte ihn nicht.

»Vielleicht haben Sie mit dem ganzen Blut auch Ihre Manieren verloren, Euer Gnaden.« Sie lächelte. Ihre Lippen waren so straff gespannt, dass es fast wehtat. Er sollte auf keinen Fall erkennen, wie groß seine Wirkung auf sie war, wie sehr seine Missachtung ihrer Person, ihres Wohlergehens und ihrer Gefühle sie verletzt hatte. Und wie viel Anstrengung es sie jetzt kostete, ihm keine Ohrfeige zu geben.

»Ich habe nie behauptet, welche zu besitzen«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Miene war bemerkenswert ausdruckslos für einen Mann, der so aussah, als würde er gleich ohnmächtig werden. »Seien Sie so freundlich und tragen Sie Ihrem Ungeheuer von Butler auf, sich um meine Sachen und meine Bediensteten zu kümmern, Madam, da er keine Ahnung zu haben scheint, was das korrekte Verhalten eines Butlers beinhaltet.«

Sie zuckte zusammen. Ludlow war zwar ein wirklich lieber Kerl, neigte aber auch dazu, etwas unbeherrscht zu sein. Ganz abgesehen von seinem ausgeprägten Beschützerinstinkt, der weiter reichte als die Themse.

Er sah den Herzog finster an. »Wer sind Sie überhaupt, dass Sie Ihrer Gnaden Befehle erteilen?«

»Ihr verdammter Ehemann!« Mittlerweile kochte Leeds vor Wut. »Außerdem bin ich Ihr verdammter Dienstherr, bis ich Ersatz für Sie gefunden habe, was sehr schnell passieren wird.«

»Das waren aber ganz schön viele Verdammts«, murmelte Georgiana leise.

Der Blick ihres Ehemannes fiel nun auf sie. »Wie bitte?«, stieß er überrascht hervor. Selbst in seinem geschwächten, verletzten Zustand besaß er etwas Herrisches, dem man sich nicht erwehren konnte.

Tja. Was blieb ihr übrig? Obwohl es ihm recht geschähe, gleich hier auf dem Boden zu verenden, geriet ihre Entschlossenheit ins Wanken. »Ludlow, bitte kümmern Sie sich um die Dienstboten Seiner Gnaden und um sein Gepäck. Ich werde ihn selbst nach oben führen.«

Ludlow zog zwar die Augenbrauen hoch, tat aber, wie ihm geheißen, da er ihr treu ergeben war.

»Kommen Sie«, wandte sie sich an ihren Ehemann und trat zu ihm, um seinen Arm zu nehmen, wie sie es bei einem Pflegefall tun würde. So musste sie ihn einfach sehen, wenn sie Haltung bewahren wollte. Außerdem würde sie nicht darüber nachdenken, wie muskulös sich sein Arm unter dem Stoff anfühlte – welch starke Hitze er ausstrahlte.

Viel zu viel Hitze.

Sie zog die Augenbrauen hoch und legte eine Hand auf seine Stirn. »Leeds, Sie haben Fieber.«

»Ich habe kein Fieber.« Er schüttelte ihre Hand ab und schwankte, wobei er fast das Gleichgewicht verlor. »Und ich brauche auch nicht Ihre Hilfe.«

Sein heftiger Tonfall und der Widerwille, der in seiner Stimme mitschwang, ließen Georgiana zusammenzucken. Er vermittelte den Eindruck, als würde sie weit unter ihm stehen und ihre Berührung könnte seine makellose edle Aura beflecken. Sie hätte dem ersten Impuls nachgeben und seinen Stock wegtreten sollen.

Doch stattdessen griff sie wieder nach seinem Arm. Zwar war er viel größer als sie und sein Körper besaß diese besondere schlanke, muskulöse Anmut, aber sie befand sich trotzdem im Vorteil, weil sie nicht schwer verwundet und fiebrig war. Er konnte ihr nicht entkommen. »Hören Sie mal zu, Sie sturer Ochse. Es ist eindeutig, dass Sie Hilfe brauchen. Darüber hinaus brennen Sie förmlich. Ihre Haut ist schweißbedeckt, Ihre Augen sind hell, und ich schätze mal, dass Ihre Wunde sich infiziert hat. Entweder Sie nehmen meine Hilfe an, oder ich lasse Sie hier in der Eingangshalle verrotten, wie Sie es verdient hätten.«

Schweigend starrte er sie an, während er leicht schwankte.

Einen Moment lang dachte sie, in ihrem Ungestüm zu weit gegangen zu sein.

Doch dann verzog er die Lippen zu einem höhnischen Grinsen. »Nachdem Sie ein schlecht gekleidetes, amerikanisches Bauernmädchen gewesen waren, ehe Ihr Vater die Eisenbahn erbte, kann ich nicht erkennen, was Sie dazu qualifiziert, eine Einschätzung abzugeben, zu der nur ein Arzt befähigt ist. Würden Sie jetzt bitte meinen Arzt rufen. Ich möchte, dass er sich um die Naht kümmert, die die Reise offensichtlich nicht überstanden hat.«

Ein schlecht gekleidetes, amerikanisches Bauernmädchen.

Oh, wie es sie da im Fuß juckte. Kurz warf sie einen Blick auf den Stock und überlegte. Er war so ein arroganter Flegel. Wie hatte sie je so begeistert von seiner männlichen Schönheit sein können? Eine praktisch veranlagte Person wie sie sollte eigentlich wissen, dass sich hinter einem schönen Äußeren abgrundtiefe Hässlichkeit verbergen konnte.

Doch dann bemerkte sie, dass der Blutfleck auf seiner Hose sich um das Dreifache vergrößert hatte. »Gütiger Himmel, Leeds, Sie bluten ja wie ein geschlachtetes Schwein.«

Plötzlich kippte er nach vorn in ihre Arme.

Sie fing ihn auf und taumelte zwar unter dem Gewicht, das sie auf einmal tragen musste, schaffte es aber, das Gleichgewicht zu halten. Denn sie war schließlich ein Bauernmädchen, wie er ihr so herablassend vorgeworfen hatte. Und sie wusste, wie man allem standhielt. Das hatte sie immer getan und würde es auch immer tun. Der Herzog von Leeds konnte sie verlassen, beleidigen und mit Missachtung strafen so viel, wie er wollte. Aber ihre Standhaftigkeit würde er ihr nicht nehmen.

Kapitel 2

Kit stand in Flammen.

Irgendetwas knurrte.

Etwas höllisch Schweres lag auf seiner Brust und stach mit einem halben Dutzend Nadeln oder mehr auf ihn ein. Die Nadeln bohrten sich in seine Haut und wurden wieder herausgezogen, um die Folter gleich darauf wieder von vorn zu beginnen.

Vielleicht saß er jetzt endlich in den Tiefen der Hölle, wo er hingehörte.

In seinem Fieberwahn hörte er ein leises Murmeln. Es war der sanfte Tonfall einer Frau und das tiefe Brummen eines Mannes. Er versuchte, den Kopf von einer Seite auf die andere zu drehen, um wach zu werden und der Unterhaltung folgen zu können. Aber er schien überhaupt nicht in der Lage zu sein, sich zu bewegen. Sein Kopf war zu schwer. Er war zu schwach. Hatte er einen Kopf? Vielleicht war das ja das Problem.

Ja, er war tot. Die Wunde, bei der er schon während der Überfahrt nach England befürchtet hatte, dass sie anfangen könnte zu eitern, hatte ihn dahingerafft. Der Mistkerl, der ihn verraten, und die Kugel eines Fenianers, die er nicht hatte kommen sehen, hatten ihn langwierig erledigt – genau, wie es beabsichtigt gewesen war.

Und jetzt brannte er in den ewigen Flammen der Verdammnis, während er versuchte, einer Unterhaltung zwischen zwei unbekannten Mächten zu folgen. Wer waren die beiden? Der Teufel und ein Engel? Die beiden gegensätzlichen Lager in ihm, die um seine unsterbliche Seele kämpften?

Hatte er überhaupt eine Seele? Er hatte schon vor langer Zeit aufgehört, das zu glauben.

Aber es schien so, als würde er doch eine haben, denn würde es sonst die ihn verzehrenden Flammen geben und die knurrende, zischende Kreatur, die ihn solch einer schrecklichen Folter unterwarf? Es war eindeutig. Er befand sich im Hades. Und genau dort gehörte er hin.

Wir müssen sie wegnehmen … Die Worte, die er hörte, drangen teilweise in sein Bewusstsein. Halten Sie ihn fest. Eine sanfte, weibliche Stimme. So hübsch. Müssen ihn festbinden. Er fand die Kraft, sein Gesicht in Richtung des Klangs zu drehen, als würde er die Sonne suchen. Doch er war nicht in der Lage, die Augen zu öffnen.

Welch liebliche, wohltönende Stimme. Sie erinnerte ihn an jemanden.

An sie. An seine grünäugige Frau.

Ihr Gesicht erschien vor seinem inneren Auge – die helle, zarte Haut und das dunkle Haar, das ihre Schönheit betonte. Sie war nicht erfreut gewesen, ihn zu sehen, und ihm ging es ähnlich. Sie zu sehen, bedeutete, dass er verloren hatte. Er war ein Versager. Er war ein gebrochener, schwacher und verwundeter Mann.

Wie erbärmlich. Wirklich.

Es war, als hätte er bereits den Löffel abgegeben.

Einen kurzen, wahnwitzigen Moment lang fragte er sich, ob sie seinen Tod wohl betrauern würde. Wahrscheinlich nicht.

Georgiana.

Er versuchte, ihren Namen zu sagen – einen Namen, den er eigentlich lieber nicht dachte oder aussprach, denn das erfüllte ihn mit Schuldgefühlen, denen er sich nicht hingeben wollte.

Ich bin hier.

Diese wunderschöne Stimme dicht an seinem Ohr, die sein Denken erfüllte.

Schsch, ich bin hier.

Er verfiel dieser Stimme, saugte sie auf und dachte, dass er vielleicht doch nicht tot wäre. Oder wenn doch, war er wunderbarerweise verschont geblieben und doch in den Himmel gekommen, wo ein Engel ihn mit dem friedsamen Schimmer der Ruhe umgab. Ihre Stimme war so lieblich, dass es ihm fast körperlichen Schmerz bereitete.

Doch dann setzte das Zittern ein, zerriss seinen Körper, und er wusste auf einmal genau, dass er zur Hölle gefahren war. Eben hatte er noch gedacht, zu schwach zu sein, um sich zu bewegen, aber er war nicht zu schwach, unter unkontrollierbaren Krämpfen zu zucken. Seine Zähne schlugen aufeinander. Das Zischen setzte wieder ein und dann auch das Knurren sowie der Schmerz, der sich vervielfacht hatte und ihm das Gefühl gab, sein empfindsames Fleisch würde von Hunderten kleiner Messer durchbohrt werden.

Jetzt ertönte wieder das leise Brummen. Die Männerstimme.

Sie müssen den Raum verlassen. Erlauben Sie, dass jemand anders sich kümmert …

Nein. Kit versuchte, das Wort über die Lippen zu bringen und die nutzlosen Arme zu heben, um nach dem Produkt seiner Einbildung zu greifen. Etwas Helles bewegte sich vor seinen Augen. Er versuchte, sie zu öffnen, um sie zu sehen. Seinen Engel? Seine Frau. Waren sie ein und dasselbe?

Wieder unterhielten sich zwei Personen leise.

Ich werde sie wegnehmen, Euer Gnaden.

Nein, ich muss das tun … Er ist zwar ein Widerling, aber ich will nicht, dass er stirbt …

Das Licht verschwand. Es wurde durch eine tiefe, bleibende Dunkelheit ersetzt. Er war so müde, zu müde, um sich zu bewegen oder zu kämpfen. Zu müde, um dafür zu sorgen, dass der Schmerz aufhörte. Er gab nach und ließ zu, dass kalte Leere seinen Geist erfüllte.

Die letzten Worte einer Unterhaltung drangen noch an sein Ohr, ehe der Abgrund ihn verschluckte.

Der Tod ist etwas Widerliches, Euer Gnaden.

Georgiana sah Ludlow wütend an. Ja, er war ihr Butler, aber er war während der letzten paar Monate in der Londoner Einsamkeit auch ihr Freund geworden. Es war ihr egal, dass sich das nicht gehörte. Es war ihr egal, dass er ihr Dienstbote war. Ludlow war einer der besten Menschen, die sie je kennengelernt hatte, und sie war nach wie vor ungeniert Amerikanerin in ihrem Empfinden. Sie hatte keine Angst, Freundschaften mit Menschen zu schließen, von denen sie eigentlich durch gesellschaftliche Schranken getrennt war.

Doch bei diesem Thema – wenn es um das voraussichtliche Ableben ihres bettlägerigen, von Fieber geplagten Ehemannes ging – wichen ihre Meinungen deutlich voneinander ab. »Er wird nicht sterben.«

»Ich habe schon früher den Tod gesehen, und er nimmt allmählich das Aussehen an.« Wie gewöhnlich nahm Ludlow kein Blatt vor den Mund.

»Er wird es schaffen«, widersprach sie ihm zischend.

»Ich habe mehr Erfahrung als Sie, Herzogin. Vertrauen Sie mir in dieser Sache. Ich bitte Sie.« Ludlow verstummte und sah sie mit ernster, mitfühlender Miene an. »Sie werden nicht dabei sein wollen, wenn es zu Ende geht. Es ist nicht schön. Ekelhaft. Grotesk. Gehen Sie jetzt und lassen Sie nach dem Arzt schicken. Ich werde mich an Ihrer Stelle um ihn kümmern.«

Georgiana schluckte, als eine Woge von Übelkeit in ihr aufstieg. Instinktiv wusste sie, dass ihr Butler aus Erfahrung sprach, wenn es um den Tod ging. Sie hatten nie über das Leben gesprochen, das er geführt hatte, ehe er in ihren Dienst getreten war. Er hatte mehrere Empfehlungsschreiben vorgelegt, bei denen sie damals und auch heute noch den Verdacht hegte, dass sie gefälscht worden waren.

Sein finsterer Blick war damals noch ausgeprägter gewesen, und er hatte auch insgesamt einen eher teuflisch angehauchten Eindruck vermittelt. Aber Georgiana hatte nur einen Blick auf ihn geworfen und sofort einen Streuner in ihm gesehen, der von ihr unter die Fittiche genommen werden musste. Es störte sie nicht, dass er nicht viel über die Aufgaben und Pflichten eines Butlers zu wissen schien, dass er einen viel zu vertraulichen Ton anschlug, ständig finster guckte und mit seiner Meinung nie hinter dem Berg hielt.

Im Laufe der letzten paar Jahre hatte sie gelernt, dass Freunde, wo und wie man sie auch fand, etwas Kostbares waren, wo die Welt voller Menschen war, die einen mit einem Dolch im Gewand anlächelten und nur darauf warteten anzugreifen.

Sie wollte einfach nicht wahrhaben, dass irgendein Wesen in ihrer Obhut – sei es nun eine Maus oder ein nichtsnutziger Ehemann – nicht überleben könnte. Andere zu retten, gab ihr das Gefühl, lebendig zu sein. Und sie würde diesen Schuft, der vor ihr im Bett fieberte, retten – und wenn es das Letzte war, was sie tat.

»Ich bleibe, Ludlow, und damit basta.« Sie warf einen Blick auf ihren Ehemann, dessen bebende Brust von einer unförmigen weißen Katze geschmückt wurde, die jetzt jeden Tag werfen könnte und ihren Platz partout nicht verlassen wollte. Die vereinten Bemühungen von Georgiana und Ludlow, die Katze von Leeds’ Brust herunterzulocken, hatten nur dazu geführt, dass diese geknurrt, gefaucht und ihre Krallen noch tiefer in die Brust von Georgianas Ehemann gebohrt hatte. »Ich werde Lady Philomena Schnurrhaar jetzt herunternehmen und möchte, dass Sie sie dann dorthin bringen, wo Sie zuerst vorgeschlagen haben.«

»In den Morgensalon?«, fragte er.

»Ja.« Sie runzelte die Stirn. »Und sorgen Sie dafür, dass der Arzt gerufen wird. Aber dieses Mal bitte nicht Dr Shilling. Lassen Sie stattdessen Dr Gage holen.«

»Aber Euer Gnaden! Dr Gage ist Tierarzt.«

»Ja, er ist Veterinär.« Sie zog eine Augenbraue hoch und forderte Ludlow stillschweigend heraus, ihr zu widersprechen. Ihr war klar, dass diese Bitte ungewöhnlich war. Doch die letzten Tage seit seiner Heimkehr war Leeds nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Sie hatte, wie von ihm gewünscht, seinen Leibarzt holen lassen. Doch keine der Behandlungen oder Anweisungen des Mannes hatte irgendetwas bewirkt. Weder Morphium noch eine Milchkur hatten zur Genesung ihres Mannes beigetragen, und Leeds schien das Leben immer mehr zu entgleiten. »Er ist ebenfalls sehr erfahren, wie Sie ja gesehen haben, als er Havisham gerettet hat, nachdem sie von einer Kutsche angefahren worden war. Ich vertraue seinem Urteil.«

Das tat sie wirklich. Havisham war eine liebe, ruhige Spanielmischlingsdame, die mit schrecklich eiternden Verletzungen zu ihnen gekommen war, so dass sie eigentlich nicht damit gerechnet hatte, dass die Hündin es überleben würde. Doch Dr Gage hatte die Infektion behandelt, indem er den Eiter hatte abfließen lassen, um die Wunde dann mit einer antiseptischen Lösung zu säubern. Havisham war es schon bald wieder gut gegangen. Durch weitere Behandlungen und Pflege des Tierarztes hatte sie dann sogar ihr vorher verkrüppeltes Hinterbein wieder benutzen können.

Ja, Dr Gage konnte heilen, und das war einer der Gründe, weshalb Georgiana ihn rufen ließ.

Da war aber auch die beunruhigende Erkenntnis, die mit der Last eines Mühlsteins auf ihr lag und sie daran erinnerte, dass sie nichts mehr zu verlieren hatte. Dr Shillings Behandlung hatte nichts gegen die Infektion ausgerichtet, die Leeds’ Körper immer mehr in Besitz nahm. Ludlows Mahnung war gerechtfertigt. Wenn es ihnen nicht gelang, Leeds’ Zustand zu verbessern, würde er bald sterben.

Die Vorstellung war furchtbar. Zwar sollte sie keine zarten Empfindungen für einen Mann hegen, der sie ausgerechnet am Hochzeitstag vollkommen achtlos verlassen hatte, doch ihm Böses zu wünschen, brachte sie nicht übers Herz. Bestimmt hatte er auch gute Seiten. Bestimmt verbarg sich etwas Wertvolles hinter seinem schroffen Äußeren.

Aber vielleicht war das auch nur eine Phantasievorstellung von ihr.

»Ich werde Lady Philomena herunternehmen«, erklärte Ludlow kurz angebunden und widersetzte sich ihr abermals.

»Ich werde …«

»Sie haben es schon einmal erfolglos versucht.« Ein entschlossener Zug lag um seine Lippen. »Ich werde mich darum kümmern, Euer Gnaden.«

Sie bedauerte, die widerspenstige, hochschwangere Katze nicht aus ihrem Zimmer entfernt zu haben, ehe sie ihren Ehemann dort untergebracht hatte. Nachdem er das Bewusstsein verloren hatte, war im Haus große Hektik ausgebrochen. Sie hatte nicht mehr daran gedacht, die Katze woanders unterzubringen. Zu bequem hatte diese es sich schon im Nest in der Ecke des Zimmers gemacht. Georgiana hatte es nicht über sich gebracht, sie zu vertreiben. Aber heute hatte das Fellbündel unverständlicherweise beschlossen, es sich auf der Brust des Herzogs bequem zu machen. Die darauffolgenden Versuche, sie von dort zu entfernen, hatten sich nicht nur als erfolglos erwiesen, sondern waren auch mit lautem Knurren und so heftigem Fauchen einhergegangen, dass sich ihr alle Haare aufgestellt hatten.

Der Herzog hatte währenddessen die ganze Zeit weitergeschlafen – mal unruhig und dann wieder völlig regungslos mit flacher Atmung und aschfahler, schweißbedeckter Haut. Er war im Fieberdelirium, und das war der einzige Grund, weshalb er vorhin ihren Namen gesagt – oder eher kaum verständlich gekrächzt – hatte. Zuvor hatte er ihren Namen noch nie ausgesprochen.

Aber in diesem Moment war er voller Not über seine Lippen gekommen. Georgiana, klang es immer noch in ihrem Ohr. Es hatte ihr das Herz zerrissen. Was für eine Närrin sie doch war. Denn keiner wusste besser als sie, was für ein Mensch der Herzog von Leeds war: herzlos, rücksichtslos und kalt. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Hatte sie arrogant in ihrer Aufzählung vergessen?

Ja, denn auch das war er.

»Na gut«, sagte sie seufzend. »Sie dürfen Lady Philomena herunternehmen. Aber schicken Sie trotzdem jemanden zu Dr Gage. Ich will, dass er so schnell wie möglich herkommt, um dem Herzog zu helfen.«

Ludlow verbeugte sich. »Natürlich, Euer Gnaden. Es ist mir eine Ehre.«

Ein merkwürdiger Moment, gerade jetzt Ehrerbietigkeit an den Tag zu legen, dachte sie bei sich. »Danke, Ludlow.«

Auf einmal schlug ihr Mann im Bett um sich, und Lady Philomena Schnurrhaar gab ein wehleidiges Jaulen von sich, während sie ihre Krallen tiefer in seine Brust bohrte. »So ein Mist«, brummte Georgiana.

Aber Ludlow war mal wieder ein Mann der Tat. Er beugte sich über die flauschige, runde Katze und griff beherzt zu. Die eine Hand packte sie am Nacken und die andere hob sie mit einer schnellen, fließenden Bewegung hoch. Er barg die ärgerliche Katze an seiner Brust, als bestünde sie aus hauchzartem Kristall.

»Sehen Sie, Euer Gnaden?« Ludlow zog herausfordernd eine Augenbraue hoch – jeder andere Butler wäre allein bei der Vorstellung, solch ein Benehmen an den Tag zu legen, einer Ohnmacht nahe gewesen. »Wenn Sie mir gleich zu Anfang erlaubt hätten, mich um das Tier zu kümmern, wären Ihnen Ihre Bemühungen erspart geblieben.«

Es erstaunte sie immer wieder, wie geschickt er mit eigensinnigen Tieren umging. »Danke, Ludlow. Lassen Sie jetzt bitte nach Dr Gage schicken.«

»Wie die Herzogin befehlen.« Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zur Tür. Dabei gab er ein Bild ab, bei dem sie bei jeder anderen Gelegenheit das Lächeln nicht hätte unterdrücken können – ein starker, breitschultriger, riesiger Mann mit einer Narbe im Gesicht, der eine unförmige Katze an sein Herz drückte.

Als Ludlow und seine haarige Last fort waren, trat Georgiana wieder ans Bett. Leeds lag still da und sein Gesicht – ungerechterweise schön trotz des Tributs, der seinem Zustand geschuldet war – wirkte so ruhig und entspannt, dass sie ihre Hand eine volle Minute über seine Lippen hielt, um sich davon zu überzeugen, dass er noch atmete.

Das tat er. Gott sei Dank.

Vielleicht war er zur Ruhe gekommen, weil Lady Philomena nicht mehr auf seiner Brust lag. Sie hoffte es zumindest. Seufzend tauchte sie ein Tuch in eine Schale mit Eiswasser und wrang es aus, ehe sie es auf seine fieberheiße Stirn legte. Sie zögerte einen Moment und zog dann die Bettdecke herunter, um zu schauen, was für einen Schaden die Katze angerichtet hatte. Einer der Dienstboten, die aus Amerika mitgekommen waren, hatte ihm in ein Nachthemd geholfen. Sie nahm sich vor, dem Mann zu sagen, es täglich zu wechseln, denn dieses Nachthemd war offensichtlich nicht frisch.

Als sie den Stoff am Ausschnitt vorsichtig herunterzog, entdeckte sie mehrere rote Flecken, die seine ansonsten wohlgeformte Brust verunstalteten. Sie versuchte nicht zu starren – versuchte, das Zittern ihrer Hand zu unterdrücken, als sie mit dem Finger über die punktförmigen Wunden fuhr, die die Katze hinterlassen hatte.

Und dann sagte er ihn wieder – ihren Namen.

»Georgiana.«

Es klang eher wie eine Frage oder eine Feststellung. Vielleicht war es auch ein Stöhnen – als würde sie ihn quälen oder in seinen Gedanken verfolgen oder als würde er sie brauchen. Vielleicht trafen auch alle drei Möglichkeiten zu.

Ihre Hand legte sich auf seinen Brustmuskel. Leichter, dunkler Flaum bedeckte seine Haut, die unglaublich fest war … die vor Fieber brannte und auf der eine wütende Katze, die bald werfen würde, ihre Spuren hinterlassen hatte.

»Georgiana.«

Wieder sagte er ihren Namen. Dieses Mal lauter, obwohl seine Augen geschlossen blieben und er sich nach wie vor in den Fängen eines Fieberwahns befand, der ihn nun schon seit Tagen quälte. In diesem Moment schwor sie, dass sie für seine Genesung sorgen würde. Sie würde ihn pflegen, bis es ihm wieder gut ging, und alles tun, um die Infektion zu bekämpfen. Er würde wieder kräftig, gut aussehend und voller Leben sein.

Ja, sie würde kämpfen. Sie nahm den Lappen von seiner Stirn, tauchte ihn wieder ins Eiswasser und säuberte damit die kleinen Wunden auf seiner Brust, ehe sie ihn erneut auf seine Stirn drückte. Sie würde kämpfen, damit sie ihm, wenn er wieder völlig hergestellt war, ins Gesicht sehen und sagen könnte, was für ein schäbiger, verlogener Schuft er wäre und dass sie die Scheidung von ihm wollte.

Kapitel 3

Tiefe Dunkelheit umgab ihn. Er brannte. Sein Mund war trocken. Sein Körper zitterte.

Wo war er? Wer war er?

Einen Herzschlag lang konnte er sich noch nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern. Das, was er gelernt hatte, meldete sich in seltsamer Weise zurück. Während seiner Ausbildung hatte man ihm beigebracht, Folter zu überstehen, nichts zu verraten, mit geschlossenen Lippen zu sterben und das Leben seiner Waffenbrüder zu retten.

Dann fielen ihm einige Dinge ein, als er allmählich wieder zu Bewusstsein kam und die Erinnerung einsetzte. Er war Christopher Anthony Harcourt. Der Herzog von Leeds. Agent der Krone.

Ein Doppelagent der Krone, den man hereingelegt hatte.

Die Erinnerung kam in Wellen zurück, getrübt von Schmerz und vermischt mit Alpträumen. Er hörte wieder den Knall der Pistole und spürte, wie die Kugel in sein Fleisch drang. Er erinnerte den Schmerz, der damit einhergegangen war und seine Wut, weil man ihm eine Falle gestellt hatte, als er in ein verlassenes Gebäude in einem heruntergekommenen Elendsviertel von New York City geschickt worden war.

Und jetzt würde er nie die gesuchten Antworten finden oder sich rächen können.

Er lag im Sterben.

Oder war bereits tot.

Nichts an dem Zustand, in dem er sich befand, war richtig. Die Schwäche, die Unfähigkeit sich zu bewegen, die Verwirrung, die seinen Verstand umnebelte. Er hatte doch tatsächlich seinen eigenen Namen vergessen. Er wusste nicht, wo er war oder warum, oder wie er dorthin gekommen war.

Noch mehr Erinnerungen kehrten zurück. Die liebliche Stimme eines Engels. Das tiefe Grollen des Teufels. Eine Ausgeburt der Hölle, die seine Brust zerfleischt hatte. Die feste Überzeugung, dass er zur Hölle gefahren war. Ja, vielleicht war er doch tot.

Und doch war das Bett, das seinen Körper umschloss, weich und die Laken frisch. Gab es Betten in der Hölle? Befand er sich vielleicht doch im Himmel? Oder war das nur ein kurzer Aufschub, um seine Folterqualen zu verstärken, ehe wieder ewiges Leiden von ihm Besitz ergriff?

Die Kälte war so plötzlich da, dass sie ihm bis ins Mark ging. Seine Zähne klapperten und sein Körper zuckte unkontrolliert, als die Kälte wie eine Woge über ihm zusammenschlug und die Hitze vertrieb.

Als dann ein stechender Schmerz durch seinen Schenkel fuhr, riss dieser ihn aus den Tiefen der Dunkelheit in ein Zimmer, das von Licht erfüllt war. Er war am Leben. Bei allen Heiligen! Er war am Leben! Seine Augen waren geöffnet und jemand – irgendein verdammter Fremder – schnitt mit einem Skalpell in sein Fleisch.

Ein animalisches Brüllen kam aus seinem Mund. Ein primitiver Schrei. Verzweiflung, qualvoller Schmerz und Wut verschmolzen zu einem gewaltigen Aufschrei. Aber er war machtlos. Er konnte sich nicht befreien oder fliehen. Das war der Grund, warum er Arme und Beine nicht bewegen konnte, warum er das Gefühl hatte, nach unten gedrückt zu werden.

Man hatte ihn festgebunden.

An das verfluchte Bett.

»Wer zum Teufel sind Sie?«, raunte er mit krächzender Stimme zu dem Fremden, der ihn wie einen gebratenen Fasan tranchieren wollte.

Der Mistkerl sah ihn nur mit seinen dunklen Augen und unerschütterlicher Miene an. »Ich bin Dr Gage.«

Dr Gage. Er kannte keinen verdammten Dr Gage.

»Fassen Sie mich nicht an!« Er zerrte an seinen Handgelenken, doch dadurch zogen sich die Fesseln nur noch strammer zusammen.

»Ich fürchte, ich werde das Chloroform brauchen«, sagte der Knochensäger zu jemandem, den Kit nicht sehen konnte. »Können Sie mir assistieren, Euer Gnaden?«

»Natürlich.«

Das war wieder die liebliche Stimme aus seiner Erinnerung. Diese wunderschöne melodische Frauenstimme. Der amerikanische Akzent.

Das Rascheln von Seidenröcken kündigte sie an, ehe sie in sein Blickfeld trat. Eine Göttin in einem nützlichen grauen Kleid. Sie sah ihn mit ihren grünen Augen groß an. Ihre Miene wirkte ergriffen. Sie war so schön. Was für ein scheinheiliges Miststück.

»Madam«, brüllte er wie von Sinnen vor Verzweiflung. »Nehmen Sie diese Fesseln ab. Wo zum Teufel ist Dr Shilling? La-lassen Sie nicht zu, dass dieser Quacksalber m-mich schneidet.«

Er traute niemandem. Weder der Fremden, die er gezwungen gewesen war, zu heiraten, um das Herzogtum vor dem drohenden Ruin zu bewahren, noch einer einzigen verfluchten Seele des Bundes und ganz bestimmt nicht dem Mann, der ganz versessen darauf zu sein schien, ihn in Stücke zu schneiden.

Was zum Teufel war eigentlich mit ihm los? Warum hörte er nicht auf zu zittern? Warum war ihm so kalt?

»Er hat einen Schock«, erklärte der angebliche Arzt. »Beeilen Sie sich.«

Sofort war sie an seiner Seite – der Engel aus seinen Fieberträumen, die Ehefrau, die er nie gewollt hatte. Und sie duftete wie eine sommerliche Brise voll roter Rosen und Lavendel. Doch dieser verdammte Quacksalber schwang schon wieder sein Skalpell. Kit konnte das Blut sehen, er konnte es riechen. Sein Blut. Sein Lebenssaft.

Als er angeschossen worden war, waren seine Hände warm und klebrig damit bedeckt gewesen. Damals hatte er fest angenommen, dass er sterben würde. Doch er hatte sich geirrt, denn er würde hier, in England sterben. In der Obhut seiner verdammten, ungehorsamen Ehefrau.

»Es tut mir so leid, Leeds.« Ihr Gesicht schwebte über ihm. Eine Sorgenfalte störte die makellose Schönheit ihrer zarten Stirn.

Ein Lappen legte sich auf seine Nase und seinen Mund. Er versuchte, den Atem anzuhalten, um das Gift nicht einzuatmen, von dem er bewusstlos werden würde, so dass er sich nicht mehr verteidigen könnte.

Doch da war sie, liebreizender, als eine Frau das Recht hatte zu sein, und besaß doch tatsächlich die Frechheit, ihn besorgt anzuschauen. »Atmen Sie, Leeds. Sie müssen das hier durchstehen. Bitte.«

Keuchend atmete er aus – und ein. Zur Hölle mit ihr. Er atmete aus. Er konnte nichts dagegen tun. Das Schwinden seiner Sinne kündigte das Unausweichliche an. Gleich würde er das Bewusstsein verlieren. Zur Hölle mit ihr, dachte er noch einmal.

Er atmete ein, und wieder hüllte ihn Dunkelheit ein.

Georgianas Hände zitterten.

Dennoch hielt sie der Anspannung und dem Schrecken stand. Der Grund dafür war ihr früheres Leben, das ihr Ehemann so verunglimpft hatte. Das Leben, bevor sie eine Erbin mit einer so großen Mitgift geworden war, dass man damit das Lösegeld für einen König hätte zahlen können, bevor sie in einem Haus in der teuersten Straße von New York City gewohnt hatte, das groß genug war, um einen ganzen Landkreis zu umfassen und bevor sie schließlich eine Herzogin geworden war.

Der Anblick von Blut ließ sie nicht ohnmächtig werden und auch nicht der Geruch. Selbst eine scharfe Klinge, die in Fleisch schnitt, konnte ihr nichts anhaben. Sie hatte bei der Geburt von Kälbern geholfen. Sie hatte Kühe gemolken. Sie hatte Hühnereier eingesammelt und nicht wenige Hähne geschlachtet. Sie war durch Schweinemist gewatet und hatte gearbeitet, bis ihre Hände rau und wund waren.

Aber nichts von dem Leben, das sie einst geführt hatte, war geeignet gewesen, sie darauf vorzubereiten bei der Operation ihres Ehemannes zu assistieren. Sein vor Schmerz, Kummer und Trostlosigkeit wahnsinniger Blick verfolgte sie. Sie mochte ihn nicht. Das war schon richtig. Er hatte ihr keinen Grund gegeben, auch nur ansatzweise zärtliche Gefühle für ihn zu hegen.

Und doch war er so sehr Mensch gewesen in diesem kurzen Moment der Klarheit. Verzweifelt, wild und entschlossen, zu entkommen, dass er sie eher an ein eingesperrtes Tier erinnert hatte. Ihr plötzlicher Gefühlsausbruch hatte sie überrascht. Es war nicht nur Mitleid gewesen, sondern noch etwas anderes, etwas Stärkeres.

Etwas, das sie nicht fühlen wollte – nicht für ihn.

Sie schob die Finger ineinander, als wollte sie beten, während sie sich zwang, den Worten von Dr Gage zu folgen, als dieser seine Instrumente säuberte und einpackte. Ihr Ehemann lag immer noch mit aschfahler Haut im Bett vor ihr. Ludlows warnende Worte kamen ihr wieder in den Sinn.

Sie werden nicht dabei sein wollen, wenn es zu Ende geht.

Verdammt sollte Leeds sein, dass er sie getäuscht hatte, dass er sich hatte anschießen lassen, dass er blutend und krank nach London zurückgekehrt war und dass er sie überhaupt erst verlassen hatte.

»Ich habe eine entzündungshemmende Lösung auf die Wunde gegeben und einen Kanal gelegt, damit Flüssigkeiten abfließen können«, erklärte ihr Dr Gage und erinnerte sie daran, dass ihr Ehemann jetzt von ihr abhängig war, auch wenn sie aufgewühlt war und trotz des Zitterns ihrer Hände und ihres Grolls ihm gegenüber. Die Anweisungen des Arztes hatten Vorrang. »Ich werde jeden Tag herkommen, um den Verband zu wechseln und erneut die entzündungshemmende Lösung aufzutragen, bis ich sicher bin, dass die Infektion zurückgeht. Glücklicherweise gibt es keine Anzeichen einer Sepsis, aber genau werden wir das erst in ein paar Tagen wissen. Wenn sich der Zustand des Herzogs vor meinem morgigen Besuch verschlechtert, rufen Sie mich sofort. Im Moment ist er zu schwach, um bewegt zu werden, fürchte ich, aber wenn er wieder einen Rückfall erleidet, muss er auf jeden Fall im Krankenhaus behandelt werden.«

Sie nickte. »Natürlich, Dr Gage. Danke, dass Sie hergekommen sind.«

»Ich bin Ihretwegen gekommen, Herzogin.« Er hielt inne und schaute auf, um sie anzusehen. »Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich Tierarzt von Beruf bin und kein Mediziner. Seine Gnaden wäre besser bei einem Fachmann aufgehoben, dessen Gebiet die Zweibeiner sind und nicht alle möglichen Vierbeiner.«

Sie dachte an den weißhaarigen Dr Shilling, der angesichts seines Alters wahrscheinlich schon die letzten beiden Herzöge von Leeds behandelt hatte. Er hatte nicht inkompetent gewirkt, aber seine Methoden waren ihr wenig fortschrittlich erschienen und seine Instrumente hatten nach ihrem Dafürhalten nicht sauber ausgesehen. Außerdem hatte er sich nicht die Zeit genommen, die infizierte Wunde des Herzogs zu untersuchen und zu säubern.

Georgiana zitterte. »Mir ist nur zu bewusst, was Ihr Fachgebiet ist, Dr Gage. Aber glauben Sie mir – Ihre Vorgehensweise ist in Bezug auf Infektionen viel moderner als die des Leibarztes Seiner Gnaden. Mir hat seine Behandlung nicht gefallen und wenn sich der Zustand des Herzogs verschlechtern sollte, würde ich mich an niemand anders wenden als an Sie.«

Während Dr Gage seine Instrumente zu Ende einpackte, war sein Gesicht zu einer ernsten Miene erstarrt, die besser als alles andere erkennen ließ, wie seine Prognose für Leeds aussah. »Ich erwarte morgen früh einen Bericht über den Gesundheitszustand des Patienten, egal, ob eine Änderung eintritt oder nicht. Am Nachmittag werde ich vorbeikommen, um den Verband zu wechseln.«

»Ja, natürlich, danke.« Sie atmete ein und dann langsam wieder aus. So versuchte sie sich zu beruhigen. »Wird er überleben, Dr Gage?«